Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann

Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.
– Johann Gottfried Hoche, »Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht« (1794)

Im 18. Jahrhundert kritisierte eine Reihe von Intellektuellen, Experten, würde man wohl heute sagen, die grassierende Lesesucht. Wie der lesenswerte Beitrag von Klaus Wolschner deutlich macht, wurde während der zunehmenden Alphabetisierung die zunehmende Lektüre von Romanen ein einem Krankheitsdiskurs beobachtet – ein bekanntes Beispiel ist Karl Philipp Moritz‘ autobiographisch inspirierter Bildungsroman Anton Reiser:  »Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen.« (S. 174)

In seiner »Mediologie des 18. Jahrhunderts« mit dem Titel »Körperströme und Schriftverkehr« hat der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke dieses Phänomen analysiert. Er spricht von einem »Überdruck der Imaginationen« (S. 403): Literatur hat Wünsche ausgelöst, die im beschränkten dörflichen Umfeld nicht zu befriedigen waren. Gleichzeitig hat sich die Möglichkeit ergeben, sich über die Schrift Netzwerke aufzubauen, die von der physischen Präsenz gelöst werden können. Dadurch wurden auch etablierte Mechanismen zur Verteilung von Macht und Wissen infrage gestellt. Koschorke zitiert einen zeitgenössischen Text von Karl Gottfried Bauer:

Wo der Mensch so wenig in sich, sondern stets außer sich zu existieren gewohnt ist, wo er so wenig durch sich selbst ist und alles durch andere, durch den Gebrauch äußerlicher Werkzeuge zu werden suchen muss, wo er folglich nur selten sich selbst genug sein kann, wo er einen großen Teil seiner moralischen, ja man kann dreist behaupten, auch seiner physischen Freiheit, Preis gibt und dennoch hinter seinem, oft ganz chimärischen Ziele, weit zurückbleibt.

Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)
Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)

Wenn man die Eigenschaften der Debatte über die Lesesucht zusammenfasst, dann sind folgende Aspekte relevant:

  1. Betroffen von der Kritik sind nicht-privilegierte Gruppen wie Frauen und Jugendliche; sie geht aus von Privilegierten. 
  2. Die dahinterstehende Ideologie ist der digitale Dualismus: Die (physische) Realität und die virtuelle Welt der Romane sind zu trennen. Die Interaktion der beiden Sphären wird als gefährlich bezeichnet.
  3. Der verwendete Suchtbegriff ist auch aufgrund von unpräzisen Vergleichen undifferenziert und tendenziös.

Diese Aspekte gelten auch für »Mediensucht«, wie sie heute mit Computerspielen (»World of Warcraft«) und Social Media in Verbindung gebracht wird. Es wäre also leicht, die Diskussion einfach zu verweigern, indem man darauf verweist, dass jeder mediale Wandel von ähnlichen Befürchtungen geprägt war: Sei es das Lesen, der Film oder eben Computerspiele – stets war die Rede von einer »gänzlichen Zerrüttung des Gehirns« oder »einem empfindlichen Nervensystem« (die Zitate stammen aus einem Traktat von Friedrich Burchard Beneken aus dem Jahr 1788). Gehirn und Nerven sind ein Universalargument, das Raum für viele Spekulationen bietet und immer wieder ignoriert, wie formbar und gewöhnungsfähig das menschliche Hirn ist.

Gleichwohl können problematische Auswirkungen von eine virtuellen Gefühls- und Handlungswelt nicht als gänzlich unberechtigt zurückgewiesen werden. Der Suchtexperte Bert te Wildt argumentiert präzise, wenn er festhält, Medienabhängigkeit sei besonders verheerend, weil sie hauptsächlich Heranwachsende betreffe. Sie verlagerten dabei ihre Beziehungen und ihre Beziehungsarbeit ins Mediale. Indem sie Profile und Avatare ihrer selbst erstellen, also mit Ersatz-Ichs den Cyberspace bevölkern, seien sie gezwungen, viel Zeit in den Aufbau dieser simulierten Personen zu investieren und daraus resultierende Beziehungen zu pflegen. Dabei erlebten sie zufällige Ausschüttungen von Belohnungsreizen, die gekoppelt mit entsprechenden Vorgängen im Hirn wie bei Glücksspielen zu Abhängigkeit führen können. Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führe nach de Wildt dazu, dass »das empathische Moment leidet oder gar verkommen könnte«. Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie außerstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen. Letztlich böten Medien die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften dabei auseinander. Kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, würden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht.

Dieses Suchpotential der virtuellen Dimension, sei sie nun durch Bücher, Filme oder Games gegeben, hat aber auch ein revolutionäres Potential: Es befähigt, die Wirklichkeit zu verändern, Autoritäten zu hinterfragen, eigene Netzwerke in der virtuellen Dimension zu bilden, die Beschränkungen der Realität überwinden können. Als Beispiel kann hierfür Marina Weisbands Biografie angeführt werden, die als Migrantin in der Schule schlecht integriert war und ausgeschlossen wurde. Sie sagte dazu in einem Interview:

Mit 13 habe ich einen Internetanschluss bekommen, und dort habe ich Freunde gefunden. Da hatte ich dann meine virtuelle Clique. Sobald wir von der Schule heimkamen, haben wir uns alle in einem bestimmten Forum getroffen und uns hin und her geschrieben, bis wir eingeschlafen sind. Wir waren uns sehr nah. Ich habe auch meinen ersten Freund online kennengelernt.

Medienwandel ein ein sozial komplexes Phänomen. Er kann nicht bewältigt werden, indem jahrhundertealte Formeln wiederholt und in sozialen Abgrenzungs- und Ausgrenzungsbemühungen eingesetzt werden – aber auch nicht, indem er unkritisch gefeiert wird. In ihrem lesenswerten Essay »Standardsituationen der Technologiekritik« hat Kathrin Passig ein Muster diskutiert, das technische Neuerungen kulturhistorisch begleite. In der Welt fasst es Felix Müller wie folgt zusammen:

  1. Wofür soll das bitte gut sein?
  2. Das braucht doch kein Mensch.
  3. Die Einzigen, die das wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
  4. Das ist ja nur eine Modeerscheinung.
  5. Die Innovation verändert überhaupt nichts.
  6. Die Neuerung ist zwar ganz gut, aber nicht gut genug.
  7. Sie stürzt schwache Charaktere ins Verderben.