Auswirkungen von Social Media auf das Gehirn

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Hirnforschung wird heute als »Universalschlüssel« zum Verständnis des Menschen und seiner Lebensweise betrachtet. Oft wird dabei übersehen, dass die bildgebenden Verfahren viele Zusammenhänge vereinfachen, auf willkürlichen Entscheidungen beruhen und nur innerhalb eines Modells des Menschen eine Aussagekraft haben. Es ist zudem äußerst schwierig, einen so komplexen kommunikativen Wandel, wie er mit Social Media verbunden ist, isoliert neurologisch zu untersuchen.

gehirn

Wird also darüber gesprochen, was neue Medien mit unseren Hirnen oder den Hirnen von Kindern und Jugendlichen anstellen, ist Vorsicht geboten. Das gilt für die Voraussage, wir würden lernen, problemlos mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten und können Reize viel schneller verarbeiten, wie auch für die Befürchtung, wesentliche Denkfähigkeiten durch falschen Mediengebrauch bedroht seien. Ganz bösartig kommentierte Martin Robbins eine skeptische Studie der Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield, indem er ihren Erkenntniswert zusammenfasste:

Greenfield [behauptet], dass eine unbestimmte Art von Umgang mit einem unbestimmten Teil moderner Technologie eine unbestimmte Anzahl menschlicher Hirne auf eine unbestimmte Art beeinflussen kann, so dass unbestimmte Effekte eintreten. (übers. Ph.W.)

Dennoch kann man folgende vorsichtigen Aussagen machen:

  1. Mediennutzung und Formen sozialer Interaktion beeinflussen die Entwicklung des Gehirns. Neutraler formuliert: Das Gehirn passt sich in seiner Entwicklung, also vor allem bei Kindern und Jugendlichen, den Lebensumständen an. Dieser Umstand kann an sich nicht gewertet werden. Auf Kinder, Erwachsene und ältere Menschen wirken digitale Medien anders, weil ihr Hirn und seine Teilsysteme unterschiedlich ausgebildet sind.
  2. Oberflächliche und repetitive Medienaktivitäten haben negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns (sehen Kinder sehr viel fern, kann das zu schlechteren Schulleistungen und Schlafstörungen führen). Ob das Social Media betrifft oder nicht, lässt sich kaum sagen. Zu beachten ist, dass hier Jugendliche immer auch aktiv sind und nicht nur passiv Inhalte konsumieren.
  3. Führende Experten und Analysten gehen davon aus, dass durch den Gebrauch von Social Media die Aufmerksamkeitsspanne sinken wird und es für Menschen schwierig wird, komplexe Probleme mit dauerhafter Konzentration zu bearbeiten.
  4. Die Ablenkungen durch Social Media stellen für das soziale Zusammenleben eine Herausforderung dar. Das Hirn wird stark geprägt durch soziale Interaktionen; würden alle Beziehungen durch oberflächliche, virtuelle ersetzt, dann wäre die Ausbildung von Sozialkompetenz gefährdet.
  5. Gewisse Konzentrationsleistungen sind nicht mehr nötig, weil Computer als Hilfsmittel viele Aufgaben für uns erledigen (z.B. das Addieren von langen Zahlenreihen, Rechtschreibprüfung, das Auswendiglernen von langen Listen etc.). Allerdings scheint die fehlende Übung zu verhindern, dass bestimmte Gehirnareale ausgebildet werden, die für das Lösen komplexer Probleme verwendet werden, obwohl es natürlich problemlos möglich ist, auch am Computer komplexe Fragestellungen zu bearbeiten.

Im Sinne einer Bilanz kann man davon ausgehen, dass digitale Medien einer gesunden Entwicklung nicht entgegenstehen, wenn sie wichtige menschliche Aktivitäten nicht ablösen, sondern ergänzen. Das physische Begreifen der Welt, Sport, Musik oder Theater sind in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht zu ersetzen. Aber es ist möglich, zusätzlich dosiert am Computer zu spielen, das Smartphone in einem sinnvollen Kontext als Lerninstrument zu nutzen und mit Freundinnen und Freunden auf Facebook zu chatten.

Die Hirnforscher Hans-Peter Thier und Michael Madeja weisen darauf hin, dass die Medienpädagogik neurologische Erkenntisse: war beürcksichtigen sollte, aber dadurch keine radikal neue Orientierung erfahren wird:

Die Hirnforschung kann der Pädagogik nützliche Hinweise geben. Zwar versuchen Menschen schon seit Jahrtausenden die Erziehung der Kinder zu optimieren. Da gibt es bereits einen großen Schatz an empirischem Wissen, so dass man von der Hirnforschung keine revolutionären Veränderung mehr erwarten kann. […] Die Hirnforschung gibt uns viele Hinweise, die bessere, eindringlichere und damit letztlich auch erfolgreichere Medienangebote ermöglichen. Denken Sie etwa an den aktuellen Trend, Fernseh- und Computermonitore zu produzieren, die einen Tiefeneindruck ermöglichen und den Betrachter gewissermaßen in die Mitte des Geschehens versetzen.

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philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Pingback: Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann | Schule und Social Media

  2. Caro says

    Sehr guter Artikel!
    Überaus Informativ und fasst gut zusammen was man über den Umgang mit dem PC und Social Media von Kindern wissen muss

    • Sehr empfehlenswert! Insbesondere die zwitee He4lfte sollte jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn angeschaut werden mit Schfclern in Beziehung treten, ihnen etwas zutrauen, sie inspirieren und ffcr eine Sache begeistern zu schf6n um wahr zu sein?!

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