Moral und Social Media – eine Geschichte aus den USA

Karen Klein ist 68-jährig und arbeitet als Aufsichtsperson in einem Bus, der Schülerinnen und Schüler in eine Middle School bringt (5.-8. Schuljahr). Während mehrere Schüler Frau Klein belästigt haben, haben sie davon ein Video gemacht und es auf Facebook geladen.

Als Reaktion wurde dieses Video mit den Namen der beteiligten Schüler sowie der Buslinie und dem Schulort auf Youtube geladen (Link oben), wo es bis heute fast vier Millionen Menschen angesehen haben.

Zudem wurde auf Indiegogo ein Spendenaufruf installiert, mit dem man über Spenden der Frau Ferien ermöglichen wollte. Dafür hoffte man $ 5000 zu sammeln. Bis heute wurden aber schon über $ 450’000 gesammelt – genug, damit die Frau sich pensionieren lassen kann.

Die Geschichte zeigt die Kraft von Social Media und von einer globalen Verbreitung von Inhalten: Aus einem klassischen Mobbing-Fall, verbunden mit gemeinem Cyberbullying, der nur die Frau selbst und die Schüler im Bus betrifft, wurde ein Medienspektakel, an dem beliebig viele Menschen teilnehmen können. Sie können sich an verbaler und psychischer Gewalt belustigen – aber auch moralisch darauf reagieren. Social Media befähigt Menschen nicht nur, Inhalte zu konsumieren, sondern auch selber einzugreifen, zu handeln. Das ist das Schöne an der Geschichte. Social Media führt zu einer Lösung.

Allerdings, und das muss auch gesagt sein: Wir haben keine Möglichkeit den Wahrheitsgehalt auch nur eines Bestandteils zu prüfen. Auf der Sammelseite werden viele Links angegeben – ohne dass die uns aber definitiv darüber Aufschluss geben können, ob es sich hier um die Wahrheit handelt.

Trolle in sozialen Netzwerken und in der Schule

Im Folgenden möchte ich das Thema »Trolle« in vier Schritten diskutieren: Zunächst kurz festhalten, was Trolle sind; danach über Trolle und Unterrichtssituationen sprechen und diese Diskussion dann spezifischer auf den Einsatz von Social Media im Unterricht zuspitzen; abschließend eine andere Perspektive auf Trolle als Künstler aufzeigen.

(1) Was sind Trolle

In einer Untersuchung von Online-Charakteren entwickelt Jonathan Bishop eine ethnographische Typologie von Verhaltensweisen in sozialen Netzwerken. Einer der Typen ist der Troll. Er ist dadurch charakterisiert, dass er chaotisch handelt und mit seinen Beiträgen vornehmlich versucht, Reaktionen zu provozieren. So hält der Wikipedia-Artikel fest:

Der Begriff Troll wird in der Netzkultur für eine Person verwendet, die mit ihren Beiträgen in Diskussionen oder Foren unter Umständen stark provoziert. Mutmaßliches Ziel des Trolls ist das Stören der ursprünglich an einem Sachthema orientierten Kommunikation und das Erlangen von Aufmerksamkeit.

In einem einflussreichen Essay bezeichnet Judith Donath das Trollen als ein »Spiel mit der Identität, das ohne die Einwilligung der meisten Spieler gespielt wird« und zitiert einen Forumseintrag, in dem ein Troll mit einem Fischer verglichen wird:

Trollen ist, wenn man eine Fischerrute ins Wasser hält und sie langsam hin- und herbewegt, um den Fischen den Köder vor die Nase zu halten. Trollen im Netzt funktioniert gleich – der Troll wirft einen Köder aus und wartet darauf, dass jemand zubeisst, um die anschließende Auseinandersetzung zu genießen. [Übersetzung phw]

Trolle werden gemeinhin als schädlich wahrgenommen, aus mehreren Gründen:

  • Trolle stören Diskussionen nachhaltig.
  • Trolle geben schlechte Ratschläge.
  • Trolle verdrehen Fakten oder fälschen sie.
  • Trolle verhindern den Aufbau von Vertrauen.
  • Trolle erhöhen die Schwelle, die Fragende und Unwissende überschreiten müssen, um an Diskussionen teilnehmen zu können.
  • Die Präsenz von Trollen birgt die Gefahr, dass jeder User als Troll wahrgenommen werden könnte.

Die gemeinhin vorgeschlagene Reaktion auf Trolle ist das Ignorieren: »Don’t feed a troll« ist eine klassische Regel in Foren – um in Donaths Bild zu bleiben: Nicht anbeissen, wenn man den Köder eines Trolls vor sich schwimmen sieht. Darüber hinaus ist es in vielen online Konversationsräumen möglich, Trolle auszublenden, so dass ihre Einwürfe nicht mehr sichtbar sind.

(2) Trolle im Unterricht

Wenn wir uns Unterricht vereinfacht als ein lehrergesteuertes Unterrichtsgespräch mit einer Klasse vorstellen, dann gibt es auch hier eine Reihe von Möglichkeiten, wie Trolle eine sachbezogene Diskussion stören können. Trolle wären bestimmte Schülerinnen und Schüler, die mit Wortmeldungen, Zwischenbemerkungen oder ihrem Verhalten »Köder« auswerfen.

Das ist kein neues Phänomen, insofern gibt es auch jede Menge didaktische Lösungen dafür, die hier nicht repetiert werden sollen und müssen. Generell liegt aber im Unterricht deswegen kein Trolling vor, weil die Identitäten klar sind. Allen Beteiligten ist klar, wer potentielle Trolle sind und wer nicht – deshalb ist die Bedrohung, die von Störefrieden ausgehen, viel kleiner. Niemand muss befürchten, als Troll wahrgenommen zu werden, wenn er oder sie sich nicht entsprechend verhalten hat; auch das Vertrauen kann nicht nachhaltig gestört werden, wenn einige Schülerinnen oder Schüler versuchen, den Unterrichtsverlauf zu beeinflussen und eine sachliche Diskussion zu verunmöglichen.

(3) Trolle beim schulischen Einsatz von Social Media

Daran anschließend kann man schnell zum Schluss kommen, das Problem könnte am einfachsten gelöst werden, wenn es keinen Freiraum für Identitäten gibt. Man müsste also, wenn Social Media-Tools für schulische Zwecke eingesetzt werden, darauf bestehen, dass Klarnamen verwendet werden, die eine Zuordnung zu einer »realen« Identität ermöglichen und so die Situation im Klassenraum in virtuelle Räume übertragen – zumindest in Bezug auf das Identitätsmanagement.

Damit ist aber auch eine gewisse Gefahr verbunden, wie ein Essay der Electronic Frontier Foundation zur Diskussion um die Klarnamenpflicht bei Google Plus zeigt:

Just as using „real“ names can have real consequences, mandating the use of „real“ names can too, excluding from the conversation anyone who fears retribution for sharing their views. While one added value of requiring real names might be increased „civility“ of the conversation, it is most certainly to the detriment of diversity.
[Übersetzung phw:] Genau wie »reale« Namen auch wirkliche Konsequenzen nach sich ziehen, kann der Zwang, »reale« Namen angeben zu müssen, Menschen ausschließen, die Angst haben, ihre Meinungen zu äußern. Während man als Nutzen eines Klarnamenszwangs den verbesserten Umgang angeben könnte, verhindert er sicherlich Diversität.

Auf den schulischen Kontext bezogen heißt das, dass abenteuerliche Meinungen, Kritik, Originalität eingeschränkt werden, wenn man gezwungen ist, seinen richtigen Namen anzugeben – während die Kontrolle der Lehrperson und der Umgangston generell besser ist.

(4) Der künstlerische Troll

In einem Essay von Astrid Herbold in der Zeit werden Trolle aus einer wohlwollenden Perspektive betrachtet:

Diese Schnelllebigkeit bewirke, dass beliebte Einträge immer wieder gepostet und variiert werden, stellte eine Untersuchung des Massachusetts Institut of Technology kürzlich fest. Das und die Anonymität förderten „das Experimentieren mit Ideen“ – weil das Scheitern für den Einzelnen folgenlos bleibt. Zündet eine schräge Pointe nicht, versucht man es eben mit der nächsten.

Stefan Krappitz [geht es eher] eher um die grundsätzliche Haltung. „Trolle wollen Spielregeln brechen und Erwartungen unterwandern. Deshalb kann man das Trollen durchaus als ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks verstehen.“ […] Sein Definitionsvorschlag für kreatives Trollen: „Ein guter Troll belustigt nicht nur sich selbst, sondern viele Menschen.“

 Diese positiven Eigenschaften, das Experimentieren mit Ideen, das lustvolle und belustigende Kommentieren, keine Angst vor dem Scheitern zu haben – das alles sind Elemente, die gutes Lernen begleiten. Und doch sind es gleichzeitig auch die chaotischen, destruktiven Kräfte, die in Cybermobbing münden können, wenn sich nämlich diese Energie gegen andere Menschen richtet.

Das Fazit wäre also Folgendes: In der Schule sollte es den Freiraum geben, sich von der eigenen Identität lösen zu können und das als etwas Lustvolles und Befreiendes zu erleben – aber innerhalb eines klar definierten Rahmens und Kontextes. Im generellen Einsatz von Social Media führt nichts an einer Klarnamenpflicht vorbei. Oder um es mit Postel’s Law zu sagen, das auf den Computerwissenschaftler Jon Postel zurückgeht: »Be conservative in what you do; be liberal in what you accept from others.« (Das Gesetz wird in diesem ausgezeichneten Troll-Artikel von Mattathias Schwartz im Magazin der New York Times zitiert.)

Welchen Einfluss Twitter auf das Schreiben hat

Die amerikanische Literaturzeitschrift n+1 hat diese Woche einen Essay über Twitter publiziert (»Please RT«, verantwortlich dafür sind die Herausgeber). Darin findet sich eine Kurzkritik des Schreibens auf sozialen Medien – die deshalb bedeutsam ist, weil hier schon mehrfach über die Möglichkeiten des Einsatzes von Twitter im Schreib- und Literaturunterricht nachgedacht worden ist, z.B. hier und hier.

Der Artikel beginnt mit einer Beschreibung von Twitter – eine Beschreibung, die man kaum nachvollziehen kann, wenn man Twitter nicht aktiv nutzt, weil man sich dann fragt, wie Menschen sich ausdrücken können, wenn 140 Zeichen die Limite für jede Äußerung ist. Das kann nur ein bedeutungsloses Zwitschern sein, wie der Name Twitter es ausdrückt: Aber nichts, was den literarischen und kommunikativen Möglichkeiten des menschlichen Kulturlebens würdig wäre.

Wer jedoch einen Zugang zu Twitter findet, findet es plötzlich unterhaltsam und informativ. Man liest bei Zeugen von Katastrophen mit, Expertinnen in verschiedenen Wissensgebieten und Opinion-Leaders. Der Kreativität hinter Profilen scheinen kaum Grenzen gesetzt. Wenn man aber eine gewisse Distanz einnimmt, scheinen viele Tweets nur eins zu sagen:

I need to be noticed so badly that I can’t pay attention to you except inasmuch as it calls attention to me. I know for you it’s the same.
[Übersetzung phw:] Ich brauche so dringend Aufmerksamkeit, so dass ich mich dir nur dann zuwenden kann, wenn ich dadurch mehr Aufmerksamkeit generieren kann. Ich weiß, bei dir ist das gleich.

Und das stimmt: Obwohl es bei Twitter möglich ist, den Profilen zu folgen, die man interessant findet, halten es viele User so, dass sie das Verfolgen ans verfolgt Wenden knüpfen. Hört man auf, ihnen zu folgen, so hören sie auch auf, einem zu folgen.

Der Text zitiert die Schauspielerin Lena Dunham, Star der neuen HBO Serie »Girls«. Sie sagt in einem Interview auf die Frage, ob es in Bezug auf die Möglichkeiten, sich auf Social Media zu präsentieren, einen Unterschied zwischen den Generationen gäbe:

[M]y dad finds Twitter just infinitely unrelatable. He’s like, „Why would I want to tell anybody what I had for a snack, it’s private?!“ And I’m like, „Why would you even have a snack if you didn’t tell anybody? Why bother eating?“
[Übersetzung phw:] Mein Vater findet Twitter unmöglich. Er sagt: »Warum würde ich jemandem erzählen wollen, was ich gegessen habe, das ist doch privat?!« Und ich antworte: »Warum sollte ich überhaupt etwas essen, wenn ich nicht jemandem davon erzählen könnte?«

Twitter ermöglicht es, völlig Belangloses mitzuteilen, sogar, wenn es kryptisch ist. Es lässt Menschen reden, die nichts zu sagen haben, aber etwas sagen wollen. Das tun sie automatisch und sind davon besessen. Es kann, so die Herausgeber von n+1, sehr unterhaltsam sein, auf Twitter in Rollen zu sprechen, Figuren sprechen zu lassen. Aber Twitter verleitet Menschen dazu, selbst zu solchen Figuren zu werden, die nur noch auf eine bestimmte Art und Weise über ganz bestimmte Dinge schreiben können.

Diese Schreibweise betten die Autoren nun in den Kontext eines generellen Schreibzerfalls ein: Die Demokratisierung und Kostenlosigkeit von digitaler Produktion führe dazu, dass Texte publiziert würden, die früher in der Schreibtischschublade oder auf der Harddisk geblieben wären. Die forcierte Bloggerei führe dazu, dass ein relaxter Tonfall zum Muss werde, zur einzigen Ausdrucksform.

Betrachten wir ein Beispiel:

Schon bald wird ja „50 Shades of Grey“ auf Deutsch herauskommen und Sie überlegen sich vielleicht, es zu kaufen. Ich verstehe ja, dass Sie der ganze Hype neugierig macht, aber es ist wirklich unfassbar schlecht geschrieben und ausgedacht, so was sollte man sich nicht antun. Da kann die Übersetzung noch so gut sein, es bleibt Quatsch. Obwohl zu hoffen ist, dass zumindest grobe Schnitzer wie zum Beispiel „Laboutin“ (Sie wissen schon, die Schuhe mit der roten Sohle, bei denen alle Männer – und EL James – sofort eine Erektion kriegen, wenn sie sie sehen, weil die Schuhe inzwischen dermassen direkt verlinkt sind mit dem Gedanken „uh, ah, sexy“, dass die rote Sohle funktioniert wie der rote Arsch bei Pavianen) korrigiert wurden.

Michèle Roten verkörpert das, was die Herausgeber den »blogorrheic style« nennen: Den Stil der Blogorrhoe (Mischwort aus Blog und Logorrhoe). Die Geschwätzigkeit wird verbunden mit einer Vagheit – die in Kombination in der Lage zu sein scheint, authentische, wahre Texte zu produzieren.

Dagegen sei nun Twitter das Gegenmittel. Die Beschränkung auf 140 Zeichen produziere eine »Spracherweiterung durch formale Zwänge« – so das Ziel der Oulipo-Bewegung. So entstünden auf Twitter Sprachkunstwerke, Oscar Wilde oder Franz Kafka wären großartige Twitterer gewesen. Fazit: Die Leute entfolgen, die zu viel Unwichtiges verkünden und sich an John Berryman halten:

Profile von Schulen auf Social Media

Viele Schulen überlegen sich, ob und wie sie auf Social Media aktiv werden sollen. Diese Frage erübrigt sich in vielen Fällen: Schulprofile entstehen automatisch. Die Frage ist nur, wie und wie aktiv sie bewirtschaftet werden.

Betrachten wir dazu drei Beispiele:

1. Google Maps

Die Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon  erscheint auf Google Maps wie folgt:

Ein User hat also kommentiert, man lerne an der KZO nichts. Das Beispiel zeigt: Man kann bei solchen Profilen nicht einmal kontrollieren, was sie enthalten. Man muss beobachten, was passiert – und allenfalls reagieren (in diesem Fall: indem man darauf achtet, dass auch positive Rückmeldungen verfasst werden).

2. Facebook

Blieben wir bei der KZO – ihr Facebook-Profil sieht momentan so aus:

Im Vergleich dazu das der Kantonsschule Wettingen (disclaimer: im Moment pflege ich dieses Profil):

Die Profile entstehen automatisch: Weil Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Ehemalige angeben, wo sie arbeiten. Aber sie können bewusst gepflegt werden und so ein Bild von einer Schule abgeben – oder eben nicht. Dabei kann – und das habe ich bei dem Profil der Kantonsschule Wettingen getan – auch verhindert werden, dass Leute Beiträge auf die Pinwand posten können und so Schaden für das Schulimage entstehen kann.

3. Twitter

Das Beispiel von Lehrpersonen, von denen falsche Facebook-Profile erstellt worden sind, zeigt deutlich: Es besteht das Risiko, dass auch eine Schule ein falsches Profil erhält. Echte Profile sollten deshalb auch so daherkommen – und gepflegt werden, entsprechende Inhalte posten. Ein sehr schönes Beispiel ist das Twitter-Konto der Kantonsschule Baden, das zwar (noch) nicht sehr dialogisch kommuniziert und nur 16 Follower aufweist, aber attraktiv daherkommt (auch wenn das Hintergrundbild fehlt) und klar als offizieller Kanal in Erscheinung tritt:

4. Fazit

Die Entscheidung, ob Schule auf Social Media präsent sind oder nicht, ist bereits gefallen – auch wenn sie nicht mitreden konnten. Damit muss man sich abfinden und die Situation managen: Dort aktiv werden, wo man Chancen sieht, an allen anderen Orten beobachten (im Fachjargon sagt man: Monitoring betreiben). Damit kann man gut auch Lehrpersonen oder Schülerinnen und Schüler beauftragen.

Das Verbot von Smartphones in Schulen

Eine Lehrperson, die auf Facebook gemobbt worden ist, forderte als Reaktion ein Verbot von Smartphones:

Intelligente Handys sollten in der Schule verboten werden. «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

Mit anderen Worten: Das Vorhandensein von technologischen Mitteln schafft die Möglichkeit zu ethisch verwerflichen Handlungen, die an einer Schule nicht geduldet werden sollen und müssen.

Ein solches Verbot gibt es an der Theodor-Storm-Schule in Husum (Deutschland). Die Schulordnung hält fest:

Die Nutzung elektronischer Medien jeglicher Art ist grundsätzlich für Schülerinnen und Schüler auf dem gesamten Schulgelände untersagt. Damit ist auch das Anfertigen von Bild- und Tonaufnahmen nicht gestattet.
Erlaubt ist hingegen die unterrichtliche Nutzung elektronischer Medien in Abstimmung mit der unterrichtenden Lehrkraft.

In einem ausführlichen Blogpost beleuchtet nun ein Schüler der Schule die Geschichte des Verbots und präsentiert die Argumente der Schülerschaft und die der Eltern bzw. der Lehrerschaft. Etwas zugespitzt hält er fest:

In den vergangenen Diskussionen ist es oft so verlaufen, dass wir viele Argumente brachten, es wurde einfach nicht zugehört. Die Eltern und Lehrer brachten uns immer wieder mit der Mobbingkeule zum Schweigen.

Die Argumente der Schülerschaft sind zusammengefasst vier:

  1. Cybermobbing kann nicht mit Verboten bekämpft werden – wer genug kriminelle Energie für Mobbing aufbringen kann, kann auch Verbote umgehen.
  2. Elektronische Medien sind für das Kerngeschäft der Schule, das Lernen, bedeutsam.
  3. Elektronische Medien haben eine wichtige Funktion im Berufsleben, auf das die Schule vorbereitet.
  4. Die Schule kann sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen.

Ein Medienverbot macht das Schulgelände zu einem Ort, der in puncto Mediennutzung nicht mehr der Lebenswirklichkeit entspricht. Das hilft dem Schüler herzlich wenig. Mit dem Verlassen des Schulgeländes ist er dann drin in der großen medialen Welt und hat am Ort des Lernens – nämlich in der Schule – nur begrenzte Erfahrungen für den sinnvollen Medieneinsatz gesammelt.

Diese Aussage kann man nun durchaus anders sehen: Die Schule kann sehr wohl ein Schonraum sein. Sie entspricht in vielen Hinsichten nicht der Lebenswirklichkeit: Schülerinnen und Schüler sind gehalten, Standardsprache zu sprechen, sich in eingeteilten Klassengruppen zu organisieren, sie werden geprüft und bewertet usw.

Was heißt das in Bezug auf ein Verbot von elektronischen Medien (gemeint sind wohl Mobiltelefone, Laptops und Tablets)?

  • Ein Verbot ist eine Kapitulation. Es zeigt, dass die Verantwortlichen den Schülerinnen und Schülern einen vernünftigen Umgang mit diesen Medien nicht zutrauen.
  • Ein Verbot könnte auch anders formuliert werden – als Profilierung der Schule. Im Blogbeitrag heißt es: »Es ist ja auch nicht so, dass die TSS eine “Bastel- Mal- und Singschule” ist.« Nun könnte die Schule gerade zu so etwas werden: Zu einem Raum, in dem das persönliche Gespräch wichtig ist, die Ruhe, die Reflexion etc. – also zu einem Raum, in dem elektronische Kommunikation ein Störfaktor wäre.
  • Mobbing oder Cybermobbing kann ein Verbot sicher nicht verhindern. Schülerinnen und Schüler werden auch ohne schulische Nutzung von digitalen Medien im Internet präsent sein, sich exponieren und Missbrauch erleben. Das heißt nicht, dass man die Augen verschließen sollte – aber gerade ein Verbot befördert eine Kultur, in der Lehrpersonen die Existenz der virtuellen Welt leugnen und ignorieren können.
  • Geräte zur Nutzung elektronischer Medien sind Instrumente. Sie machen gewisse Handlungen ganz leicht – Cybermobbing braucht keinen Mut und keinen Aufwand. Aber dennoch sind sie nicht der Grund für Mobbing.

Mein Fazit (hier weitere Überlegungen zum Umgang mit Smartphones): Schulen sollen sich die Frage nach einem Verbot explizit stellen – aber niemals den Begriff Verbot verwenden, sondern positiv von der Schulkultur, die angestrebt wird. Es darf nicht so aussehen, als verkünde man eine »Ich stelle mich gegen das Internet«-Parole, wie das der bloggende Schüler formuliert – und es darf auch nicht so sein. Persönlich halte ich aber einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie generell für besser als eine Verweigerung und ein Verbot.

Update 25. Juni 2012:

Die FAZ berichtet über den Umgang mit Handy in Schulen und lässt Kirstin Koch, die Jugendschutzverantwortliche der Stadt Frankfurt zu Wort kommen:

Handys und Internet gehörten nun einmal zum Leben dieser Generation und ließen sich nicht verbannen. „De facto läuft es trotz Verbots doch so: Die Schüler stellen ihr Handy lautlos, stecken es in die Tasche und holen es nach Ende der Stunde auf dem Gang, auf dem Pausenhof oder in der Toilette wieder heraus.“ Sie empfiehlt, das Medium Smartphone „positiv in den Schulalltag einzubringen“, also eine sinnvolle Nutzung aufzuzeigen. Die Schüler könnten per Handy Formeln suchen oder mit der eingebauten Kamera Tafelbilder abfotografieren, sagt Koch.

Facebook im Unterricht: Ein Blick auf Chancen und Risiken

Bei der Diskussion der Frage, ob Facebook im politischen Unterricht geht ein Lernblog der PH Ludwigsburg unter der Leitung von Dr. Ragnar Müller von der tabellarischen Übersicht des Abschlussberichts von EU Kids-Online aus:

Im Beitrag von Lisa (?) werden drei Chancen und drei Risiken genannt:

  1. Kommunikation: Facebook ermöglicht es, mit vielen Menschen leicht in Kontakt zu treten.
  2. Teilhabe an Entscheidungsprozessen: Facebook ermöglicht es, Meinungsbildung zu betreiben und sich an Entscheidungen zu beteiligen.
  3. Bildungsferne Schichten: Facebook ermöglicht Bildung in allen gesellschaftlichen Sphären – zumindest in Ländern ohne nennenswerte digital divide.
  4. Akklamationskultur: Facebook ermuntert, auf »gefällt mir« zu drücken, anstatt kritisch zu bleiben und Fragen zu diskutieren.
  5. Keine Offenheit: Die Frage, ob politische Bildung auf einer Plattform stattfinden soll, die systematisch intransparent bleibt, ist bedeutsam.
  6. Privatsphäre: Politische Meinungsbildung und das Recht auf Privatsphäre bedingen sich gegenseitig – auch hier ist Facebook als Instrument sehr problematisch.

Lisa kommt zu einem etwas zahmen Fazit:

Festzuhalten bleibt, dass Facebook zwar kritikwürdige Elemente umfasst, dass aber die Vorzüge, welche die Plattform für den Politikunterricht mit sich bringt, ebenfalls bedeutsam sind. Die im folgenden vorzustellende Unterrichtsstunde versucht deshalb, die Chancen zu nutzen, aber auch die Behandlung der Risiken mit aufzunehmen.

Im zweiten Teil des Posts findet sich eine konkrete Unterrichtseinheit zu Facebook, basierend aus:

Mobbing von Lehrpersonen auf Facebook

Der Tages-Anzeiger berichtet heute (iPad-Link, öffnet nicht in jedem Browser), wie Lehrpersonen im Kanton Zürich auf Facebook gemobbt werden:

  • Schülerinnen und Schüler erstellen mit Handy Youtube-Videos von den Lehrpersonen
  • Diese werden auf falschen Facebook-Profilen dieser Lehrpersonen veröffentlicht.

Die Methode ist perfid – die Lehrpersonen sind wohl selbst nicht auf Facebook, wissen also zunächst nicht, was abläuft. Mobbing gegen Lehrpersonen, früher hätte man wohl von »Streichen« gesprochen, ist nichts Neues – neu ist der massive Kontrollverlust durch die Möglichkeiten des Internets. Über jede und jeden von uns können privateste Informationen ins Internet geschrieben werden, ohne dass wir das wissen und ohne dass wir direkt darauf reagieren können.

Wie sollte man reagieren, wenn man im Internet gemobbt wird?

  1. Direkt bei der Plattform eine Löschung der Inhalte beantragen.
  2. Möglichen Tätern mitteilen, dass man eine Löschung der Inhalte innert zwei Tagen erwarte.
  3. Bei schweren Fällen Medienanwälte einschalten.

Fazit im Artikel von Thomas Stierli von der Pädagogischen Hochschule Zürich:

Auch jene, die mit Facebook und Internet nichts am Hut haben wollen, müssen sich heute damit auseinandersetzen.

Facebook und die Missbrauchsgefahr

Bei der Berliner TAZ schreib Christian Gehrke in den letzten Wochen zwei Mal über die Missbrauchsgefahr, die entstehen kann, wenn sich Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler auf Facebook begegnen – eine Position, die auch Christian Füller vertritt. (Vgl. auch diesen Artikel dazu.)

Im Artikel vom 17. Mai formulieren Gehrke und die von ihm zitierten ExpertInnen diese Gefahr wie folgt:

Die nötige Grenze zwischen Lehrer und Schüler droht aus ihrer Sicht zu verwischen. Zu oft seien diese Verbindungen in jüngster Vergangenheit eskaliert, woraufhin Lehrer suspendiert wurden. […]
„Sieht eine Lehrerin auffällige Fotos oder Beleidigungen ihrer Schüler, steht sie vor schwierigen Entscheidungen. Ist das privat oder nicht? Soll sie einschreiten oder nicht?“, fragt sich Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Ein Pädagoge sei zur Objektivität verpflichtet. Wenn er nur mit einigen Schülern „befreundet“ sei, sei er nicht mehr unabhängig, meint Meidinger. […]
Facebook fördert Täter immens – behauptet die Psychotherapeutin Julia von Weiler. Sie kämpft seit Jahren in dem Verein „Innocence in danger“ aktiv gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch im Netz. „Das ist eine große Möglichkeit, um die Verbindungen mit potenziellen Opfern zu verstärken und intim werden zu lassen, durchgängig und unausweichlich, 24 Stunden am Tag“, erklärt von Weiler. „Wenn wir über Facebook kommunizieren, sehen wir den Gesprächspartner nicht und interpretieren in seine Antworten etwas hinein. Das kann gefährlich werden, weil wir den Computer abschalten können, aber nicht unseren Kopf“, sagt die Psychotherapeutin.

Die Aussagen lassen sich zu vier Argumenten verdichten:

  1. Soziale Netzwerke erschweren es Lehrpersonen, innerhalb der professionellen Grenzen ihres Berufs zu agieren.
  2. Soziale Netzwerke schaffen Ungleichheiten zwischen Beteiligten und Unbeteiligten.
  3. Soziale Netzwerke werden bei Missbrauchsfällen häufig genutzt.
  4. Potentielle Täter werden durch soziale Netzwerke in Versuchung geführt.

Besonders das letzte Problem spricht auch eine von Gehrke später interviewte Expertin, die Psychologin Ethel Quayle an:

Und es geht zum Beispiel darum, welche Form und Inhalte digitaler Bilder nicht länger der professionellen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler angemessen sind. Daraus ergibt sich dann beispielsweise häufig die Frage, wann der Erwachsene die Grenze überschreitet und eine romantische oder explizit sexuelle Beziehungen zu SchülerInnen beginnt. […]

In der Onlinekommunikation haben strategisch agierende Täter noch größere Vorteile gegenüber Jugendlichen, die eben nicht strategisch, sondern authentisch auf der Suche sind. Daraus ergeben sich mehr Möglichkeiten für Grenzüberschreitungen. Die Grenzüberschreitungen selbst sind denen in der Offlinewelt sehr ähnlich, und die meisten von uns erkennen, wo die Risiken liegen. Nämlich da, wo ein Lehrer zum Freund wird und beginnt, persönliche oder sexuelle Inhalte zu teilen. Hier lauert die Gefahr – dass LehrerInnen ihre Überlegenheit als einflussreiche Erwachsene über einen minderjährigen Schüler ausnutzen können.

Quayle spricht auch ein Argument an, das man generell für die Gegenposition vorbringen könnte. Gehrke hat im ersten Artikel einen Chemielehrer mit den Worten zitiert:

Idioten unter Lehrern, die mit ihren Schülern etwas anfangen wollen, würde es auch ohne Facebook geben. Die suchen auch so ihre Möglichkeiten.

Man könnte zum Schluss kommen, dass Facebook und die »reale Welt« nicht gesondert, sondern identisch seien: Missbrauch ist juristisch festgelegt und findet unter gewissen Bedingungen statt, die sich nicht dadurch verändern, wie kommuniziert wird.

Welche Sicht ist die richtige? Für sichere Aussagen fehlen meiner Meinung nach empirische Untersuchungen. Mutmassungen helfen nicht weiter. In meinen Empfehlungen habe ich festgehalten, dass ich Facebook und Twitter dann sinnvoll und unproblematisch finde, wenn die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen/Schülern öffentlich einsehbar ist. Also: Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler und andere Lehrpersonen können mitlesen. Dies würde ich auch Schulen als Richtlinie empfehlen, andere, »private« Freundschaften zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen/Schülern würde ich nicht empfehlen. Eine scharfe Abgrenzung scheint mir schwierig: Lehrpersonen können Schülerinnen und Schüler auch privat kennen, bevor sie ein professionelles Verhältnis aufgenommen haben; gerade die vertrauensvolle Beratung in Krisensituation kann es erforderlich machen, dass schnell und nicht-öffentlich kommuniziert werden kann – etwas, was ja auch per Telefon oder SMS möglich ist.

Ganz grundsätzlich muss man über Facebook an Schulen reden und besprechen, wie man damit umgeht. Die Gefahr, dass pädophil veranlagte Lehrpersonen sich Opfer unter ihren Schülerinnen und Schülern suchen, kann man nicht durch Reglemente oder Verbote bannen. Lehrpersonen haben das Recht, privat soziale Medien zu nutzen – und Schülerinnen und Schüler ebenfalls. Wer meint, diese Profile ließen sich unsichtbar machen, kennt sich nicht aus. Wir hinterlassen Spuren im Netz und bieten Kontaktmöglichkeiten – das ist gerade die Idee von Kommunikation. Dass diese Kontaktmöglichkeiten missbraucht werden können, ist eine Tatsache – ihr kann man nur mit einem offenen Klima und zielgerichteter Prävention begegnen. Auch die Einrichtung von speziellen Lehrerprofilen auf Facebook ist keine Lösung für dieses Problem – weil auch sie die Möglichkeit bieten, privat Nachrichten und andere Medieninhalte auszutauschen.

Regeln für den Umgang mit Smartphones

Pause. In vielen Schulzimmern dasselbe Bild: Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler holen ihre Smartphones hervor, checken neue Benachrichtigungen, tippen Mitteilungen, Statusupdates, Kommentare. Die Blicke versinken in den Geräten, die Nachbarin und die Freunde werden nicht mehr wahrgenommen, es gibt keine Räume mehr für Gespräche, für Streit, fürs Weiterdenken des Unterrichtsinhalt. Alle kapseln sich ab, in ihre eigene Welt, die doch eigentlich keine ist, sondern nur aus Daten besteht. 

Eine solche Beschreibung der Realität hört man in vielen Lehrerzimmern. Ist die Kritik gerechtfertigt? Brauchen Schulen eine Art Code of Conduct im Umgang mit Technologie? Oder sollen sie sogar Schulregeln erlassen, die Smartphones ganz oder teilweise verbieten?

Die New York Times berichtete kürzlich über eine Waldorfschule in Kalifornien, die auf Technologie verzichtet. Keine Computer in den Schulräumen, dafür viel physische Aktivität, Basteln, Tanzen, Kreativität. Drei Viertel der Eltern der Schülerinnen und Schüler diese Privatschule arbeiten in einem Beruf, der direkt mit moderner Technologie zu tun hat – und wollen ihre Kinder vor den schädlichen Einflüssen der Technologie schützen (vgl. dazu auch die Aussagen von Expertinnen und Experten in dieser Studie des PewResearch Centers).

Waldorf-Schulen (oder in der Schweiz: Rudolf Steiner-Schulen) gibt es schon 100 Jahre neben staatlichen Schulen. Sie sind Räume, wo Alternativen erprobt werden können – wo aber auch extreme Haltungen zum Ausdruck kommen, z.B. auch im Umgang mit moderner Medizin. Die Frage wäre: Ist diese Haltung die richtige?

Für die Schule der Zukunft gäbe es demnach zwei Leitvorstellungen:

  • Der digitalisierte »Schulraum«, der kein Raum mehr zu sein braucht, weil sich immer wieder lose Gemeinschaften bilden, die miteinander lernen, verbunden durch Netzwerke, in denen alles Lernen kooperativ ist, Wissen und Gemeinschaften flüssig, privates Lernen mit schulischem verschmilzt, eine Einheit bildet.
  • Der Schulraum als Schonraum, wo die Gefahren des Berufslebens, also der Stress, die Technik, der soziale Druck ferngehalten werden und eine ruhige Entwicklung möglich ist, Reflexionsprozesse, Bildung von sozialen Gefügen, die Selbstfindung.

Bei der Frage um die Rolle der Smartphones entscheidet sich, auf welche Schule der Zukunft eine Schule heute hinsteuert. Wer Smartphones als Medien des Lernens, als eine Erweiterung des Unterrichts und eine Möglichkeit, soziale Bindungen zu pflegen versteht, wird liberaler damit umgehen. Dann dürfen auch während des Unterrichts Smartphones benutzt werden – die Gefahr, dass sie eine Quelle für Ablenkung bieten, muss reflektiert werden. Im Artikel der New York Times sagt eine Lehrerin stolz, sie habe die Aufmerksamkeit der SchülerInnen, wenn sie Bruchrechnen mit einem selbst gebackenen Kuchen erkläre. Auch in der digitalisierten Schule kann Mathematik mit Backwaren erklärt werden, muss der Fokus auf etwas ausserhalb der digitalen Welt gelegt werden. Aber nicht nur.

Flickr, Whowired, CC-NC-BY

Alternativ trennt man die Welt der Schule von der technisierten Welt um sie herum ab. Auch so können Lernprozesse stattfinden. Ideal wäre meines Erachtens dann aber nicht ein starres Regelwerk, sondern eine Art Learner Profile – die ideale Schülerin, der ideale Schüler geht so mit seinem Gerät um. Regeln schaffen einen Graben zwischen denen, die sie etablieren und durchsetzen und denen, die sie befolgen müssen. Wäre man konsequent, so dürften auch Lehrpersonen keine Computer und Handys mehr verwenden, müssten ihren Unterricht wie vor 40 Jahren vorbereiten, mit Büchern, Tafelbildern und Ähnlichem.

Diese Entscheidung kommt auf alle Schulen zu.

Zum Schluss seien Gerald Raunig und Felix Stalder zitiert, zwei Professoren der Zürcher Hochschule der Künste, die in einem Aufsatz in der Zeit deutlich machen, dass die Vorstellung, Social Media und Gadgets seien Teil einer Scheinwelt, nicht mehr zeitgemäss ist – dass sich ganz andere Fragen stellen:

[A]uch das Problem der Abspaltung des Realen vom Medialen [stellt sich] nicht mehr in derselben Weise. Im kognitiven Kapitalismus geht es weniger denn je um eine Trennung zwischen »virtueller« Medialität und »realer« Sozialität. Mit den Social Media und den neuesten Gadgets der Bewusstseinsindustrie hat diese maschinische Sozialität längst ein Stadium erreicht, das Mensch-Maschine-Verhältnisse nicht mehr als Beziehung der Unterordnung beschreibbar macht. Real ist gerade das Anhängen an den Maschinen, das Begehren nach ihnen, schließlich auch die Abhängigkeit von ihnen. Nur vor dem Hintergrund dieses heute unhintergehbar gewordenen wechselseitigen Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine lassen sich Wege finden, nicht vollständig dienstbar zu werden. Da gibt es keine Realität hinter dem »Schein« der Gadgets, kein »zweites Leben in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit«, genauso wie es keine Flucht gibt in das second life der virtuellen Netze.

Den Austausch in den Zwischenräumen neuer Medien und Maschinen zu verhindern und zu kriminalisieren ist weder erfolgversprechend noch eine adäquate Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen. Verstellt wird dadurch lediglich der Blick auf die eigentlichen Fragen: Wenn es stimmt, dass Wissen in der Kooperation entsteht, was sind die heutigen Bedingungen der Kooperation? […] Wie können wir die existenzielle Absicherung von Wissens- und Kulturarbeit auf weitere Kreise ausdehnen? Wie können wir eine horizontale Kommunikation forcieren, in der nicht mehr ein Urheber am Anfang steht, sondern in der Mitte und durch die Mitte Serien der Autorschaft, Verdichtungen, Wendungen und neue Kombinationen entstehen? Wie können wir einen transversalen Intellekt erfinden, in dem die Zahl und die Vielfalt der »Geistigen« und ihrer Austauschprozesse immer weiter vervielfältigt werden?

Social Media und das jugendliche Gehirn

Der große amerikanische Autor David Foster Wallace sprach 2005 zu den Absolventinnen und Absolventen des Kenyon Colleges. Er sagte unter anderem (Video gibts hier, Übersetzung im unteren Teil):

It is extremely difficult to stay alert and attentive, instead of getting hypnotized by the constant monologue inside your own head (may be happening right now). Twenty years after my own graduation, I have come gradually to understand that the liberal arts cliché about teaching you how to think is actually shorthand for a much deeper, more serious idea: learning how to think really means learning how to exercise some control over how and what you think. It means being conscious and aware enough to choose what you pay attention to and to choose how you construct meaning from experience. Because if you cannot exercise this kind of choice in adult life, you will be totally hosed. Think of the old cliché about “the mind being an excellent servant but a terrible master.”
[Übersetzung phw: ] Es ist enorm schwierig, wach und aufmerksam zu bleiben, während in unserem Kopf ein ständiger Monolog uns zu hypnotisieren versucht (wie das jetzt vielleicht gerade passiert). Zwanzig Jahre nach meinem eigenen Abschluss habe ich langsam verstanden, dass das Klischee der Geisteswissenschaft, dass sie vermitteln, wie man denkt, für eine viel größere und ernsthaftere Vorstellung steht: Zu lernen, wie man denkt, bedeutet eigentlich zu lernen, wie man kontrollieren kann, wie und was man denkt. Es bedeutet, bewusst und aufmerksam genug zu sein, um wählen zu können, worauf man sich konzentrieren will und wie man aus Erfahrungen bedeutsame Erkenntnisse gewinnt. Wer als Erwachsener eine solche Wahl nicht treffen kann, wird völlig im Regen stehen. Man denke an das alte Klischee, dass der Geist ein ausgezeichneter Sklave, aber ein schlechter Herr sei.

Wallace führt weiter aus, dass sich Selbstmörder nicht selten in den Kopf schössen, wohl um das Denken auszuschalten – was er selbst später auch getan hat.

Hier soll es aber nicht um Wallace gehen, sondern um die Frage, wie man sich heute konzentrieren kann. In unseren Köpfen ist ständig mehr, als wir verarbeiten können. Eine naheliegende These ist es, dass die schnelle, mehrschichtige Kommunikationskultur der Social Media die Gefahr, abgelenkt zu sein, verstärken.

Diese These soll anhand einer Infographik zunächst vorgestellt und dann geprüft werden. Die Infographik stammt von AssistedLivingToday, sie trägt den reisserischen Titel »Social Media is Ruining our Minds«. Ich kommentiere im Folgenden Auszüge daraus:


(1) Schlechteres Konzentrationsvermögen

Die Grafik behauptet, man habe sich vor 10 Jahren 12 Minuten auf etwas konzentrieren können, heute noch 5 Sekunden. Diese Behauptung ist zunächst einmal falsch, die Quelle der Grafik, ein Zeitungsartikel, spricht von einer Reduktion von 12 Minuten auf 5 Minuten, nicht Sekunden.

Tatsächlich zeigt eine Umfrage des PewResearchCenters (pdf, Feburar 2012), dass führende Experten und Analysten davon ausgehen, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinken wird und es für Menschen schwierig wird, komplexe Probleme mit dauerhafter Konzentration zu bearbeiten. Zudem ist offensichtlich, dass die Ablenkungen durch Social Media für soziale Zusammenleben eine Herausforderung darstellen (vgl. diesen Kommentar aus Forbes). Gleichzeitig sind gewisse Konzentrationsleistungen auch nicht mehr nötig, weil Computer als Hilfsmittel viele Aufgaben für uns erledigen (z.B. das Addieren von langen Zahlenreihen, Rechtschreibprüfung, das Auswendiglernen von langen Listen etc.)


(2) Verändert sich das Hirn? 

Der nächste Teil der Grafik scheint zu zeigen, dass sich unser Hirn negativ verändert. Das ist eine Aussage, die vor allem in England von Susan Greenfield regelmässig wiederholt wird (z.B. hier im Guardian). Die Baronin ist zwar Neurowissenschaftlerin, kann ihre Behauptungen aber nicht wissenschaftlich belegen.

Die Aussage, dass der Umgang mit Technologie einen Einfluss auf die Entwicklung unsere Hirns hat, ist sicherlich nicht falsch – muss aber genauer und seriöser untersucht werden. Heute kann man dazu kaum genaue Aussagen machen. Martin Robbins schreibt im Guardian etwas bösartig:

In short – as far as I can understand it – Greenfield’s hypothesis is that an unquantified level of exposure to an unspecified subset of modern technologies may be affecting an indeterminate number of people’s brains in an undefined way, with a number of results.
[Übersetzung phw:] Kurz gesagt: So weit ich es verstehe, behauptet Greenfield, dass eine unbestimmte Art von Umgang mit einem unbestimmten Teil moderner Technologie eine unbestimmte Anzahl menschlicher Hirne auf eine unbestimmte Art beeinflussen kann, so dass unbestimmte Effekte eintreten.


(3) Und die Hormone

Hierzu muss nicht viel gesagt werden: Dass Menschen Hormonlevel habe, die sich bei Aktivitäten (auch auf Social Media) verändern, ist selbstverständlich. Auf Twitter und auf FB finden stressige und soziale Interaktionen statt – unerwartet wäre, dass Menschen sich hormonell dadurch nicht beeinflussen lassen.

(4) Fazit

So verlockend sich die Grafik präsentiert, so manipulativ ist sie: Unser Hirn verändert sich vielleicht, wenn wir Social Media benutzen. Genaueres wissen wir darüber nicht – uns bleibt die Erkenntnis, dass wir einen bewussten Umgang mit Social Media wählen müssen und uns nicht treiben lassen dürfen. Aber das wussten wir wohl schon.