Rezension: Howard Rheingold – Net Smart

Rheingold liefert in seinem Buch eine Anleitung für eine digitale »literacy«, also eine Lese- und Medienkompetenz (für »literacy« gibt es die deutsche Übersetung »Literalität«, die sehr ungelenk klingt; gemeint ist aber ursprünglich sowas wie Lesefähigkeit). Das besondere an heutigen Formen von literacy ist, so Rheingold, dass es nicht nur eine Kompetenz ist, sondern gekoppelt an die Anforderung ist, sie in Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu nutzen.

Ich habe zentrale Aspekte von Rheingolds Buch schon einzeln dargestellt:

Rheingolds Buch empfiehlt sich als Lektüre für digital interessierte Lehrpersonen, weil es sehr praktisch geschrieben ist. Rheingold verweist zwar auf viele theoretische Texte, zitiert aber sehr präzise und weiterführend und fasst die zentralen Thesen immer wieder in Listen und Anleitungen zusammen, die einem aufzeigen, wie man die beschriebenen Kompetenzen Schritt für Schritt aufbauen kann: Für sich selber und im Unterricht auch bei Lernenden.

Bevor Rheingold die wichtigsten Kompetenzen zusammenfasst, zitiert er einen Rat von danah boyd, der sehr aufschlussreich ist:

[Übersetzung phw:] Wenn ich mit Eltern spreche, rate ich ihnen, sich nicht auf die technischen Aspekte zu beziehen, sondern auf die Themen, die sie als Eltern beschäftigen. Kommunikation ist zentral. Wenn Eltern ihren Kindern helfen wollen, die Herausforderung der Technik zu meistern, ist Kommunikation das wichtigste Hilfsmittel. Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Wenn einen etwas beschäftigt oder man wissen will, warum das Kind etwas tut, was man nicht versteht, einfach nachfragen. Wenn sie erzählen, sollte man versuchen, ihre Perspektive zu verstehen – und dann mitteilen, warum man eine andere einnimmt. […] Man sollte versuchen, im Dialog zu bleiben. Das Schlimmste, was Erwachsene tun können, ist zu sagen: »Tu das nicht. Das ist schlecht für dich. Das geht so nicht.« Dann schalten Jugendliche ab. Es ist wichtig, Gelegenheiten zu schaffen, um über Themen zu sprechen. Ich gebe meist einen Rat an Erwachsene: Hört zu. Wenn man das tut, merkt man, dass viele Jugendliche vor denselben Schwierigkeiten stehen, die auch Erwachsene wahrnehmen.

Die Gemeinsamkeiten von Erwachsenen und Jugendlichen sind größer, als man denken könnte. Es ist also entscheidend, die eigenen Lernprozesse und die von Kindern und Jugendlichen zusammen zu denken. Erwachsene und Kinder brauchen dieselben Kompetenzen, nämlich:

  • Training und Fokussierung der Aufmerksamkeit.
    Rheingold empfiehlt, die eigene Atmung zu beobachten und andere genau zu beobachten, im Zusammenleben präsent zu sein. Zudem ist es wichtig, die Aufmerksamkeit bewusst zu trainieren, immer wieder sinnvolle Muster zu wiederholen, um sie einzuüben. Wichtig ist auch zu wissen, was man will, welche Ziele man verfolgt.
  • Die Fähigkeit, Unsinn und Unwahres erkennen zu können.
    Rheingold nennt das »crap detection«. Wer suchen kann, kann Relevantes von Irrelevantem unterscheiden. Wichtig ist dabei, dass man eine Vorstellung von einem sinnvollen Resultat hat, weiß, wer sich kompetent äußern kann und wie man mehrere Quellen in einen Bezug zueinander setzen kann. Man muss im Internet detektivische Fähigkeiten entwickeln.
  • Partizipation.
    Social Media ermöglicht Teilnahme und Teilhabe an wichtigen Prozessen. Man kann sich äußern und ein Publikum finden. Partizipation muss eingeübt werden, auch ausprobiert. Neue gesellschaftliche Formen sind möglich, wichtig ist aber auch ein Bewusstsein für Umgangsformen und Privatsphären.
  • Zusammenarbeit.
    Kommunikation bezweckt immer Kooperation. Gut kooperieren bedingt, dass man Inhalte teilt, anderen vertraut, mit gutem Vorbild vorausgeht. Wichtig ist aber auch, Regeln transparent zu machen und andere einzuladen, mitzumachen. Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass die kollektive Intelligenz einer Gruppe weder vom durchschnittlichen noch vom höchsten IQ der Mitglieder abhängt, sondern von der Diversität der Gruppe und von ihrer Fähigkeit, sich im Reden abzuwechseln.
  • Netzwerkkompetenz.
    Vertrauen aufbauen und Gegenseitigkeit zu fördern ist eine Kompetenz. Man muss anderen Gefallen tun, um Gefallen erwarten zu können. Wichtig ist aber auch, Netzwerke verbinden zu können und soziale Interaktion mit Small Talk und Freundlichkeit zu pflegen.

Rheingold Buch ist zu empfehlen. Man kann mit Gewinn auch nur Auszüge lesen, sein Stil ist unkompliziert, nicht-akademisch und seine Aussagen sehr konkret und praxisbezogen.

Rezension: Geert Lovink – Networks Without a Cause

Der holländische Medientheoretiker Lovink begleitet die Entwicklung des Internets durch seine kritischen Studien, die er regelmäßig publiziert. Sein neuestes Buch ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen, es heißt »Das halbwegs Soziale«. Im Untertitel verspricht der Autor eine Kritik an Social Media beziehungsweise an der »Vernetzungskultur«. Diese Kritik leistet er – indem er unter die Oberflächen und die technischen Gegebenheiten vordringt und darstellt, welche psychologischen und sozialen Effekte sich durch die Benutzung sozialer Netzwerke beobachten und beschreiben lassen. (Im Folgenden beziehe ich mich auf die englische Taschenbuchausgabe.)

Ich werde die wesentlichen Aspekte zusammenfassen, die Lovink in der Einleitung sowie in den ersten beiden Kapiteln präsentiert (einen habe ich schon in meinen Blogpost über »social« einfließen lassen, weitere werden folgen). Die weiteren Kapitel bergen spezifische Untersuchungen zu Einzelthemen, auf die ich nicht im Detail eingehen werde. Das Buch ist eine lohnende Lektüre für alle, die Social Media nicht nur als Werkzeug benutzen wollen, sondern die zugrundeliegenden Mechanismen verstehen wollen. Lovink schreibt sehr dicht, fasst oft Gedanken von anderen Kritikern zusammen, bezieht sie auf Internet-Phänomene. Dabei berücksichtigt er eine enorme Breite von theoretischen Ansätzen – er überblickt den kritischen Diskurs im angelsächsischen und europäischen Raum und bezieht psychoanalytische, philosophische, soziologische Zugänge in seine Analyse ein.

Die Hauptthese von Lovink ist, dass das Web 2.0 seine Versprechen nicht eingelöst habe. Es habe sich ein kommunikativer Kapitalismus etabliert, der zwar Diskurs ermögliche, aber einer, dem jeder politische Gehalt fehle. Die Art, wie Entscheidungen gebildet werden, wie politische Verantwortung funktioniere, Partizipation – all das habe sich durch Social Media nicht verändert, obwohl man sich das erhofft hat. Als Beispiel fügt Lovink die PR von Politikerinnen und Politikern auf Twitter an, die politische Kommunikation nicht verändert habe. (2)

Die Frage sei, ob Social Networks im Moment eine Art Jugend durchlaufen und reiften, um dann andere Funktionen zu übernehmen – oder ob sie, wie viele User, ewig Kinder blieben. Dasselbe gilt für die Kritik sozialer Netzwerke: Sie durchlaufe Zyklen der Empörung (Kinderpornographie, Privatsphäre, Rolle des Journalismus).

In der Einleitung beschreibt Lovink das Web 2.0 mit vier Aspekten, die es von einem Werkzeug zu einem Raum machen, in dem sich verschiedene »User-Cultures« etabliert haben und etablieren:

  1. real-time
    Die Welt wird nicht virtueller, sondern das Virtuelle realer. Wir werden von sozialen Netzwerken aufgefordert, unsere Ichs permanent – in real-time – zu präsentieren – ohne eine Rolle zu spielen. Diese Präsentation ist eng mit der Möglichkeit verwoben, ein Ich-Gefühl zu entwickeln und mit anderen in Verbindung zu treten.
  2. From Link to Like
    Links erlauben Besuchern einer Webseite, auf eine andere abzuspringen. Das ist der Grund, warum sie schon immer zögerlich eingesetzt wurden. Links ermöglichen Suchmaschinen, das Netz zu ordnen, Bedeutungen und Zusammenhänge zu generieren. Weil sie das so gut können, verhindern sie aber, dass Links verwendet werden: Menschen klicken heute kaum mehr auf Links, sondern verwenden direkt die Google-Suche. Dadurch wird die Suche parasitär: Sie braucht Links für die Qualität ihrer Ergebnisse, verhindert aber gleichzeitig, dass Links verwendet werden. Diese Problematik wird verstärkt durch den zunehmenden Gebrauch von »Like«-Buttons: Hier wird nicht mehr eine direkte Empfehlung abgegeben, sondern die Empfehlung erfolgt via eine Plattform, die User dazu bringt, immer wieder zu ihr zurückzukehren. Lovink sieht hier einen Wechsel in der Aufmerksamkeitsökonomie von der Suche hin zur Selbst-Referenz.
  3. kein echter Dialog
    Das öffentliche Internet, so Lovink, sei ein Schlachtfeld extremer Meinungen, die kaum auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft würden. Deshalb wird die Kommentarkultur zu einem grossen Problem fürs Web 2.0. Gleichzeitig für real-time dazu, dass Reflexion kaum mehr möglich ist: Das Netz und seine User werden überschwemmt mit Informationen, auf die man kaum mehr gehaltvoll reagieren kann. (Der Klout-Score misst beispielsweise nicht den Gehalt von Diskussionen, sondern nur die Tatsache, dass Reaktionen erfolgen.)
  4. Nationale Netzwerke
    Immer stärker werden im Internet nationale Grenzen errichtet, die politische Kontrolle ermöglichen. Dabei spielen einzelne Dissidenten oder Hacker, die sich der Kontrolle entziehen, keine Rolle – weil sie keinen Einfluss haben können. Wer sich außerhalb des offiziellen Netzes und außerhalb der sozialen Netzwerke beweget, kann zwar das Internet frei nutzen – aber mit niemandem agieren und keine Massen mobilisieren. Die Frage wird also sein, ob es möglich sein wird, dynamische, dezentrale Netzwerke zu organisieren.

Lovink fragt, warum es keine entsprechende Theorie gäbe, die den Missstand, dass heute alle Netzwerk-Aktivität über gigantische, zentrale Netzwerke wie Google und Facebook läuft, reflektieren und Gegenkonzepte diskutieren kann.

Kapitel 1: Networked Condition

Im ersten Kapitel beschreibt Lovink die Auswirkungen des Überflusses an Information. Es beschreibt eine »networked condition« (24ff.): Sie entsteht, weil Menschen heute Unzufriedenheit nicht mehr politisch produktiv äußern können. Also entwickeln sie eine Medientheorie, in der sie Offline-Zeit als gehaltvoller präsentiert als die Auseinandersetzung mit Online-Informationen und errichten mit dem Begriff des »digital native« eine Figur, die einer Generation und einem Geschlecht zugehört, die mit den Informationsströmen umgehen können. Dabei setzen sie sich aber selber freiwillig den Informationsströmen aus, indem sie Computerdatenbanken füllen, wenn sie von Maschinen dazu aufgefordert werden, Links weiterverschicken und auf Facebook teilen, das Internet mit Informationen füttern, aus denen wiederum Konsumprodukte entstehen, die zum Informationsüberfluss beitragen.

Für junge Menschen wirkt sich das in einem Gefühl einer sanften Narkose aus: Es kann nichts getan werden, obwohl die Gesellschaft auseinanderfällt. Es bleibt der Spass, die Lustbefriedigung. Lovink zitiert Franco Berardi, der die Networked Condition als neo-liberales Gebot versteht (28):

As if there was any choice to participate in Facebook, Twitter, and to have your mobile phone on 24/7. Berardi: »The problem is not in the technology. We have come to terms with it. The killing element is the combination of info stress and competition. We have to win, and to be the first. The real pathogenic effect ist the neo-liberal pressure that makes the network condition so unlivable – not the abundance of information in itself.«

Jugendliche beherrschen die Technologie – aber sie werden von einem Druck beherrscht, präsent zu sein und sich Informationen auszusetzen – und zwar so, dass sie wahrgenommen werden. Wer sich die Kompetenz aneignet, den Bildschirm zu verlassen, sich dem konstanten Fluss von Informationen zu entziehen und zu entscheiden, was Unterhaltung, was Ablenkung und was wirklich wichtig ist, wird pädagogisch und moralisch beurteilt und verurteilt. Entscheidend ist, sich weder als Opfer einer Entwicklung zu sehen, die unser Leben beschleunigt, noch einfach regelmäßig Pausen einzulegen – sondern bewusst Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und unsere Abhängigkeit von zentralisierten Netzwerken zu reduzieren. Wir müssen lernen, selber zu bestimmen, wie mit Informationen umgegangen wird uns uns scheinbaren Sachzwängen entziehen. Lovink sieht ein Paradox: Die scheinbare Individualisierung, die durch die Präsentation unseres Ichs auf Social Media möglich wird, führt letztlich zu einer rein algorithmischen Bearbeitung von Daten, die unsere Ichs wiederum konstruieren. (Wenn das zu kompliziert schien: Wenn wir unsere individuellen Erlebnisse Facebook anvertrauen, so lassen wir die Präsentation unseres Ichs und unsere Wahrnehmung durch andere durch eine Maschine konstruieren – wie alle anderen FB-Nutzer auch…)

Kapitel 2: Facebook und Anonymität

Wer heute lebt, wird regelmäßig aufgefordert, ganz sich selbst zu sein. Gleichzeitig stimmen Menschen, die diesen Aufforderungen nachkommen, in ihren Bedürfnissen überein: Alle trinken gerne Starbucks-Kaffee, Reisen nach Australien und Sorkin-Serien. Lovink fragt, ob wir auf dem Netz jemand anderes sein können, als wir »wirklich« sind: Dabei beobachtet er die Tendenz von sozialen Netzwerken, Identität festzuhalten und jeder Person eine starre Identität zuzuweisen. Wir vertrauen diesem Identitätsmangement, weil entweder Big Brother schon lange existiert oder die Katastrophe, die alle unsere Identitäten bedrohen könnte, nie eintreffen wird (40).

Es ist heute, so stellt Lovink in Bezug auf Eva Illouz fest, dass die Herausbildung eines Ich-Gefühls nur noch in Kombination mit Quantifizierung und Vergegenständlichung dieses Ichs (z.B. in Datenbanken) möglich ist. Diese Tendenz führt dazu, dass professionelles und privates Ich immer mehr verschmelzen und wir uns deshalb immer als die schnellsten, schlausten und besten präsentieren müssen (42). Soziale Netzwerke erlauben uns, zwei Formen von sozialem Kapital aufzubauen: Zu zeigen, wer uns liebt und mit wem wir verbunden sind.

Lovink schlägt drei Auswege vor, wie wir mit diesen Problemen umgehen können:

  1. Die Selbstpromotion verhindern. 
    Gleichzeitig erlauben die sozialen Netzwerke nur positive und einfache Gefühle: Es gibt nur eine Beziehungsform (»Freunde«) und nur eine Art, auf Content zu reagieren: »Like«. Wir werden auf eine einzige Identität reduziert. Als Ausweg bleibt nur, auf verschiedenen Netzwerken verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit zu präsentieren, die verschiedenen Aspekte unserer Persönlichkeit auszudrücken, Widersprüche zu erzeugen anstatt sie zu glätten.
  2. Die Konsumhaltung hinter Social Media aufzeigen:
    Soziale Netzwerke verlangen immer mehr von uns. Twitter-Profile und ihre Statistik sind eng verknüpft: Je mehr wir leben, desto höher sind unserer Zahlen. Wir schreiben viel, aber meist Nonsense – wir sagen so viel wie die Figuren im Big Brother-Haus (46). Das kann man aufzeigen und sich diesen Trends verweigern.
  3. Anonymität wieder schätzen lernen.
    Gemeinhin wird das Internet als ein Raum angeschaut, an dem anonyme Menschen Unfug treiben. Tatsächlich sind aber nur sehr wenige wirklich anonym unterwegs – es gibt keine Anonymität im Internet. Sie ist gleichzeitig wichtig und bedrohlich.

Vorstellung: Me & My Shadow – Welche Spuren hinterlassen wir im Internet?

Die ästhetisch sehr ansprechende Website »Me & My Shadow« vermittelt sehr anschaulich Informationen über digitale Spuren, die wir im Internet hinterlassen. Die Seite gibt es leider nur auf Englisch, eine Lektüre der Texte und ein Durchlauf durch die interaktiven Angebote ist aber sehr lohnend.

 

 

Das Feature »Trace my Shadow« erlaubt es zu erfahren, welche Spuren man überhaupt im Internet hinterlässt – basierend auf einigen Nutzungsangaben. Danach ist es möglich, zu jeder Spur genauere Angaben zu erhalten.

Die Seite bietet auch die Möglichkeit, interaktiv zu erfahren, was die wesentlichen Punkte der EULA (»End User Licence Agreements« oder Allgemeine Geschäftsbestimmungen) von Online-Diensten sind, welche versteckten Datensammlungen damit legitimiert werden – siehe »Lost in Small Print«.

Die Betreiber der Seite beschreiben den Zweck ihres Angebots wie folgt:

Me and my shadow is a new initiative by Tactical Tech that will examine different aspects of the digital traces we leave behind us online. The project has developed out of a growing concern for the way that privacy issues are impacting social networking users and owners of online and mobile devices. These are important issues for everyone, but they have a particularly serious impact on rights and transparency advocates, independent journalists, and activists who can be targets of surveillance, censorship and control.
[Übersetzung phw:] »Me and my shadow« ist eine neue Initiative von Tactical Tech. Sie überprüft verschiedene Aspekte von digitalen Spuren, die wir online hinterlassen. Das Projekt ist aus der wachsenden Besorgnis entstanden, dass Privatsphärenprobleme Nutzer von Social Media und mobilen Geräten immer stärker beeinflussen. Dabei handelt es sich um wichtige Themen für jedermann, aber besonders für AktivistInnen im Bereich der Privatsphäre, unabhängige JournalistInnen und andere AktivistInnen, die das Ziel von Überwachung, Zensur und Kontrolle werden könnten. 

Rezension und Kommentar: Julia Schramm – Klick mich

Julia Schramm ist Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschlands. Sie hat diese Woche ein Buch mit dem Titel »Klick mich. Bekenntnisse eine Internetexhibitionistin« publiziert, das hohe Wellen geworfen hat. Zuerst zu den Wellen, dann zum Buch.

Das Buch wurde kurz nach seinem Erscheinen im Internet gratis zur Verfügung gestellt – man klickte auf einen Link und konnte das Buch lesen (das ist auch jetzt noch möglich). Der Knaus-Verlag verlangte im Namen der Autorin die Löschung dieser Datei – wozu er berechtigt ist. Allerdings widerspricht diese Praxis dem Credo von Julia Schramm, wonach »geistiges Eigentum« problematisch sei und sie selbst sich folgende Aufgabe gegeben habe:

Aber ich kann zumindest für die Freiheit und Anonymität des Netzes eintreten.

Zudem hat Schramm als Vertreterin der Piratenpartei die »Content-Mafia«, also Verlage wie den ihren, wiederholt kritisiert – und unterwirft sich nun den Bedingungen dieser Verlage scheinbar gerne und freiwillig.

Diese Brüche sind es aber wohl nicht, die eine gehässige, unfaire und sexistische Kritik an der Autorin ausgelöst haben, die wiederum auf einem eigenen Blog dokumentiert werden. Dort kann man nachlesen, dass das Honorar und die Tatsache, dass die Autorin weiblich ist, blanken Hass auslösen.

Erstaunlich daran ist eigentlich nur, dass das offenbar weder die Autorin noch der Verlag kommen sahen. Es wäre zumindest möglich gewesen, ein innovatives Vertriebsmodell auszuprobieren oder eine Rechtfertigung anzubieten, warum der Text nach traditionellen Mustern vertrieben wird.

Man sieht aber an dieser Reaktion auf die Publikation wesentliche Elemente des Text selbst: Julia Schramm exponiert sich im Internet – in verschiedenen Varianten ihrer Persönlichkeit. Es ist, als schäle sie sich aus abgelegten Häuten immer wieder neu heraus, erfinde sich neu oder eher: Erprobe sich neu. Das kann man im Buch nachlesen, dort werden verschiedene Identitätsschichten präsentiert, in ihrer Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit. Darauf erfährt die Autorin verschiedene Reaktionen, auch unerträgliche. Schramm schreibt:

Die unadressierte Demütigung kann jederzeit zuschlagen, den Tag aus den Angeln heben und den Selbstwert vollständig entleeren.

Diese Demütigung hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Autorin eine Frau ist. Schramm beschreibt in Klick mich, dass sie als Verwenderin von männlichen Pseudonymen auch Kritik und Gehässigkeit erfahren habe – aber viel stärker auf die Sache bezogen als auf die Person.

Das Buch ist kein Lesevergnügen: Es verwendet eine zu bewusst lockere, jargonhafte Sprache und unterlegt sie mit Verweisen auf ein Glossar, in dem selbst selbstverständliche und abwegige Begriffe erläutert werden. Narrative Elemente können nicht kaschieren, dass sie nur der Auflockerung dienen, man fragt sich, warum nicht konsequent ein autobiographischer Zugang gewählt worden ist.

Auch inhaltlich gibt es fragwürdige Passagen, zu nennen sind lange Chatprotokolle, die so weder relevant noch exemplarisch für den Umgang von Jugendlichen mit dem Internet sind, eine Sexszene, unhaltbare Aussagen über Pornographie, wirre, unsaubere Gedankengänge. Aber gerade diese Fragwürdigkeit ist Teil des Internets – es bietet sich an für solche Aussagen und Gedankengänge, wer sich intensiv mit dem Netz auseinandersetzt, stösst automatisch auf sie.

Dennoch gilt für das Buch das, was Pixar für seine Helden als Regel für gutes Storytelling vorschlägt:

Man muss eine Figur für ihre Versuche, etwas zu erreichen, mehr bewundern können, als für ihre erreichten Erfolge.

Man kann Schramm bewundern: Sie setzt sich dem Internet aus, versucht, Haltungen zu entwickeln, in einer Zeit, in der man jede Haltung zerfetzen kann. Mit den Möglichkeiten digitaler Technologie und zu diesen Möglichkeiten. Vieles geht nicht auf, vieles scheitert. Das Buch richtet sich eigentlich an niemanden: Die Netzgemeinde kennt das alles schon viel besser, die analog lebenden Menschen begegnen Schramms Darstellungen wohl allenfalls mit Verwunderung oder dem Interesse an der (sexuellen) Entwicklung einer jungen, prominenten Frau, die »zuerst digital entjungfert« wurde. (Wer wie Schramm Sexismus kritisiert, darf sich auch nicht dem Sexismus des Verlags beugen, der eine Frauenfigur mit dem Untertitel »Exhibitionistin« ausstellt, um das Buch zu verkaufen, in dem zudem Sexszenen stehen, die einem Kioskroman entnommen sein könnten.)

Bleibt zum Schluss die Kritik, dass ein Buch über die Möglichkeiten des Internets ins Internet gehört: Als interaktiver Text, als Blog, als was Neues – aber nicht als klassisches Buch. Felix Neumann, der das Buch wohlwollend rezensiert, mein im Fazit seiner Besprechung:

Eigentlich ist es kein Buch für ein Buch – die ganzen offenen Enden, ungeglätteten Stellen, das atemlose Springen, die Fülle an Unverbundenem, der Wechsel der Textsorten und Ziele hätte viel besser in ein Blog oder ein Wiki gepaßt.

Tatsächlich hat Julia Schramm diese Idee auch aufgenommen und präsentiert Auszüge aus ihrem Buch auf ihrem Blog: Versehen mit Kommentaren eines digitalen Aktivisten und ihrer Mutter. Mutig, wie das Buch, auch das.

Rezension Daniel Miller: Das wilde Netzwerk.

Beim Hören der differenzierten Kontext Reportage »Fördern soziale Medien Einsamkeit?« von DRS 2 (David Zehnder) bin ich auf Daniel Millers Buch »Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook« gestossen, das dieses Jahr im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Im Folgenden eine Rezension, in der ich besonders auf Millers Thesen zu Facebook eingehe.

Als Ethnologe schreibt der Londoner Miller grundsätzlich aus einer unaufgeregten Haltung. Er beschreibt Gesellschaften und ihre Beziehungsstrukturen. Für ihn ist Facebook Teil einer Kultur und muss als solcher untersucht werden – im Kontext des Lebens der Menschen, die Facebook nutzen. Diese Kontext findet Miller auf der karibischen Insel Trinidad. Im ersten Teil seines Buches erzählt er sieben Geschichten von Menschen, die auf Trinidad Facebook nutzen. Diese Geschichten sind narrativ konstruiert, wie Miller selber einräumt, es sind nicht Dokumentationen oder Aufzeichnungen, sondern Verdichtungen von Verhaltensweisen. Die Geschichten zeigen zunächst, dass eine Trennung von virtueller und realer Welt kaum haltbar ist: Die virtuelle Welt von Facebook ist ein Teil des realen Lebens von Menschen. Das lässt sich besonders gut verstehen, weil Miller bewusst eine uns fremde Kultur präsentiert.

Er bestätigt mit seinen qualitativen Untersuchungen seine Prämisse, dass

Facebook [sich] stets in regionalen und partikularen Verwendungsweisen realisiert und nirgendwo in einer idealtypischen »Reinform« vorkommt. Die Menschen in der Türkei haben es mit einem ganz anderen Netzwerk zu tun als die in Indonesien. (137)

Zudem gewinnt er aber auch weit reichendere Erkenntnisse, die er in einem analytischen Teil verallgemeinert. Hier seine Thesen mit kurzen Kommentaren:

  1. Facebook erleichtert das Führen von Beziehungen (138)
    Facebook ist einerseits effizient, andererseits befreit es die Menschen von sozialen Konventionen, die mit ihnen nicht besonders gut klar kommen. Wer Hemmungen hat, Menschen anzusprechen oder sich nicht sicher ist, ob ein direkter Kontakt angebracht ist, kann Facebook als »Puffer« (139) nutzen. Die Gefahr, dass virtuelle Beziehungen oberflächlich werden, hält Miller für klein: Bedeutungslose Beziehungen werden nicht gepflegt, auch wenn entsprechende Menschen in sozialen Netzwerken als Kontakte verzeichnet sind.
    Am Beispiel einer Studie von Ilana Gershon (»Breakup 2.0«) zeigt Miller, dass die Tatsache, dass Beziehungen öffentlich geführt werden (und auch beendet werden können), Unsicherheiten schaffen kann und ungewohnte Reaktionen auslösen kann – ein leichter Einwand gegen die These.
  2. Facebook hilft den Einsamen (144)
    Facebook kann Benachteiligungen von Menschen beheben – nicht nur von sozial weniger akzeptierten, sondern auch von Behinderten, von alten Menschen oder Müttern (Vätern?), die Familienarbeit leisten und so weniger Möglichkeiten haben, ihr soziales Netzwerk zu pflegen.
  3. Facebook ist eine Art Meta-Freund (146)
    Wenn ein Freund jemand ist, an den man sich in schwierigen Situationen wenden kann, so vermittelt Facebook solche Freundschaften: Zu jeder Zeit und in jeder Situation ermöglicht mir das Netzwerk, mit jemandem in Kontakt zu treten. Es ist absolut zuverlässig – birgt aber die Gefahr, dass mich die Aktivität anderer in einer schwierigen Situation deprimieren kann. Es ist auch eine sehr seltsame Form von Freundschaft, die nicht auf alle meine Inputs reagiert und völlig virtuell ist, eben: ein Meta-Freund.
  4. Facebook verändert unsere Beziehung zur Privatsphäre (149)
    Eines der Portraits im Buch präsentiert Ajani, eine Frau, die ihr »intensives Privatleben unbedingt für sich behalten möchte« (151). Gleichzeitig nutzt sie aber Facebook regelmässig, sie ist auch sonst im Web 2.0 aktiv: Spielerisch experimentiert sie mit Identitäten, was ihr gerade dabei hilft, ihr Privatleben für sich zu behalten. Damit zeigt Miller, dass die Bedrohung der Privatsphäre, die Facebook immer attestiert wird, auch nur eine Seite der Medaille ist. Korrekter ist es, davon zu sprechen, dass sich die Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit verschieben.
  5. Facebook verändert unsere Selbstdarstellung und unser Selbstverständnis (155)
    Miller zeigt, dass die Vorstellung eines »wahren Ichs« und »weniger wahren« Online-Versionen hinfällig ist. Es ist kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt, was das »wahre Ich« ist – soziale Medien können darauf einen Einfluss ausüben, und zwar nicht nur einen negativen. Wichtig ist, dass Facebook »sichtbar« macht, man wird selber zum Gegenstand – ein wichtiger Faktor in Beziehungen und in der Ausbildung einer Identität. »Es wäre […] denkbar, dass es für viele Menschen eine Notwendigkeit ist, sich selbst und ihr Verhalten von einer höheren Instanz absegnen oder verdammen zu lassen. Sie wünschen sich eine übergeordnete moralische Beurteilung ihres Tuns und Lassen – und nutzen Facebook […]« (161).
  6. Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Fluch aus Gemeinschaften (161)
    Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung haben zu einer Auflösung von Gemeinschaften geführt. Facebook steht diesem Trend entgegen. Auch wenn Kritiker einwenden, Facebook führe dazu, dass Menschen weniger Zeit miteinander verbringen, gibt es dafür keine Belege, gerade Millers Studie widerspricht diesem Befund. Wer viele soziale Kontakte hat, schätzt die indirekte Form der Kommunikation auf Facebook, wer einsam ist, kann durch FB zu Begegnungen kommen.
  7. Facebook erinnert uns an die Kehrseiten der Gemeinschaft (166)
    Gemeinschaften sind nichts Positives: Sie erlauben Ausschlüsse, Strafen, Streitigkeiten, körperliche Gewalt, Rache etc. Das wird auf FB sichtbar – etwas, was wir oft zu vergessen scheinen. Diese Sichtbarmachung ist nichts Negatives, kann sogar positive Effekte haben, wie Miller festhält.
  8. Auch Facebook kennt Normen (169)
    Facebook ist kein Raum, in dem soziale oder moralische Normen ausser Kraft gesetzt sind – vielmehr gibt es dieselben Normen in einer anderen, eigenen Form.
  9. Facebook ist keine politische Wunderwaffe (171)
    Auch dieser Punkt ist eher trivial: Politisch kann Facebook unter bestimmten Bedingungen etwas bewegen, aber auch etwas behindern.
  10. Facebook verändert unser Verhältnis zur Zeit (176)
    Facebook setzt uns, gerade durch die Timeline-Darstellung, in eine Beziehung mit unserer Vergangenheit und der Vergangenheit unserer Gemeinschaft. Zudem beschleunigt es Kommunikationsprozesse und macht Kommunikation unabhängig von der Tageszeit. Es beeinflusst aber auch die kulturellen Ausprägungen der Zeit (z.B. in Rituale), weil diese Rituale sich auch auf Facebook abspielen, wo eine Art Sozialkontrolle stattfindet, die das Ausbrechen aus konventionellen Zeitvorstellungen hemmt.
  11. Facebook verändert unsere Beziehung zum Raum (180)
    Gerade die Auswirkungen von Migrationsprozesse werden mithilfe von Facebook gedämpft, indem die Bedeutung räumlicher Distanzen geringer wird.
  12. Facebook verändert das Verhältnis von Arbeit und Freizeit (181)
    Facebook findet zu einem großen Teil am Arbeitsplatz statt – betrifft aber das traditionellerweise der Freizeit angehörende Sozialleben. Umgekehrt – und dieser Effekt mag größer sein – dringt mit Facebook und dem mobilen Web die Arbeit auch in den abgegrenzten Raum des Privatlebens ein.
  13. Facebook ist mehr als eine kommerzielle Webseite (184)
    Facebook ist zwar ein kommerzielles Produkt – was aber die Menschen damit machen, nicht. Menschen lehnen rein kommerzielle Beeinflussung ab, sie verfolgen eigene Zwecke mit der Technologie – nicht ohne aber auch sich auch unbewusst für wirtschaftliche Zwecke einspannen zu lassen.
  14. Facebook ist ein Teil einer neuartigen Medienvielfalt (189)
    Miller nennt die Medienvielfalt Polymedia: »In einem polymedialen Umfeld erhält jene Technologie den Vorzug vor einer anderen, die den Absichten des Nutzers entgegenkommt, gang gleich, ob es ihnen darum geht, Gefühle zu zeigen, oder darum, zu verbergen, jemandem in die Augen zu schauen oder seine Stimme zu hören, Streitigkeiten auszutragen oder ihnen lieber aus dem Weg zu gehen, ein Privatgespräch zu führen oder ein großes Publikum zu erreichen« (190).
  15. Facebook ist ist das Internet von morgen (192)
    Facebook zeigt Tendenzen, die das Internet bewegen: Es wird sozialer, es wird lokaler, es erschwert Anonymität, es betont Gemeinschaften, es weitet soziale Beziehungen aus und macht sie sichtbarer. Diese Tendenzen kann man an Facebook ablesen – und sie werden bleiben, auch wenn Facebook verschwindet, so Millers Behauptung.

Miller betrachtet im Schlusswort Facebook als ein konservatives Netzwerk, weil es uns dabei hilft, Beziehungen zu den Menschen zu führen, die uns nahe stehen. Diese These zeigt er an einer dichten ethnologischen Untersuchung, in die er im zweiten Teil des Buches viele theoretische Betrachtungen einfließen lässt, die von seiner enormen Fachkenntnis und Belesenheit zeugen. Eine lohnenswerte Lektüre, weil keine voreiligen Schlüsse gezogen und die Neutralität des Blickes möglichst lange aufrecht gehalten werden.

Rezension: Manfred Spitzer – Digitale Demenz

Schon bevor ich das Buch gelesen habe, war ich in intensive Diskussionen darüber verwickelt: Der Bildungsjournalist Christian Füller warf mir und dem Medienpädagogen Beat Doebeli vor, »verbohrt« zu sein und »Aufklärung und Diskurs« zu »blockieren«. Entsprechend nahm ich mir vor, das Buch wohlwollend zu lesen.

Das habe ich nun getan und werde meine Rezension in zwei Teile gliedern: Zuerst in einen kritischen Teil, der sich auf die Methodik, Rhetorik und Argumentation von Spitzer bezieht, dann in einen eher zusammenfassenden, in dem ich die wesentlichen Thesen Spitzers festhalte und diskutiere. Wer sich also nicht für meine etwas ausführlich geratene Methodenkritik interessiert, soll einfach runterscrollen.

(1) Zur Methodik Spitzers – oder »digitale Demenz« googlen

Allem Wohlwollen zum Trotz hat mich das Buch verärgert. Und zwar ziemlich schnell. Spitzer inszeniert sich auf eine Art und Weise, die mir unseriös erscheint. Er tritt nicht als Experte, Psychiater und Lernforscher auf, sondern als Wissender, der den Unwissenden seine Botschaft verkündet. Schon auf der ersten Seite des Buches hält er fest, es gehe um »die Wahrheit« (7), in der Einführung stellt er sich vor, dass ihm seine Kinder später vorhalten könnte, er habe »das alles« gewusst und nichts getan (12). Das hängt mit seinem Wissenschaftsverständnis zusammen, wie gegen Schluss des Buches ersichtlich wird (288ff.): Wissenschaft ist für Spitzer nicht die Überprüfung von Thesen oder die Erfassung komplexer Zusammenhänge, sondern die Vereinfachung im Dienste der »Aufklärung« (ebd.), der gegenüber alles andere »Verharmlosung« ist – z.B. die Aussage, es gäbe keine widerspruchsfreie Theorie der Sucht, weil sie in komplexen Lebensbedingungen entstehe.

Die Opposition von »Aufklärung« und »Verharmlosung« nimmt die Züge einer Verschwörungstheorie an. So zitiert Spitzer immer wieder fiktionale Kritiker seines Buches und macht sogar eine Vorhersage, dass die Regierung mit unseriösen Experten und unseriösen Quellen sein Buch angreifen wird (283f.). Grund dafür, so Spitzer selbst, sei keine Verschwörungstheorie (25), sondern der Glaube daran, eine Industrie wolle »mit digitalen Produkten sehr viel Geld verdienen« (25) – was natürlich absolut richtig ist, aber als Einsicht nicht dazu geeignet ist, sämtliche Kritiker Spitzers zu desavouieren.

Die Pflicht, Aufklärung betreiben zu müssen, kann wohl auch andere Schwächen von Spitzers Methodik erklären: Der wirre Aufbau, bei dem nie deutlich wird, welche Thesen er vertritt oder welche Fragestellungen er genau untersucht. So kann er die Auswirkungen des One Laptop per Child Projekts in Nigeria beschreiben und dann direkt übergehen zur Behauptung, Menschen würden im Internet mehr lügen als in der realen Welt (74f.). Der Mangel an Klarheit betrifft auch die Begriffsverwendung von zentralen Begriffen, Spitzer klärt nie, was er mit »Sucht« meint, was er unter »Medien« oder »digitalen Medien« versteht, skizziert sein Verständnis von »digitaler Demenz« nur ansatzweise oder macht dazu »educated guesses« – also Mutmassungen (302). Um die Relevanz des Begriffs zu zitieren, git er an, Google finde dazu 8000 Einträge (16) – eine Methode, die nicht nur unwissenschaftlich ist, sondern auch dem Geist des ganzen Buches widerspricht.

Hinzu kommen untaugliche und populistische Vergleiche – wie z.B. der, dass Lernen mit Bergsteigen gleichzusetzen sei: Es nütze deshalb nichts, die Wegweiser lesen zu können oder Experten zum Thema Bergsteigen zu befragen, man müsse einfach auf einen Berg steigen (17f.).

Und letztlich störe ich mich an einem selektiven Umgang mit Studien: Studien, die Spitzers Aussagen belegen, werden aus dem Zusammenhang gerissen, vereinfacht dargestellt, mit zusätzlichen Annahmen versehen und mit anderen Aussagen verbunden; Studien, die den Nutzen von digitalen Medien belegen – die kaum erwähnt werden – hingegen methodisch kritisiert und umgedeutet.

Das alles macht Spitzers Aussagen nicht falsch. Aber es gibt mir als Leser – und ich bin, was Neuropsychologie betrifft, ein Laie – den Anschein, als schrecke der Autor davor zurück, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit anderen Ansichten Ernst zu nehmen und die Möglichkeit zuzulassen, dass einige seiner Thesen falsch sein könnten. Ein sehr perfides Beispiel ist seine Abrechnung mit einer Kritik durch Dirk Frank, bei der er Steven Johnson despektierlich »einen amerikanischen Journalisten« nennt (283), ohne ihn namentlich zu erwähnen. (Vgl. auch Beat Doebelis Kritik an Spitzers Umgang mit Zahlen und Zitaten.)

(2) Spitzers Argumente

  1. Es gibt keinen Beleg dafür, dass digitale Medien fürs Lernen förderlich sind.
    Diese Einsicht finde ich wirklich verblüffend. Trotz enormen Investitionen lässt sich nicht belegen, dass diese Investitionen das Lernen erleichtert haben. Es gibt drei mögliche Einwände gegen diese Erkenntnis, die ich allerdings für relativ schwach halte:
    (a) Es fehlen umfassende (langfristige) Studien in klar definierten Lernsituationen (z.B. an Gymnasien im deutschsprachigen Raum etc.).
    (b) Lernen mit digitalen Medien ist nicht mehr dasselbe, wie ohne. Man misst also Lernerfolge mit alten Methoden.
    (c) Die Investitionen wurden noch nicht nachhaltig und umfassend genug getätigt: Erst wenn Lehrende und Lernende mit digitalen Mitteln vertraut sind, wird sich ihr Effekt zeigen.
  2. Was wir nachschlagen können, speichern wir weniger gut ab.
    Das scheint einleuchtend zu sein – es wäre ja auch ineffizient, Inhalte abzuspeichern, die wir abrufen können. Und wozu müssen wir uns Fakten merken, die wir nachschlagen können? Diesen Einwand entkräftet Spitzer: Wir brauchen für viele Gehirnaktivitäten die Gehirnareale, die nur dann ausbildet werden, wenn wir diese Speichervorgänge auch wirklich durchführen.
  3. Um digitale Medien nutzen zu können, braucht es schon »Expertenwissen«, das mit digitalen Medien nicht aufgebaut werden kann.
    Genau das hat auch mit ii. zu tun: Wir brauchen ein Orientierungswissen, das uns dabei hilft, Quellen zu bewerten und zu wissen, wonach wir überhaupt suchen, welche Antworten für uns relevant sind. Hier schient mir Spitzer zu stark nur schwarz oder weiß zu sehen: Es gibt nicht nur den umfassenden Einsatz digitaler Medien, sondern es gibt auch die Möglichkeit eines dosierten Einsatzes (viii.) – der andere Lern- und Lehrmethoden unterstützt und ergänzt, nicht ersetzt.
  4. Digitale Medien verhindern den Aufbau einer Problemlösekompetenz.
    Die damit verbundenen neurologischen Einsichten stammen hauptsächlich aus Tierversuchen und zeigen die Verknüpfung des Hippocampus mit der Gehirnrinde. Hier ist das Buch am stärksten mit neurologischer Forschung unterfüttert – geht aber wiederum von der Annahme aus, digitale Medienhinhalte seien oberflächlich und ersetzten alle anderen Lernformen.
  5. Digitale Medien verunmöglichen eine hinreichend große Verarbeitungstiefe.
    Mit Verarbeitungstiefe meint Spitzer, dass verschiedene Aktivitäten und Perspektiven auf einen Lerninhalt dabei helfen, ihn besser zu erfassen. Digitale Technik dient oft der Abkürzung und Vereinfachung: Wo früher Texte abgeschrieben wurden, wird heute kopiert. Dadurch wird die Verarbeitungstiefe reduziert, der Lerneffekt reduziert und die Ausbildung der Gehirnstruktur verunmöglicht.
    Diese Einsicht ließe sich aber auch produktiv nutzen: Geeignete digitale Lerninhalte müssen eine hinreichende Verarbeitungstiefe gewährleisten – das ist ja nicht undenkbar.
  6. Digitale Medien vergrößern die digitale Kluft.
    Das überrascht mich nicht – zeigt aber, dass die digitale Kluft ein schwer zu lösendes Problem ist. Damit ist gemeint, dass sozial schwächere Schichten oder Regionen durch die digitale Technologie noch schwächer werden. In sozial schwächeren Haushalten werden technische Geräte oft medienpädagogisch falsch genutzt, was wiederum negative Auswirkungen auf die Lernfähigkeit von Kindern hat.
  7. Medienkompetenz kann nicht durch den Einsatz von Hardware erworben werden.
    Die Erfahrung zeigt: Wenn Geräte angeschafft werden, hat das selten keinen Effekt, meist einen negativen. Zuerst muss klar sein, wofür die Geräte sinnvoll verwendet werden können – und es muss sicher sein, dass die dafür nötigen Kompetenzen vorhanden sind. Medienkompetenz muss vor dem Anschaffen von Geräten vorhanden sein, nicht nachher.
  8. Computern verbessern schulische und kognitive Leistungen – aber nur, wenn sie dosiert eingesetzt werden.
    Spitzer unterschlägt diese Aussage etwas, obwohl man sie an mehreren Stellen in seinem Buch belegen kann (85, 229, 250). Die Untersuchungen zeigen den negativen Einfluss von unterschiedlichem Medienkonsum oder -nutzung – der aber dann positiv ist, wenn er dosiert erfolgt.
  9. Der Gebrauch von digitalen Medien beeinflusst die Entwicklung des Gehirns.
    Spitzers Argument ist immer etwas dasselbe: Es gibt keine Tätigkeiten, die das Gehirn nicht beeinflussen. Die Frage ist nun: Ist dieser Einfluss negativ, positiv oder neutral? Meiner Meinung nach gibt es für gewisse, oberflächliche Medienaktivitäten klare Belege, dass sie negative Auswirkungen haben – auch auf die Entwicklung des Gehirns. Aber für weiter reichende Aussagen fehlen Studien und Belege. Es kann durchaus sein, dass sich unsere Gehirn an neue Medien anpasst – und wir das weder schlecht noch gut finden müssen, weil es einfach die Aufgabe unseres Gehirns ist. Die Aussage Spitzers, das Gehirn sei nicht für die moderne Lebensweise entstanden (15), sondern für das Leben von Jägern und Sammlern, würde bedeuten, dass wir auch auf das Lesen, das Schreiben und eine Reihe sozialer Strukturen verzichten müssten, weil sie unser Gehirn beeinflussen. Gerade hier wird ein Kulturpessimismus deutlich, der ein ungutes Gefühl hinterlässt: Auch Notizen führen dazu, dass unser Gehirn weniger speichern muss etc.
  10. Soziale Netzwerke schaden dem Aufbau von Sozialkompetenz.
    Spitzer unterscheidet hier Erwachsene, die soziale Netzwerke als Ergänzungen zu realen Freundschaften und Beziehungen nutzen, von Kindern und Jugendlichen, die nur virtuelle Freundschaften pflegen. Dabei wird stark verallgemeinert: Auch Jugendliche führen reale Freundschaften neben virtuellen. Zudem gibt es pathologische Fälle, aber es gibt auch Jugendliche, die stark an ihrem sozialen Umfeld leiden und sich in einer virtuellen Gemeinschaft aufgehoben fühlen – zu denken ist beispielsweise an Marina Weisband, die das kürzlich in einem Zeit-Interview beschrieben hat.
  11. Der Gebrauch von digitalen Medien macht Menschen krank: Körperlich und psychisch.
    Das ist letztlich die reißerische These des Titels. Die Begriffe »Demenz«, »Sucht«, aber auch Aussagen zur Lebensdauer, Fettleibigkeit etc. sind nicht hinreichend präzise, dass sie zu einer so generellen Aussagen verdichtet werden könnten. Die Befürchtungen Spitzers sollten aber im Auge behalten werden. Aber es sind Befürchtungen, nicht Einsichten.

Zusammenfassend kann man folgende Grafik aus Spitzers Buch anschauen:

Die Grafik zeigt Spitzers Medienskepsis sehr gut – und seine Verallgemeinerungen. Digitale Medien – so meine Position – stehen einer gesunden Entwicklung nicht entgegen, weil sie keine Alternative dazu sind und sein sollen, sondern eine Ergänzung. Niemand soll auf das Begreifen der Welt verzichten, auf Sport, Musik oder Theater. Aber es ist möglich, zusätzlich am Computer zu spielen – nicht täglich und nicht stundenlang, aber dosiert, und das Smartphone als Lerninstrument zu nutzen – nicht immer und in einem sinnvollen Kontext.

Und noch ein paar Links:

  1. Videobeitrag von Spitzer (NDR, 2. August 2012).
  2. Interview mit Spitzer (seine Thesen verdichtet, Pressetext)
  3. Kritische Rezension von Christian Jakubetz (Cicero)
  4. Eine sehr wichtige Aussage macht André Spang in der taz: Spitzer versteht nicht, wie das Internet und das Lernen im Netz funktionieren.
  5. Kritik von Martin Lindner (Carta), hier sein Fazit:

Das Buch ist nicht ernst zu nehmen. Aber es hat keinen Sinn, sich über Spitzers Talkshow-Triumphzug lustig zu machen. Alle, die dazu lustig twittern, sollten sich an die eigene Nase fassen: Wir sind nämlich selber schuld.

Warum haben wir, die Web 2.0-Fraktion, diese Leerstelle gelassen, in die er sich jetzt so begeistert wirft? Warum kann ein ernsthaft besorgter Mensch sich kein Buch kaufen, in dem wir uns vernünftige Gedanken über all das machen: Werden Jugendliche, die (auch digitale) Schriftkultur nicht können, jetzt vollends abgehängt? Was machen faschistoide Ich-ballere-alles-ab-Stirb-langsam-Spiele und Überall-Porno in den Köpfen? Auch die Frage, was mit dem Selberschreiben wird, ist nicht von vornherein lächerlich.

Der Punkt ist nur: Das alles gibt es sowieso. Die Jugendlichen sind bereits im Netz und vor den Geräten, und gerade die potenziell Gefährdeten werden wir am wenigsten dran hindern können. Daran ist ganz sicher nicht die Schule schuld, oder wohlmeinende Eltern, weil sie ihre Kinder mit zum Lernen gedachten digitalen Geräten “anfixen”.

Nicht weniger Medien sind das Gegenmittel sind, sondern mehr, und anders: als Werkzeug der Selbstermächtigung, in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Da hilft nicht Nostalgie, kein Verbot, auch nicht medienpädagogisches Darüberreden, da hilft nur: vormachen.

Rezension: Byung-Chul Han – Transparenzgesellschaft

Der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han hat dieses Jahr ein schmales Bändchen zur „Transparenzgesellschaft“ geschrieben. Es enthält einen Essay, in dem die Forderung nach Transparenz einer ausführlichen Kritik unterzogen wird, indem gezeigt wird, was diese Forderung für verschiedene soziale Systeme bedeutet.

Transparenz ist ein systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen Vorgänge erfasst und sie einer tiefgreifenden Veränderung unterwirft.

Transparenz versteht Han als eine umfassende Angleichung: Alles andere und Fremde bedrohe Transparenz und müsse deshalb eliminiert werden.

Han formuliert einige konkrete Einwände gegen das Gebot der Transparenz, das ein Ersatz für das fehlende moralische Fundament der Gesellschaft geworden sei:

  • Die transparente Sprache ist eine maschinelle, die menschliche eine, in der niemand genau weiß, was der andere meint.
  • Transparentes Denken ist Rechnen – Denken braucht das Ungedachte, Undenkbare, Unbewusste und lässt weg, ohne transparent zu machen.
  • Der Mensch ist sich nicht einmal selbst transparent – wie sollte er dieser Forderung andern gegenüber genügen sollen?
  • Mehr Informationen führen nicht zu besseren Entscheidungen.
  • Transparenz verunmöglicht Bereiche, in denen Menschen nicht den Blicken anderen ausgesetzt sind.
  • Negative Gefühle und der Umgang mit Schmerz und Leiden erhalten in der transparenten Gesellschaft keinen Raum.

Für Han ist die Transparenzgesellschaft eine „Positivgesellschaft“: Negatives (in jedem Sinn des Begriffs) kann und darf es nicht geben, weil es nicht transparent gemacht werden kann.

Hans kritische Lektüre der Post-Privacy- und Piratenbewegung enthält auch eine Auseinandersetzung mit sozialen Netzwerken:

Das allgemeine Verdikt der Positivgesellschaft heisst ‚Gefällt mir‘. Es ist bezeichnend, dass Facebook sich konsequent weigerte, einen Dislike-Button einzuführen. Die Positivgesellschaft meidet jede Spielart der Negativität, denn diese bringt die Kommunikation ins Stocken. […] Auf ‚Like‘ folgt schneller Anschlusskommunikation als auf ‚Dislike‘. Die Negativität der Ablehnung lässt sich vor allem ökonomisch nicht verwerten.

Damit sind wir bei der Basis von Hans Kritik:

Erstens ist die Transparenzgesellschaft die ultimative Leistungsgesellschaft, weil alle Widerstände ausgeräumt sind und die Kontrollmechanismen so subtil, dass sich alle selbst disziplinieren, weil alle anderen sofort sähen, wenn keine Leistung erbracht wird.

Zweitens gibt es in der Transparenzgesellschaft kein Nicht-Wissen mehr und damit auch kein Vertrauen. Wenn man alles weiß, ist Vertrauen unnötig. Es gibt auch keine Wahrheit und keinen Schein mehr, alles ist wie es ist.

Und drittens ist die Transparenzgesellschaft pornographisch: Ihre Bilder zeigen alles, ihre Liebesverhältnisse kommen ohne Spiele, Geheimnisse und Negativität aus.

* * *

Hans Schrift ist lesenswert: Er zitiert interessante Nietzsche-, Benjamin- und Heideggerpassagen, fasst Gedankengänge von Platon bis Agamben knapp zusammen und schreibt unterhaltsam. Seine Kritik ist fundiert – auch wenn sie die Transparenzgesellschaft als eine Folie konstruiert, die es so nicht gibt. (Matthes & Seitz, 10 Euro).