Handys im Unterricht

Andres Streiff hat einen Educa-Guide verfasst, in dem die Möglichkeiten des Lernens mit Handys im Unterricht thematisiert werden:

Handys und Smartphones müssen heute nicht mehr nur für den Freizeitbedarf genutzt werden. Sie können Schülerinnen und Schülern auch das Lernen erleichtern und Zeit sparen. Der vorliegende educa.Guide will Volksschulen den Einstieg ins M-Learning erleichtern. Dabei geht es dem Autor darum, aufzuzeigen, wie man konkret zum Entstehungszeitpunkt des educa.Guides (Herbst 2010) an die Umsetzung gehen kann. Er berichtet aus seinen eigenen Erfahrungen mit mobilen Kommunikationsgeräten im Unterricht.

Der Guide kann hier heruntergeladen werden, dort gibt es auch weiterführende Materialien. Lizenz des Guides: CC BY-NC-ND.

Risiken im Umgang mit Social Media

Im Sinne einer umfassenden Prävention ist es an der Zeit, dass Lehrpersonen auch kompetent auf Gefahren aufmerksam machen, die Social Media-Aktivitäten mit sich bringen. Dabei sind zwei Punkte meiner Meinung nach entscheidend:

  • Prävention sollte zum Ziel haben, dass Jugendliche eine Distanz einnehmen können und »nein« sagen können.
    Es kann nicht das Ziel sein, ihnen ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie auf dem Internet sozial aktiv sind oder sie zur Abstinenz zu erziehen, sondern sie kompetent und risikobewusst werden zu lassen.
  • Prävention erfordert von einer Lehrperson keine Detailkenntnisse in Facebook, Twitter und beim Schreiben von Blogs – genau so wenig, wie eine Lehrperson Gelegenheitsraucher oder -raucherin sein muss, um Rauchprävention thematisieren zu können.

Im Folgenden präsentiere ich eine fokussierte Zusammenfassung der Risiken, die als Ausgangslage für entsprechende Unterrichtseinheiten dienen kann. Ich werde wichtige Punkte fortlaufend ergänzen und die Zusammenfassung präzisieren. Für Hinweise in den Kommentaren bin ich dankbar.

1. Wer liest, was ich schreibe? 

Kommunikation im Internet kann privat, halb-öffentlich oder öffentlich sein. Problematisch ist die Verwischung dieser Bereiche, was an zwei Beispielen gezeigt werden kann:

  1. Wer sind Freunde von Freunden? 
    Viele auf Facebook geteilte Bilder oder Notizen können sich »Freunde von Freunden« ansehen. Wer ist das?
    Angenommen, man hat 200 Freunde und alle dieser Freunde haben wieder 200. Dann heißt das, dass 200×200, also 40’000 Menschen lesen können, was ich schreibe (etwas weniger, wenn mal alle mehrfach vorkommenden abzieht). Konkret aber: Die ganze Schule, der ganze Verein, das ganze Dorf.
    Man sagt, alle Menschen auf der Welt kennen sich über fünf Stationen (»Kleine-Welt-Phänomen«) – was umgekehrt heißt, dass sich über zwei Stationen schon viel mehr Menschen kennen, als man denken würde. »Freunde von Freunden« ist kaum zu unterscheiden von »alle«.
  2. Was kann mit privaten Chats geschehen?
    Was in einem Chat geschrieben wird, ist auf einem anderen Computer abrufbar. Es kann kopiert werden – und dann veröffentlicht. Wenn man der besten Freundin heute schreibt, was man über Charlotte wirklich denkt – wie weiß man dann, dass Charlotte in einem Monat oder einem Jahr nicht eine Kopie von dem erhält, was man heute geschrieben hat?
    Grundsätzlich wird alles, was ich in privaten Konversationen schreibe, für immer so gespeichert, dass es öffentlich werden kann.

2.  Wer bin ich im Internet – und wer sind die anderen?

Oft verwendet man Pseudonyme im Internet – ich schreibe nicht unter meinem richtigen Namen, sondern als »D0nald$12«. Dennoch kann leicht herausgefunden werden, wer man ist:

  • Man hinterlässt mit seinem Computer und Internetanschluss Spuren, die zwar nicht direkt sichtbar sind, aber entschlüsselt werden können.
  • Man hinterlässt an verschiedenen Orten viele Informationen, die zusammen viel über einen verraten.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass man mit einem Pseudonym nicht besser geschützt ist als ohne.

Gleichzeitig weiß man aber nie, wer andere sind. Auch Profile, mit denen man ganz lange gechattet hat, denen man vertraut – sind nur Profile. Dahinter stecken Menschen, die vielleicht ganz andere Absichten haben, die einen täuschen können. Man soll nicht allen Menschen, mit denen man im Internet kommuniziert, pauschal böse Absichten unterstellen – ihnen aber nur so weit vertrauen, wie man keinen großen Schaden erleiden kann: Das gilt besonders für Bereiche, in denen sich die virtuelle Realität mit der gelebten überschneiden (also Treffen, Bankkonten etc.).

Hier kann man sich die Anekdote in Erinnerung rufen, wie sich zwei Menschen in einem Forum ineinander verliebt haben. Das Problem der einen Person war nun, dass sie sich als »normalgewichtig« bezeichnet hatte, obwohl sie übergewichtig war. Deshalb zögerte sie ein Treffen hinaus – um dann schließlich herauszufinden, dass die andere Person genau dasselbe getan hatte. Moral: Genau so, wie ich mich selber nicht als mich selbst darstelle, tun das auch andere nicht im Internet.

3. Wie viel Information ist zu viel Information? 

Menschen haben das Recht auf eine Privatsphäre: Ich muss meine Geheimnisse, Gedanken, Daten etc. niemandem verraten, wenn ich das nicht will. Diese Privatsphäre ist wichtig – nicht nur für mich, sondern auch für andere.

Wenn ich also etwas ins Internet schreibe, dann kann ich zwar Persönliches von mir preisgeben, wenn ich das möchte. Aber sobald ich Informationen über meine Freunde, meine Familie etc. veröffentliche, verletze ich damit ihr Recht, darüber zu bestimmen, wer was weiß.

Wichtig ist, dass mir gerade im Zusammenhang mit 1. folgender Grundsatz präsent ist: »Alles, was ich ins Internet schreibe, wird für immer gespeichert und kann möglicherweise von allen gelesen werden.« Gerade abschätzige Kommentare über Mitmenschen, Schulen und Organisationen kann einem später zum Verhängnis werden, auch wenn man selbst längst vergesssen hat, dass man das je gesagt oder geschrieben hat.

Zudem nutzen auch kriminelle Menschen das Internet. Macht man es ihnen zu leicht, herauszufinden, wer wann in den Ferien ist und den Hausschlüssel im Blumentopf versteckt hat, muss man sich nicht wundern, wenn der Goldschmuck nicht mehr da ist, wenn man aus den Ferien zurückkommt.

Wichtig ist also, gut zu überlegen, welche Information man warum veröffentlicht. Viele Informationen können auch kombiniert werden, ohne dass wir daran gedacht hätten. (Was wir vor drei Jahren auf Facebook veröffentlicht haben, ist immer noch dort…)

4. Passwörter sind kein sinnvoller Vertrauensbeweis

Junge Menschen tauschen Passwörter, um sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern oder ihr Vertrauen zu demonstrieren (hier ein guter Artikel aus der New York Times). Dieses Vorgehen ist gefährlich: Freundschaften zerbrechen, Vertrauen wird missbraucht.

Passwörter sollten persönlich sein. Wer aufgefordert wird, sein Vertrauen zu beweisen, sollte entgegnen, dass Vertrauen gerade nicht bewiesen werden kann oder muss. Vertrauen ist nicht Kontrolle.

Generell sollten Passwörter nicht leicht zu merken sein und regelmässig geändert werden, dafür gibt es einfache Tools, die hilfreich sind, z.B. OnePassword.

5. Privatsphäreneinstellungen und Konten löschen – hilft das? 

Es gibt keine Social Media-Plattform, bei der es möglich ist, die Privatsphäre klar zu schützen und mit einer Löschung des Kontos sämtliche Informationen aus dem Internet zu entfernen. Diese Aussage ist wohl leicht übertrieben, aber ein hilfreicher Leitgedanke.

Das heißt nicht, dass man nicht bei jedem Netzwerk sich darüber im Klaren sein soll, wo Privatsphäreneinstellungen vorgenommen werden können und wie ein Konto gelöscht werden kann. Aber darauf zu vertrauen, ist gefährlich.

6. Mein soziales Umfeld im Internet

Jeder erwachsene Mensch kann nur 150 soziale Beziehungen unterhalten. Ob ich diese Beziehungen nun im Internet unterhalte oder nicht, ändert an dieser Tatsache nichts.

Virtuelle Beziehungen haben andere Eigenschaften als reale. Darüber sollte man nachdenken. Man exponiert sich im Internet auch, wird leichter angreifbar: Es ist leicht, einen gehässigen Kommentar zu schreiben, viel leichter, als eine Person direkt zu beleidigen. Ist man in Social Media aktiv, setzt man sich der Gefahr aus, beleidigt, bedroht, belästigt zu werden. Wenn das passiert, muss man sich an jemanden wenden, das mitteilen und sich wehren.

7. Sucht und Digitale Einsamkeit

Zuletzt kommen wir zu den psychischen Gefahren, die Social Media mit sich bringen. Es ist klar: Nicht jede Nutzerin von Facebook und jeder Nutzer von Twitter ist abhängig und erfährt psychische Probleme. Es handelt sich um Werkzeuge, die sinnvoll eingesetzt werden können. Sie bringen aber auch eine Gefahr mit sich, andere, wichtige Dinge zu ersetzen, zu verunmöglichen. Sie können uns einsam machen – und abhängig.

Der Kulturkritiker William Deresiewicz beschrieb 2010 im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, wie uns Social Media einsam machen:

[Die] Moderne [ist] von der Angst des Einzelnen geprägt, nur eine einzige Sekunde von der Herde getrennt zu sein. […] Ich möchte eine Analogie ziehen: Das Fernsehen war eigentlich dazu gedacht, Langeweile zu vertreiben – in der Realität hat es sie verstärkt. Genauso verhält es sich mit dem Internet. Es verstärkt die Einsamkeit. Je mehr uns eine Technik die Möglichkeit gibt, eine Angst des modernen Lebens zu bekämpfen, umso schlimmer wird diese Angst bei uns werden. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt treten können, fürchten wir uns umso mehr, allein mit uns und unseren Gedanken zu sein.

Für die Abhängigkeit gilt das, was für alle Suchtmittel gilt: So lange ich etwas genießen kann, darf ich das auch. Sobald ich es aber genießen muss, genieße ich es nicht mehr – und bin abhängig. Diesen Übergang gilt es zu vermeiden.

[Für Eltern und Lehrpersonen empfiehlt sich eine Lektüre des Leitfadens des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) als pdf.)

Digilern-Keynote: »Web 2.0 in der Schule – Weshalb sollte ich das denn auch noch machen?«

Der Mathematikdidaktiker Christian Spannagel hat auf dem Kongress zum Lernen mit digitalen Medien (DigiLern) eine Keynote gehalten, in der er der Frage nach geht, welche Vorteile die Integration von Web 2.0 in die Schule haben kann.

Das Referat lohnt sich anzusehen, es dauert zwar knappe 40 Minuten (ohne Fragen), ist aber sehr aufschlussreich.

Schule in der Informationsgesellschaft


Auf der Seite Schule in der Informationsgesellschaft wird ein Poster bereitgestellt, mit dem die Entwickler folgende Ziele haben:

Das Poster „Schule in der Informationsgesellschaft“ soll dazu anregen, über die aktuelle und künftige Rolle digitaler Medien in der Schule nachzudenken. Es kann als Grundlage für die gemeinsame Diskussion in schulinternen Arbeitsgruppen und Weiterbildungen dienen. Das Poster wurde vom Institut für Medien und Schule der PH Zentralschweiz – Schwyz und mit Unterstützung der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften entwickelt.

Die Initianten formulieren auf ihrer Seite drei Einsatzmöglichkeiten, z.B. »Vorteile und Nachteile abwägen«:

  1. Schauen Sie sich das Poster an und stellen Sie sich vor, dass Ihre Schule in fünf Jahren so aussehen würde. Ist das eine wünschenswerte Vorstellung oder sehen Sie das eher kritisch?
  2. Kleben Sie sprechblasenförmige Notizzettel auf das Plakat, auf die Sie mit einem grünen Stift positive Aspekte schreiben und mit einem roten Stift negative Aspekte, die sie von so einer Entwicklung erwarten würden.
  3. Überlegen Sie sich Massnahmen, die nötig wären, um die Entwicklung von der heutigen Situation in Richtung der positiven Aspekte voranzutreiben. Denken Sie über Massnahmen nach, um die möglichen negativen Aspekte zu vermeiden. Schreiben Sie diese Massnahmen auf quadratische Klebezettel und heften Sie sie neben die entsprechenden Sprechblasen.
  4. Versuchen Sie, die Massnahmen gemeinsam zu priorisieren. Was sind wichtige und was weniger wichtige Massnahmen? Kleben Sie zunächst individuell 3 Klebepunkte auf die für Sie wichtigsten Massnahmen. Diskutieren Sie dann in der ganzen Gruppe, ob sich damit eine mögliche Strategie für Ihre Schule ergibt.

Das Poster ist sehr hoch aufgelöst, die Originalfiles finden sich hier: jpg (11 MB)pdf (12 MB). Es darf unter der Lizenz CC BY-NC 3.0 verwendet werden.

Schule in der Informationsgesellschaft

Social Media-Guidelines für Lehrpersonen

Heute hat das ORF seine Social Media-Guidelines veröffentlicht (pdf). Diese Guidelines können einfach auch für Lehrberufe adaptiert werden, was ich im Folgenden tue. Der erste Punkt umfasst einen zentralen Hinweis der BBC. Die Richtlinien halten dazu fest:

Diese Regel hat die BBC ihren Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit sozialen Netzwerken auferlegt. Lieber einmal mehr nachgedacht, als später ein Posting bereut. Der informelle Ton in sozialen Netzwerken verleitet dazu, flapsig zu schreiben. Doch wir werden nicht nur als Privatperson im Internet wahrgenommen, sondern auch als ORF-Mitarbeiterin oder Mitarbeiter. Wer seine (politischen) Ansichten in sozialen Netzwerken verbreitet, läuft Gefahr, dass die journalistische Unabhängigkeit und Unparteilichkeit in Frage gestellt werden könnte.
Unsere „Social-Media-Guidelines“ sind Empfehlungen für alle, die sich im virtuellen Raum bewegen – beruflich und privat. Diese Empfehlungen, die wir als Redakteursvertretung ausgearbeitet haben, sollen nicht als Maulkorb missverstanden werden. Sondern im Gegenteil: Sie sollen dazu ermuntern, sich aktiv, aber mit Vernunft in sozialen Netzwerken zu präsentieren.

Hier also die adaptierten Guidelines für Lehrpersonen. Über Hinweise oder Ergänzungen freue ich mich (z.B. in den Kommentaren).

  1. Tue nichts Dummes!
  2. Man ist im Internet nie nur Privatperson, sondern wird als auch Lehrperson wahrgenommen.
  3. Achte auf deinen Ruf und auf den deiner Schule.
  4. Tue nichts, was Zweifel an deiner Qualifikation für den Lehrberuf und an deiner Fairness gegenüber deinen Schülerinnen und Schüler auslösen könnte.
  5. Zeige Fingerspitzengefühl bei politischen, religiösen und anderen heiklen Themen.
  6. Schreibe nichts, von dem du nicht willst, dass es auch morgen oder in einigen Jahren noch auf dem Netz zu finden sein wird.
  7. Soziale Netzwerke sind Werkzeuge, keine Spielzeuge.
  8. Interagiere mit Schülerinnen, Schülern und anderen Lehrpersonen.
  9. Bleibe höflich.
  10. Kümmere dich um deine Privatsphäreneinstellungen.
  11. Halte dich auch im Netz an Gesetze – insbesondere ans Urheberrecht.

Man kann nicht nicht bei Facebook sein

Medienpädagogik hat eine Parallele mit Sexualpädagogik: Abstinenz ist keine praktikable Haltung. Schülerinnen und Schüler ständig davor zu warnen, bei Social Media mitzumachen, ist eine eitle Bemühung: Es ist schon zu spät.

Aus mehreren Gründen: Einerseits, weil Jugendliche aus verschiedenen Gründen mitmachen wollen, ja mitmachen müssen. In Klassen oder Vereinen läuft sehr vieles über Facebook, das man verpasst, wenn man sich verweigert. Andererseits sind wir alle schon Teil von Facebook – ob wir es wollen oder nicht (und ob wir es wissen oder nicht). In Anlehnung an Watzlawicks Kommunikationsaxiom (»Man kann nicht nicht kommunizieren«) kann man ein Facebook-Axiom formulieren, das zumindest in den Industrieländern mit hoher Facebookpenetration gilt. In der Schweiz sind momentan 32% aller Menschen mit einem Facebookprofil ausgestattet, also rund ein Drittel (in der Altersgruppe der 20-30-jährigen sind es ca. 90%).

Dieses Drittel der Bevölkerung stellt Facebook bewusst oder unbewusst umfangreiche Daten zur Verfügung, um Freunde zu finden: Meistens das ganze auf dem Computer oder Handy gespeicherte Adressbuch. Facebook speichert diese Daten, kennt also nicht nur die Adressen, Telefonnummern, Geburtstage etc. der Menschen, die bei Facebook registriert sind, sondern auch von all den Menschen, die diese Menschen im nicht-virtuellen Leben kennen. Die Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer in der Schweiz kennen wahrscheinlich alle in der Schweiz lebenden Menschen – ergo sind auch alle in der Schweiz lebenden Menschen in den Datenbanken von Facebook vorhanden.

Dazu kommt: Facebook kann auf Photos Gesichter erkennen. Wenn also eine Person nur einmal auf einem Photo mit dem Namen bezeichnet worden ist, weiss Facebook auf allen bei ihnen gespeicherten Photos, ob diese Person drauf ist (oder Facebook könnte das wissen). Unabhängig davon, ob die Person selbst weiss, dass es dieses Bild von ihr gibt.

Das heißt: Es gibt auch für Facebook-Verweigerer und -Verweigerinnen ein Profil auf Facebook: Ausgestattet mit Bildern, Freundeslisten und anderen Informationen, die verfügbar sind. Und das nicht nur bei Facebook: Solche Profile legt auch Google an – und verbindet sie gleich mit unseren Suchvorlieben. Das sieht dann z.B. bei mir wie folgt aus – einsehbar unter google.com/history (diese Funktion ist bei Google ausschaltbar, auch FB kann teilweise am Sammeln von Daten gehindert werden, aber nicht komplett):

Google Suchaktivitäten, März 2012

Wichtig ist das Bewusstsein: Man ist im Internet präsent und kann diese Präsenz nicht verhindern. Ob man sie nun aktiv gestalten will oder nicht – das eine Entscheidung, die alle selbst fällen müssen.

Für weitere Informationen zum Thema empfehle ich die beiden Facebook-Kapitel aus David Bauers Buch »Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben« empfohlen:

  1. Was muss ich über Facebook wissen?
  2. Was weiss Facebook über uns?

(Ich habe in diesem Post einen früheren Blogpost wiederverwendet.)

Sociale Netzwerke analog nachspielen – »Der Netzwerkeffekt«

Auf dem EduCamp in Köln, das am letzten Wochenende stattfand, wurden Möglichkeiten des Einsatzes von modernen Medien in einem Bildungskontext thematisiert. Dabei wurden von einem Team von Studierenden ein Rollenspiel mit dem Titel »Der Netzwerkeffekt« vorgestellt, wie der Denkwerk Blog berichtet:

[Ronald Smolka, Nadine Ickenstein, Lisa Poggensee, Olga Mavasheva und Carina Pogoreutz] haben das analoge Spielkonzept im Rahmen eines Mediendidaktik-Seminars in Zusammenarbeit mit Guido Brombach vom DGB-Hattingen entwickelt. Das Rollenspiel wurde für die pädagogische Praxis konzipiert, um erwachsenen Seminarteilnehmern die Dynamik sozialer Netzwerke am Beispiel von Facebook näher zu bringen.

Das Spiel besteht aus einer Anmeldephase, einer Beziehungsphase und einer Spielphase. Ziel dabei ist es, möglichst viele Punkte in verschiedenen Kategorien zeigen, wie die Grafik zeigt (Rechte dafür liegen beim Denkwerk Blog):

In einer Reflexionsphase ermöglicht das Spiel, nachzuvollziehen, welche Emotionen in sozialen Netzwerken erlebt werden. Im Blog werden die Gefühle der Teilnehmenden wie folgt beschrieben:

Für einige Teilnehmer war es Stress pur. Sie verloren die Kontrolle über ihr Profil und geposteter Nachrichten, vernahmen erste Anzeichen der Reizüberflutung und hatten zum Teil Bedenken, dass ihr Profil nicht den Ansprüchen der Nutzer genügen wird. Erkenntnisse, die in vielen Punkten mit denen der Onlinewelt vergleichbar sind.

Ich denke, das Spiel könnte gut als Fortbildung in LehrerInnenteams gespielt werden, evtl. ließe sich auch eine Unterrichtseinheit mit Schülerinnen und Schülern dazu konstruieren.

Weitere Informationen findet man an folgenden Orten:

Internetlehrer an der Grundschule

In der Zeit erschien im 15. März 2012 ein Artikel von Kai Biermann, in dem er seinen Auftritt als »Internetlehrer« dokumentiert – und der aufzeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen den medialen Bedürfnissen von Lehrpersonen und von Primarschülerinnen und -schülern heute ist:

Die Lehrer sitzen daneben und wundern sich. Sie wundern sich, was ihre Schüler alles wissen, wo sie sich bereits auskennen und wie souverän sie Dienste und Angebote teilweise nutzen.

Auch die Digitalisierung der Schule (z.B. durch Whiteboards) ändert daran offenbar wenig:

Die Lehrer werden zwar im Umgang mit der Software für die Computertafeln geschult, aber wie sie das nun stets verfügbare Netz in ihrem Unterricht nutzen, bleibt ihnen überlassen. Im Rahmenlehrplan steht dazu nichts, das Fach „Umgang mit dem Internet“ gibt es nicht.

»In Mathe und Deutsch sind wir die Profis, die alle Fragen beantworten können, in den neuen Medien nicht«, meinte einer der befragten Lehrer.

Biermann selbst gelangt zu folgendem Fazit:

Wir sind hierzulande oft skeptisch, wenn es um neue Technik geht. Das ist nicht schlecht. Aber das Internet ist nicht mehr neu, wir müssen langsam mal anfangen, den Umgang damit zu vermitteln. Denn bewahren können wir unsere Kinder davor sowieso nicht und sollten es auch nicht.

Der unwissende Lehrmeister – Social Media und dialogisches Lernen

Im Folgenden präsentiere ich einen theoretisch-pädagogischen Ansatz von Jacques Rancière und verbinde ihn im zweiten Teil mit dem Thema Social Media.

Das traditionelle Verhältnis von Lehrerin und Schülerin lässt sich wie folgt fassen:

Die Lehrerin weiß vieles und weiß auch, wie man daraus ein »objet de savoir« machen kann, einen Wissensgegenstand.

Die Schülerin weiß
a) (noch) nicht, was die Lehrerin weiß
b) weiß nicht, was sie nicht weiß
c) weiß nicht, wie sie es lernen könnte.

Rancière – ein französischer Philosoph – leitete nun in seinem in den 1980er-Jahren erstmals erschienen Buch folgende Konsequenzen daraus ab (ich habe den Hinweis darauf aus Karl-Werner Modlers Buch »Der Ritt auf dem Tiger«):

  1. Es gibt eigentlich keine wirklich Unwissenden, weil jeder Mensch immer beobachtet, wiederholt, ausprobiert, Fehler macht, sie korrigiert etc.
  2. Im traditionellen Verständnis der Lernens gibt die Lehrerin eine Erklärung ab. Diese Erklärung schafft zuerst eine Distanz zwischen Schülerin und Wissensgegenstand, um ihn dann wieder aufzulösen.
  3. Die Lehrerin braucht die Schülerin, um die Distanz zwischen ihrer Intelligenz, die weiß, worin die Unwissenheit besteht, und der der Schülerin, die das eben nicht weiß, aufrecht zu erhalten.
  4. Besser wäre eine »unwissende Lehrmeisterin«, welche nur Folgendes tut:
    Die Schülerinnen zwingen, sich Sachverhalten auszusetzen, und dann auf drei Fragen zu antworten:
    a) Was siehst du?
    b) Was denkst du darüber?
    c) Was machst du damit?
  5. Die bessere Schülerin sagt nicht »ich kann nicht«, weil sie damit voraussetzt, dass die Lehrerin kann und ihr sagen kann, wie auch sie könnte, sondern sie soll verschiedene Weisen finden, mit dem Gefühl des Nicht-Könnens umzugehen; etwas indem sie sagt: »Céline konnte nicht…« und dann diese Situation beschreibt.

Social Media ist ein geeignetes Medium – aber auch ein geeigneter Lerninhalt für diese Vorschläge von Rancière. Es kann davon ausgegangen werden, dass Lehrpersonen gleich viel oder weniger Kenntnis von Vorgängen im Bereich der Social Media haben, als ihre Schülerinnen und Schüler. Es wäre also möglich, einen Lernprozess als Dialog über Social Media zu initiieren.

Die Voraussetzungen dafür wären:

  • Keine Vorurteile von Lehrpersonen über die Aktivitäten ihrer Schülerinnen und Schüler in Social Media.
  • Ein echtes Interesse und eigenes Ausprobieren, im Sinne von: Schülerinnen und Schüler erklären, wie es funktioniert.
  • Ein gemeinsames oder individuelles Projekt, in das alle ihre Fähigkeiten einbringen (z.B. ein Blogprojekt).

Die didaktische Grundlage wäre wohl das dialogische Lernen von Ruf und Gallin, das auf folgenden Prämissen beruht:

  1. Wirksame Instruktion entspringt und mündet im Zuhören. [1]
  2. Motivation entsteht und entwickelt sich mit der Erfahrung, etwas ausrichten zu können und Fortschritte zu machen. [2]
  3. Lernen bedeutet Umbau und Erweiterung, nicht Neubau. [3]
  4. Ohne Erfolg keine Anstrengung, ohne Anstrengung kein Erfolg. [4]
Konkret wird dann wie in der Abbildung dargestellt gearbeitet (Rechte an der Abbildung liegen bei den Autoren):

Fazit: Gerade die Tatsache, dass Lehrpersonen unter Umständen wenig Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich Social Media haben, wäre eine Chance für ein entsprechendes Projekt, weil es die grundsätzliche Annahme, dass Lehrpersonen mit dem Unterricht leere Flaschen (ihre Schülerinnen und Schüler) mit Inhalten füllen, aufhebt.

Werden die wenig medienaffinen Menschen Lehrerinnen und Lehrer?

http://twitter.com/#!/jmm_hamburg/status/180979596756389888

Dieser Tweet stammt von einer Veranstaltung auf dem EduCamp Köln 2012, eine Veranstaltung, auf der medienpädagogische Fragestellungen in freien Formen diskutiert werden.

Die Frage kann an sich so stehen gelassen werden, wie sie im Titel formuliert ist. Man könnte sie ausweiten: Unter welchen Umständen würden medienaffine Menschen Lehrerinnen und Lehrer werden wollen? Gibt es tatsächlich Untersuchungen, ob der Lehrerberuf so schlecht abschneidet im Vergleich mit anderen Studien- und Ausbildungsgängen?

Mein subjektiver Eindruck aus der schweizerischen Bildungslandschaft ist der, dass es auch heute noch Lehrpersonen gibt, die es sich leisten können, digitale Analphabeten zu sein, also z.B. nicht die Flexibilität haben, verschiedene Textverarbeitungstools zu nutzen, nicht in der Lage sind, einen Projektor an einen Computer anzuschließen, Dokumente nicht gemeinsam mit Lernenden bearbeiten können und wollen.