Ein Twitter-Experiment

Eine Woche lang, so habe ich mir vorgenommen, würde ich Meldung auf Twitter nur weiterleiten (retweeten = RT) oder auf andere Meldungen antworten, aber keine selber schreiben.

Was wäre der Sinn dieses Vorgehens? Wie David Bauer schon mehrfach bemerkt hat – kürzlich auf medium.com – verstehen sich zu viele Menschen in sozialen Netzwerken als Urhebende von Informationen, die sie eigentlich lediglich weiterleiten. Aufsehenserregende Nachrichten stammen selten von den Menschen, die darüber schreiben, sondern werden von ihnen lediglich zitiert oder paraphrasiert. Bauers Fazit:

Don’t add to the noise, amplify the signal. The interwebs thank you.

Ich wollte also versuchen, hier etwas disziplinierten zu agieren. Es ist mir gelungen: Abgesehen von Hinweisen auf meine Blogposts, die von WordPress automatisch generiert werden, habe ich eine Woche keine Tweets verschickt, die nicht Antworten waren oder Retweets.

Das fiel mir oft nicht ganz einfach. Die Parallele zwischen dem Gripen und dem iPhone, die beides unnötige teure Spielzeuge sind, die trotz besseren Wissens gekauft werden, hätte einen guten Tweets abgegeben. Zudem wollte ich fragen, welches Swisscom-Infinity-Abo denn jemand wie ich wählen sollte (das habe ich dann auf Facebook gemacht, aber nur eine Antwort erhalten); ich wollte Diskussionen zu den Fingerabdrücken auf dem iPhone starten (habe ich dann per Reply gemacht) oder mich über vieles ärgern, was diese Woche so vorgefallen ist. Zudem wollte ich oft auf interessante Texte verweisen und sie mit einem spezifischen Kommentar versehen, statt einen Tweet weiterzuleiten, der in meinen Augen ungenau war.

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Solche Experimente zeigen immer wieder Aspekte der eigenen Mediennutzung auf, die man ohne sie nicht bemerken würde (z.B. meinen Drang, zu allem meine Meinung kundzutun; oder: die Bedeutung der Möglichkeit, auf Twitter Fragen stellen zu können und hilfreiche Antworten zu erhalten). Aber sie beschränken die Möglichkeiten, ein eigenes, aussagekräftiges Profil aufzubauen.

Man kann nicht nicht bei Facebook sein

Medienpädagogik hat eine Parallele mit Sexualpädagogik: Abstinenz ist keine praktikable Haltung. Schülerinnen und Schüler ständig davor zu warnen, bei Social Media mitzumachen, ist eine eitle Bemühung: Es ist schon zu spät.

Aus mehreren Gründen: Einerseits, weil Jugendliche aus verschiedenen Gründen mitmachen wollen, ja mitmachen müssen. In Klassen oder Vereinen läuft sehr vieles über Facebook, das man verpasst, wenn man sich verweigert. Andererseits sind wir alle schon Teil von Facebook – ob wir es wollen oder nicht (und ob wir es wissen oder nicht). In Anlehnung an Watzlawicks Kommunikationsaxiom (»Man kann nicht nicht kommunizieren«) kann man ein Facebook-Axiom formulieren, das zumindest in den Industrieländern mit hoher Facebookpenetration gilt. In der Schweiz sind momentan 32% aller Menschen mit einem Facebookprofil ausgestattet, also rund ein Drittel (in der Altersgruppe der 20-30-jährigen sind es ca. 90%).

Dieses Drittel der Bevölkerung stellt Facebook bewusst oder unbewusst umfangreiche Daten zur Verfügung, um Freunde zu finden: Meistens das ganze auf dem Computer oder Handy gespeicherte Adressbuch. Facebook speichert diese Daten, kennt also nicht nur die Adressen, Telefonnummern, Geburtstage etc. der Menschen, die bei Facebook registriert sind, sondern auch von all den Menschen, die diese Menschen im nicht-virtuellen Leben kennen. Die Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer in der Schweiz kennen wahrscheinlich alle in der Schweiz lebenden Menschen – ergo sind auch alle in der Schweiz lebenden Menschen in den Datenbanken von Facebook vorhanden.

Dazu kommt: Facebook kann auf Photos Gesichter erkennen. Wenn also eine Person nur einmal auf einem Photo mit dem Namen bezeichnet worden ist, weiss Facebook auf allen bei ihnen gespeicherten Photos, ob diese Person drauf ist (oder Facebook könnte das wissen). Unabhängig davon, ob die Person selbst weiss, dass es dieses Bild von ihr gibt.

Das heißt: Es gibt auch für Facebook-Verweigerer und -Verweigerinnen ein Profil auf Facebook: Ausgestattet mit Bildern, Freundeslisten und anderen Informationen, die verfügbar sind. Und das nicht nur bei Facebook: Solche Profile legt auch Google an – und verbindet sie gleich mit unseren Suchvorlieben. Das sieht dann z.B. bei mir wie folgt aus – einsehbar unter google.com/history (diese Funktion ist bei Google ausschaltbar, auch FB kann teilweise am Sammeln von Daten gehindert werden, aber nicht komplett):

Google Suchaktivitäten, März 2012

Wichtig ist das Bewusstsein: Man ist im Internet präsent und kann diese Präsenz nicht verhindern. Ob man sie nun aktiv gestalten will oder nicht – das eine Entscheidung, die alle selbst fällen müssen.

Für weitere Informationen zum Thema empfehle ich die beiden Facebook-Kapitel aus David Bauers Buch »Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben« empfohlen:

  1. Was muss ich über Facebook wissen?
  2. Was weiss Facebook über uns?

(Ich habe in diesem Post einen früheren Blogpost wiederverwendet.)