Als Lehrperson von Jugendlichen lernen

Gestern hatte ich doppelt Gelegenheit, Jugendlichen zuzuhören: Im Rahmen einer Weiterbildungsveranstaltung an der Berufsschule für Gestaltung in Zürich berichteten Lernende (1. Lehrjahr, Grafik) über ihren Umgang mit digitalen Medien und als Abschluss eines Ergänzungsfachkurses mit Abiturienten (Philosophie) führte ich ein ausführliches Feedback durch. Meine Erfahrung dabei: Jugendliche nehmen ihre Bedürfnisse, ihr Lernen und ihren Umgang mit Medien enorm differenziert wahr und können sich darüber präzise äußern. So zum Beispiel über die Gefahr von Ablenkung, über die Wirkung von Unterricht, über Sinn und Unsinn von Bewertungskriterien und -anlässen; über den Auftritt von Lehrpersonen und ihren Umgang mit Medien; generell über ihre Erwartungen und die Erwartungen, die an sie gestellt werden.

DialogFür das Gelingen von Rückmeldungen und Gesprächen mit lernenden Jugendlichen gibt es einige Voraussetzungen:

  1. Die Jugendlichen müssen als gleichwertige Partnerinnen und Partner betrachtet werden, deren Äußerungen ernst genommen werden und denen mit Interesse begegnet wird.
  2. Vorwissen und Vorurteile müssen zur Sprache kommen, aber Gegenstand einer offenen Diskussion sein.
  3. Die Äußerungen von Lernenden müssen klar außerhalb eines schulischen Bewertungskontextes stehen. Es darf nicht der Hauch eines Verdachtes aufkommen, Kritik könnte zu negativen Beurteilungen führen.
  4. Quantitative Methoden sollten nicht im Hintergrund stehen: Kreuze auf Umfragen sind immer interpretationsbedürftig. Aus meiner Sicht ist ein offenes Gespräch, auf das sich die Schülerinnen und Schüler auch vorbereiten können, die sinnvollste Form.
  5. Rückfragen sind wichtig und sinnvoll, sollen aber die Privatsphäre der Jugendlichen berücksichtigen.

Dialog scheint mir insbesondere auch in Bezug auf die Nutzung von Neuen Medien bedeutsam zu sein. Jugendliche reflektieren ihren Umgang mit Kommunikationsmitteln stärker, als man gemeinhin annimmt: Sie erfahren negative Auswirkungen und unternehmen einige Bestrebungen, um sie zu vermeiden.

 

Der unwissende Lehrmeister – Social Media und dialogisches Lernen

Im Folgenden präsentiere ich einen theoretisch-pädagogischen Ansatz von Jacques Rancière und verbinde ihn im zweiten Teil mit dem Thema Social Media.

Das traditionelle Verhältnis von Lehrerin und Schülerin lässt sich wie folgt fassen:

Die Lehrerin weiß vieles und weiß auch, wie man daraus ein »objet de savoir« machen kann, einen Wissensgegenstand.

Die Schülerin weiß
a) (noch) nicht, was die Lehrerin weiß
b) weiß nicht, was sie nicht weiß
c) weiß nicht, wie sie es lernen könnte.

Rancière – ein französischer Philosoph – leitete nun in seinem in den 1980er-Jahren erstmals erschienen Buch folgende Konsequenzen daraus ab (ich habe den Hinweis darauf aus Karl-Werner Modlers Buch »Der Ritt auf dem Tiger«):

  1. Es gibt eigentlich keine wirklich Unwissenden, weil jeder Mensch immer beobachtet, wiederholt, ausprobiert, Fehler macht, sie korrigiert etc.
  2. Im traditionellen Verständnis der Lernens gibt die Lehrerin eine Erklärung ab. Diese Erklärung schafft zuerst eine Distanz zwischen Schülerin und Wissensgegenstand, um ihn dann wieder aufzulösen.
  3. Die Lehrerin braucht die Schülerin, um die Distanz zwischen ihrer Intelligenz, die weiß, worin die Unwissenheit besteht, und der der Schülerin, die das eben nicht weiß, aufrecht zu erhalten.
  4. Besser wäre eine »unwissende Lehrmeisterin«, welche nur Folgendes tut:
    Die Schülerinnen zwingen, sich Sachverhalten auszusetzen, und dann auf drei Fragen zu antworten:
    a) Was siehst du?
    b) Was denkst du darüber?
    c) Was machst du damit?
  5. Die bessere Schülerin sagt nicht »ich kann nicht«, weil sie damit voraussetzt, dass die Lehrerin kann und ihr sagen kann, wie auch sie könnte, sondern sie soll verschiedene Weisen finden, mit dem Gefühl des Nicht-Könnens umzugehen; etwas indem sie sagt: »Céline konnte nicht…« und dann diese Situation beschreibt.

Social Media ist ein geeignetes Medium – aber auch ein geeigneter Lerninhalt für diese Vorschläge von Rancière. Es kann davon ausgegangen werden, dass Lehrpersonen gleich viel oder weniger Kenntnis von Vorgängen im Bereich der Social Media haben, als ihre Schülerinnen und Schüler. Es wäre also möglich, einen Lernprozess als Dialog über Social Media zu initiieren.

Die Voraussetzungen dafür wären:

  • Keine Vorurteile von Lehrpersonen über die Aktivitäten ihrer Schülerinnen und Schüler in Social Media.
  • Ein echtes Interesse und eigenes Ausprobieren, im Sinne von: Schülerinnen und Schüler erklären, wie es funktioniert.
  • Ein gemeinsames oder individuelles Projekt, in das alle ihre Fähigkeiten einbringen (z.B. ein Blogprojekt).

Die didaktische Grundlage wäre wohl das dialogische Lernen von Ruf und Gallin, das auf folgenden Prämissen beruht:

  1. Wirksame Instruktion entspringt und mündet im Zuhören. [1]
  2. Motivation entsteht und entwickelt sich mit der Erfahrung, etwas ausrichten zu können und Fortschritte zu machen. [2]
  3. Lernen bedeutet Umbau und Erweiterung, nicht Neubau. [3]
  4. Ohne Erfolg keine Anstrengung, ohne Anstrengung kein Erfolg. [4]
Konkret wird dann wie in der Abbildung dargestellt gearbeitet (Rechte an der Abbildung liegen bei den Autoren):

Fazit: Gerade die Tatsache, dass Lehrpersonen unter Umständen wenig Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich Social Media haben, wäre eine Chance für ein entsprechendes Projekt, weil es die grundsätzliche Annahme, dass Lehrpersonen mit dem Unterricht leere Flaschen (ihre Schülerinnen und Schüler) mit Inhalten füllen, aufhebt.