Im Rahmen eines CAS-Moduls bin ich am 26. April als Experte an die Fachhochschule St. Gallen eingeladen. Hier gibts die Unterlagen zu meinem Input über die Zukunft von Social Media.
Auf dieser Idee basiert die Seite, mit der man Medienkompetenz vermitteln kann. ismytwitterpasswordsecure.com gibt vor, dass man mit ihrer Hilfe überprüfen kann, wie sicher das eigene Twitter-Passwort ist. Liest man den Text durch, fällt der letzte Abschnitt auf, der das Resultat vorwegnimmt: Das Passwort ist nicht sicher genug.
In order to help everyone out a little, we’ve created an algorithm that will examine your password and tell you if it’s secure enough. Spoiler alert: it isn’t.
Warum ist es das nicht? Weil die mit Abstand erfolgreichste Hacking-Methode so genanntes »social engineering« ist: Menschen werden mit Manipulationen dazu gebracht, Passwörter und wichtige Informationen weiterzugeben, die sie nicht weitergeben sollten. Dasselbe gilt für diese Seite: Sie will einen dazu bringen, das eigene Passwort einzugeben – dazu noch zusammen mit dem Usernamen.
Wer etwas von Internetsicherheit versteht, ist alarmiert: In diese Box darf man alles reinschreiben, nur nicht den Usernamen und das Passwort.
Und damit ist man schon einen Schritt weiter: Den Link hat man nämlich von jemandem erhalten, die oder der nicht ganz dumm und inkompetent ist. Warum würden sie einen auf eine Seite lotsen, die Usernamen und Passwort speichert. Damit erreicht man eine zusätzliche Ebene in Bezug auf Medienkompetenz: Reflexion über das eigene Verhalten und das anderer.
Und man gibt einfach mal einen Buchstaben ein bei Username, nicht den richtigen. Und dann passiert das: Fazit: Medienkompetenz basiert aus folgenden Bestandteilen:
Fertigkeiten im Umgang mit Medien entwickeln: Sichere Passwörter gewählt werden und sie nicht weitergeben.
Wissen über Sicherheit im Internet erwerben und es anwenden können.
Über das eigene Verhalten und das anderer nachdenken und Distanz gewinnen.
Die Seite zeigt auch, dass Verwirrung auch pädagogisch eingesetzt werden kann. Gerade weil Missbrauch oft solche Taktiken einsetzt, kann eine wirkungsvolle Schulung darauf nicht verzichten.
Für das Programm Re:Publica 13 hatte ich einen Workshop vorgeschlagen, der sich mit der Frage befasste, wie mehr Menschen digitale Werkzeuge nutzen könnten. Der Workshop fand keine Aufnahme ins Programm. Deshalb habe ich in sechs Blogposts über die Fragestellung nachgedacht:
Digitale Kompetenzen für alle Wie digitale Werkzeuge dabei helfen können, leistungsfähige Netzwerke zu bilden
Philippe Wampfler, April 2013
Ich kenne Leute, die jahrelang alles verweigert haben, was online war. Aber kaum haben sie sich in jemanden verliebt, der in einer anderen Stadt wohnt, bumm – schon hatte die Online-Kommunikation plötzlich einen SINN, sie war sogar auf einen Schlag UNVERZICHTBAR! Und das Verständnis wandelte sich mühelos mit der veränderten Praxis. – Lisa Rosa
Für die Re:Publica 2013 hatte ich in einen Workshop eingereicht, in dem ich zusammen mit anderen an der Frage Interessierten darüber nachdenken wollte, wie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation mehr Menschen zugänglich gemacht werden könnten. Dass es eine digitale Kluft gibt, war dafür die Annahme, gefragt werden sollte nach Ursachen und konkreten Möglichkeiten, die Hindernisse aufzuheben, welche die Demokratisierung der Internetkommunikation verhindern. Medienkompetenz wird immer stärker zur Bedingung, an gesellschaftlichen Prozessen teilnehmen zu können und eigene Vorstellungen in die Gestaltung des sozialen Miteinanders einfließen lassen zu können. Deshalb scheint es mir an diesem Punkt der technologischen Entwicklung bedeutsam, zu beobachten, welche Ausschlussmechanismen spielen und wie sie auszuhebeln sein könnten.
Den Workshop fand keinen Platz im Re:Publica-Programm. Weil ich nicht wüsste, wie man dieses Thema in einer stündigen Diskussion schlau angehen kann, war ich einerseits erleichtert, mochte das Thema aber nicht ganz fallen lassen. Ich habe es in sechs Blogposts abgehandelt, die ich im Folgenden zu einem Essay verbinde. Aus dem Essay wird auch ein kurzes Video entstehen, in dem die einzelnen Aspekte leicht anders gewichtet sind.
1 Meinungsbildung im Internet
Meinungsbildungsprozesse in sozialen Netzwerken unterscheiden sich von nicht-digitalen. Im Internet ist das Spektrum größer, weil auch nicht Stimm- und Wahlberechtigte sich bei bestimmten Fragen einbringen können, besonders deshalb, weil der Altersdurchschnitt der Diskutierenden generell tiefer liegt als bei der Bildung der öffentlichen Meinung. Der Breite des Publikums muss aber eine enorm hohe Selektivität entgegengehalten werden: Je nach Ereignis oder Thema geben ganz andere Menschen ihre Meinung im Internet kund. Zudem sind es generell wenige, Untersuchungen legen die Annahme nahe, dass sich weniger als fünf Prozent aller Erwachsenen im Internet an Diskussionen beteiligt – aktiv oder passiv.
Die Struktur sozialer Netzwerke beeinflusst auch, welche Diskussionen stärker wahrgenommen werden und welche nicht. Die Nutzerinnen und Nutzer von Social Media sind meist individualistisch eingestellt und argumentieren daher in der Tendenz liberaler als die öffentliche Meinung. Sie verbreiten in ihren Netzwerken lieber positive als negative Botschaften. Eine Ausnahme sind dabei Empörung oder Kritik, weil sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen können.
Entscheidend ist dabei: Social Media sind ein Teil der Meinungsbildung; sie stehen nicht außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Gleichzeitig vermögen sie aber nicht alle Meinungen und Positionen abzubilden oder richtig zu gewichten: Individualistische, technikaffine und eher jüngere Menschen schaffen ein kalifornisches Klima, in dem den Möglichkeiten von unternehmerischer Eigeninitiative und dem Vertrauen in die von der Technik angeboteten Lösungen eine große Bedeutung beigemessen wird.
Wer im Internet kommunikativ präsent ist, ist privilegiert: Kompetenzen, Zeit und die nötigen Geräte und Zugänge sind vorhanden. Mehr Partizipation im Internet würde nicht nur bedingen, dass diese Privilegien allgemein verfügbar würden – z.B. durch ein stärkeres staatliches Engagement in der Medienpädagogik und in der Verbreitung der Infrastruktur -, sondern auch, dass alternative Haltungen Gewicht bekommen und Stimmen gehört werden, die heute in vielen Diskussionen Gegenstand von Gespött und Verachtung sind.
In Bezug auf die Meinungsbildung muss Internetkommunikation für mehr Menschen einen erkennbaren Sinn haben. Das ist deshalb wichtig, weil der Medienwandel in vielen Bereichen qualitativ hochwertige Informationen aus offline zugänglichen Massenmedien ins Internet verlagert hat. Das klassische Beispiel ist die Auslandsberichterstattung: Wer verstehen will, was sich in bestimmten Ländern abspielt, kann sich heute weder auf Radio noch auf Zeitungen oder Fernsehen verlassen, sondern braucht direkte Informationen, die so nur digital zugänglich sind.
Einen Sinn erhält Kommunikation aber nur dann, wenn die eigene Meinung gehört wird, wenn der Stammtisch, dessen Eigenschaften in einigen Bereichen des Internets heute vorhanden sind, einem das Wort erteilt und eine Art Gemeinschaft aufbaut. Natürlich wäre es denkbar, dass alle Menschen eine solche Nische fänden, weil ja auch in sozialen Netzwerken der Platz unbeschränkt ist und alle Meinungen Platz finden könnten. Aber ein Gespräch entsteht, wenn gefragt und geantwortet wird, wenn Gesagtes Resonanz findet. Das Power Law of Participation (Bildquelle) zeigt, wie im Internet einzelne kommunikative Handlungen schrittweise verbunden sind und Teilnahme auch aus minimaler Interaktion entstehen kann. Das ist die positive Seite. Weil aber einige ideologische Haltungen Debatten im Internet dominieren, sind nicht alle Perspektiven verfügbar, was wiederum eine ausgewogene Meinungsbildung verhindert. Daraus resultiert auch, dass Partizipation nicht allen Menschen gleichermaßen möglich ist.
2 Vorurteile verzerren das öffentliche Bild vom Internet
Verhindert wird das auch durch eine Reihe von Vorurteilen – die man in zwei Kategorien aufteilen kann: Einerseits wird über Internetkommunikation notorisch negativ gesprochen. Wer sich oft digital mit anderen Menschen austauscht wird schnell pathologisiert, weil sich, so die Annahme, das richtige Leben analog abspiele. Andererseits gibt es eine Reihe von Versprechen, mit welchen sehr aktive Nutzerinnen und Nutzer ihre Beschreibungen der Möglichkeiten von sozialen Netzwerken verzieren. Diese Versprechungen sind Übertreibungen, Beschreibungen eines Idealfalls, der allenfalls den Status einer Vision hat, aber keine realistische Prognose darstellt. Im Folgenden sollen zunächst die negativen Vorurteile gesammelt werden, dann die positiven beschrieben werden, um zu zeigen, dass die Mischung aus sich selbst erfüllenden Prognosen und enttäuschten Versprechen viele Menschen daran zweifeln lässt, dass es sinnvoll ist, im Internet zu kommunizieren.
Am Computerbildschirm passieren Dinge, die zunächst wie Wunder erscheinen. Ich erinnere mich, wie mein Großvater, der gelernt hat, Bücher mit Lettern zu setzen, reagiert hat, als ich ihm zum ersten Mal Textverarbeitung vorgeführt habe. Die Neuartigkeit von Erfahrungen verhindert, dass wir sie präzise beschrieben konnten. Eine Reihe von Metaphern muss verwendet werden, um darüber zu sprechen. Im Internet »surfen« wir auf »Seiten«, »folgen« Menschen oder gar »Freunden«, wir »chatten« in einer »virtuellen« Welt, währen wir uns im »real life« ganz anders verhalten.
Die Überforderung angesichts der Möglichkeiten von Internetkommunikation und das beschränkte Vokabular zu ihrer Beschreibung haben starken Anteil an einer Reihe von Urteilen über diese Form von Interaktion – von denen viele Vorurteile sind. Eine unvollständige Liste:
Digitaler Dualismus: Es gibt eine Trennung zwischen der echten Welt und der virtuellen: Das Internet ist nicht real.
Interaktionen im Internet sind oberflächlich, sie verbinden Menschen, die sich nichts bedeuten und einander häufig täuschen oder hintergehen.
Informationen im Internet sind notorisch unzuverlässig. Weil alle beitragen können, ist im Gegensatz zu gedruckten Texten und Bildern unklar, was wahr ist; wir könnten überall manipuliert werden.
Internetkommunikation ist generell gefährlich; nicht nur können uns andere Menschen Schaden zufügen, wenn wir uns im Internet bewegen, wir verändern uns auch selbst.
Aus diesen Gründen ist die intensive Nutzung des Internets entweder Ausdruck eines Suchtverhaltens oder Zeitverschwendung; im Internet »surfen« wird schnell als Prokrastination bezeichnet und damit in die Nähe eins pathologischen Problems gerückt.
Das Internet bringt in Menschen schlechte Züge hervor, sie werden aggressiv und beginnen anderen zu schaden, wenn sie sich hinter der Maske der Anonymität in Sicherheit vor Sanktionen wähnen.
Ergänzt können dieser Vorurteile durch Gründe werden, die Menschen anführen, wenn sie gefragt werden, warum sie auf digitale Kommunikation verzichten (einige Wiederholungen sind beabsichtigt). Auch hier handelt es sich um Projektionen oder Zerrbilder, die abgelehnt werden:
Im Internet breiten viele Menschen ihr Privatleben aus, das interessiert mich nicht.
Mein Privatleben geht niemanden etwas an, ich möchte meine Privatsphäre schützen.
Social Media sind unpersönlich: Ich schaue Menschen gerne in die Augen, wenn ich mit ihnen rede.
Dafür habe ich keine Zeit.
Ich möchte nicht, dass jemand meine Fotos oder Texte stiehlt.
Ich will nicht, dass meine Daten für Werbung verkauft werden.
Das ist mir zu kompliziert, ich verstehe es ohnehin nicht.
Ich bin nicht so der Multitasking-Typ.
Früher hatten wir auch kein Internet, es ging auch ohne.
Echte Informationen findet man nur in guten Zeitungen und Büchern.
Gespräche im Internet sind oft gehässig und führen zu nichts.
Ich mag es einfach nicht, vor dem Computer zu sitzen.
Beziehungen im Internet sind oberflächlich und können gefährlich sein.
Man weiß nie, ob Informationen im Internet stimmen oder nicht.
Das Internet macht abhängig.
Das Internet verändert unser Hirn und macht uns dumm.
Alle diese Gründe sind valide. Sie müssen ernst genommen werden, weil sie Ausdruck von Wahrnehmungen und Ängsten sind. Aber sie stehen Menschen auch im Wege, digitale Werkzeuge so zu nutzen, dass sie ihnen nützen und ihnen dienen. Es wäre wichtig, diese Äußerungen als Aufforderungen zu einem Gespräch zu verstehen, das sie nicht zwingend widerlegt, sondern ergänzt und andere Perspektiven aufzeigt.
Leider wird die Medienkonstellation Internet als komplexes Phänomen in Gesprächen oft auf triviale Erkenntnisse reduziert: »Facebook-Freunde sind keine echten Freunde«, »Man weiß nie, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt«, »Photoshop ermöglicht das Fälschen von Bildern«, »Jede(r) kann ins Internet« schreiben. Natürlich. Aber das wussten alle schon und vieles war alles auch schon so, bevor es Internetkommunikation gab.
Diese Diskussionen beanspruchen viele Ressourcen, die den Blick auf die produktiven Aspekte verschließen. Nur einige Beispiele: Zielloses Surfen im Internet kann Anstoß für eine Reihe von Lerneffekten sein, Internetbeziehungen können für viele Menschen eine Entlastung darstellen und zurecht einen wichtigen Stellenwert einnehmen, in vielen Fachbereichen finden sich differenzierte, aktuelle und präzise Informationsangebote im Internet. Wikipedia wurde in Bildungsinstitutionen jahrelang schlecht geredet, obwohl eine ganz einfache Grundhaltung genügt hätte: Skeptisch bleiben und Falsches korrigieren bzw. Fehlendes ergänzen.
Es ist deshalb einerseits wichtig, präziser auszudrücken, was im Internet passiert. Andererseits brauchen Menschen auch praktische Anlässe, das Internet zu nutzen. Wer motiviert, selber ins Internet zu schreiben, digital vorhandene Medien zu nutzen oder Beziehungen online zu pflegen, ändert auch die Beschreibungen dieser Möglichkeiten und die Modelle, mit denen sie abgebildet werden. Lisa Rosa führt als Beispiel dafür Doodle an: Viele Menschen halten das Web 2.0 für überflüssig, sind aber froh, mit Doodle Termine vereinbaren zu können. Sie nutzen das Web 2.0, ohne es zu merken – eine Erfahrung, die schrittweise erweitert werden könnte, wenn sich ähnlich hilfreiche Angebote finden.
Die Schwierigkeit dürfte also darin bestehen, die Hürden abzubauen, die verhindern, dass Menschen Erfahrungen machen. Dabei spielen Vorurteile eine wichtige Rolle – in doppelter Hinsicht: Neben Skeptikerinnen und Skeptikern reden auch viele engagierte Nutzerinnen und Nutzer übers Internet. Soziale Netzwerke werden von Menschen gefüllt, die ihre Gratisarbeit nicht nur als ein Vergnügen empfinden, sondern sicher sind, dass ihre Investitionen ins Internet sich auszahlen werden. So präsentieren sie die Möglichkeiten des Internets in einem besseren Licht, als sie bei realistischer Prüfung erscheinen würden. Gerade weil diese intensiven Nutzerinnen und Nutzer so viel investiert haben, müssen sie daran glauben, dass sich ihre Investition auszahlen wird.
Dieser Effekt kann beim Social-Media-Marketing gut beobachtet werden: Wer diese Dienstleistung anbietet, muss Kunden sagen, Social Media sei ein geeigneter Kanal, um erfolgreiches Marketing zu betreiben und einen Return On Investment zu erzielen. Dieser Ratschlag basiert aber auf einer optimistischen Prognose, die sich aus dem Interesse der Anbieterinnen und Anbieter ergibt.
Diese positiven Vorurteile dem Netz gegenüber sind deshalb ein Problem, weil sie oft von den Menschen vertreten werden, welche Digital Immigrants oder nicht-technikaffine Menschen dabei beraten, im Internet aktiv zu werden. Sie produzieren so Enttäuschungen: Wer ein Twitter-Profil eröffnet und erste zögerliche Schritte unternimmt, wird lange brauchen, bis ein Nutzen erkennbar wird. Dieser Nutzen bedarf zudem einer konstanten Anpassung von Filtern und einer unablässigen Reflexion über den Einsatz von technischen Mitteln.
Wer sich theoretisch und kritisch mit Internetkommunikation auseinandergesetzt hat, ist weniger anfällig dafür, es zu überschätzen; sondern setzt Vor- und Nachteile in eine Beziehung.
Ich halte zuweilen Vorträge und erkläre, wie Twitter für mich das Zeitungslesen ersetzt hat. Aber viele Menschen sind besser beraten, die Zeitung zu lesen: Weil sie nicht schon 10’000 Stunden (ich verwende hier einfach einmal die Zahl von Gladwell) mit Social Media verbracht haben und das auch so bald nicht tun werden. Ganz ähnlich ist das mit Technologie im Schulzimmer: Für viele Lehrpersonen ist ein Verzicht ein vernünftiger Entscheid. Es lohnt sich für sie nicht, Smartphones und Projektoren zu konfigurieren um dann nach langen Stunden dasselbe schlechter zu machen, was sie vorher schon konnten.
Das Argument, so werde die Zukunft verpasst, halte ich für wenig bedeutsam: Wir wissen nicht, was die Zukunft von sozialen Netzwerken sein wird. Wenn es ohne nicht mehr geht, wird es wohl reichen, dann einzusteigen. Wichtig ist, Aufwand und Ertrag, Chancen und Gefahren realistisch einzuschätzen: Sie weder übertreiben noch runterspielen und weder Drohungen an die Wand malen noch Versprechen abgeben, die nicht aus einer nüchternen Einschätzung resultieren. Eine Zukunft mit Social-Media-Zwang ist eine schlechte Motivation dafür, Hürden abzubauen. Besser sind überschaubare, einfache Projekte, die Menschen den Zugang zu für sie interessanten Informationen und Menschen ermöglichen: Ihnen zeigen, dass sie auf Twitter Expertinnen und Experten eine Frage stellen können, welche häufig beantwortet wird; ihnen vorführen, dass sie auf retro.seals.ch ein umfassendes Archiv alter Zeitschriften abrufen können; sie in einem Web-Kalender die wichtigsten Termine für ihnen Verein publizieren lassen.
Was sich im Internet abspielt ist weder Segen noch Fluch. Beide Haltungen resultieren aus Projektionen, Umdeutungen und der stärkeren Gewichtung eigener Interessen. Und beide verhindern, dass Menschen die wahren Möglichkeiten des Netzes nutzen können.
3 Positive Netzpolitik
Verzerrte Darstellungen der Chancen und Gefahren von Internetkommunikation errichten Barrieren, welche viele Menschen daran hindern, digitale Werkzeuge so zu nutzen, dass sie ihnen nützen. Diese Problematik betrifft auch Netzpolitik, die oft auf die Fragen beschränkt wird, wie Menschen vor Internet-Gefahren geschützt oder wie sie ihre Internet-Freiheiten behalten können.
In seinem »Code for Germany« legt Christoph Kappes ein Fundament zu einem differenzierteren und positiven Leitbild für Netzpolitik. Es zeichnet sich durch vier wichtige Eigenschaften aus:
es befasst sich weniger mit dem Internet als mit dem, was Computer tun und wir mit Computern tun
es richtete sich weniger auf rechtliche Fragen, sondern fragt, wie sich Wissen und Kultur durch den Einsatz von digitaler Hilfsmitteln ändern
es hat mehr mit Software zu tun, weil sie nicht nur kopieren, sondern generell den Umgang mit Informationen ermöglicht und erleichtert
es zeigt den Charakter der digitalen Wissensnutzung auf, die ein Gemeingut ist, das nicht übernutzt werden kann, weil Kopien die Nutzung nicht verändern oder verschlechtern.
Kappes’ Fazit weist auf konkrete Projekte hin, die Menschen zeigen könnten, was das Internet ihnen im Alltag für Hilfestellungen bieten kann:
So gesehen sollte eigentlich im Zentrum von internet-veranlasster Politik nicht »das Netz«, sondern die Entwicklung von Wissen, Software und Kultur stehen, die von jedermann nutzbar sind:
von Schulbüchern und wissenschaftlichen Beiträgen für jedermann,
Software für Nachbarn, die untereinander Hilfe anbieten und tauschen möchten,
Komponenten für verteilte soziale Netzwerke und Standards für den Datenaustausch zwischen Diensten bis hin zu
neuen digital basierten Prozesses für Politik und Medien – wir müssen schnell Ordnung und Überblick in die Welt bringen, die täglich komplexer wird, und
kulturellen Techniken, die durch digitale Informationsverarbeitung verändert werden, namentlich neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit in losen Gruppen oder auch digitales Rechte-Handling einschließlich verständlicherer rechtlicher Regelungen für Commons.
Politik – so sollte man sich in Erinnerung rufen – bedeutet die Organisation des sozialen Miteinanders. Netzpolitik befasst sich damit, wie Menschen digitale Werkzeuge einsetzen. Was in der professionellen Politik beredet und beschlossen wird, beeinflusst das Leben vieler Menschen nicht. Ein netzpolitisches Programm könnte ganz einfach darin bestehen, Werkzeuge zu schaffen, die Menschen helfen, ihren Alltag zu bewältigen: Alten Menschen, beispielsweise, solchen mit einer Krankheit oder einer Behinderung, in schwierigen Lebenssituationen oder während Zeiten großer Belastung. Gute Netzpolitik führt deshalb zu einem angenehmeren Leben, indem sie Menschen dabei hilft, tolle Dinge nicht nur im Internet, sondern auch außerhalb auf die Beine zu stellen.
4 Wie tragfähige Netzwerke entstehen
Diese Perspektive hilft auch beim Aufbau von Kompetenzen. Howard Rheingold weist immer wieder darauf hin, dass Technologie nur in einem gesellschaftlichen Kontext Sinn generieren und erhalten kann. »literacy« ist für ihn die Fähigkeit, Werkzeuge sozial bewusst einsetzen zu können. Das ist im Internet deshalb besonders wichtige, weil unser Gebrauch (oder Nicht-Gebrauch) der Technologie immer auch Auswirkungen für andere hat: Unsere Suchbegriffe bei Google; die Links, die von unseren Texten ausgehen; unsere Likes bei Facebook und unsere Tweets beeinflussen die Interneterfahrung vieler anderer Menschen – manchmal direkt, manchmal indirekt.
Wichtig ist deshalb – so der Ausdruck von Rheingold – die Fähigkeit zur »Crap detection«. Was in unserem Informationsfluss ist wahr und relevant und was falsch, halbwahr oder unwichtig? Diese Prüfung gilt nicht nur für fremde Inhalte, sondern im Sinne einer Netzwerkverantwortung, auch für eigene. Es ist keine spezifische Netzkompetenz, sondern eine Voraussetzung, sich mit Informationen auseinanderzusetzen. Sie kann aber die Angst vor einem Informationsüberfluss nehmen.
Dasselbe gilt für die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit zu steuern und zu beobachten. Sie wird geschult, indem man sich in die Rolle anderer versetzt und sein eigenes Handeln beschreibt. Das kann ganz einfache, alltägliche Tätigkeiten betreffen: Wann schaue ich auf mein Smartphone? Wie benutze ich meinen Browser? Wie oft lese ich Emails und welche beantworte ich sofort?
Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, lassen sich im Internet – aber auch außerhalb – Netzwerke aufbauen. Sie zeichnen sich durch folgende Qualitäten aus:
Sie enthalten viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und unterschiedlichem Wissen.
Einige dieser Menschen vertreten ganz andere Meinungen, als man selbst hat.
Alle sind ehrlich und intelligent.
Im Netzwerk gibt es small talk, weil der hilft, sich vertrauen zu lernen.
Wir sind mit einigen Menschen in unseren Netzwerken mit schwachen Bindungen verbunden, mit anderen mit starken.
Entscheidend für den Aufbau von Netzwerken sind ihre Pflege und die Bereitschaft, anderen zu helfen, ohne von ihnen schon etwas bekommen zu haben.
Netzwerke sind wichtig, weil sie Menschen das vermitteln, was sie für ein gehaltvolles Leben brauchen.
5 Fazit: Internet und Netzwerke
Netzwerke sind der Grund, weshalb digitale Kompetenzen bedeutsam sind: Sie erleichtern den Aufbau dieser Netzwerke unabhängig von örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten. Netzwerke könnten aber auch den Schlüssel darstellen, wie Menschen motiviert werden könnten, sich entsprechende Kompetenzen anzueignen: Weil sie erkennen, dass sie der Befriedigung ihrer (nicht-digitalen) Bedürfnisse dienlich sind.
Die provisorische Antwort auf die Frage, wie mehr Menschen am den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation partizipieren können, lautet also: Indem sie die Dinge tun, die ihnen wichtig sind, und dazu Netzwerke bilden. Und indem wir genauer beschreiben, was sich im Netz abspielt.
* * *
Der Essay ist unter CC-BY 3.0 lizenziert. Quellen finden sich in den Blogposts, die hier alle verlinkt sind: phwa.ch/republicablog
Ich danke allen Kommentieren, insbesondere Lisa Rosa für ihre weiterführenden Hinweise.
Wer sich mit diesen Erstgeborenen der digitalen Welt unterhält, der merkt allerdings schnell, dass es mit der Medienkompetenz nicht so weit her ist. Die technischen Fähigkeiten auch der Gymnasiasten beschränken sich oft aufs Wischen, Tippen, Hochladen. Schutz der Privatsphäre? Nie gehört. Einfach einen Account eröffnet, und da kommen die Fotos und Nachrichten dann eben rein. Die inhaltliche Kompetenz ist oft ebenfalls gering. Welche Fertigkeiten solide Recherche verlangt, hat sich kaum herumgesprochen. Und der Sinn von Datenschutz ist Schülern meistens unklar: Wer sollte da draufgucken außer den Freunden? Sie sind entsetzt, wenn sie hören: Wenn du da den Namen deines Vereins angibst und schreibst, dass du jetzt gleich zum Training gehst, kann jeder wissen, an welcher Straßenecke du in zehn Minuten bist.
Mit dieser Einschätzung ist Florentine Fritzen nicht alleine. So sinnvoll ihre daraus resultierende Forderung ist, »den bewussten Umgang mit den Medien zu fördern«, so diffus ist der Befund an sich.
Der Mediennutzung Jugendlicher, die sich von der Erwachsener schon immer unterschieden hat und weiterhin unterscheidet.
Dem Unterschied einer Perspektive einer analogen Medienwelt zu der einer digitalen.
Vorhandensein oder Fehlen von Medienkompetenz.
Häufig wird aus den Punkten i. und ii. vorschnell auf iii. geschlossen, also kurz: Weil Jugendliche Medien wie Jugendliche nutzen und die Perspektive der analogen Medienwelt vertreten wird, kann man ableiten, dass Jugendlichen wichtige Kompetenzen fehlen. Im Text zeigt sich das bei »Schutz der Privatsphäre«, »inhaltliche Kompetenz«, »Recherche«, »Datenschutz«. Jugendliche gehen mit ihrer Privatsphäre und ihren Daten anders um als Erwachsene – das heißt nicht, dass sie nicht ein Bewusstsein für den Wert eines Schutzes hätten. Aber es ist für Jugendliche beispielsweise generell wichtig, von ihren Peers gesehen zu werden. Wenn ihnen Erwachsene nun vorhalten, damit könnten sie gesehen werden, dann ist das kein Einwand: Genau das beabsichtigen sie ja.
Um Medienkompetenz Jugendlicher beurteilen zu können, muss klar sein, welche Ziele sie verfolgen und welche Instrumente sie nutzen wollen. Auch in prä-digitalen Zeiten haben Jugendliche Schund gelesen: Weil sie Schund lesen wollten. Problematisch ist das dann, wenn sie denken, der Schund böte hochwertige Informationen. Das meint wohl Medienkompetenz generell: Ziele und Mittel in ein Verhältnis setzen können und bewusste Entscheide fällen.
Diese Entscheide und Ziele müssen aber nicht die von Erwachsenen sein. Während Jugendliche viele Menschen kennen lernen wollen, ist ihren Erziehenden oft das Gegenteil wichtig.
Medienkompetenz fördern Erwachsene nicht, indem sie Jugendlichen vorschreiben, wie sie was tun sollen; sondern vielmehr, indem sie mit ihnen sprechen und sie anregen, darüber nachzudenken, was sie tun, warum sie es tun und wie zufrieden sie mit den Resultaten sind. Jugendmedienschutz beginnt mit Gesprächen (und endet auch oft da), das Fördern von Medienkompetenz auch. Echtes Interesse hilft mehr als strenge Vorschriften.
Ein juristisches Konzept in Bezug auf den Umgang mit Informationen.
Die Trennung einer häuslichen von einer öffentlichen Sphäre.
Kontrolle des Informationsflusses bzw. Kontrolle über die Situation, in denen Informationen genutzt werden können.
Wir können das an einem Beispiel betrachten: Ein Arbeitnehmer geht nicht zur Arbeit, weil er verkatert ist. Bei seiner Chefin entschuldigt er sich unter dem Vorwand, an einer Grippe zu leiden. Er veröffentlicht aus Versehen eine private direkte Mitteilung an eine Mitarbeiterin auf seinem öffentlich einsehbaren Twitter-Kanal: »Bin nicht krank, nur verkatert. Danke trotzdem ;)«.
Informationen über unsere Gesundheit sind juristisch recht klar geregelt: Der Arbeitgeber hat Anrecht auf bestimmte Informationen (z.B. ein Arztzeugnis bei längerer Abwesenheit), auf andere nicht (er darf keinen Schwangerschaftstest bei der Anstellung verlangen). Der Arbeitnehmer im Beispiel geht davon aus, dass seine Privatsphäre geschützt sei, wenn er sich zuhause aufhält, niemand weiß, ob er tatsächlich krank ist oder nicht und niemand kann ihn unangekündigt besuchen und seine Symptome überprüfen. Er wäre also aus der Perspektive von i. und ii. in seinem Betrug geschützt und könnte kaum belangt werden, würde er nicht die Kontrolle über den Informationsfluss verlieren.
Kurz: Weder der Schutz durch das Recht noch durch die eigene Wohnung schützt die Privatsphäre, wenn der Fluss der Informationen nicht kontrolliert werden kann. Social Media und mobile Kommunikation auf Smartphones scheinen gerade das zu verhindern: Eine Untersuchung des Wall Street Journals zeigt z.B., welche Apps welche Informationen weitergeben – ohne dass Benutzerinnen und Benutzer das wissen. Viele Menschen nutzen Apps, um Informationen über ihren Gesundheitszustand (Schlaf, Gewicht, Bewegung, Ernährung, Medikamente, Menstruation etc.) zu sammeln und zu speichern. Zudem sind viele elektronischen Geräte heute in der Lage, die geografische Position zu ermitteln – der Zusammenhang muss nicht weiter ausgeführt werden: Es ist schwierig, digitale Werkzeuge zu nutzen, ohne zumindest teilweise die Kontrolle über den Informationsfluss und die Verwendung von persönlichen Informationen zu verlieren.
Was hat das für Konsequenzen für unseren Umgang mit privaten Informationen? Jugendliche, so hat Danah Boyd herausgefunden, sind mit der Situation vertraut, viele Informationen nicht kontrollieren zu können, weil ihre Eltern und Lehrpersonen aus pädagogischen Gründen diese Informationen ermitteln und nutzen (meine Zusammenfassung von Boyds Arbeiten findet sich hier). Deshalb kommunizieren sie häufig so, dass ihre Kommunikation grundsätzlich öffentlich ist, sie aber wichtige Informationen verbergen. Das heißt: Sie verwenden viel Aufwand dafür, bestimmte Informationen privat oder geheim zu halten, während die meisten Erwachsenen viel Aufwand dafür verwenden, Informationen zu veröffentlichen. Dieser Wandel dürfte mit Social Media für mehr Menschen bedeutsam werden. Die Verfügbarkeit von Informationen wird auch zu viel »noise« führen: Daten, die Menschen nicht klar zugeordnet werden können, weil die Menge an Informationen und Identitäten schlicht zu groß ist. Kürzlich hat ein Artikel bei Quartz gezeigt, wie einfach es ist, falsche Personen in sozialen Netzwerken real werden zu lassen.
Das heißt: Die Öffentlichkeit von Informationen schadet unserer Privatsphäre weniger, als wir denken können. Und wir werden lernen, die Informationen zu schützen, die für uns bedeutsam sind, während wir weniger wichtige automatisch publik machen.
Unsere Eltern und Großeltern verstehen viel von technologischem Wandel. Sie haben erlebt, wie Radioapparate mit Hörspielen ganze Familien unterhalten haben, nur um einige Jahre später von Fernsehern abgelöst zu werden, das man später auf Videokassetten aufnehmen konnte, dann auf DVDs und schließlich auf Geräte, die alles können, außer Pancakes backen. Sie haben auf teuren Geräten Schallplatten gehört, sie später auf Kassetten überspielt und dann alle Tonträger in Form von CDs noch einmal gekauft. Sie haben Telefonnummern und Zugverbindungen in dicken Büchern nachgeschlagen oder die Menschen gefragt, bei denen sie auch Fahrscheine gekauft haben, um später von Maschinen bedient zu werden, die sie seit kurzem in ihrer eigenen Tasche mit sich tragen. Sie haben lange auf Briefe gewartet, viele geschrieben. Teure und kurze Telefonate geführt, zuerst von den Apparaten der wohlhabenden Nachbarn aus, später auf eigenen, gemieteten, gekauften, kabellosen. Telegramme und Faxe auf der Post verschickt und empfangen. Fotos mit teuren Apparaten aufgenommen und lange auf die entwickelten Bilder gewartet, eigene Dunkelkammern aufgebaut, farbige Bilder gemacht und schließlich nur noch digitale, die auf Harddisks darauf warten, überhaupt einmal angesehen zu werden.
Wer 50 Jahre im 20. Jahrhundert gelebt hat, hat die Zukunft von technologischem Wandel erlebt und würde sie wie folgt beschreiben:
Viel Neues wird selbstverständlich.
Tätigkeiten wandeln sich wenig.
Wie die Tätigkeiten technisch durchgeführt werden, wandelt sich stark und ständig.
Die sozialen Implikationen von Technologie werden überschätzt.
Die durch Technologie beanspruchten Ressourcen (Zeit, Geld) werden unterschätzt.
Stellen wir uns vor, die Technologie wäre 1963 eingefroren worden, dann könnten wir immer noch Bilder machen und sie Freunden zeigen, wir könnten schriftlich und mündlich miteinander kommunizieren und Informationen wären z.B. in Bibliotheken problemlos verfügbar. Einiges wäre im Vergleich zu heute anstrengender und viel langsamer, aber dafür hätten wir vieles gar nie lernen müssen: Keine nächtelangen Optimierungsübungen des RAM-Speichers bei den ersten PCs, keine Datenverluste durch abgestürzte Harddisks, kein Import von Kontakten auf neue Handys, keine Installationen von WLAN, kein Brennen von CDs, überspielen von VHS-Kassetten etc.
In weiteren 50 Jahren – so meine Prognose – wird der Rückblick ähnlich aussehen: Menschen werden Tools, die heute neuartig und voller Potential erscheinen, mit leichter Nostalgie belächeln; aber mit neuen Werkzeugen immer noch schriftliche, mündliche und visuelle Botschaften verschicken. Social Media wird sein wie ein Telefon: Erwachsene werden sie nutzen, als hätte es nie etwas anderes gegeben, Pubertierende werden mit ihren Eltern über die richtige Nutzung streiten und an die Möglichkeit, abgehört zu werden, werden wir uns gewöhnen. (Beeindruckend schon der Rückblick auf das Jahr 2000, das lange eine unvorstellbare Zukunft symbolisierte.)
Fernsehwerbung, USA 1960er-Jahre.
Das zeigt der Rückblick nämlich auch: Der Briefträger hat Postkarten schon immer gelesen, Telefonleitungen konnten schon immer abgehört werden, Briefe abgefangen und gelesen. Diese Möglichkeiten mögen über Social Media neue Dimensionen annehmen, aber die Gefahr wird wie die damit verbundenen Chancen ständig überschätzt, wie das Beispiel von David Bunnell zeigt:
Ob Google Brumm, ob Internet oder Facebook: Wie kein zweites Mal in der IT-Technologie war die Entstehung des Personal Computers mit der Hoffnung verknüpft, ein Gegenstück zu den totalitären Großcomputern der Konzerne sei gefunden. Er sollte die Menschheit befreien, Gleichheit für alle Rassen, Glaubensrichtungen, Minoritäten und Klassen bringen. Diese erhabenen Sätze schrieb David Bunnell in das Benutzerhandbuch eines der ersten PC, des Altairs der Firma MITS im Jahre 1974. Schon knapp zehn Jahre später zog Bunnell eine pessimistische Bilanz: „Anstelle die Standesunterschiede zu zerstören, hat der PC ein neues Kasten-System geschaffen, basierend auf dem privilegierten Datenzugriff. Er hat eine Art Berliner Mauer aus Drähten geschaffen, die die informationstechnisch Verarmten ausgrenzt.“
Menschen gewöhnen sich an Technologie und die Unsicherheiten, die sie mit sich bringt. Sie können vieles ausblenden. So werden sie – das meine Prognose – auch mit Algorithmen und Robotern leben können. Einige werden sie wie Mitmenschen behandeln und es letztlich nicht so relevant finden, ob sie im Krankenhaus von einem Menschen oder einem Roboter gepflegt werden, andere werden sie als störend empfinden und weitere einfach benutzen.
Wenn wir im negativsten Fall annehmen, dass gar nicht zu unterscheiden ist, ob im Netz echte Empathie wirkt oder nur aus narzisstischen Gründen vorgetäuschte Empathie: Das gilt außerhalb genauso. Wenn das Netz schlecht und unsozial sein soll, ist es die Welt auch.
Im Rahmen einer Blogparade lade ich ein, übers Lernen nachzudenken. Digitales Lernen verspricht aufgrund neuer technischer und medialer Möglichkeiten einen Wandel, der mir aber oft recht unklar erscheint, weil wir nicht genau verstehen, was sich eigentlich ändert oder ändern soll.
[I]ch glaube ja sehr gerne, dass Du etwas gelernt hast, als Du gelernt hast Textverarbeitungsprogramme zu benutzen, ich weiss nur nicht, WAS Du dabei gelernt hast. Und noch weniger weiss ich, wie ich lernen könnte Texte zu schreiben. Schreiben ist immer Texte schreiben. Ich kann also nur das Schreiben lernen und dabei ist für mich ganz unklar WAS ich dabei lerne – vielleicht Buchstaben korrekt zu zeichnen? Es ist wie bei der Textverarbeitung, wo ich die richtigen Tasten verwenden muss.
Wer reden kann – und da weiss ich auch nicht, was lernen heissen soll – kann Aussagen machen, die er eben als Texts schreiben kann, wenn er schreiben kann. Was also kommt da noch hinzu? Auch die Vorstellung, dass man Denken lernen könnte (+Lisa Rosa) finde ich extrem komisch. Ich kennen keinen Menschen, der nicht denken kann. Denken ist wie reden oder gehen oder atmen.
Ich glaube, dass Ihr etwas viel spezifischeres meint, vielleicht nicht denken, sondern „so denken, wie Ihr denkt“ – und das müsste man dann vielleicht lernen, aber ich kann mir auch das nicht vorstellen.
An dieser Stelle könnten wir natürlich die Diskussion abbrechen und auf entsprechende lernpsychologische Literatur verweisen, die wissenschaftliche Begriffe von Lernen enthält. Diesen Weg möchte ich nicht gehen, weil ich gerade als Lehrer ja oft mit impliziten Annahmen darüber arbeite, was Lernen bedeuten könnte – und diese Annahmen kann man einerseits im Nachdenken über das eigene Lernen aufdecken, andererseits indem man sie zu formulieren versucht.
Welche Prozesse sind für mich mit Lernen verbunden:
Varianten und Alternativen von Verhaltensweisen kennen lernen
die Varianten beurteilen können und die beste wählen können
die eigene Tätigkeit aus einer anderen Perspektive betrachten können
Abkürzungen kennen, mit denen sich repetitive Arbeit vereinfachen lassen
Form (Methoden) und Inhalt (Funktion) von Tätigkeiten bewusst aufeinander beziehen bzw. Form an den Inhalt anpassen oder Inhalt durch Form akzentuieren.
Rolf Todesco hat als Replik auf diese Formulierung die Begriffe Kennen und Können aufeinander bezogen:
Wie ich schon geschrieben habe, geht es um das kennenLERNEN. Und das Kennenlernen endet – dort von von Lernen die Rede ist – beim Können.
Ich habe Dich hier kennengelernt. Ich kenne Dich jetzt ein Stückweit. Das ist aber kein Können, also nehme ich dieses Kennenlernen nicht als Lernen. Wenn ich dagegen eine Textverarbeitung (also Dinger wie MS-Word) kennenlerne, dann endet das in einem Können, wo ich die Textverarbeiten sinnvoll verwenden KANN. Deshalb spreche ich hier von lernen, worin das Kennenlernen zum Können wird.
Lernen als Kennen Lernen, das zu einem Können wird finde ich als Formulierung passend: Die fünf oben erwähnten Punkte umfassen beide Dimensionen. Die praktische Frage ist dann wieder, in welchen Konstellationen Menschen bereit sind, Varianten für ihre Verhaltensweisen kennen zu lernen und daraus ein Können zu entwickeln. Meine Vermutung wäre, dass sowohl eine kreative Offenheit als auch eine fast zwanghafte Einengung beide Abläufe beschleunigen können.
In der achten Klasse hatte ich einen weit gefürchteten Französischlehrer. Wir lernten den subjonctif kennen und mussten alle Verben aufsagen können, die ihn verlangen. Das ging so: Wir erhielten vier recht dicht beschrieben DIN-A4-Seiten mit Listen und mussten die eine Woche später auswendig aufsagen können und zwar enorm schnell. Wir wurden in der Stunde abgefragt (»Philippe, Seite 3 unten, los!«) und erhielten direkt eine Note. So ging das einige Wochen. Das war vor mehr als 20 Jahren. Ich kann die Listen immer noch auswendig hersagen.
Dasselbe wäre wohl passiert, wenn ich zu dieser Zeit ein Jahr in Frankreich verbracht hätte. Im Gespräch hätte ich wohl zuerst ohne subjonctif auskommen müssen, hätte ihn dann aber wohl kennen und können gelernt – ohne Aufforderung, ohne Zwang.
Geändert hätte sich – das eine triviale Einsicht – wohl meine Motivation und meine Haltung zum Gelernten. Die Frage, wie ein Lernprozess bewertet werden soll (gibt es bessere und schlechtere, effizientere und weniger effiziente?), spare ich mir für einen nächsten Post auf.
Vor rund einem Monat habe ich zu einer Blogparade aufgerufen. Mittlerweile sind schon ein paar Texte entstanden, die der Frage nachgehen, wie wir denn bestimmte Kompetenzen erworben haben, indem sie den Lernprozess beschreiben:
Martin – ein anderer Martin – hat Jonglieren gelernt, ich erlaube mir, seinen Kommentar aus einem Google+-Thread zu kopieren, weil ich ihn nicht direkt verlinken kann.
Ich würde mich sehr über weitere Beiträge freuen, einen Abschlusspost werde ich wohl erst Mitte Mai schreiben.
MAKE ME SOME ART, society6
Jonglieren Bedeutung
Unterhaltung, Entspannung
Phasen
Motivation: unbestimmt, irgendwas zwischen Langeweile und Gelegenheit, und es gab so Sendungen das man sein Gehirn immer mal wieder mit was neuem beschäftigen solle, es sollte etwas sein das im Zimmer ohne Ausrüstung und ohne Vorbereitung geht
Idee: aus dem Buch Der Medicus, er muss da jonglieren lernen mit wenigstens 4 Bällen
Information: ungewiss, muss per Internet gewesen sein, der Tipp war langsam mit einer, dann 2 Bällen mit einer Hand zu üben
Üben, üben: ging eigentlich ganz gut, 1-2 Wochen mit einer und 2 Kugeln, dann klappten 2 mit einer Hand, nach ca 3 Wochen klappte es dann mit 3; alles allein; evtl. so was wie 15 min; die Aufgabe war eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen zu schaffen ohne das die Kugel runterfällt, die Anzahl dann immer etwas höher gedreht
Gelernt fürs Lernen
grundlegendes geht eher einfach
4 Bälle habe ich nie geschafft, das müsste man offenbar „richtig“ üben
letzlich sowas wie viel Anfangsmotivation, genügend Informationsmaterial um zu glauben das es machbar ist, Gelegenheit und kontinuierliche Erfolge beim üben
Im aktuellen Magazin der Volksschule Basel, »Balz«, ist ein Interview mit mir erschienen, in dem ich über die Möglichkeiten rede, wie Social Media für die Schule eine Chance sein kann. Zum Lesen klicken, das Bild wird größer.