Blogeinträge statt Aufsätze schreiben

Am 19. Juni haben einige meiner Schülerinnen und Schüler auf einem SRG-Podiumsgespräch über Medienkonsum im Zeitalter von Internet und Gratiszeitungen mit etablierten Persönlichkeiten diskutiert (Radiobericht hier). Im Vorfeld wurde ich vom Regionaljournal Aargau Solothurn interviewt.

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 22.57.04Eine lange Version des Interviews findet sich hier, für die geschnittene unten klicken.

Social Media im Deutschunterricht

Titelblatt, Klick aufs Bild führt zum Dokument (pdf)
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Für eine Fortbildung habe ich ein Papier geschrieben, in dem ich Vorschläge mache, wie Social Media in den Deutschunterricht einfließen könnte.

Das Papier kann hier runtergeladen werden (pdf, Version 2.1, 17. Juni 2013), über Rückmeldungen, Kritik und Anregungen freue ich mich wie immer!

Hier der Inhalt mit Links auf die relevanten Blogposts, in denen einzelne Ideen ausführlicher formuliert werden:

  1. Einführung: Lurken – wie man Social Media lernt
  2. Bloggorrhoe oder Präzision beim Schreiben in Social Media
  3. Mit Google dichten
  4. Bloggen als Schreibtraining
  5. Wikipedia-Artikel verfassen
  6. Twitter für Rollenspiele und Literaturunterricht verwenden
  7. Werther neu geschrieben
  8. Kontakt mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf Social Media
  9.  Lesen 2.0

Mit Google Gedichte machen

Die Idee ist alt: Suchmaschinen eigenen sich dafür, Gedichte zu machen. Sie verbinden parallele Strukturen mit zufälligen Funden – und schaffen so Formen und Inhalte; zu der doch die Benutzerin oder der Benutzer der Suchmaschine den wesentlichen Input gibt.

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Neu ist, dass Google uns direkt Gedichte präsentiert, wenn wir Suchanfragen eingeben. Die Autovervollständigung zeigt uns automatisch Gedichte an, wenn wir einige Wörter eintippen. Wie diese Gedichte entstehen, ist dabei unklar: Sind es die häufigsten Suchanfragen, also die Sätze von anderen Menschen? Oder sind es redaktionelle Inhalte? Sind es Computersätze?

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Wenn wir mit Google dichten, so stellen wir Maschinengedichte her, Zufallsgedichte, aber wir arbeiten auch mit ganz vielen anderen Menschen zusammen.

Diese Idee eigenet sich deshalb ausgezeichnet für den Sprachunterricht. Der Auftrag, Google-Gedichte zu verfassen, führt zu vier Lernzielen:

  1. Erfahrung der eigenen Kreativität im Umgang mit dem sozialen Internet
  2. Reflexion über den künstlerischen Status maschineller Produkte
  3. Problematisierung des Begriffs Gedicht
  4. Verständnis der Funktionsweise von Googles Autocomplete-Funktion (evtl. auch am Fall »Bettina Wulff«).

Eine Sammlung von Google-Gedichten in verschiedenen Sprachen findet sich auf diesem Blog.

Wie ich zu 2000 Twitter-Followern gekommen bin

Bildschirmfoto 2013-06-05 um 11.53.27Meine Tweets, also die kurzen Nachrichten, die täglich versende, werden von 2’430 Profilen aus verfolgt – so viele andere Userinnen und User »folgen« meinem Profil nämlich; d.h. meine Nachrichten werden ihnen angezeigt, wenn sie sich ins soziale Netzerk Twitter einloggen.

Ich selber folge über 1000 anderen Profilen. Das Folgen ist unilateral: Die Konten, denen ich folge, müssen mir nicht folgen – und umgekehrt.

Heute wurde ich gefragt, was meinen »Follower-Erfolg begründet«. Ehrlich gesagt: Ich kann es gar nicht wissen. Viele der Profile, die mir folgen, werden von Programmen betrieben, die bestimmte Stichworte zum Anlass nehmen, Profilen zu folgen. Einige mögen mir folgen, weil sie sich über meine Meinungen aufregen wollen, andere finden die Texte, die ich verlinke, meistens spannend. Und weitere haben vielleicht längst aufgehört, Twitter zu benutzen.

Dennoch versuche ich hier mal meine Prinzipien im Umgang mit Twitter zu beschreiben, die zu dieser Menge an Nachrichten und Kontakten geführt haben könnten.

  1. Geduld. 
    Ich bin seit sechs Jahren auf Twitter (zunächst mit dem Account @kohlenklau). Seit vier Jahren bin ich wohl sehr aktiv, das heißt ich schreibe rund 20 Tweets pro Tag. So kommen immer wieder ein paar Follower dazu – aber nie viele.
  2. Auf Spam verzichten. 
    Ich verschicke – so weit ich das vermeiden kann – nie automatisierte Nachrichten, Werbebotschaften oder inhaltslose Botschaften. Wiederholte Hinweise auf meine Inhalte limitiere ich streng: Ich verweise auf Blogposts meist zwei Mal (auch nicht immer).
  3. Freundliche Umgangsformen. 
    Ich antworte auf alle seriösen Fragen und Kommentare, bleibe auch bei hitzigen Diskussionen sachlich und anständig und behandle andere in der Regel so, wie ich auch behandelt werden möchte.
  4. Content First. 
    Mein Ziel ist es, Informationen zu verbreiten oder sachliche Diskussionen zu führen. Der Inhalt steht dabei im Vordergrund und ich erachte es als meine Pflicht, ihn auf seine Qualität zu prüfen. Ich verlinke interessante Artikel nur dann, wenn sie nicht schon starke Verbreitung gefunden haben, ich vermeide das Wiedergeben von bekannten News und versehe meine Links mit Kommentaren und Hinweisen.
  5. Andere User einbeziehen. 
    Wenn ich Informationen von jemandem übernehme, gebe ich das in der Regel an. Ich antworte anderen Menschen auf ihre Nachrichten und fordere sie zu Diskussionen heraus. Ich erwähne andere Leute zudem direkt und verzichte auf Non-Mentions.
  6. Themen besetzen und Profil gestalten. 
    Ich bin an vielen Themen interessiert und besetze einige davon auf Twitter – d.h. ich äußere mich regelmäßig dazu und bin informiert, was gerade läuft. Allerdings ist mein Profil nicht besonders geschärft: Ich diskutiere über Sport, Gender, Schweizer Politik, Medien, Philosophie, Bildung und Social Media. Damit überschneiden sich einige Themenfelder.
  7. Leuten zurückfolgen. 
    Für mich stellt es keine Pflicht dar, den Profilen zu folgen, die mir folgen. Aber anderen Menschen, die sich für dasselbe interessieren und mit mir interagieren, folge ich im Normalfall.

Die Ausnahmen zu meinen Prinzipien möchte ich nicht auflisten – es wären zu viele und zu verschiedene; mal entsteht eine persönliche Abneigung, manchmal mache ich im Affekt Fehler. Vielmehr möchte ich noch einige Rückmeldungen auflisten, die ich im Sinne von Kritik an meinem Profil schon erhalten habe (und an denen ich arbeite, wenn ich es nicht vergesse):

  • Ich verstricke mich in zu lange Diskussionen, die dann die ganze Timeline anderer User besetzen.
  • Ich zeige zu wenig von mir persönlich und wirke durch meine sachliche Argumentation oft sehr hart und humorlos.
  • Ich beanspruche in unzähligen Gebieten Kompetenz und äußere zu allem meine Meinung.
  • Mein Twitter-Rhythmus ist generell zu hoch: Es ist kaum möglich, alles zu lesen, was ich verbreite (diese Kritik gibt es auch an meine Blogposts).

Wahrscheinlich habe ich sowohl Prinzipien als auch Kritik an meinen Aktivitäten vergessen – und freue mich deshalb über Ergänzungen.

Was tun bei digitalen Notfällen von Jugendlichen?

Es ist Wochenende. Im Internet ist etwas Schlimmes passiert, allenfalls Cybermobbing. Wohin sollen sich Eltern, Jugendliche und andere Beteiligte in der Schweiz wenden, um das Problem zu lösen und Beratung zu erhalten?

Hier eine kleine Liste mit den besten Angeboten – aktualisiert am 4. Juni 2013.

  1. Telefon 147 oder 147.ch: Das Beratungsangebot der Pro Juventute verweist an Fachstellen und berät im Telefongespräch oder per anonymem Chat. Zudem gibt es auf der Webseite umfangreiche Informationen und Listen mit Beratungsangeboten.
  2. Kantonspolizei: Sobald es um illegale Aktivitäten geht, ist die Polizei die erste Anlaufstellen, die auch am meisten Möglichkeiten hat, konkret etwas zu bewirken. Die Polizei ist auch im Internet zuständig.
  3. Aktuelle Angebotsdatenbank von Jugend und Medien: Die Datenbank vermittelt Beratungsangebote abgestimmt auf Alter, Wohnort und Thema.
  4. tschau.ch: E-Beratung für Jugendliche, die zudem viele schon beantwortete Fragen zu verschiedenen Themen zur Verfügung stellt.

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Schulgerüchte auf Social Media

Wie jede Organisation gibt es an Schulen dunkle Kommunikation: Bösartiges, Unsicheres, Nebensächliches beschäftigt Lernende wie Lehrende in den Pausen und auf dem Schulweg. Das Schulgeschehen wird zum Gegenstand der Unterhaltung und so emotional verarbeitet.

An der Kantonsschule in Zug ist daraus ein innovatives Projekt entstanden: Die KSZ Confessions (Facebook-Link). Auf der Seite werden »Geständnisse« von Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen (?) anonym publiziert.

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Die dunkle Kommunikation rückt ins Licht, aber ohne Schaden zu verursachen. Die Geständnisse wirken aus der Distanz entweder harmlos oder so gehaltvoll, dass sie echte Reflexionen auslösen können, wie folgende Beispiele zeigen:

Ich war unglaublich süchtig nach dem Schlumpf-Spiel. Darin hatte ich einmal Melonen gepflanzt und diese mussten 36h wachsen. Als sie reif waren, war ich im GS-Unterricht. Ich begab mich auf das Klo und erntete die Melonen.

Wenn ich die Kantonsschule Zug mit einem Wort beschreiben müsste, wäre dies «ineffizient«!

Praktisch alle Frauen unserer Klasse wurden, ohne einen triftigen Grund zu haben, aufgefordert, bei der Schulpsychologin vorbeizugehen.

Die Distanz durch die Zeit und die Anonymität des sozialen Netzwerks erlauben über wichtige Erfahrungen so zu sprechen, dass sie verarbeitet, aber auch von anderen genutzt werden können.

Das Projekt scheint mir sehr innovativ zu sein. Es nutzt die technischen Möglichkeiten, schafft Identifikation und löst Prozesse aus, die einer Verbesserung des Klimas und des Unterrichts dienlich sein können. Und es ist enorm mutig, diesen Aussagen einen halb-offiziellen Platz einzuräumen (die Schulleitung fordert, dass heikle Inhalte gelöscht werden – danke Paul Zübli für den Hinweis in den Kommentaren!).

In der Schule Wikipedia-Artikel schreiben

Im Folgenden erwähne ich Eckpunkte, die beachtet werden müssen, wenn Wikipedia-Artikel im Rahmen von Unterricht bearbeitet oder erstellt werden. Eine Grundregel steht in dem Wikipedia-Artikel, der sich mit »Wikipedia im Unterricht« befasst:

Die Wikipedia ist kein kostenloser Webspace für Unterrichtszwecke. Sie dient dazu, den Lesern geeignete Artikel zu liefern. Diese Artikel müssen den Wikipedia-Standards entsprechen, sonst werden sie bemängelt und möglicherweise gelöscht, zum Ärger aller Beteiligten (ein erster Einstieg: Was Wikipedia nicht ist). Man überlege sich also, wie man Schüler auf angemessene Weise mit der Wikipedia vertraut machen kann.

Bearbeitung eines Artikels.
Bearbeitung eines Artikels.


Was ein aktiver Umgang mit Wikipedia vermitteln kann. 

Unterrichtsprojekte, in denen an Wikipedia Veränderungen vorgenommen werden, zeigen ganz direkt, dass die Lexikoneinträge etwas Gemachtes sind. Sie bilden nicht objektives Wissen ab, sondern von Menschen dargestelltes Wissen: Es ist als solches unvollständig und durch Perspektiven verzerrt.

Gleichzeitig unterliegt dieses Wissen aber auch intensiven Qualitätskontrollen, die sicher stellen, dass die Inhalte von Wikipedia relevant, aktuell und korrekt sind. Eigenständige Arbeit an Wikipedia zeigt zunächst, dass weder die positiven noch die negativen Vorurteile über Wikipedia die Funktionsweise der Online-Enzyklopädie präzise beschreiben.

Darüber hinaus lernt, wer zu Wikipedia beiträgt, wie Kollaboration zwischen Menschen aussieht, die sich nicht kennen, und erfährt, dass das eigene Wissen über die Welt geeignet ist, ein Lektion zu ergänzen und verbessern.


Vorbereitung der Lehrperson.

Wer mit Lernenden Wikipedia bearbeiten will, muss das selber schon einen Monat lang getan haben. Am besten folgt man dem Programm, das ich unten für Lernende skizziere. Etwas längere Erfahrung ist wichtig, damit auch der Verlauf von Diskussionen über Edits erlebt werden kann.


Der erste Schritt: Eine Information verändern oder hinzufügen
.

Die Zielsetzung wäre, dass im Rahmen eines bestimmten Fachunterrichts alle Lernenden eine Veränderung an einem Artikel vornehmen, der zum Lerngebiet gehört. Es kann darum gehen, eine Information hinzuzufügen, zu aktualisieren oder mit einem geeigneten Bild zu versehen.

Die Vorschläge werden vorbesprochen – entweder unter den Lernenden oder mit der Lehrperson, damit ein erster Filter sicher stellen kann, dass kein Missverständnis vorliegt. Auch die Änderungen werden innerhalb der Lerngruppe geprüft (um Tippfehler etc. zu vermeiden). Anschließend werden die Änderungen beobachtet um zu verfolgen, ob sie Bestand haben oder nicht.


Der zweite Schritt: Einen Artikel verfassen
.

Hier sollte eine Gruppe zusammenarbeiten, weil die Aufgabe recht komplex ist. Bevor ein Artikel erstellt werden kann, müssen folgende Aspekte geprüft werden:

  1. Tutorial für neue Autorinnen und Autoren lesen.
  2. Verdient der Artikel gemäß den Relevanzkriterien einen Platz in Wikipedia? (Hier sollte man im Zweifel auf das Erstellen eines Artikels verzichten.)
  3. Wie sind ähnliche Artikel aufgebaut und welche Informationen sind relevant?
  4. Entwurf eines Artikels in einem Benutzernamensraum.
  5. Prüfung des Artikels in der Gruppe und durch die Lehrperson.
  6. Publikation und Beobachtung des Artikels.


Der notwendige Exkurs: Urheberrecht und Quellen. 

Ein attraktiver Wikipediaartikel umfasst Bilder und Zitate; zudem verweist er auf relevante Dokumente und belegt Aussagen durch Quellen. Hier muss vorgängig ein Verständnis mit Lernenden erarbeitet werden, welche urheberrechtlichen Bestimmungen für Wikipedia relevant sind und wie mit Quellen gearbeitet wird. Detaillierte Hinweise dazu werden hier nicht gegeben, Fragen beantworte ich aber gerne in den Kommentaren.


In welchem Fach bearbeitet man Wikipedia am besten?  

In jedem. Lernende nutzen die Enzyklopädie für all ihre Lerninhalte – deshalb gehört die Pflege und die Beobachtung dieses Wissens zu jedem Fach dazu. Der nötige Kenntnisstand für eine Artikel-Bearbeitung variiert dabei stark. In der Mathematik wird es wohl schnell schwierig, Grundlagenartikel zu verbessern; während es in der Geografie oder im Literaturunterricht viel Raum gibt, um Präzisierungen vorzunehmen.

 

Informelles Lernen – »Professor iPad«

Heute – 2. Juni 2013 – ist in der »Schweiz am Sonntag« ein Artikel von mir erschienen, in dem ich auf das potential von informellem Lernen hinweise. Mein Fazit:

Neue Medien fordern uns heraus und verändern uns. Wir sind ständig abgelenkt, wir werden gestresst und erleben Überforderung. Aber wir können Kinder und Jugendliche nicht davor bewahren, sondern müssen sie anleiten, mit diesen Problemen einen individuellen Umgang zu finden. Nicht alle werden zwei Jahre auf eigene Faust durch die Welt wandern, aber alle werden sich überlegen müssen, ob sie auf ihren Lebensweg ihr Smartphone mitnehmen. Eltern und Lehrpersonen können dabei helfen, dass die digitale Umwelt für Jugendliche eine Lernumwelt wird oder bleibt und nicht durch die Vorurteile der Erwachsenen zu einer Gefahr hochstilisiert wird, die es zu vermeiden gilt.

Hier gibt es Artikel als Text zu lesen, der Klick auf den gelayouteten Artikel führt zu einem größeren Bild.

Sonntag, 2. Juni 2013 - Ausriss gute Qualität

Social Media in der Schule – Chancen und Gefahren

Bildschirmfoto 2013-05-30 um 20.05.17Heute wurde ich im Regionaljournal Zürich/Schaffhausen von SRF 1 zu meinem Buch und zu Social Media in der Schule befragt. Der ganze Beitrag findet sich hier oder auf Soundcloud. Auf der Homepage heißt es:

Unter den Social Media hat Facebook bei Schülerinnen und Schülern wohl den höchsten Stellenwert. Für den Gymnasiallehrer Philippe Wampfler, der Deutsch und Philosophie unterrichtet, bietet diese Plattform eine gute Gelegenheit, um sich sprachlich klar auszudrücken. Oder auch, um zum Beispiel die Arbeit der Schule einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen.

 

»All Eyes on the S4« – die Swisscom-Kampagne interpretiert

Bildschirmfoto 2013-05-29 um 08.58.18Dieser junge Mann hat es geschafft: Er hat 60 Minuten lang ein Telefon angestarrt. Zurück geblickt hat das Telefon nicht: Auf der anderen Seite sind nämlich wir, die Zuschauer, die bisher 1.5 Millionen mal auf das Video geklickt haben.

Das Video sagt uns einiges darüber, wie wir mit Technologie umgehen und wie Samsung und die Swisscom wollen, dass wir mit Technologie umgehen. Zuerst die Geschlechterrollen: Ein attraktiver, modisch gekleideter Mann wird von einer Gruppe junger, attraktiver Frauen dabei beobachtet, wie er mit einem Handy spielt. Er erreicht sein Ziel (60 Minuten seines Lebens damit zu verbringen, regungslos einen Bildschirm anzuschauen) und großer Jubel bricht aus, Ballone steigen auf. Darauf soll sich unser Begehren richten: Durch Technik wehrlos werden, alles über uns ergehen zu lassen, und zu hoffen, dass wir dafür entschädigt werden. Nur: Entschädigt wird nur der – eigens dafür ausgewählte? – junge Mann im Video. Wir nicht.

Wir richten unsere Konzentration und unsere Augen, die uns zu Menschen machen, auf ein Gerät, und versuchen zu einem Gerät zu werden. Doch das Gerät ist uns voraus: Wir verstehen nicht mehr, wie es funktioniert, sondern das Samsung S4 versteht, wie wir funktionieren, weil es unsere Augenbewegungen verfolgt und so Daten darüber sammelt, was wir lesen und womit wir beschäftigt sind.

Eine schöne Kampagne. Virales Marketing, klare Ausrichtung auf Zielgruppe, Inszenierung nicht nur im Internet, sondern auch an Bahnhöfen, gute Laune, viel Spass. Aber auch ein gutes Beispiel für die Wahrheit des bekannten Diktums von Andrew Lewis:

Wenn Sie für einen Dienst nichts bezahlen, sind Sie offenbar nicht Kundin oder Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird.

Der junge Mann sollte sich längst umdrehen und seine Mitmenschen ansehen. Aber er kann nicht. Und er will nicht.