Die Swisscom hört Schulen ab

images

Die folgenden Informationen stammen von der edu-ict-Tagung zum Thema Datenschutz. Eine Stellungnahme der Swisscom steht ganz unten im Beitrag. 

Die Swisscom stellt im Rahmen der Programms »Schulen ans Internet« 6’800 Schulen einen vergünstigten Internetzugang zur Verfügung. Dieser Zugang ist mit einem Contentfilter verbunden: Bestimmte Informationen können an Schulen nicht abgerufen werden, weil sie für Schülerinnen und Schüler als Gefährdung angesehen werden.

Das Filtern von Content wurde immer schwieriger, weil Suchmaschinen wie Google per default https, also eine SSL-Verschlüsselung nutzen. D.h. die Verbindung ist vom Browser her verschlüsselt, es ist für Dritte – wie die Swisscom – nicht möglich, Suchanfragen oder ihre Beantwortung mitzulesen. Der Datenverkehr ist effektiv verschlüsselt.

Da dies nun zur Konsequenz hat, dass Schülerinnen und Schüler ungefiltert aufs Internet zugreifen können, setzt die Swisscom eine Umgehung der Verschlüsselung ein, und zwar mit einem so genannten Man-In-The-Middle-Angriff. Der Internetverkehr ist bis zu einer dritten Firma, ZScaler, verschlüsselt, doch diese erste Verschlüsselung kann dort entschlüsselt werden. Die Inhalte werden geprüft und neu verschlüsselt. Dasselbe passiert beim Empfang der Daten. Browser warnen Nutzer in der Regel bei einer solchen Umgehung, doch diese Warnungen werden auf den Computern an Schulen einfach grundsätzlich ignoriert.

Das konkrete Vorgehen beschreibt Ronny Standke bei imedias.

Ich sehe in diesem Vorgehen zwei Probleme, die nicht notwendigerweise der Swisscom anzulasten sind, sondern ebenso den Schulen, die einen Contentfilter fordern:

  1. ZScaler ist eine amerikanische Firma, die nicht notwendigerweise Schweizer Recht untersteht und Daten wohl in den USA bearbeitet. (vgl. Edit und Link unten)
  2. Der Datenverkehr aller Schülerinnen und Schüler, aber auch aller Lehrpersonen wird abgehört. Das betrifft auch Emails und andere Kommunikation, die wohl berechtigterweise mit SSL verschlüsselt werden.

Edit, 24. Oktober 2013:

* * *

Stellungnahme der Swisscom, 24. Oktober, 21 Uhr:

Anmerkungen zu den Ausführungen im Blogpost:

  1. Mitlesen: Dieser Begriff suggeriert, dass wir den Traffic der Schulen mitlesen, also Kenntnis haben oder nehmen, wer was via unserer Netze kommuniziert. Fakt ist aber, dass wir den Kantonen lediglich einen Web-Filter zur Verfügung stellen, der es ihnen erlaubt, bestimmte Inhalte von Schulen aus unzugänglich zu machen. Dies sind typischerweise Websites mit pornographischen oder Gewalt verherrlichenden Inhalten. Notabene: Die Kantone legen die Regeln fest, welche Inhalte gefiltert werden sollen und welche nicht.
  2. Man-in-the-Middle-Attacke: Auch, wenn der Begriff als terminus technicus richtig gebraucht ist, ist er für nicht-Experten tendenziös. Denn er bedeutet nicht a priori eine böswillige Praktik, sondern beschreibt lediglich das Verfahren, das wir anwenden, und das in solchen Problemstellungen gemeinhin angewandt wird.
  3. ZScaler: Dies ist lediglich der Lieferant, Swisscom betreibt eine vollständig autonome Instanz dieser Lösung auf ihren eigenen Infrastrukturen. Es besteht keine technische Verbindung zwischen unserer Lösung (sie heisst Cloud Security Service) und dem Lieferanten. So ist auch gewährleistet, dass die Daten zu keinem Zeitpunkt an ZScaler gesendet werden.
  4. Datenverkehr wird abgehört: Unsere Architektur lässt es gar nicht zu, dass wir den Traffic einzelner Schüler oder Lehrpersonen „abhören“. Die Filter-Infrastruktur steht in der Cloud und ist von den Bildungsnetzen durch eine Firewall getrennt. Diese Trennung verhindert, einen Request auf eine Schule und sogar auf eine Person zu referenzieren. (Aus diesem Grund ist die Datenschutz-Frage im Zusammenhang mit unserer Lösung auch gar nicht zu stellen.) Dass der Verkehr durch uns aufgebrochen worden ist, zeigt der Browser zudem an (Zertifikat), ist also für den User einsehbar (wenngleich ist einrämen muss, dass man wissen muss, wo man hinschauen muss.)

Bemerkungen zu den Hintergründen:

a)
Seit Beginn von »Schulen ans Internet«-stellen wir den Kantonen auf deren Wunsch eine Filter-Software zur Verfügung. Ob dies einer Feigenblatt-Politik folgt, wie es Beat Döbeli sieht, sei dahingestellt, Fakt ist aber, dass in der Unter- und Mittelstufe die Filterung Sinn machen kann, um für Kinder verstörende Inhalte zu unterdrücken. In Oberstufe und Sekundarstufe II machen solche Filter immer weniger Sinn, wenn Jugendliche aktiv nach solchen Inhalten suchen. Aus diesem Grund haben auch die meisten Kantone auf dem SEK-II Netz den Filter nicht aktiviert. Wie Sie ja wissen, benennen wir die Förderung der Medienkompetenz selbst auch als Königsweg und unternehmen eine Vielzahl an Massnahmen, um ebendiese bei Eltern, Lehrpersonen und Schülern zu verbessern.

b)
Wir filtern also (nochmals: im Auftrag der Kantone) google-Traffic, wie allen anderen http-Traffic seit 2002. Der einzige Unterschied mit der Eweiterung auf https ist demnach der, dass wir einen technischen Umweg vollziehen müssen, damit die Filterung für die Website google (und nur diese Website und keine anderen https-basierten Websites) weiterhin gelingt. Wir nehmen die Google-Anfrage entgegen, entschlüsseln sie, ergänzen den URL mit „safesearch=active“, verschlüseln wieder und reichen den Request weiter. Selbst der Suchbegriff sehen wir nicht ein. Damit aktivieren wir also lediglich die Filterfunktion von Google, um zu verhindern, dass Previews auf Pages mit ungeeigneten Inhalten möglich sind.

c)
In der Entscheidung, ob wir diese Lücke in unserem Filter bestehen lassen sollen, oder den Kantonen proaktiv eine Lösung bieten wollten, habe ich mich für die zweite Variante entschieden. Da wir ja mit der implementierten Lösung weder Traffic mithören, noch Daten speichern, die auf den User Rückschlüsse zulassen würden, stehe ich immer noch voll hinter diesem Entscheid.

d)
Die Kommunikation gegenüber den Kantonen während der Phase zwischen Identifikation der neuen Siuation bei Google und der schliesslichen Implementierung war sehr intensiv und lückenlos. Die Kantone haben wir über alle Schritte informiert. Wir haben mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass es der Entscheid des Kantons ist, die Lösung anzunehmen, oder zu intervenieren.

Das Vertrauensparadox – zur Sexting-Kampagne von Pro Juventute

IMG_7987

Eine neue Kampagne von Pro Juventute nimmt neben Cybermobbing auch Sexting in den Blick. Jugendliche verschicken beim so genannten Sexting (Sex – Texting (SMS)) dabei erotische Fotos von sich selbst, meist einzelnen nahen Freundinnen und Freunden, denen sie vertrauen und mit denen sie intime Beziehungen pflegen. Bricht das Vertrauen, können diese Bilder an eine breitere Öffentlichkeit gelangen, meist mit verheerenden Folgen. Die Merkblätter von Pro Juventute bieten sehr gute Informationen für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen.

Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen. Durch Sensibilisierung kann das  Problem aber nicht gelöst werden. Vertrauen ist sehr paradox – es erfolgt nicht begründet, sondern basiert auf einer Annahme: »Ich kann dem anderen vertrauen.« Deshalb haben so genannte Vertrauensbeweise einen hohen Stellenwert. Je gefährlicher etwas  ist  – ein Nacktbild verschicken, ein Passwort tauschen, desto besser eignet es sich für den Versuch zu beweisen, dass man einer anderen Person vertraut.

Der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener sagt dem Tages Anzeiger zur Kampagne:

Die Hauptproblematik ist die Verletzung der Privatsphäre. Eine solche Nacktaufnahme wird häufig von einem jungen Mädchen auf Aufforderung ihres Freundes gemacht − als eine Art Liebesbeweis. Wenn die Liebe, wie oft bei Jugendlichen, nicht ewig hält, veröffentlicht der Junge das Bild, indem er es an seine Kollegen schickt, vielleicht aus Frustration, vielleicht aus Blödsinn oder weil er damit bluffen will. Weiss plötzlich die ganze Schule von dem Bild, löst das bei der jungen Frau unglaubliche Ohnmachtsgefühle aus.

Obwohl das Problem in der Schweiz gemäß der JAMES-Studie lediglich sechs Prozent der Jugendlichen betrifft, befürchtet der Experte eine Zunahme – gemäß Daten von EU-Kids Online nimmt er an, dass bald 20 Prozent der Jugendlichen davon betroffen sein werden. Diese Prognose darf man durchaus skeptisch betrachten: Viele Jugendliche wissen um die Gefahren, die mit erotischen Fotos verbunden sind, und verhalten sich entsprechend. Zudem ist es recht schwierig, hier präzise Angaben zu ermitteln.

Quelle: Ergebnisbericht JAMES-Studie 2012
Quelle: Ergebnisbericht JAMES-Studie 2012

Nacktaufnahmen an sich sind also nicht verwerflich?
Nein. Problematisch sind sie nur, weil sie mit Mitteln aufgenommen werden, die die Bilder innert Sekunden ungewollt in die Öffentlichkeit hinauszerren.

Auch diese Aussage im Interview muss man eher kritisch sehen – heute kann jedes Bild innert Sekunden ungewollt publiziert werden. Kieners Verweis auf die Polariod-Kameras unserer Jugend mag zeigen, dass es früher auch eine eher ungefährliche Begeisterung für Bilder gab: Aber heute können auch analoge Bilder innert Sekunden digitalisiert werden. Jedes Bild ist heute potentiell öffentlich.

Hier der Videoclip zur Kampagne:

Übergriffe auf Social Media – die fehlende Objektivität

Im Magazin des Tages-Anzeigers geht es in der Titelgeschichte um einen Schweizer Gymnasiasten, der an seinem Geburtstag folgenden Kommentar hinterlassen hatte (pdf, ein Interview mit der Autorin gibt es hier):

Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!

Ist dieser Jugendliche gefährlich? Mit dieser Frage, so die These der Autorin Denise Bucher, hatte die Schweizer Justiz Mühe mit Social Media, weil sie unerfahren in diesem Gebiet sei. Sie zitiert den Berner Strafrechtsprofessor Martino Mona, der sagt, der Eintrag sei »lächerlich. Drohen wegen zu wenig Geburtstagswünschen? Also, für einen normalen Menschen ist das lächerlich. Für einen Amokläufer kann es ernst sein«.

Der Jugendliche wurde wegen »Schreckung der Bevölkerung« zu einer Busse von 1350 Franken verurteilt, er muss zudem die Verfahrenskosten von 13’600 Franken übernehmen.

Wo liegt das Problem? Inhalte in Social Media gleichen denen in einem persönlichen Gespräch: Sie sind nicht objektiv verständlich, sondern nur im sozialen Kontext. Relevant sind die Erwartungen. Ist der folgende Ausschnitt Teil eines Konflikts oder harmloses Gerede? Wie erkennt man das?

wa

Lehrpersonen haben mir kürzlich erzählt, Eltern seien besorgt gewesen, weil ein Schüler auf WhatsApp geschrieben habe: »Ich bringe dich um!« Schülerinnen und Schüler sagen sich das täglich in Schweizer Schulen tausendfach, ohne dass es Anlass zur Besorgnis geben würde. Steht es aber da und wird aus dem Kontext gerissen, wird das viel schwieriger zu beurteilen.

Dabei ist das Argument, jemand habe das anders gemeint, es sei ein Witz gewesen – was auch der Urheber der Geburtstagsdrohung sagt – nur ein Teil dessen, was relevant ist. Einbezogen werden müssen auch die Erwartungen seines Publikums – und davon ist nur ein Teil mit dem Autor bekannt, ein anderer Teil schaut einfach nur zu, weil die Inhalte halb-öffentlich sind.

Die Herausforderung ist groß. Inhalte müssen gedeutet werden. Es gibt nicht einfach Worte, die klar etwas besagen, sondern sie beziehen ihre Bedeutung aus dem Kontext. Damit ist die Justiz überfordert, gerade in Zeiten, in denen jedes Risiko vermieden werden muss. Das zeigt diese Geschichte.

Jugendliche nutzen Social Media gegen den Strich

Will man den aktuellen Zustand der Social-Media-Nutzung beschreiben, so ist das aus zwei Gründen äußerst schwierig. Die Erhebung von Daten braucht erstens viel mehr Zeit, als die wechselnden Praktiken sich unter Jugendlichen halten. So sind beispielsweise die großen Erhebungen wie die JIM- und JAMES-Studien in der Lage, die Resultate der Befragungen rund ein Jahr nach ihrer Erhebung zu publizieren, sie sind so also bis zu zwei Jahre alt, bevor die neuen Ergebnisse erscheinen. Zweitens sind die Praktiken äußerst uneinheitlich, verschiedene soziale Gruppierungen migrieren zwischen verschiedenen Netzwerken und verwenden sie teilweise höchst eigensinnig. Sie verwenden Tools oft so, wie das ihre Hersteller und Designer nicht beabsichtigt haben.

Ein erstaunliches Beispiel haben Boyd und Marwick in Befragungen von Jugendlichen ermittelt:

Mikalah beschrieb, wie sie ihr Facebook-Konto jeden Tag deaktivierte, nachdem sie es benutzt hatte. Facebook führte die Deaktivierung als Alternative für das Löschen eines Kontos ein. User hatten die Möglichkeit, ihre Inhalte so zu verbergen, dass sie komplett verborgen waren. Bereuen sie ihre Entscheidung, reaktivierten sie ihr Konto und können wieder auf alle Inhalte, Verbindungen und Nachrichten zugreifen. Mikalah tat dies täglich, was darin resultierte, dass alle ihre Freunde ihr nur Nachrichten schicken oder Kommentare hinterlassen konnten. Dadurch verwandelte sie Facebook in ein Netzwerk, das nur in real-time funktionierte. Sie wusste, dass Erwachsene tagsüber ihr Profil anschauen könnten und wollte nicht über die Suche auffindbar sein, sie hatte regelmäßig mit staatlichen Institutionen zu tun und traute Erwachsenen nicht. Aber sie nahm vernünftigerweise an, dass die meisten Erwachsenen in der Nacht, wenn sie online war, weniger oft auf ihr Profil stoßen würden. Sie kreierte so eigentlich eine Tarnkappe – so dass sie für die sichtbar war, mit denen sie interagierte, und für die unsichtbar, die ihre Informationen durchsuchen konnten, während sie abwesend war.  (Übersetzung Ph.W.; S. 20 f.)

Kulturpessimismus in Zeiten von Social Media

»Endlose rezeptive Gier, Einsamkeit und Depression« – so beginnt der Lead eines Artikels im NZZ-Feuilleton, in dem Tomasz Kurianowicz, ein Berliner Journalist und Literaturwissenschaftler, über ein »rastloses, schizophrenes System« schreibt, das er in den sozialen Netzwerken ausmacht.

Seine Gewährsleute tragen große Namen: Jean-Luc Godard, Jonathan Franzen, Karl Kraus, Goethe. Und er verweist auf die Forschungsergebnisse, die auf diesem Blog kürzlich Thema waren und uns sagen, dass Facebook unglücklich mache. Sein Fazit ist düster:

Der Gang durch Einkaufszonen und Schulen, wo jeder Zweite mit seinem Smartphone beschäftigt ist, beweist, dass wir uns voneinander entfernen. Der Mut zur Begegnung schwindet. Der Narzissmus obsiegt. Die seelische Verbarrikadierung nimmt zu.

Dem Artikel sind zwei Dinge vorzuhalten: Den Pessimismus seines Autors, der seine Sicht massiv einschränkt, und das Ignorieren der Betroffenen. Wer sich mit Menschen intensiv auseinandersetzt, die soziale Netzwerke nutzen, merkt, dass es zunächst Menschen wie alle anderen sind. Sie sind manchmal traurig und manchmal glücklich, vor gewissen Dingen haben sie Angst und vor anderen nicht. Ihre Motive, um soziale Netzwerke zu nutzen, sind unterschiedlich, genau so wie die Wirkungen, die sie auf sie ausüben. Das ist eine ähnlich starke Platitüde wie die, welche der Autor auf seiner gebildeten Tour-de-Force durch die Technologiekritik von Kulturmenschen von sich gibt:

  • »nicht jede Information ist es wert, wahrgenommen zu werden«
  • »[auf Facebook wird] ein Inszenierungsspiel betrieben, das viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird«
  • »man [ist] vom Leben der anderen wie hypnotisiert«

Tatsächlich, so ist es. Und so war es schon immer. Genau so, wie es schon immer die Warnenden gegeben hat, die in jeder Neuerung in der Verarbeitung von Information und in der Kommunikation zwischen Menschen einen Abgrund für die Menschheit erblickten oder sich veranlasst fühlten, uns die Barbarei zu prognostizieren. Auch die drohende Vermischung von virtueller Welt und realer Welt, die der Autor in den sozialen Netzwerken zu erkennen glaubt (» viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird«), ist ein Topos in der Kulturkritik, der sich kaum belegen lässt. Niemand denkt, Facebook sei in irgend einer Form ein Ersatz für die »reale Welt«, auch wenn Außenstehende diesen Eindruck gewinnen könnten.

Seien wir genauer, als Kurianowicz es sein will. Schauen wir hin, sprechen wir mit Menschen und lassen wir uns den Blick nicht durch Metaphern und Ängste trüben, die uns bei der Adaption an neue Kulturtechniken einschränken, statt uns die Möglichkeit zu geben, mitzureden. Haben soziale Netzwerke unerwünschte, schädigende Auswirkungen auf Menschen? – Na klar. Aber entfernen wir uns ihretwegen voneinander, werden wir zu Narzisstinnen und Narzissten, verbarrikadieren wir uns seelisch? Ich denke nicht.

Bildschirmfoto 2013-10-18 um 15.41.43

Wie Jugendliche Social Media zur Beziehungspflege nutzen

Es sind nur Ausschnitte, kleine Teile von mir selbst und es gleich nicht meinem Leben. Du könntest nicht viel über mich sagen, wenn du mich nur auf Facebook kennen würdest. Das hat nichts damit zu tun wer ich bin, also wer ich wirklich bin. Es ist nur so allgemeines Zeug, das ich mag und was ich tue, oder einfach Dinge, die andere, die ich kenne, mögen oder interessant finden.

Nahum über seine Selbstrepräsentation auf Facebook

Weil quantitative Methoden oft ungenau sind, wenn es um subjektive Zusammenhänge wie Beziehungen geht, haben Fatimah Awan und David Gauntlett (Publikation auf Anfrage per Mail erhältlich) mit 14- und 15-jährigen Jugendlichen einen kreativen Prozess durchgeführt: Nach einer Einführung ließen sie »Identitätskisten« herstellen, welche einen Innen- und einen Außenraum hatten, den die Jugendlichen mit Collagen beklebten. Sie sollten dabei an drei Dinge denken: »Ich«, »meine Welt«, »meine Medien«. Diese Boxen ließen sie von den Jugendlichen ohne ein bestimmtes Fragenraster präsentieren, so dass sie die Aspekte hervorheben konnten, die für sie von besonderer Bedeutung waren. Die dabei gewonnen Erkenntnisse bilden einen guten Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion der Auswirkungen digitaler Medien, die anders als zu Beginn der Geschichte des Internets immer auch mit den eigenen sozialen Strukturen verbunden sind.

boxes

Die folgende Liste ist zu generell, weil sie einerseits spezifische Kontexte außer Acht lässt, andererseits uneinheitliche Praktiken und Haltungen verallgemeinert. Aber sie zeigt bestimmte Tendenzen auf, die durch internationale Studien recht gut belegt sind.

  1. Wenig neue Beziehungen durch Social Media
    Social Media ist für die meisten Jugendliche kein Werkzeug, um neue Menschen kennen zu lernen. Die meisten Jugendlichen kennen ihre Freunde aus der Schule, über andere Freunde oder aus der Nachbarschaft. Neue Freundschaften betreffen häufig Jugendliche, deren Bekanntschaft in der Schule oder in Vereinen schon gemacht wurde, allerdings ohne intensive Gespräche, die über soziale Netzwerke initiiert werden können.
  2. Social Media als Erweiterung der alltäglichen sozialen Erfahrung
    Neue Medien dienen Jugendlichen hauptsächlich dazu, Beziehungen zu erhalten und zu intensivieren. So erwähnen sie beispielsweise häufig die Möglichkeit, mit entfernt lebenden Verwandten im Kontakt zu stehen. Die Freundschaften hängen aber nicht von ihrer medialen Erweiterung ab.
  3. Nähe und Routine
    Der Hauptmodus der Konversation unter Freundinnen und Freunden auf Social Media besteht in einer Versicherung, dass man an einander denkt und die Verbindung aufrecht erhalten will. »An mich hat niemand gedacht«, meine eine 17-jährige Schülerin bei einer Befragung im September 2013, als sie eingestehen musste, als einziges Mitglied ihrer Klasse um acht Uhr noch keine WhatsApp-Nachricht erhalten zu haben (eigene Quelle). Dadurch entsteht oft ein belangloses Geplaudere, das schnell zu einer Routine werden kann. Gespräche nehmen einen formalisierten Lauf, was zu einer gewissen Frustration und einer Social-Media-Müdigkeit führen kann. Zudem entsteht schnell ein Druck, ein bestimmtes Engagement aufrecht erhalten zu müssen.
  4. Unterschiedliche Beziehungen auf Social Media pflegen
    Es gibt keine Belege dafür, dass Jugendliche nicht in der Lage wären, nähere Freunde von entfernten Bekannten zu unterscheiden, obwohl die meisten Netzwerke dafür denselben Status vorsehen (z.B. die Kategorie »Freund« auf Facebook). In Befragungen weisen Jugendliche regelmäßig darauf hin, dass nur ein kleiner Teil dieser Freunde tatsächliche Freunde seien. Daraus lässt sich ableiten, dass sie Differenzierungen vornehmen, auch wenn es oft technisch schwierig wenn nicht unmöglich ist, sie umzusetzen.
  5. Bequemlichkeit
    Social Media macht für Jugendliche das Leben einfacher, weil die schnelle und direkte Kommunikation oft eine Erleichterung darstellt. »Es verändert meine Identität nicht, es ändert nur die Dinge, die ich tue, zum Beispiel, wie schnell ich etwas tun kann«, meinte eine der Schülerinnen, die Awan und Gauntlett befragten.
  6. Offenheit und Kontrolle
    Jugendliche nehmen soziale Netzwerke als Möglichkeit wahr, sich freier Ausdrücken zu können, ohne sich beispielsweise vor einer Gruppe lächerlich zu machen oder sich schämen zu müssen, weil sie einen bestimmten Grad von Anonymität und Distanz wahrnehmen. Gleichzeitig erleben sie mehr Kontrolle in sozialen Situationen, weil beispielsweise Gespräche grundlos abgebrochen werden können oder schwierige Themen angesprochen werden können, ohne die direkte Reaktion der anderen Person einbeziehen zu müssen. Sie fühlen sich in der Online-Kommunikation oft sicherer als im direkten Kontakt mit anderen Jugendlichen.
  7. Mangel an Vertrauen und Klarheit
    Jugendliche wissen, dass andere sie falsch verstehen könnten oder die Informationen, die sie ihnen geben, gegen sie verwenden können.
  8. Authentische Selbstrepräsentation
    Man kann davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen nicht ein ideales Selbstbild verkörpern, sondern sich mehr oder weniger so präsentieren, wie sie sich sozial verhalten.
  9. Bewusstsein für Privatsphäre
    So echt die Selbstrepräsentation oft ist, so lückenhaft ist sie. Viele Profile enthalten sehr generische Informationen über Fernsehsendungen, die jemand mag, oder nichtssagende Ferienbilder. Das entspricht einem hohen Bewusstsein für Privatsphäre und die Erwartungen anderer, die auf den Profilen nichts auf den ersten Blick Störendes entdecken sollten, sondern vor allem Interessantes und Attraktives.
  10. Eindimensionale Beziehungen
    Jugendliche sprechen Online-Beziehungen in der Regel viele Qualitäten ab, die für sie wichtig sind. Neben dem Vertrauen ist es vor allem der mangelnde Blickkontakt, der ihnen fehlt und der für sie wichtig ist.

Das Bild, das diese zehn Punkte zeichnen, ist kein einheitliches. Es ergeben sich Brüche und Widersprüche, die nicht aufzulösen sind, sondern als Beschreibung einer sozialen Realität durchaus akzeptabel sind. So ist es beispielsweise paradox, dass Menschen in halb-anonymen Situationen oft viel offener über ihre Probleme reden als im direkten Austausch mit ihren Mitmenschen.

Im folgenden Abschnitt wird nun die Perspektive umgedreht: Während Jugendlichen oft eine gewisse Kontrolle über oder Verantwortung für die Beziehungen, die sie pflegen, zugeschrieben wird, nutzen sie online Werkzeuge, die mit ganz bestimmten kulturellen und wirtschaftlichen Absichten designt wurden, und so das Verhalten von Jugendlichen direkt beeinflussen.

Während ein deterministischer Ansatz besagen würde, dass die Optionen zur Gestaltung eines Profils dazu führen, dass sich die Möglichkeiten zum Ausdruck einer Identität reduzieren, ist die Annahme einer Wechselwirkung zwischen der alltäglichen Lebenspraktiken von Menschen, wirtschaftlichen Abläufen und kulturellen Gegebenheiten wohl zielführender und präziser. Sander De Ridder hat beispielsweise in einer Untersuchung der Nutzung von Netlog durch belgische Jugendliche herausgearbeitet, wie Technologie, Partizipation, Subjektivität und Repräsentation in sozialen Netzwerken in einander übergehen. Das heißt konkret, dass gewisse technologische Beschränkungen oder Möglichkeiten zu Partizipation führen oder aufgrund mangelnder Partizipation – aus ökonomischen Überlegungen – an die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer angepasst werden. Gleichzeitig beziehen sich Designer von Software auf die subjektiven Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer – ihr Verhalten auf den Netzwerken wird bis in kleinste Detail analysiert und später durch präzise Anreize gesteuert. Und doch entwickeln Gemeinschaften jeweils eigene Codes für Repräsentation. In De Ridders Untersuchung ging es z.B. um die Frage, unter welchen Bedingungen Jugendliche auf Netlog ihre sexuelle Orientierung definieren – eine Angabe, die im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (es stehen nur die Optionen »männlich« und »weiblich« zur Auswahl) fakultativ ist. Diese Angaben können im System selbst vorgenommen werden, was User mit einem als »männlich« definierten Profil fast doppelt so häufig tun wie die anderen, »weiblichen«. Ebenso tun es die Profile häufiger, die angeben, auf der Suche nach einer Beziehung zu sein, eine weitere von der Software angebotene Option.

Jugendliche nutzen aber vielfach die Möglichkeit, ihre sexuelle Orientierung und ihren Beziehungsstatus in einem freien Text zu verfassen, mit dem sie sich vorstellen können. So schrieb etwa ein 17-jähriges Mädchen:

Deine Liebe ist meine Droge, Jonaaaaaaaaas ❤
7. April ’10 ❤

Jugendliche entwickeln also eigene Strategien, um Freiräume innerhalb der von Softwaredesign geschaffenen Strukturen zu generieren. De Ridder bemerkt dazu folgerichtig:

User geben Technologie eine unterschiedliche Bedeutung. In der Folge resultiert aus dieser interpretativen Flexibilität Kontingenz und Komplexität im Verhältnis von Gesellschaft und Technologie, statt einer einseitigen Bestimmung.

Kurz: Während Netzwerke die Darstellung von Individuen und die Möglichkeiten ihrer Beziehungen durch technische Vorgaben prägen, lassen sie dennoch genügend Freiräume, um gehackt zu werden – hacken verstanden als die Fähigkeit, Grenzen kreativ und spielerisch zu überwinden.

Als Vergleich könnte die Fähigkeit von Jugendlichen herangezogen werden, auch Schuluniformen individuell zu tragen, selbst wenn alle Kleidungsstücke vorgegeben sind.

Diese Strategien und Fertigkeiten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wirtschaftliche Interessen mittels Medialisierung auch intime Beziehungen von Jugendlichen in bestimmte Bahnen lenken. Dabei ist es äußerst schwierig, präzise darzustellen, wie das geschieht, gerade weil es kein einseitiger Prozess ist und Medialisierung oft bewusst gewählt wird. Problematisch erscheint, dass wirtschaftliche und kulturelle Kräfte, die hinter Social Media stehen, durch die intensivere Nutzung immer stärker unsichtbar werden, was De Ridder im Gespräch mit Fokusgruppen mit Teenagern erstaunt hat.

Vorschlag für eine Smartphone-Etikette

Als Vorbereitung für einen kleinen Auftritt bei Radio 105 (Teil 1 / Teil 2) meine Empfehlungen zu Smartphone-Anstand. Das Schöne am Thema: Wir haben die Chance, neue Regeln zu erlernen, erproben, umzusetzen. Das weniger Schöne: Wir nerven uns, weil unsere Erwartungen ständig verletzt werden, ohne dass wir auf Normen zurückgreifen können, an denen sich alle orientieren sollten.

  1. Mitdenken. 
    Wir erleben, wie andere Menschen ihr Smartphone nutzen und finden dabei weniges attraktiv und vieles daneben. Diese Einsichten lassen sich recht direkt umsetzen.
  2. Atmen.
    Wenn der Bus grad zwei Minuten nicht kommt oder es am Schalter eine Schlange hat, drei Mal tief atmen und dann an etwas Schönes denken. Sich etwas Zeit nehmen. Nicht jede freie Minute mit dem Smartphone füllen. Wer das kann, spürt sich mehr und ist offener.
  3. Die Erwartungen anderer bedenken. 
    Wir leben in einer Welt mit vielen Kontexten. Anständig ist nicht das, was sich am Sonntag in der Kirche und beim Mittagessen mit dem feinen Geschirr gehört, sondern das, was den Erwartungen der Menschen entspricht, die uns umgeben und mit denen wir interagieren. Wenn wir auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihre Erwartungen berücksichtigen, machen wir vieles richtig. Es gibt Raum für individuelle Lösungen. Nutze ihn.
  4. Vermeide Phubbing
    Andere Personen verdienen unsere Aufmerksamkeit, auch wenn sie uns am Kiosk bedienen, sich auf den freien Sitz im Zug setzen wollen oder was Langweiliges erzählen: Wer dabei die Kopfhörer nicht entfernt oder auf ein Display starrt, sagt damit, dass die andere Person die eigene Aufmerksamkeit nicht verdient. Das gehört sich nicht.
  5. Handynutzung ist eine Unterbrechung einer sozialen Interaktion. 
    Es ist nicht generell verpönt, beim Treffen mit anderen Menschen das Handy zu nutzen. Aber es ist, als würde man die Toilette aufsuchen: Man kündigt es an (ohne ausführliche Umschreibungen) und tut es zügig und diskret.
  6. Toilettenbesuch und Smartphonenutzung verbinden. 
    Daraus ergibt sich eine Kombination, die sich schon verbreitet hat. Menschen ziehen sich auf die Toilette zurück, um zu tun, was sie nicht lassen können. Vor den Kopf stößt man damit niemanden, aber anzunehmen, andere würden auf diese Idee nicht kommen, wäre eher naiv. (Von Bakterien auf dem Smartphone-Display reden wir jetzt mal nicht – wir waschen ja auch jedes Mal die Hände, wenn wir ein fremdes Gerät angefasst haben…)
  7. Das Smartphone ist eine Fotokamera und ein Videorecorder. 
    Behandle es entsprechend. Geheime Aufnahmen und Veröffentlichungen von Mitschnitten von Ereignissen, die Beteiligte privat halten möchten, verstoßen nicht nur gegen Anstandsregeln, sondern auch gegen das Gesetz. Wer Fotos oder Filme von anderen Menschen veröffentlicht, holt sich ihr Einverständnis.
  8. Die Tonfunktion ist für die Alphütte. 
    Es gibt Alphütten, da muss eine kleine Anhöhe bestiegen werden, damit die Geräte ein Signal empfangen. Werden sie dort deponiert, darf der Klingelton auf laut und originell geschaltet werden. Sonst braucht es weder Klingel- noch andere Töne. Tastentöne, Signaltöne, Fototöne und was es sonst noch geben mag – die haben für kompetente Menschen heute keine Funktion und stören andere.
  9. Smartphones machen niemanden cool.
    Cool sind heute uralte Nokia-Telefone oder Moleskine-Notizbücher ohne Internetanschluss. Natürlich zeigen sich die Männer vom Turnverein beim abendlichen Bier ihre neuen Wundergeräte mit dem großen Display, den hübschen Apps oder der eingebauten Taschenlampe. Die meisten anderen Menschen nutzen Smartphones, weil das vieles einfacher macht. Mehr nicht.
  10. Pause machen. 
    Die Geräte mal eine Ferienwoche lang, für ein Wochenende oder einen Ausgangsabend vergessen. In eine Schublade stecken, den Akku leer laufen lassen und durchatmen.

Was tut man also, wenn man mit jemandem beim Kaffee sitzt, plaudert – und man erwartet eine wichtige Nachricht oder einen wichtigen Anruf? Zunächst einmal macht man die Gesprächspartnerinnen und – partner darauf aufmerksam: »Kann sein, dass ich mal kurz ans Handy muss, erwarte eine wichtige Nachricht.« Trifft sie ein, weist man kurz darauf hin: »Nun ist sie gekommen, die Nachricht – entschuldigt mich bitte schnell«, zieht sich zurück, antwortet oder spricht und kommt wieder zurück. Wenn es möglich ist, gibt man eine Erklärung ab (»Das war ein Arzttermin mit dem Spezialisten, mein Ellenbogen schmerzt beim Tennis immer stärker«) oder entschuldigt sich knapp.

enhanced-buzz-32695-1375719935-45

Die Konsensillusion

Soziale Netzwerke haben einen starken Einfluss auf die digitale Kommunikation gehabt. Diese Einsicht wird häufig – auch in diesem Buch ausgeblendet -, wenn davon ausgegangen wird, digitale Kommunikation sei automatisch Kommunikation in sozialen Netzwerken. »Lange Zeit war es der Normalzustand, dass man sich im Netz mit Fremden unterhielt«, hält Kathrin Passig am Anfang einer Untersuchung zum Wir-Gefühl in Social Media fest. Wenn also Gemeinschaften im digitalen Kontext entstanden, orientierten sie sich an gemeinsamen Interessen, die dazu führten, dass Kommunikation überhaupt entstehen konnte.

Diese Entwicklung ist für Jugendliche von entscheidender Bedeutung. Gerade solche mit Nischeninteressen, seien es spezielle Hobbies, Fertigkeiten oder Krankheiten, finden Anschluss an Netzgemeinschaften. Das gilt sogar für Hikikomori, also meist japanische, männliche Jugendliche, die sich sozial so stark isoliert haben, dass sie ihr eigenes Zimmer nicht mehr verlassen (vgl. z.B. Yong. S. 11ff.). Die Möglichkeiten zur Bildung von Gemeinschaften, so kann recht klar bilanziert werden, haben sich durch die Möglichkeiten der Web-Kommunikation erweitert und verfeinert.

Die Eigenschaft von sozialen Netzwerken, soziale Beziehungsstrukturen digital abbilden zu können, führt aber zu Schwierigkeiten, die aus der »Kombination aus Zusammenlegung der sozialen Kreise, kollaborativer Selbstdarstellung und wachsender Normalität der aktiven Internetnutzung« resultieren. Die Beispiele sind bekannt: Während wir im sozialen Austausch gewisse Themen aktiviert und andere zurückgestellt oder tabuisiert werden – die Kinder, die beim Nachtessen präsent sind, werden als Thema aktiviert, politische oder religiöse Fragen allenfalls ignoriert –, sind diese Themen alle nebeneinander in den Netzwerken präsent: »Die Flüsse vieler unterschiedlicher Lebenskontexte münden ins große Facebook-Meer«, schreibt Passig.

349031_12237409_b
Us & Them, Alvarez, society6

Den Effekt dieses Phänomens kann man Konsensillusion nennen: Menschen denken generell, dass viele andere ihre Meinungen teilen, sie überschätzen den Anteil der Menschen, der so denkt, wie sie selber. Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn Menschen ihn kennen, er ist innerhalb einer bestimmten Gruppe ausgeprägter als zwischen Mitgliedern der Gruppe und der Außenwelt.

Welche Auswirkungen hat das?

  1. Es besteht die Gefahr, Mitmenschen unsympathisch zu finden, weil man ihre Meinungen auf Facebook oder Twitter nachlesen kann. Die Struktur des Web 2.0 ermöglicht oder erzwingt einen Austausch über Themen, der in sozialen Situationen sonst vermieden werden könnte.
  2. Schnell entsteht der Eindruck, das Medium sei für das Problem verantwortlich und zieht sich daraus zurück. Damit ist ein Trugschluss verbunden, wie Passig meint: »Allerdings fußt die Vorstellung von der Authentizität, Verlässlichkeit und Harmonie der Offlinebeziehungen nicht unbedingt auf harten Fakten.«
  3. Menschen kommunizieren als Resultat der Konsensillusion oft auch eingeschränkt: Sie fokussieren auf positive und private Themen. Kaum jemand findet sich in einem angeregten Online-Streit, weil er oder sie Fotos vom Strandurlaub reinstellt, niemand wirkt wegen eines lustigen Musikvideos und einer schlauen Zitats unsympathisch.
  4. Soziale Netzwerke, die private Rede öffentlich oder halb-öffentlich machen, werden technologisch von anderen abgelöst, die das nicht mehr ermöglichen. Die Ablösung von Facebook, die bei urbanen Jugendlichen in Europa und in den USA bereits im vollen Gang ist, führt hin zu persönlichen Tools wie WhatsApp oder Snapchat – oder zu solchen, die nur bestimmte Inhalte zulassen, namentlich Instagram (Bilder) oder Vine (Videos). So kann entweder das Publikum klar definiert werden oder der Austausch von Inhalten verhindern, dass es zu Konsens kommen muss.

Lest eure Mail nicht!

Eine der entscheidenden Literacies, also Kompetenzen im Umgang mit Information, ist die Filterkompetenz: Wenn alle Information der Welt übers Smartphone erreichbar ist und Nachrichten über mich reinbrechen, dann stellt sich die Frage, wie kann ich verhindern, dass ich belastende und irreführende Informationen von mir fernhalte, wichtige und relevante aber direkt einsehen kann.

Eine einfache Übung in Filterkompetenz besteht darin, Mails nicht zu lesen. In meiner Mailbox befinden sich zur Zeit 50’000 Emails, rund 2’500 davon sind ungelesen. Immer wieder markiere ich alle Mails als gelesen, weil die hohe Zahl jemanden irritiert. Mich selber stört sie nicht: Täglich lese ich ganz viele Mails nicht. Ich lese auch viele Facebook-Statusmeldungen nicht, ich lese die Werbung am Bahnhof nicht und auch die Gratiszeitungen lasse ich liegen.

An einem Workshop wurde ich von einer Lehrerin heute gefragt, wie ich denn das mache, Mails nicht lesen: Woher ich wüsste, welche wichtig seien und welche nicht. Eine Frage, die ich mir noch gar nie überlegt habe, gerade weil sie so selbstverständlich ist. Aber mir ist auch schon aufgefallen, dass das viele Menschen nicht tun, nicht wollen oder können. Sie lesen alle Nachrichten, die an sie gerichtet sind – und so filtern sie zu wenig.

twitter2

Beim Nachdenken und Ausprobieren bin ich auf folgende Hinweise gestoßen:

  1. Ich lese auch einen großen Teil der Briefpost nicht. Die meisten Couverts, die ich erhalte, werfe ich ungeöffnet weg, weil ich weiß, dass mich die Inhalte nicht interessieren oder nicht betreffen.
  2. Ich nutze eine mobile Ansicht, die mir Absender, Datum, Betreff sowie die ersten rund 15 Wörter anzeigt. Das ist meine Entscheidungsgrundlage.
  3. Mails von wichtigen Absendern, also Einzelpersonen mit klaren Anliegen, lese ich meistens. Wichtige Personen erhalten ein eigenes Postfach, das ich immer lese.
  4. Ausnahme zu 2.: Mails von MitarbeiterInnen, SchülerInnen, von denen ich weiß, dass sie nicht sofort bearbeitet werden müssen. Die lese ich später, weil sie sich oft selbst erledigen.
  5. Ich übe das Nichtlesen. Ich mache es ständig und entwickle so eine Routine darin. Twitter ist wohl die beste Übung im Nichtlesen – man überfliegt eine nie endende Liste von Mitteilungen, die man gar nicht alle lesen kann.

Twitter zeigt aber auch ein Mechanismus im Web 2.0: Alles, was wirklich wichtig ist, wird nach oben gespült. Suchen bringen wichtige Mails als Resultate, sie werden von anderen Leuten weiterverschickt, beantwortet, etc.

Das Nichtlesen ist eine große Entlastung. Es befreit davon, ständig erreichbar zu sein, und gibt ein einfaches Signal zurück: Sei auch im Zeitalter der real-time-Kommunikation geduldig und lasse dir Zeit.

twitter1