Heute erschien mein Kommentar zu Datenschutz an der Schule in der WoZ. Er kann hier nachgelesen werden.
Weitere Texte von mir zu Datenschutz und Bildung finden sich unter phwa.ch/datenschutz.
Philippe Wampfler
Heute erschien mein Kommentar zu Datenschutz an der Schule in der WoZ. Er kann hier nachgelesen werden.
Weitere Texte von mir zu Datenschutz und Bildung finden sich unter phwa.ch/datenschutz.
Die folgenden Informationen stammen von der edu-ict-Tagung zum Thema Datenschutz. Eine Stellungnahme der Swisscom steht ganz unten im Beitrag.
Die Swisscom stellt im Rahmen der Programms »Schulen ans Internet« 6’800 Schulen einen vergünstigten Internetzugang zur Verfügung. Dieser Zugang ist mit einem Contentfilter verbunden: Bestimmte Informationen können an Schulen nicht abgerufen werden, weil sie für Schülerinnen und Schüler als Gefährdung angesehen werden.
Das Filtern von Content wurde immer schwieriger, weil Suchmaschinen wie Google per default https, also eine SSL-Verschlüsselung nutzen. D.h. die Verbindung ist vom Browser her verschlüsselt, es ist für Dritte – wie die Swisscom – nicht möglich, Suchanfragen oder ihre Beantwortung mitzulesen. Der Datenverkehr ist effektiv verschlüsselt.
Da dies nun zur Konsequenz hat, dass Schülerinnen und Schüler ungefiltert aufs Internet zugreifen können, setzt die Swisscom eine Umgehung der Verschlüsselung ein, und zwar mit einem so genannten Man-In-The-Middle-Angriff. Der Internetverkehr ist bis zu einer dritten Firma, ZScaler, verschlüsselt, doch diese erste Verschlüsselung kann dort entschlüsselt werden. Die Inhalte werden geprüft und neu verschlüsselt. Dasselbe passiert beim Empfang der Daten. Browser warnen Nutzer in der Regel bei einer solchen Umgehung, doch diese Warnungen werden auf den Computern an Schulen einfach grundsätzlich ignoriert.
Das konkrete Vorgehen beschreibt Ronny Standke bei imedias.
Ich sehe in diesem Vorgehen zwei Probleme, die nicht notwendigerweise der Swisscom anzulasten sind, sondern ebenso den Schulen, die einen Contentfilter fordern:
Edit, 24. Oktober 2013:
* * *
Stellungnahme der Swisscom, 24. Oktober, 21 Uhr:
Anmerkungen zu den Ausführungen im Blogpost:
Bemerkungen zu den Hintergründen:
a)
Seit Beginn von »Schulen ans Internet«-stellen wir den Kantonen auf deren Wunsch eine Filter-Software zur Verfügung. Ob dies einer Feigenblatt-Politik folgt, wie es Beat Döbeli sieht, sei dahingestellt, Fakt ist aber, dass in der Unter- und Mittelstufe die Filterung Sinn machen kann, um für Kinder verstörende Inhalte zu unterdrücken. In Oberstufe und Sekundarstufe II machen solche Filter immer weniger Sinn, wenn Jugendliche aktiv nach solchen Inhalten suchen. Aus diesem Grund haben auch die meisten Kantone auf dem SEK-II Netz den Filter nicht aktiviert. Wie Sie ja wissen, benennen wir die Förderung der Medienkompetenz selbst auch als Königsweg und unternehmen eine Vielzahl an Massnahmen, um ebendiese bei Eltern, Lehrpersonen und Schülern zu verbessern.
b)
Wir filtern also (nochmals: im Auftrag der Kantone) google-Traffic, wie allen anderen http-Traffic seit 2002. Der einzige Unterschied mit der Eweiterung auf https ist demnach der, dass wir einen technischen Umweg vollziehen müssen, damit die Filterung für die Website google (und nur diese Website und keine anderen https-basierten Websites) weiterhin gelingt. Wir nehmen die Google-Anfrage entgegen, entschlüsseln sie, ergänzen den URL mit „safesearch=active“, verschlüseln wieder und reichen den Request weiter. Selbst der Suchbegriff sehen wir nicht ein. Damit aktivieren wir also lediglich die Filterfunktion von Google, um zu verhindern, dass Previews auf Pages mit ungeeigneten Inhalten möglich sind.
c)
In der Entscheidung, ob wir diese Lücke in unserem Filter bestehen lassen sollen, oder den Kantonen proaktiv eine Lösung bieten wollten, habe ich mich für die zweite Variante entschieden. Da wir ja mit der implementierten Lösung weder Traffic mithören, noch Daten speichern, die auf den User Rückschlüsse zulassen würden, stehe ich immer noch voll hinter diesem Entscheid.
d)
Die Kommunikation gegenüber den Kantonen während der Phase zwischen Identifikation der neuen Siuation bei Google und der schliesslichen Implementierung war sehr intensiv und lückenlos. Die Kantone haben wir über alle Schritte informiert. Wir haben mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass es der Entscheid des Kantons ist, die Lösung anzunehmen, oder zu intervenieren.
Eine neue Kampagne von Pro Juventute nimmt neben Cybermobbing auch Sexting in den Blick. Jugendliche verschicken beim so genannten Sexting (Sex – Texting (SMS)) dabei erotische Fotos von sich selbst, meist einzelnen nahen Freundinnen und Freunden, denen sie vertrauen und mit denen sie intime Beziehungen pflegen. Bricht das Vertrauen, können diese Bilder an eine breitere Öffentlichkeit gelangen, meist mit verheerenden Folgen. Die Merkblätter von Pro Juventute bieten sehr gute Informationen für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen.
Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen. Durch Sensibilisierung kann das Problem aber nicht gelöst werden. Vertrauen ist sehr paradox – es erfolgt nicht begründet, sondern basiert auf einer Annahme: »Ich kann dem anderen vertrauen.« Deshalb haben so genannte Vertrauensbeweise einen hohen Stellenwert. Je gefährlicher etwas ist – ein Nacktbild verschicken, ein Passwort tauschen, desto besser eignet es sich für den Versuch zu beweisen, dass man einer anderen Person vertraut.
Der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener sagt dem Tages Anzeiger zur Kampagne:
Die Hauptproblematik ist die Verletzung der Privatsphäre. Eine solche Nacktaufnahme wird häufig von einem jungen Mädchen auf Aufforderung ihres Freundes gemacht − als eine Art Liebesbeweis. Wenn die Liebe, wie oft bei Jugendlichen, nicht ewig hält, veröffentlicht der Junge das Bild, indem er es an seine Kollegen schickt, vielleicht aus Frustration, vielleicht aus Blödsinn oder weil er damit bluffen will. Weiss plötzlich die ganze Schule von dem Bild, löst das bei der jungen Frau unglaubliche Ohnmachtsgefühle aus.
Obwohl das Problem in der Schweiz gemäß der JAMES-Studie lediglich sechs Prozent der Jugendlichen betrifft, befürchtet der Experte eine Zunahme – gemäß Daten von EU-Kids Online nimmt er an, dass bald 20 Prozent der Jugendlichen davon betroffen sein werden. Diese Prognose darf man durchaus skeptisch betrachten: Viele Jugendliche wissen um die Gefahren, die mit erotischen Fotos verbunden sind, und verhalten sich entsprechend. Zudem ist es recht schwierig, hier präzise Angaben zu ermitteln.

Nacktaufnahmen an sich sind also nicht verwerflich?
Nein. Problematisch sind sie nur, weil sie mit Mitteln aufgenommen werden, die die Bilder innert Sekunden ungewollt in die Öffentlichkeit hinauszerren.
Auch diese Aussage im Interview muss man eher kritisch sehen – heute kann jedes Bild innert Sekunden ungewollt publiziert werden. Kieners Verweis auf die Polariod-Kameras unserer Jugend mag zeigen, dass es früher auch eine eher ungefährliche Begeisterung für Bilder gab: Aber heute können auch analoge Bilder innert Sekunden digitalisiert werden. Jedes Bild ist heute potentiell öffentlich.
Hier der Videoclip zur Kampagne:
Im Magazin des Tages-Anzeigers geht es in der Titelgeschichte um einen Schweizer Gymnasiasten, der an seinem Geburtstag folgenden Kommentar hinterlassen hatte (pdf, ein Interview mit der Autorin gibt es hier):
Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!
Ist dieser Jugendliche gefährlich? Mit dieser Frage, so die These der Autorin Denise Bucher, hatte die Schweizer Justiz Mühe mit Social Media, weil sie unerfahren in diesem Gebiet sei. Sie zitiert den Berner Strafrechtsprofessor Martino Mona, der sagt, der Eintrag sei »lächerlich. Drohen wegen zu wenig Geburtstagswünschen? Also, für einen normalen Menschen ist das lächerlich. Für einen Amokläufer kann es ernst sein«.
Der Jugendliche wurde wegen »Schreckung der Bevölkerung« zu einer Busse von 1350 Franken verurteilt, er muss zudem die Verfahrenskosten von 13’600 Franken übernehmen.
Wo liegt das Problem? Inhalte in Social Media gleichen denen in einem persönlichen Gespräch: Sie sind nicht objektiv verständlich, sondern nur im sozialen Kontext. Relevant sind die Erwartungen. Ist der folgende Ausschnitt Teil eines Konflikts oder harmloses Gerede? Wie erkennt man das?
Lehrpersonen haben mir kürzlich erzählt, Eltern seien besorgt gewesen, weil ein Schüler auf WhatsApp geschrieben habe: »Ich bringe dich um!« Schülerinnen und Schüler sagen sich das täglich in Schweizer Schulen tausendfach, ohne dass es Anlass zur Besorgnis geben würde. Steht es aber da und wird aus dem Kontext gerissen, wird das viel schwieriger zu beurteilen.
Dabei ist das Argument, jemand habe das anders gemeint, es sei ein Witz gewesen – was auch der Urheber der Geburtstagsdrohung sagt – nur ein Teil dessen, was relevant ist. Einbezogen werden müssen auch die Erwartungen seines Publikums – und davon ist nur ein Teil mit dem Autor bekannt, ein anderer Teil schaut einfach nur zu, weil die Inhalte halb-öffentlich sind.
Die Herausforderung ist groß. Inhalte müssen gedeutet werden. Es gibt nicht einfach Worte, die klar etwas besagen, sondern sie beziehen ihre Bedeutung aus dem Kontext. Damit ist die Justiz überfordert, gerade in Zeiten, in denen jedes Risiko vermieden werden muss. Das zeigt diese Geschichte.
Will man den aktuellen Zustand der Social-Media-Nutzung beschreiben, so ist das aus zwei Gründen äußerst schwierig. Die Erhebung von Daten braucht erstens viel mehr Zeit, als die wechselnden Praktiken sich unter Jugendlichen halten. So sind beispielsweise die großen Erhebungen wie die JIM- und JAMES-Studien in der Lage, die Resultate der Befragungen rund ein Jahr nach ihrer Erhebung zu publizieren, sie sind so also bis zu zwei Jahre alt, bevor die neuen Ergebnisse erscheinen. Zweitens sind die Praktiken äußerst uneinheitlich, verschiedene soziale Gruppierungen migrieren zwischen verschiedenen Netzwerken und verwenden sie teilweise höchst eigensinnig. Sie verwenden Tools oft so, wie das ihre Hersteller und Designer nicht beabsichtigt haben.
Ein erstaunliches Beispiel haben Boyd und Marwick in Befragungen von Jugendlichen ermittelt:
Mikalah beschrieb, wie sie ihr Facebook-Konto jeden Tag deaktivierte, nachdem sie es benutzt hatte. Facebook führte die Deaktivierung als Alternative für das Löschen eines Kontos ein. User hatten die Möglichkeit, ihre Inhalte so zu verbergen, dass sie komplett verborgen waren. Bereuen sie ihre Entscheidung, reaktivierten sie ihr Konto und können wieder auf alle Inhalte, Verbindungen und Nachrichten zugreifen. Mikalah tat dies täglich, was darin resultierte, dass alle ihre Freunde ihr nur Nachrichten schicken oder Kommentare hinterlassen konnten. Dadurch verwandelte sie Facebook in ein Netzwerk, das nur in real-time funktionierte. Sie wusste, dass Erwachsene tagsüber ihr Profil anschauen könnten und wollte nicht über die Suche auffindbar sein, sie hatte regelmäßig mit staatlichen Institutionen zu tun und traute Erwachsenen nicht. Aber sie nahm vernünftigerweise an, dass die meisten Erwachsenen in der Nacht, wenn sie online war, weniger oft auf ihr Profil stoßen würden. Sie kreierte so eigentlich eine Tarnkappe – so dass sie für die sichtbar war, mit denen sie interagierte, und für die unsichtbar, die ihre Informationen durchsuchen konnten, während sie abwesend war. (Übersetzung Ph.W.; S. 20 f.)
»Endlose rezeptive Gier, Einsamkeit und Depression« – so beginnt der Lead eines Artikels im NZZ-Feuilleton, in dem Tomasz Kurianowicz, ein Berliner Journalist und Literaturwissenschaftler, über ein »rastloses, schizophrenes System« schreibt, das er in den sozialen Netzwerken ausmacht.
Seine Gewährsleute tragen große Namen: Jean-Luc Godard, Jonathan Franzen, Karl Kraus, Goethe. Und er verweist auf die Forschungsergebnisse, die auf diesem Blog kürzlich Thema waren und uns sagen, dass Facebook unglücklich mache. Sein Fazit ist düster:
Der Gang durch Einkaufszonen und Schulen, wo jeder Zweite mit seinem Smartphone beschäftigt ist, beweist, dass wir uns voneinander entfernen. Der Mut zur Begegnung schwindet. Der Narzissmus obsiegt. Die seelische Verbarrikadierung nimmt zu.
Dem Artikel sind zwei Dinge vorzuhalten: Den Pessimismus seines Autors, der seine Sicht massiv einschränkt, und das Ignorieren der Betroffenen. Wer sich mit Menschen intensiv auseinandersetzt, die soziale Netzwerke nutzen, merkt, dass es zunächst Menschen wie alle anderen sind. Sie sind manchmal traurig und manchmal glücklich, vor gewissen Dingen haben sie Angst und vor anderen nicht. Ihre Motive, um soziale Netzwerke zu nutzen, sind unterschiedlich, genau so wie die Wirkungen, die sie auf sie ausüben. Das ist eine ähnlich starke Platitüde wie die, welche der Autor auf seiner gebildeten Tour-de-Force durch die Technologiekritik von Kulturmenschen von sich gibt:
Tatsächlich, so ist es. Und so war es schon immer. Genau so, wie es schon immer die Warnenden gegeben hat, die in jeder Neuerung in der Verarbeitung von Information und in der Kommunikation zwischen Menschen einen Abgrund für die Menschheit erblickten oder sich veranlasst fühlten, uns die Barbarei zu prognostizieren. Auch die drohende Vermischung von virtueller Welt und realer Welt, die der Autor in den sozialen Netzwerken zu erkennen glaubt (» viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird«), ist ein Topos in der Kulturkritik, der sich kaum belegen lässt. Niemand denkt, Facebook sei in irgend einer Form ein Ersatz für die »reale Welt«, auch wenn Außenstehende diesen Eindruck gewinnen könnten.
Seien wir genauer, als Kurianowicz es sein will. Schauen wir hin, sprechen wir mit Menschen und lassen wir uns den Blick nicht durch Metaphern und Ängste trüben, die uns bei der Adaption an neue Kulturtechniken einschränken, statt uns die Möglichkeit zu geben, mitzureden. Haben soziale Netzwerke unerwünschte, schädigende Auswirkungen auf Menschen? – Na klar. Aber entfernen wir uns ihretwegen voneinander, werden wir zu Narzisstinnen und Narzissten, verbarrikadieren wir uns seelisch? Ich denke nicht.
Es sind nur Ausschnitte, kleine Teile von mir selbst und es gleich nicht meinem Leben. Du könntest nicht viel über mich sagen, wenn du mich nur auf Facebook kennen würdest. Das hat nichts damit zu tun wer ich bin, also wer ich wirklich bin. Es ist nur so allgemeines Zeug, das ich mag und was ich tue, oder einfach Dinge, die andere, die ich kenne, mögen oder interessant finden.
Weil quantitative Methoden oft ungenau sind, wenn es um subjektive Zusammenhänge wie Beziehungen geht, haben Fatimah Awan und David Gauntlett (Publikation auf Anfrage per Mail erhältlich) mit 14- und 15-jährigen Jugendlichen einen kreativen Prozess durchgeführt: Nach einer Einführung ließen sie »Identitätskisten« herstellen, welche einen Innen- und einen Außenraum hatten, den die Jugendlichen mit Collagen beklebten. Sie sollten dabei an drei Dinge denken: »Ich«, »meine Welt«, »meine Medien«. Diese Boxen ließen sie von den Jugendlichen ohne ein bestimmtes Fragenraster präsentieren, so dass sie die Aspekte hervorheben konnten, die für sie von besonderer Bedeutung waren. Die dabei gewonnen Erkenntnisse bilden einen guten Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion der Auswirkungen digitaler Medien, die anders als zu Beginn der Geschichte des Internets immer auch mit den eigenen sozialen Strukturen verbunden sind.
Die folgende Liste ist zu generell, weil sie einerseits spezifische Kontexte außer Acht lässt, andererseits uneinheitliche Praktiken und Haltungen verallgemeinert. Aber sie zeigt bestimmte Tendenzen auf, die durch internationale Studien recht gut belegt sind.
Das Bild, das diese zehn Punkte zeichnen, ist kein einheitliches. Es ergeben sich Brüche und Widersprüche, die nicht aufzulösen sind, sondern als Beschreibung einer sozialen Realität durchaus akzeptabel sind. So ist es beispielsweise paradox, dass Menschen in halb-anonymen Situationen oft viel offener über ihre Probleme reden als im direkten Austausch mit ihren Mitmenschen.
Im folgenden Abschnitt wird nun die Perspektive umgedreht: Während Jugendlichen oft eine gewisse Kontrolle über oder Verantwortung für die Beziehungen, die sie pflegen, zugeschrieben wird, nutzen sie online Werkzeuge, die mit ganz bestimmten kulturellen und wirtschaftlichen Absichten designt wurden, und so das Verhalten von Jugendlichen direkt beeinflussen.
Während ein deterministischer Ansatz besagen würde, dass die Optionen zur Gestaltung eines Profils dazu führen, dass sich die Möglichkeiten zum Ausdruck einer Identität reduzieren, ist die Annahme einer Wechselwirkung zwischen der alltäglichen Lebenspraktiken von Menschen, wirtschaftlichen Abläufen und kulturellen Gegebenheiten wohl zielführender und präziser. Sander De Ridder hat beispielsweise in einer Untersuchung der Nutzung von Netlog durch belgische Jugendliche herausgearbeitet, wie Technologie, Partizipation, Subjektivität und Repräsentation in sozialen Netzwerken in einander übergehen. Das heißt konkret, dass gewisse technologische Beschränkungen oder Möglichkeiten zu Partizipation führen oder aufgrund mangelnder Partizipation – aus ökonomischen Überlegungen – an die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer angepasst werden. Gleichzeitig beziehen sich Designer von Software auf die subjektiven Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer – ihr Verhalten auf den Netzwerken wird bis in kleinste Detail analysiert und später durch präzise Anreize gesteuert. Und doch entwickeln Gemeinschaften jeweils eigene Codes für Repräsentation. In De Ridders Untersuchung ging es z.B. um die Frage, unter welchen Bedingungen Jugendliche auf Netlog ihre sexuelle Orientierung definieren – eine Angabe, die im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (es stehen nur die Optionen »männlich« und »weiblich« zur Auswahl) fakultativ ist. Diese Angaben können im System selbst vorgenommen werden, was User mit einem als »männlich« definierten Profil fast doppelt so häufig tun wie die anderen, »weiblichen«. Ebenso tun es die Profile häufiger, die angeben, auf der Suche nach einer Beziehung zu sein, eine weitere von der Software angebotene Option.
Jugendliche nutzen aber vielfach die Möglichkeit, ihre sexuelle Orientierung und ihren Beziehungsstatus in einem freien Text zu verfassen, mit dem sie sich vorstellen können. So schrieb etwa ein 17-jähriges Mädchen:
Deine Liebe ist meine Droge, Jonaaaaaaaaas ❤
7. April ’10 ❤
Jugendliche entwickeln also eigene Strategien, um Freiräume innerhalb der von Softwaredesign geschaffenen Strukturen zu generieren. De Ridder bemerkt dazu folgerichtig:
User geben Technologie eine unterschiedliche Bedeutung. In der Folge resultiert aus dieser interpretativen Flexibilität Kontingenz und Komplexität im Verhältnis von Gesellschaft und Technologie, statt einer einseitigen Bestimmung.
Kurz: Während Netzwerke die Darstellung von Individuen und die Möglichkeiten ihrer Beziehungen durch technische Vorgaben prägen, lassen sie dennoch genügend Freiräume, um gehackt zu werden – hacken verstanden als die Fähigkeit, Grenzen kreativ und spielerisch zu überwinden.
Als Vergleich könnte die Fähigkeit von Jugendlichen herangezogen werden, auch Schuluniformen individuell zu tragen, selbst wenn alle Kleidungsstücke vorgegeben sind.
Diese Strategien und Fertigkeiten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wirtschaftliche Interessen mittels Medialisierung auch intime Beziehungen von Jugendlichen in bestimmte Bahnen lenken. Dabei ist es äußerst schwierig, präzise darzustellen, wie das geschieht, gerade weil es kein einseitiger Prozess ist und Medialisierung oft bewusst gewählt wird. Problematisch erscheint, dass wirtschaftliche und kulturelle Kräfte, die hinter Social Media stehen, durch die intensivere Nutzung immer stärker unsichtbar werden, was De Ridder im Gespräch mit Fokusgruppen mit Teenagern erstaunt hat.
Als Vorbereitung für einen kleinen Auftritt bei Radio 105 (Teil 1 / Teil 2) meine Empfehlungen zu Smartphone-Anstand. Das Schöne am Thema: Wir haben die Chance, neue Regeln zu erlernen, erproben, umzusetzen. Das weniger Schöne: Wir nerven uns, weil unsere Erwartungen ständig verletzt werden, ohne dass wir auf Normen zurückgreifen können, an denen sich alle orientieren sollten.
Was tut man also, wenn man mit jemandem beim Kaffee sitzt, plaudert – und man erwartet eine wichtige Nachricht oder einen wichtigen Anruf? Zunächst einmal macht man die Gesprächspartnerinnen und – partner darauf aufmerksam: »Kann sein, dass ich mal kurz ans Handy muss, erwarte eine wichtige Nachricht.« Trifft sie ein, weist man kurz darauf hin: »Nun ist sie gekommen, die Nachricht – entschuldigt mich bitte schnell«, zieht sich zurück, antwortet oder spricht und kommt wieder zurück. Wenn es möglich ist, gibt man eine Erklärung ab (»Das war ein Arzttermin mit dem Spezialisten, mein Ellenbogen schmerzt beim Tennis immer stärker«) oder entschuldigt sich knapp.
Soziale Netzwerke haben einen starken Einfluss auf die digitale Kommunikation gehabt. Diese Einsicht wird häufig – auch in diesem Buch ausgeblendet -, wenn davon ausgegangen wird, digitale Kommunikation sei automatisch Kommunikation in sozialen Netzwerken. »Lange Zeit war es der Normalzustand, dass man sich im Netz mit Fremden unterhielt«, hält Kathrin Passig am Anfang einer Untersuchung zum Wir-Gefühl in Social Media fest. Wenn also Gemeinschaften im digitalen Kontext entstanden, orientierten sie sich an gemeinsamen Interessen, die dazu führten, dass Kommunikation überhaupt entstehen konnte.
Diese Entwicklung ist für Jugendliche von entscheidender Bedeutung. Gerade solche mit Nischeninteressen, seien es spezielle Hobbies, Fertigkeiten oder Krankheiten, finden Anschluss an Netzgemeinschaften. Das gilt sogar für Hikikomori, also meist japanische, männliche Jugendliche, die sich sozial so stark isoliert haben, dass sie ihr eigenes Zimmer nicht mehr verlassen (vgl. z.B. Yong. S. 11ff.). Die Möglichkeiten zur Bildung von Gemeinschaften, so kann recht klar bilanziert werden, haben sich durch die Möglichkeiten der Web-Kommunikation erweitert und verfeinert.
Die Eigenschaft von sozialen Netzwerken, soziale Beziehungsstrukturen digital abbilden zu können, führt aber zu Schwierigkeiten, die aus der »Kombination aus Zusammenlegung der sozialen Kreise, kollaborativer Selbstdarstellung und wachsender Normalität der aktiven Internetnutzung« resultieren. Die Beispiele sind bekannt: Während wir im sozialen Austausch gewisse Themen aktiviert und andere zurückgestellt oder tabuisiert werden – die Kinder, die beim Nachtessen präsent sind, werden als Thema aktiviert, politische oder religiöse Fragen allenfalls ignoriert –, sind diese Themen alle nebeneinander in den Netzwerken präsent: »Die Flüsse vieler unterschiedlicher Lebenskontexte münden ins große Facebook-Meer«, schreibt Passig.

Den Effekt dieses Phänomens kann man Konsensillusion nennen: Menschen denken generell, dass viele andere ihre Meinungen teilen, sie überschätzen den Anteil der Menschen, der so denkt, wie sie selber. Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn Menschen ihn kennen, er ist innerhalb einer bestimmten Gruppe ausgeprägter als zwischen Mitgliedern der Gruppe und der Außenwelt.
Welche Auswirkungen hat das?
Eine der entscheidenden Literacies, also Kompetenzen im Umgang mit Information, ist die Filterkompetenz: Wenn alle Information der Welt übers Smartphone erreichbar ist und Nachrichten über mich reinbrechen, dann stellt sich die Frage, wie kann ich verhindern, dass ich belastende und irreführende Informationen von mir fernhalte, wichtige und relevante aber direkt einsehen kann.
Eine einfache Übung in Filterkompetenz besteht darin, Mails nicht zu lesen. In meiner Mailbox befinden sich zur Zeit 50’000 Emails, rund 2’500 davon sind ungelesen. Immer wieder markiere ich alle Mails als gelesen, weil die hohe Zahl jemanden irritiert. Mich selber stört sie nicht: Täglich lese ich ganz viele Mails nicht. Ich lese auch viele Facebook-Statusmeldungen nicht, ich lese die Werbung am Bahnhof nicht und auch die Gratiszeitungen lasse ich liegen.
An einem Workshop wurde ich von einer Lehrerin heute gefragt, wie ich denn das mache, Mails nicht lesen: Woher ich wüsste, welche wichtig seien und welche nicht. Eine Frage, die ich mir noch gar nie überlegt habe, gerade weil sie so selbstverständlich ist. Aber mir ist auch schon aufgefallen, dass das viele Menschen nicht tun, nicht wollen oder können. Sie lesen alle Nachrichten, die an sie gerichtet sind – und so filtern sie zu wenig.
Beim Nachdenken und Ausprobieren bin ich auf folgende Hinweise gestoßen:
Twitter zeigt aber auch ein Mechanismus im Web 2.0: Alles, was wirklich wichtig ist, wird nach oben gespült. Suchen bringen wichtige Mails als Resultate, sie werden von anderen Leuten weiterverschickt, beantwortet, etc.
Das Nichtlesen ist eine große Entlastung. Es befreit davon, ständig erreichbar zu sein, und gibt ein einfaches Signal zurück: Sei auch im Zeitalter der real-time-Kommunikation geduldig und lasse dir Zeit.