Leibniz und die Bücherflut

Giuseppe Arcimboldo: The Librarian (1566)
Giuseppe Arcimboldo: The Librarian (1566)

Die Lektüre von Clive Thompsons Buch »Smarter Than You Think« erlebe ich momentan gerade als äußerst anregend, gerade auch deswegen, weil er auf vielfältige Beispiele und Zusammenhänge verweist, die uns dabei helfen, klar und präzise über digitale Technologie und ihre Auswirkungen auf uns Menschen nachzudenken. Während ich an einer Rezension arbeite, möchte ich einen Gedankengang aus Thompsons Buch separat aufgreifen (Thompson hat ihn wiederum von Ann M. Blair übernommen, vgl. »Too Much To Know«).

In einem nicht überschriebenen Manuskript (»Préceptes pour avancer les sciences«) von 1680 schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz:

[…] diese schreckliche Masse von Büchern, die ständig wächst, wird von der unbestimmten Vielfalt von Autoren dem Risiko des allgemeinen Vergessens ausgesetzt. Es droht eine Rückkehr in die Barbarei.

Und Adrien Bailliet, ein Biograph Descartes, notierte 1685 in »Jugemens des scavans«:

Wir haben Grund zur Furcht, dass die Menge der Bücher, die täglich anwächst, in den kommenden Jahrhunderten zu einem Rückfall führen wird, der den barbarischen Zuständen nach dem Zerfall des römischen Reiches gleichen wird.

Bailliet wie Leibniz haben sich getäuscht. Ihr Denkfehler war, die menschliche Kreativität im Organisieren von Wissen zu unterschätzen. Bailliet selbst begann, Bücher durch kurze Zusammenfassungen überschaubar zu machen, in der Frühneuzeit begannen Menschen, in Anthologien oder Florilegia wichtige Passagen aus anderen Büchern zu sammeln. Zudem wurden Bücher verbessert: Inhaltsverzeichnisse, Indexe, Seitenzahlen und auch Abschnitte waren Innovationen, welche dabei halfen, das unüberschaubare Wissen in Büchern greifbar und bearbeitbar zu machen.

Thompson schließt aus diesem historischen Beispiel, dass auch das digitale vorliegende Wissen ähnlich strukturiert wird. Blogs übernähmen beispielsweise die Funktion von Florilega, in denen sich Zitate weiterverbreiten, oder auch von Rezensionsbüchern – indem sie andere Werke verbinden, zusammenfassen, greifbar machen (mit allen Gefahren, die damit verbunden sind).

Each time we’re faced with bewildering new thinking tools, we panic—then quickly set about deducing how they can be used to help us work, meditate, and create.

Der Blick zurück ist tröstend: Er zeigt uns, dass unsere Befürchtungen, aber auch unser Optimismus oft sehr einseitig sind, wenn wir einen Wandel reflektieren. Harold Innis hat von einem »bias of a new tool« gesprochen – also festgestellt, dass neue Werkzeuge und Technologien zu verzerrten Wahrnehmungen und Trugschlüssen führen.

[Die Bildidee stammt von der ausführlichen Rezension von Maria Popova.]

Vorsatz: Wikipedia verbessern

Ich habe eben die düsteren Zukunftsprognosen zu Wikipedia im Schneeschmelze-Blog gelesen. Und einen Vorsatz gefasst:

Ich werde jeden Monat einen Wikipedia-Artikel substantiell überarbeiten und seine Qualität merklich steigern. Die bearbeiteten Artikel publiziere ich auf meiner Benutzerseite.

Gerne lade ich Interessierte ein, es mir gleichzutun. Als Hashtag schlage ich #besserewiki vor.

20130915-172834.jpg

Ein Twitter-Experiment

Eine Woche lang, so habe ich mir vorgenommen, würde ich Meldung auf Twitter nur weiterleiten (retweeten = RT) oder auf andere Meldungen antworten, aber keine selber schreiben.

Was wäre der Sinn dieses Vorgehens? Wie David Bauer schon mehrfach bemerkt hat – kürzlich auf medium.com – verstehen sich zu viele Menschen in sozialen Netzwerken als Urhebende von Informationen, die sie eigentlich lediglich weiterleiten. Aufsehenserregende Nachrichten stammen selten von den Menschen, die darüber schreiben, sondern werden von ihnen lediglich zitiert oder paraphrasiert. Bauers Fazit:

Don’t add to the noise, amplify the signal. The interwebs thank you.

Ich wollte also versuchen, hier etwas disziplinierten zu agieren. Es ist mir gelungen: Abgesehen von Hinweisen auf meine Blogposts, die von WordPress automatisch generiert werden, habe ich eine Woche keine Tweets verschickt, die nicht Antworten waren oder Retweets.

Das fiel mir oft nicht ganz einfach. Die Parallele zwischen dem Gripen und dem iPhone, die beides unnötige teure Spielzeuge sind, die trotz besseren Wissens gekauft werden, hätte einen guten Tweets abgegeben. Zudem wollte ich fragen, welches Swisscom-Infinity-Abo denn jemand wie ich wählen sollte (das habe ich dann auf Facebook gemacht, aber nur eine Antwort erhalten); ich wollte Diskussionen zu den Fingerabdrücken auf dem iPhone starten (habe ich dann per Reply gemacht) oder mich über vieles ärgern, was diese Woche so vorgefallen ist. Zudem wollte ich oft auf interessante Texte verweisen und sie mit einem spezifischen Kommentar versehen, statt einen Tweet weiterzuleiten, der in meinen Augen ungenau war.

Bildschirmfoto 2013-09-15 um 10.37.25

Solche Experimente zeigen immer wieder Aspekte der eigenen Mediennutzung auf, die man ohne sie nicht bemerken würde (z.B. meinen Drang, zu allem meine Meinung kundzutun; oder: die Bedeutung der Möglichkeit, auf Twitter Fragen stellen zu können und hilfreiche Antworten zu erhalten). Aber sie beschränken die Möglichkeiten, ein eigenes, aussagekräftiges Profil aufzubauen.

Facebook und soziales Kapital

Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von […] Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. Das Gesamtkapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, dient ihnen allen gemeinsam als Sicherheit und verleiht ihnen — im weitesten Sinne des Wortes — Kreditwürdigkeit.

Diese Definition von Pierre Bourdieu (pdf, S. 6) kann zur Frage führen, ob die Nutzung von Facebook soziales Kapital erhöht oder vermindert. Konkret: Bilden Menschen mittels Facebook (oder allgemeiner: mittels sozialer Netzwerke) Beziehungsnetze, die Ressourcen generieren.

Diese Frage diskutieren Teams um die Nicole Ellison und Cliff Lampe von der Michigan State University in verschiedenen Untersuchungsanlagen. In einem frühen Paper unterscheiden sie zwei Arten von sozialem Kapital – basierend auf einem Buch von Putnam:

  • bridging (deutsch »überbrückend«) ist soziales Kapital, wenn es Weak-Ties ermöglicht, also lose Verbindungen zu Menschen, die einen mit Informationen versorgen könnten
  • bonding (deutsch »vetrauensfördernd«) ist soziales Kapital, wenn es Strong-Ties stärkt, also Freundschaften zu Familienangehörigen und nahen Freunden stärkt.

In einem späteren Paper wurden genauere Kriterien entwickelt, wie diese Effekte beschrieben oder erfragt werden können:

Bildschirmfoto 2013-09-13 um 22.21.40

Die Nutzung von Facebook, so ergab die frühe Studie von 2007, stärkt vor allem den Bridging-Effekt von sozialem Kapital. Die Nutzung von Facebook hat nun diesen Effekt unabhängig von Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und von Selbstvertrauen hervorgebracht – es profitieren also nicht nur die ohnehin Privilegierten vom Nutzen des digitalen Netzwerks.

Spezifischere Untersuchungen können auch zeigen, wie sich dieser Bridging-Effekt auswirkt: Neben konkreten Interaktion wie dem Versenden und Empfangen von Nachrichten kann auch nachgewiesen werden, dass der Eindruck, man erhalte auf Facebook auf Fragen sinnvolle Antworten, mit sozialem Kapital (bridging) zu tun hat. Die Zufriedenheit mit den Antworten ist dabei unabhängig davon, ob sie von Weak-Ties oder Strong-Ties stammen.

Indem dieselben Forschenden untersucht haben, wie sich Bitten um einen Gefallen auf Facebook auswirken, konnten sie nachweisen,  dass soziales Kapital keinen Einfluss auf die Reaktionen auf solche Bitten hat (mit Ausnahme eines Aspekts von Bonding-Kapital), genau so wenig wie die Zahl der Freunde oder die Intensität von Beziehungen; obwohl Menschen mit viel engen Freunden und wenig losen Kontakten den Bridging-Effekt scheintbar stärker spüren. Die Häufigkeit, mit der Menschen andere um Hilfe Bitten, hat zudem einen Einfluss auf die Reaktionen.

Ein weiteres Ergebnis intensiver Studien ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Bedenken in Bezug auf Privatsphäre und dem Aufbau von sozialem Kapital, das recht komplex ist. Skeptikerinnen und Skeptiker in Bezug auf Privatsphäre teilen oft weniger Inhalte auf Facebook – ein Verhalten, dass dann wiederum den Aufbau von sozialem Kapital schwächt.

 

Fear of Missing Out

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.57.20

Online life provides plenty of room for individual experimentation, but it can be hard to escape from new group demands. It is common for friends to expect that their friends will stay available—a technology-enabled social contract demands continual peer presence. And the tethered self becomes accustomed to its support.

Das Leben online ermöglicht genügend individuelle Erfahrungen, aber es kann schwierig werden, sich Anforderungen von Gruppen zu entziehen. Es ist für Freundinnen selbstverständlich, von ihrem Freundinnen zu erwarten, dass sie verfügbar bleiben – ein Gesellschaftsvertrag, der ständige Präsenz der Peers verlangt. Und das angebundene Ich (tethered self) gewöhnt sich daran.

Diese Gewöhnung, die Sherry Turkle in ihrem Buch »Alone Together« beschreibt, führt zu einem Phänomen, das als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet wird – deutsch: die Angst, etwas zu verpassen.

Eine umfassende Untersuchung von JWT Intelligence definiert FOMO als:

Fear Of Missing Out (FOMO) is the uneasy and sometimes all-consuming feeling that you’re missing out—that your peers are doing, in the know about or in possession of more or something better than you. FOMO may be a social angst that’s always existed, but it’s going into overdrive thanks to real-time digital updates and to our constant companion, the smartphone.

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.57.35

Die Frage, ob FOMO eine Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Organisation der Menschen sei, oder ob es durch die Nutzung von Social Media verstärkt werde, hat eine Gruppe Englischer Psychologinnen und Psychologen (Przybylski et al., 2013, Paywall – ich kann Paper bei Interesse per Mail verschicken) intensiver untersucht.

In einem ersten Schritt haben die Forscherinnen und Forscher Merkmale von FOMO bestimmt, aus denen sich ein Test ableiten lässt. Ich bette ihn als Google Form hier ein:

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.41.06

Ihre umfassende Studie entwickelt ein Modell, wie FOMO entsteht und wie diese Angst mit dem Gebrauch von Social Media in Zusammenhang steht.

Sie gehen von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen aus:

  1. Kompetenz: In der Welt effektiv handeln zu können.
  2. Autonomie: sich als Urheberin oder Urheber zu fühlen und Initiative übernehmen zu können
  3. Eingebundenheit: sich anderen nahe oder mit ihnen verbunden zu fühlen.

Die Frage ist nun, ob die Unterschiede in diesen Bedürfnissen direkt zur Benutzung von Social Media führe (wer sich wenig autonom oder eingebunden fühlt, benutzt Social Media) oder über FOMO indirekt (wer die Bedürfnisse schlecht befriedigen kann, entwickelt FOMO und benutzt deswegen Social Media).

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.42.25

Die Studie zeigt nun folgende Resultate:

  1. Junge Menschen sind stärker von FOMO betroffen als ältere.
  2. Junge Männer sind stärker betroffen als junge Frauen.
  3. Wer mit den Bedürfnissen (Kompetenz, Autonomie, Eingebundenheit) weniger zufrieden ist, verspürt mehr FOMO.
  4. Wer unter leidet unter schlechter Stimmung, verspürt FOMO intensiver.
  5. Wer mit dem eigenen Leben weniger zufrieden ist, leidet stärker unter FOMO.
  6. Wer unter FOMO leidet, benutzt Social Media intensiver – unabhängig von 3., 4. und 5.

Das heißt, unterschiedliche psychologische Voraussetzungen führen zu FOMO und FOMO wiederum zur stärkeren Verwendung von Social Media.

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.13
Quelle

Welche Auswirkungen hat FOMO? Auch hier wurde eine repräsentative, umfassende Untersuchung durchgeführt:

  1. Wer unter FOMO leidet benutzt Facebook intensiver und insbesondere direkt nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen.
  2. Wer unter FOMO leidet, erfährt häufiger negative Gefühle bei der Benutzung von Facebook.
  3. Wer unter FOMO leidet, lässt sich beim Lernen durch Social Media leichter ablenken.
  4. Wer unter FOMO leidet, lässt sich auch im Straßenverkehr (z.B. beim Autofahren) leichter ablenken durch Social Media.

Wie JWT festhält, gibt es einen Teufelskreis, der sich empirisch belegen lässt: FOMO führt zu intensiverer Nutzung von Social Media und intensivere Nutzung führt wiederum zu mehr FOMO.

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.59.26

Das folgende Zitat weist darauf hin, dass zuerst über FOMO gesprochen werden muss, bevor die Frage gestellt werden kann, welche Auswege es gibt. Eine Beschränkung in der Nutzung von Social Media wäre – das zeigen die Untersuchungen – eine Symptombekämpfung. Die Basis von FOMO sind psychologische Faktoren, die unabhängig von Social Media vorliegen, dadurch aber verstärkt werden. Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.27

Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.51Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.39

Pornografie, Gamen – und die Entwicklung junger Männer

In seinem Vortrag und dem zugehörigen E-Book »The Demise of Guys« untersucht der Psychologe Philip G. Zimbardo zusammen mit Nikita Duncan die Fragestellung, warum junge Männer mit immer mehr akademischen, sozialen und romantisch-sexuellen Problemen konfrontiert seien. Die populärwissenschaftliche Argumentation geht von folgender Feststellung aus:

These guys aren’t interested in maintaining long-term romantic relationships, marriage, fatherhood and being the head of their own family. Many have come to prefer the company of men over women, and they live to escape the so-called real world and readily slip into alternative worlds for stimulation. More and more they’re living in other worlds that exclude girls — or any direct social interaction, for that matter.

Selbstverständlich ist Zimbardos Perspektive geprägt von einer normativen Vorstellung von Geschlechterrollen: Genügen Männer nicht einem heteronormativen Ideal einer traditionellen Familie und der Vorstellung der protestantischen Arbeitsethik, wird das als Problem wahrgenommen. Neben diese Kritik an »The Demise of Guys« möchte ich eine zweite Stellen: Zimbardo ist digitaler Dualist, denn er nimmt an, »the so called real world« sei wichtiger als ihre virtuellen Erweiterungen.

Die Problemanalyse verdient trotz dieser gewichtigen Einwände einen zweiten Blick. Neben einer sozialen Analyse (Wandel von Rollenbildern, Betreuungsmodellen, ökonomische Umwälzungen) weist sie auf zwei mediale Einflüsse hin, welche das Leben junger Männer erschweren – und zwar aus ihrer eigenen Sicht: Pornografie und Videogames machten junge Männer zunehmend schüchtern – und diese Schüchternheit zieht weitere unerwünschte Folgen nach sich.

Untersuchungen von Zimbardo und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben ergeben, dass in den letzten 30 Jahren:

  • soziale Phobien von 2% auf 12% angestiegen sind (Definition: »marked and persistent fear of one or more situations in which the person is exposed to possible scrutiny by others and fears that he or she may do something or act in a way that will be humiliating or embarrassing«)
  • Schüchternheit bei Erwachsenen von 40% auf 58% angestiegen sind (Definition: Menschen bezeichnen sich selbst als schüchtern)
  • Schüchternheit bei Kindern zwischen 8 und 10 Jahren nach Angaben ihrer Eltern von 30% auf 61% angestiegen sind
  • Schüchternheit in Deutschland und den USA mit rund 60% doppelt so stark vertreten ist wie in Israel (30%)
  • Schüchternheit von rund 65% der Betroffenen als persönliches Problem bezeichnet wird.
2400357_1056887_b
Shy, Doc Diventia, society6

Obwohl die Zahlen keinen größeren Anstieg bei Männern als bei Frauen nahe legen, bezeichnet Zimbardo Schüchternheit für Männer aufgrund bestehender Normen als größeres Problem. Sie würden zunehmend eine wichtige Fähigkeit verlieren, nämlich ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen:

They don’t know the language of face contact, the nonverbal and verbal set of rules that enable you to comfortably talk with and listen to somebody else and get them to respond back in kind. This lack of social interaction skills surfaces most especially with desirable girls and women. (Demise of Guys, The New Shyness)

Warum liegen die Gründe dafür beim Porno- und Videospielkonsum? Es handelt sich um vertraute, kontrollierbare Umfelder. Die große Übung im Umgang mit diesen Medien verschafft jungen Männern eine große Kompetenz und versorgt sie mit regelmäßigen Stimuli, so dass die Eindrücke und Reize von Gesprächen mit Mitmenschen dagegen abfallen. Zudem handelt es sich dabei um unkontrollierbare Situationen mit ungewissem Ausgang, was mit viel Frustration verbunden ist. Es entsteht eine Art Teufelskreis: Je weniger geübt junge Männer in direktem Kontakt und Gesprächsführung sind, desto unbefriedigender verlaufen diese Erfahrungen für sie und desto stärker ziehen sie sich zurück.

Dieser Mechanismus leuchtet ein. Es ist irreführend, an dieser Stelle von Sucht zu sprechen, wie das Zimbardo tut. Mir scheint es wichtiger darauf hinzuweisen, dass Jugendliche sich alternative Handlungsmöglichkeiten erarbeiten sollten: Sie sollten möglichst frei wählen können, ob sie Zeit mit Freundinnen und Freunden verbringen oder vor dem Bildschirm. Tun sie aber nur letzteres, laufen sie Gefahr, ersteres entweder gar nicht zu lernen oder zu verlernen. Schüchternheit wäre ein Indikator dafür.

Auch der digitale Mensch ist ein Mensch

Zeynep Tufecki ist eine Forscherin, deren Arbeiten verdeutlichen, welche Funktion Social Media für das Leben der Menschen heute haben. Ihren Aufsatz  »We Were Always Human« habe ich heute mit großem Interesse gelesen und möchte die wichtigsten Argumentationslinien hier nachzeichnen.

Tufecki geht von einer dualistischen Definition des Menschen aus: Er verbindet eine körperliche Präsenz mit einer symbolischen. In der Stimme sind sie verbunden, in der Schrift – so zeigt ein Verweis auf eine berühmte Platon-Stelle – nicht. Die Schrift lässt sich vom Körper trennen und erzeugt so eine körperlose Symbolik:

Jede Rede aber, wenn sie nur einmal geschrieben, treibt sich allerorts umher, gleicherweise bei denen, die sie verstehen, wie auch bei denen, für die sie nicht passt, und sie selber weiß nicht, zu wem sie reden soll, zu wem nicht. (Platon,  Phaidros 275D)

Technologie, so führt Tufecki ihre Argumentation weiter, ändere an der Dualität des Menschen nichts: Weder die Bibliothek von Alexandria noch die Erfindung der Schreibmaschine, des Telegrafen oder des Internets. Aber Menschen würden daran arbeiten, die Sphäre des Symbolischen zu erweitern und zu externalisieren.

Das kann in der frühen Phase des Internets beobachtet werden, in der vornehmlich wohlhabende, aufgeschlossene, junge, weiße Männer digitale Kommunikation verwendet haben, um damit multiple und fragmentarische Persönlichkeiten zu entwerfen, die sich oft rein symbolisch manifestierten und keine körperlichen Konsequenzen hatten.

Heute, in Zeiten von Social Media, nähere sich die digitale Bevölkerung der realen an – und sei damit viel stärker an Körper gebunden, der letztlich alle Rollen, die Menschen online einnehmen könnten, verbinde. Dadurch wird deutlich, dass frühe theoretische Arbeiten zum Internet einen Digitalen Dualismus vertreten haben, der nicht haltbar ist: Der symbolische Bereich des Menschen kann nicht als »Cyberspace« oder »virtuelle Welt« von der körperlichen, realen Welt gelöst werden, weil sonst auch alle Bücher, Höhlenmalereien oder Telefongespräche eine »virtuelle Welt« bilden würden.

Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.
Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.

Tufecki hat die Nutzung von Facebook früh intensiv untersucht. Wie Daniel Miller spricht sie davon, es gäbe nicht ein Facebook, sondern für jede Kultur eines. Sie macht nun in ihrem Aufsatz mehrere aufschlussreiche Feststellungen:

  1. Unabhängig von ihren Einstellungen passen sich Menschen – z.B. in Bezug auf Privatsphäre – an die in ihrer Community herrschenden Normen in einem sozialen Netzwerk an.
  2. Deshalb agieren viele dort mit ihrem realen Namen, obwohl sie Bedenken in Bezug auf ihre Privatsphäre haben.
  3. Auf Facebook sind viele Nutzerinnen und Nutzer »Grassroot Surveillance« ausgesetzt, also einer niederschwelligen Überwachung durch ihre Mitmenschen, die es ihnen erschwert, verschiedene Rollen anzunehmen, ohne – im Fall von Jugendlichen – von ihren Eltern, ihren Lehrpersonen oder ihren Freunden dabei indirekt beobachtet zu werden.
  4. Dadurch werden sich neue Normen und Umgangsformen ergeben, die aber noch nicht genügend entwickelt sind, so dass gerade Facebook zur Zeit von Tufeckis Untersuchung zu vielen Konflikten unter Jugendlichen geführt hat.

Tufeckis Untersuchungen konnten aufzeigen, dass es ein Spektrum in Bezug auf die Aufgeschlossenheit gegenüber digitaler Kommunikation gibt. Sie verwendet die Begriffe »cyberasozial« und »cyberhypersozial« für Menschen, die nicht willens oder fähig sind, digitale Beziehungen zu pflegen respektive in hohem Masse willens und fähig dazu sind.

Dieser Charakterzug ist unabhängig von technischer Kompetenz einerseits, von der Intensität und Quantität von offline Beziehungen andererseits: Das Vorurteil, nur sozial nicht eingebundene Menschen würden digitale Beziehungen pflegen, lässt sich durch Tufeckis Untersuchungen widerlegen.

Ihr Fazit:

The size of our capacity and ability for affection and bonding remains grounded in our humanness. And that perhaps is the most impor- tant conclusion. “Faster, higher, and stronger” through technology may be tempting, but we are, as we have always been, human and our limits transcend technology. We are, as we always were, human, all too human.

 

So lassen sich Fake-Profile erkennen

Zwei Geschichten aus den sozialen Netzwerken sorgen in den letzten Wochen für Furore:

  1. Zunächst die Schilderung auf dem Blog von »Victoria Hamburg«, die im Internet »Kai« kennen gelernt hat, der sie über Monate manipuliert hat, um eine Beziehung mit ihr aufzubauen;
  2. dann der Blog kleines-scheusal.de, der zusammen mit einem Twitter-Profil entweder von einer PR-Agentur oder aber einem Mann betrieben wurde, die/der vorgab, eine junge Frau stünde hinter Blog und Profil.

Bei beiden Vorfällen spielen aufwändige Fakes eine große Rolle. Unter einem Fake-Profil verstehe ich im Folgenden ein Profil, mit dem vorgegeben wird, die Betreiberin oder der Betreiber hätten bestimmte Eigenschaften, die sie nicht haben. Diese Eigenschaften werden in der Folge benutzt, um andere Menschen zu manipulieren. (Obwohl es auch viele maschinenbetriebene, automatische Fakes gibt, klammere ich die hier aus. Ein interessantes Zitat dazu findet sich in der NYT: »Dating sites provide especially fertile ground for socialbots. Swindlers routinely seek to dupe lonely people into sending money to fictitious suitors or to lure viewers toward pay-for-service pornography pages.«)

Es geht hier nicht darum, die Tatsache zu beklagen, dass soziale Netzwerke die Möglichkeit bieten, oder Prüfung einer staatlich versicherten Identität Profile aufzubauen. Es kann für viele Zwecke sinnvoll und wichtig sein, erfundene Profile anzulegen. Erfundene Profile erachte ich nicht als verwerflich, selbst dann nicht, wenn Plattformen sie aus irgendwelchen Gründen nicht zulassen. Ein Problem entsteht erst dann, wenn anderen Menschen Schaden zugefügt wird.

Wie erkennt man, ob es sich bei einem Profil um einen Fake handelt oder nicht?

  1. Aufwand spielt keine Rolle.
    Fake-Profile werden oft über längere Zeiträume intensiv gepflegt. Die Betreiberinnen und Betreiber genießen es, andere Menschen zu täuschen und investieren entsprechend viel Zeit in ihre Profile.
  2. Triangulationsmethode.
    Es ist einfach, zu einem falschen Profil ein weiteres hinzuzufügen, das gegebenenfalls die Echtheit bestätigen kann. Aber sobald zwei unabhängige Quellen beigezogen werden, die ebenfalls seit längerer Zeit aktiv sind und echt wirken, wird es schwierig, alle drei Profile gefälscht zu haben.
  3. Bilder überprüfen. 
    Ähnlich wie bei der Verifikation von Nachrichten (die wichtigsten Prinzipien finden sich bei Konrad Weber) geben Bilder oft darüber Aufschluss, ob ein Profil echt oder gefälscht ist. Die Google-Bildersuche ermöglicht es, nach ähnlichen Bildern zu einem bestehenden zu suchen. Das kann dabei helfen, herauszufinden, ob Profilbildern von anderen Menschen und oder Agenturen stammen. Bildschirmfoto 2013-09-03 um 13.11.29
  4. Bei Ausreden skeptisch sein.
    Benutzt jemand ein falsches Bild oder einen falschen Wohnort, dann fallen gewisse Dinge schwer (z.B. Videotelefonie, Beschreibung des Ortes, Treffen etc.). Dabei werden immer wieder Ausreden verwendet, die erklären, warum etwas nicht geht (Kamera kaputt, Unfall, schlechte Erfahrungen gemacht etc.). Sobald diese Ausreden neue Informationen beinhalten, aufpassen.
  5. Realistisch bleiben. 
    Es gibt gewisse Dinge, die auf sozialen Medien nicht passieren, ohne gefälscht zu sein: Dass ein attraktiver Mensch gerade mich besser kennen lernen möchte, beispielsweise. Oder dass mich jemand übermäßig lobt, meinen Schreibstil, meine Ausstrahlung, you name it.

    Google findet Profile, die mit einem Bild einer Agentur versehen sind.
    Google findet Profile, die mit einem Bild einer Agentur versehen sind.
  6. Googlen.
    Menschen hinterlassen an verschiedenen Orten Spuren, die auf Google auffindbar sind. Gemachte Angaben sollten immer wieder überprüft werden.
  7. Beziehungsnetz überprüfen.
    Wer auf Social Media aktiv ist, hat ein ähnliches Beziehungsnetz: Verwandte und Schulfreundinnen/-freunde bei Facebook, alte Bekannte und Arbeitskolleginnen und – kollegen auf allen Profilen. Ist das bei jemandem nicht der Fall, ist das ein Indiz für einen Täuschungsversuch.
  8. Auf das Urteil erfahrener Social-Media-Userinnen und -User hören. 
    Man sieht vielen Fake-Profilen nicht an, dass sie gefälscht sind. Aber einige Dinge, die dort geschehen, machen misstrauisch. Bevor man sich einer anderen Person anvertraut oder eine eigene Grenze überschreitet, sollte man mit jemandem darüber sprechen, die oder der viel Zeit mit sozialen Netzwerken verbringt und bestimmte Effekte beurteilen kann.
  9. Dem eigenen Gefühl misstrauen. 
    Wer Fake-Profile betreibt, ist häufig geschult in Manipulation. Gerade dass ein gutes Gefühl entsteht, Vertrauen möglich ist, kann oft ein Zeichen dafür sein, dass Manipulation vorliegt.

Zu viel Zurückhaltung ist nicht angebracht: Betrügerinnen und Betrüger stecken nicht hinter vielen Profilen. Aber sobald man davor steht, eine aussergewöhnliche Beziehung einzugehen oder die Aussagen, die auf einem bestimmten Profil gemacht werden, zum Anlass für bestimmte Handlungen nimmt, ist Vorsicht geboten.

Über weitere Hinweise in den Kommentaren freue ich mich.

Cybermobbing beobachtet? – Das sollten Sie tun.

Das Fatale an Mobbing bzw. Cybermobbing ist die Verstärkung der Dynamik zwischen Täterinnen/Tätern und den Betroffenen durch die Öffentlichkeit der Übergriffe: Wer vor anderen fertig gemacht wird, schämt sich stärker und fühlt sich wertlos, weil es so viele Menschen gäbe, die etwas hätten tun können, aber nichts taten. 

Daher diese kurze Anleitung für Zeuginnen und Zeugen von Cybermobbing. Mehr zum Phänomen Cybermobbing habe ich in meinem Grundlagenartikel festgehalten. 

  1. Wie sieht Cybermobbing aus? 
    Es beginnt oft mit hässlichen Kommentaren zu Bildern oder Links von anderen Personen. Alles, was aussieht, als würde der Erwartung von jemandem in auffälliger Art und Weise nicht entsprochen, kann Ausdruck von Cybermobbing sein. Auffällig ist auch, wenn mehrere Personen sich abschätzig und beleidigend äußern. 
  2. Betroffene ansprechen
    Wenn etwas wie Mobbing aussieht, sollte man Betroffene darauf ansprechen und nachfragen, wie sie die Situation erleben. Nicht nur, weil ein Eindruck täuschen kann, sondern weil das sofort das Gefühl gibt, dass die Vorgänge zumindest jemandem nicht egal sind und Mitgefühl vorhanden ist, was für Betroffene wichtig ist. 
  3. Öffentlich seine Meinung äußern
    Sobald jemand klarstellt, dass  etwas abläuft, was nicht in Ordnung ist, gibt das anderen den Mut, das auch zu sagen. Die Dynamik kann gebrochen werden, die Mobbenden können sich nicht sicher sein, eine stille Menge vorzufinden, und geraten unter Druck. 
  4. Sich an Fachpersonen und pädagogisch Verantwortliche wenden
    Fachpersonen und Verantwortliche wie Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, Mitarbeitende von Beratungsstellen etc. können Fälle genau beurteilen und sinnvolle Maßnahmen einleiten, sie übernehmen auch die Verantwortung für die Begleitung solcher Fälle. 
  5. Bei der betreffenden Plattform melden
    Alle Social-Media-Plattformen schließen Cybermobbing aus. Es gibt die Möglichkeit, Vorfälle zu melden. Das ist wichtig, damit die Verantwortlichen das mitbekommen. 
  6. Die Polizei einschalten
    Nicht alle Fälle von Cybermobbing, aber viele haben eine strafrechtliche Komponente, für welche die Polizei zuständig ist. Dort arbeiten medienpädagogisch geschulte Fachkräfte, die weiterhelfen können und oft mehr bewirken können, als andere Fachleute. 

Diese Maßnahmen können alle gleichzeitig sinnvoll sein, sie schließen sich gegenseitig keinesfalls auf und geben auch keine klare Reihenfolge vor. 

Auszug aus dem Cybermobbing-Guide von Klicksafe.de.
Auszug aus dem Cybermobbing-Guide von Klicksafe.de.