Videos erfordern eine neue Alphabetisierung

In seiner Abrechnung mit Fernsehen und »Show Business«, Amusing Ourselves To Death  von 1985 notiert Neil Postman:

American television is, indeed, a beautiful spectacle, a visual delight, pouring forth thousands of images on any given day. The average length of a shot on network television is only 3.5 seconds, so that the eye never rests, always has something new to see. Moreover, television offers viewers a variety of subject matter, requires minimal skills to comprehend, and is largely aimed at emotional gratification. (Kap. 6, The Age of Show Business)

Während er in den 80er-Jahren durchaus Recht haben mochte, hat Postman übersehen, wie neue Medien zu einer neuen Art von Alphabetisierung (auf Englisch redet man von neuen literacies) führen. Bewegte Bilder – Videos, Fernsehen – waren zur Zeit von Postmans Niederschrift ein Medium, mit dem nur ein limitierter Umgang möglich war – deshalb waren auch die Anforderungen an Zuschauende tief (»minimal skill to comprehend«).

Das hat sich geändert: Seit Fernsehen vermehrt aufgenommen wird und Videorekorder in allen Formen es erlauben, Szenen mehrmals und verlangsamt zu schauen, wird es möglich genauer hinzusehen, mehrmals dasselbe zu sehen. Dadurch steigen die Anforderungen an die Zuschauerinnen und Zuschauer. Zwei Beispiele:

  1. In seinem neuen Buch über die Mathematik bei den Simpsons erwähnt Simon Singh mehrere »freeze-frame gags«. Dabei handelt es sich um Scherze, die nur in einer Einstellung überhaupt sichtbar sind – also nur dann erkannt werden, wenn eine Simpsons-Folge mehrmals geschaut wird und an entscheidenden Stellen gestoppt werden kann. Als Beispiel hier die zweite Zeile, wo Homer scheinbar Fermats Theorem widerlegt.

    Simpsons, S10E02
    Simpsons, S10E02
  2. In der Analyse der zweitletzten Folge der vierten Staffel von Breaking Bad hat der Youtube-User jcham979 eine begründete Vermutung aufgestellt, wie die Staffel enden wird. Seine Prognose war richtig – sie basierte auf der sorgfältigen Analyse von Schlüsselstellen, die er in einem Video zusammenstellt.

Youtube, so bemerkt Clive Thompson in seinem Buch Smarter Than You Think, ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Alphabetisierung der Videosprache funktionieren könnte. Neue Medien, so seine These, würden zunächst immer Formate aus anderen Medien imitieren und erst durch den Gebrauch einer eigenständigen Funktion zugeführt.

Was sich bei Fernsehserien schon gut zeigen lässt, weil es sie schon recht lange gibt und sie seit der HBO-Revolution um 2000 zu dem geworden sind, was sie im Zeitalter von digitalem Fernsehen sein können (vgl. dazu meinen Aufsatz über die Erzählstruktur von The Sopranos), ist bei Online-Videos noch offen. Thompson geht davon aus, dass sie erst dann einen großen Schritt vorwärts machen, wenn sie vom Massenmedium zum persönlichen Kommunikationsmedium werden. Das sei dann der Fall, wenn sie Post-It-Status erhalten – genau so, wie wir Notizen auf Post-Its machen, die uns helfen, unser Denken zu strukturieren aber gleichzeitig auch komplett wertlos sind: Genau so werden wir Videos machen um zu denken und zu kommunizieren.

Die unten zu sehen Einstellung der Webcam, so Thompson, sei im herkömmlichen Film und Fernsehen verpönt gewesen, weil sie hässlich ist. In der Geschichte der bewegten Bilder sei es aber mittlerweile die häufigste Einstellung – weil sie Menschen ermöglicht, selbst Filme zu drehen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie enthält großes kreatives Potential für die Weiterentwicklung des Mediums Video.

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Youtube-Video mit Webcam. Quelle

Thompson verweist auf die Geschichte der Photographie. Die Manipulierbarkeit von Bildern schien lange eine große Bedrohung für ihren Wahrheitswert zu sein. Sobald aber alle Bilder mit ein paar Klicks am Computer verändern können, entsteht die Möglichkeit, in einem höheren Sinne wahre Bilder zu machen. Unternehmen und Regierungen, die Bilder manipulieren, werden heute fast immer dabei erwischt, weil alle nachvollziehen können, wie das geschehen ist.

Umgekehrt können Bürgerinnen und Bürger manipulierte Bilder nehmen, um eine Wahrheit auszudrücken, die politisch unterdrückt wird. Das geschah nah dem Zugunfall in Wengzhou 2011: Die chinesische Regierung versuchte Kritik im Keim zu unterdrücken, indem sie gewisse Informationen zurückbehielt und eine saubere Untersuchung der Unfalls verhinderte. Auf den sozialen Netzwerken in China gab es heftige Reaktionen auf die Politik der Regierung, die durch verschiedene Zensurmassnahmen nur eingeschränkt zu sehen waren. Bild-Text-Kombinationen, wie sie aus so genannten Memes bekannt sind, blieben aber lange online, weil sie durch herkömmliche Zensurverfahren nicht erfasst werden konnten – sie enthielten ja weder Originalbilder noch verwerflichen Text.

Übersetzung: Das glaube ich eher als die offizielle Version.
Übersetzung: Das glaube ich eher als die offizielle Version.

* * *

Ein letztes Beispiel ist der Zapruder-Film. Er wurde während der Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy gedreht und war die Basis zahlloser Verschwörungstheorien. Der Dokumentarfilmer Errol Morris unterhält sich in einem lesenswerten Gespräch mit Ron Rosenbaum über die Bedeutung dieses Films. Der Film wurde Jahrzehnte lang vor dem Publikum versteckt – nun kann er in Zeitlupe auf Youtube betrachtet und analyisert werden.

Das Versprechen, dass die Wahrheit so ans Licht kommt, ist aber trügerisch, so die Pointe von Morris:

Another thing we know is that we may never learn. And we can never know that we can never learn it. We can never know that we can’t know something. This is the detective’s nightmare. It’s the ultimate detective’s nightmare.

»Lehrpersonen schützen« – zum Social-Media-Leitfaden für Lehrpersonen und Schulleitungen

Wie »10 vor 10« gestern berichtet hat, haben die Lehrerverbände der deutschsprachigen Länder einen gemeinsamen Leitfaden herausgegeben, der Lehrpersonen dabei helfen soll, sich in Social Media zu bewegen. Er kann als pdf runtergeladen werden, die Webseite dazu findet sich hier.

Ich wurde von »10 vor 10« angefragt, hatte aber leider keine Zeit. Meine Meinung – die in meinem Buch ausführlich dargelegt wird – deshalb hier in Kurzfassung. (Medienanfragen bitte unter 078 704 29 29 oder per Mail.)

Es ist zu begrüssen, dass der Unsicherheit von Lehrpersonen im Umgang mit Social Media begegnet wird. Doch wie das geschieht, erscheint mir problematisch.

Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin.
Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin auf der Homepage des Leitfadens.

Die zentrale Haltung ist der »Schutz« von Lehrpersonen. Eine Kommunikationsplattform wird als Bedrohung wahrgenommen, obwohl es zunächst einfach eine Kommunikationsplattform wie das Telefon oder die Briefpost ist.

In den Social Media oder auch Blogs und Foren wird jede noch so «privat» gemeinte Meinung wie in einem Leserbrief öffentlich und damit hoch bedeutsam. (S. 5)

Diese Haltung scheint mir gefährlich: Natürlich gibt es in den sozialen Netzwerken eine Vermischung von privater Person und öffentlicher Funktion. Aber das ändert nichts am Recht von Privatpersonen, ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie als öffentliche wahrgenommen wird. Lehrerverbände sollten auf das Recht pochen, dass auch Lehrpersonen außerhalb ihres Anstellungsverhältnisses ein Recht auf eine Meinung haben und die auch im Internet äußern dürfen.

Der Guide ist geprägt von einem naiven Digitalen Dualismus: »Die Wirkung von Fehlern ist deshalb im Vergleich zum normalen Alltag enorm«, heißt es beispielsweise auf S. 11. Social Media sind der »normale Alltag«, sie sind Realität, sie sind Kommunikationsformen wie alle anderen auch.

Nun zu raten, man dürfe nicht mit Schülerinnen oder Schülern »befreundet sein«, wie die Interpretation von »10 vor 10« nahelegt (im Leitfaden selbst steht das nicht), ist, als würde man Lehrpersonen raten, keine Briefe von Schülerinnen oder Schülern zu lesen. Wer ansprechbar sein will und pädagogischen Dialog pflegt, kann und soll das auch mittels Social Media tun.

Die Hinweise des Leitfadens, dass hier Richtlinien der Schule und eine einheitliche Haltung gegenüber allen Eltern und Schülerinnen/Schülern zentral ist, halte ich für wichtig. Generell stehen keine falschen Dinge im Leitfaden – er ist eine sinnvolle Einstiegslektüre für Lehrpersonen und Schulleitungen, die sich ängstigen. Aber er vertritt eine überholte Position der Abwehr. Der Kontrollverlust der Social Media betrifft nicht die Lehrpersonen, die sich exponieren – sondern alle Lehrpersonen, alle Menschen. Zu meinen, man könne verhindern, das Bilder oder Äußerungen den Weg ins Internet finden, ist naiv.

Darüber hinaus behandelt der Leitfaden Facebook – heute sicher noch das wichtigste soziale Netzwerk – zu prominent. Allgemeine Hinweise sind viel wichtiger als die Einengung auf eine Plattform. Die Jugendlichen von heute bewegen sich in anderen Netzwerken und tauschen ihre Dateien dort aus: Der Leitfaden wird in zwei Jahren komplett überholt sein.

Weitere Richtlinien, die meine Sicht erläutern, finden sich auf dieser Seite.

Überwachung und Naivität

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Der Schluss einer Petition der Schriftstellerin Juli Zeh ist ein Beispiel dafür, wie naiv selbst diskursbestimmende Intellektuelle über die totale Überwachung durch Geheimdienste denken. Daher hier ein paar Feststellungen gegen diese Naivität.

  1. Es gibt heute keine digitale Lösung, der Überwachung zu entgehen. 
    Weder Linux, noch ein alternativer Mailprovider noch Hardwarehersteller schützen uns vor Überwachung im Netz. Unsere Mails werden gesichert, unsere Verschlüsselungen decodiert. Ob Laien sich um Sicherheit bemühen oder nicht ist, ist irrelevant.
  2. Niemand kann uns die Wahrheit über die Überwachung erzählen. 
    Überwachung ist ein so komplexes Geschäft, dass niemand den Überblick über alle Aspekte hat. Auch wenn der Wunsch von Juli Zeh, Frau Merkel könnte ihr und den Menschen in Deutschland »die volle Wahrheit« präsentieren, verständlich ist, so ist er doch auch unglaublich naiv. Angela Merkel weiß weniger als Juli Zeh. Es gibt unzählige Agenturen, Geheimdienste, Datenbanken. Daten werden gespeichert und abgerufen. Das ist alles. Menschen sitzen vor Computern und benutzen sowas wie Google: Nur sagt ihnen ihr Google mehr, als es uns sagt. Mehr ist Überwachung nicht; es gibt keine höhere Wahrheit, kein teuflischer Plan.
  3. Die Überwachung ist politisch gewollt. 
    Natürlich nutzen die Geheimdienste Wege und Verfahren, die nicht durch die üblichen politischen Stellen legitimiert werden. Aber was sie tun, entspricht auch in demokratischen Staaten dem Willen der Gesetzgebenden und einer Mehrheit der Menschen.
    Wer beispielsweise einen Bericht der Sonntagszeitung über Silk Road, ein Handelsplatz für Drogen im Netz liest, begegnet darin der Forderung nach totaler Überwachung: Alle Poststellen müssten mit Kameras ausgestattet werden, damit jede Paketsendung einer Person zugeordnet werden kann, die Post müsste durchsuchbar sein, der Datenverkehr von Bitcoins, einer digitalen Währung, überwacht werden; wie auch das Internet selbst. Wer Drogenhandel im Netz unterbinden will, braucht totale Kontrolle.
  4. Die Überwachung kann nicht eingeschränkt werden. 
    Nur die totale Überwachung ist eine sinnvolle Überwachung. Wenn ein Mailanbieter, ein Land, ein Betriebssystem sich der Überwachung entziehen könnten, dann würde sie als ganze ihren Wert verlieren.
  5. Gesetze sind kein taugliches Mittel gegen Überwachung. 
    Christof Moser ist Journalist bei der Schweiz am Sonntag. Auf seine Anfrage hin hat ihm der NDB (Nachrichtendienst des Bundes) folgendes »wording« zukommen lassen:
    1277747_10201210715284696_1137173102_oDas heißt wiederum: Es gibt einen Austausch von Daten, von dem die Verantwortlichen behaupten, er entspreche den Gesetzen. Ob das so ist, kann niemand wissen.
  6. Es gibt kein Rezept gegen die Überwachungsdynamik. 
    Menschen nutzen Freiheiten, um anderen zu schaden. Deshalb werden sie überwacht, um den Schaden abzuwenden. Die negative Auswirkung dieser Überwachung erfordert neue Freiräume, die wiederum missbraucht werden. Dieser Kreislauf ist so alt wie die menschliche Kultur. Zu meinen, wir könnten heute diese Dynamik ändern, ist naiv. Bevor nicht deutlich wird, dass diese Überwachung gefährlich ist, ändert sich daran nichts.
  7. Überwachung schadet denen am wenigsten, auf die sie abzielt. 
    Dazu Kusanowsky:

    Besser zurecht kommen vor allem diejenigen, die ihre Zeit nicht damit vertrödeln können, gegen diese Überwachung zu protestieren, sondern sofort anfangen, ihr gefährliches Geschäft auch unter der Bedingung der Überwachung fortzusetzen. Gemeint sind damit diese Terroristen. Sie werden nicht darauf warten bis die Welt, in der sie nur Angst und Schrecken verbreiten möchten, eine bessere geworden ist.  Sie mögen sich zwar aufgrund dieser Überwachung zunächst irritieren, aber sie werden ihr Geschäft nicht aufgeben, sondern genau das tun, was Not tut, um ihr Geschäft des Mordens weiter zu betreiben: sie werden lernen, wie es geht.
    So sind die Überwachungsmaßnahmen nicht nur nicht dazu geeignet, den Terror zu bekämpfen. Vielmehr sorgen sie dafür, dass ausgerechnet diese Terroristen von ihren Auswirkungen zuerst verschont bleiben können, weil sie intelligentere Wege suchen müssen, ihre Geheimnisse zu behalten.

Kusanowskys Fazit kann ich mich anschließen: Wir müssen lernen, wie wir Freiheiten zurückgewinnen können.

Denn wer lernen will noch bevor man durch die Umstände zum Lernen gezwungen wird, stellt fest, dass es keine Lehrer gibt, keine Erfahrungen, keine Methoden, keine Beziehungen, ja nicht einmal ist das zu Erlernende bekannt. Und weil das so schwer anzufangen ist, ist es allemal einfacher, Protest, dem keinerlei Widerstand entgegen gebracht wird, zu äußern.

Dieses Lernen wird eine Mischung aus Technik, Politik und sozialer Organisation sein. Ein Rückfall in analoge Kommunikation ist nicht denkbar, schon allein deshalb nicht, weil die ja ebenfalls digitalisiert und überwacht wird (in den USA werden von allen Briefen Metadaten automatisch eingescannt).

Und trotz dieser Einsicht möchte ich einen Kommentar bei Kusanowsky nicht unterschlagen, er stammt von @fritz:

Tatsächlich haben aber die Attentäter, die Anschläge aufs Netz verüben [gemeint: die NSA, PhW], wovor am meisten Angst? Vor harten Abwehrgesetzen, die ihre bislang selbst gemachten Gesetze außer Kraft setzen. Mit so ein bisschen Underground-Darknet-Frechheiten, TOR etc. würden sie dagegen zur Not sicherlich auch noch fertig werden … wenn die Gesetze das frei geben, ist der Rest ja nur noch ein technisches Problem.

Diese Feststellung mag für die USA zutreffend sein. Wenn man beispielsweise Philip Mudd bei Colbert anhört und ihm Glauben schenkt, dann scheint die Gesetzeslage auch für die amerikanischen Sicherheitsinstitutionen, die wenig Skrupel kennen, eine Bedeutung zu haben. Darauf hinzuarbeiten, dass Grundrechte geschützt werden, dürfte eine Art sein, wie man sich einer gewissen Sicherheit annähern kann – ohne zu wissen, ob  nicht ähnliche Systeme von chinesischen, indischen, russischen oder privaten Nachrichtendiensten bereits betrieben werden…

Anaïs Nin über Kommunikation und Prokrastination

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In einem Tagebucheintrag vom Mai 1946 denkt Anaïs Nin darüber nach, was im Leben wichtig ist – und was davon ablenkt. Sie schreibt (die deutsche Übersetzung habe ich am 16. Oktober 2013 angepasst):

The secret of a full life is to live and relate to others as if they might not be there tomorrow, as if you might not be there tomorrow. It eliminates the vice of procrastination, the sin of postponement, failed communications, failed communions. This thought has made me more and more attentive to all encounters, meetings, introductions, which might contain the seed of depth that might be carelessly overlooked. This feeling has become a rarity, and rarer every day now that we have reached a hastier and more superficial rhythm, now that we believe we are in touch with a greater amount of people, more people, more countries. This is the illusion which might cheat us of being in touch deeply with the one breathing next to us. The dangerous time when mechanical voices, radios, telephones, take the place of human intimacies, and the concept of being in touch with millions brings a greater and greater poverty in intimacy and human vision.

[Übersetzung Manfred Ohl und Hans Sartorius, Fischer Taschenbuch (1971)] Das Geheimnis eines erfüllten Lebens liegt darin, zu leben und mit anderen so zu leben, als seien sie morgen nicht mehr da, als sei man selbst morgen nicht mehr da. Dann gibt es nicht mehr das Laster, Dinge aufzuschieben, die Sünde, etwas zu verzögern, das verpaßte Gespräch, die fehlende Gemeinschaft. Diese Erkenntnis machte mich gegenüber allen Menschen aufgeschlossener; gegenüber allen Begegnungen, die den Keim von Intensität enthalten, der oft leichtfertig übersehen wird. Dieses Gefühl stellt sich immer seltener ein und wird durch unseren gehetzten und oberflächlichen Lebensrhythmus mit jedem Tag seltener, in einer Zeit, in der wir glauben, mit viel mehr Menschen in Verbindung zu sein, mit mehr Völkern, mit mehr Ländern. Diese Illusion kann uns daran hindern, mit dem Menschen, der uns wirklich nahe ist, eine aufrichtige Beziehung einzugehen. Die bedrohliche Zeit, in der mechanische Stimmen, Radio und Telefon, an die Stelle menschlicher Beziehungen treten, und die Absicht, mit Millionen in Verbindung zu sein, schafft eine zunehmende Verarmung von Vertrautheit und Menschlichkeit.

Der Pessimismus von Nïn ist äußerst modern, weil er nostalgisch ist. Eike Kühl schrieb letztes Jahr treffend:

Offline, das steht in den Köpfen vieler für ausgedehnte Waldspaziergänge, tiefe Gespräche und gesteigerte Produktivität. Offline, das bedeutet immer auch “damals”: Damals, als wir noch nicht ständig auf E-Mails antworten mussten. Damals, als wir uns nicht ständig ablenken ließen.

»The real wonders of life lie in the depth«, schriebt Nïn in demselben Tagebuchband. Wir sehnen uns nach einem Leben unter der Oberfläche, hinter der Fassade. Zurecht. Die besten Phasen in unserem Leben sind die, wo wir keine Zeit mit Small-Talk verlieren, wo wir tiefgründige Beziehungen eingehen, in denen Vertrauen entsteht, wir gehört werden – ganz ähnlich, wie es Jorge Bucay in seinem Gedicht formuliert:

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Nïn schreibt nun, uns hinderten »Sünden« daran, dieses Ideal zu erreichen, zu denen auch das Bestreben gehört, mehr Verbindungen aufrecht zu erhalten, weil uns das die Technologie ermöglicht – sie nennt mechanische Stimmen, Telefon und Radio.

Ergründet man ihren Gedankengang, so mag die Technologieschelte und der Kulturpessimismus, der immer auch eine Kritik an den Menschen ist, die Technologie nutzen, auch nur eine Oberfläche sein: Letztlich geht es um eine menschliche Eigenschaft, Tiefe anzustreben, aber davor auch zurückzuschrecken. Die Bedeutung von Konzentration und Intimität zu kennen, sich aber gleichzeitig davon abzulenken. Zum Mensch gehört das Tiefe und das Oberflächliche, das Virtuelle und das Physische, das Digitale und das Analoge.

Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche. – Hugo von Hofmannsthal

Sehenswerter Kurzfilm: NOAH

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Der kanadische Kurzfilm NOAH (Walter Woodman, Patrick Cederberg, CA 2013) zeigt, wie Jugendliche heute ihre Bildschirme nutzen. Fast alle Medien werden zu Begleitmedien, die Aufmerksamkeit wechselt rasant zwischen Chats, Musik, Videos und Spielen. Informationen werden interpretiert, Verhaltensweisen und Umgangsformen im digitalen Universum müssen erst etabliert werden – eine große Unsicherheit ist vorhanden. Und Offenheit wird oft zu etwas, was für den Kontakt mit Fremden reserviert ist.

Der Film ist formal absolut konsequent und ermöglicht einen realistischen Einblick in die Medienwelt Jugendlicher. Er ist noch kurze Zeit auf Youtube zu sehen.

Leibniz und die Bücherflut

Giuseppe Arcimboldo: The Librarian (1566)
Giuseppe Arcimboldo: The Librarian (1566)

Die Lektüre von Clive Thompsons Buch »Smarter Than You Think« erlebe ich momentan gerade als äußerst anregend, gerade auch deswegen, weil er auf vielfältige Beispiele und Zusammenhänge verweist, die uns dabei helfen, klar und präzise über digitale Technologie und ihre Auswirkungen auf uns Menschen nachzudenken. Während ich an einer Rezension arbeite, möchte ich einen Gedankengang aus Thompsons Buch separat aufgreifen (Thompson hat ihn wiederum von Ann M. Blair übernommen, vgl. »Too Much To Know«).

In einem nicht überschriebenen Manuskript (»Préceptes pour avancer les sciences«) von 1680 schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz:

[…] diese schreckliche Masse von Büchern, die ständig wächst, wird von der unbestimmten Vielfalt von Autoren dem Risiko des allgemeinen Vergessens ausgesetzt. Es droht eine Rückkehr in die Barbarei.

Und Adrien Bailliet, ein Biograph Descartes, notierte 1685 in »Jugemens des scavans«:

Wir haben Grund zur Furcht, dass die Menge der Bücher, die täglich anwächst, in den kommenden Jahrhunderten zu einem Rückfall führen wird, der den barbarischen Zuständen nach dem Zerfall des römischen Reiches gleichen wird.

Bailliet wie Leibniz haben sich getäuscht. Ihr Denkfehler war, die menschliche Kreativität im Organisieren von Wissen zu unterschätzen. Bailliet selbst begann, Bücher durch kurze Zusammenfassungen überschaubar zu machen, in der Frühneuzeit begannen Menschen, in Anthologien oder Florilegia wichtige Passagen aus anderen Büchern zu sammeln. Zudem wurden Bücher verbessert: Inhaltsverzeichnisse, Indexe, Seitenzahlen und auch Abschnitte waren Innovationen, welche dabei halfen, das unüberschaubare Wissen in Büchern greifbar und bearbeitbar zu machen.

Thompson schließt aus diesem historischen Beispiel, dass auch das digitale vorliegende Wissen ähnlich strukturiert wird. Blogs übernähmen beispielsweise die Funktion von Florilega, in denen sich Zitate weiterverbreiten, oder auch von Rezensionsbüchern – indem sie andere Werke verbinden, zusammenfassen, greifbar machen (mit allen Gefahren, die damit verbunden sind).

Each time we’re faced with bewildering new thinking tools, we panic—then quickly set about deducing how they can be used to help us work, meditate, and create.

Der Blick zurück ist tröstend: Er zeigt uns, dass unsere Befürchtungen, aber auch unser Optimismus oft sehr einseitig sind, wenn wir einen Wandel reflektieren. Harold Innis hat von einem »bias of a new tool« gesprochen – also festgestellt, dass neue Werkzeuge und Technologien zu verzerrten Wahrnehmungen und Trugschlüssen führen.

[Die Bildidee stammt von der ausführlichen Rezension von Maria Popova.]

Vorsatz: Wikipedia verbessern

Ich habe eben die düsteren Zukunftsprognosen zu Wikipedia im Schneeschmelze-Blog gelesen. Und einen Vorsatz gefasst:

Ich werde jeden Monat einen Wikipedia-Artikel substantiell überarbeiten und seine Qualität merklich steigern. Die bearbeiteten Artikel publiziere ich auf meiner Benutzerseite.

Gerne lade ich Interessierte ein, es mir gleichzutun. Als Hashtag schlage ich #besserewiki vor.

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Ein Twitter-Experiment

Eine Woche lang, so habe ich mir vorgenommen, würde ich Meldung auf Twitter nur weiterleiten (retweeten = RT) oder auf andere Meldungen antworten, aber keine selber schreiben.

Was wäre der Sinn dieses Vorgehens? Wie David Bauer schon mehrfach bemerkt hat – kürzlich auf medium.com – verstehen sich zu viele Menschen in sozialen Netzwerken als Urhebende von Informationen, die sie eigentlich lediglich weiterleiten. Aufsehenserregende Nachrichten stammen selten von den Menschen, die darüber schreiben, sondern werden von ihnen lediglich zitiert oder paraphrasiert. Bauers Fazit:

Don’t add to the noise, amplify the signal. The interwebs thank you.

Ich wollte also versuchen, hier etwas disziplinierten zu agieren. Es ist mir gelungen: Abgesehen von Hinweisen auf meine Blogposts, die von WordPress automatisch generiert werden, habe ich eine Woche keine Tweets verschickt, die nicht Antworten waren oder Retweets.

Das fiel mir oft nicht ganz einfach. Die Parallele zwischen dem Gripen und dem iPhone, die beides unnötige teure Spielzeuge sind, die trotz besseren Wissens gekauft werden, hätte einen guten Tweets abgegeben. Zudem wollte ich fragen, welches Swisscom-Infinity-Abo denn jemand wie ich wählen sollte (das habe ich dann auf Facebook gemacht, aber nur eine Antwort erhalten); ich wollte Diskussionen zu den Fingerabdrücken auf dem iPhone starten (habe ich dann per Reply gemacht) oder mich über vieles ärgern, was diese Woche so vorgefallen ist. Zudem wollte ich oft auf interessante Texte verweisen und sie mit einem spezifischen Kommentar versehen, statt einen Tweet weiterzuleiten, der in meinen Augen ungenau war.

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Solche Experimente zeigen immer wieder Aspekte der eigenen Mediennutzung auf, die man ohne sie nicht bemerken würde (z.B. meinen Drang, zu allem meine Meinung kundzutun; oder: die Bedeutung der Möglichkeit, auf Twitter Fragen stellen zu können und hilfreiche Antworten zu erhalten). Aber sie beschränken die Möglichkeiten, ein eigenes, aussagekräftiges Profil aufzubauen.

Facebook und soziales Kapital

Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von […] Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. Das Gesamtkapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, dient ihnen allen gemeinsam als Sicherheit und verleiht ihnen — im weitesten Sinne des Wortes — Kreditwürdigkeit.

Diese Definition von Pierre Bourdieu (pdf, S. 6) kann zur Frage führen, ob die Nutzung von Facebook soziales Kapital erhöht oder vermindert. Konkret: Bilden Menschen mittels Facebook (oder allgemeiner: mittels sozialer Netzwerke) Beziehungsnetze, die Ressourcen generieren.

Diese Frage diskutieren Teams um die Nicole Ellison und Cliff Lampe von der Michigan State University in verschiedenen Untersuchungsanlagen. In einem frühen Paper unterscheiden sie zwei Arten von sozialem Kapital – basierend auf einem Buch von Putnam:

  • bridging (deutsch »überbrückend«) ist soziales Kapital, wenn es Weak-Ties ermöglicht, also lose Verbindungen zu Menschen, die einen mit Informationen versorgen könnten
  • bonding (deutsch »vetrauensfördernd«) ist soziales Kapital, wenn es Strong-Ties stärkt, also Freundschaften zu Familienangehörigen und nahen Freunden stärkt.

In einem späteren Paper wurden genauere Kriterien entwickelt, wie diese Effekte beschrieben oder erfragt werden können:

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Die Nutzung von Facebook, so ergab die frühe Studie von 2007, stärkt vor allem den Bridging-Effekt von sozialem Kapital. Die Nutzung von Facebook hat nun diesen Effekt unabhängig von Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und von Selbstvertrauen hervorgebracht – es profitieren also nicht nur die ohnehin Privilegierten vom Nutzen des digitalen Netzwerks.

Spezifischere Untersuchungen können auch zeigen, wie sich dieser Bridging-Effekt auswirkt: Neben konkreten Interaktion wie dem Versenden und Empfangen von Nachrichten kann auch nachgewiesen werden, dass der Eindruck, man erhalte auf Facebook auf Fragen sinnvolle Antworten, mit sozialem Kapital (bridging) zu tun hat. Die Zufriedenheit mit den Antworten ist dabei unabhängig davon, ob sie von Weak-Ties oder Strong-Ties stammen.

Indem dieselben Forschenden untersucht haben, wie sich Bitten um einen Gefallen auf Facebook auswirken, konnten sie nachweisen,  dass soziales Kapital keinen Einfluss auf die Reaktionen auf solche Bitten hat (mit Ausnahme eines Aspekts von Bonding-Kapital), genau so wenig wie die Zahl der Freunde oder die Intensität von Beziehungen; obwohl Menschen mit viel engen Freunden und wenig losen Kontakten den Bridging-Effekt scheintbar stärker spüren. Die Häufigkeit, mit der Menschen andere um Hilfe Bitten, hat zudem einen Einfluss auf die Reaktionen.

Ein weiteres Ergebnis intensiver Studien ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Bedenken in Bezug auf Privatsphäre und dem Aufbau von sozialem Kapital, das recht komplex ist. Skeptikerinnen und Skeptiker in Bezug auf Privatsphäre teilen oft weniger Inhalte auf Facebook – ein Verhalten, dass dann wiederum den Aufbau von sozialem Kapital schwächt.

 

Fear of Missing Out

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Online life provides plenty of room for individual experimentation, but it can be hard to escape from new group demands. It is common for friends to expect that their friends will stay available—a technology-enabled social contract demands continual peer presence. And the tethered self becomes accustomed to its support.

Das Leben online ermöglicht genügend individuelle Erfahrungen, aber es kann schwierig werden, sich Anforderungen von Gruppen zu entziehen. Es ist für Freundinnen selbstverständlich, von ihrem Freundinnen zu erwarten, dass sie verfügbar bleiben – ein Gesellschaftsvertrag, der ständige Präsenz der Peers verlangt. Und das angebundene Ich (tethered self) gewöhnt sich daran.

Diese Gewöhnung, die Sherry Turkle in ihrem Buch »Alone Together« beschreibt, führt zu einem Phänomen, das als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet wird – deutsch: die Angst, etwas zu verpassen.

Eine umfassende Untersuchung von JWT Intelligence definiert FOMO als:

Fear Of Missing Out (FOMO) is the uneasy and sometimes all-consuming feeling that you’re missing out—that your peers are doing, in the know about or in possession of more or something better than you. FOMO may be a social angst that’s always existed, but it’s going into overdrive thanks to real-time digital updates and to our constant companion, the smartphone.

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Die Frage, ob FOMO eine Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Organisation der Menschen sei, oder ob es durch die Nutzung von Social Media verstärkt werde, hat eine Gruppe Englischer Psychologinnen und Psychologen (Przybylski et al., 2013, Paywall – ich kann Paper bei Interesse per Mail verschicken) intensiver untersucht.

In einem ersten Schritt haben die Forscherinnen und Forscher Merkmale von FOMO bestimmt, aus denen sich ein Test ableiten lässt. Ich bette ihn als Google Form hier ein:

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Ihre umfassende Studie entwickelt ein Modell, wie FOMO entsteht und wie diese Angst mit dem Gebrauch von Social Media in Zusammenhang steht.

Sie gehen von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen aus:

  1. Kompetenz: In der Welt effektiv handeln zu können.
  2. Autonomie: sich als Urheberin oder Urheber zu fühlen und Initiative übernehmen zu können
  3. Eingebundenheit: sich anderen nahe oder mit ihnen verbunden zu fühlen.

Die Frage ist nun, ob die Unterschiede in diesen Bedürfnissen direkt zur Benutzung von Social Media führe (wer sich wenig autonom oder eingebunden fühlt, benutzt Social Media) oder über FOMO indirekt (wer die Bedürfnisse schlecht befriedigen kann, entwickelt FOMO und benutzt deswegen Social Media).

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Die Studie zeigt nun folgende Resultate:

  1. Junge Menschen sind stärker von FOMO betroffen als ältere.
  2. Junge Männer sind stärker betroffen als junge Frauen.
  3. Wer mit den Bedürfnissen (Kompetenz, Autonomie, Eingebundenheit) weniger zufrieden ist, verspürt mehr FOMO.
  4. Wer unter leidet unter schlechter Stimmung, verspürt FOMO intensiver.
  5. Wer mit dem eigenen Leben weniger zufrieden ist, leidet stärker unter FOMO.
  6. Wer unter FOMO leidet, benutzt Social Media intensiver – unabhängig von 3., 4. und 5.

Das heißt, unterschiedliche psychologische Voraussetzungen führen zu FOMO und FOMO wiederum zur stärkeren Verwendung von Social Media.

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Quelle

Welche Auswirkungen hat FOMO? Auch hier wurde eine repräsentative, umfassende Untersuchung durchgeführt:

  1. Wer unter FOMO leidet benutzt Facebook intensiver und insbesondere direkt nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen.
  2. Wer unter FOMO leidet, erfährt häufiger negative Gefühle bei der Benutzung von Facebook.
  3. Wer unter FOMO leidet, lässt sich beim Lernen durch Social Media leichter ablenken.
  4. Wer unter FOMO leidet, lässt sich auch im Straßenverkehr (z.B. beim Autofahren) leichter ablenken durch Social Media.

Wie JWT festhält, gibt es einen Teufelskreis, der sich empirisch belegen lässt: FOMO führt zu intensiverer Nutzung von Social Media und intensivere Nutzung führt wiederum zu mehr FOMO.

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Das folgende Zitat weist darauf hin, dass zuerst über FOMO gesprochen werden muss, bevor die Frage gestellt werden kann, welche Auswege es gibt. Eine Beschränkung in der Nutzung von Social Media wäre – das zeigen die Untersuchungen – eine Symptombekämpfung. Die Basis von FOMO sind psychologische Faktoren, die unabhängig von Social Media vorliegen, dadurch aber verstärkt werden. Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.27

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