„Derzeit kosten die Menschen weniger als die Maschinenarbeit, weil das Lohnniveau so stark gesenkt wurde.“ Sobald sich die Preise für Arbeit flächendeckend erhöhen, würden auch die Jobs wieder kippen, glaubt er – beruhend auf Beobachtungen in den Niederlanden ableiten zu können. Dort müssten gut ausgebildete Arbeitskräfte im mittleren Qualifikationsbereich bereits zwei Jobs parallel ausüben, um über die Runden zu kommen. Diese Welle, in der die Bürowelt halbautomatisiert würde, rollt nun auch auf Deutschland zu.
Entsprechend ist für Rieger das entscheidende Kriterium für die Berufswahl, ob die gewählte Tätigkeit durch Maschinen ausführbar ist:
Rieger rät jungen Menschen, ihren gewählten Berufsweg auf dessen digitale Ersetzbarkeit hin zu überprüfen.
Die Berufe der Zukunft werden deutlich komplexer. Sie haben mit Verhandeln, Verkaufen, mit Managen und Projekteleiten zu tun, glaubt Dueck. Sie sind polyphasig und erfordern ein hohes Maß an Priorisieren und Strukturieren. Da in der digitalen Welt die Datenströme unbegrenzt schnell sind, kommt den eigenen Arbeitstechniken eine erhöhte Bedeutung zu.
Gestern habe ich einen Weiterbildungstag zu Smartphones an Schweizer Gymnasien durchgeführt (Programm und Materialien hier). Ausgangspunkt war einerseits eine massive Verunsicherung bei Lehrpersonen, andererseits das große Potential, das in den Kompetenzen der Jugendlichen steckt, mit mobilen Geräten umzugehen. Einbezogen wurden auch Jugendliche, die sich – wie nicht anders zu erwarten war – als kompetente, reflektierte Nutzerinnen und Nutzer ihrer mobilen Geräte präsentierten und nachvollziehbar aufzeigten, wie sie über Nutzen und Nachteile mobiler Kommunikation denken.
Im Folgenden einige ausgewählte Thesen und Einsichten aus dem Austausch im Kurs:
(1)
Die Herausforderungen durch das Smartphone betreffen eine traditionelle Schulkultur, welche Erfahrungen von Lehrpersonen und ihre Ausbildung durchzieht. Diese Herausforderungen (auf dem Tafelbild sind sie aufgelistet) sind deshalb nicht Bedrohungen, sondern Einladungen, über die Kultur nachzudenken und sie möglicherweise zu verändern.
(2)
Es gibt einen Standard an Schweizer Gymnasien: Die Regelungen sind generell liberal, es gibt – mit Ausnahme von Langzeitgymnasien – kaum Verbote. Zentral ist die pädagogische Hoheit der Lehrpersonen, was dazu führt, dass Lehrpersonen sehr heterogen mit mobilen Geräten umgehen, abhängig von ihren Fächern und Vorlieben.
(3)
Unangenehm sind standardisierte Situationen wie Prüfungen, bei denen Smartphones etablierte Abläufe (Wiederverwenden von Fragen, parallele Durchführung von Prüfungen) massiv erschweren.
(4)
Diese Standards stehen aber generell im Widerspruch zu einer konstruktivistischer Vorstellung von Lernen, die als Paradigma wohl am weitesten verbreitet ist und durch den Einbezug von Smartphones umgesetzt werden kann (siehe Unterlagen).
(5)
Erwünscht sind klare Vorgaben, wann der Einbezug von Smartphones sinnvoll ist und wann nicht. Die Erkenntnisse (v.a. in Bezug auf Recherche und Fotografieren von Tafelbildern) können dem Tafelbild entnommen werden:
Es ist eine triviale Einsicht, dass die Chats Jugendlicher und Erwachsener die Merkmale mündlicher Sprache aufweisen. Der sprachliche Ausdruck erfolgt in der Regel:
dialogisch
situationsabhängig oder -bezogen
spontan, ungeplant
expressiv
informell
Schriftliche Gespräche weisen im Vergleich mit mündlichen zunächst weniger Möglichkeiten auf: Nicht nur fehlt oft eine gemeinsame Wahrnehmung einer Situation, fast gravierender ist ein Wegfall der körperlichen Dimension und damit der paraverbalen Kommunikation (Stimme) und der non-verbalen (Gestik, Mimik).
Spricht man mit Jugendlichen über negative Erfahrungen mit Social Media und insbesondere WhatsApp, wird sehr oft auf Missverständnisse hingewiesen, die gerade deshalb entstehen, weil die Präzisierung fehlt, welche nicht-verbale Kommunikationssignale leisten.
Doch dieser Mangel wird – wie es nicht anders zu erwarten war – durch kreative Wege behoben. Ein Beispiel dafür sind die Schreibweisen von »okay«:
»ok« heißt ungefähr: »Ich hab’s gelesen, nun lass mich in Ruhe, du bist mir egal.«
»okay« heißt: »Ist schon gut, mir geht es schlecht und du kannst nicht viel daran ändern, aber ich weiß, dass du dir Mühe gibst.«
»oke« oder »okei« heißt: »Bestens, danke für die Mitteilung, ich bin ganz zufrieden damit.«
Diese Differenzierungsmöglichkeiten bringen nun eine paraverbale Dimension in die schriftliche Sprache, ganz ähnlich wie der Tonfall, die Satzmelodie und die Lautstärke das im mündlichen Gespräch ermöglichen. Doch der Einsatz dieser Unterscheidungen ist nicht allen gleich bekannt: Wer den Code nicht kennt, erlebt mehr Missverständnisse als ohne, und wer den Code voraussetzt, obwohl andere ihn nicht kennen, ebenfalls.
* * *
Zusatz und Präzisierung: Wie die Kommentierenden unten und auch auf FB angemerkt haben, ist meine Darstellung äußerst verkürzt. So schreibt Marius I. auf Facebook:
Es gibt auch noch weitere Abbrevationen, z.B „k“ heisst zur Kenntnis genommen, habe jetzt keine Zeit (ähnlich wie „ok“) und dann gibt es noch „oki“, das heisst soviel wie vielen Dank für deine Mühe, ist also freundlich, oft wird es mit einem Smiley oder Emoticon verbunden. Die Interpunktion kann auch einen wichtigen Einfluss haben, also ob „ok.“ oder „ok!“ steht.
Die aggressivste Form muss offenbar »k.« sein – aber die Verwendungsweisen und Codierungen variieren sozial, sogar in Bezug auf unterschiedliche Beziehungen. Missverständnisse sind leicht möglich: Wer z.B. keine Zeit hat und »ok« schreibt, kann auch als unfreundlich und abweisend empfunden werden.
Das Portrait dieser jungen Frau hat sie selbst aufgenommen »Love my hair today. Hate why I’m dressed up #funeral« ist ihr Kommentar dazu – also: Sie möge ihre Frisur, aber sei unglücklich darüber, weshalb sie sich aufgebrezelt habe: Für eine Bestattung nämlich.
Die Reaktion Erwachsener auf die Praxis Jugendlicher, sich auf Trauerfeier selbst zu inszenieren, scheint absehbar: Das Verhalten wird als zutiefst narzisstisch und pietätlos eingeschätzt. Doch stimmt das?
Zunächst könnte man einfach festhalten, dass wir alle einen individuellen Zugang zum Trauern haben. Es gibt zwar gesellschaftliche Normen, und doch wissen wir, dass wir in Trauerphasen uns selten an Normen orientieren. Und wenn, dann sind diese Normen ebenso fragwürdig wie das digitale Selbstportrait: Warum ziehen wir uns schön an, wenn es doch um die Toten gehen soll? Warum schlagen wir uns den Bauch voll und trinken mittags Alkohol, wenn es doch darum geht, von jemandem in Würde Abschied zu nehmen? Man könnte gut einen Tumblr mit »drunk adults at funerals« oder »people eating sandwiches at funerals« füllen.
Selfies sind, so kann man annehmen, knappe Tagebucheinträge, die sich an ein limitiertes Publikum richten. Die junge Frau könnte uns sagen: Schaut mal her, mir ist was Trauriges passiert, ich muss zu einer Trauerfeier. So sehe ich aus. Damit dokumentiert sie ihren Tag, sie kann später darauf zurückgreifen, sieht sich selbst ins Gesicht und kann Erinnerungen abrufen. Wir würden niemandem einen Vorwurf machen, der oder die einen Tagebucheintrag über ein Begräbnis schreibt. Und wir würden ihn auch nicht lesen, wenn wäre er nicht an uns gerichtet. Und nicht auf Blogs – wie diesem – ausstellen…
So sieht man, dass die Jugendlichen mit ihren Aufgaben, eine eigene Identität zu finden und ein Beziehungsnetz zu knüpfen, oft alleine gelassen werden. Wird zu sichtbar, welcher Methoden sie sich bedienen, müssen sie mit Spott und Ablehnung von Erwachsenen rechnen, die oft nicht einmal zu verstehen versuchen, was hier abläuft.
Social Media ist im Moment ein Sammelsurium von medialen Handlungen, für die es kaum einen Kodex oder eine klare Norm gibt. So entwickeln sich Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, letztlich aber eine bestimmte Funktion haben. Diese Funktion zu erkennen, scheint mir wichtiger als »selfies at funerals« abzulehnen.
Die Aufklärungsarbeit von Pro Juventute ist wichtig und richtig. In Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit der kostspieligen Kampagne auf ein medienpädagogisches Thema gelegt, das tatsächlich Aufmerksamkeit verdient.
Die fachlichen Informationen, die Pro Juventute z.B. in den Merkblättern zur Verfügung stellt, sind hochwertig und empfehlenswert. Sie sind kompakt, praxisnah und korrekt.
Sexting ist – wie auch Cybermobbing – keines der großen Themen von Pro Juventute. Sexting betrifft eines von 450 Gesprächen, die Pro Juventute mit Jugendlichen täglich führt.
Der Vorwurf, die Kampagne würde dafür benutzt, Spendengelder einzutreiben, der beispielsweise bei der Cybermobbing-Kampagne in der NZZ erhoben wurde, mag einen wahren Kern haben, verkennt aber, wie sich Organisationen wie Pro Juventute finanzieren müssen. Marketing ist wichtig und es ist keineswegs verwerflich, das Marketing mit einer Aufklärungskampagne zu verbinden.
Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack, dass ein Bild der Jugend gezeichnet wird, das der Realität nicht ganz gerecht wird. Jugendliche betreiben Sexting, aber die Praxis ist nicht Alltag und betrifft nicht alle Jugendlichen. Ein Schulleiter einer Zürcher Oberstufe hat kürzlich von drei Fällen im letzten halben Jahr gesprochen, mit denen er sich beschäftigen musste. Sicher kein vernachlässigbares Problem, aber beispielsweise nicht auf eine Stufe mit familiären Problemen zu stellen.
Die Präsenz in den sozialen Netzwerken könnte professioneller ausfallen. Die Beratung im Chat sollte zumindest an kompetente Fachleute weiterverweisen, wenn sie selbst keine kompetente Auskunft geben kann.
Das betrifft auch den Cyber-Risiko-Check. Er ist auf Facebook beschränkt – eine Plattform, die gefährdete Jugendliche (also die jüngsten) neben WhatsApp und Instagram immer weniger nutzen. Dazu kommuniziert er medienpädagogisch paradox: Er verlangt Zugriff zum eigenen Facebook-Profil und möchte sogar im eigenen Namen publizieren können – will aber gleichzeitig vermitteln, dass der Zugriff zum Profil möglichst vorsichtig gehandhabt werden sollte. Die Kriterien, nach denen die Empfehlungen erfolgen, sind zudem wenig transparent und die Tipps an der Oberfläche. Echte Präventionsarbeit muss sich stärker auf Kontexte beziehen und funktioniert auf einer so allgemeinen Ebene nicht.
Fazit: Während die Kampagne sinnvoll ist, dürfte sie in der konkreten Ausgestaltung sorgfältiger sein. Lieber etwas genauere Information, dafür weniger Möglichkeiten, als allgemeine Hinweise, die im konkreten Fall wenig nützen.
Japan ist sowohl demografisch wie auch in Bezug auf die digitale Kommunikation ein extremes Beispiel – aber auch ein lehrreiches. Es zeigt eine junge Generation, die in schwierigen Bedingungen aufwächst, von Medien und älteren Menschen aber gleichzeitig wenig Respekt erfährt, sondern als moralisch verkommen und faul abgewertet wird.
Neben so genannten NEETs (Not in Education, Employment or Training), also Jugendlichen, die sich nicht in die Arbeits- oder Bildungswelt integrieren, geben besonders Hikikomori Anlass zur Sorge. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die ihr eigenes Zimmer nicht mehr verlassen und sich dabei oft auch in medialen Welten verlieren oder orientieren.
Die Kluft zwischen einer immer größer werdenden Generation von Senioren und einer schrumpfenden Generation Jugendlicher, kann in Japan an der erstaunlichen Tatsache festgemacht werden, dass 2012 erstmals mehr Windeln für inkontinente Erwachsene verkauft wurden als für Babys. Die Geburtenrate von 1.4 Kindern pro Frau steigt zwar in Japan leicht an, reicht aber bei weitem nicht aus, um die Bevölkerung von 120 Millionen zu halten. Prognosen gehen davon aus, dass sie sich bis 2060 um einen Drittel reduzieren wird.
Anteil der Digital Natives 18-34 an der Gesamtbevölkerung, Quelle
Der große Abstand zwischen den Generationen schlägt sich auch digital nieder: Während in Japan 99.5 Prozent der Jugendlichen als »Digital Natives« bezeichnet werden können, womit das Land weltweit die Spitzenposition einnimmt, ist der Anteil dieser Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung mit 9.6 Prozent vergleichsweise klein, was durch die Demografie Japans zu erklären ist.
Demografie und die starke Präsenz digitaler Medien im Leben Jugendlicher führt nun nach Ansicht von Expertinnen und Experten dazu, dass diese immer stärker darauf verzichten, romantische und sexuelle Beziehungen einzugehen. 50 Prozent der erwachsenen Frauen und 60 Prozent der erwachsenen Männer unter 34 befinden sich nicht in einer Beziehung – ein Wert, der sich in den letzten fünf Jahren um 10 Prozent erhöht hat. 45 Prozent der jungen Frauen und 25 Prozent der jungen Männer geben an, kein Interesse an Sex zu haben.
Eri Tomita ist eine 32-jährige Japanerin, die in der Personalabteilung einer Bank arbeitet. Sie sagt:
»Mein Leben ist großartig. Ich gehe mit Freundinnen aus, alles Karrierefrauen wie ich. Wir essen in französischen und italienischen Restaurants. Ich kaufe stilvolle Kleider und kann mir schöne Ferien leisten. Ich liebe meine Unabhängigkeit. […] Oft werde ich von verheirateten Männern im Büro angesprochen, die gerne eine Affäre hätten. Sie nehmen an, ich sei verzweifelt, weil ich Single bin. Mendokusai.«
Mendokusai heißt übersetzt, dass etwas zu anstrengend oder mühsam für einen sei. Es ist ein Ausdruck, den die Gesprächspartnerinnen und –partner von Abigail Haworth, welche die sexuelle Enthaltsamkeit der jungen Erwachsenen in Japan untersucht hat, immer wieder bemühen, um zu erklären, weshalb sie weder erotische noch romantische Kontakte besuchen. Die Gründe dafür sind in verschiedenen Bereichen zu suchen: Obwohl die japanische Kultur praktisch keine religiösen gesellschaftlichen Normen kennt, ist es für Frauen praktisch unmöglich, eine anspruchsvolle Arbeit mit dem Leben als Mutter zu verbinden. Viele Berufe sind so anspruchsvoll, dass sie sich nicht mit einem Privatleben kombinieren lassen. Digitale Welten, die oft in mobilen Computerspielen erkundet werden, enthalten oft breite Möglichkeiten für soziale Kontakte. Eine 22-jährige Studentin erklärte Haworth, sie habe nun zwei Jahre damit verbracht, ein virtuelles Süssigkeitengeschäft zu betreiben, ohne dass sie das als Verlust empfindet.
Die Angst um die Kinder und vor ihnen erfasst vor allem die Eltern. Dies kann mitunter zu grotesken Reaktionen führen, etwa wenn sich Mütter die Überwachungstechnik zunutze machen, um ihren Kindern auf dem Schulweg virtuell zu folgen. Dafür kann zum Beispiel die elektronische Bahnkarte so aufgerüstet werden, dass sie bei der Entwertung ein Signal auf Mamas Handy sendet und ihr dadurch den Standort ihres Kindes verrät.
Die Krise der japanischen Jugend, deren Symptome die Hikikomori sind, hat wirtschaftliche und soziale Ursachen. Dass Eskapismus verbreitet ist, wenn es keine klare gesellschaftliche Orientierung an Werten gibt und auch harte Arbeit keinen wirtschaftlichen Erfolg garantiert, erstaunt nicht.
Die japanische Gesellschaft unterscheidet sich in vielen Belangen von denen in Europa. Und doch sind einige Tendenzen vergleichbar: Immer mehr ältere Menschen setzen jüngere unter Druck, ohne ihnen aber eine klare Vision von einem erfüllten Leben anbieten zu können. Gleichzeitig beurteilen und verurteilen sie Jugendliche aber recht schnell, wenn sie versuchen, eigene Wege zu finden um mit den Schwierigkeiten in ihrem Leben umgehen zu können.
Nach meinem Blogbeitrag von vorgestern, der unter dem etwas reißerischen Titel »Swisscom hört Schulen ab« stand und in dem ich eigentlich lediglich aufgriff, was bei den Fachstellen (FHNW, Kanton Zürich) schon längst stand, wurde das Thema in der NZZ und im Tages-Anzeiger aufgegriffen. Für den Kanton Zürich hat René Moser in einem ausführlichen Blogbeitrag darauf reagiert (diese Bemerkung habe ich am 28. Oktober eingefügt, Ph.W.).
Die Swisscom reagierte gestern ausführlich, ihre Stellungnahme habe ich im Blogpost hinzugefügt (siehe ganz unten).
Dennoch bleiben einige Fragen ungeklärt, die ich im Folgenden noch einmal auflisten möchte. Zunächst aber eine kurze Beschreibung dessen, was passiert – ich vermeide Fachsprache, weil ich auch kein Informatiker bin:
Die Swisscom stattet Schulen mit eigenen Sicherheitszertifikaten aus, damit sie einen Teil der Internetkommunikation entschlüsseln und filtern kann. Das betrifft nach eigenen Angaben nur Traffic der zu Google geht (andere Suchmaschinen werden offenbar noch mit herkömmlichen Filtermethoden gefiltert). Das heißt, dass Suchanfragen an Schulen nicht effektiv verschlüsselt sind.
Die wichtigsten daran anschließenden Fragen, die teilweise in Kommentaren bei der NZZ und in meinem Blog aufgerufen werden, lauten wie folgt:
Was passiert, wenn SchülerInnen und oder Lehrpersonen die Swisscom-Zertificate auf privaten Geräten installieren? Ist ihre private Kommunikation danach zuhause sicher verschlüsselt?
Warum verwendet die Swisscom ein Zertifikat von ZScaler und nicht ein eigenes?
Könnte die Swisscom schulische Kommunikation komplett überwachen? Könnte sie das auch mit privaten Swisscom-Anschlüssen tun?
Warum bietet die Swisscom überhaupt einen Contentfilter an, wenn der mit Privacy-Problemen verbunden ist? Warum nicht das Geschäft komplett auslagern?
Warum akzeptieren die Kantone diese Methode an ihren Schulen?
Wer verantwortet die pädagogischen Konsequenzen, dass SchülerInnen und Lehrpersonen an gewissen Schulen aufgefordert werden, wichtige Sicherheits-Warnhinweise der Browser wegzuklicken?
Ist dieser Preis (Aufgabe von Privacy) nicht zu hoch für die Filterung der Inhalte?
Die Swisscom stellt im Rahmen der Programms »Schulen ans Internet« 6’800 Schulen einen vergünstigten Internetzugang zur Verfügung. Dieser Zugang ist mit einem Contentfilter verbunden: Bestimmte Informationen können an Schulen nicht abgerufen werden, weil sie für Schülerinnen und Schüler als Gefährdung angesehen werden.
Das Filtern von Content wurde immer schwieriger, weil Suchmaschinen wie Google per default https, also eine SSL-Verschlüsselung nutzen. D.h. die Verbindung ist vom Browser her verschlüsselt, es ist für Dritte – wie die Swisscom – nicht möglich, Suchanfragen oder ihre Beantwortung mitzulesen. Der Datenverkehr ist effektiv verschlüsselt.
Da dies nun zur Konsequenz hat, dass Schülerinnen und Schüler ungefiltert aufs Internet zugreifen können, setzt die Swisscom eine Umgehung der Verschlüsselung ein, und zwar mit einem so genannten Man-In-The-Middle-Angriff. Der Internetverkehr ist bis zu einer dritten Firma, ZScaler, verschlüsselt, doch diese erste Verschlüsselung kann dort entschlüsselt werden. Die Inhalte werden geprüft und neu verschlüsselt. Dasselbe passiert beim Empfang der Daten. Browser warnen Nutzer in der Regel bei einer solchen Umgehung, doch diese Warnungen werden auf den Computern an Schulen einfach grundsätzlich ignoriert.
Ich sehe in diesem Vorgehen zwei Probleme, die nicht notwendigerweise der Swisscom anzulasten sind, sondern ebenso den Schulen, die einen Contentfilter fordern:
ZScaler ist eine amerikanische Firma, die nicht notwendigerweise Schweizer Recht untersteht und Daten wohl in den USA bearbeitet. (vgl. Edit und Link unten)
Der Datenverkehr aller Schülerinnen und Schüler, aber auch aller Lehrpersonen wird abgehört. Das betrifft auch Emails und andere Kommunikation, die wohl berechtigterweise mit SSL verschlüsselt werden.
Edit, 24. Oktober 2013:
Henning Steierer von der NZZ hat mit Swisscom gesprochen, offenbar werden die Daten in der Schweiz bearbeitet, auf Servern von Swisscom.
Mitlesen: Dieser Begriff suggeriert, dass wir den Traffic der Schulen mitlesen, also Kenntnis haben oder nehmen, wer was via unserer Netze kommuniziert. Fakt ist aber, dass wir den Kantonen lediglich einen Web-Filter zur Verfügung stellen, der es ihnen erlaubt, bestimmte Inhalte von Schulen aus unzugänglich zu machen. Dies sind typischerweise Websites mit pornographischen oder Gewalt verherrlichenden Inhalten. Notabene: Die Kantone legen die Regeln fest, welche Inhalte gefiltert werden sollen und welche nicht.
Man-in-the-Middle-Attacke: Auch, wenn der Begriff als terminus technicus richtig gebraucht ist, ist er für nicht-Experten tendenziös. Denn er bedeutet nicht a priori eine böswillige Praktik, sondern beschreibt lediglich das Verfahren, das wir anwenden, und das in solchen Problemstellungen gemeinhin angewandt wird.
ZScaler: Dies ist lediglich der Lieferant, Swisscom betreibt eine vollständig autonome Instanz dieser Lösung auf ihren eigenen Infrastrukturen. Es besteht keine technische Verbindung zwischen unserer Lösung (sie heisst Cloud Security Service) und dem Lieferanten. So ist auch gewährleistet, dass die Daten zu keinem Zeitpunkt an ZScaler gesendet werden.
Datenverkehr wird abgehört: Unsere Architektur lässt es gar nicht zu, dass wir den Traffic einzelner Schüler oder Lehrpersonen „abhören“. Die Filter-Infrastruktur steht in der Cloud und ist von den Bildungsnetzen durch eine Firewall getrennt. Diese Trennung verhindert, einen Request auf eine Schule und sogar auf eine Person zu referenzieren. (Aus diesem Grund ist die Datenschutz-Frage im Zusammenhang mit unserer Lösung auch gar nicht zu stellen.) Dass der Verkehr durch uns aufgebrochen worden ist, zeigt der Browser zudem an (Zertifikat), ist also für den User einsehbar (wenngleich ist einrämen muss, dass man wissen muss, wo man hinschauen muss.)
Bemerkungen zu den Hintergründen:
a)
Seit Beginn von »Schulen ans Internet«-stellen wir den Kantonen auf deren Wunsch eine Filter-Software zur Verfügung. Ob dies einer Feigenblatt-Politik folgt, wie es Beat Döbeli sieht, sei dahingestellt, Fakt ist aber, dass in der Unter- und Mittelstufe die Filterung Sinn machen kann, um für Kinder verstörende Inhalte zu unterdrücken. In Oberstufe und Sekundarstufe II machen solche Filter immer weniger Sinn, wenn Jugendliche aktiv nach solchen Inhalten suchen. Aus diesem Grund haben auch die meisten Kantone auf dem SEK-II Netz den Filter nicht aktiviert. Wie Sie ja wissen, benennen wir die Förderung der Medienkompetenz selbst auch als Königsweg und unternehmen eine Vielzahl an Massnahmen, um ebendiese bei Eltern, Lehrpersonen und Schülern zu verbessern.
b)
Wir filtern also (nochmals: im Auftrag der Kantone) google-Traffic, wie allen anderen http-Traffic seit 2002. Der einzige Unterschied mit der Eweiterung auf https ist demnach der, dass wir einen technischen Umweg vollziehen müssen, damit die Filterung für die Website google (und nur diese Website und keine anderen https-basierten Websites) weiterhin gelingt. Wir nehmen die Google-Anfrage entgegen, entschlüsseln sie, ergänzen den URL mit „safesearch=active“, verschlüseln wieder und reichen den Request weiter. Selbst der Suchbegriff sehen wir nicht ein. Damit aktivieren wir also lediglich die Filterfunktion von Google, um zu verhindern, dass Previews auf Pages mit ungeeigneten Inhalten möglich sind.
c)
In der Entscheidung, ob wir diese Lücke in unserem Filter bestehen lassen sollen, oder den Kantonen proaktiv eine Lösung bieten wollten, habe ich mich für die zweite Variante entschieden. Da wir ja mit der implementierten Lösung weder Traffic mithören, noch Daten speichern, die auf den User Rückschlüsse zulassen würden, stehe ich immer noch voll hinter diesem Entscheid.
d)
Die Kommunikation gegenüber den Kantonen während der Phase zwischen Identifikation der neuen Siuation bei Google und der schliesslichen Implementierung war sehr intensiv und lückenlos. Die Kantone haben wir über alle Schritte informiert. Wir haben mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass es der Entscheid des Kantons ist, die Lösung anzunehmen, oder zu intervenieren.
Eine neue Kampagne von Pro Juventute nimmt neben Cybermobbing auch Sexting in den Blick. Jugendliche verschicken beim so genannten Sexting (Sex – Texting (SMS)) dabei erotische Fotos von sich selbst, meist einzelnen nahen Freundinnen und Freunden, denen sie vertrauen und mit denen sie intime Beziehungen pflegen. Bricht das Vertrauen, können diese Bilder an eine breitere Öffentlichkeit gelangen, meist mit verheerenden Folgen. Die Merkblätter von Pro Juventute bieten sehr gute Informationen für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen.
Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen. Durch Sensibilisierung kann das Problem aber nicht gelöst werden. Vertrauen ist sehr paradox – es erfolgt nicht begründet, sondern basiert auf einer Annahme: »Ich kann dem anderen vertrauen.« Deshalb haben so genannte Vertrauensbeweise einen hohen Stellenwert. Je gefährlicher etwas ist – ein Nacktbild verschicken, ein Passwort tauschen, desto besser eignet es sich für den Versuch zu beweisen, dass man einer anderen Person vertraut.
Die Hauptproblematik ist die Verletzung der Privatsphäre. Eine solche Nacktaufnahme wird häufig von einem jungen Mädchen auf Aufforderung ihres Freundes gemacht − als eine Art Liebesbeweis. Wenn die Liebe, wie oft bei Jugendlichen, nicht ewig hält, veröffentlicht der Junge das Bild, indem er es an seine Kollegen schickt, vielleicht aus Frustration, vielleicht aus Blödsinn oder weil er damit bluffen will. Weiss plötzlich die ganze Schule von dem Bild, löst das bei der jungen Frau unglaubliche Ohnmachtsgefühle aus.
Obwohl das Problem in der Schweiz gemäß der JAMES-Studie lediglich sechs Prozent der Jugendlichen betrifft, befürchtet der Experte eine Zunahme – gemäß Daten von EU-Kids Online nimmt er an, dass bald 20 Prozent der Jugendlichen davon betroffen sein werden. Diese Prognose darf man durchaus skeptisch betrachten: Viele Jugendliche wissen um die Gefahren, die mit erotischen Fotos verbunden sind, und verhalten sich entsprechend. Zudem ist es recht schwierig, hier präzise Angaben zu ermitteln.
Quelle: Ergebnisbericht JAMES-Studie 2012
Nacktaufnahmen an sich sind also nicht verwerflich?
Nein. Problematisch sind sie nur, weil sie mit Mitteln aufgenommen werden, die die Bilder innert Sekunden ungewollt in die Öffentlichkeit hinauszerren.
Auch diese Aussage im Interview muss man eher kritisch sehen – heute kann jedes Bild innert Sekunden ungewollt publiziert werden. Kieners Verweis auf die Polariod-Kameras unserer Jugend mag zeigen, dass es früher auch eine eher ungefährliche Begeisterung für Bilder gab: Aber heute können auch analoge Bilder innert Sekunden digitalisiert werden. Jedes Bild ist heute potentiell öffentlich.