Bei einer Weiterbildung ist die Frage aufgetaucht, wie man sinnvollerweise Smartphone-Screens bei Schulungen anzeigt.
Ich stelle hier drei Möglichkeiten vor, wie das mit iPhones klappt. Die entsprechenden Hinweise für Android habe ich in den Kommentaren und auf Twitter erhalten – ich habe sie selbst nicht erprobt. Ich danke allen herzlich für Ihre Inputs!
iPhone direkt anschließen.
Mit diesem Adaptor kann ein iPhone 5 direkt mit dem Projektor verbunden werden. Alles, was auf dem iPhone angezeigt wird, ist auch auf der Leinwand zu sehen. Für Android funktioniert das – sofern der Projektor einen HDMI-Anschluss besitzt – mit dem Miracast-Adapter.
iPhone drahtlos am Computer anzeigen.
Ist ein Computer mit dem Projektor verbunden, ermöglicht das Programm Reflector (es kann gratis ausprobiert werden), dass der iPhone Bildschirm am Computer zu sehen ist. Eine entsprechende Lösung für Android gibt es z.B. hier.
AirPlay mit AppleTV.
Am elegantesten ist die Lösung, die per AppleTV eine drahtlose Übertragung verschiedener Geräte ermöglicht. Das erlaubt dann, dass auch Lernende ihre Bildschirme mit dem Projektor synchronisieren können, und zwar vom Platz aus.
Diese Lösung funktioniert auch für Nicht-Apple-Geräte, wie Axel Krommer in einer ausführlichen Anleitung ausführt.
Beat Rüedi zeigt AirPlay und AirServer in einem Youtube-Video:
***Update, 15. März 2014: Ich habe diesen Beitrag nach eine Reihe von Rückmeldungen von Laurent Sedano, einem Mitarbeiter von Pro Juventute, überarbeitet.***
Ich habe die Sexting-Kampagne von Pro Juventute schon mehrfach kommentiert, z.B. hier. Heute sind im Blick Auszüge aus Beratungsgesprächen erschienen, die Pro Juventute geführt hat. Das steht beispielsweise:
«Ach, ich brauche einfach jemanden, um Dampf abzulassen. Ich kann sonst mit niemandem reden, weil es mir so peinlich ist. Grad kürzlich habe ich mit meinem Vater über so Internetzeug geredet, und es war für mich so klar, wie gefährlich dies sein kann. Ich habe mir nicht im Traum vorstellen können, dass mir das mal passiert.»
Das Motiv von Pro Juventute ist wohl ein doppeltes: Einerseits auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen, was dann zu Spenden führt, andererseits Prävention zu betreiben.
Meiner Meinung nach führt das aber zu einer Sabotage der eigenen Arbeit. Das Vertrauen Jugendlicher in Beratungspersonen hat Priorität. Wenn aus diesen Gesprächen in der Boulevardpresse zitiert wird, wird das Vertrauen zerstört. So anonymisiert die Gespräche sein mögen: Betroffene (und Nicht-Betroffene) müssen damit rechnen, von ihrem Umfeld auf die geschilderten Situationen angesprochen zu werden und sich rechtfertigen zu müssen. Pro Juventute ist sich gemäß Laurent Sedano sicher, dass das nicht passieren kann, weil »die Angaben zu Details zusätzlich eingefügt« worden seien. Diese Verfremdung ist aber für Leserinnen und Leser des Blick nicht erkennbar, der Text weckt den Eindruck, es handle sich um echte Protokolle.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Ringier verdient Geld mit Äußerungen von Jugendlichen in Notsituationen, die sexualisiert präsentiert werden (vgl. Bild oben). Das darf nicht sein und von Pro Juventute nicht ermöglicht werden.
Die Richtlinien der Hotline geben an, unter welchen Umständen die Schweigepflicht aufgehoben werden kann:
Es werden nur unpersönliche Daten zu statistischen Zwecken erhoben. Alle Beraterinnen und Berater unterstehen der Schweigepflicht, auch über das Anstellungsverhältnis hinaus. Diese Schweigepflicht kann mit deinem Einverständnis aufgehoben werden.
Daher wirkt es zumindest zynisch, wenn im Artikel ein 14-Jähriger wie folgt zitiert wird:
«Gäll, diese Anrufe sind vertraulich», will der 14-Jährige wissen, bevor er loslegt […]
Ob die Jugendlichen von Pro Juventute über die Möglichkeit einer Veröffentlichung informiert wurden und damit einverstanden waren, habe ich von Pro Juventute auf Anfrage hin nicht erfahren.
Laurent Sedano hat im Namen von Pro Juventute Stellung genommen (siehe Kommentare) über das konkrete Vorgehen von Pro Juventute aufkelärt:
Bei den Geschichten handelt es sich um Fallbeispiele, d.h.es sind nachgestellte und zusammengestellte Protokolle und geben nicht einen tatsächlichen Beratungsinhalt wieder. Aus Vertraulichkeitsgründen sind die Gespräche verfremdet. Die Angaben zu allen Details sind zusätzlich eingefügt, so dass sich kein Kind darin wiederfinden kann. Diese Fallbeispiele werden in erster Linie nicht medial, sondern direkt in der Jugendarbeit verwendet […]
Mein ungutes Gefühl bleibt bestehen:
Lesen Jugendliche den Blick, erhalten Sie den Eindruck, dass ihre vertraulichen Gespräche mit 147 dort publiziert werden könnten.
Wer Jugendarbeit betreibt, darf Inhalte nicht im Boulevard ausbreiten. Auch wenn sie stark verfremdet sind.
Entweder sind die Auszüge anonymisiert-echt und bedürfen einer Freigabe der Jugendlichen und ihrer Eltern – oder sie sind fiktiv. Dann müsste das im Text deutlich werden.
Manchmal zeigt sie mir ihr Netzwerk, scrollt durch Profilfotos, deutet auf Schülerinnen, die kokett in die Kamera blicken: «Ist die nicht hübsch?» Ich nicke. Sie scrollt weiter. «Und die finde ich auch schön.» Etwas hilflos frage ich dann: «Ist sie denn auch nett? Kann sie etwas?» Meine Tochter zuckt mit den Schultern. Das spielt keine Rolle – wie sollte sie es aufgrund eines solchen Profils auch wissen? Schließlich war es die Rating-Site «Hot or Not», die Mark Zuckerberg zu Facebook inspirierte.
Auch zu meiner Zeit ging es in der Pubertät um Status, aber so oberflächlich war es damals nicht, bilde ich mir ein. Der Gruppendruck war weniger ausgeprägt, die Sozialkontrolle durchlässiger.
Die Betrachtungen von Michèle Binswanger, die als Mutter die Nutzung ihrer Töchter beschreibt, nehmen eine verbreitete Vermutung auf: Die Inszenierung auf den verschiedenen digitalen Plattformen führt zu einer Wahrnehmung anderer Menschen, in der wesentliche Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen von geringer, ihr Aussehen und ihr Narzissmus dafür von sehr großer Bedeutung sind.
Diese Diagnose muss in doppelter Hinsicht genauer geprüft werden:
Gab es nicht schon immer Aspekte des jugendlichen Lebens, die rein oberflächlich waren? So war es in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Regionen üblich, Passbilder von sich zu erstellen und an Freundinnen und Freunde zu verteilen, die damit dann Sammlungen anlegten.
Liegt der Auslöser für das Unbehagen nicht in der Effizienz der Kommunikationsmittel, die Verwendungsweisen sichtbar machen, die sonst vielen Menschen verborgen blieben?
In Bezug auf Narzissmus sind solche Fragen intensiv untersucht worden. Gemeint ist damit meist kein klinisches Phänomen, sondern das Gefühl, einzigartig und überlegen zu sein und deshalb mehr Beachtung und eine Spezialbehandlung zu verdienen. Narzisstinnen und Narzissten zeigen zwar ein höheres Selbstbewusstsein, dieses bedarf aber der kontinuierlichen Bestätigung von außen, es ist äußerst instabil. Diese Bestätigung oder Aufmerksamkeit durch andere kann nicht erwidert werden, weil es an Narzissmus Leidenden an Empathie mangelt (Davenport et al., S. 213).
Caravaggio, Narzis. Zwischen 1594 und 1596.
Eine breite Untersuchung von einem Forschungsteam in North Carolina weist nach, dass Social Media für Narzisstinnen und Narzissten ein wichtiges Betätigungsfeld ist, weil es einfach möglich ist, Aufmerksamkeit für das eigene Verhalten zu erhalten. Narzissmus beeinflusst als einer unter verschiedenen Faktoren die Gründe, weshalb Menschen Social Media nutzen, ist aber für sich genommen ein schlechtes Indiz für bestimmte Verhaltensweisen auf Twitter oder Facebook. Das heißt, Narzissmus kann Beweggründe verstärken, Social Media zu nutzen, ist aber nicht Effekt der Verwendung Neuer Medien und führt auch nicht zu messbar anderer Nutzung. Während Davenport und sein Team von der Feststellung ausgehen, dass bisherige Arbeiten zu Narzissmus und Social Media widersprüchliche und uneinheitliche Ergebnisse erzielt hätten, was sie damit erklären, dass Social Media zu Verhaltensweisen führen, die sich nicht isoliert auf einer Plattform messen ließen, sondern nur in der Gesamtheit aufschlussreich seien, vertreten andere Wissenschaftler klar andere Haltungen in Bezug auf Narzissmus. So zieht der Psychologe Jean M. Twenge ein düsteres Fazit:
Insgesamt legt die vorhandene Forschung nahe, dass Aktivitäten auf Facebook zu mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Selbst führen. Weil das in gewissen Fällen zu einer Steigerung von Narzissmus führt, lässt sich daraus geringere Aufmerksamkeit für andere ableiten (Twenge, 2013, S. 15, Übers. Ph.W.)
Louis Leung hat die Verbindung von Narzissmus und Social Media in einer chinesischen Studie vertieft untersucht. Er geht davon aus, dass es grundsätzlich fünf psychologische Ziele gibt, die Menschen bei der Benutzung von Social Media anstreben:
Soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen.
Negative Gefühle ausdrücken.
Bestätigung und Aufmerksamkeit erhalten.
Sich unterhalten.
Kognitive Bedürfnisse befriedigen. (S. 1003)
Narzisstinnen und Narzissten sind dabei am letzten Aspekt kaum interessiert. Alle anderen Ziele sind für sie bedeutsam, weil dabei oft Feedback erhalten, das ihnen die nötige Bestätigung gibt und so weitere Aktivitäten verursacht (ebd., S. 1004).
Betrachtet man die verfügbaren Studien, so kann kaum nachgewiesen werden, dass Social Media Narzissmus auslöst oder verstärkt. Vielmehr liegt die Annahme nahe, dass es sich bei sozialen Netzwerken um nahezu ideale Betätigungsfelder für Menschen handelt, die narzisstisch veranlagt sind, weil sie damit in kurzen Intervallen Aufmerksamkeit erhalten können und so ihr instabiles Selbstbewusstsein festigen können.
In seinem lesenswerten Essay »Plastikwörter« (1988) beschreibt Bernahrd Pörksen, wie »Modewörter und Leerformeln Alltagsdietriche bereitstellen, die griffig sind und ganze Wirklichkeitsfelder infizieren« (S. 17). Spreche ich im Folgenden von Herausforderungen, so liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um ein solche Plastikwort handelt. Ganz im Sinne von Evgeny Morozovs Konzept des »Solutionism«, der vorgibt, die Technologie könne alle Probleme löse, die sie verursache (sowie alle anderen), spreche ich statt von Abgründen, Katastrophen von einer Situation in der eine Lösung existiert.
Das möchte ich kurz erklären: Betrachten wir eine Entwicklung, so hat die eine Reihe sozialer und ökonomischer Ursachen und vielfältige Auswirkungen. Beides kann zum Urteil führen, dass die Entwicklung nicht wünschenswert sei – z.B. halte ich es für äußerst problematisch, dass wir fast ausschließlich Google verwenden, um vernetzte Daten zu durchsuchen. Das Werkzeug gehört einem Unternehmen, das verheimlicht, wie es funktioniert. Wir werden von einer Technologie abhängig, auf die wir kaum Einfluss haben. Nun folgt aus diesem Urteil, dass wir etwas ändern müssen. Selbst wenn diese Änderung der Weg zurück wäre – woran ich nicht glaube -, also zu einer Welt der gedruckten Zeitungen und Bücher, deren Suchfunktionen auf Bibliothekskataloge beschränkt sind, auch dann wäre es eine Herausforderung, diese Änderung herbeizuführen.
Nun mein Plädoyer: Jugendliche sollen als Partnerinnen und Partner betrachtet werden, wenn wir diese Herausforderungen zu meistern versuchen. Wir müssen sie möglichst genau beschreiben, mit wissenschaftlichen Methoden aufzeigen, wie Neue Medien Menschen beeinflussen und beeinträchtigen. Das ist die Basis für eine bewusste Arbeit an Problemen – ohne Lamentieren, ohne künstlich aufgebaute Argumentationsgegner.
Zu lange haben wir meiner Meinung nach über Scheinprobleme gesprochen, wenn es um Social Media ging. Noch immer höre ich oft die Rede von den Digital Natives, die scheinbaren Probleme durch die Kürze der Nachrichten, die Kritik an der Vernetzung mit Fremden. Hier liegen die Probleme nicht und diese Pseudokritik schadet uns, weil sie echte verunmöglicht.
Morgen lade ich Jugendliche an der Kanti Stadelhofen ein, an den Herausforderungen mitzuarbeiten. Ich habe zehn rausgepickt.
Ich werde vom Montagmorgen bis Freitagabend:
a) mein Smartphone im Büro meiner Wohnung lassen
b) kompletter Verzicht auf soziale Netzwerke, insbesondere Twitter, Facebook, Google+, Instagram und Tumblr.
c) meine Mails täglich nur ein einziges Mal abrufen und bearbeiten.
Gelungen ist mir b). Ich habe mich kein einziges Mal eingeloggt, keine Nachricht gelesen. Schon am Montagmorgen musste ich die Push-Benachrichtigungen abschalten, weil mich die Twitter-Mentions dennoch erreicht haben.
Bei a) und c) bin ich schon am Montag brutal gescheitert. Eine kurzfristige familiäre Planänderung erforderte, dass ich unterwegs telefonieren oder Nachrichten verschicken musste. Dann erreichten mich andere dringende Anfragen, so dass ich zwar deutlich weniger oft SMS und Emails gelesen habe, aber doch alle drei, vier Stunden.
Was waren meine Erfahrungen? Mein Leben ändert sich geringfügig. Einiges fällt mir leichter: Ich hatte mehr Einfälle, arbeitete zielorientierter, wurde ruhiger und geduldiger. Vieles wurde mühsamer: Die Investitionen in meine Netzwerke führen dazu, dass ich wichtige Informationen sehr gezielt aufnehmen kann und regelmäßig direktes Feedback erhalte. Beides fehlte mir, ebenso wie Notizen zu synchronisieren und andere Hilfsmittel für meine Produktivität.
Die größten Veränderungen bemerkte ich bei Kleinigkeiten: Ohne genaue Zeitangabe durch den Tag zu gehen führt zu Gelassenheit, weil immer ein paar Minuten übrig sind. Eine Woche keine Musik zu hören zu bewussterer Wahrnehmung. Meine Handschrift ist untauglich, ich kann weder übersichtliche Notizen anlegen noch leserlich schreiben und werde das wohl auch nicht mehr lernen.
Im Allgemeinen führen Stress und Müdigkeit bei mir dazu, dass ich mich auf Twitter oder Facebook in Diskussionen verstricke, die selten zu produktiven Resultaten führen. Dagegen habe ich schon mehrfach anzukämpfen versucht, vergeblich. Ich bin weit davon entfernt, mich hier defätistisch in ein scheinbares Schicksal zu fügen, aber auch nicht bereit, mir eine Social-Media-Askese aufzuerlegen, die alle wertvollen Aspekte gleichermaßen verunmöglicht. Gleichzeitig ist für mich auch eine gewisse Erholung und Me-Time damit verbunden, in der Timeline nachzulesen, was andere schreiben oder eine Partie Threes zu spielen.
Digitale Kommunikation ist für mich wie essen. Ich esse gerne. Manchmal zu viel, manchmal zu schnell, manchmal zu wenig bewusst. Unter Druck esse ich oft Ungesundes. Daran arbeite ich immer wieder. Aufhören zu essen ist aber keine Option.
Betrachtet man Beispiele, wie die Online-Präsenz von exponierten Menschen angegriffen wurde – z.B. dieser Journalist oder dieser Twitter-User – dann zeigen sich immer dieselben Methoden: Der Zugriff zu einem Konto (Amazon, Gmail, iTunes, Twitter, Facebook etc.) wird verwendet, um andere Zugriffe zu erschließen. Konkret: Wer auf das Amazon-Konto Zugriff hat, weiß meistens Details der Zahlungsinformationen (Teile der Kreditkartennummer etc.), mit denen am Telefon oft der Zugriff auf andere Dienste gewährt wird.
Um sich besser zu schützen, sollte man auf drei Dinge achten:
Nie dieselben Passwörter mehrmals verwenden.
Nie zwei Dienste miteinander verbinden (z.B. ein wichtiges Konto über den Facebook-Login betreiben).
Bedenken, wie Sicherheitsfragen funktionieren.
Das kann man bei Apple gut ausprobieren. Auf dieser Seite kann man seine iTunes-ID eingeben und sehen, mit welchen Fragen sich das Passwort zurücksetzen lässt. Betreffen diese Fragen Informationen, die sich leicht im Netz zusammensuchen lassen, ist das Konto akut gefährdet.
Generell – und das ist der Tipp – sollten die Fragen wiederum auf eine Art Passwörter verweisen und nicht auf die Realität. Die Vornamen der Mutter oder das liebste Reiseziel sind schlechte Fragen, wenn die Antworten echt sind. Es sind dann gute Fragen, wenn man sich einen Vornamen für die Mutter ausdenkt (also ein Passwort) und den als Antwort einträgt.
Morgen beginnt die Aktionswoche »freihändyg«, mit der dazu aufgerufen wird, bewusst digitale Pausen einzulegen. Ich habe bereits hier über meine Haltung dazu berichtet und die Folien publiziert, die ich an zwei Infoabenden verwendet habe. Das mediale Echo auf die Aktion übertrifft die Erwartungen: Einen Artikel der AZ nahm der Blick am Abend auf – und zwar auf der Titelseite.
Die Aktion richtet sich einerseits an Schulklassen, andererseits an Einzelpersonen. Zwei der Klassen, die ich unterrichte, beteiligen sich. Nun steht meine Selbstverpflichtung aus. Hier ist sie:
Ich werde vom Montagmorgen bis Freitagabend:
a) mein Smartphone im Büro meiner Wohnung lassen
b) kompletter Verzicht auf soziale Netzwerke, inbesondere Twitter, Facebook, Google+, Instagram und Tumblr.
c) meine Mails täglich nur ein einziges Mal abrufen und bearbeiten.
Meine Einfälle werde ich während der Woche in einem Evernote-Notizbuch festhalten: Mal sehen, ob ich danach Lust habe, sie zu digitalisieren. Ob ich bloggen werde, lasse ich im Moment noch offen. Zu oft wollte ich rasch zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen – darauf möchte ich nicht verzichten müssen.
Was verspreche ich mir von der Woche? Etwas tiefere Gedanken. Mehr Zeit, mein Buchmanuskript fertigzustellen. Etwas mehr Geduld, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle.
Die Pause wird mir guttun. Ich habe immer wieder bewusst Akzente im Umgang mit dem Internet gelegt und werde das weiterhin tun. Aber Pausen heißen nicht, dass das, was man vorher und nachher getan hat, falsch gewesen wäre. Da halte ich es mit Julia Rieke, die im Stern schrieb:
Die digitale Welt bestimmt nicht mein Leben. Ich bestimme ganz allein, wie ich all die technischen Bereicherungen nutze und sinnvoll in meinen Alltag integriere.
Wenn Internetexperten wie Nico Lumma nach der Generation suchen, die Schuld an den Problemen der digitalen Kommunikation trägt, namentlich am mangelhaften Schutz der Privatsphäre, dann richtet er den Blick auf seine Generation und auf die ältere:
Wir haben in Deutschland viel zu viel Zeit damit verbracht, kollektiv abzuwarten, ob man noch mal aus dieser Digitalisierungsnummer wieder rauskommen könnte. Der Zug ist abgefahren, seit mindestens 15 Jahren bereits. Es kommt jetzt darauf an, dass die beiden Generationen zusammen den Transformationsprozess der Gesellschaft begleiten, damit wir gestärkt aus der Digitalisierung hervorgehen.
Diese Hoffnung scheint mir trügerisch. Die Generation von Lumma und die »anderen […], also die Generation der aktuell über 50-jährigen«, dann verschwindet die Generation »Social Media« aus dem Blick, die aber wohl die digitale Welt bewohnen wird, die heute gestaltet und geformt wird. Ihrer Praxis sollten wir deshalb mehr Aufmerksamkeit schenken und sie genauer beschreiben und beurteilen, weil daraus die Fähigkeit erwachsen muss, die Probleme zu lösen, welche die beiden von Lumma beobachteten Generationen hervorgerufen haben.
In der Mitte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts sind die Gefahren, die in einer vernetzten Welt durch Geschwindigkeit, Archivierbarkeit und Transparenz der Kommunikation hervorgerufen werden, bekannt. Ein umfassender Kontrollverlust hat stattgefunden, der zusammen mit der drohenden Möglichkeit flächendeckender Überwachung zu einer enormen Verunsicherung geführt hat.
Vernetzte Öffentlichkeiten werden erhalten bleiben. Statt sich gegen Technologie zu wehren oder sich davor zu fürchten, was passiert, wenn Jugendliche Social Media nutzen, sollten Erwachsene ihnen dabei helfen, die Kompetenzen zu erwerben, die sie benötigen, um die Komplikationen zu meistern, welche das Leben in einer vernetzten Gesellschaft mit sich bringen. In der Zusammenarbeit können Erwachsene und Jugendliche eine vernetzte Welt schaffen, in der wir alle leben wollen.
Eine lebenswerte Gesellschaft unter den Bedingungen digitaler Kommunikation zu erhalten, ist eine große Herausforderung. Sie erfordert vor allem, eine Balance zu finden. Eine Diskussion, in der Gegensätze gegeneinander ausgespielt werden, ist weder der Problemlage angemessen noch lösungsorientiert. Und doch scheinen Gegensätze eine begriffliche Sicherheit zu bieten, die vielen Menschen Halt gibt.
Tafelbild aus den Ergebnisse einer Diskussion an einer Lehrerweiterbildung.
Spricht man vor einem Publikum über digitale Kommunikation, so fließt meist schon in der Einleitung ins Gespräch das Begriffspaar »digital natives« und »digital immigrants« ein. Seit Marc Prensky 2001 erstmals von dieser Gegenüberstellung sprach, werden dadurch Vorurteile zementiert, die sich wissenschaftlich kaum nachweisen lassen. So erwerben Jugendliche eben nicht alle autodidaktisch-spielerisch Kompetenzen im Umgang mit Neuen Medien, nur weil sie später geboren sind als ihre Eltern. Und älteren Menschen ist es nicht verwehrt, einen selbstverständlichen Umgang mit digitaler Technik zu erwerben. Entscheidend ist es, eine Mischung zu finden: Zwischen den spielerischen, automatischen Lernprozessen und dem bewussten Gestalten von Lernumgebungen, in denen dank Begleitung erfahrener Coaches Grundfertigkeiten sicher angeeignet werden können.
Eine ähnliche Perspektive ist bei vielen Debatten zu den Auswirkungen des Internets fruchtbar. Sei es die Abgrenzung von Privatsphäre und öffentlich zugänglichen Informationen, das Verhältnis von technischen Möglichkeiten und ihrer sozialen Umsetzung, zwischen dem Lebensraum von Jugendlichen und der Schule, der virtuellen Sphäre und der realen Umwelt oder einem individuellen Experimentieren und verbindlichen Standards: Jede Position, die nur einen dieser Pole als ideales Ziel anstrebt, verhärtet sich zu einer dogmatischen Lehre, die wenig dazu beiträgt, dass Probleme gelöst werden können.
Darüber nachzudenken, dass es enorm schwierig ist, wichtige Informationen vor dem Zugriff anderer zu schützen, oder dass Menschen Technik einsetzen, ohne zu wissen, wie sie das so tun, dass sie und ihre Mitmesnchen davon profitieren, ist oft enorm frustrierend. Und so bedeutet eine Balance zu finden meist, Kompromisse einzugehen, die weit von optimalen Lösungen entfernt sind. Aber sie sind besser, als Unmögliches zu fordern und damit Menschen zu überfordern.
Die Reflexion und das Gespräch über Technologie und ihre Auswirkungen sind unumgänglich. Sie sind aber nur dann ergiebig, wenn Menschen offen für andere Perspektiven und Wahrnehmungen sind. Jugendliche und ihre Lebenswelt bieten Erwachsenen Alternativen zu ihrer Sicht auf die Welt an. Das ist eine Chance, keine Provokation.
Der New-Yorker-Cartoon von Liam Walsh nahm einen feinen Bezug auf den berühmten Cartoon von Peter Steiner, der ebenfalls im New Yorker erschienen ist. Während in der ersten Phase des Internets Pseudonyme Foren gefüllt haben, hinter denen auch Hunde hätten stehen können, werden in der zweiten Phase des mobilen Internets Menschen selbst zu Hunden: Sie brauchen dieselben Kragen, die Hunden angezogen werden, um sie daran zu hindern, sich zu belecken – weil ihr Umgang mit dem Smartphone zu einem Reflex oder Instinkt geworden ist, der über rationale Argumente oder die Disziplin nicht mehr zu umgehen war.
Letzte Woche nahm Coca Cola den Ball auf: In einer US-Kampagne verteilt der Getränkehersteller solche Hundekragen als »Social Media Guards« in Supermärkten und hat dazu ein geschicktes Werbe-Video veröffentlicht:
Das Video greift die verbreitete nostalgische Sehnsucht nach dem »echten« Leben auf: Wer echte Katzen ansieht, echtes Essen anschaut oder mit echten Menschen spricht, trinkt auch echtes Coca Cola aus Glasflaschen. Keine kalorienreduzierte Brause, echtes, ungesundes Zuckerwasser.
Diese Message mussten die Werbetreibenden aber ironisch brechen. Das taten sie auf drei Arten:
Durch den Sprecher aus dem Off, dessen Kommentare süffisant belächeln, was wir sehen – so dass auch die Lösung nie als ernster Vorschlag erscheint und das Problem nie als echtes Problem, sondern als Zuspitzung und Scherz.
Durch die verlangsamten Einstellungen der Menschen, die Blickkontakt zueinander und zu ihrer Umwelt aufnehmen, die sie leicht irr wirken lässt. Sie werden nicht echt, sondern seltsam, surreal.
Durch die Musik. Zu hören ist nämlich die Einleitung von »Also sprach Zarathustra« von Richard Strauß. Diese bildet die Titelmusik von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey, die unter anderem auch im ersten offiziellen Trailer eingesetzt wurde. Kubricks Film zeigt, wie der Mensch durch die Technologie entstand. Oder Technologie ist der Mensch ein Tier, mit der Technologie fügt er sich und anderen Schaden zu.
So ist der Clip von Coca Cola ein kleines Meisterwerk. Er ist enorm dialektisch, indem er zeigt, wie der Mensch zu kippen droht, wie die Balance zwischen Mensch-Sein und User-Sein diffizil ist. Einfache Lösungen gibt es nur in unseren Wunschvorstellungen. Genau so wenig wie Coca Cola eine Lösung für unsere Problem ist, ist es der Social-Media-Guard.
Ich danke Sarah Genner für den Verweis auf den New-Yorker-Cartoon:
Danah Boyd forscht seit Jahren über den Umgang Jugendlicher mit Social Media. Sie hat in verschiedenen akademischen Forschungsprojekten gearbeitet und seit 2009 als Social-Media-Forscherin für Microsoft tätig. (Sie schreibt ihren Namen aus verschiedenen Gründen ohne Großbuchstaben – eine Praxis, die ich hier nicht übernehme.)
In Ihrem kürzlich erschienen Buch »It’s Complicated« fasst sie Forschungsergebnisse zusammen, die sie in jahrelangen Gesprächen mit Jugendlichen und Eltern ermittelt hat. Der Titel bezieht sich einerseits darauf, dass das Leben Jugendlicher und ihre Mediennutzung komplex ist, andererseits auf die Praxis Jugendlicher, ihren Beziehungsstatus mit »It’s Complicated« zu bezeichnen, unabhängig davon, ob sie Single oder in einer Beziehung sind. Damit zeigt Boyd, dass das Design und die Programmierung von Social Media bestimmte Affordances schaffen: Sie erleichtern bestimmte kommunikative Handlungen, schaffen Anreize und erschweren oder verunmöglichen andere. Ein dickes Glas – ein Beispiel von Boyd (Kindle Pos. 235) – erlaubt Menschen, sich zu sehen, ohne einander zu hören. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen nicht miteinander kommunizieren könnten: Vielleicht schreiben sie Nachrichten auf Blätter oder nutzen Pantomime. Das Beispiel mit dem Beziehungsstatus zeigt, dass die Affordances auch zu nicht vorgesehenen und dementsprechend unerwarteten Nutzungsweisen führen. Enge Vorgaben bei der Erstellung von Profilen (Zwang zum Klarnamen und beschränkte Auswahlmöglichkeiten bei der Wahl des Geschlechts, des Wohnorts und des Alters) führen oft dazu, dass Menschen erfundene Angaben vornehmen; obwohl oder gerade weil es sehr einfache wäre, eine bestimmte Identität abzubilden.
Die Affordances von Social Media umfassen vier Aspekte, die von herausragender Bedeutung sind (vgl. Kindle Pos. 235), weil sie die Kommunikation verändern und verschobene Anreize schaffen:
Dauerhaftigkeit und Archivierbarkeit von Inhalten.
Sichtbarkeit für ein bestimmtes Publikum oder für die Öffentlichkeit.
Möglichkeit, Inhalte zu teilen und verbreiten.
Auffindbarkeit mittels Suchmechanismen.
Boyd geht davon aus, dass Jugendliche diese Möglichkeiten nutzen, um ihr Sozialleben zu strukturieren. Ihr Buch ist erhellend, weil sie in der Schilderung von Gesprächen mit Jugendlichen ihre Bedürfnisse und Wünsche nachzeichnet und ihre Mediennutzung darin einbettet. Nur aus der Perspektive von Jugendlichen werden ihre Verhaltensweisen verständlich. Boyd zeigt beispielsweise eindrücklich, wie unterschiedlich das Publikum der Facebook-Profile von Jugendlichen sind: Während die einen sie nur für die informelle Verbindung mit Kolleginnen und Kollegen verwenden, stehen andere unter Beobachtung ihrer Eltern, von Schulen oder auch von Gangs, für die symbolische Handlungen große Bedeutung haben können. Das führt Jugendliche zu Dilemmata, die sie mit Social Media zu lösen versuchen, aber damit nicht immer ans Ziel kommen.
Boyds Buch geht von der Vorstellung aus, dass Social Media für Jugendliche einen Raum eröffnen, indem sie an einer Gemeinschaft teilnehmen können:
Öffentlichkeiten (engl. publics, Ph.W.) schaffen Räume und eine Gemeinschaften, in denen sich Menschen versammeln, verbinden und die Gesellschaft, wie wir sie verstehen, bilden können. Vernetze Öffentlichkeiten gehören in zwei Hinsichten dazu: Sie bilden Räume und eine imaginäre Gemeinschaft. Sie werden durch Social Media und andere neue Technologien ermöglicht. Als Räume erlauben sie Menschen, sich zu treffen, Zeit zu verbringen und Witze zu reißen. Technologisch ermöglichte vernetzte Öffentlichkeiten funktionieren in dieser Hinsicht wie Parks und Einkaufszentren es für frühere Generationen getan haben. Als soziale Konstrukte schaffen Social Media vernetzte Öffentlichkeiten, die Menschen erlauben, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu sehen. Teenager verbinden sich mit vernetzten Öffentlichkeiten aus denselben Gründen, aus denen sie schon immer Teil einer Gemeinschaft sein wollten: Sie wollen zu einer größeren Welt gehören, indem sie andere Menschen treffen und sich frei bewegen können. (Übers. Ph.W., Kindle Pos. 210 ff.)
Daran schließen dann individuelle Überlegungen zu Identität, Privatsphäre, Abhängigkeit, Cybermobbing, digitalen Kompetenzen und Gefahren im Internet an. Dadurch, dass Boyd einer Erwachsenenperspektive, welche Jugendliche durch ihren Medienkonsum als latent gefährdet ansieht, die Sicht der Jugendlichen selbst entgegenhält, erscheinen viele Themen in einem neuen – optimistischeren Licht. Phasenweise wirken die Ausführungen verharmlosend.
Letztlich ist die Grundhaltung des Buches aber überzeugend: Nur wenn Erwachsene mit Jugendlichen zusammen die Welt von morgen gestalten, wird sie lebenswert sein:
Vernetzte Öffentlichkeiten werden erhalten bleiben. Statt sich gegen Technologie zu wehren oder sich davor zu fürchten, was passiert, wenn Jugendliche Social Media nutzen, sollten Erwachsene ihnen dabei helfen, die Kompetenzen zu erwerben, die sie benötigen, um die Komplikationen zu meistern, welche das Leben in einer vernetzten Gesellschaft mit sich bringen. In der Zusammenarbeit können Erwachsene und Jugendliche eine vernetzte Welt schaffen, in der wir alle leben wollen. (Übers. Ph. W., Kindle Pos. 3457)
Das Buch liest sich flüssig, weil es theoretische Überlegungen an Gesprächen mit Jugendlichen langsam entwickelt. Wer sich mit den Arbeiten von Boyd schon auseinandergesetzt hat, findet wenig Neues – das Buch ist für ein bereiteres Publikum gedacht, das sich in die Materie einlesen will.