Die Struktur der Netzgeneration

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Kompetenzen

Die Tatsache, dass heute andere Medien genutzt werden als in früheren Zeiten rechtfertigt es nicht, eine ganze Generation als andersartig zu mystifizieren. Im Gegenteil, die Generation, die mit diesen neuen Medien aufwächst, betrachtet sie als ebenso selbstverständliche Begleiter ihres Alltags wie die Generationen vor ihr den Fernseher, das Telefon oder das Radio.

Dieser Haltung von Rolf Schulmeister, der in seinem breiten Essay argumentativ bestreitet, dass es eine Net-Generation gibt, wird in einer aufwändigen Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) von 2014 eine andere Perspektive gegenübergestellt:

Die Sphären Jugend und Medien sind also durch vielfältige Beziehungen miteinander verwoben. Allzu oft ist dementsprechend auch die Rede von Mediengenerationen, die durch einen jeweils charakteristischen Umgang mit – wiederum spezifischen – Medien gekennzeichnet sind. Heute wird dabei vor allem auf das Medium Internet Bezug genommen. Diagnostische Schlüsselbegriffe lauten dann Netzgeneration oder Generation @ (S. 17).

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U25-Internet-Millieus, 14-24-Jährige

Die DIVSI-Studie postuliert aber ebenfalls keine Einheitlichkeit, sondern leitet anhand von Unterscheidungen nach dem Bildungsniveau (tief, mittel und hoch) und der normativen Grundorientierung (traditionell, modern, postmodern) sieben Internet-Niveaus für die Altersgruppe 14 bis 24-Jahre ab (S. 28 ff.):

  1. Verunsicherte (tief, traditionell), 3%
    Nutzen das Internet eher wenig und bewerten ihre Kompetenz dafür als ungenügend. Sie sind verunsichert und misstrauisch gegenüber dem Internet, aber auch mit ihrem eigenen Leben unzufrieden.
  2. Vorsichtige (mittel, traditionell), 7%
    Diese Jugendlichen wünschen sich ein ähnliches Leben wie es ihre Eltern hatten und sind sozial eher unauffällig. Das gilt auch für ihre Internetnutzung: Sie ist verantwortungsbewusst und zurückhaltend, die »Vorsichtigen« hinterlassen im Netz wenig Spuren. Sie geben an, auf die meisten Internetdienstleistungen verzichten zu können.
  3. Verantwortungsbedachte (hoch, traditionell), 8%
    Im Vergleich mit den ersten beiden Gruppen nutzen sie das Netz intensiver, aber kaum zu Lifestyle-Zwecken. Sie orientieren sich an bekannten Strukturen und sind daher dem Internet gegenüber skeptisch eingestellt; vor allem mögliche Rechtsverstöße schrecken sie ab.
  4. Skeptiker (hoch, traditionell-modern), 10%
    Die Gruppe orientiert sich an Idealen wie Gerechtigkeit, Demokratie und Toleranz verfügt über ein hohes Sendungsbewusstsein. Um die eigene Meinung zu vertreten wird digitale Kommunikation genutzt, für die Freizeitgestaltung jedoch kaum. Aufgrund ihrer kritischen Haltung sehen sie die Sicherheit im Netz als ein Problem.
  5. Unbekümmerte (tief, modern), 18%
    Sie nutzen das Internet häufig und hauptsächlich zu Unterhaltungszwecken. Vernetzung und Inszenierung sind für sie wichtig. Unbekümmert sind sie lediglich gegenüber Vertrauen und Sicherheit im Internet, mit ihrem Leben sind sie generell wenig zufrieden.
  6. Pragmatische (mittel-hoch, modern), 28%
    Diese große Gruppe ist mit ihrem Leben, ihren Beziehungen und ihrem Aussehen sehr zufrieden und versuchen Leistung, Disziplin und Spaß zu verbinden. Dabei ist das Netz ein Mittel, das selbstverständlich und kompetent genutzt wird.
  7. Souveräne (hoch, postmodern), 26%
    Mobile und kreative Jugendliche, welche sehr intensiv und lange online sind und versiert, aber nicht unreflektiert Netzwerke pflegen und kulturelle Inhalte erstellen, verbreiten und konsumieren.

divsi 2

 

 

The Author

philippe-wampfler.ch

4 Comments

    • Anonymous says

      Solch undifferenziertes Feedback setzt allerdings auch einiges an an Verständnis voraus:) -auch wenn ich impulsiv mit ähnlichen Gedanken kämpfte, ist das eine oder andere doch auch wert gedanklich weiter zu spinnen. Würde mich über die Quelle von Bullshit gerne weiter austauschen

  1. Interessante Herangehensweise von DIVSI, die „Netzgeneration“ in Sinusmillieus darzustellen.
    Sehr verkürzt ausgedrückt finde ich es jedoch problematisch, dass der Kreis der Verantwortungsbedachten und Skeptiker nicht bis in das Bildungsniveau „tief“ hinabreicht.
    Ebenso könnte man die Verantwortungsbedachten und Souveränen genau so auch als Naive bezeichnen, weil es ehrlicherweise keine Souveräne Mediennutzung gibt, wenn wir alle am Tropf von überhitzen und streckenweise Ethikfreien Technologiekonzernen hängen.
    In meiner medienpädagogischen Arbeit mit Menschen mit Behinderungen beobachte ich durch das Band das sehr wohl viele sehr Bedacht und mit grösster Vorsicht das Netz nutzen. Nach dem SinusModell, würden diese aber allesamt in den untersten Sektor der Bildungsschwachen gehören.
    Genau so treffe ich oft an Gymnasien im Kt. Zürich auf eine grosse Zahl von Jugendliche, die durchaus als „verunsichert“ oder „unbekümmert“ bezeichnet werden können. Fazit meinerseits: Sinus ist nur bedingt geeignet, die „Netzgeneration“ dar zu stellen und ist auf Grund seiner Diskriminierungstendenzen unzureichend. Für Marktforschung mag das noch ok sein, für ernstere gesellschaftliche Themen jedoch nicht. Was man jedoch daraus entnehmen kann, ist jedoch der Ansporn, Bourdieus Theorie der feinen Unterschiede (Grundlage des Sinusmodells) weiter zu spinnen. Damit würde nicht nur die Bildung, sondern das soziale, kulturelle, symbolische wie auch das ökonomische Kapital in die Beschreibung mit einbezogen beziehungsweise mit Beobachtungen verkreuzt werden. Die Folge wäre ein neuer dreidimensionaler Sozialer Raum mit höherer Durchlässigkeit – Nach oben und unten!
    Bildung mag ein Faktor sein, der Medienkompetenz beeinflusst, jedoch ist diese Sicht zu einseitig.

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