Die Netzwerkgesellschaft und ihre Verunsicherung

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Kommunikation
Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Die beiden Informatiker und Psychologe J.C.R. Licklider schrieb 1968 zusammen mit Robert W. Taylor einen bemerkenswerten Aufsatz mit dem Titel The Computer as a Communication Device (ab S. 21/26). Die beiden Theoretiker skizzieren ein Modell zur computerunterstützten Kommunikation und kommen in ihrem Fazit zu folgender Prognose, die aus heutiger Sicht hoch idealistisch klingt:

When people do their informational work “at the console” and “through the network,” telecommunication will be as natural an extension of individual work as face-to-face communication is now. The impact of that fact, and of the marked facilitation of the communicative process, will be very great—both on the individual and on society.

First, life will be happier for the on-line individual because the people with whom one interacts most strongly will be selected more by commonality of interests and goals than by accidents of proximity. Second, communication will be more effective and productive, and therefore more enjoyable. […] And, fourth, there will be plenty of opportunity for everyone (who can afford a console) to find his calling, for the whole world of information, with all its fields and disciplines, will be open to him—with programs ready to guide him or to help him explore.

For the society, the impact will be good or bad, depending mainly on the question: Will “to be on line” be a privilege or a right?

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Trotz dem hohen Grad an Optimismus, den die beiden verströmen, haben sie einige Schlüsselaspekte dessen benannt, was Lee Rainie und Barry Wellman in ihrem Buch Networked 2012 das neue gesellschaftliche Betriebssystem genannt haben. Die dreifache Revolution (»triple revolution«) durch Netzwerke, Internet und mobile Kommunikation hat ihrer Analyse zufolge – Rainie und Wellman haben in diesem Bereich eine ganze Reihe von Studien durchgeführt – folgende Hauptauswirkungen:

  1. Die sozialen Netzwerke werden loser. Diese Tendenz bestand schon vor dem Internet, hat sich aber verstärkt. Die Furcht vieler Menschen besteht darin, dass »wir  in einer sozial eingeschränkten Welt leben, in der Vertrauen abnimmt, sozialer Zusammenhalt reduziert und Einsamkeit verbreitet ist und in der die Fähigkeit von Menschen, anderen zu helfen, bedroht ist.« (Seite 8, Kindle Position 372) Nüchtern analysiert wandeln sich die Möglichkeiten, wie Menschen wirtschaftliche, soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen von engen Gruppen zu unverbindlichen Netzwerken.
  2. In diesen Netzwerken haben Menschen Teilmitgliedschaften. Sie zeichnen sich nicht durch Gruppenzugehörigkeit aus, sondern können in einer ganzen Anzahl von Netzwerken spezifische Interessen adressieren.
  3. Dadurch werden Identitäten vielschichtiger und komplexer, weil sich Individuen aus den Zwängen von Gruppen lösen können.
  4. Die Neuen Medien geben Menschen mehr Möglichkeiten, Probleme zu lösen und Initiativen zu übernehmen; generell schenken sie ihnen größere Freiheiten.
  5. Gleichzeitig erfordern sie aber auch viel mehr Aufwand und neue Strategien, um soziale Probleme zu lösen und Verbindungen aufrecht zu erhalten.
  6. Die Grenzen zwischen Information, Kommunikation und Aktion verschmelzen, die drei Aspekte lassen sich teilweise kaum trennen.
  7. Neue Medien erfordern neue Vorstellungen von Transparenz, Verfügbarkeit, Freizeit und Privatsphäre.
  8. Neue Medien sind von einer großen Verunsicherung begleitet: Es wird zunehmen schwer einzuschätzen, wem Informationen anvertraut oder mitgeteilt werden können und sollen und welche Informationsquellen zuverlässig sind.

Mediale Netzwerke ersetzen als eine Form der Nachbarschaft zunehmen das Modell der Dorfgemeinschaft, welche für soziale Strukturen in der vorhergegangenen Zeit vornehmlich verantwortlich war: »The new media is the new neighborhood«, schreiben Rainie und Wellman (S. 13, KP 483).

Ist das für die Gesellschaft gut oder schlecht? »Both and more«, antworten die Autoren (S. 18, KP 586). Die einfache Gelingensbedingung, die Licklider und Taylor formuliert haben – alle müssen ein Recht auf »online«-Aktivitäten haben -, gestaltet sich komplizierter als gedacht. Gerade im Zeitalter der Überwachung und der hohen Abhängigkeit von Unternehmen ist unklar, ob sich der große Aufwand, den Neue Medien erfordern, letztlich durch bessere Möglichkeiten gesellschaftlich auszahlt.

In seinem lesenswerten Essay Don’t be a Stranger weist Adrian Chen darauf hin, dass die Verunsicherung durch gesteigerte Möglichkeiten, Netzwerke zu bilden, ursprünglich die Vorstellung vom gefährlichen Fremden gewesen sei, der unter falscher Flagge unsere Freundschaft im Netz suche um uns zu schaden. Die MTV-Show Catfish und der gleichnamige Film zeigen die Facetten dieser Bedrohung, indem sie Menschen aufzeigen, mit wem sie eigentlich eine Beziehung eingegangen sind.

Der gefährliche Fremde war die Kehrseite einer offenen weil anonymen Kommunikation, die eben auch erlaubt habe, neue Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Heute werde die Gesellschaft zunehmend nach den Vorstellungen der Betreiber von Online-Plattformen wie Facebook modelliert. Chens Kritik trifft vor allem das Konzept des Social Graph, den Facebook einsetzt:

The social graph is human relationships modeled according to computer logic. There can be no unknowns on the social graph.

Bei Facebook gebe es weder interessante Fremde noch bösartige Unbekannte, weil alle so erscheinen müssen, wie sie wirklich sind. »The most popular social media such as Facebook have offered limited ability – so far – to deal with the subtleties of how people really function in different segments of their networks«, schreiben Rainie und Wellman und schließen sich so Chens Schluss an.

Die Chance, die Licklider und Taylor in ihrer Vision in den Möglichkeiten computergestützter Kommunikation gesehen habe, ist real. Sie haben das Potential Neuer Medien korrekt beschreiben, aber den Einfluss von Politik und Marktwirtschaft unterschätzt. Die effiziente Gestaltung und Aushandlung von sozialen Gemeinschaften wirft keinen finanziellen Mehrwert ab und kann nicht mit totaler Überwachung vereinbart werden.

 

The Author

philippe-wampfler.ch

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  1. Pingback: Die Facebook-Nostalgie | Schule und Social Media

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