Rezension: Bert te Wildt – Medialisation

Bert te Wildt ist Oberarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin an der medizinischen Hochschule in Bochum. Dieses Jahr ist bei Vandenhoeck & Ruprecht sein Buch mit dem Titel »Medialisation. Von der Medienabhängigkeit des Menschen« erschienen. Im Folgenden eine Rezension, die wiederum zwei Teile aufweist: einen zusammenfassenden und einen kritisch-wertenden. (Kleine Anmerkung: Ich bin daran interessiert, solche Rezensionen auch in anderen Publikationen unterzubringen und würde sie auch entsprechend umschreiben. Kontakt.)

Das Buch beschreibt das Phänomen der Medialisation, das der Autor wie folgt definiert:

Medialisation meint die kollektive Umsiedlung des Menschen in denjenigen medialen Raum, in dem er sich seine individuellen und kollektiven Träume zu erfüllen hofft. (13)

 Auch wenn Medien den Menschen als solchen überhaupt erst ausmachen, schon immer ausgemacht haben, und das Leben der Menschen schon immer auch in einem medialen Raum stattgefunden hat, so sind wir daran, einen entscheidenden Schritt zu erleben: das Mediale wird zum »entscheidenden Referenzbereich« (wenn ich etwas erlebe, so muss ich es filmen oder fotografieren) und auch zum »zentralen Lebensbereich« (16).

Diesen Umbruch behandelt te Wildt nun kritisch und stellt die Frage nach der Möglichkeit und Bedeutung einer Medienabhängigkeit des Menschen. Damit meint er nicht nur ein pathologischen Phänomen von Mediensüchtigen, sondern ganz allgemein die Vorstellung, dass Medienabhängigkeiten den Menschen ausmachen könnte. Diesem Themenfeld nähert sich te Wildt von den verschiedenen Mediendisziplinen her, denen er jeweils ein Kapitel widmet: Mediengeschichte, -theorie, -technologie, -ökonomie, -soziologie, -psychologie, -anthropologie, -pädagogik, -politik, -ästhetik und Medienphilosophie.

Der zentrale Gedanke dabei ist, dass die Omnipräsenz des Medialen dazu führt, dass Bedürfnisse unmittelbar gestillt werden können. Technische Möglichkeiten machen Menschen dabei zu Kleinkindern, so te Wild: Sie geben jedem Trieb nach und befriedigen ihn virtuell. Dabei vernachlässigen sie ihre »realen«, d.h. körperlichen und existenziellen Bedürfnisse und decken sie mit simulierter Befriedigung zu (98ff.). Diese Simulation versagt aber im Ernstfall:

[Im Internet] wird kein Hungernder satt gemacht, kein Mensch umfassend geliebt, kein Kind gezeugt und geboren, kein Kranker gepflegt und kein Sterbender begleitet und beerdigt. (120)

Medienabhängigkeit ist ein Risiko, dem Arme stärker ausgesetzt sind: Ähnlich wie beim Essen werden sich einen gesunden Zugang zur Realität, d.h. die Erfahrung des eigenen Körpers in der Natur, nur noch Reiche leisten können (101ff.); gleichzeitig ist Medienabhängigkeit aber auch ein Armutsrisiko – wer in die Sphäre des Medialen und Virtuellen abdriftet, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit arm als ander Menschen.

Das psychologisch tiefgründigste Argument hat mit dem Bewusstsein zu tun. Es entsteht durch die Kopplung von innerer und äusserer Wahrnehmung (112). Nun gibt es nach te Wildt zwei Arten von Medialität: intrapsychische (Introspektion) und extrapsychische (Abstraktionsfähigkeit) (184f.). »Medialisation« verhindert durch ein Übergewicht von extrapsychischen, kollektiv entstandener Medialität den Aufbau einer intrapsychischen, individuellen. te Wildt bringt das verständlich auf den Punkt:

Wird das Kind mulitmedial von kollektiven Vorstellungsbildern überflutet, so fehlen ihm die Zeit und der Raum, innerhalb seiner selbst eine mentale Sphäre auszubilden, die noch dann existiert, wenn alle Medien abgeschaltet sind. (191)

Pädagogisch plädiert te Wildt für die Erfahrung des Körpers, das Hervorbringen der Stimme, der Schrift mit nicht abstrahierten Mitteln. Computer und Internet können allenfalls Erfahrungen begleiten, nicht aber ersetzen.

Dieses Argument begründet er auch mit differenzierten Bemerkungen zur Medienabhängigkeit oder -sucht als Krankheit. Anders als Spitzer zeigt er genau, weshalb er Medienabhängigkeit als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet (139ff.):

  • Es tritt zwar oft mit anderen Krankheitsbildern (Depressionen, Angststörungen) zusammen auf, aber das ist auch bei stoffgebundenen Abhängigkeiten meist der Fall. Die Medizin gibt keine Kausalität vor (waren zuerst die Depressionen und dann die Abhängigkeit oder umgekehrt), sondern beschreibt Phänomene.
  • Medienabhängigkeit betrifft hauptsächlich Heranwachsende, ihre Folgen sind daher besonders verheerend.
  • Medienabhängige verlagern Beziehungen und Beziehungsarbeit ins Mediale. Sie erstellen Profile oder Avatare ihrer selbst, an die zentrale Beziehungen anknüpfen. So sind sie gezwungen, viel Zeit dafür aufzuwenden, was den Suchtcharakter verstärkt, gleichzeitig erleben sie aber zufällige Ausschüttungen von Belohnung, wie das bei Glücksspielen der Fall ist, für die es auch eine medizinisch anerkannte Abhängigkeit gibt.
  • Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führt dazu, dass »das empathische Moment leide[t] oder gar verkommen könnte« (220). Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie ausserstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen.
  • Medien bieten die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften auseinander – kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, werden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht (172).

te Wildt fordert intensivere Forschung, bevor gesagt werden könne, welche Therapieansätze sich als wirksam erweisen können (144ff.).

Medialisation, so kann zusammenfassend gesagt werden, ist gefährlich, weil Funktionen des menschlichen Daseins und Zusammenlebens in die virtuelle Sphäre ausgelagert werden und niemand sagen kann, wer die kontrolliert oder allenfalls manipuliert (124).

Im Schlussteil des Buches fragt te Wildt nach den Möglichkeiten einer Metamorphose des Menschen, der Lösung des Bewusstseins vom Körper. Bislang handle es sich »beim virtuellen Universum [aber um] nicht mehr als ein Versuch, im besten Falle eine Vorbereitung des Menschen, sich einer Metamorphose zu unterziehen« (250). Das Fazit lautet dann:

Die vielfältige Realitätsflucht des Menschen am Scheideweg wird hinter dem Hunger nach realer Nahrung zu einem der größten globalen Probleme, nicht zuletzt deshalb, weil sie uns von den wirklich drängenden Fragen der Menschheit abhält. Im besten Falle können wir lernen, in beiden Welten, der konkreten und der virtuellen Realität, zu leben und die eine für die andere nutzbar zu machen. Da die pathologische, die medienkritische Sicht das mediale Gesamtbild in den bisherigen Ausführungen getrübt haben mag, darf nicht unerwähnt bleiben, dass die neuen Technologischen, gerade auch das Internet, organisatorisch und bildungstechnisch nutzbar gemacht werden können, um den weltweiten konkret-realen Nöten beizukommen. Ds wäre eine Art von Medialisation, die die Zivilisation nicht ablöst, sondern erreicht, unterstützt und vielleicht auf eine höhere Ebene trägt. […] (251)

* * *

te Wildt ist belesen, er schreibt differenziert, entwickelt Gedankengänge und Argumente sauber und definiert zentrale Begriffe. Das macht das Buch lesenswert, es ist eine Fundgrube für medienpsychologische und medienphilosophische Zusammenhänge. Der Autor will aber zu viel: In einer tour de force befragt er alle Medienwissenschaften, stellt zu viele Zusammenhänge dar und wiederholt sich nicht zuletzt. Das Buch ist zu lang geraten. Die Hauptargumente sind in ihm verborgen. Wünschenswert wäre ein weniger umständlicher Aufbau gewesen: Einen anthropologisch-theoretischen Zugang zum Menschen als Medienwesen und konkrete, praktische Aussagen zu Medienabhängigkeit als Krankheit und zu Therapiemöglichkeiten.

Die Wahl eines rein theoretischen Ansatzes verhindert, dass nicht-geschulte Leserinnen und Leser sich anhand von Beispielen Vorstellungen machen können, wie denn die neue Medienwelt konkret funktioniert, welche Spiele gespielt werden, wie der Sog der Interaktivität konkret wirkt. Es werden keine Fallbeispiele genannt, nicht einmal konkrete Software findet Erwähnung – auch wenn man leicht schließen kann, dass das Buch hauptsächlich auf dem Umgang mit World of Warcraft beruht.

Es ist te Wildt zugute zu halten, dass er kaum wertet. Er stellt Zusammenhänge dar, wirft Fragen auf, aber er malt keine Katastrophenszenarien und hält immer wieder fest, dass Medialität auch viele Möglichkeiten bereit hält. Er ist nie dogmatisch. Ein Schlüsselzitat dazu darf man sich für medienpolitische Debatten merken:

Es ist bisher nicht möglich zu sagen, ob die negativen oder positiven Passungen im Netz überwiegen. Momentan hängt diese Einschätzung nicht von wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen ab, sondern vom eigenen Weltbild. (119)

Pathos dringt nur stellenweise durch, vor allem die Forderung nach Medienabstinenz in der Erziehung reißt te Wildt dazu hin, leicht emotional zu werden und Menschen, die eine Beschränkung der Möglichkeiten des Internets verhindern wollen, die Fähigkeit abspricht, ihre Kinder zu erziehen (203f.).

Es gibt aber einige Klischees über neue Medien, die te Wildt gerne und ohne Nachweis durch Studien übernimmt: Im Internet sei es »einfacher einen Sexualpartner zu finden als einen Liebespartner« (121), Blogs und Twitter seien Ausdruck einer tiefen Verunsicherung (169f.), viele Filme würden gegen den Willen der Betroffenen ins Internet gestellt (221) und der Konsum von Kinderpornografie im Internet stelle »längst keine Randerscheinung mehr« dar (ebd.). Auch die Formulierung, die »eigene virtuelle Freiheit [höre da auf], wo die virtuelle Freiheit des Anderen anfängt« (89) greift einen Gedanken auf, der durch die virtuelle Dimension noch unklarer wird: Wo ist denn überhaupt die Grenze, wo die Freiheiten aneinander stossen? Und wie soll ich eine Grenze von aussen sehen, die sich mir immer nur von innen präsentiert? Und wie zieht man im »Cyberspace«, der ja gerade nur metaphorisch ein Ort ist, eine Grenze?

Problematisch erscheinen mir te Wildts Einschübe von unreflektierten Gemeinplätzen aber nur bei einem zentralen Argument: Das Internet führe zu einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung, während Medien wie »eine […] Tageszeitung, ein Buch oder eine Nachrichtensendung« bewusst gewählt werden. Diese Abgrenzung erscheint sehr künstlich, was in te Wildts unsorgfältiger Mediendefinition liegt: Während er in der Einleitung Definitionen einen eigenen Abschnitt widmet und dort angibt, er werde mit der Definition von Mike Sandbothe arbeiten: »Medien sind Werkzeuge zwischenmenschlichen Handelns« (Sandbothe, zitiert S. 30).

Nun ist – und das hält te Wildt explizit fest – natürlich auch Gespräche Medien, Gesang, Handgeschriebenes, Bücher, Zeitungen etc. Wenn man nun einen qualitativen Bruch beschreiben möchte, dann reicht es meines Erachtens nicht aus darauf zu verweisen, die Funktionsweise eines Computers würde nicht verstanden (189), die eines Bleistifts hingegen schon. Menschen verstehen meist nicht, wie der Herstellungsprozess von Büchern oder Zeitungen funktioniert, sie lesen sie trotzdem mit Gewinn. Der springende Punkt ist gerade die Bewusstseinsbildung, die te Wildt sauber erklärt, die aber eine unscharfe Grenze darstellt: Man kann den Ort nicht bezeichnen, an dem ich mich durch soziale Medien fremdbestimmen und manipulieren lasse, von ihnen abhängig werde. Diese Prozesse sind nicht notwendigerweise mit dem Internet oder der Digitalisierung verbunden – aber sehr häufig.

Letztlich verfällt te Wildt der biogenetischen Grundregel, also der Vorstellung, die Entwicklung des Menschen vom Säugling zum Erwachsenen sei eine Art Nachvollzug der Entstehung der Menschheit als Art. So postuliert er, jede Medium habe »seine Zeit« – und Bildschirmmedien, wie von Spitzer und anderen festgehalten, dürften erst von Erwachsenen genutzt werden. Dieser Grundgedanke kann kaum begründet werden – auch wenn die pädagogischen Konsequenzen darauf durchaus einleuchten mögen.

Eine Antwort auf eine entscheidende Frage vermag te Wildt nicht zu bieten. Er zitiert Günther Anders »Die Antiquitiertheit des Menschen« von 1956, der schreibt:

Denn aus der Unterstellung, wir, ausschließlich mit Ersatz, Schablonen und Phantomen genährte Wesen wären noch Iche mit einem Selbst, könnten also noch davon abgehalten werden, ‚wir selbst‘ zu sein oder zu ‚uns selbst‘ zu kommen, spricht vielleicht ein heute nicht mehr gerechtfertigter Optimismus. Liegt nicht der Augenblick, in dem ‚Entfremdung‘ als Aktion und Vorgang noch möglich ist, bereits hinter uns? (Anders, zitiert S. 101)

In seiner Konsequenz bedeutet dieser Gedanke, dass keine Trennung zwischen »realen« und »virtuellen« Bedürfnissen mehr möglich ist. Die scheinbar simulierte Bedürfnisbefriedigung wäre dann die echte und die Forderung, den Körper in der Natur zu entwickeln eine normative, die dem Fehlschluss unterliegt, der Wert der Natur sei deshalb höher zu werten als die Virtualität, weil es sie schon immer gegeben habe. Wie kann man hier sauber argumentieren und trennen?

(Am 28. Oktober 2012 ist diese Rezension in der Ausgabe 8(2) von e-beratungsjournal.net erschienen.)

Der erste Facebook-Werbespot

Letzte Woche hat Facebook vermeldet, eine Milliarde aktive Nutzer zu haben – und feiert diesen Erfolg mit einem Werbefilm, den Starregisseur Alejandro González Iñárritu gedreht hat (21 Grams, Babel).

 

Der Werbespot versucht, in die Tiefe zu gehen. Er benutzt dafür das Symbol des Stuhls – ein problematisches Symbol: Clint Eastwood hat es politisch aufgeladen, als er am Nominationskongress der Republikaner in Florida eine Rede an einen leeren Stuhl gehalten hat, wobei er so tat, als sässe Präsident Obama drauf. Der Stuhl steht also für einen demokratischen Präsidenten und gleichzeitig auch für einen gealterten Schauspieler und Regisseur, dessen politisches Engagement Auslöser für viel Spott und Häme gewesen ist.

Die Tiefe des FB-Clips ist denn auch arg gekünstelt und gesucht. Von den Stühlen geht es dann sehr schnell über zu einer Nation (FB wird oft als Nation bezeichnet, v.a. um seine Grösse erfassen zu können), die seltsam apolitisch erscheint: Nichts sagende Fahnen mit applaudierenden Menschen vor einem Regierungsgebäude, in dem nichts passiert (was für ein Bild für Facebook). Und dann kommt noch das Universum ins Spiel und man wundert sich: Habe ich nun gerade einen wunderbaren Werbespot gesehen oder einen komplett doofen? Auch hier wieder: Keine schlechte Beschreibung für das, was Menschen auf Facebook machen.

Die Tatsache, dass wir den Film auf Youtube ansehen, zeigt auch die Grenzen von FB: Wie Daniel Miller in seiner Studie überzeugend gezeigt hat, wird FB zwar von unterschiedlichen Kulturen als jeweils ganz anderes soziales Instrument eingesetzt – aber nie als Universalinstrument (benutzen alle Kulturen Stühle? – eher nicht…). FB ist nicht das ganze Internet (hier hat sich Miller getäuscht) und wird es wohl auch nicht werden.

Youtube hat dann natürlich seine eigenen Gesetze – sofort reagieren andere Filmemacher humoristisch auf die Vorlage und verhunzen sie. Sie bietet sich an dafür, könnte man sagen.

Sichere Passwörter

**Diese Anleitung wurde im April 2014 überarbeitet.**

Inspiriert von einem dichten Text im Guardian einige Gedanke zur Sicherheit von Passwörtern. Eigentlich wäre es ganz einfach – man könnte den Tipps von Google folgen:

  • Ein anderes Passwort für jeden Account.
  • Lange Passwörter.
  • Verschiedene Zeichen benutzen, nicht nur Buchstaben.
  • Erinnerungen an Passwörter an einem sicheren Ort lagern.
  • Zusatzoptionen wie Google 2-step-verification, Facebooks Anmelde-Benachrichtigungen und Passwort-Recovery nutzen.

Gerade der letzte Punkt kann im Notfall entscheidend sein: Man kann so Konten retten, wenn man den Verdacht hat, sie seien kompromittiert worden. Die meisten Dienste verschicken Erinnerungsemails, sobald ein Passwort geändert wird etc.

Welche Tipps nichts taugen, zeigt dieser Beitrag sehr schön auf. Das Fazit dort: Passwörter müssen sehr, sehr lang sein!

Im Guardian wird die Frage aufgeworfen, mit welchem Bedrohungsszenario man bei der Wahl von Passwörtern rechnet. Die meisten Menschen werden von Systemen unter Druck gesetzt, komplizierte Passwörter mit Zahlen, Sonderzeichen und Buchstaben zu wählen. Das führt dazu, dass sie sich ein kompliziertes Passwort ausdenken, das sehr sicher ist – aber für alle Konten gleich eingesetzt wird. Dafür schreiben sie es, wie sie das gelernt haben, nicht auf – damit es niemand findet.

Die am häufigsten verwendeten Passwörter. Disclosure Project von Dazzlepod, veröffentlicht in InformationWeek BYTE ‚Top 5 Password Managers‘.

Die Frage ist nun: Vertraut man seiner Familie oder dem Arbeitsumfeld mehr als russischen Hackerinnen und Hackern, die folgendermassen vorgehen:

  1. Sie hacken einen Betreiber eines Online-Dienstes.
  2. Sie stehlen die Login-Informationen, die meist verschlüsselt sind.
  3. Sie versuchen, die Verschlüsselung zu knacken – ohne Tricks, mit roher Gewalt.
  4. Haben sie ein Passwort, versuchen sie darüber Zugriff zu anderen zu erlangen.
  5. Resultat: Im schlimmsten Fall: Alle Konten weg, alle Geräte komplett gelöscht, Geld weg.

Die »rohe Gewalt« führt einfacher zum Ziel, wenn Passwörter kurz sind. Es ist völlig egal, wie viele Sonderzeichen sie enthalten: Ein Computer probiert die alle durch. Faustregel: Ein Passwort mit 5 zufälligen Zeichen kann in drei Stunden geknackt werden, eines mit 20 nie (das ist nur leicht übertrieben).

Die Lösung wäre folgende:

  1. Für jeden Account ein anderes Passwort.
  2. Passwörter in folgender Form verwenden: Buchstabe+Buchstabe+Buchstabe+Buchstabe+… ohne je ganze Wörter zu verwenden. Idealerweise bildet man einen Satz: Zürich ist die schönste Stadt der Welt und verwendet z.B. von Nomen die ersten beiden, von allen anderen Wörter den ersten Buchstaben: ZueidsStdWe. Ums noch ein bisschen besser zu machen, nummerieren wir die Nomen zuästzlich: 1Zueids2Std3We. Leicht zu merken, aber lang und komplex genug, um kaum knackbar zu sein.
  3. Passwörter im Notfall aufschreiben.

Wörter sollten unbedingt vermieden werden, weil Hacker gezielt nach häufigen Wörtern in Passwörtern suchen. Profis können aus verschlüsselten Passwortlisten innert Stunden 60 bis 90% der Passwörter ermitteln.

Wer damit Probleme hat, sollte einen Dienst wie 1Password verwenden – wie das geht, habe ich hier notiert. Dort werden Passwörter automatisch verschlüsselt notiert – und zwar auf jedem Gerät, das man verwendet.

(Die Illustration zeigt die Passwort-Daten, die vom Disclosure Projekt gesammelt werden – eine Seite, auf der alle veröffentlichen Passwörter publiziert werden, damit man nachsehen kann, ob man Opfer von Hacker-Angriffen geworden ist.)

Die Methode von XKCD, bei der Wörter kombiniert werden, funktioniert nicht mehr, weil Hacker diese Methode bereit kennen, wie Bruce Schneier ausführt:

Social Media Guidelines – eine allgemeine Perspektive

Ich habe sowohl für Schulen wie auch für Lehrpersonen festgehalten, wie Social Media Guidelines aussehen könnten. Ausschnitt.de hat in einer Studie 132 Social Media Guidelines untersucht und Experten dazu Stellung nehmen lassen – und eine sehr lesenswerte Studie publiziert (pdf).

Ich möchte dazu einen interessanten Gedanken von Mario Sixtus präsentieren und danach die wichtigsten Erkenntnisse als Infografik vorstellen.

Sixtus schreibt in seinem kurzen Text eine schlaues Plädoyer, weshalb Organisationen (auch Schulen) keine Social Media Guidelines verwenden sollen. Sein Hauptargument:

Laut vieler Guidelines wünschen sich Unternehmer, dass ihre Mitarbeiter im Social Web „ehrlich”, „authentisch”, „respektvoll”, und „höflich” auftreten (an dieser Stelle bitte Loriot mit einem „Ach was!?” imaginieren), bedeutet das im Umkehrschluss, dass die gleichen Mitarbeiter außerhalb des Social Web, also im so genannten „echten Leben”, „unehrlich”, „gekünstelt”, „respektlos” und „unhöflich” auftreten dürfen? Wer Sonderregeln für das Verhalten im Internet einführen will, beweist damit nur, dass er selbst noch nicht im Internet-Zeitalter angekommen ist, dass das Web für ihn ein fremder Ort ist.

Es würde also genügen, allgemeine Verhaltensregeln für die Öffentlichkeitsarbeit und für die Vertraulichkeit von Informationen zu etablieren – unabhängig davon, ob man damit traditionelle Medien, Kaffeeklatsch oder Facebook meint.

Die wichtigsten Punkte der Infografik vorweg (sie werden im Gesamtdokument alle genauer erläutert):

  • Verbindliche Guidelines sind oft unfreundlich formuliert.
  • Arbeitgeber wünschen, dass Angestellte im Netz identifizierbar sind.
  • Wichtig wäre, dass es auch offizielle Social Media Kanäle der Unternehmen gäbe – oder zumindest Ansprechpersonen, die in der Guideline erwähnt werden.
  • Nur ein Drittel der Guidelines ermuntert Angestellte, auf Social Media aktiv zu sein.

Ein gelungenes Beispiel einer Guideline ist meines Erachtens die des Kantons Aargau – sie gilt für alle Staatsangestellten, auch für Lehrpersonen.

 

Social Learning

Ich möchte kurz auf eine lesenswerte Einführung zu Social Learning hinweisen, die Jochen Robes für das Didacta Magazin (3/12) geschrieben hat. Er definiert Social Learning wie folgt:

Vor diesem Hintergrund umfasst Social Learning das informelle, selbstorganisierte und vernetzte Lernen, das durch
Social Media und soziale Netzwerke unterstützt wird. Aus Sicht des einzelnen Nutzers kann Social Learning ein alltäglicher, bewusst oder unbewusst ablaufender Prozess sein.
Aus Sicht der Bildungsinstitutionen oder Lehrenden geht es dagegen um die unterschiedlichen Wege, das Potenzial dieser Netzwerke und Tools gezielt für die Verbesserung der eigenen Lehr- und Lernpraxis zu nutzen.

Zum ganzen Artikel (pdf) führt ein Klick auf das Bild…

Wie Google seine Karten macht

In seinem bekannten Buch »Simulacrum und Simulation« (hier das pdf auf Englisch) verweist Jean Beaudrillard in der Einleitung auf eine Erzählung von Jorge Luis Borges (»Die Strenge der Wissenschaft«), in der die Idee von einer 1:1-Karte entwickelt wird. Beaudrillard leitet daraus seinen Begriff des Simulacrums ab, dem scheinbaren Abbild, die ohne Original auskommt. Ein Simulacrum sind heute die Google-Karten, die uns auf dem Handy die Welt oft wahrer zeigen, als sie in der Wirklichkeit ist.

Abgesehen von solch philosophischen Überlegungen kann man sich aber – z.B. im Rahmen des Geographie-Unterrichts – ganz konkret fragen, wie Google seine Karten erstellt. Die Frage beantwortet ein äußerst lesenswerter Artikel in The Atlantic (auch TechCrunch berichtet ausführlich darüber). Grundsätzlich geht es darum, die Realität so abzubilden, dass die daraus resultierenden Daten benutzbar sind, z.B. für Navigation. Geht man von verfügbaren Daten aus, dann erhält man ungefähr solche Satellitenbilder, die offensichtliche Fehler enthalten:

Spezialisten arbeiten bei Google daran, diese Daten zu verbessern und zu ergänzen. Teilweise hunderte von Informatikern füttern Daten in Datenbanken ein, damit Karten entstehen, die so aussehen:

Erstaunlich ist dabei die Vorgehensweise von Google:

  • Um Abzweigungen etc. korrekt abzubilden, werden Fahrzeuge getrackt, welche die Strassen benutzen.
  • Wegweiser werden mit einer speziellen Software von Fotos aus eingelesen und als Daten eingebunden.
  • Rückmeldungen von Kartenbenutzern über Ungenauigkeiten werden innert wenigen Stunden bearbeitet und führen zu verbesserten Karten.

Wie beim Übersetzungsprojekt Google Translate handelt es sich auch bei Google Maps um Social Media: Die Erfahrung von Menschen wird direkt eingebunden.

Google, so nehmen Spezialisten an, arbeitet daran, die Kartendaten zu ihrem Hauptgeschäft zu machen; die Superkarte fügt alle unseren mentalen Karten, die Orte mit Bedeutungen aufladen, zusammen und macht sie individuell nutzbar, ein Stück »augmented reality«, also eine verbesserte Realität. Wir werden, so das Fazit des Artikel, Mühe haben, der Versuchung zu widerstehen, die darin besteht, Google unseren Standort anzuvertrauen, damit Google uns sagen kann, wo wir uns eigentlich befinden.

Die Figur des »Digital Native«

Andreas Pfister und Philippe Weber haben an der Kantonsschule Zug, wo sie unterrichten, eine Umfrage zu »mediale[m] Konsum, digitale[n] Fertigkeiten und Wertungen von Medien« durchgeführt, deren (nicht-repräsentativen) Ergebnisse sie in einem Essay in der NZZ interpretiert haben.

Terminator 2 Judgment Day (1991): John Connor, der Digital Native, hackt einen Bankomaten.

Dabei geht es ihnen darum, die »messianische Figur« des Digital Native zu dekonstruieren. Diese Figur weise, so stellen sie einleitend fest, paradoxe Züge auf:

Während man Jugendlichen auf der Ebene des technischen Know-hows alles Mögliche zutraut, wird ihnen zugleich eine kolossale Naivität den Medien gegenüber unterstellt. Der jugendliche Frohmut mache sie blind gegenüber den eigentlichen Kräften, die hinter der Technik lauerten.

Die Figur sei für die Gesellschaft deshalb so wichtig, weil Jugendliche als »Vorhut des Fortschritts« verstanden werden. Die Umfrage zeige jedoch, dass die Realität von dieser Projektion abweicht. Die zentralen Punkte von Pfister und Weber sind dabei:

  1. Jugendliche nutzen Neue Medien zweckgebunden, ihre Lebenswelt ist nicht mit der virtuellen verschmolzen, wie man denken könnte.
  2. Mediennutzung ist nichts Selbstverständliches, sondern wird historisch kontextualisiert und differenziert betrachtet.
  3. Trotz einer gewissen Unbekümmertheit können Jugendliche die Qualität und den Gehalt medialer Produkte beurteilen.
  4. Die Beherrschung digitaler Technik lernen Jugendliche auch heute noch vielfach von Erwachsenen und nicht autodidaktisch.

Das Fazit der Autoren:

Offenbar übernehmen auch Jugendliche gerne die Figur des Digital Natives. Diese Identifikation ist aufschlussreich, weil die Selbstwahrnehmung den tatsächlichen Umgang der Jugendlichen mitprägt und vielleicht zu jener unbekümmerten Praxis führt, die wir feststellen konnten. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die Erwachsenen übertragen: Das Bild vom jugendlichen Umgang mit Medien prägt den Wandel zur digitalen Gesellschaft mit. Eine Entmystifizierung der Jugendlichen könnte demnach auch eine Chance sein, den digitalen Wandel anders zu gestalten – jenseits von Heilserwartungen und Horrorvisionen.

Auch wenn ich weit gehend mit Pfister und Weber einig gehe, möchte ich zwei Aspekte ansprechen, die blinde Flecken einer solchen Untersuchung sein könnten. Eine Lesart der Digital Divide, die auch z.B. Manfred Spitzer sehr stark macht, ist die, dass der Einsatz von digitaler Technik intelligente, schulisch erfolgreiche Jugendliche in ihrer Leistungsfähigkeit unterstütze, Jugendliche mit Lernschwierigkeit und wenig Schulerfolg jedoch einschränke. Zu fragen wäre also, ob es nicht eine Art Kompetenz ist, digitale Technik so einzusetzen, dass man gerade nicht damit verschmilzt und damit auch in der Schule erfolgreich sein kann.

Damit ist auch die Vermutung verbunden, dass Jugendliche in Bezug auf Medienkompetenz oft Haltungen und Wertungen von Erwachsenen übernehmen – gerade wenn sie von diesen befragt werden. So scheinen die Autoren selbst der Meinung zu sein, die Tagesschau sei ein hochwertigeres Produkt als »Blogs«, eine sehr verbreitete, jedoch komplett undifferenzierte Position: Schlechte Tagesschaubeiträgen stehen hochwertigen Blogposts gegenüber – und umgekehrt. Meine Vermutung wäre, dass gerade die Figur des Digital Native und die damit verbundenen kulturpessimistischen Befürchtungen Jugendliche daran hindern, mit der virtuellen Welt zu verschmelzen, und dazu führen, dass Jugendliche diese Haltungen mindestens teilweise übernehmen. Das führt dazu, dass 16-jährige Gymnasiastinnen und Gymnasiasten teilweise nicht einmal wissen, was ein Blog ist.

Facebook-Zugang für Kinder: Postulat im Schweizer Parlament

Im Juni hat Facebook angekündigt, dass die Untergrenze von 13 Jahren fallen soll: Aus wirtschaftlichen Gründen sollen auch Kinder Zugang zu Facebook erhalten können. Allerdings prüft das Unternehmen Schutzmassnahmen für die Privatsphäre von Kindern, die ich in einem früheren Post skizziert habe.

Diese Nachricht hat zu einem Postulat der Nationalrätin Viola Amherd (CVP, VS) geführt. Es fordert den Bundesrat auf,

[…] neben Anpassungen der Gesetzgebung auch Massnahmen zur Unterstützung von Eltern, Erziehungsberechtigten und Schulen aufzuzeigen. Insbesondere soll der Bundesrat die Verknüpfung von Profilen der Kinder an vorhandene Profile von Eltern prüfen, wie sie Facebook vorschlägt. In diesem Zusammenhang sind die Möglichkeiten der SuisseID zu berücksichtigen.

Die SuisseID, das zur Klärung, ist ein Verfahren zur Identitätsüberprüfung im elektronischen Geschäftsverkehr – ein Verfahren, das schon starke Kritik auf sich gezogen hat. Wenn ich das Postulat richtig verstehe, so würde Facebook in der Schweiz verpflichtet, die SuisseID zur Altersüberprüfung einzusetzen – und zwar bei allen Usern. Damit würden sämtliche Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer in der Schweiz verpflichtet, sich eine SuisseID zuzulegen – ansonsten wäre es ja möglich, sich mit einem falschen Account trotzdem Zugang zu Facebook zu verschaffen.

Der Bundesrat hat das Postulat mittlerweile behandelt. Er verweist auf einen zu erstellen Bericht »Rechtliche Basis von Social Media« und auf das nationale Programm »Jugendmedienschutz und Medienkompetenz«. Das Postulat wird zur Annahme empfohlen.

»Kontrolle ist anderswo« – Kritik am Facebook Handbuch

Das Facebook-Handbuch von Thomas Pfeiffer und Jöran Muuß-Merholz habe ich vor einem Monat kurz vorgestellt, es heißt »Mein Kind ist bei Facebook«. Gestern hat die taz eine Rezension von Christian Füller publiziert, die eine fundamentale Kritik enthält: Das Handbuch suggeriert, das Phänomen Facebook sei mit technischen Lösungen und Gesprächen in den Griff zu kriegen. Ist es nicht, so Füller:

[Das Facebook-Handbuch] suggeriert, dass mit ein, zwei technischen Einstellungen und einem Gespräch mit dem Kind die Sache ins Lot zu bringen ist. Ist sie aber nicht, denn die Droge, mit der Facebook hier operiert, heißt: Aufmerksamkeit. Das, wonach jeder Mensch und besonders jeder Teenager dürstet.

„Wer Facebook versteht, muss sich wenig davor fürchten“, schreiben [die Autoren]. Facebook verstehen aber lernt man in ihrem Handbuch nicht, sondern lediglich, es zu bedienen.

Füller zitiert eine Aussage, die in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung über die Einstellung von Jugendlichen zum Internet erschienen ist. Mira hält dort fest:

Ich muss im Nachhinein schon sagen, dass mir das [=Facebook] entglitten ist. Irgendwann hat es mich richtig aus der Bahn geworfen. Ich traf zwar noch Freunde, war also nicht nur in einer Ersatzwelt, aber wenn ich zu Hause war, war ich immer online und über Facebook erreichbar. Ich habe kein Buch mehr gelesen, nie mehr im Gras gelegen. Und ich war abhängig von den „Likes“, also Komplimenten, die ich bekommen habe. Für mein Aussehen, für Fotos, die ich reinstellte, für meinen Status. Das ist der Stoff, der süchtig macht.

Neben der Unterschätzung dieses Suchtpotentials, das mit der Anerkennung gekoppelt sei, die soziale Netzwerke bieten, sieht Füller ein anderes grundlegendes Problem beim Handbuch:

[D]ie Anmaßung, Facebook ließe sich unter Kontrolle bringen, ist brandgefährlich. Wahrscheinlich kennen die Autoren das „Kontroll-Paradoxon“ der Psychologen Brandimarte, Acquisti und Loewenstein nicht. Die Forscher haben das Phänomen beschrieben, dass Probanden dann bereit sind, mit intimen Ansichten und Geständnissen umso freizügiger umzugehen, wenn man ihnen versichert, sie hätten die Sache unter Kontrolle – und sei es nur ein bisschen.

(Die Publikation von Brandimarte, Acquisti und Loewenstein kann hier (pdf, englisch) nachgelesen werden.)

Medienkompetenz

Diese Woche habe ich ein Interview für die Masterarbeit von Dominic Wirth (MAZ) geführt. Er untersucht Haltungen in Bezug auf die Verantwortung für die Vermittlung von Medienkompetenz. Seine Einstiegsfrage – mit der er dann verschiedene qualitative Interviews vergleicht – galt der Definition von Medienkompetenz. Ich möchte die hier kurz schriftlich vornehmen und dann etwas zur Bedeutung sagen.

(1) Definition von Medienkompetenz

Die Stadt Zürich gibt ein Dossier Medienkompetenz heraus (pdf) und fasst Medienkompetenz dort so:

Was brauchen Kinder und Jugendliche heute und morgen an Wissen und Fertigkeiten, um in einer von Medien geprägten Gesellschaft selbstbestimmt und kreativ, sachgerecht und sozial verantwortlich zu handeln?

Zudem werden Tulodziecki und Herzig (2002) zitiert:

Kinder und Jugendliche sollen Kenntnisse und Einsichten, Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die ihnen ein sachgerechtes und selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln in einer von Medien stark beeinflussten Welt ermöglichen.

Gemein ist beiden Definitionen, dass Wissen und Fähigkeiten (Fertigkeiten darf als Synonym verwendet werden) als Grundlage für das Handeln angesehen werden – daraus ergibt sich ein klassisches Schema:

Diese Darstellung impliziert, man könne Medienkompetenz aufteilen in drei Bereiche. Korrekt wäre, die Übergangsbereiche durchgehend einzuzeichnen: Reflexion gibt es nur mit Wissen und bei der Nutzung etc.

Medienreflexion ist in meinen Augen zentral. Damit ist die grundlegende Einsicht gemeint, dass Medien etwas abbilden oder darstellen und dieser Prozess Selektionsprozesse, Perspektivenwahl und Verzerrungen enthält. Medien zeigen uns die Welt nicht, wie sie ist, sondern sie zeigen uns ausgewählte und verzerrte Aspekte der Welt. Diese Einsicht ist entscheidend. Sie kann darüber hinausgehend aktiv und passiv genutzt werden: In der Rezeption oder in der Herstellung von medialen Inhalten (das wäre dann der Handlungsaspekt). Aber Wissen und Fähigkeiten sind immer schon verschmolzen, es gibt nicht Wissen ohne Fähigkeiten oder Fähigkeiten ohne Wissen.

(2) Die Bedeutung von Medienkompetenz

Das oben zitierte Dossier hebt die Bedeutung von Medienkompetenz hervor:

Die Entwicklung der Medien und der Informationstechnologien trifft die Schule damit im Kern. Sie verändert die Grundbedingungen für Lehren und Lernen, für  Wissen und Forschen. Die Fülle von medialen Hilfsmitteln und Angeboten ermöglicht vollkommen neue didaktische Konzeptionen.

Diese Ansicht teile ich nur bedingt: Medienkompetenz war nie unwichtig. Ob Informationen per Twitter oder am Stammtisch ausgetauscht werden, um einen populären Vergleich zu verwenden – es handelt sich bei beidem um Medien, die nicht unvergleichbaren Gesetzen folgen. Das einzige, was sich verändert hat, ist die Menge an parallel existierenden, verschiedenen Medienangeboten und ihre Haltbarkeit. Wir wissen nicht, welche Medien wir in 20 Jahren konsumieren werden – können jedoch annehmen, dass es viele verschiedene sein werden.

In der Konsequenz heißt das, dass Medienwissen und Mediennutzung in der Schule nie zu stark an bestimmte Werkzeuge gebunden werden dürfen. Wer heute versteht, wie Twitter funktioniert, versteht später davon möglicherweise nichts mehr. Auch das ist ein Grund, weshalb ich Medienreflexion für entscheidend halte.