Nachdem ich kürzlich hier neue Forschungsergebnisse über die »Fear of Missing Out« präsentiert habe, konnte ich daraus einen Essay für die Aargauer Zeitung verfassen. Er ist hier im Netz publiziert worden.
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Jugendliche und Datenschutz: Zwischen Paranoia und Naivität
Ob Jugendliche Vorbilder brauchen, die ihnen eine Rolle vorführen, in die sie schlüpfen können, oder ob sie vielmehr Wegweiser benötigen, die ihnen Hinweise darauf geben, wie sie sich selbst entwickeln können – darüber lässt sich pädagogisch trefflich streiten. Geht es um Datenschutz, fehlt ihnen beides.
Beginnen wir damit, was Datenschutz umfasst. Im Wesentlichen sind es drei Punkte:
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Datensicherheit
Gespeicherte Daten dürfen nur durch Berechtigte abrufbar sein. Der unbefugte Zugriff muss wenn nicht unmöglich, so doch enorm schwer sein. -
Information
Wenn Daten gesammelt werden, dann sollte das direkt bei den Betroffenen geschehen, die dann auch darüber informiert werden. -
Zweckgebundenheit
Die Funktion der Datensammlung und –speicherung sollte klar sein. Ist diese Funktion erfüllt, müssen Daten gelöscht werden.

Erwachsene verhalten sich heute in Bezug auf Datenschutz entweder paranoid oder unbekümmert (Ausnahmen sind solche, die beruflich damit zu tun haben): Sie verweigern jede Preisgabe von Daten, wenn nicht unbedingt nötig. Sie fürchten sich davor, ein Mal zu viel ihre Emailadresse einzutragen, per Telefonbucheintrag Werbung zu erhalten oder bei Meinungsumfragen ihre Anonymität zu verlieren. Ihre Befürchtungen sind irrational und unrealistisch: Sie handeln als steckten hinter Systemen Menschen, die ihnen gezielt Schaden zufügen wollten.
Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sich über Datenschutz keine Gedanken machen. Ihre Telefonbücher mit sozialen Netzwerken synchronisieren, Fotos ihrer Kinder und Freunde über Facebook teilen und ihr Privatleben mit Geodaten dokumentieren. Sie handeln naiv, weil sie ignorieren, dass Systeme, die vorgeben, Menschen effizientes Arbeiten und direkte Kommunikation ermöglichen, mit dem Verkauf von Daten Geld verdienen und Menschen so indirekt Schaden zufügen.
Natürlich gibt es hier nicht nur Extrempunkte – aber es gibt wenige Menschen, die sich nicht einer der beiden Kategorien zuteilen lassen. Das hängt damit zusammen, dass es gar keine Werkzeuge mehr gibt, die uns Entscheidungen in Bezug auf Datenschutz treffen lassen:
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Wer auf Facebook Freunde finden will, muss dem Netzwerk Informationen über Freunde zur Verfügung stellen, ohne wissen zu können, wozu Facebook diese Informationen verwendet.
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Wer ein Smartphone nutzt, kann gar nicht kontrollieren, was dieses Smartphone für Daten an welche Server schickt und wozu die dort verwendet werden, weil ein Smartphone eine reine Oberfläche als Bedienung anbietet, keine echte Steuerung.
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Wer Google nutzt, muss damit rechnen, dass Suchanfragen getrackt werden und Dritte ein Profil der eigenen Vorlieben und Interessen anlegen, das sie an Vierte verkaufen.
So naiv das Vertrauen in große Unternehmen ist, so lähmend ist generelles Misstrauen. Das Resultat – und hier kehren wir wieder zu den Jugendlichen zurück – ist fatal: Datenschutz betrifft auch kleinräumige soziale Netze wie eine eine Schulklasse oder eine Schule. Unter welchen Umständen darf jemand eine Handynummer weitergeben? Ganz einfach: 1. Wenn die Information sicher gespeichert wird, 2. wenn die Nummer von der betroffenen Person selbst weitergegeben wird und 3. wenn die Weitergabe einen klaren Zweck hat.
Nur – wie lernen das Jugendliche, wenn nicht einmal Lehrpersonen und Schulleitungen das verstehen und die eingesetzten Systeme so konfigurieren können, dass sie das erlauben? Wie können sie in Zeiten von cloudbasierten Smartphones verstehen, wie sie Datensicherheit herstellen können? Wer hindert Konzerne daran, die Daten von Jugendlichen (und Erwachsenen) ungefragt zu beziehen, wenn die Geheimdienste aller westlichen Länder mit Regierungsauftrag an diese Daten gelangen wollen oder müssen?
Das soziale Gedächtnis
Wir alle kennen das Phänomen: Während des lockeren Partygesprächs fällt uns der Name der Schauspielerin, die uns kürzlich so beeindruckt hat, einfach nicht mehr ein. Wir wissen, dass sie bei The Newsroom mitspielt und Bilder von der Figur, die sie spielt, im Internet gelandet sind. Und so zücken wir unser Smartphone, finden diese Seite und finden heraus, dass es sich um Olivia Munn handelt. Nach kurzer Lektüre erfahren wir, dass intime Bilder nicht nur in ihrer Rolle den Weg ins Netz gefunden haben, sondern das auch der Schauspielerin selbst passiert ist.
Wenn uns das passiert, dass wir Google benutzen müssen, um uns an etwas erinnern zu können, reagieren wir meist mit gemischten Gefühlen: Einerseits sind wir über die Technologie erstaunt, die Funktionen unseres Gedächtnisses übernimmt. Andererseits ärgern wir uns darüber, dass wir offenbar ohne Smartphone nicht mehr denken können. »I’m not thinking the way I used to think«, schrieb etwas Nicholas Carr in The Shallows (2012), und Frank Schirrmacher notierte in einer Selbstreflexion in Payback (2009):
Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen. (auch als Essay hier nachlesbar)

Das Phänomen heißt auf Englisch »Tip-of-the-tongue syndrome« oder TOT-Phänomen. Wir haben den Eindruck, es verschärfe sich durch die Omnipräsenz digitaler Werkzeuge.
Im Abschnitt »The Art of Finding« in seinem Buch Smarter Than We Think (2013) geht Clive Thompson diesem Eindruck auf den Grund. Seine Erkenntnisse, die er aus Gesprächen mit Forscherinnen und Forschern gewonnen hat, lassen sich wie folgt zusammengefassen:
- Menschen benutzen ein soziales Gedächtnis. Wie Daniel Wegener und sein Team gezeigt haben, verfügen wir über ein »transactive memory«, also über die Fähigkeit, Speichervorgänge aufzuzeigen. Wer in langfristigen Partnerschaften lebt, erinnert sich nicht an dieselben Dinge wie der Partner oder die Partnerin, weiß aber, was die andere Person abgespeichert hat: Jemand kennt die Geburtstage, jemand weiß, wo welche Werkzeuge verstaut sind.
- Daraus lässt sich ableiten, dass Menschen über ein recht gutes Metagedächtnis verfügen. Sie wissen, wer was weiß – auch wenn sie es selbst nicht wissen.
- Das heißt, Menschen haben Google eigentlich schon immer benutzt: Einfach in Bezug auf andere Menschen statt bei der Bedienung einer Maschine. »Quite simply, we seem to record as much outside our mind as within them«, hielt Wegener in den 80er-Jahren fest.
- Betsy Sparrow hat Wegeners Forschung vertieft und in Experimenten herausgefunden
a) dass Menschen sich weniger gut an Fakten erinnern, wenn sie wissen, dass diese irgendwo digital gespeichert sind
b) dass das Wissen, dass Informationen gespeichert werden, die Fähigkeit verbessert, zu wissen wo sie gespeichert sind
c) dass Menschen in Bezug auf soziales Gedächtnis Maschinen genau so benutzen wie andere Menschen.
Wenn wir nun also die Auswirkungen des Zugriffs auf maschinelle Speichersysteme beurteilen, beurteilen wir gleichzeitig eine Entwicklung des Gedächtnisses, die viel älter ist: Bestimmte Informationen auszulagern. Die Entwicklung ist nicht ein Zerfall der kognitiven Leistungen, sondern eine Errungenschaft, die zu effizienteren Denkleistungen geführt hat.
Doch es gibt einige Unterschiede zwischen Maschinen und Personen als Partner unserer sozialen Gedächtnisse:
- Wir akzeptieren bei Maschinen viel eher, dass sie zusätzliche Informationen liefern (wie z.B. beim einleitenden Beispiel) – beginnen dabei aber zu prokrastinieren (was durchaus auch mit Lerneffekten verbunden sein kann). Weil wir Maschinen kontrollieren, lassen wir eher zu abgelenkt zu werden.
- Wir wissen bei vertrauten Menschen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Wenn mein Freund mir dabei hilft, mich an wichtige Tennisresultate zu erinnern, sich aber beim French Open immer wieder täuscht, dann traue ich diesen Informationen weniger, weil ich seinen »track record« kenne. Google hat auch Schwächen, da wir aber zu wenig gut verstehen, wie Google funktioniert, können wir sie weder erkennen noch einbeziehen.
- Wir wissen noch zu wenig über die Auswirkungen digitaler Gedächtnisse, wie Gedächtnisforscher Daniel Schacter bemerkt: Es ist nicht möglich, eine sinnvolle Kontrollgruppe zu definieren, die sich in einer Informationsgesellschaft bewegt, aber auf Computer und Internet verzichtet.
Thompsons Fazit ist durchdacht: Kreatives Denken erfordert eine große Vertrautheit mit einer Materie. Dabei ist es nicht möglich, wesentliche Inhalte auszulagern – wer eine Expertin oder ein Experte auf einem Gebiet ist, erinnert sich an alle wesentlichen Fakten und Zusammenhänge, weil sie oder er daraus zu neuen Erkenntnissen gelangen kann. »Getting young people to care about the hard stuff«, ist eine Herausforderung, die nicht neu ist, sondern die Menschen und ihre Geschichte begleitet.
Die entscheidende Frage ist also nicht, wie unser Gedächtnis strukturiert ist, sondern wie wir die nötige Tiefe bei der Konzentration auf und bei der Bearbeitung von Informationen erreichen.
»Lehrpersonen schützen« – zum Social-Media-Leitfaden für Lehrpersonen und Schulleitungen
Wie »10 vor 10« gestern berichtet hat, haben die Lehrerverbände der deutschsprachigen Länder einen gemeinsamen Leitfaden herausgegeben, der Lehrpersonen dabei helfen soll, sich in Social Media zu bewegen. Er kann als pdf runtergeladen werden, die Webseite dazu findet sich hier.
Ich wurde von »10 vor 10« angefragt, hatte aber leider keine Zeit. Meine Meinung – die in meinem Buch ausführlich dargelegt wird – deshalb hier in Kurzfassung. (Medienanfragen bitte unter 078 704 29 29 oder per Mail.)
Es ist zu begrüssen, dass der Unsicherheit von Lehrpersonen im Umgang mit Social Media begegnet wird. Doch wie das geschieht, erscheint mir problematisch.

Die zentrale Haltung ist der »Schutz« von Lehrpersonen. Eine Kommunikationsplattform wird als Bedrohung wahrgenommen, obwohl es zunächst einfach eine Kommunikationsplattform wie das Telefon oder die Briefpost ist.
In den Social Media oder auch Blogs und Foren wird jede noch so «privat» gemeinte Meinung wie in einem Leserbrief öffentlich und damit hoch bedeutsam. (S. 5)
Diese Haltung scheint mir gefährlich: Natürlich gibt es in den sozialen Netzwerken eine Vermischung von privater Person und öffentlicher Funktion. Aber das ändert nichts am Recht von Privatpersonen, ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie als öffentliche wahrgenommen wird. Lehrerverbände sollten auf das Recht pochen, dass auch Lehrpersonen außerhalb ihres Anstellungsverhältnisses ein Recht auf eine Meinung haben und die auch im Internet äußern dürfen.
Der Guide ist geprägt von einem naiven Digitalen Dualismus: »Die Wirkung von Fehlern ist deshalb im Vergleich zum normalen Alltag enorm«, heißt es beispielsweise auf S. 11. Social Media sind der »normale Alltag«, sie sind Realität, sie sind Kommunikationsformen wie alle anderen auch.
Nun zu raten, man dürfe nicht mit Schülerinnen oder Schülern »befreundet sein«, wie die Interpretation von »10 vor 10« nahelegt (im Leitfaden selbst steht das nicht), ist, als würde man Lehrpersonen raten, keine Briefe von Schülerinnen oder Schülern zu lesen. Wer ansprechbar sein will und pädagogischen Dialog pflegt, kann und soll das auch mittels Social Media tun.
Die Hinweise des Leitfadens, dass hier Richtlinien der Schule und eine einheitliche Haltung gegenüber allen Eltern und Schülerinnen/Schülern zentral ist, halte ich für wichtig. Generell stehen keine falschen Dinge im Leitfaden – er ist eine sinnvolle Einstiegslektüre für Lehrpersonen und Schulleitungen, die sich ängstigen. Aber er vertritt eine überholte Position der Abwehr. Der Kontrollverlust der Social Media betrifft nicht die Lehrpersonen, die sich exponieren – sondern alle Lehrpersonen, alle Menschen. Zu meinen, man könne verhindern, das Bilder oder Äußerungen den Weg ins Internet finden, ist naiv.
Darüber hinaus behandelt der Leitfaden Facebook – heute sicher noch das wichtigste soziale Netzwerk – zu prominent. Allgemeine Hinweise sind viel wichtiger als die Einengung auf eine Plattform. Die Jugendlichen von heute bewegen sich in anderen Netzwerken und tauschen ihre Dateien dort aus: Der Leitfaden wird in zwei Jahren komplett überholt sein.
Weitere Richtlinien, die meine Sicht erläutern, finden sich auf dieser Seite.
Leibniz und die Bücherflut

Die Lektüre von Clive Thompsons Buch »Smarter Than You Think« erlebe ich momentan gerade als äußerst anregend, gerade auch deswegen, weil er auf vielfältige Beispiele und Zusammenhänge verweist, die uns dabei helfen, klar und präzise über digitale Technologie und ihre Auswirkungen auf uns Menschen nachzudenken. Während ich an einer Rezension arbeite, möchte ich einen Gedankengang aus Thompsons Buch separat aufgreifen (Thompson hat ihn wiederum von Ann M. Blair übernommen, vgl. »Too Much To Know«).
In einem nicht überschriebenen Manuskript (»Préceptes pour avancer les sciences«) von 1680 schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz:
[…] diese schreckliche Masse von Büchern, die ständig wächst, wird von der unbestimmten Vielfalt von Autoren dem Risiko des allgemeinen Vergessens ausgesetzt. Es droht eine Rückkehr in die Barbarei.
Und Adrien Bailliet, ein Biograph Descartes, notierte 1685 in »Jugemens des scavans«:
Wir haben Grund zur Furcht, dass die Menge der Bücher, die täglich anwächst, in den kommenden Jahrhunderten zu einem Rückfall führen wird, der den barbarischen Zuständen nach dem Zerfall des römischen Reiches gleichen wird.
Bailliet wie Leibniz haben sich getäuscht. Ihr Denkfehler war, die menschliche Kreativität im Organisieren von Wissen zu unterschätzen. Bailliet selbst begann, Bücher durch kurze Zusammenfassungen überschaubar zu machen, in der Frühneuzeit begannen Menschen, in Anthologien oder Florilegia wichtige Passagen aus anderen Büchern zu sammeln. Zudem wurden Bücher verbessert: Inhaltsverzeichnisse, Indexe, Seitenzahlen und auch Abschnitte waren Innovationen, welche dabei halfen, das unüberschaubare Wissen in Büchern greifbar und bearbeitbar zu machen.
Thompson schließt aus diesem historischen Beispiel, dass auch das digitale vorliegende Wissen ähnlich strukturiert wird. Blogs übernähmen beispielsweise die Funktion von Florilega, in denen sich Zitate weiterverbreiten, oder auch von Rezensionsbüchern – indem sie andere Werke verbinden, zusammenfassen, greifbar machen (mit allen Gefahren, die damit verbunden sind).
Each time we’re faced with bewildering new thinking tools, we panic—then quickly set about deducing how they can be used to help us work, meditate, and create.
Der Blick zurück ist tröstend: Er zeigt uns, dass unsere Befürchtungen, aber auch unser Optimismus oft sehr einseitig sind, wenn wir einen Wandel reflektieren. Harold Innis hat von einem »bias of a new tool« gesprochen – also festgestellt, dass neue Werkzeuge und Technologien zu verzerrten Wahrnehmungen und Trugschlüssen führen.
[Die Bildidee stammt von der ausführlichen Rezension von Maria Popova.]
Facebook und soziales Kapital
Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von […] Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. Das Gesamtkapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, dient ihnen allen gemeinsam als Sicherheit und verleiht ihnen — im weitesten Sinne des Wortes — Kreditwürdigkeit.
Diese Definition von Pierre Bourdieu (pdf, S. 6) kann zur Frage führen, ob die Nutzung von Facebook soziales Kapital erhöht oder vermindert. Konkret: Bilden Menschen mittels Facebook (oder allgemeiner: mittels sozialer Netzwerke) Beziehungsnetze, die Ressourcen generieren.
Diese Frage diskutieren Teams um die Nicole Ellison und Cliff Lampe von der Michigan State University in verschiedenen Untersuchungsanlagen. In einem frühen Paper unterscheiden sie zwei Arten von sozialem Kapital – basierend auf einem Buch von Putnam:
- bridging (deutsch »überbrückend«) ist soziales Kapital, wenn es Weak-Ties ermöglicht, also lose Verbindungen zu Menschen, die einen mit Informationen versorgen könnten
- bonding (deutsch »vetrauensfördernd«) ist soziales Kapital, wenn es Strong-Ties stärkt, also Freundschaften zu Familienangehörigen und nahen Freunden stärkt.
In einem späteren Paper wurden genauere Kriterien entwickelt, wie diese Effekte beschrieben oder erfragt werden können:
Die Nutzung von Facebook, so ergab die frühe Studie von 2007, stärkt vor allem den Bridging-Effekt von sozialem Kapital. Die Nutzung von Facebook hat nun diesen Effekt unabhängig von Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und von Selbstvertrauen hervorgebracht – es profitieren also nicht nur die ohnehin Privilegierten vom Nutzen des digitalen Netzwerks.
Spezifischere Untersuchungen können auch zeigen, wie sich dieser Bridging-Effekt auswirkt: Neben konkreten Interaktion wie dem Versenden und Empfangen von Nachrichten kann auch nachgewiesen werden, dass der Eindruck, man erhalte auf Facebook auf Fragen sinnvolle Antworten, mit sozialem Kapital (bridging) zu tun hat. Die Zufriedenheit mit den Antworten ist dabei unabhängig davon, ob sie von Weak-Ties oder Strong-Ties stammen.
Indem dieselben Forschenden untersucht haben, wie sich Bitten um einen Gefallen auf Facebook auswirken, konnten sie nachweisen, dass soziales Kapital keinen Einfluss auf die Reaktionen auf solche Bitten hat (mit Ausnahme eines Aspekts von Bonding-Kapital), genau so wenig wie die Zahl der Freunde oder die Intensität von Beziehungen; obwohl Menschen mit viel engen Freunden und wenig losen Kontakten den Bridging-Effekt scheintbar stärker spüren. Die Häufigkeit, mit der Menschen andere um Hilfe Bitten, hat zudem einen Einfluss auf die Reaktionen.
Ein weiteres Ergebnis intensiver Studien ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Bedenken in Bezug auf Privatsphäre und dem Aufbau von sozialem Kapital, das recht komplex ist. Skeptikerinnen und Skeptiker in Bezug auf Privatsphäre teilen oft weniger Inhalte auf Facebook – ein Verhalten, dass dann wiederum den Aufbau von sozialem Kapital schwächt.
Fear of Missing Out
Online life provides plenty of room for individual experimentation, but it can be hard to escape from new group demands. It is common for friends to expect that their friends will stay available—a technology-enabled social contract demands continual peer presence. And the tethered self becomes accustomed to its support.
Das Leben online ermöglicht genügend individuelle Erfahrungen, aber es kann schwierig werden, sich Anforderungen von Gruppen zu entziehen. Es ist für Freundinnen selbstverständlich, von ihrem Freundinnen zu erwarten, dass sie verfügbar bleiben – ein Gesellschaftsvertrag, der ständige Präsenz der Peers verlangt. Und das angebundene Ich (tethered self) gewöhnt sich daran.
Diese Gewöhnung, die Sherry Turkle in ihrem Buch »Alone Together« beschreibt, führt zu einem Phänomen, das als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet wird – deutsch: die Angst, etwas zu verpassen.
Eine umfassende Untersuchung von JWT Intelligence definiert FOMO als:
Fear Of Missing Out (FOMO) is the uneasy and sometimes all-consuming feeling that you’re missing out—that your peers are doing, in the know about or in possession of more or something better than you. FOMO may be a social angst that’s always existed, but it’s going into overdrive thanks to real-time digital updates and to our constant companion, the smartphone.
Die Frage, ob FOMO eine Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Organisation der Menschen sei, oder ob es durch die Nutzung von Social Media verstärkt werde, hat eine Gruppe Englischer Psychologinnen und Psychologen (Przybylski et al., 2013, Paywall – ich kann Paper bei Interesse per Mail verschicken) intensiver untersucht.
In einem ersten Schritt haben die Forscherinnen und Forscher Merkmale von FOMO bestimmt, aus denen sich ein Test ableiten lässt. Ich bette ihn als Google Form hier ein:
Ihre umfassende Studie entwickelt ein Modell, wie FOMO entsteht und wie diese Angst mit dem Gebrauch von Social Media in Zusammenhang steht.
Sie gehen von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen aus:
- Kompetenz: In der Welt effektiv handeln zu können.
- Autonomie: sich als Urheberin oder Urheber zu fühlen und Initiative übernehmen zu können
- Eingebundenheit: sich anderen nahe oder mit ihnen verbunden zu fühlen.
Die Frage ist nun, ob die Unterschiede in diesen Bedürfnissen direkt zur Benutzung von Social Media führe (wer sich wenig autonom oder eingebunden fühlt, benutzt Social Media) oder über FOMO indirekt (wer die Bedürfnisse schlecht befriedigen kann, entwickelt FOMO und benutzt deswegen Social Media).
Die Studie zeigt nun folgende Resultate:
- Junge Menschen sind stärker von FOMO betroffen als ältere.
- Junge Männer sind stärker betroffen als junge Frauen.
- Wer mit den Bedürfnissen (Kompetenz, Autonomie, Eingebundenheit) weniger zufrieden ist, verspürt mehr FOMO.
- Wer unter leidet unter schlechter Stimmung, verspürt FOMO intensiver.
- Wer mit dem eigenen Leben weniger zufrieden ist, leidet stärker unter FOMO.
- Wer unter FOMO leidet, benutzt Social Media intensiver – unabhängig von 3., 4. und 5.
Das heißt, unterschiedliche psychologische Voraussetzungen führen zu FOMO und FOMO wiederum zur stärkeren Verwendung von Social Media.

Welche Auswirkungen hat FOMO? Auch hier wurde eine repräsentative, umfassende Untersuchung durchgeführt:
- Wer unter FOMO leidet benutzt Facebook intensiver und insbesondere direkt nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen.
- Wer unter FOMO leidet, erfährt häufiger negative Gefühle bei der Benutzung von Facebook.
- Wer unter FOMO leidet, lässt sich beim Lernen durch Social Media leichter ablenken.
- Wer unter FOMO leidet, lässt sich auch im Straßenverkehr (z.B. beim Autofahren) leichter ablenken durch Social Media.
Wie JWT festhält, gibt es einen Teufelskreis, der sich empirisch belegen lässt: FOMO führt zu intensiverer Nutzung von Social Media und intensivere Nutzung führt wiederum zu mehr FOMO.

Das folgende Zitat weist darauf hin, dass zuerst über FOMO gesprochen werden muss, bevor die Frage gestellt werden kann, welche Auswege es gibt. Eine Beschränkung in der Nutzung von Social Media wäre – das zeigen die Untersuchungen – eine Symptombekämpfung. Die Basis von FOMO sind psychologische Faktoren, die unabhängig von Social Media vorliegen, dadurch aber verstärkt werden. 
Pornografie, Gamen – und die Entwicklung junger Männer
In seinem Vortrag und dem zugehörigen E-Book »The Demise of Guys« untersucht der Psychologe Philip G. Zimbardo zusammen mit Nikita Duncan die Fragestellung, warum junge Männer mit immer mehr akademischen, sozialen und romantisch-sexuellen Problemen konfrontiert seien. Die populärwissenschaftliche Argumentation geht von folgender Feststellung aus:
These guys aren’t interested in maintaining long-term romantic relationships, marriage, fatherhood and being the head of their own family. Many have come to prefer the company of men over women, and they live to escape the so-called real world and readily slip into alternative worlds for stimulation. More and more they’re living in other worlds that exclude girls — or any direct social interaction, for that matter.
Selbstverständlich ist Zimbardos Perspektive geprägt von einer normativen Vorstellung von Geschlechterrollen: Genügen Männer nicht einem heteronormativen Ideal einer traditionellen Familie und der Vorstellung der protestantischen Arbeitsethik, wird das als Problem wahrgenommen. Neben diese Kritik an »The Demise of Guys« möchte ich eine zweite Stellen: Zimbardo ist digitaler Dualist, denn er nimmt an, »the so called real world« sei wichtiger als ihre virtuellen Erweiterungen.
Die Problemanalyse verdient trotz dieser gewichtigen Einwände einen zweiten Blick. Neben einer sozialen Analyse (Wandel von Rollenbildern, Betreuungsmodellen, ökonomische Umwälzungen) weist sie auf zwei mediale Einflüsse hin, welche das Leben junger Männer erschweren – und zwar aus ihrer eigenen Sicht: Pornografie und Videogames machten junge Männer zunehmend schüchtern – und diese Schüchternheit zieht weitere unerwünschte Folgen nach sich.
Untersuchungen von Zimbardo und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben ergeben, dass in den letzten 30 Jahren:
- soziale Phobien von 2% auf 12% angestiegen sind (Definition: »marked and persistent fear of one or more situations in which the person is exposed to possible scrutiny by others and fears that he or she may do something or act in a way that will be humiliating or embarrassing«)
- Schüchternheit bei Erwachsenen von 40% auf 58% angestiegen sind (Definition: Menschen bezeichnen sich selbst als schüchtern)
- Schüchternheit bei Kindern zwischen 8 und 10 Jahren nach Angaben ihrer Eltern von 30% auf 61% angestiegen sind
- Schüchternheit in Deutschland und den USA mit rund 60% doppelt so stark vertreten ist wie in Israel (30%)
- Schüchternheit von rund 65% der Betroffenen als persönliches Problem bezeichnet wird.

Obwohl die Zahlen keinen größeren Anstieg bei Männern als bei Frauen nahe legen, bezeichnet Zimbardo Schüchternheit für Männer aufgrund bestehender Normen als größeres Problem. Sie würden zunehmend eine wichtige Fähigkeit verlieren, nämlich ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen:
They don’t know the language of face contact, the nonverbal and verbal set of rules that enable you to comfortably talk with and listen to somebody else and get them to respond back in kind. This lack of social interaction skills surfaces most especially with desirable girls and women. (Demise of Guys, The New Shyness)
Warum liegen die Gründe dafür beim Porno- und Videospielkonsum? Es handelt sich um vertraute, kontrollierbare Umfelder. Die große Übung im Umgang mit diesen Medien verschafft jungen Männern eine große Kompetenz und versorgt sie mit regelmäßigen Stimuli, so dass die Eindrücke und Reize von Gesprächen mit Mitmenschen dagegen abfallen. Zudem handelt es sich dabei um unkontrollierbare Situationen mit ungewissem Ausgang, was mit viel Frustration verbunden ist. Es entsteht eine Art Teufelskreis: Je weniger geübt junge Männer in direktem Kontakt und Gesprächsführung sind, desto unbefriedigender verlaufen diese Erfahrungen für sie und desto stärker ziehen sie sich zurück.
Dieser Mechanismus leuchtet ein. Es ist irreführend, an dieser Stelle von Sucht zu sprechen, wie das Zimbardo tut. Mir scheint es wichtiger darauf hinzuweisen, dass Jugendliche sich alternative Handlungsmöglichkeiten erarbeiten sollten: Sie sollten möglichst frei wählen können, ob sie Zeit mit Freundinnen und Freunden verbringen oder vor dem Bildschirm. Tun sie aber nur letzteres, laufen sie Gefahr, ersteres entweder gar nicht zu lernen oder zu verlernen. Schüchternheit wäre ein Indikator dafür.
Cybermobbing beobachtet? – Das sollten Sie tun.
Das Fatale an Mobbing bzw. Cybermobbing ist die Verstärkung der Dynamik zwischen Täterinnen/Tätern und den Betroffenen durch die Öffentlichkeit der Übergriffe: Wer vor anderen fertig gemacht wird, schämt sich stärker und fühlt sich wertlos, weil es so viele Menschen gäbe, die etwas hätten tun können, aber nichts taten.
Daher diese kurze Anleitung für Zeuginnen und Zeugen von Cybermobbing. Mehr zum Phänomen Cybermobbing habe ich in meinem Grundlagenartikel festgehalten.
- Wie sieht Cybermobbing aus?
Es beginnt oft mit hässlichen Kommentaren zu Bildern oder Links von anderen Personen. Alles, was aussieht, als würde der Erwartung von jemandem in auffälliger Art und Weise nicht entsprochen, kann Ausdruck von Cybermobbing sein. Auffällig ist auch, wenn mehrere Personen sich abschätzig und beleidigend äußern. - Betroffene ansprechen
Wenn etwas wie Mobbing aussieht, sollte man Betroffene darauf ansprechen und nachfragen, wie sie die Situation erleben. Nicht nur, weil ein Eindruck täuschen kann, sondern weil das sofort das Gefühl gibt, dass die Vorgänge zumindest jemandem nicht egal sind und Mitgefühl vorhanden ist, was für Betroffene wichtig ist. - Öffentlich seine Meinung äußern
Sobald jemand klarstellt, dass etwas abläuft, was nicht in Ordnung ist, gibt das anderen den Mut, das auch zu sagen. Die Dynamik kann gebrochen werden, die Mobbenden können sich nicht sicher sein, eine stille Menge vorzufinden, und geraten unter Druck. - Sich an Fachpersonen und pädagogisch Verantwortliche wenden
Fachpersonen und Verantwortliche wie Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, Mitarbeitende von Beratungsstellen etc. können Fälle genau beurteilen und sinnvolle Maßnahmen einleiten, sie übernehmen auch die Verantwortung für die Begleitung solcher Fälle. - Bei der betreffenden Plattform melden
Alle Social-Media-Plattformen schließen Cybermobbing aus. Es gibt die Möglichkeit, Vorfälle zu melden. Das ist wichtig, damit die Verantwortlichen das mitbekommen. - Die Polizei einschalten
Nicht alle Fälle von Cybermobbing, aber viele haben eine strafrechtliche Komponente, für welche die Polizei zuständig ist. Dort arbeiten medienpädagogisch geschulte Fachkräfte, die weiterhelfen können und oft mehr bewirken können, als andere Fachleute.
Diese Maßnahmen können alle gleichzeitig sinnvoll sein, sie schließen sich gegenseitig keinesfalls auf und geben auch keine klare Reihenfolge vor.

Lange Google-Gedichte
Ich habe kürzlich darüber berichtet, wie der kreative Umgang mit Google dazu führen kann, Gedichte herzustellen. Heute bin ich auf Google-Gedichte in der »longform« gestoßen: Dabei werden mehrere kurze Google-Gedichte aneinandergehängt.
Ein Beispiel dafür ist das Gedicht mit dem Titel »Drunkard’s Confession«:

Generell würde ich – in Abweichung der Regeln von googlepoetics.com – dafür plädieren, die Gedichte im Anschluss etwas zu polieren, ihnen vielleicht sogar eine ganz eigene Form geben (handgeschrieben etc.), und die algorithmische Vorgehensweise nur als poetologisches Prinzip betrachten, nicht als sichtbare Eigenschaft des fertigen Gedichts.







