Jugendliche nutzen Social Media gegen den Strich

Will man den aktuellen Zustand der Social-Media-Nutzung beschreiben, so ist das aus zwei Gründen äußerst schwierig. Die Erhebung von Daten braucht erstens viel mehr Zeit, als die wechselnden Praktiken sich unter Jugendlichen halten. So sind beispielsweise die großen Erhebungen wie die JIM- und JAMES-Studien in der Lage, die Resultate der Befragungen rund ein Jahr nach ihrer Erhebung zu publizieren, sie sind so also bis zu zwei Jahre alt, bevor die neuen Ergebnisse erscheinen. Zweitens sind die Praktiken äußerst uneinheitlich, verschiedene soziale Gruppierungen migrieren zwischen verschiedenen Netzwerken und verwenden sie teilweise höchst eigensinnig. Sie verwenden Tools oft so, wie das ihre Hersteller und Designer nicht beabsichtigt haben.

Ein erstaunliches Beispiel haben Boyd und Marwick in Befragungen von Jugendlichen ermittelt:

Mikalah beschrieb, wie sie ihr Facebook-Konto jeden Tag deaktivierte, nachdem sie es benutzt hatte. Facebook führte die Deaktivierung als Alternative für das Löschen eines Kontos ein. User hatten die Möglichkeit, ihre Inhalte so zu verbergen, dass sie komplett verborgen waren. Bereuen sie ihre Entscheidung, reaktivierten sie ihr Konto und können wieder auf alle Inhalte, Verbindungen und Nachrichten zugreifen. Mikalah tat dies täglich, was darin resultierte, dass alle ihre Freunde ihr nur Nachrichten schicken oder Kommentare hinterlassen konnten. Dadurch verwandelte sie Facebook in ein Netzwerk, das nur in real-time funktionierte. Sie wusste, dass Erwachsene tagsüber ihr Profil anschauen könnten und wollte nicht über die Suche auffindbar sein, sie hatte regelmäßig mit staatlichen Institutionen zu tun und traute Erwachsenen nicht. Aber sie nahm vernünftigerweise an, dass die meisten Erwachsenen in der Nacht, wenn sie online war, weniger oft auf ihr Profil stoßen würden. Sie kreierte so eigentlich eine Tarnkappe – so dass sie für die sichtbar war, mit denen sie interagierte, und für die unsichtbar, die ihre Informationen durchsuchen konnten, während sie abwesend war.  (Übersetzung Ph.W.; S. 20 f.)

Kulturpessimismus in Zeiten von Social Media

»Endlose rezeptive Gier, Einsamkeit und Depression« – so beginnt der Lead eines Artikels im NZZ-Feuilleton, in dem Tomasz Kurianowicz, ein Berliner Journalist und Literaturwissenschaftler, über ein »rastloses, schizophrenes System« schreibt, das er in den sozialen Netzwerken ausmacht.

Seine Gewährsleute tragen große Namen: Jean-Luc Godard, Jonathan Franzen, Karl Kraus, Goethe. Und er verweist auf die Forschungsergebnisse, die auf diesem Blog kürzlich Thema waren und uns sagen, dass Facebook unglücklich mache. Sein Fazit ist düster:

Der Gang durch Einkaufszonen und Schulen, wo jeder Zweite mit seinem Smartphone beschäftigt ist, beweist, dass wir uns voneinander entfernen. Der Mut zur Begegnung schwindet. Der Narzissmus obsiegt. Die seelische Verbarrikadierung nimmt zu.

Dem Artikel sind zwei Dinge vorzuhalten: Den Pessimismus seines Autors, der seine Sicht massiv einschränkt, und das Ignorieren der Betroffenen. Wer sich mit Menschen intensiv auseinandersetzt, die soziale Netzwerke nutzen, merkt, dass es zunächst Menschen wie alle anderen sind. Sie sind manchmal traurig und manchmal glücklich, vor gewissen Dingen haben sie Angst und vor anderen nicht. Ihre Motive, um soziale Netzwerke zu nutzen, sind unterschiedlich, genau so wie die Wirkungen, die sie auf sie ausüben. Das ist eine ähnlich starke Platitüde wie die, welche der Autor auf seiner gebildeten Tour-de-Force durch die Technologiekritik von Kulturmenschen von sich gibt:

  • »nicht jede Information ist es wert, wahrgenommen zu werden«
  • »[auf Facebook wird] ein Inszenierungsspiel betrieben, das viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird«
  • »man [ist] vom Leben der anderen wie hypnotisiert«

Tatsächlich, so ist es. Und so war es schon immer. Genau so, wie es schon immer die Warnenden gegeben hat, die in jeder Neuerung in der Verarbeitung von Information und in der Kommunikation zwischen Menschen einen Abgrund für die Menschheit erblickten oder sich veranlasst fühlten, uns die Barbarei zu prognostizieren. Auch die drohende Vermischung von virtueller Welt und realer Welt, die der Autor in den sozialen Netzwerken zu erkennen glaubt (» viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird«), ist ein Topos in der Kulturkritik, der sich kaum belegen lässt. Niemand denkt, Facebook sei in irgend einer Form ein Ersatz für die »reale Welt«, auch wenn Außenstehende diesen Eindruck gewinnen könnten.

Seien wir genauer, als Kurianowicz es sein will. Schauen wir hin, sprechen wir mit Menschen und lassen wir uns den Blick nicht durch Metaphern und Ängste trüben, die uns bei der Adaption an neue Kulturtechniken einschränken, statt uns die Möglichkeit zu geben, mitzureden. Haben soziale Netzwerke unerwünschte, schädigende Auswirkungen auf Menschen? – Na klar. Aber entfernen wir uns ihretwegen voneinander, werden wir zu Narzisstinnen und Narzissten, verbarrikadieren wir uns seelisch? Ich denke nicht.

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Vorschlag für eine Smartphone-Etikette

Als Vorbereitung für einen kleinen Auftritt bei Radio 105 (Teil 1 / Teil 2) meine Empfehlungen zu Smartphone-Anstand. Das Schöne am Thema: Wir haben die Chance, neue Regeln zu erlernen, erproben, umzusetzen. Das weniger Schöne: Wir nerven uns, weil unsere Erwartungen ständig verletzt werden, ohne dass wir auf Normen zurückgreifen können, an denen sich alle orientieren sollten.

  1. Mitdenken. 
    Wir erleben, wie andere Menschen ihr Smartphone nutzen und finden dabei weniges attraktiv und vieles daneben. Diese Einsichten lassen sich recht direkt umsetzen.
  2. Atmen.
    Wenn der Bus grad zwei Minuten nicht kommt oder es am Schalter eine Schlange hat, drei Mal tief atmen und dann an etwas Schönes denken. Sich etwas Zeit nehmen. Nicht jede freie Minute mit dem Smartphone füllen. Wer das kann, spürt sich mehr und ist offener.
  3. Die Erwartungen anderer bedenken. 
    Wir leben in einer Welt mit vielen Kontexten. Anständig ist nicht das, was sich am Sonntag in der Kirche und beim Mittagessen mit dem feinen Geschirr gehört, sondern das, was den Erwartungen der Menschen entspricht, die uns umgeben und mit denen wir interagieren. Wenn wir auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihre Erwartungen berücksichtigen, machen wir vieles richtig. Es gibt Raum für individuelle Lösungen. Nutze ihn.
  4. Vermeide Phubbing
    Andere Personen verdienen unsere Aufmerksamkeit, auch wenn sie uns am Kiosk bedienen, sich auf den freien Sitz im Zug setzen wollen oder was Langweiliges erzählen: Wer dabei die Kopfhörer nicht entfernt oder auf ein Display starrt, sagt damit, dass die andere Person die eigene Aufmerksamkeit nicht verdient. Das gehört sich nicht.
  5. Handynutzung ist eine Unterbrechung einer sozialen Interaktion. 
    Es ist nicht generell verpönt, beim Treffen mit anderen Menschen das Handy zu nutzen. Aber es ist, als würde man die Toilette aufsuchen: Man kündigt es an (ohne ausführliche Umschreibungen) und tut es zügig und diskret.
  6. Toilettenbesuch und Smartphonenutzung verbinden. 
    Daraus ergibt sich eine Kombination, die sich schon verbreitet hat. Menschen ziehen sich auf die Toilette zurück, um zu tun, was sie nicht lassen können. Vor den Kopf stößt man damit niemanden, aber anzunehmen, andere würden auf diese Idee nicht kommen, wäre eher naiv. (Von Bakterien auf dem Smartphone-Display reden wir jetzt mal nicht – wir waschen ja auch jedes Mal die Hände, wenn wir ein fremdes Gerät angefasst haben…)
  7. Das Smartphone ist eine Fotokamera und ein Videorecorder. 
    Behandle es entsprechend. Geheime Aufnahmen und Veröffentlichungen von Mitschnitten von Ereignissen, die Beteiligte privat halten möchten, verstoßen nicht nur gegen Anstandsregeln, sondern auch gegen das Gesetz. Wer Fotos oder Filme von anderen Menschen veröffentlicht, holt sich ihr Einverständnis.
  8. Die Tonfunktion ist für die Alphütte. 
    Es gibt Alphütten, da muss eine kleine Anhöhe bestiegen werden, damit die Geräte ein Signal empfangen. Werden sie dort deponiert, darf der Klingelton auf laut und originell geschaltet werden. Sonst braucht es weder Klingel- noch andere Töne. Tastentöne, Signaltöne, Fototöne und was es sonst noch geben mag – die haben für kompetente Menschen heute keine Funktion und stören andere.
  9. Smartphones machen niemanden cool.
    Cool sind heute uralte Nokia-Telefone oder Moleskine-Notizbücher ohne Internetanschluss. Natürlich zeigen sich die Männer vom Turnverein beim abendlichen Bier ihre neuen Wundergeräte mit dem großen Display, den hübschen Apps oder der eingebauten Taschenlampe. Die meisten anderen Menschen nutzen Smartphones, weil das vieles einfacher macht. Mehr nicht.
  10. Pause machen. 
    Die Geräte mal eine Ferienwoche lang, für ein Wochenende oder einen Ausgangsabend vergessen. In eine Schublade stecken, den Akku leer laufen lassen und durchatmen.

Was tut man also, wenn man mit jemandem beim Kaffee sitzt, plaudert – und man erwartet eine wichtige Nachricht oder einen wichtigen Anruf? Zunächst einmal macht man die Gesprächspartnerinnen und – partner darauf aufmerksam: »Kann sein, dass ich mal kurz ans Handy muss, erwarte eine wichtige Nachricht.« Trifft sie ein, weist man kurz darauf hin: »Nun ist sie gekommen, die Nachricht – entschuldigt mich bitte schnell«, zieht sich zurück, antwortet oder spricht und kommt wieder zurück. Wenn es möglich ist, gibt man eine Erklärung ab (»Das war ein Arzttermin mit dem Spezialisten, mein Ellenbogen schmerzt beim Tennis immer stärker«) oder entschuldigt sich knapp.

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Das Internet verändert nicht die Menschen, sondern ihre Interaktion

Bei Medium hat Zeynep Tufecki einen klugen Essay über die Ursachen für die gescheiterte Budgetdebatte in den USA geschrieben – wer sich dafür nicht interessiert, sollte den ersten Abschnitt überspringen.

Die aktuelle Budgetkrise in den USA stellt deshalb eine Kuriosität dar, weil über 70 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner dafür sind, dass der »Government Shutdown« beendet wird, die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker aus der Republikanischen Partei aber keine Angst haben müssen, nicht wiedergewählt zu werden, obwohl sie sich der öffentlichen Meinung so klar widersetzen. Tufecki erklärt das damit, dass diese Sitze aus Wahlkreisen stammen, die bewusst so gestaltet worden sind, dass sich Republikaner mit Sicherheit durchsetzen – obwohl die Demokraten 1.4% mehr Stimmen erhalten haben als die Republikaner, haben letztere 17 Sitze im Kongress mehr, weil sie in der Lage sind, die Wahlkreise an vielen Stellen selbst festzulegen. Daher ist es den Tea-Party-Republikanern oft völlig egal, was die öffentliche Meinung im ganzen Land ist, weil sie sich auf einen Wahlkreis konzentrieren, der von konservativen Weißen bestimmt wird und in dem sich demokratische Kandidatinnen und Kandidaten unter keinen Umständen durchsetzen könnten.

Tagclouds zum Shutdown in den USA.
Tagclouds zum Shutdown in den USA.

Tufeckis Einleitung hat damit direkt nichts zu tun, sondern formuliert in wenigen Sätzen eine wichtige Perspektive auf die Kommunikation im Internet. Daher zuerst das leicht gekürzte Original, dann meine Übersetzung:

Are you looking to blame the Internet for something? Forget what you’ve read in most popular media. It’s not making people more angrynarcissistic or lonely.
Not a week goes by in which a headline in a major new outlet doesn’t claim that the Internet turns us into something or other. The internet has been blamed for everything from stupidity to narcissism to loneliness to anger. When you dig down into such stories, you often find that the popular writers have either misunderstood the study—which often merely shows that the Internet reflects offline realities –or are cherry picking small, outlier studies while ignoring the preponderance of the research. (Yes, people who score high on offline narcissism scales behave in more narcissistic ways online. Yes, anger spreads more quickly online compared to other emotions. But guess what? Well-established research shows anger also spreads more quickly offline.) Overall, there is scant evidence, or reason, that the Internet alters fundamentals of human psychology.
The internet doesn’t change the players. It does, however, change the game. Sometimes, drastically. In other words, if you want to understand what the Internet changes, look first to game theory, not psychology. We don’t have a different kind of human as a result of the Internet. We do, however, have different kinds of structures which change the games humans play in their social, personal and political lives.

Möchtest du dem Internet die Schuld für etwas zuschreiben? Dann vergiss, was du in vielen Medien gelesen hast. Das Internet macht Menschen nicht wütiger, narzisstischer oder einsamer.
Es vergeht keine Woche, ohne dass eine wichtige Zeitung oder Zeitschrift in einer großen Schlagzeile behauptet, das Internet würde uns zu diesem oder jenem machen. Von Dummheit über Narzissmus, von Einsamkeit oder Wut – dem Internet wurde für fast alles schon die Schuld gegeben. Wühlt man sich durch solche Geschichten, findet man meist heraus, dass die Autorinnen und Autoren entweder die Studien falsch verstanden hatten – weil die meist zeigen, dass das Internet zum Ausdruck bringt, was sich in der Offline-Realität abspielt – oder kleine, unbedeutende Studien rauspickt, die dem Rest der Untersuchungen widersprechen. (Ja, Menschen die offline narzisstisch sind, verhalten sich online narzisstischer. Ja, Wut verbreitet sich online schneller als andere Gefühle. Aber rate mal? Auch offline verbreitet sich Wut schneller.) Es gibt allgemein kaum Belege oder Gründe dafür, dass das Internet die menschliche Psychologie verändere.
Das Internet verändert mit anderen Worten nicht die Spieler, sondern das Spiel. Manchmal auf drastische Art und Weise. Wer verstehen will, was das Internet ändern, sollte sich mit Spieltheorie beschäftigen, nicht mit Psychologie. Das Internet schafft keine neuen Menschen. Aber es kreiert neue Strukturen und die verändern die Spiele, die Menschen in ihrem sozialen, persönlichen und politischen Leben spielen.

Man kann das wohl am besten am Beispiel der Aufmerksamkeit zeigen. Wer sich mit fremden Menschen über Politik streiten will, kann das offline wie online tun. Aber das Spiel ist online ein ganz anderes. Der Preis dafür (oder der Aufwand) ist kleiner, die resultierende Aufmerksamkeit anders, unter Umständen größer, zumindest gibt es mehr Zuschauer. Die wiederum sind ein sehr selektives Publikum: Würde ich mich in einer Kneipe mit Fremden auf politische Diskussionen einlassen, dann wären wohl einige zufällige Gäste anwesend, von denen sich wenige überhaupt einen Reim auf die allenfalls lautstarke Diskussion machen können. Im Internet sind aber meine Gäste da – sie sehen auf meiner Pinwand oder in ihrer Timeline, mit wem ich mich worüber streite. Weil der Preis für die Handlung kleiner wird und die Belohnung größer, kann es gut sein, dass Menschen online häufiger engagierte politische Diskussionen führen. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass das für sie an Bedeutung gewonnen hätte, weil es das Internet gibt.

http://xkcd.com/610/
http://xkcd.com/610/

Das Internet verändert nicht die Menschen, sondern ihre Interaktion

Bei Medium hat Zeynep Tufecki einen klugen Essay über die Ursachen für die gescheiterte Budgetdebatte in den USA geschrieben – wer sich dafür nicht interessiert, sollte den ersten Abschnitt überspringen.

Die aktuelle Budgetkrise in den USA stellt deshalb eine Kuriosität dar, weil über 70 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner dafür sind, dass der »Government Shutdown« beendet wird, die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker aus der Republikanischen Partei aber keine Angst haben müssen, nicht wiedergewählt zu werden, obwohl sie sich der öffentlichen Meinung so klar widersetzen. Tufecki erklärt das damit, dass diese Sitze aus Wahlkreisen stammen, die bewusst so gestaltet worden sind, dass sich Republikaner mit Sicherheit durchsetzen – obwohl die Demokraten 1.4% mehr Stimmen erhalten haben als die Republikaner, haben letztere 17 Sitze im Kongress mehr, weil sie in der Lage sind, die Wahlkreise an vielen Stellen selbst festzulegen. Daher ist es den Tea-Party-Republikanern oft völlig egal, was die öffentliche Meinung im ganzen Land ist, weil sie sich auf einen Wahlkreis konzentrieren, der von konservativen Weißen bestimmt wird und in dem sich demokratische Kandidatinnen und Kandidaten unter keinen Umständen durchsetzen könnten.

Tagclouds zum Shutdown in den USA.
Tagclouds zum Shutdown in den USA.

Tufeckis Einleitung hat damit direkt nichts zu tun, sondern formuliert in wenigen Sätzen eine wichtige Perspektive auf die Kommunikation im Internet. Daher zuerst das leicht gekürzte Original, dann meine Übersetzung:

Are you looking to blame the Internet for something? Forget what you’ve read in most popular media. It’s not making people more angrynarcissistic or lonely.
Not a week goes by in which a headline in a major new outlet doesn’t claim that the Internet turns us into something or other. The internet has been blamed for everything from stupidity to narcissism to loneliness to anger. When you dig down into such stories, you often find that the popular writers have either misunderstood the study—which often merely shows that the Internet reflects offline realities –or are cherry picking small, outlier studies while ignoring the preponderance of the research. (Yes, people who score high on offline narcissism scales behave in more narcissistic ways online. Yes, anger spreads more quickly online compared to other emotions. But guess what? Well-established research shows anger also spreads more quickly offline.) Overall, there is scant evidence, or reason, that the Internet alters fundamentals of human psychology.
The internet doesn’t change the players. It does, however, change the game. Sometimes, drastically. In other words, if you want to understand what the Internet changes, look first to game theory, not psychology. We don’t have a different kind of human as a result of the Internet. We do, however, have different kinds of structures which change the games humans play in their social, personal and political lives.

Möchtest du dem Internet die Schuld für etwas zuschreiben? Dann vergiss, was du in vielen Medien gelesen hast. Das Internet macht Menschen nicht wütiger, narzisstischer oder einsamer.
Es vergeht keine Woche, ohne dass eine wichtige Zeitung oder Zeitschrift in einer großen Schlagzeile behauptet, das Internet würde uns zu diesem oder jenem machen. Von Dummheit über Narzissmus, von Einsamkeit oder Wut – dem Internet wurde für fast alles schon die Schuld gegeben. Wühlt man sich durch solche Geschichten, findet man meist heraus, dass die Autorinnen und Autoren entweder die Studien falsch verstanden hatten – weil die meist zeigen, dass das Internet zum Ausdruck bringt, was sich in der Offline-Realität abspielt – oder kleine, unbedeutende Studien rauspickt, die dem Rest der Untersuchungen widersprechen. (Ja, Menschen die offline narzisstisch sind, verhalten sich online narzisstischer. Ja, Wut verbreitet sich online schneller als andere Gefühle. Aber rate mal? Auch offline verbreitet sich Wut schneller.) Es gibt allgemein kaum Belege oder Gründe dafür, dass das Internet die menschliche Psychologie verändere.
Das Internet verändert mit anderen Worten nicht die Spieler, sondern das Spiel. Manchmal auf drastische Art und Weise. Wer verstehen will, was das Internet ändern, sollte sich mit Spieltheorie beschäftigen, nicht mit Psychologie. Das Internet schafft keine neuen Menschen. Aber es kreiert neue Strukturen und die verändern die Spiele, die Menschen in ihrem sozialen, persönlichen und politischen Leben spielen.

Man kann das wohl am besten am Beispiel der Aufmerksamkeit zeigen. Wer sich mit fremden Menschen über Politik streiten will, kann das offline wie online tun. Aber das Spiel ist online ein ganz anderes. Der Preis dafür (oder der Aufwand) ist kleiner, die resultierende Aufmerksamkeit anders, unter Umständen größer, zumindest gibt es mehr Zuschauer. Die wiederum sind ein sehr selektives Publikum: Würde ich mich in einer Kneipe mit Fremden auf politische Diskussionen einlassen, dann wären wohl einige zufällige Gäste anwesend, von denen sich wenige überhaupt einen Reim auf die allenfalls lautstarke Diskussion machen können. Im Internet sind aber meine Gäste da – sie sehen auf meiner Pinwand oder in ihrer Timeline, mit wem ich mich worüber streite. Weil der Preis für die Handlung kleiner wird und die Belohnung größer, kann es gut sein, dass Menschen online häufiger engagierte politische Diskussionen führen. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass das für sie an Bedeutung gewonnen hätte, weil es das Internet gibt.

http://xkcd.com/610/
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Sharknado – eine Replik auf die Intellektuellenschelte von Evgeny Morozov

In der Zeit hat Evgeny Morozov gestern einen Essay publiziert, in dem er die Rolle der Intellektuellen in der Debatte übers Internet hinterfragt. Der Text liegt auf Englisch und Deutsch vor, ich zitiere die Übersetzung, habe aber das Original auch gelesen.

a_560x0Morozovs Text ist recht komplex und anfangs etwas undurchsichtig. Er vergleicht zu Beginn das Internet mit einem Sharknado. Dabei bezieht er sich auf den oben abgebildeten Wirbelsturm in einem populären amerikanischen Film, der vom Gedankenexperiment ausgeht, ein Wirbelsturm hebe einen Schwarm Haie aus dem Meer und befördere sie so nach Los Angeles. Nun: Es gibt keine Sharknados. Morozovs Aussage deshalb – Expertinnen und Experten reden über das Internet, als wäre es etwas, was es nicht gibt. Sie sind nun entweder Intellektuelle, die öffentliche Debatten über ein Phantom-Internet bestreiten, oder verdienen ihr Geld damit, Menschen Lösungen im Umgang mit dem Phantom-Internet anzubieten – das die Grundthese Morozovs.

Ob man meine Argumentation überzeugend findet, hängt allerdings davon ab, ob man „das“ Internet für einen Asteroiden hält, den ein Astrophysiker erklärt, oder für einen Sharknado, also einen Gegenstand, den man zwar erklären kann, aber nur zu dem Preis, dass man ihn dadurch glaubhafter macht, als er sein sollte.

Das ist natürlich eine falsche Alternative, die Morozov hier eröffnet: Die mit dem Internet verbundenen Kommunikationspraktiken können nicht entweder mit einer echten Bedrohung der Menschheit wie einem Asteroiden verglichen werden oder aber mit einer imaginierten – einem Sharknado – sondern auch mit weniger gefährlichen Phänomenen oder zumindest von gesellschaftlich hervorgebrachten und nicht von der Natur erzeugten. Also etwas mit der Industriegesellschaft – das tut Mercedes Bunz – oder mit dem Kapitalismus – das tut Geert Lovink.

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Morozov zieht nun Chomsky und Foucault bei, um den Internet-Intellektuellen ein problematisches Verhältnis zur Macht vorzuwerfen:

Nach Chomsky müssen Intellektuelle den Mächtigen die Wahrheit sagen. Nach Foucault müssen sie Wahrheit als Macht entlarven.

Das würden Expertinnen und Experten in der Diskussion der Auswirkungen des Internets nicht tun, was man mit einem einfachen Test herausfinden könne – wer sich für Reden bezahlen lasse, Regierungen im Umgang mit dem Internet berate oder gar die Waffenindustrie, können nicht glaubhaft infrage stellen, was Machtapparate mit digitaler Technologie täten. Morozovs Paradebeispiel dafür ist ein Gespräch, das Jeff Jarvis 2007 mit Ghadaffis IT-Minister in Boston führte.

Was Morozov hier bemüht, ist eine Silicon-Valley-Vorstellung eines Intellektuellen. Davon grenzt sich beispielsweise Jaron Lanier klar ab, wenn er darauf hinweist, dass:

Das Denken der Menschen im Silicon Valley in einem Widerspruch gefangen ist: Einem Widerspruch zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die entwicklungsfreudigen und technologiegläubigen Menschen ein komfortables Leben ermöglichen – und dem Anspruch, Menschen aus den Zwängen des Geldes zu befreien, Informationen frei zugänglich zu machen.

Selbstverständlich trifft Morozov damit gewisse TED-Talks, die gegenüber politischer und wirtschaftlicher Macht eine große Naivität an den Tag legen. Aber er verfehlt europäische Intellektuelle wie Kathrin Passig, Sascha Lobo oder Christoph Kappes, deren Reflexion des Internets immer politisch und kritisch ist.

a_560x0 (1)Und doch erschöpft sich Morozvs Argumentation nicht darin. Sie enthält einen feineren Punkt, der eine genaue Lektüre lohnt. In Bezug auf Foucault schreibt er:

Die Herausforderung besteht darin zu verstehen, wie ein Sharknado zu einer Idee werden kann, um die herum eine Fernsehsendung und ein Evakuierungsunternehmen aufblühen. Die emanzipatorische Aufgabe des Intellektuellen wäre es, aufzuzeigen, dass es auch andere Bezugsmöglichkeiten zwischen Haien, Wasser und Wetter gibt als diejenigen, die wir Sharknado nennen.

Das ist richtig. Natürlich können sind die Konstellationen von Kommunikationspraktiken, Informationsfluss, Arbeitswelt, politischer Machmanifestation, Gesellschaft etc., denen wir vereinfachend den Namen »Internet« geben, kontingent, d.h. sie könnten auch anders sein. Das muss in der Diskussion reflektiert werden, weshalb es auch wichtig ist, dass Morozov auf drei Probleme hinweist:

  1. Das Internet ist nicht ein einheitliches Phänomen, sondern verbindet eine Reihe unterschiedlichster Mechanismen, die sich nicht aufeinander übertragen lassen. Nicht jedes Forum funktioniert wie die Wikipedia, nicht jedes soziale Netzwerk ist Facebook, nicht jede Art von Filesharing funktioniert wie Napster.
  2. Was wir tun, ist nicht ein Effekt dessen, was wir Internet nennen, sondern das Internet ist das Produkt von dem, was wir tun. Diese Behauptung Morozovs ist meiner Ansicht nach unterkomplex: Es gibt vielmehr Wechselwirkungen. Die Möglichkeiten von Technologie verändern das Verhalten von Menschen, auch wenn sie selbst natürlich wiederum Ursprungsbedingungen haben. Das eine schließt das andere nicht aus.
  3. Die Diskussion und Interpretation des Internets ist in einen größeren Theorierahmen eingebettet, also nie frei von Ideologie, nie objektiv.

Mit diesen drei Punkten hat Morozov Recht. Aber er ignoriert, dass er damit nicht alleine steht. Er entwirft Strohmänner, indem er aus Texten von Johnson, Shirky und Jarvis selektiv Abschnitte rauspickt, die dafür geeignet sind, zu zeigen wie naiv diese Intellektuellen sein sollten. So richtig vieles von dem ist, was er sagt, so selbstverständlich ist es für die Menschen, die übers Internet vertieft nachdenken.

Jugendliche und Datenschutz: Zwischen Paranoia und Naivität

Ob Jugendliche Vorbilder brauchen, die ihnen eine Rolle vorführen, in die sie schlüpfen können, oder ob sie vielmehr Wegweiser benötigen, die ihnen Hinweise darauf geben, wie sie sich selbst entwickeln können – darüber lässt sich pädagogisch trefflich streiten. Geht es um Datenschutz, fehlt ihnen beides.

Beginnen wir damit, was Datenschutz umfasst. Im Wesentlichen sind es drei Punkte:

  1. Datensicherheit
    Gespeicherte Daten dürfen nur durch Berechtigte abrufbar sein. Der unbefugte Zugriff muss wenn nicht unmöglich, so doch enorm schwer sein.

  2. Information
    Wenn Daten gesammelt werden, dann sollte das direkt bei den Betroffenen geschehen, die dann auch darüber informiert werden.

  3. Zweckgebundenheit
    Die Funktion der Datensammlung und –speicherung sollte klar sein. Ist diese Funktion erfüllt, müssen Daten gelöscht werden.

Data Sets You Free, Tubes
Data Sets You Free, Tubes

Erwachsene verhalten sich heute in Bezug auf Datenschutz entweder paranoid oder unbekümmert (Ausnahmen sind solche, die beruflich damit zu tun haben): Sie verweigern jede Preisgabe von Daten, wenn nicht unbedingt nötig. Sie fürchten sich davor, ein Mal zu viel ihre Emailadresse einzutragen, per Telefonbucheintrag Werbung zu erhalten oder bei Meinungsumfragen ihre Anonymität zu verlieren. Ihre Befürchtungen sind irrational und unrealistisch: Sie handeln als steckten hinter Systemen Menschen, die ihnen gezielt Schaden zufügen wollten.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sich über Datenschutz keine Gedanken machen. Ihre Telefonbücher mit sozialen Netzwerken synchronisieren, Fotos ihrer Kinder und Freunde über Facebook teilen und ihr Privatleben mit Geodaten dokumentieren. Sie handeln naiv, weil sie ignorieren, dass Systeme, die vorgeben, Menschen effizientes Arbeiten und direkte Kommunikation ermöglichen, mit dem Verkauf von Daten Geld verdienen und Menschen so indirekt Schaden zufügen.

Natürlich gibt es hier nicht nur Extrempunkte – aber es gibt wenige Menschen, die sich nicht einer der beiden Kategorien zuteilen lassen. Das hängt damit zusammen, dass es gar keine Werkzeuge mehr gibt, die uns Entscheidungen in Bezug auf Datenschutz treffen lassen:

  • Wer auf Facebook Freunde finden will, muss dem Netzwerk Informationen über Freunde zur Verfügung stellen, ohne wissen zu können, wozu Facebook diese Informationen verwendet.

  • Wer ein Smartphone nutzt, kann gar nicht kontrollieren, was dieses Smartphone für Daten an welche Server schickt und wozu die dort verwendet werden, weil ein Smartphone eine reine Oberfläche als Bedienung anbietet, keine echte  Steuerung.

  • Wer Google nutzt, muss damit rechnen, dass Suchanfragen getrackt werden und Dritte ein Profil der eigenen Vorlieben und Interessen anlegen, das sie an Vierte verkaufen.

So naiv das Vertrauen in große Unternehmen ist, so lähmend ist generelles Misstrauen. Das Resultat – und hier kehren wir wieder zu den Jugendlichen zurück – ist fatal: Datenschutz betrifft auch kleinräumige soziale Netze wie eine eine Schulklasse oder eine Schule. Unter welchen Umständen darf jemand eine Handynummer weitergeben? Ganz einfach: 1. Wenn die Information sicher gespeichert wird, 2. wenn die Nummer von der betroffenen Person selbst weitergegeben wird und 3. wenn die Weitergabe einen klaren Zweck hat.

Nur  – wie lernen das Jugendliche, wenn nicht einmal Lehrpersonen und Schulleitungen das verstehen und die eingesetzten Systeme so konfigurieren können, dass sie das erlauben? Wie können sie in Zeiten von cloudbasierten Smartphones verstehen, wie sie Datensicherheit herstellen können? Wer hindert Konzerne daran, die Daten von Jugendlichen (und Erwachsenen) ungefragt zu beziehen, wenn die Geheimdienste aller westlichen Länder mit Regierungsauftrag an diese Daten gelangen wollen oder müssen?

Das soziale Gedächtnis

Wir alle kennen das Phänomen: Während des lockeren Partygesprächs fällt uns der Name der Schauspielerin, die uns kürzlich so beeindruckt hat, einfach nicht mehr ein. Wir wissen, dass sie bei The Newsroom mitspielt und Bilder von der Figur, die sie spielt, im Internet gelandet sind. Und so zücken wir unser Smartphone, finden diese Seite und finden heraus, dass es sich um Olivia Munn handelt. Nach kurzer Lektüre erfahren wir, dass intime Bilder nicht nur in ihrer Rolle den Weg ins Netz gefunden haben, sondern das auch der Schauspielerin selbst passiert ist.

Wenn uns das passiert, dass wir Google benutzen müssen, um uns an etwas erinnern zu können, reagieren wir meist mit gemischten Gefühlen: Einerseits sind wir über die Technologie erstaunt, die Funktionen unseres Gedächtnisses übernimmt. Andererseits ärgern wir uns darüber, dass wir offenbar ohne Smartphone nicht mehr denken können. »I’m not thinking the way I used to think«, schrieb etwas Nicholas Carr in The Shallows (2012), und Frank Schirrmacher notierte in einer Selbstreflexion in Payback (2009):

Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen. (auch als Essay hier nachlesbar)

Die Perspektive von XKCD bzw. Randall Monroe.

Das Phänomen heißt auf Englisch »Tip-of-the-tongue syndrome« oder TOT-Phänomen. Wir haben den Eindruck, es verschärfe sich durch die Omnipräsenz digitaler Werkzeuge.

Im Abschnitt »The Art of Finding« in seinem Buch Smarter Than We Think (2013) geht Clive Thompson diesem Eindruck auf den Grund. Seine Erkenntnisse, die er aus Gesprächen mit Forscherinnen und Forschern gewonnen hat, lassen sich wie folgt zusammengefassen:

  1. Menschen benutzen ein soziales Gedächtnis. Wie Daniel Wegener und sein Team gezeigt haben, verfügen wir über ein »transactive memory«, also über die Fähigkeit, Speichervorgänge aufzuzeigen. Wer in langfristigen Partnerschaften lebt, erinnert sich nicht an dieselben Dinge wie der Partner oder die Partnerin, weiß aber, was die andere Person abgespeichert hat: Jemand kennt die Geburtstage, jemand weiß, wo welche Werkzeuge verstaut sind.
  2. Daraus lässt sich ableiten, dass Menschen über ein recht gutes Metagedächtnis verfügen. Sie wissen, wer was weiß – auch wenn sie es selbst nicht wissen.
  3. Das heißt, Menschen haben Google eigentlich schon immer benutzt: Einfach in Bezug auf andere Menschen statt bei der Bedienung einer Maschine. »Quite simply, we seem to record as much outside our mind as within them«, hielt Wegener in den 80er-Jahren fest.
  4. Betsy Sparrow hat Wegeners Forschung vertieft und in Experimenten herausgefunden
    a) dass Menschen sich weniger gut an Fakten erinnern, wenn sie wissen, dass diese irgendwo digital gespeichert sind
    b) dass das Wissen, dass Informationen gespeichert werden, die Fähigkeit verbessert, zu wissen wo sie gespeichert sind
    c) dass Menschen in Bezug auf soziales Gedächtnis Maschinen genau so benutzen wie andere Menschen.

Wenn wir nun also die Auswirkungen des Zugriffs auf maschinelle Speichersysteme beurteilen, beurteilen wir gleichzeitig eine Entwicklung des Gedächtnisses, die viel älter ist: Bestimmte Informationen auszulagern. Die Entwicklung ist nicht ein Zerfall der kognitiven Leistungen, sondern eine Errungenschaft, die zu effizienteren Denkleistungen geführt hat.

Doch es gibt einige Unterschiede zwischen Maschinen und Personen als Partner unserer sozialen Gedächtnisse:

  • Wir akzeptieren bei Maschinen viel eher, dass sie zusätzliche Informationen liefern (wie z.B. beim einleitenden Beispiel) – beginnen dabei aber zu prokrastinieren (was durchaus auch mit Lerneffekten verbunden sein kann). Weil wir Maschinen kontrollieren, lassen wir eher zu abgelenkt zu werden.
  • Wir wissen bei vertrauten Menschen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Wenn mein Freund mir dabei hilft, mich an wichtige Tennisresultate zu erinnern, sich aber beim French Open immer wieder täuscht, dann traue ich diesen Informationen weniger, weil ich seinen »track record« kenne. Google hat auch Schwächen, da wir aber zu wenig gut verstehen, wie Google funktioniert, können wir sie weder erkennen noch einbeziehen.
  • Wir wissen noch zu wenig über die Auswirkungen digitaler Gedächtnisse, wie Gedächtnisforscher Daniel Schacter bemerkt: Es ist nicht möglich, eine sinnvolle Kontrollgruppe zu definieren, die sich in einer Informationsgesellschaft bewegt, aber auf Computer und Internet verzichtet.

Thompsons Fazit ist durchdacht: Kreatives Denken erfordert eine große Vertrautheit mit einer Materie. Dabei ist es nicht möglich, wesentliche Inhalte auszulagern – wer eine Expertin oder ein Experte auf einem Gebiet ist, erinnert sich an alle wesentlichen Fakten und Zusammenhänge, weil sie oder er daraus zu neuen Erkenntnissen gelangen kann. »Getting young people to care about the hard stuff«, ist eine Herausforderung, die nicht neu ist, sondern die Menschen und ihre Geschichte begleitet.

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie unser Gedächtnis strukturiert ist, sondern wie wir die nötige Tiefe bei der Konzentration auf und bei der Bearbeitung von Informationen erreichen.

»Lehrpersonen schützen« – zum Social-Media-Leitfaden für Lehrpersonen und Schulleitungen

Wie »10 vor 10« gestern berichtet hat, haben die Lehrerverbände der deutschsprachigen Länder einen gemeinsamen Leitfaden herausgegeben, der Lehrpersonen dabei helfen soll, sich in Social Media zu bewegen. Er kann als pdf runtergeladen werden, die Webseite dazu findet sich hier.

Ich wurde von »10 vor 10« angefragt, hatte aber leider keine Zeit. Meine Meinung – die in meinem Buch ausführlich dargelegt wird – deshalb hier in Kurzfassung. (Medienanfragen bitte unter 078 704 29 29 oder per Mail.)

Es ist zu begrüssen, dass der Unsicherheit von Lehrpersonen im Umgang mit Social Media begegnet wird. Doch wie das geschieht, erscheint mir problematisch.

Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin.
Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin auf der Homepage des Leitfadens.

Die zentrale Haltung ist der »Schutz« von Lehrpersonen. Eine Kommunikationsplattform wird als Bedrohung wahrgenommen, obwohl es zunächst einfach eine Kommunikationsplattform wie das Telefon oder die Briefpost ist.

In den Social Media oder auch Blogs und Foren wird jede noch so «privat» gemeinte Meinung wie in einem Leserbrief öffentlich und damit hoch bedeutsam. (S. 5)

Diese Haltung scheint mir gefährlich: Natürlich gibt es in den sozialen Netzwerken eine Vermischung von privater Person und öffentlicher Funktion. Aber das ändert nichts am Recht von Privatpersonen, ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie als öffentliche wahrgenommen wird. Lehrerverbände sollten auf das Recht pochen, dass auch Lehrpersonen außerhalb ihres Anstellungsverhältnisses ein Recht auf eine Meinung haben und die auch im Internet äußern dürfen.

Der Guide ist geprägt von einem naiven Digitalen Dualismus: »Die Wirkung von Fehlern ist deshalb im Vergleich zum normalen Alltag enorm«, heißt es beispielsweise auf S. 11. Social Media sind der »normale Alltag«, sie sind Realität, sie sind Kommunikationsformen wie alle anderen auch.

Nun zu raten, man dürfe nicht mit Schülerinnen oder Schülern »befreundet sein«, wie die Interpretation von »10 vor 10« nahelegt (im Leitfaden selbst steht das nicht), ist, als würde man Lehrpersonen raten, keine Briefe von Schülerinnen oder Schülern zu lesen. Wer ansprechbar sein will und pädagogischen Dialog pflegt, kann und soll das auch mittels Social Media tun.

Die Hinweise des Leitfadens, dass hier Richtlinien der Schule und eine einheitliche Haltung gegenüber allen Eltern und Schülerinnen/Schülern zentral ist, halte ich für wichtig. Generell stehen keine falschen Dinge im Leitfaden – er ist eine sinnvolle Einstiegslektüre für Lehrpersonen und Schulleitungen, die sich ängstigen. Aber er vertritt eine überholte Position der Abwehr. Der Kontrollverlust der Social Media betrifft nicht die Lehrpersonen, die sich exponieren – sondern alle Lehrpersonen, alle Menschen. Zu meinen, man könne verhindern, das Bilder oder Äußerungen den Weg ins Internet finden, ist naiv.

Darüber hinaus behandelt der Leitfaden Facebook – heute sicher noch das wichtigste soziale Netzwerk – zu prominent. Allgemeine Hinweise sind viel wichtiger als die Einengung auf eine Plattform. Die Jugendlichen von heute bewegen sich in anderen Netzwerken und tauschen ihre Dateien dort aus: Der Leitfaden wird in zwei Jahren komplett überholt sein.

Weitere Richtlinien, die meine Sicht erläutern, finden sich auf dieser Seite.