Wie PR Informationen verunreinigt

Kürzlich habe ich hier im Blog kritisch darüber berichtet, dass die Swisscom um Schulen einen wirksamen Contentfilter anbieten zu können, mit Hilfe einer amerikanischen Firma verschlüsselte Kommunikation teil- und zeitweise entschlüsselt.

Auf meinen Blogpost erhielt ich viele Kommentare, unter anderem auch deswegen, weil der Blogpost für meine Verhältnisse oft gelesen und verlinkt wurde. Drei dieser Kommentare lasen sich wie folgt:

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Die drei Kommentare nahmen klar zu einem Problem Stellung. Auf sozialen Netzwerken tauchte schnell die Frage auf, ob sie PR enthielten. Haben Verantwortliche bei der Swisscom aufgrund der Kritik diese Kommentare verfasst oder verfassen lassen?

In diesem Beitrag soll diese Frage nicht geklärt werden (der oberste Beitrag wurde von einer der Swisscom zugewiesenen IP-Adresse aus verfasst, was aber kein Beleg für oder gegen die These ist). Es geht auch nicht um die Swisscom, sondern um das allgemeine Problem, das PR im Netz für Menschen bedeutet, die mit Informationen lernen oder arbeiten.

Das Problem geht von einer Einsicht aus, die Brian Solis in seinen Büchern formuliert hat: Unternehmen können nicht länger Botschaften von Marketingabteilungen mittels Werbung aussenden, weil ihre Produkte durch die Möglichkeiten der Netzkommunikation konstant öffentlich bewertet und kommentiert werden. Um Vertrauen gegenüber einer Marke entstehen zu lassen, reicht eine Markengeschichte oder eine Inszenierung der Marke nicht aus, das Vertrauen wird häufig in der halb-öffentlichen Interaktion generiert.

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Da sich Vertrauen häufig auch als soziales Phänomen ergibt, liegt es nahe, sich positiven Einfluss aufs Vertrauen zu kaufen. So lassen sich Profis anstellen, die:

  1. Kommentare schreiben
  2. Bewertungen abgeben
  3. Artikel schreiben
  4. Wikipedia füllen.

Im Anschluss an die These von Malcolm Gladwell, dass es Menschen gebe, welche einen besonderen Einfluss auf andere ausüben, werden insbesondere in Social Media aktive Menschen stark dazu angehalten, Werbung zu machen. So offeriert Zalando Bloggerinnen und Bloggern wie mir Gutscheine, wenn sie sie den Dienst ausprobieren und darüber schreiben, der Zürcher Künstler und Kurator Philipp Meier hat kürzlich von Microsoft ein Tablet geschenkt bekommen und Renato Mitra, der mit seinem Apfelblog bereits wenig Distanz zur Welt des Marketings zeigte, bloggt neu für Mini – als Gegenleistung darf er die Autos gratis fahren.

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Mitra schreibt dazu im Impressum:

MINIBlog.ch wird nicht im Namen von MINI Switzerland geführt, sondern von der Privatperson Renato Mitra. Die Gestaltung, die Community wie auch inhaltliche Themen und Meinungen werden nicht von MINI Switzerland beeinflusst.

Meine eigene Erfahrung lassen mich daran zweifeln. Spätestens, wenn Mitra auf Sicherheitsprobleme von Minis aufmerksam machen möchte, dürfte der Druck, eine bestimmte inhaltliche Botschaft rüberzubringen, wachsen.

Gibt es ein Problem? Meier, Mitra und ich sind informierte Zeitgenossen. Wir können frei entscheiden, ob wir eine Entschädigung annehmen wollen und ob unsere Gegenleistung dafür angemessen ist (mein Verdacht ist, dass Social-Media-Akteure und -Akteurinnen oft einiges günstiger sind als professionelle Werberinnen und Werber). Und in all diesen drei Fällen wird der interessierten Leserschaft auch schnell deutlich, dass es sich um PR handelt – sie kann entsprechend reagieren (z.B. interessieren mich Mitras Kanäle nicht mehr, wenn sie mit Mini-Werbung gefüllt sind).

Aber letztlich produzieren wir Informationen, die verunreinigt sind. Was wir präsentieren, entspricht nicht mehr ganz unserer Haltung. Thema oder Instrumente sind vorgegeben. Jede Information hat potentiell eine PR-Komponente, die nicht in allen Fällen separat ausgewiesen wird. Wer dafür bezahlt wird, Wikipedia-Artikel zu schreiben, kann das dort nicht einmal vermerken. Wer im Auftrag von Unternehmen Kommentare in Newsportale oder Blogs abfüllt, soll das nicht vermerken.

Was dazu dient, Vertrauen in eine Marke zu erzeugen, schafft Misstrauen in Informationen von Fremden. Während Kommentare für mich ein ideales Mittel sind, auch harte Kritik abzuholen, weil ich Kommentierenden erlaube, das komplett anonym zu tun, so sind sie gleichzeitig auf ein ideales Mittel, auf meinem Blog Links und Meinungen zu platzieren, die nicht von den Kommentierenden, sondern von Unternehmen vertreten werden.

Eine Wertung lasse ich bewusst weg, sondern schließe mit der Beobachtung, dass gerade jungen Menschen oft das Gefühl abgeht, wie stark der Einfluss und wie gross die Möglichkeiten bezahlter PR sind.

Neue Medien im Schulalltag – Reflexe Sendung auf SRF 2

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Welches Potential ergibt sich aus der aktiven Nutzung Neuer Medien im Schulunterricht und was sagen eigentlich die Jugendlichen selber dazu?

Diese Frage behandelt eine Reflexe-Sendung auf SRF 2 Kultur, die Dania Sulzer konzipiert und redigiert hat. Sie hat auch mit mir gesprochen – das Interview mit mir beginnt nach 14 Minuten im Soundcloudfile. Den Beitrag findet man auch auf der Seite von SRF2 Kultur.

Die Sendung wurde im Rahmen einer Serie des Tages-Anzeigers dort besprochen. Ein Auszug, der mich betrifft:

Differenziert waren auch die Ansichten der Experten, die zum Zug kamen: Der Lehrer und Blogger Philippe Wampfler sprach vom verbreiteten «Bedürfnis, das Internet als Gefahr hochzustilisieren», was den Blick auf die wirklichen Entwicklungen verstelle. In der Schule ändere sich viel durch die Neuen Medien: Fächergrenzen verschwimmen, neue Vermittlungs- und Lernmöglichkeiten kommen auf, das im Studium erarbeitete Wissen der Lehrer veraltet rascher als früher.

 

Kommentar zu meinem Weiterbildungsurlaub

Im Jahrbuch der Kantonsschule Wettingen ist ein Kommentar von mir zu meinem Weiterbildungsurlaub erschienen, den ich genutzt habe, um diese Plattform aufzubauen und daraus ein Buch zu machen. (Leider liegt er schon ein Jahr zurück.)

Der Beitrag kann hier als pdf eingesehen werden – leider in etwas dürftiger Qualität.

Warum ich WhatsApp mit Schülerinnen und Schülern nutze

WhatsApp Bsp.Für eine Weiterbildungsveranstaltung habe ich Gründe zusammengetragen, warum ich WhatsApp in der Schule nutze. Da ein Schweizer Gymnasium das offenbar nun auch offiziell tut, notiere ich sie hier – eine pdf-Version gibts auch:

  1. Ich telefoniere ungern, weil mich das zu einer bestimmten Zeit beansprucht.
  2. Ich kommuniziere nur mit dem Mobiltelefon mit Eltern/SuS, weil ich das während Familienaktivitäten oder privaten Anlässen abschalten kann.
  3. Meine Mails wurden von einzelnen Mitgliedern der Klasse unzuverlässig nach WhatsApp übertragen, weil grosse Teile der Klassen keine Mails mehr lesen.
  4. WhatsApp ermöglicht mir, Fragen so zu beantworten, dass alle SuS einer Klasse die Antwort sehen.
  5. WhatsApp bedingt, dass alle ein Smartphone haben oder von jemandem gesondert benachrichtigt werden.
  6. WhatsApp führt schnell zu unterhaltsamen und belanglosen Äusserungen, die gefiltert werden müssen.
  7. Gegen den Anspruch, ständig erreichbar zu sein, wehre ich mich, indem ich Nachrichten, deren Beantwortung ein Problem nicht lösen könnten, gar nicht erst bearbeite (wenn möglich nicht einmal lese), sondern im persönlich Gespräch darauf aufmerksam mache, dass dieser Weg der falsche ist.
  8. Medien – weder Telefon noch Mail oder WhatsApp – können pädagogische Gespräche unter vier oder mehr Augen nicht ersetzen

Smartphones in Schweizer Gymnasien

Gestern habe ich einen Weiterbildungstag zu Smartphones an Schweizer Gymnasien durchgeführt (Programm und Materialien hier). Ausgangspunkt war einerseits eine massive Verunsicherung bei Lehrpersonen, andererseits das große Potential, das in den Kompetenzen der Jugendlichen steckt, mit mobilen Geräten umzugehen. Einbezogen wurden auch Jugendliche, die sich – wie nicht anders zu erwarten war – als kompetente, reflektierte Nutzerinnen und Nutzer ihrer mobilen Geräte präsentierten und nachvollziehbar aufzeigten, wie sie über Nutzen und Nachteile mobiler Kommunikation denken.

Im Folgenden einige ausgewählte Thesen und Einsichten aus dem Austausch im Kurs:

(1)
Die Herausforderungen durch das Smartphone betreffen eine traditionelle Schulkultur, welche Erfahrungen von Lehrpersonen und ihre Ausbildung durchzieht. Diese Herausforderungen (auf dem Tafelbild sind sie aufgelistet) sind deshalb nicht Bedrohungen, sondern Einladungen, über die Kultur nachzudenken und sie möglicherweise zu verändern.

WBZ1

(2)
Es gibt einen Standard an Schweizer Gymnasien: Die Regelungen sind generell liberal, es gibt – mit Ausnahme von Langzeitgymnasien – kaum Verbote. Zentral ist die pädagogische Hoheit der Lehrpersonen, was dazu führt, dass Lehrpersonen  sehr heterogen mit mobilen Geräten umgehen, abhängig von ihren Fächern und Vorlieben.

(3)
Unangenehm sind standardisierte Situationen wie Prüfungen, bei denen Smartphones etablierte Abläufe (Wiederverwenden von Fragen, parallele Durchführung von Prüfungen) massiv erschweren.

(4)
Diese Standards stehen aber generell im Widerspruch zu einer konstruktivistischer Vorstellung von Lernen, die als Paradigma wohl am weitesten verbreitet ist und durch den Einbezug von Smartphones umgesetzt werden kann (siehe Unterlagen).

(5)
Erwünscht sind klare Vorgaben, wann der Einbezug von Smartphones sinnvoll ist und wann nicht. Die Erkenntnisse (v.a. in Bezug auf Recherche und Fotografieren von Tafelbildern) können dem Tafelbild entnommen werden:

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oke ist nicht okay. Und nicht ok. – Schriftliche Mündlichkeit

Okay-Guy-Meme.
Okay-Guy-Meme.

Es ist eine triviale Einsicht, dass die Chats Jugendlicher und Erwachsener die Merkmale mündlicher Sprache aufweisen. Der sprachliche Ausdruck erfolgt in der Regel:

  • dialogisch
  • situationsabhängig oder -bezogen
  • spontan, ungeplant
  • expressiv
  • informell

Schriftliche Gespräche weisen im Vergleich mit mündlichen zunächst weniger Möglichkeiten auf: Nicht nur fehlt oft eine gemeinsame Wahrnehmung einer Situation, fast gravierender ist ein Wegfall der körperlichen Dimension und damit der paraverbalen Kommunikation (Stimme) und der non-verbalen (Gestik, Mimik).

Spricht man mit Jugendlichen über negative Erfahrungen mit Social Media und insbesondere WhatsApp, wird sehr oft auf Missverständnisse hingewiesen, die gerade deshalb entstehen, weil die Präzisierung fehlt, welche nicht-verbale Kommunikationssignale leisten.

Doch dieser Mangel wird – wie es nicht anders zu erwarten war – durch kreative Wege behoben. Ein Beispiel dafür sind die Schreibweisen von »okay«:

  1. »ok« heißt ungefähr: »Ich hab’s gelesen, nun lass mich in Ruhe, du bist mir egal.«
  2. »okay« heißt: »Ist schon gut, mir geht es schlecht und du kannst nicht viel daran ändern, aber ich weiß, dass du dir Mühe gibst.«
  3. »oke« oder »okei« heißt: »Bestens, danke für die Mitteilung, ich bin ganz zufrieden damit.«

Diese Differenzierungsmöglichkeiten bringen nun eine paraverbale Dimension in die schriftliche Sprache, ganz ähnlich wie der Tonfall, die Satzmelodie und die Lautstärke das im mündlichen Gespräch ermöglichen. Doch der Einsatz dieser Unterscheidungen ist nicht allen gleich bekannt: Wer den Code nicht kennt, erlebt mehr Missverständnisse als ohne, und wer den Code voraussetzt, obwohl andere ihn nicht kennen, ebenfalls.

* * *

Zusatz und Präzisierung: Wie die Kommentierenden unten und auch auf FB angemerkt haben, ist meine Darstellung äußerst verkürzt. So schreibt Marius I. auf Facebook:

Es gibt auch noch weitere Abbrevationen, z.B „k“ heisst zur Kenntnis genommen, habe jetzt keine Zeit (ähnlich wie „ok“) und dann gibt es noch „oki“, das heisst soviel wie vielen Dank für deine Mühe, ist also freundlich, oft wird es mit einem Smiley oder Emoticon verbunden. Die Interpunktion kann auch einen wichtigen Einfluss haben, also ob „ok.“ oder „ok!“ steht.

Die aggressivste Form muss offenbar »k.« sein – aber die Verwendungsweisen und Codierungen variieren sozial, sogar in Bezug auf unterschiedliche Beziehungen. Missverständnisse sind leicht möglich: Wer z.B. keine Zeit hat und »ok« schreibt, kann auch als unfreundlich und abweisend empfunden werden.

Zusatz 3. Januar 2014: Zur Interpunktion in digitaler Kommunikation gibt es bei der taz einen interessanten Artikel.

Bemerkungen zur Sexting-Kampagne von Pro Juventute

Gestern hat Thinh-Lay Bosshart die Ergebnisse eines Selbstversuchs mit dem Chat-Support von Pro Juventute veröffentlicht, der heute auf Facebook zu einigen Diskussionen Anlass gegeben hat (FB-Link, Gruppe »Medienpädagogik«). Als Reaktion darauf möchte ich einige Bemerkungen zur Kampagne von Pro Juventute anfügen, die meinen Kommentar zur Sexting-Kampagne ergänzen.

  1. Die Aufklärungsarbeit von Pro Juventute ist wichtig und richtig. In Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit der kostspieligen Kampagne auf ein medienpädagogisches Thema gelegt, das tatsächlich Aufmerksamkeit verdient.
  2. Die fachlichen Informationen, die Pro Juventute z.B. in den Merkblättern zur Verfügung stellt, sind hochwertig und empfehlenswert. Sie sind kompakt, praxisnah und korrekt.
  3. Sexting ist – wie auch Cybermobbing – keines der großen Themen von Pro Juventute. Sexting betrifft eines von 450 Gesprächen, die Pro Juventute mit Jugendlichen täglich führt.
  4. Der Vorwurf, die Kampagne würde dafür benutzt, Spendengelder einzutreiben, der beispielsweise bei der Cybermobbing-Kampagne in der NZZ erhoben wurde, mag einen wahren Kern haben, verkennt aber, wie sich Organisationen wie Pro Juventute finanzieren müssen. Marketing ist wichtig und es ist keineswegs verwerflich, das Marketing mit einer Aufklärungskampagne zu verbinden.
  5. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack, dass ein Bild der Jugend gezeichnet wird, das der Realität nicht ganz gerecht wird. Jugendliche betreiben Sexting, aber die Praxis ist nicht Alltag und betrifft nicht alle Jugendlichen. Ein Schulleiter einer Zürcher Oberstufe hat kürzlich von drei Fällen im letzten halben Jahr gesprochen, mit denen er sich beschäftigen musste. Sicher kein vernachlässigbares Problem, aber beispielsweise nicht auf eine Stufe mit familiären Problemen zu stellen.
  6. Die Präsenz in den sozialen Netzwerken könnte professioneller ausfallen. Die Beratung im Chat sollte zumindest an kompetente Fachleute weiterverweisen, wenn sie selbst keine kompetente Auskunft geben kann.
  7. Das betrifft auch den Cyber-Risiko-Check. Er ist auf Facebook beschränkt – eine Plattform, die gefährdete Jugendliche (also die jüngsten) neben WhatsApp und Instagram immer weniger nutzen.
    Dazu kommuniziert er medienpädagogisch paradox: Er verlangt Zugriff zum eigenen Facebook-Profil und möchte sogar im eigenen Namen publizieren können – will aber gleichzeitig vermitteln, dass der Zugriff zum Profil möglichst vorsichtig gehandhabt werden sollte. Die Kriterien, nach denen die Empfehlungen erfolgen, sind zudem wenig transparent und die Tipps an der Oberfläche. Echte Präventionsarbeit muss sich stärker auf Kontexte beziehen und funktioniert auf einer so allgemeinen Ebene nicht.

Fazit: Während die Kampagne sinnvoll ist, dürfte sie in der konkreten Ausgestaltung sorgfältiger sein. Lieber etwas genauere Information, dafür weniger Möglichkeiten, als allgemeine Hinweise, die im konkreten Fall wenig nützen. 

Die Jugend Japans als Beispiel

Japan ist sowohl demografisch wie auch in Bezug auf die digitale Kommunikation ein extremes Beispiel – aber auch ein lehrreiches. Es zeigt eine junge Generation, die in schwierigen Bedingungen aufwächst, von Medien und älteren Menschen aber gleichzeitig wenig Respekt erfährt, sondern als moralisch verkommen und faul abgewertet wird.

Neben so genannten NEETs (Not in Education, Employment or Training), also Jugendlichen, die sich nicht in die Arbeits- oder Bildungswelt integrieren, geben besonders Hikikomori Anlass zur Sorge. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die ihr eigenes Zimmer nicht mehr verlassen und sich dabei oft auch in medialen Welten verlieren oder orientieren.

Die Kluft zwischen einer immer größer werdenden Generation von Senioren und einer schrumpfenden Generation Jugendlicher, kann in Japan an der erstaunlichen Tatsache festgemacht werden, dass 2012 erstmals mehr Windeln für inkontinente Erwachsene verkauft wurden als für Babys. Die Geburtenrate von 1.4 Kindern pro Frau steigt zwar in Japan leicht an, reicht aber bei weitem nicht aus, um die Bevölkerung von 120 Millionen zu halten. Prognosen gehen davon aus, dass sie sich bis 2060 um einen Drittel reduzieren wird.

Anteil der Digital Natives 18-34 an der Gesamtbevölkerung, Quelle
Anteil der Digital Natives 18-34 an der Gesamtbevölkerung, Quelle

Der große Abstand zwischen den Generationen schlägt sich auch digital nieder: Während in Japan 99.5 Prozent der Jugendlichen als »Digital Natives« bezeichnet werden können, womit das Land weltweit die Spitzenposition einnimmt, ist der Anteil dieser Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung mit 9.6 Prozent vergleichsweise klein, was durch die Demografie Japans zu erklären ist.

Demografie und die starke Präsenz digitaler Medien im Leben Jugendlicher führt nun nach Ansicht von Expertinnen und Experten dazu, dass diese immer stärker darauf verzichten, romantische und sexuelle Beziehungen einzugehen. 50 Prozent der erwachsenen Frauen und 60 Prozent der erwachsenen Männer unter 34 befinden sich nicht in einer Beziehung – ein Wert, der sich in den letzten fünf Jahren um 10 Prozent erhöht hat. 45 Prozent der jungen Frauen und 25 Prozent der jungen Männer geben an, kein Interesse an Sex zu haben.

Eri Tomita ist eine 32-jährige Japanerin, die in der Personalabteilung einer Bank arbeitet. Sie sagt:

»Mein Leben ist großartig. Ich gehe mit Freundinnen aus, alles Karrierefrauen wie ich. Wir essen in französischen und italienischen Restaurants. Ich kaufe stilvolle Kleider und kann mir schöne Ferien leisten. Ich liebe meine Unabhängigkeit. […] Oft werde ich von verheirateten Männern im Büro angesprochen, die gerne eine Affäre hätten. Sie nehmen an, ich sei verzweifelt, weil ich Single bin. Mendokusai

Quelle

Mendokusai heißt übersetzt, dass etwas zu anstrengend oder mühsam für einen sei. Es ist ein Ausdruck, den die Gesprächspartnerinnen und –partner von Abigail Haworth, welche die sexuelle Enthaltsamkeit der jungen Erwachsenen in Japan untersucht hat, immer wieder bemühen, um zu erklären, weshalb sie weder erotische noch romantische Kontakte besuchen. Die Gründe dafür sind in verschiedenen Bereichen zu suchen: Obwohl die japanische Kultur praktisch keine religiösen gesellschaftlichen Normen kennt, ist es für Frauen praktisch unmöglich, eine anspruchsvolle Arbeit mit dem Leben als Mutter zu verbinden. Viele Berufe sind so anspruchsvoll, dass sie sich nicht  mit einem Privatleben kombinieren lassen. Digitale Welten, die oft in mobilen Computerspielen erkundet werden, enthalten oft breite Möglichkeiten für soziale Kontakte. Eine 22-jährige Studentin erklärte Haworth, sie habe nun zwei Jahre damit verbracht, ein virtuelles Süssigkeitengeschäft zu betreiben, ohne dass sie das als Verlust empfindet.

Auf Jugendlichen lastet ein großer wirtschaftlicher Druck, der von Eltern oft auch digital ausgeübt wird:

Die Angst um die Kinder und vor ihnen erfasst vor allem die Eltern. Dies kann mitunter zu grotesken Reaktionen führen, etwa wenn sich Mütter die Überwachungstechnik zunutze machen, um ihren Kindern auf dem Schulweg virtuell zu folgen. Dafür kann zum Beispiel die elektronische Bahnkarte so aufgerüstet werden, dass sie bei der Entwertung ein Signal auf Mamas Handy sendet und ihr dadurch den Standort ihres Kindes verrät.

Die Krise der japanischen Jugend, deren Symptome die Hikikomori sind, hat wirtschaftliche und soziale Ursachen. Dass Eskapismus verbreitet ist, wenn es keine klare gesellschaftliche Orientierung an Werten gibt und auch harte Arbeit keinen wirtschaftlichen Erfolg garantiert, erstaunt nicht.

Die japanische Gesellschaft unterscheidet sich in vielen Belangen von denen in Europa. Und doch sind einige Tendenzen vergleichbar: Immer mehr ältere Menschen setzen jüngere unter Druck, ohne ihnen aber eine klare Vision von einem erfüllten Leben anbieten zu können. Gleichzeitig beurteilen und verurteilen sie Jugendliche aber recht schnell, wenn sie versuchen, eigene Wege zu finden um mit den Schwierigkeiten in ihrem Leben umgehen zu können.

Zusatz: Hier noch der humoristische Kommentar von Bill Maher und seinen Gästen (FB-Link).

Swisscom, Verschlüsselung und Contentfilter – ein Zwischenstand

Nach meinem Blogbeitrag von vorgestern, der unter dem etwas reißerischen Titel »Swisscom hört Schulen ab« stand und in dem ich eigentlich lediglich aufgriff, was bei den Fachstellen (FHNW, Kanton Zürich) schon längst stand, wurde das Thema in der NZZ und im Tages-Anzeiger aufgegriffen. Für den Kanton Zürich hat René Moser in einem ausführlichen Blogbeitrag darauf reagiert (diese Bemerkung habe ich am 28. Oktober eingefügt, Ph.W.).

Die Swisscom reagierte gestern ausführlich, ihre Stellungnahme habe ich im Blogpost hinzugefügt (siehe ganz unten).

Dennoch bleiben einige Fragen ungeklärt, die ich im Folgenden noch einmal auflisten möchte. Zunächst aber eine kurze Beschreibung dessen, was passiert – ich vermeide Fachsprache, weil ich auch kein Informatiker bin:

Die Swisscom stattet Schulen mit eigenen Sicherheitszertifikaten aus, damit sie einen Teil der Internetkommunikation entschlüsseln und filtern kann. Das betrifft nach eigenen Angaben nur Traffic der zu Google geht (andere Suchmaschinen werden offenbar noch mit herkömmlichen Filtermethoden gefiltert). Das heißt, dass Suchanfragen an Schulen nicht effektiv verschlüsselt sind.

Die wichtigsten daran anschließenden Fragen, die teilweise in Kommentaren bei der NZZ und in meinem Blog aufgerufen werden, lauten wie folgt:

  1. Was passiert, wenn SchülerInnen und oder Lehrpersonen die Swisscom-Zertificate auf privaten Geräten installieren? Ist ihre private Kommunikation danach zuhause sicher verschlüsselt?
  2. Warum verwendet die Swisscom ein Zertifikat von ZScaler und nicht ein eigenes?
  3. Könnte die Swisscom schulische Kommunikation komplett überwachen? Könnte sie das auch mit privaten Swisscom-Anschlüssen tun?
  4. Warum bietet die Swisscom überhaupt einen Contentfilter an, wenn der mit Privacy-Problemen verbunden ist? Warum nicht das Geschäft komplett auslagern?
  5. Warum akzeptieren die Kantone diese Methode an ihren Schulen?
  6. Wer verantwortet die pädagogischen Konsequenzen, dass SchülerInnen und Lehrpersonen an gewissen Schulen aufgefordert werden, wichtige Sicherheits-Warnhinweise der Browser wegzuklicken?
  7. Ist dieser Preis (Aufgabe von Privacy) nicht zu hoch für die Filterung der Inhalte?

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Übergriffe auf Social Media – die fehlende Objektivität

Im Magazin des Tages-Anzeigers geht es in der Titelgeschichte um einen Schweizer Gymnasiasten, der an seinem Geburtstag folgenden Kommentar hinterlassen hatte (pdf, ein Interview mit der Autorin gibt es hier):

Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!

Ist dieser Jugendliche gefährlich? Mit dieser Frage, so die These der Autorin Denise Bucher, hatte die Schweizer Justiz Mühe mit Social Media, weil sie unerfahren in diesem Gebiet sei. Sie zitiert den Berner Strafrechtsprofessor Martino Mona, der sagt, der Eintrag sei »lächerlich. Drohen wegen zu wenig Geburtstagswünschen? Also, für einen normalen Menschen ist das lächerlich. Für einen Amokläufer kann es ernst sein«.

Der Jugendliche wurde wegen »Schreckung der Bevölkerung« zu einer Busse von 1350 Franken verurteilt, er muss zudem die Verfahrenskosten von 13’600 Franken übernehmen.

Wo liegt das Problem? Inhalte in Social Media gleichen denen in einem persönlichen Gespräch: Sie sind nicht objektiv verständlich, sondern nur im sozialen Kontext. Relevant sind die Erwartungen. Ist der folgende Ausschnitt Teil eines Konflikts oder harmloses Gerede? Wie erkennt man das?

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Lehrpersonen haben mir kürzlich erzählt, Eltern seien besorgt gewesen, weil ein Schüler auf WhatsApp geschrieben habe: »Ich bringe dich um!« Schülerinnen und Schüler sagen sich das täglich in Schweizer Schulen tausendfach, ohne dass es Anlass zur Besorgnis geben würde. Steht es aber da und wird aus dem Kontext gerissen, wird das viel schwieriger zu beurteilen.

Dabei ist das Argument, jemand habe das anders gemeint, es sei ein Witz gewesen – was auch der Urheber der Geburtstagsdrohung sagt – nur ein Teil dessen, was relevant ist. Einbezogen werden müssen auch die Erwartungen seines Publikums – und davon ist nur ein Teil mit dem Autor bekannt, ein anderer Teil schaut einfach nur zu, weil die Inhalte halb-öffentlich sind.

Die Herausforderung ist groß. Inhalte müssen gedeutet werden. Es gibt nicht einfach Worte, die klar etwas besagen, sondern sie beziehen ihre Bedeutung aus dem Kontext. Damit ist die Justiz überfordert, gerade in Zeiten, in denen jedes Risiko vermieden werden muss. Das zeigt diese Geschichte.