Jugendliche und Datenschutz: Zwischen Paranoia und Naivität

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Ob Jugendliche Vorbilder brauchen, die ihnen eine Rolle vorführen, in die sie schlüpfen können, oder ob sie vielmehr Wegweiser benötigen, die ihnen Hinweise darauf geben, wie sie sich selbst entwickeln können – darüber lässt sich pädagogisch trefflich streiten. Geht es um Datenschutz, fehlt ihnen beides.

Beginnen wir damit, was Datenschutz umfasst. Im Wesentlichen sind es drei Punkte:

  1. Datensicherheit
    Gespeicherte Daten dürfen nur durch Berechtigte abrufbar sein. Der unbefugte Zugriff muss wenn nicht unmöglich, so doch enorm schwer sein.

  2. Information
    Wenn Daten gesammelt werden, dann sollte das direkt bei den Betroffenen geschehen, die dann auch darüber informiert werden.

  3. Zweckgebundenheit
    Die Funktion der Datensammlung und –speicherung sollte klar sein. Ist diese Funktion erfüllt, müssen Daten gelöscht werden.

Data Sets You Free, Tubes

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Erwachsene verhalten sich heute in Bezug auf Datenschutz entweder paranoid oder unbekümmert (Ausnahmen sind solche, die beruflich damit zu tun haben): Sie verweigern jede Preisgabe von Daten, wenn nicht unbedingt nötig. Sie fürchten sich davor, ein Mal zu viel ihre Emailadresse einzutragen, per Telefonbucheintrag Werbung zu erhalten oder bei Meinungsumfragen ihre Anonymität zu verlieren. Ihre Befürchtungen sind irrational und unrealistisch: Sie handeln als steckten hinter Systemen Menschen, die ihnen gezielt Schaden zufügen wollten.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sich über Datenschutz keine Gedanken machen. Ihre Telefonbücher mit sozialen Netzwerken synchronisieren, Fotos ihrer Kinder und Freunde über Facebook teilen und ihr Privatleben mit Geodaten dokumentieren. Sie handeln naiv, weil sie ignorieren, dass Systeme, die vorgeben, Menschen effizientes Arbeiten und direkte Kommunikation ermöglichen, mit dem Verkauf von Daten Geld verdienen und Menschen so indirekt Schaden zufügen.

Natürlich gibt es hier nicht nur Extrempunkte – aber es gibt wenige Menschen, die sich nicht einer der beiden Kategorien zuteilen lassen. Das hängt damit zusammen, dass es gar keine Werkzeuge mehr gibt, die uns Entscheidungen in Bezug auf Datenschutz treffen lassen:

  • Wer auf Facebook Freunde finden will, muss dem Netzwerk Informationen über Freunde zur Verfügung stellen, ohne wissen zu können, wozu Facebook diese Informationen verwendet.

  • Wer ein Smartphone nutzt, kann gar nicht kontrollieren, was dieses Smartphone für Daten an welche Server schickt und wozu die dort verwendet werden, weil ein Smartphone eine reine Oberfläche als Bedienung anbietet, keine echte  Steuerung.

  • Wer Google nutzt, muss damit rechnen, dass Suchanfragen getrackt werden und Dritte ein Profil der eigenen Vorlieben und Interessen anlegen, das sie an Vierte verkaufen.

So naiv das Vertrauen in große Unternehmen ist, so lähmend ist generelles Misstrauen. Das Resultat – und hier kehren wir wieder zu den Jugendlichen zurück – ist fatal: Datenschutz betrifft auch kleinräumige soziale Netze wie eine eine Schulklasse oder eine Schule. Unter welchen Umständen darf jemand eine Handynummer weitergeben? Ganz einfach: 1. Wenn die Information sicher gespeichert wird, 2. wenn die Nummer von der betroffenen Person selbst weitergegeben wird und 3. wenn die Weitergabe einen klaren Zweck hat.

Nur  – wie lernen das Jugendliche, wenn nicht einmal Lehrpersonen und Schulleitungen das verstehen und die eingesetzten Systeme so konfigurieren können, dass sie das erlauben? Wie können sie in Zeiten von cloudbasierten Smartphones verstehen, wie sie Datensicherheit herstellen können? Wer hindert Konzerne daran, die Daten von Jugendlichen (und Erwachsenen) ungefragt zu beziehen, wenn die Geheimdienste aller westlichen Länder mit Regierungsauftrag an diese Daten gelangen wollen oder müssen?

The Author

philippe-wampfler.ch

1 Kommentar

  1. martinlindner says

    sehr gut zusammengefasst. ich finde, man sollte die „kritischen linien“ markieren:

    – mein geld (mein konto) ist im spiel. da wäre ich so paranoid wie möglich.
    – mein klarname ist im spiel. ich verstehe überhaupt nicht, warum jugendliche überhaupt mit dem klarnamen ins netz gehen. das ist eine ressource, die man erst viel später braucht und verantwortlich verwalten muss.
    – mein soziales netz ist im spiel (es kann dann ungute rückkopplungseffekte geben, das ist auf „community of interest“-plattformen etwa nicht so).
    – meine seelische substanz ist im spiel (das macht mich verletzbar, das sollte ich entsprechend vorsichtig agieren).

    man kann auch noch das eigene datenprofil nennen (also abgekoppelt vom klarnamen), aber das ist eine recht anspruchsvolle, eher politische perspektive.

    gibts da noch andere „kritische linien“?

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