Meine Eindrücke zur Trollcon in Mannheim

Die erste Trollcon ist Geschichte. Ob es noch eine Trollcon braucht oder ob das Thema »Trolle« erschöpft ist, wird sich zeigen. Meinen Beitrag zur Trollcon werde ich genauer präsentieren, wenn Bilder bzw. ein Mitschnitt verfügbar ist – vorerst einige Bemerkungen zum Thema und zur Veranstaltung.

Der »Hackerspace« RaumZeitLabor in Mannheim bestimmte das Setting der Veranstaltung. Auch wenn ich durchaus mit Netzthemen vertraut bin – die anwesende Szene hat mich doch überrascht: Diese Piraten/Hacker/Nerds in den Kaputzenpullis, die an dunklen Laptops farbige Programmzeilen eintippen, kastenweise Mate trinken und nebenbei Smartphones lasergravieren oder mit 3D-Druckern spielen – die gibt es. Für mich als Mann war die Atmosphäre nett, locker lustig – alles war unkompliziert, das Essen gut. Ganz herzlichen Dank für alles – auch wenn jetzt noch Kritischeres kommt – das meine ich ernst!

Die Leute, die in diesem RaumZeitLabor ihre Zeit verbringen, hatten die Trollcon konzipiert. Damit hängt eine gewisse Faszination für Trolle zusammen: Trollen, so hatte ich den Eindruck, wird primär als Quelle der Unterhaltung betrachtet. Einige schienen etwas überrascht davon, dass das Thema von Referentinnen und Referenten diskutiert wurde, die fundierte Thesen präsentierten. Entsprechend war die Kritik auf Twitter – der Verantsaltung wurde ein undifferenziertes, verhamlosendes Troll-Verständnis vorgeworfen.

Es zeigten sich zwei große Fragen in der Diskussion:
a) Können Trolle überhaupt positive Effekte hervorrufen oder positiv interpretiert werden?
b) Verfolgen Trolle ein Ziel, haben sie eine Utopie? Wünschen sie sich eine Welt, in der alle trollen oder eine, in der trollen nicht mehr möglich ist?
Die Fragen sind schwer zu beantworten und hängen – das war zu erwarten – von der Definition der Figur Troll ab. Wer einfach Provokationen oder das Stören von Kommunikation als Troll-Verhalten (um-)interpretiert, trägt kaum zu einer ergiebigen Diskussion bei. Ich werde meine eigenen Überlegungen hier nicht einfließen lassen, sondern im Beitrag zu meinem Vortrag festhalten.

Enorm erstaunt hat mich, wie sehr Julia Seeliger die Anwesenden provozieren konnte. Ihr Vortrag zu »Trollfeminismus« enthielt Vorschläge, wie der feministische Diskurs durch Troll-Methoden Probleme angehen könnte, an denen er immer wieder scheitert. Einige feministische Bemerkungen zum Thema Gender im Hackerspace RaumZeitLabor führten zu heftigen Reaktionen. Mir war, als hätte sie einige der Anwesenden brutal getrollt – obwohl ich gar nicht verstand, was an ihren Bemerkungen überhaupt solche Effekte ausgelöst hat. Grundsätzliche feministische Überlegungen scheinen immer wieder eine Erklärung elementarer Zusammenhänge zu erfordern. Wer feministische Thesen vertritt und entsprechend Kritik äußert, muss damit rechnen, an- und abwesend belacht und verhöhnt zu werden.

Seeliger auf der Trollcon.

Damit wage ich es doch, die Frage nach den positiven Effekten zu beantworten. Trolle zwingen ihre Gegenüber in kommunikative Situationen, in denen sie nicht sicher sind, wie sie sich verhalten werden. Sie in ihren Reaktionen Vorstellungen und Regeln explizit machen, die vorher weder bewusst noch diskursiv zugänglich gemacht waren. Der Hackerspace RaumZeitLabor, so meine Interpretation, verstand sich vor der Tollcon als genderlosen oder post-gender Raum: Das Geschlecht der Anwesenden, so die implizite Vorstellung, spielt keine Rolle. Ob Frau, Mann oder Pony: Am Laptop klimpern, bastlen und Mate trinken dürfen und können alle. Dann kam eine feministische Journalistin und zeigte mit ihrer Kritik, dass Geschlecht nur so lange keine Rolle spielt, wie man nicht genau darüber nachdenkt und spricht.

Mein Fazit der Trollcon: Ein Abwesender, ein Soziologe, ein Lehrer, eine Philosophin und ein Pädagoge können einen Hackerspace nicht trollen. Eine Feministin schon.

Rezension: Passig/Lobo – Internet. Segen oder Fluch

Das Autorenteam Kathrin Passig und Sascha Lobo unternimmt mir ihrem neuesten Buch den Versuch, die Debatte ums Internet zu verflüssigen und in konstruktive Bahnen zu lenken.

Der dringend notwendige Diskurs um das Internet, seine Bedeutung für unser Leben und seine Folgen ist ritualisiert und erstarrt. (7)

Passig und Lobo. Flickr: simsullen. CC NC-BY-NC 2.0

Es handle sich um einen »dauerhafteren, komplexeren Konflikt, mit dem wir einen Umgang finden müssen« (9). Das tun sie, indem sie die »zentralen Eckpunkte« der Debatte – das kleine Wortspiel stammt aus diesem Vortrag von Sascha Lobo – humorvoll aufrollen, zeigen, welche Argumente sich erschöpft haben und die Diskussion nicht vorwärtsbringen und was eigentlich – das das unterliegende Hauptthema des Buches – denn wirklich spezifisch mit dem Internet zusammenhängt und was allgemeine Probleme der Menschheit, ihres Umganges mit Technologie und mit Informationen sind:

Die Digitalisierung färbt die Welt nicht schwarz-weiß, nur weil sie mit Nullen und Einsen zu tun hat, ebenso wenig wie Geigen den Konzertsaal in einen Schafstall verwandeln, nur weil sie mit Darmsaiten bespannt sind. Technik beantwortet die einfachen Fragen […] Alle wirklich interessanten Probleme existieren nach der Erfindung neuer Techniken ungerührt weiter. Was im Umkehrschluss aber auch bedeutet, dass alle angeblich durch Technik in die Welt kommenden Probleme entweder vorher schon existiert haben oder einfach nicht sehr interessant sind. (298)

Wie in einem Auszug auf SPON nachzulesen ist, zeichnen Passig und Lobo die Argumente der »Internetoptimisten« und der »Internetskeptiker« nach. Damit gelingt ihnen der »Versuch[] der Vermittlung« (14) zwischen den beiden Positionen ausgezeichnet, obwohl sie nicht verbergen, dass sie die digitale Welt mögen.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum: Internetaffine Menschen finden darin unterhaltsame Vergleiche, Gedankenexperimente und Zusammenfassungen wichtiger Inputs und Debatten, die nicht alle bekannt sind. Aber Internetaffinität ist keine Voraussetzung, es wird erklärt, wie digitale Phänomene zu verstehen sind – und zwar so, dass sich niemand langweilt. (Wenn man den beiden Schreibenden einen Vorwurf machen könnte, dann den, dass sie ihre erste Regel im Umgang mit Metaphern, man solle sie »sparsam und risikobewusst«(48) einsetzen, offenbar beim Schreiben des Buches nicht beachtet haben.)

Ich möchte im Folgenden ein Kapitel genauer zusammenfassen – das über den sozialen Aspekt von Social Media: »Entfremdung und Nähe« (220 – 240). Es wird strukturiert durch »Frontverläufe« (222):

  • Vereinsamung und Gesellschaftsbildung.
    Fazit: »Es gibt Onlinesozialkontakte, wenn man es so empfindet.« (227)
  • Narzissmus und Empathie.
    Fazit: »[…] wenn wir im negativsten Fall annehmen, dass gar nicht zu unterscheiden ist, ob im Netz echte Empathie wirkt oder nur aus narzisstischen Gründen vorgetäuschte Empathie: Das gilt außerhalb genauso. Wenn das Netz schlecht und unsozial sein soll, ist es die Welt auch.« (232)
  • Oberflächlichkeit und Unterflächlichkeit: »Der Programmierspruch: ‚It’s not a bug, it’s a feature‘ kann eben auch für die Oberflächlichkeit gelten. [Es könnte sein, (phw)] dass schwache Verbindungen entgegen der allgemeinen Auffassung geradezu unersetzlich für den sozialen Austausch sind.« (236f.)

Es ist ein geeignetes Kapitel, um festzustellen, wie Passig und Lobo argumentieren: Sie vermeiden Komplexität nicht und sie scheuen sich auch nicht, Fragen zu stellen, Lücken offen zu lassen. Gleichzeitig sind sie äußerst belesen und bringen ihre Sachkenntnis ohne Affekt ein: Sie beschreiben beispielsweise, wie Profile auf Facebook Arbeitspsychologen zu präziseren Einschätzungen von BewerberInnen befähigen als standardisierte Eignungstests.

Wenn aber ein simples, gar nicht darauf zugeschnittenes Facebook-Profil mehr über die berufliche Eignung einer Person sagt als seit vierzig Jahren von Fachleuten für diesen Zweck entwickelte Tests – dann heißt das auch, dass soziale Netzwerke eine ungeahnte Tiefe bergen. (235)

Vergleiche bringen den Leser dazu, sich Fragen zu stellen, deren Antworten er schon zu kennen gemeint hat: So beginnt das Kapitel mit der Aufforderung, sich eine Welt vorzustellen, in der zuerst das soziale Computerspiel und dann das Buch erfunden worden wäre. Wie würden Eltern und ErzieherInnen reagieren, wenn Kinder plötzlich Bücher läsen? (220) Oder: Wurden die ersten Menschen, die sich Kleider angezogen haben, auch als Selbstdarsteller beschimpft? (230)

Fazit: Wer nicht in einer argumentativen Schlaufe in Bezug auf das Internet stecken bleiben will, sondern gewillt ist, sich neu zu orientieren, Argumente zu prüfen, sich anregen zu lassen, der oder die kann im Moment kein bessere, aktuelleres und lustigeres Buch lesen als das von Passig und Lobo. Auf dem »Beipackzettel« von Sascha Lobo kann man auch nachlesen, wann man das Buch lesen soll:

  • […]
  • man technische und gesellschaftliche Hintergründe erfahren möchte zu den meistdiskutierten Netzthemen
  • man wissen will, wo welche Argumente vermieden werden sollten und warum
  • man ernüchtert werden möchte, weil hinter manchen Bereichen der Debatte schlicht unauflösbare Gegensätze stehen (Spoiler: zum Glück nicht hinter allen)
  • man manchmal nachts unter der Bettdecke heimlich daran zweifelt, ob man wirklich überall immer richtig liegt
  • man andere Positionen und ihre Geschichte verstehen möchte
  • kurz: wenn man Teil der Lösung sein möchte und nicht Teil des Problems.

Umgang mit der »digitalen Schnellwelt«

Im Magazin Cicero hat Christian Jakubetz einen präzisen Blogpost publiziert, in dem er die kulturpessimistischen und internet-skeptischen Debatten der letzten Wochen zusammenfasst und darauf reagiert. Er bezieht sich vor allem auf Manfred Spitzer und Anitra Eggler, über die er schreibt:

Beide surfen auf einer Angstwelle und kommen zu der Idee, man müsse diesem digitalen Wahnsinn einfach nur ein paar Grenzen setzen und schon sei alles wieder gut. […] Das Blöde daran ist ja nur, dass uns das alles nicht im geringsten weiter bringt: Weder lässt sich mit der Digitalisierung des Lebens umgehen, indem man nur noch zweimal am Tag Mails liest noch damit, dass man erst im Alter von 14 Jahren regelmäßig an den Rechner darf.

Jakubetz geht davon aus, dass ein Wandel stattfinde, der nicht zu stoppen ist. Die Reaktion der Verweigerung sei zwar naheliegend, aber wertlos.

Dass die Welt etwas schneller und vielkanaliger und natürlich mal wieder etwas komplizierter geworden ist, lässt sich nicht dadurch ändern, wenn man so tut, als wäre es einfach nicht so. […] Digitalisierung [ist] etwas, was es seit Jahrmillionen gibt: eine Evolution, eine Weiterentwicklung – etwas, von dem uns unsere Kinder irgendwann mal ernsthaft fragen werden, wie eigentlich Leben möglich war, bevor es sowas gab.

Deshalb sei keine spezielle Reaktion darauf erforderlich. Der Mensch kenne einfache Lösungen, um mit Überforderung, parallelen Handlungen und hoher Geschwindigkeit umzugehen: Der Glaube an die Richtigkeit des eigenen Handelns, Nachfragen, einzelne Kanäle ausblenden, Störendes ignorieren. Die Digitalisierung bringe hier nichts wesentlich Neues – und deshalb seien auch keine eigenen, spezifischen Haltungen nötig, um dem digitalen Leben zu begegnen, »weil diese digitale Welt so parallel gar nicht ist, sondern in ihren Grundzügen schon ziemlich meiner echten entspricht«.

 

Wie 1.5 Millionen Blogs von Lehrpersonen und ihren SchülerInnen gelöscht wurden

Wie Netzpolitik.org berichtet, wurde die Seite edublogs.org vom Server-Betreiber ServerBeach gelöscht. Die Seite ist momentan erreichbar, ebenfalls die dort gehosteten Blogs.

Die Auskünfte der Betreiber von Edublogs, dem größten Anbieter für Bildungsblogs in den USA, sind trotzdem interessant. Der Schulbuchverlag Pearson hat mit einer DMCA-Takedown-Notice von SeverBeach verlangt, das Angebot von Edublogs zu löschen. Es ging um einen Test eines Psychiaters namens Beck (»Beck’s Hopelessness Scale«), mit dem er in den 1970er-Jahren Einschätzungen für Suizidrisiken vorgenommen hat. Das File ist immer noch verfügbar, es ist im Google-Cache gespeichert.

Pikant an der Geschichte sind folgende Tatsachen:

  1. Die Skala wurde 2007 publiziert.
  2. Pearson verlangt $120 für dieses Skala, die wenige Fragen umfasst.
  3. Pearson verlange nicht, dass die Skala gelöscht wird, sondern alle 1.5 Millionen Blogs.
  4. ServerBeach hat dieser Aufforderung Folge geleistet.

Man lernt daraus: Wer Blogs sicher publizieren will, darf sich nicht von Plattformen abhängig machen. Dasselbe könnte theoretisch auch wordpress.com passieren, wo dieser Blog gespeichert ist. Wer solche Dienste nutzt, muss regelmässige Backups anlegen, sonst könnten alle Daten verloren gehen – nicht wegen eines eigenen Fehlers, sondern wegen jemandem, der ebenfalls diesen Dienst nutzt.

»dark social« – das Netz war schon immer sozial

Technikjournalist Alexis Madrigal diskutiert im Atlantic die Frage, ob Effekte, wie sie in Social Media sichtbar werden, nicht schon immer zur Struktur des Internets gehört haben. Er summiert diese Effekte unter dem Begriff Dark Social:

My whole Internet life involved sharing links with local and Internet friends. How was I supposed to believe that somehow […] Facebook created a social web out of what was previously a lonely journey in cyberspace when I knew that this has not been my experience?
[Übersetzung phw:] Zu meinem Leben im Internet gehört immer, dass ich Links mit Bekannten und Internet-Freunden geteilt habe. Wie könnte ich glauben, dass Facebook ein soziales Netz aus etwas geschaffen habe, was vorher eine einsame Reise im Cyberspace war, wenn das überhaupt nicht meiner Erfahrung entsprach?

Zum Bereich Dark Social gehören Links, die man per Email oder in Chats verschickt, in Unterlagen abdruckt etc.

Madrigal begann, diese Effekte zu messen. Die unten stehende Grafik Seitenaufrufe auf The Atlantic, mit denen direkt einzelne Artikel aufgerufen werden (Suchmaschinen sind weggelassen, Links von Startseiten aus ebenfalls). Dark Social bringt 2.5x so viel Traffic wie Facebook, auch mehr als alle Suchmaschinen kombiniert.

Der Effekt, so Madrigal, ist auf anderen Seiten ähnlich, teilweise sogar größer.

Er zieht darauf folgende Schlüsse:

  1. Es bringt verhältnismässig wenig, Twitter und FB-Aktivitäten zu optimieren, wenn man viele Besucherinnen und Besucher auf seine Seiten locken will. Dark Social ist nicht beeinflussbar.
  2. Social Media hat soziale Funktionen nicht eingeführt, sondern strukturiert und sichtbar gemacht. Sie machen User zu öffentlichen Personen, die auf ihren Profilen soziale Interaktionen publizieren. Das hat Vor-, aber auch Nachteile: Es existieren mehr Daten, die unterschiedlich genutzt werden können.
  3. Menschen haben soziale Netzwerke mit den technologischen Mitteln des Web 1.0 konstruiert.  Die Geschichte des Internets geht zu stark von den technischen Möglichkeiten aus, nicht von ihrer Benutzung.

Madrigal schließt mit einem interessanten Fazit:

We’re not giving our personal data in exchange for the ability to share links with friends. Massive numbers of people — a larger set than exists on any social network — already do that outside the social networks. Rather, we’re exchanging our personal data in exchange for the ability to publish and archive a record of our sharing. That may be a transaction you want to make, but it might not be the one you’ve been told you made.
[Übersetzung phw:] Wir tauchen unsere Daten nicht geen die Möglichkeit ein, Links mit Freunden zu teilen. Viele Menschen tun das bereits außerhalb von sozialen Netzwerken. Vielmehr tauschen wir persönlichen Daten gegen die Möglichkeit ein zu publizieren und unsere Aktivitäten archivieren zu können. Natürlich kann man das tun, aber vielleicht ist es nicht das, was einem gesagt wurde.

Rezension: Bert te Wildt – Medialisation

Bert te Wildt ist Oberarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin an der medizinischen Hochschule in Bochum. Dieses Jahr ist bei Vandenhoeck & Ruprecht sein Buch mit dem Titel »Medialisation. Von der Medienabhängigkeit des Menschen« erschienen. Im Folgenden eine Rezension, die wiederum zwei Teile aufweist: einen zusammenfassenden und einen kritisch-wertenden. (Kleine Anmerkung: Ich bin daran interessiert, solche Rezensionen auch in anderen Publikationen unterzubringen und würde sie auch entsprechend umschreiben. Kontakt.)

Das Buch beschreibt das Phänomen der Medialisation, das der Autor wie folgt definiert:

Medialisation meint die kollektive Umsiedlung des Menschen in denjenigen medialen Raum, in dem er sich seine individuellen und kollektiven Träume zu erfüllen hofft. (13)

 Auch wenn Medien den Menschen als solchen überhaupt erst ausmachen, schon immer ausgemacht haben, und das Leben der Menschen schon immer auch in einem medialen Raum stattgefunden hat, so sind wir daran, einen entscheidenden Schritt zu erleben: das Mediale wird zum »entscheidenden Referenzbereich« (wenn ich etwas erlebe, so muss ich es filmen oder fotografieren) und auch zum »zentralen Lebensbereich« (16).

Diesen Umbruch behandelt te Wildt nun kritisch und stellt die Frage nach der Möglichkeit und Bedeutung einer Medienabhängigkeit des Menschen. Damit meint er nicht nur ein pathologischen Phänomen von Mediensüchtigen, sondern ganz allgemein die Vorstellung, dass Medienabhängigkeiten den Menschen ausmachen könnte. Diesem Themenfeld nähert sich te Wildt von den verschiedenen Mediendisziplinen her, denen er jeweils ein Kapitel widmet: Mediengeschichte, -theorie, -technologie, -ökonomie, -soziologie, -psychologie, -anthropologie, -pädagogik, -politik, -ästhetik und Medienphilosophie.

Der zentrale Gedanke dabei ist, dass die Omnipräsenz des Medialen dazu führt, dass Bedürfnisse unmittelbar gestillt werden können. Technische Möglichkeiten machen Menschen dabei zu Kleinkindern, so te Wild: Sie geben jedem Trieb nach und befriedigen ihn virtuell. Dabei vernachlässigen sie ihre »realen«, d.h. körperlichen und existenziellen Bedürfnisse und decken sie mit simulierter Befriedigung zu (98ff.). Diese Simulation versagt aber im Ernstfall:

[Im Internet] wird kein Hungernder satt gemacht, kein Mensch umfassend geliebt, kein Kind gezeugt und geboren, kein Kranker gepflegt und kein Sterbender begleitet und beerdigt. (120)

Medienabhängigkeit ist ein Risiko, dem Arme stärker ausgesetzt sind: Ähnlich wie beim Essen werden sich einen gesunden Zugang zur Realität, d.h. die Erfahrung des eigenen Körpers in der Natur, nur noch Reiche leisten können (101ff.); gleichzeitig ist Medienabhängigkeit aber auch ein Armutsrisiko – wer in die Sphäre des Medialen und Virtuellen abdriftet, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit arm als ander Menschen.

Das psychologisch tiefgründigste Argument hat mit dem Bewusstsein zu tun. Es entsteht durch die Kopplung von innerer und äusserer Wahrnehmung (112). Nun gibt es nach te Wildt zwei Arten von Medialität: intrapsychische (Introspektion) und extrapsychische (Abstraktionsfähigkeit) (184f.). »Medialisation« verhindert durch ein Übergewicht von extrapsychischen, kollektiv entstandener Medialität den Aufbau einer intrapsychischen, individuellen. te Wildt bringt das verständlich auf den Punkt:

Wird das Kind mulitmedial von kollektiven Vorstellungsbildern überflutet, so fehlen ihm die Zeit und der Raum, innerhalb seiner selbst eine mentale Sphäre auszubilden, die noch dann existiert, wenn alle Medien abgeschaltet sind. (191)

Pädagogisch plädiert te Wildt für die Erfahrung des Körpers, das Hervorbringen der Stimme, der Schrift mit nicht abstrahierten Mitteln. Computer und Internet können allenfalls Erfahrungen begleiten, nicht aber ersetzen.

Dieses Argument begründet er auch mit differenzierten Bemerkungen zur Medienabhängigkeit oder -sucht als Krankheit. Anders als Spitzer zeigt er genau, weshalb er Medienabhängigkeit als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet (139ff.):

  • Es tritt zwar oft mit anderen Krankheitsbildern (Depressionen, Angststörungen) zusammen auf, aber das ist auch bei stoffgebundenen Abhängigkeiten meist der Fall. Die Medizin gibt keine Kausalität vor (waren zuerst die Depressionen und dann die Abhängigkeit oder umgekehrt), sondern beschreibt Phänomene.
  • Medienabhängigkeit betrifft hauptsächlich Heranwachsende, ihre Folgen sind daher besonders verheerend.
  • Medienabhängige verlagern Beziehungen und Beziehungsarbeit ins Mediale. Sie erstellen Profile oder Avatare ihrer selbst, an die zentrale Beziehungen anknüpfen. So sind sie gezwungen, viel Zeit dafür aufzuwenden, was den Suchtcharakter verstärkt, gleichzeitig erleben sie aber zufällige Ausschüttungen von Belohnung, wie das bei Glücksspielen der Fall ist, für die es auch eine medizinisch anerkannte Abhängigkeit gibt.
  • Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führt dazu, dass »das empathische Moment leide[t] oder gar verkommen könnte« (220). Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie ausserstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen.
  • Medien bieten die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften auseinander – kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, werden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht (172).

te Wildt fordert intensivere Forschung, bevor gesagt werden könne, welche Therapieansätze sich als wirksam erweisen können (144ff.).

Medialisation, so kann zusammenfassend gesagt werden, ist gefährlich, weil Funktionen des menschlichen Daseins und Zusammenlebens in die virtuelle Sphäre ausgelagert werden und niemand sagen kann, wer die kontrolliert oder allenfalls manipuliert (124).

Im Schlussteil des Buches fragt te Wildt nach den Möglichkeiten einer Metamorphose des Menschen, der Lösung des Bewusstseins vom Körper. Bislang handle es sich »beim virtuellen Universum [aber um] nicht mehr als ein Versuch, im besten Falle eine Vorbereitung des Menschen, sich einer Metamorphose zu unterziehen« (250). Das Fazit lautet dann:

Die vielfältige Realitätsflucht des Menschen am Scheideweg wird hinter dem Hunger nach realer Nahrung zu einem der größten globalen Probleme, nicht zuletzt deshalb, weil sie uns von den wirklich drängenden Fragen der Menschheit abhält. Im besten Falle können wir lernen, in beiden Welten, der konkreten und der virtuellen Realität, zu leben und die eine für die andere nutzbar zu machen. Da die pathologische, die medienkritische Sicht das mediale Gesamtbild in den bisherigen Ausführungen getrübt haben mag, darf nicht unerwähnt bleiben, dass die neuen Technologischen, gerade auch das Internet, organisatorisch und bildungstechnisch nutzbar gemacht werden können, um den weltweiten konkret-realen Nöten beizukommen. Ds wäre eine Art von Medialisation, die die Zivilisation nicht ablöst, sondern erreicht, unterstützt und vielleicht auf eine höhere Ebene trägt. […] (251)

* * *

te Wildt ist belesen, er schreibt differenziert, entwickelt Gedankengänge und Argumente sauber und definiert zentrale Begriffe. Das macht das Buch lesenswert, es ist eine Fundgrube für medienpsychologische und medienphilosophische Zusammenhänge. Der Autor will aber zu viel: In einer tour de force befragt er alle Medienwissenschaften, stellt zu viele Zusammenhänge dar und wiederholt sich nicht zuletzt. Das Buch ist zu lang geraten. Die Hauptargumente sind in ihm verborgen. Wünschenswert wäre ein weniger umständlicher Aufbau gewesen: Einen anthropologisch-theoretischen Zugang zum Menschen als Medienwesen und konkrete, praktische Aussagen zu Medienabhängigkeit als Krankheit und zu Therapiemöglichkeiten.

Die Wahl eines rein theoretischen Ansatzes verhindert, dass nicht-geschulte Leserinnen und Leser sich anhand von Beispielen Vorstellungen machen können, wie denn die neue Medienwelt konkret funktioniert, welche Spiele gespielt werden, wie der Sog der Interaktivität konkret wirkt. Es werden keine Fallbeispiele genannt, nicht einmal konkrete Software findet Erwähnung – auch wenn man leicht schließen kann, dass das Buch hauptsächlich auf dem Umgang mit World of Warcraft beruht.

Es ist te Wildt zugute zu halten, dass er kaum wertet. Er stellt Zusammenhänge dar, wirft Fragen auf, aber er malt keine Katastrophenszenarien und hält immer wieder fest, dass Medialität auch viele Möglichkeiten bereit hält. Er ist nie dogmatisch. Ein Schlüsselzitat dazu darf man sich für medienpolitische Debatten merken:

Es ist bisher nicht möglich zu sagen, ob die negativen oder positiven Passungen im Netz überwiegen. Momentan hängt diese Einschätzung nicht von wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen ab, sondern vom eigenen Weltbild. (119)

Pathos dringt nur stellenweise durch, vor allem die Forderung nach Medienabstinenz in der Erziehung reißt te Wildt dazu hin, leicht emotional zu werden und Menschen, die eine Beschränkung der Möglichkeiten des Internets verhindern wollen, die Fähigkeit abspricht, ihre Kinder zu erziehen (203f.).

Es gibt aber einige Klischees über neue Medien, die te Wildt gerne und ohne Nachweis durch Studien übernimmt: Im Internet sei es »einfacher einen Sexualpartner zu finden als einen Liebespartner« (121), Blogs und Twitter seien Ausdruck einer tiefen Verunsicherung (169f.), viele Filme würden gegen den Willen der Betroffenen ins Internet gestellt (221) und der Konsum von Kinderpornografie im Internet stelle »längst keine Randerscheinung mehr« dar (ebd.). Auch die Formulierung, die »eigene virtuelle Freiheit [höre da auf], wo die virtuelle Freiheit des Anderen anfängt« (89) greift einen Gedanken auf, der durch die virtuelle Dimension noch unklarer wird: Wo ist denn überhaupt die Grenze, wo die Freiheiten aneinander stossen? Und wie soll ich eine Grenze von aussen sehen, die sich mir immer nur von innen präsentiert? Und wie zieht man im »Cyberspace«, der ja gerade nur metaphorisch ein Ort ist, eine Grenze?

Problematisch erscheinen mir te Wildts Einschübe von unreflektierten Gemeinplätzen aber nur bei einem zentralen Argument: Das Internet führe zu einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung, während Medien wie »eine […] Tageszeitung, ein Buch oder eine Nachrichtensendung« bewusst gewählt werden. Diese Abgrenzung erscheint sehr künstlich, was in te Wildts unsorgfältiger Mediendefinition liegt: Während er in der Einleitung Definitionen einen eigenen Abschnitt widmet und dort angibt, er werde mit der Definition von Mike Sandbothe arbeiten: »Medien sind Werkzeuge zwischenmenschlichen Handelns« (Sandbothe, zitiert S. 30).

Nun ist – und das hält te Wildt explizit fest – natürlich auch Gespräche Medien, Gesang, Handgeschriebenes, Bücher, Zeitungen etc. Wenn man nun einen qualitativen Bruch beschreiben möchte, dann reicht es meines Erachtens nicht aus darauf zu verweisen, die Funktionsweise eines Computers würde nicht verstanden (189), die eines Bleistifts hingegen schon. Menschen verstehen meist nicht, wie der Herstellungsprozess von Büchern oder Zeitungen funktioniert, sie lesen sie trotzdem mit Gewinn. Der springende Punkt ist gerade die Bewusstseinsbildung, die te Wildt sauber erklärt, die aber eine unscharfe Grenze darstellt: Man kann den Ort nicht bezeichnen, an dem ich mich durch soziale Medien fremdbestimmen und manipulieren lasse, von ihnen abhängig werde. Diese Prozesse sind nicht notwendigerweise mit dem Internet oder der Digitalisierung verbunden – aber sehr häufig.

Letztlich verfällt te Wildt der biogenetischen Grundregel, also der Vorstellung, die Entwicklung des Menschen vom Säugling zum Erwachsenen sei eine Art Nachvollzug der Entstehung der Menschheit als Art. So postuliert er, jede Medium habe »seine Zeit« – und Bildschirmmedien, wie von Spitzer und anderen festgehalten, dürften erst von Erwachsenen genutzt werden. Dieser Grundgedanke kann kaum begründet werden – auch wenn die pädagogischen Konsequenzen darauf durchaus einleuchten mögen.

Eine Antwort auf eine entscheidende Frage vermag te Wildt nicht zu bieten. Er zitiert Günther Anders »Die Antiquitiertheit des Menschen« von 1956, der schreibt:

Denn aus der Unterstellung, wir, ausschließlich mit Ersatz, Schablonen und Phantomen genährte Wesen wären noch Iche mit einem Selbst, könnten also noch davon abgehalten werden, ‚wir selbst‘ zu sein oder zu ‚uns selbst‘ zu kommen, spricht vielleicht ein heute nicht mehr gerechtfertigter Optimismus. Liegt nicht der Augenblick, in dem ‚Entfremdung‘ als Aktion und Vorgang noch möglich ist, bereits hinter uns? (Anders, zitiert S. 101)

In seiner Konsequenz bedeutet dieser Gedanke, dass keine Trennung zwischen »realen« und »virtuellen« Bedürfnissen mehr möglich ist. Die scheinbar simulierte Bedürfnisbefriedigung wäre dann die echte und die Forderung, den Körper in der Natur zu entwickeln eine normative, die dem Fehlschluss unterliegt, der Wert der Natur sei deshalb höher zu werten als die Virtualität, weil es sie schon immer gegeben habe. Wie kann man hier sauber argumentieren und trennen?

(Am 28. Oktober 2012 ist diese Rezension in der Ausgabe 8(2) von e-beratungsjournal.net erschienen.)

Der erste Facebook-Werbespot

Letzte Woche hat Facebook vermeldet, eine Milliarde aktive Nutzer zu haben – und feiert diesen Erfolg mit einem Werbefilm, den Starregisseur Alejandro González Iñárritu gedreht hat (21 Grams, Babel).

 

Der Werbespot versucht, in die Tiefe zu gehen. Er benutzt dafür das Symbol des Stuhls – ein problematisches Symbol: Clint Eastwood hat es politisch aufgeladen, als er am Nominationskongress der Republikaner in Florida eine Rede an einen leeren Stuhl gehalten hat, wobei er so tat, als sässe Präsident Obama drauf. Der Stuhl steht also für einen demokratischen Präsidenten und gleichzeitig auch für einen gealterten Schauspieler und Regisseur, dessen politisches Engagement Auslöser für viel Spott und Häme gewesen ist.

Die Tiefe des FB-Clips ist denn auch arg gekünstelt und gesucht. Von den Stühlen geht es dann sehr schnell über zu einer Nation (FB wird oft als Nation bezeichnet, v.a. um seine Grösse erfassen zu können), die seltsam apolitisch erscheint: Nichts sagende Fahnen mit applaudierenden Menschen vor einem Regierungsgebäude, in dem nichts passiert (was für ein Bild für Facebook). Und dann kommt noch das Universum ins Spiel und man wundert sich: Habe ich nun gerade einen wunderbaren Werbespot gesehen oder einen komplett doofen? Auch hier wieder: Keine schlechte Beschreibung für das, was Menschen auf Facebook machen.

Die Tatsache, dass wir den Film auf Youtube ansehen, zeigt auch die Grenzen von FB: Wie Daniel Miller in seiner Studie überzeugend gezeigt hat, wird FB zwar von unterschiedlichen Kulturen als jeweils ganz anderes soziales Instrument eingesetzt – aber nie als Universalinstrument (benutzen alle Kulturen Stühle? – eher nicht…). FB ist nicht das ganze Internet (hier hat sich Miller getäuscht) und wird es wohl auch nicht werden.

Youtube hat dann natürlich seine eigenen Gesetze – sofort reagieren andere Filmemacher humoristisch auf die Vorlage und verhunzen sie. Sie bietet sich an dafür, könnte man sagen.

Sichere Passwörter

**Diese Anleitung wurde im April 2014 überarbeitet.**

Inspiriert von einem dichten Text im Guardian einige Gedanke zur Sicherheit von Passwörtern. Eigentlich wäre es ganz einfach – man könnte den Tipps von Google folgen:

  • Ein anderes Passwort für jeden Account.
  • Lange Passwörter.
  • Verschiedene Zeichen benutzen, nicht nur Buchstaben.
  • Erinnerungen an Passwörter an einem sicheren Ort lagern.
  • Zusatzoptionen wie Google 2-step-verification, Facebooks Anmelde-Benachrichtigungen und Passwort-Recovery nutzen.

Gerade der letzte Punkt kann im Notfall entscheidend sein: Man kann so Konten retten, wenn man den Verdacht hat, sie seien kompromittiert worden. Die meisten Dienste verschicken Erinnerungsemails, sobald ein Passwort geändert wird etc.

Welche Tipps nichts taugen, zeigt dieser Beitrag sehr schön auf. Das Fazit dort: Passwörter müssen sehr, sehr lang sein!

Im Guardian wird die Frage aufgeworfen, mit welchem Bedrohungsszenario man bei der Wahl von Passwörtern rechnet. Die meisten Menschen werden von Systemen unter Druck gesetzt, komplizierte Passwörter mit Zahlen, Sonderzeichen und Buchstaben zu wählen. Das führt dazu, dass sie sich ein kompliziertes Passwort ausdenken, das sehr sicher ist – aber für alle Konten gleich eingesetzt wird. Dafür schreiben sie es, wie sie das gelernt haben, nicht auf – damit es niemand findet.

Die am häufigsten verwendeten Passwörter. Disclosure Project von Dazzlepod, veröffentlicht in InformationWeek BYTE ‚Top 5 Password Managers‘.

Die Frage ist nun: Vertraut man seiner Familie oder dem Arbeitsumfeld mehr als russischen Hackerinnen und Hackern, die folgendermassen vorgehen:

  1. Sie hacken einen Betreiber eines Online-Dienstes.
  2. Sie stehlen die Login-Informationen, die meist verschlüsselt sind.
  3. Sie versuchen, die Verschlüsselung zu knacken – ohne Tricks, mit roher Gewalt.
  4. Haben sie ein Passwort, versuchen sie darüber Zugriff zu anderen zu erlangen.
  5. Resultat: Im schlimmsten Fall: Alle Konten weg, alle Geräte komplett gelöscht, Geld weg.

Die »rohe Gewalt« führt einfacher zum Ziel, wenn Passwörter kurz sind. Es ist völlig egal, wie viele Sonderzeichen sie enthalten: Ein Computer probiert die alle durch. Faustregel: Ein Passwort mit 5 zufälligen Zeichen kann in drei Stunden geknackt werden, eines mit 20 nie (das ist nur leicht übertrieben).

Die Lösung wäre folgende:

  1. Für jeden Account ein anderes Passwort.
  2. Passwörter in folgender Form verwenden: Buchstabe+Buchstabe+Buchstabe+Buchstabe+… ohne je ganze Wörter zu verwenden. Idealerweise bildet man einen Satz: Zürich ist die schönste Stadt der Welt und verwendet z.B. von Nomen die ersten beiden, von allen anderen Wörter den ersten Buchstaben: ZueidsStdWe. Ums noch ein bisschen besser zu machen, nummerieren wir die Nomen zuästzlich: 1Zueids2Std3We. Leicht zu merken, aber lang und komplex genug, um kaum knackbar zu sein.
  3. Passwörter im Notfall aufschreiben.

Wörter sollten unbedingt vermieden werden, weil Hacker gezielt nach häufigen Wörtern in Passwörtern suchen. Profis können aus verschlüsselten Passwortlisten innert Stunden 60 bis 90% der Passwörter ermitteln.

Wer damit Probleme hat, sollte einen Dienst wie 1Password verwenden – wie das geht, habe ich hier notiert. Dort werden Passwörter automatisch verschlüsselt notiert – und zwar auf jedem Gerät, das man verwendet.

(Die Illustration zeigt die Passwort-Daten, die vom Disclosure Projekt gesammelt werden – eine Seite, auf der alle veröffentlichen Passwörter publiziert werden, damit man nachsehen kann, ob man Opfer von Hacker-Angriffen geworden ist.)

Die Methode von XKCD, bei der Wörter kombiniert werden, funktioniert nicht mehr, weil Hacker diese Methode bereit kennen, wie Bruce Schneier ausführt:

Social Media Guidelines – eine allgemeine Perspektive

Ich habe sowohl für Schulen wie auch für Lehrpersonen festgehalten, wie Social Media Guidelines aussehen könnten. Ausschnitt.de hat in einer Studie 132 Social Media Guidelines untersucht und Experten dazu Stellung nehmen lassen – und eine sehr lesenswerte Studie publiziert (pdf).

Ich möchte dazu einen interessanten Gedanken von Mario Sixtus präsentieren und danach die wichtigsten Erkenntnisse als Infografik vorstellen.

Sixtus schreibt in seinem kurzen Text eine schlaues Plädoyer, weshalb Organisationen (auch Schulen) keine Social Media Guidelines verwenden sollen. Sein Hauptargument:

Laut vieler Guidelines wünschen sich Unternehmer, dass ihre Mitarbeiter im Social Web „ehrlich”, „authentisch”, „respektvoll”, und „höflich” auftreten (an dieser Stelle bitte Loriot mit einem „Ach was!?” imaginieren), bedeutet das im Umkehrschluss, dass die gleichen Mitarbeiter außerhalb des Social Web, also im so genannten „echten Leben”, „unehrlich”, „gekünstelt”, „respektlos” und „unhöflich” auftreten dürfen? Wer Sonderregeln für das Verhalten im Internet einführen will, beweist damit nur, dass er selbst noch nicht im Internet-Zeitalter angekommen ist, dass das Web für ihn ein fremder Ort ist.

Es würde also genügen, allgemeine Verhaltensregeln für die Öffentlichkeitsarbeit und für die Vertraulichkeit von Informationen zu etablieren – unabhängig davon, ob man damit traditionelle Medien, Kaffeeklatsch oder Facebook meint.

Die wichtigsten Punkte der Infografik vorweg (sie werden im Gesamtdokument alle genauer erläutert):

  • Verbindliche Guidelines sind oft unfreundlich formuliert.
  • Arbeitgeber wünschen, dass Angestellte im Netz identifizierbar sind.
  • Wichtig wäre, dass es auch offizielle Social Media Kanäle der Unternehmen gäbe – oder zumindest Ansprechpersonen, die in der Guideline erwähnt werden.
  • Nur ein Drittel der Guidelines ermuntert Angestellte, auf Social Media aktiv zu sein.

Ein gelungenes Beispiel einer Guideline ist meines Erachtens die des Kantons Aargau – sie gilt für alle Staatsangestellten, auch für Lehrpersonen.

 

Social Learning

Ich möchte kurz auf eine lesenswerte Einführung zu Social Learning hinweisen, die Jochen Robes für das Didacta Magazin (3/12) geschrieben hat. Er definiert Social Learning wie folgt:

Vor diesem Hintergrund umfasst Social Learning das informelle, selbstorganisierte und vernetzte Lernen, das durch
Social Media und soziale Netzwerke unterstützt wird. Aus Sicht des einzelnen Nutzers kann Social Learning ein alltäglicher, bewusst oder unbewusst ablaufender Prozess sein.
Aus Sicht der Bildungsinstitutionen oder Lehrenden geht es dagegen um die unterschiedlichen Wege, das Potenzial dieser Netzwerke und Tools gezielt für die Verbesserung der eigenen Lehr- und Lernpraxis zu nutzen.

Zum ganzen Artikel (pdf) führt ein Klick auf das Bild…