Wie Algorithmen unser Leben verändern werden

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Niemand weiß, wie die digitale Welt in 10 Jahren aussehen wird. Während sich die westlichen Gesellschaften in den letzten 50 Jahren nur marginal verändert haben, ändern sich digitale Praktiken sehr schnell: Wir haben alle die Zeit erlebt, in der wir mit Pseudonymen im Internet aktiv waren – heute sind die meisten von uns mit unserem Namen präsent; ohne dass sich viele Menschen überlegt haben, warum das so sein könnte.

Blicke ich in die digitale Zukunft und damit auch in die Zukunft von Social Media, dann denke ich meist an Algorithmen oder Bots. Die Science Fiction war lange von Robotern geprägt, Menschen nachgebildeten Geräten, die vollautomatisch operierten. Man kann die Form und sogar die Materialität weglassen und einfach von »Handlungsvorschriften, die nach einem bestimmten Schema Zeichen umformen« sprechen – wie das Mercedes Bunz in ihrem hervorragend Buch Die stille Revolution tut. Gibt es solche Handlungsvorschriften, dann gibt es natürlich auch entsprechende Geräte, die sie ausführen können – ohne dass es Menschen dazu braucht. Im Jahre 2020 wird es zwischen 50 und 100 Milliarden Geräte mit Internetanschluss geben; die alle Gegenstände und Lebewesen verwalten, nachverfolgen und orten können, die mit einem RFID-Chip ausgestattet sind. Schon 2007 gab es einen solchen Chip, der so klein wie ein Staubkorn war. Bunz spricht in ihrem Buch davon, dass diese Erkenntnis sofort zu einem Reflex führt, dass man an die totale Überwachung denkt – natürlich nicht zu Unrecht:

Wir sehen nur, wie eine bestimmte Technik in einem historischen Moment  eingesetzt wird, und vergessen darüber, dass man damit auch noch ganz andere, bessere Dinge anstellen könnte. Konzentrieren wir uns noch einmal auf den wesentlichen Aspekt des Internets der Dinge: Es erlaubt uns, Projekte, für die wir neben Menschen und Informationen auch materielle Gegenstände und Räume brauchen, wesentlich schneller, leichter und vor allem kostengünstiger zu organisieren. […] damit verlieren die großen, hierarchischen, über Mitgliedsbeiträge, Steuergelder oder die von Aktionären bereitgestellten Mittel finanzierten Institutionen des Industriezeitalters ihr Monopol auf Unternehmungen eines bestimmten Ausmaßes oder Komplexitätsgrades. (156)

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Während Bunz die Revolution der Algorithmen parallel zur Industrialisierung in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen beschreibt, möchte ich etwas konkreter zeigen, was Algorithmen für unseren digitalen Alltag bedeuten und wie sie heute – vielfach unbemerkt – schon präsent sind. Ich tue das anhand von sechs Beispielen, die ich kommentiere.

  1. Algorithmen in Smartphones erkennen heute automatisch, wie hell sie den Bildschirm stellen müssen, damit wir ihn lesen können; bemerken, ob wir auf den Screen schauen und wie wir das Gerät halten. Sie lernen unser Tipp- und Schreibverhalten und verbessern unsere Fehler automatisch. Sie schlagen uns Musik und Apps vor, die wir wahrscheinlich mögen. Sie kennen unsere Kontakte, wissen, wie und worüber wir mit ihnen kommunizieren.  Sie verbessern unsere Bilder automatisch. Wir werden nicht lange auf die ersten Optionen in sozialen Netzwerken warten müssen, die es erlauben, dass automatisch interessante Statusmeldungen, Bilder oder Videos gepostet werden. Schließlich können Algorithmen problemlos erkennen, nach welchen Mustern wir handeln. Unsere Smartphones werden unsere Umwelt wahrnehmen und in der Lage sein, Ausschnitte daraus zu teilen.
    Während wir heute nur noch in der Lage sind, etwas Bedeutsames zu erleben, wenn wir es digital festhalten, werden Algorithmen diese Aufgaben so für uns übernehmen können, dass wir die maximale Aufmerksamkeit unserer Kontakte erhalten. 
  2. Unsere Kontakte könnten bereits heute problemlos Algorithmen oder Bots sein. Mithilfe der im Internet verfügbaren menschlichen Äußerungen können Algorithmen selbständige Facebook-Profile füllen und mit anderen Usern zu interagieren. Spricht uns jemand Unbekanntes im Internet an, können wir heute nicht sagen, ob dahinter eine Person oder ein Bot steckt. Diese Unsicherheit wird zunehmen, wenn z.B. Unternehmen für die Kundenberatung etc. Algorithmen im großen Stil einsetzen, die menschliches Verhalten imitieren und so nicht als solche zu erknnen sind.
  3. Algorithmen können für uns Routinearbeiten erledigen. Sie werden dabei immer besser in der Lage sein, von uns zu lernen: Wir zeigen ihnen zwei, drei Mal, was wir machen wollen, uns sie führen den Schritt dann selbständig aus. Dadurch werden viele Arbeitsschritte ihre Bedeutung und ihren Wert verlieren; geistige Arbeit wird davon stark betroffen sein, vor allem, wenn sie aus Routinearbeiten besteht. Betrachten wir nur Berufe, die mit Büchern zu tun haben: Jeder Buchhändler und jede Bibliothekarin ist heute durch einen Algorithmus ersetzbar. Sie finden Bücher nicht nur schneller, sondern können relevante Passagen zitieren (Amazon sammelt für jede Buch die Passagen, die am häufigsten angestrichen werden) – und zwar aus allen Büchern. Zudem können sie Leserinnen und Leser anhand ihrer Lektüreerfahrungen besser einschätzen.
  4. Überhaupt sind Algorithmen fast in jeder geistigen Tätigkeit Menschen überlegen, die nicht hochtalentiert und enorm erfahren sind. Das zeigt sich sowohl am Schachspiel wie auch beim Pokern. Wettkämpfe sind nur noch möglich, wenn sicher gestellt werden kann, dass Algorithmen keine Rolle spielen. Damit ist auch gezeigt, dass Algorithmen uns Menschen verbessern werden. Sie werden unsere Schwächen kompensieren wie eine Brille das tut. Viele Menschen nutzen heute komplexe Computer mit schlauen Algorithmen, um ihr Gehör zu verbessern. Aus diesen Hörgeräten werden bald Denkgeräte entstehen, die verhindern, das wir vergessen, was wir nicht vergessen wollten, dass wir abschweifen, wenn wir uns konzentrieren wollen.
  5. Algorithmen werden Medien in andere umwandeln. Sie werden uns Texte vorlesen, bildlich darstellen oder Gehörtes verschriftlichen, wenn wir das wünschen. Sie werden Sprachen in andere übersetzen, in real-time und ohne Kosten. Sie werden unsere Gesten besser verstehen, als wir das heute können: Erkennen, wann Babys zur Toilette müssen, wann sie Schmerzen haben.
  6. Bereits heute finden wir Informationen nur noch dank Algorithmen. Google zeigt uns, was wir finden wollen – und zwar anhand von verschiedener, automatischer Abläufe, die unser Suchverhalten, das andere Menschen sowie weitere Kriterien berücksichtigen. Die Technik der Google-Suche kann an beliebigen Orten eingesetzt werden. Nehmen wir die iPad-Menukarte im Restaurant: Sie kann uns problemlos Vorschläge aufgrund unseres Essverhaltens sowie den Vorlieben anderer Menschen machen, kombiniert mit Preisüberlegungen, Wartezeit etc.

Algorithmen werden unbemerkt unverzichtbar werden. Heute können wir die Geräte eine Weile weglegen und ohne sie leben. Bald wird uns das so wünschenswert erscheinen, wie ohne Kleider aus dem Haus zu gehen. Auch das könnten wir, es ist aber nicht nur sozial geächtet, sondern auch meist sehr unbequem.

Von Algorithmen erstellte Kunst. Don Relya, donrelyea.com

Von Algorithmen erstellte Kunst. Don Relya, donrelyea.com

In seinem Buch Gadget hält Jaron Lanier fest, dass unsere Unfähigkeit, online zwischen Mensch und Algorithmus zu unterscheiden, eine Reduktion unseres Menschenbilds zeigt: Wir erwarten von einem Menschen nicht mehr als von einem Algorithmus. Das ist eine Sicht. Lanier behauptet, nur Menschen könnten Bedeutungen hervorbringen. Das darf stark bezweifelt werden: Bald werden uns vollautomatisch erstellte Bilder, Texte und Videos zu Tränen rühren und lachen machen, weil Algorithmen wissen, was für uns lustig ist und was berührend. Mit uns werden auch Algorithmen lachen und weinen – weil sie gelernt haben, wann Menschen das tun.

Die Digitalisierung bietet uns heute die Möglichkeit, eine andere Zukunft zu gestalten. Und aus ihr wird, was wir aus ihr machen. (160)

So der optimistische Schluss von Bunz‘ Buch. Unklar ist, wer wir sein werden, die diese Zukunft gestalten: Gibt es in zehn Jahren noch ein Ich ohne Hilfsmittel? Und: Wäre das zu bedauern?

 

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

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  2. Ich finde das äusserst beunruhigend. Die Transhumanisten wollen uns glauben machen, der Mensch sei unvollständig und müsse mittels Verschmelzung mit Technik perfektioniert werden.

    Dem gilt es entgegen zu treten. Mensch zu sein, bedeutet, Fehler machen zu dürfen. Irren ist menschlich! Zudem haben Maschinen schon an zu vielen Orten den Menschen ersetzt, dein Beispiel mit der Bibliothekarin ist nur eines von vielen.

    ARTE hat eine schöne html5 page hierzu: http://www.widerstand-2031.com Ich möchte auch ohne Geräte leben können.

    Habe dazu auch gebloggt: http://ginobrenni.com/mensch-und-maschine-transhumanismus/

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