»Wir haben uns geirrt«, meint Sascha Lobo.

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Ich spüre eine Kränkung. Sie hängt mit meinem Irrtum zusammen, der Spähskandal zwang mich zu erkennen: Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe. Nicht das, wofür ich es halten wollte.

Mit diesen Worten leitet Sascha Lobo seinen Feuilleton-Text in der FAZ am Sonntag ein, der gestern erschienen ist. Der Internetexperte streut Asche auf sein Haupt. Einzugestehen, man habe sich geirrt – größere rhetorische Gestern sind kaum zu finden. Lobo überbietet sie aber noch, indem er sich in eine Reihe mit Kopernikus, Darwin und Freud stellt: Sie alle haben mit nüchternem Verstand erklären können, warum die Welt nicht so ist, wie der Mensch sich wünscht, sie wäre. Nach der Aufklärung über das Universum, die biologische Abstammung und unsere Psyche geht es nun um das »Internet«. Lobo: »Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.«

trost

Was meint Lobo mit dem, was er »Internet« nennt? Meint er eine Infrastruktur? Meint er eine Art zu kommunizieren? Meint er Computer, mit denen Menschen sich vernetzen?

Nehmen wir zu David Weinberges Verständnis von Web aus seinem Vorwort zu Small Pieces Loosley Joined, das Martin Lindner verdankenswerterweise übersetzt hat:

Jede unserer sozialen Handlungen passt sich unterschwellig den geographischen und materiellen Fakten der wirklichen Welt an. Aber das Web ist eben eine unnatürliche Welt. Eine Welt, die wir für uns selbst gebaut haben. Die Gegebenheiten der Natur sind hier ausgeklammert. Deshalb können wir gerade erst im Spiegel des Web erkennen, wie viel von unserem sozialen Wesen gar nicht von der Natur der wirklichen Welt abhängt, sondern nur von uns selbst. Das Web konfrontiert uns einem unhintergehbarem Fakt anderer Art: Wir sind Kreaturen, die sich um sich selbst sorgen, und um die Welt, die wir mit den anderen teilen. Wir leben in einem größeren, bedeutungsvollen Kontext, und unsere Welt ist viel reicher an solchen Bedeutungen, als wir uns vorstellen können.

Damit ist nur gesagt, dass das Web einen Raum für uns bereit hält, in dem wir sozial handeln können, ohne die Bedingungen natürlicher Voraussetzungen akzeptieren zu müssen. Muss dieses Verständnis um die Angabe ergänzt werden, dass es sich dabei auch um »ein perfektes Instrument« handelt, »um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen« und uns so zu überwachen? Überwachen, abrufen von privaten Informationen, Ausüben von Macht und Kontrolle – das sind doch alles soziale Handlungen, die Menschen auch oder gerade in den Welten vornehmen, die sie konstruieren können.

Edward Snowden, Held des Internets, bringt die Botschaft, dass mit dem geliebten Internet die gesamte Welt überwacht wird.

Zu denken, ein »Held des Internets« würde die Botschaft bringen, dass »der Streit ums Urheberrecht im Internet  2013 zur allerseitigen Zufriedenheit aufgelöst« werden wird – was Lobo offenbar wirklich gedacht hat – wäre doch eher naiv. Menschen brauchen Technologie und sie missbrauchen sie.

Die »Netzgemeinde«, deren Kränkung Lobo vordringlich zu beschreiben sucht, weiß das. Wer reflektiert mitdiskutiert, weiß, dass nur eine schmale Elite von den Vorzügen des Webs profitiert hat, dass die Nachteile die Vorteile des Wandels schnell einholen und dass die Propheten des Netz stets ein Potential beschrieben haben, das die mediale und technische Realität selten gedeckt hat.

Es gibt drei Möglichkeiten:

  1. Lobo gibt das genaue Denken und Formulieren zugunsten der Inszenierung auf.
  2. Er biedert sich beim Feuilleton-Publikum mit einem Text an, der ganz nach seinem Geschmack sein dürfte.
  3. Er will mal sehen, ob die Netzgemeinde sämtliche Reflexe bedient, mit denen er rechnet – und trollt sie, und damit auch mich.

Wie dem auch sei – zum Schluss Hans Blumenberg über die drei Kränkungen Freuds (und auch die Lobos) in Drei Grad über dem Nichts. Zur Symbolik theoretischer Kränkungen und Tröstungen: 

Der Mensch ist ein trostbedürftiges Wesen. Unter den Titel des Trostes fallen viel mehr und größere Anstrengungen als jemals damit belegt worden sind. Mit Recht sind Trostbedürftigkeit und Trostfähigkeit unter den Schutz einer gewissen Verschämtheit gestellt, wie die Armut oder die Dummheit. Freud hat von den Kränkungen gesprochen, die dem Menschen angetan worden sind: durch Kopernikus, durch Darwin und durch ihn selbst. Vielleicht ist der Ausdruck »Kränkung« schon eine Ausflucht; tatsächlich sind neue Trostbedürftigkeiten entstanden.

The Author

philippe-wampfler.ch

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