Projekt: Wie Schulen Instagram für Öffentlichkeitsarbeit nutzen können

Für das Handbuch Öffentlichkeitsarbeit macht Schule habe ich darüber nachgedacht, wie Schulen Social Media nutzen können, um Schulentwicklung zu betreiben und sich ein Profil zu geben. Der Aufsatz kann hier als pdf gelesen werden. Im Folgenden möchte ich ein ganz konkretes Beispiel vorstellen, das ich im Text so beschrieben habe:

Ein Instagram-Wettbewerb lädt die Besucherinnen und Besucher der Schule ein, originelle Ansichten der Schule zu präsentieren und sie mit einem Hashtag versehen auf ihren Profilen zu veröffentlichen (#unserekolmarschule). Am Eingang der Schule werden Bilder, die so verschlagwortet sind, auf einem Monitor vorgeführt und auf der Homepage in einem separaten Fenster abgespielt. Gleichzeitig sprechen kompetente Lehrpersonen mit Schülerinnen und Schüler über die Möglichkeiten und Gefahren von Instagram und weisen sie darauf hin, was innerhalb des Wettbewerbs erwünscht ist und was nicht.

Das Beispiel bezieht sich ganz bewusst auf einen visuellen Aspekt der Schule, weil dieser dafür geeignet ist, mit diesen Tools gestaltet zu werden. Das Web 2.0 bietet aber auch für andere zentrale Punkte aus Schulprofilen die Möglichkeit, verschiedene Akteure an der Öffentlichkeitsarbeit teilhaben zu lassen – wenn es denn Aspekte sind, die an die Öffentlichkeit gehören. In den beiden erwähnten Beispielen ist kaum mit Kritik zu rechnen; allenfalls mit ganz spezifischer, projektbezogener.

Zufällig habe ich auf Instagram danach gesucht, welche Bilder von meiner Schule, der Kantonsschule Wettingen, bei Instagram vorhanden sind. Schülerinnen und Schüler verwenden offenbar schon länger #kswe, um Bilder zu markieren. (Der Link funktioniert nur mit Instagram-Login.) Die Schule hat das nicht gesteuert – und doch entsteht ein enorm positives Bild der Schule, wie die Galerie unten zeigt.

Hinzu kommen die positiven Kommentare, die zeigen, dass da Schülerinnen und Schüler auch in den Ferien an Projekten arbeiten, Physik mit Kuchen Essen und Geigenspiel verbinden, Curlen, sich verkleiden und Theater spielen.

Digitale Medien verändern den Leseprozess

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Die oben stehenden Bilder stammen von einer App namens Spritz, mit der ein Startup den Leseprozess beschleunigen will. Durchschnittlich lesen englischsprachige Leserinnen und Leser rund 220 Wörter pro Minute. Mit der App können Geschwindigkeiten von bis zu 1000 Wörtern pro Minute erreicht werden. Damit lässt sich ein Harry Potter Band in etwas mehr als einer Stunde lesen.

Spritz ist symptomatisch für digitales Lesen: Es handelt sich um ein schnelles und selektives Lesen. Expertinnen und Experten sprechen von nonlinearem Lesen, bei dem Texte gescannt, nach Schlüsselbegriffen durchsucht, schnell gescrollt werden und der Text ständig mit Bildern und Links in Konkurrenz steht.

Lineares Lesen hingegen führt von einer Seite zur nächsten. Es ist ein langsamerer Prozess, aber oft ein nachhaltiger: Lesende verbinden das Layout eines Buches mit gelesenen Textstellen (»die Seite, auf der die Heldin stirb, hat nur zwei Abschnitte«) und nehmen sich oft Zeit, um gelesene oder noch nicht gelesene Seiten schnell durchzublättern.

Lesen hat anders als Sprache oder visuelle Fähigkeiten keine genetische Basis. Es ist ein vom Gehirn vollständig erworbener Prozess, der sich verändern kann. Die ersten Leserinnen und Leser haben selbstverständlich laut gelesen, leises Lesen ist eine Innovation. Dass sich der Leseprozess verändert, ist nicht erstaunlich, weil sich das menschliche Hirn ständig an seine Umwelt anpasst.

Die Erfahrung von langjährigen Leserinnen und Lesern legt nahe, dass das nonlineare Lesen auf Kosten von wichtigen Eigenschaften des linearen geht. Wer viel auf dem Smartphone oder am Computer liest, hat Mühe, sich in einen Roman zu vertiefen. Es scheint, als hätte das Hirn teilweise verlernt, komplexe Belletristik zu lesen. Selbstverständlich kann ich wie alle geschulten Leserinnen und Leser mit etwas Übung schnell wieder in den alten Lesehabitus zurückkehren: In den Ferien oder vor mündlichen Abiturprüfungen lese ich enorm viel klassische Literatur und gewöhne mich schnell wieder ans lineare Lesen. Die Frage ist, ob künftige Leserinnen und Leser das auch noch können.

Hier einige Forschungsresultate zum Vergleich des analogen und digitalen Lesens:

  1. Liu hat schon 2005 in einer Studie bemerkt, dass beim Lesen am Bildschirm Metakognition zurückgeschraubt wird: D.h. Lesende verzichten stärker darauf, sich Ziele zu setzen, schwierige Passagen mehrfach zu lesen oder ab und zu innezuhalten und sich zu fragen, was wichtige Aussagen in einem Text waren.
  2. Garland hat in einer Studie von 2003 beschrieben, dass digitale und analoge Lektüre zu vergleichbaren Resultaten in Tests führen, aber dass nicht-lineares Lesen im Hirn Erinnerungsprozesse ablaufen lasse (Informationen werden abgerufen, indem sich Personen an ihren Kontext erinnern), während lineares Lesen zu Wissensprozessen führen (Informationen werden ohne Kontextbezug abgerufen). Daraus lässt sich ableiten, dass die Lektüre auf Papier effizienter und nachhaltiger sein dürfte, weil der Erinnerungsprozess ein Umweg darstellt.
  3. Viele Menschen ziehen die Lektüre auf Papier der auf E-Readern oder am Bildschirm vor. Gründe dafür sind die Gewöhnung an Sinneseindrücke (Geruch und Gefühl beim Berühren von Papier), der Eindruck von Kontrolle über einen gedruckten Text (alle Buchstaben sind immer am selben Ort und können permanent markiert oder beschriftet werden) sowie die Übereinstimmung von Haptik und Text (ein langes Buch ist schwerer als ein dünnes). Zudem finden sich Lesende in längeren Texten weniger gut zurecht, wenn sie diese digital konsumieren.
  4. Wenn Schülerinnen und Schüler in der 10. Klasse Texte lesen, dann ist ihr Leseverständnis leicht aber signifikant besser, wenn das analog geschieht. Anne Mangen und ihr Team mutmassen ihrer Studie von 2013, dass es einfacher ist, in einem analogen Leseprozess Informationen in einem Text zu finden.
  5. Papier führt generell zu nachhaltigeren Lernprozessen, auch wenn Schülerinnen und Schüler zeitlich unter Druck stehen. Das könnte, so mutmassen die Autoren dieser aktuellen Studie, auch mit Lerngewohnheiten zusammenhängen, die in der Schule erworben werden.

Während oft herkömmliche Testformen Schülerinnen und Schüler bevorzugen, die mit Papier lernen, dürfte es also durchaus erhebliche kognitive Unterschiede geben zwischen analogem und digitalem Lernen. Die Geschwindigkeit des Lesens ist wohl oft einem Lernprozess abträglich. Was Roland Reichenbach in einer allgemeinen Reflexion digitaler Medien im Lernprozess schreibt, dürfte also auch fürs Lesen gelten:

«Zeit gewinnen, sondern: Zeit verlieren!», lautet eine vielzitierte Stelle aus Jean-Jacques Rousseaus «Emile». Mit dem Satz kann eine Menge pädagogischer Unfug und didaktischer Leerlauf gerechtfertigt werden. Einerseits. Andererseits kommen damit eine Intuition, eine Einsicht und eine Erfahrung zum Ausdruck, die mehr sind als launenhafte Lust an der Paradoxie. Die Menschen leben immer länger als die Generationen vor ihnen, aber auch immer schneller, und überall entdecken sie lästige Zeitverschwendung, alles dauert immer mehr zu lange.

Lynda Barry: The 20 Stages of Reading.
Lynda Barry: The 20 Stages of Reading.

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Lynda Barry: The 20 Stages of Reading.
Lynda Barry: The 20 Stages of Reading.

Studie: Facebook führt zu schlechter Stimmung

Eine neue Studie von Christina Sagioglou und Tobias Greitemeyer, die im Juni publiziert wird, belegt einerseits, dass die Nutzung von Facebook zu schlechterer Stimmung führt, kann aber andererseits auch nachweisen, warum das Menschen nicht davon abhalten kann, Facebook zu nutzen.

Ich fasse die relevanten Ergebnisse und Methoden zusammen, wie immer verschicke ich gerne Privatkopien der Untersuchung an interessierte Leserinnen und Leser (Mailanfrage).

Die Forscherin und der Forscher ließen Studienteilnehmer nach einer Aufforderung entweder 20 Minuten Facebook nutzen, 20 Minuten im Web surfen oder 20 Minuten nichts dergleichen tun, um eine Vergleichsbasis zu etablieren. Direkt im Anschluss – das das Neuartige an der Studie – wurden sie online befragt.

Facebook führte zu einer leicht (aber signifikant) schlechteren Stimmung und zu einer Aktivität, die als deutlich weniger bedeutsam erlebt wurde als die anderen beiden Tätigkeiten. Allerdings ändert sich die Stimmung bei den Facebook-Usern nicht, die das soziale Netzwerk als gehaltvoll erleben. Es wäre also denkbar, dass die erlebte Bedeutungslosigkeit der Facebooknutzung auf die Stimmung schlägt.

Diese Frage wurde aber separat noch einmal untersucht. Besonders erstaunlich ist, dass die Facebooknutzung nicht minimiert wird, obwohl sie zu schlechter Stimmung führt. Allerdings gibt es vergleichbare Phänomene: Auch Rache oder die Möglichkeit, eine Entscheidung zu ändern, führen im Vergleich zu alternativen Handlungen nicht zu befriedigenden Resultaten, werden aber dennoch häufig gewählt, wenn die Möglichkeit besteht. Bei Facebook stellte sich heraus, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie die Erwartung hatten, sich nach der Facebooknutzung besser zu fühlen, das aber nicht eintrat.

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In der Diskussion ihrer Ergebnisse merkt das Autorenteam an, dass die Motivation, weshalb Menschen Facebook nutzen, genauer untersucht werden müsse – weil die bewussten Gründe oft nicht präzise sind. Hinzu kommt das Problem, dass Selbstauskünfte in Online-Befragungen einer Reihe von möglichen Verzerrungen ausgesetzt sind.

 

Verständnis oder Härte in der Schule?

Immer wieder stoße ich in der pädagogischen Arbeit auf eine Frage, welche an den Kern dessen geht, was in der Schule praktiziert wird. Ich mache sie an einem Beispiel fest: Eine Schülerin bittet mich am Tag vor der Prüfung darum, diese auf einen Termin nach den Ferien verschieben zu können. Sie sei privat und in der Schule stark unter Druck und könne nicht so auf die Prüfung lernen, dass sie die nötige Sicherheit habe.

Ich stehe vor einem Dilemma: Entweder zeige ich Verständnis und gehe auf den Wunsch der Schülerin ein, was für mich naheliegend ist, da ich mir wenig Lerneffekt von einer Prüfung verspreche, die unter großem Druck und ohne entsprechende Vorbereitung abgelegt wird – oder ich bestehe auf dem frühzeitig kommunizierten Termin und zeige Härte.

The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. - Isak Dinesen
The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. – Isak Dinesen

Am Gymnasium, so ein immer wieder gehörter Vorwurf, sei es Schülerinnen und Schülern möglich, mit immer neuen Ausreden Pflichten zu vernachlässigen, was in der Arbeitswelt und auch an Hochschulen so nicht möglich sei. Gewöhnten sie sich daran, dass auf ihre Anliegen Rücksicht genommen werde, würden sie weich und entwickelten die nötigen Kompetenzen im Umgang mit Terminen und Druck nicht.

Auf der anderen Seite steht für mich die Frage, wie sinnvoll eine Welt ist, die Menschen Bedingungen setzt, die qualitativ hochwertige Arbeit verhindern. Soll die Schule diese Bedingungen simulieren, weil sie in der Arbeitswelt große Verbreitung finden?

Meine Haltung ist das Gespräch darüber: Aufzeigen, wie viel Spielraum ich wirklich habe; diskutieren, ob es sich lohnt, eine Anstrengung aufzuschieben oder durchzustehen; darüber sprechen, dass zu hohe Ansprüche an die eigene Arbeit lähmend wirken können, weil Perfektionismus ineffizient ist.

Befriedigend ist das aber nicht immer: Verhandeln ist anstrengend und führt nicht immer zu zufriedenstellenden Resultaten.

Wie gehen andere Lehrpersonen mit diesem Konflikt um?

Methodische Probleme von Big Data im Umgang mit Social Media

In einem neuen Aufsatz beschreibt Zeynep Tufekci Probleme, die auftauchen, wenn Plattformen von sozialen Netzwerken als Datenquellen benutzt werden, um mit der maschinellen Verarbeitung von großen Datenbanken (»Big Data« genannt) Erkenntnisse über das menschliche Verhalten zu sammeln.

Ich fasse die wesentlichen Beobachtungen und Schlüsse von Tufekci zusammen, empfehle aber allen eine genaue Lektüre des Originaltextes. Im Folgenden verwende ich SMBD als Abkürzung für »Social-Media-Big-Data«.

  1. SMBD bezieht sich oft auf spezifische Plattformen wie Twitter. 
    Die Twitter-Daten sind leicht zu bekommen, dabei beeinflussen aber bestimmte Phänomene oder Affordances von Twitter die Resultate aus der Datenverarbeitung. Tufekci vergleicht hier Big Data mit der Biologie, die sich auf bestimmte Organismen oder Lebewesen konzentriere, weil die einfache Forschung ermöglichen – gerade deswegen gewisse biologische Strukturen in einer untypischen Form aufweisen, welche die Untersuchung verzerren.
    Ein wesentliches Problem ist die fehlende Repräsentativität: Nur wenige Menschen sind auf Twitter präsent und sind in Bezug auf Bildung, Geschlecht, Ethnie etc. kein gutes Sample.
  2. SMBD führt oft zu methodischen Problemen, weil nicht repräsentative Daten verwendet werden oder abhängige Variablen untersucht werden. 
    Tufekci verweist auf Beispiele in der medizinischen Forschung, die beispielsweise Patientinnen untersucht, die ein bestimmtes Medikament nehmen. Daraus ergibt sich der falsche Eindruck, das Medikament helfe bei bestimmten Risiken, obwohl es letztlich schadet. Der Eindruck entsteht, weil nur gesunden Frauen das Medikament nehmen und so im Vergleich mit anderen in jeder Hinsicht bessere Werte zeigen. Analog ist die Auswertung von Hashtags, die bei bestimmten Ereignissen eingesetzt werden, gefährlich, weil die Hashtags von Usern selbst als Mittel gewählt werden.
  3. SMBD bilden oft komplexe und nicht quantifizierbare Interaktionen ab.
    Man denke beispielsweise an die unterschiedlichen Bedeutungen, die ein Facebook-Like oder ein Twitter-Fav haben können. Tufekci verweist darauf, dass leicht berechenbar ist, wie viele Menschen like gedrückt haben oder auf eine Meldung klicken: Aber wie viele sie sehen, ohne zu klicken, kann oft kaum ermittelt werden. Retweets auf Twitter erfolgen oft auch, weil man negative Wertungen weitergeben oder Abgrenzungen vornehmen will – sie sind nicht immer ein Zeichen von Einfluss oder positiver Resonanz. Ihre Bedeutung kann von Maschinen nur dann erfasst werden, wenn sie vorher interpretiert wird.
  4. Der isolierte Blick auf eine Plattform kann ein Phänomen nicht erfassen. 
    Informationen verbreiten sich on- und offline in verschiedenen Medien. Hier eine bestimmte Art der Interaktion rauszugreifen ergibt ein unvollständiges Bild.
  5. Viele Social-Media-Bezüge sind schwer maschinenlesbar. 
    Tufekci verweist auf Bezüge auf Kontext, Screenshots, Nonmentions und Hate-Linking, also das Verlinken auf einen Beitrag oder Tweet, statt ihn mit den Standardmethoden zu teilen.
  6. Bewusste Einflussnahme wird unterschätzt. 
    Analog zum Google-Suchalgorithmus, dessen Funktionsweise von SEO-Spezialisten sofort missbraucht wird, wenn sie verstehen, wie er funktioniert, werden alle maschinenlesbaren Metriken von Social Media von Menschen beeinflusst, die bestimmte Meinungen vertreten wollen. Tufekcis Daten beinhalten beispielsweise Versuche türkischer Politiker, Hashtags wie #stoplyingCNN zum Trenden zu bringen, also regional oder global in Charts aufzutauchen, die zeigen, welche Themen momentan wichtig sind.

Tufekci schlägt für Untersuchungen folgende Punkte vor:

  • Messwerte und Variablen verwenden, die außerhalb von Social Media überprüfbar sind (Wahlresultate, Arbeitslosenzahlen etc.)
  • Kleine Samples auch qualitativ untersuchen, um beispielsweise feststellen zu können, welche Rolle Hate-Linking spielt.
  • Mit Vertretern der Social-Media-Anbietern zusammenarbeiten, um an bessere Daten zu gelangen.
  • Immer mehrere Methoden und mehrere Plattformen einbeziehen.
  • Mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten.

    Karten-Daten-Visualisierung Linkedin l luc legay CC – Flickr

Selfies als Reaktion auf Massenüberwachung

Der öffentliche Raum wird zunehmend überwacht. Kameras und bald auch Mikrofone nehmen auf, was in Nahverkehrsmitteln, auf Plätzen, Bahnhöfen, Einkaufszentren und an vielen anderen Orten passiert, um eine diffuse Form von »Sicherheit« herzustellen.

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Gleichzeitig beginnen Menschen, Bilder von sich selbst zu machen. Zunächst oft alleine, dann in Gruppen. An ausgefallen Orten, bei ausgefallenen Tätigkeiten. Auf der Toilette, nach dem Sex, auf Bestattungen, in Konzentrationslagern. Kein Ort scheint heilig, nichts intim.

Die Selfies imitieren die Überwachung. Sie sind eine Reaktion darauf, dass die Kontrolle über das eigene Bild verloren gegangen ist. Sie stellen aber diese Kontrolle gleichzeitig wieder her, indem nämlich vor und hinter der Kamera dieselbe Person zu sehen ist. Die Technologie, die Massenüberwachung möglich und einfach macht, ist es, mit der sich Menschen selbst abbilden: Nicht nur fotografisch, sondern auch indem sie Daten von sich selbst sammeln – was sie essen, wie viel Sport sie treiben, wie viele Schritte sie pro Tag gehen, den Rhythmus ihres Herzschlags, ihren Blutdruck.

Selfies sind ein Symptom der gescheiterten Verhandlungen rund um Zustimmung, Kontrolle, Manipulation und Überwachung. Ein Bild von jemandem zu machen erfordert die Erlaubnis der anderen Person. Dieser moralische und rechtliche Grundsatz wird immer stärker aufgeweicht. Eine vernünftige Reaktion darauf ist es, sich selbst so zu zeigen, wie man erscheinen will.

Personen, von denen viele Selfies im Netz sind, können kaum durch unerwünschte Aufnahmen in ihrer Selbstrepräsentation gestört werden. Paradoxerweise genießen sie eine stärkere Privatsphäre, weil sie mehr zwischen den Selfies verstecken können als Menschen, welche diese Technik nicht nutzen.

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Diese Gedankengänge basieren auf dem brillanten Essay von Jenna Brager, »Selfie Control«, sowie auf Ausführungen von Zeynep Tufekci zu Überwachung.

Wie sich Erfahrungen abnutzen

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.
(Hugo von Hoffmansthal, Terzinen über die Vergänglichkeit)

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Das ist mein liebstes Panini-Bild aller Zeiten. Als die WM 1986 in Mexico stattfand, war ich neun. Ich spielte jeden Tag Fussball, schaute wenige Spiele am Fernsehen, aber Frankreich war meine Mannschaft. Panini-Bilder hatten eine unbeschreibliche Anziehung: Das Geheimnis, welche Bilder sich in einem Säckchen befänden, ihr Geruch, das Gefühl, einige zu einem Stapel zusammenzufügen, ihre Ordnung und Klassifikation (nach Mannschaft, nach Nummer, nach Stärker, nach Alter etc.), ihr Tausch mit bekannten und fremden Kindern und ihr enormer Wert (was opferte ich nicht alles für diese Bilder) und die Einsicht, dass ich unter keinen Umständen das Album je würde füllen würden: Ich ging im Kapitalismus auf, er erfüllte mich, ich erfuhr in einem Frühsommer Zusammenhänge, die ich nie würde vergessen können.

1986_mexico_panini_albumDoch ich kann diese Erfahrungen nie wieder zurückholen. Problemlos könnte ich mir diese Bilder heute kaufen, sie tauschen und ein Album füllen. Jede damit verbundene Erfahrung ist abgenutzt.

Und dass sich Erfahrungen abnutzen, auch ganz tiefe und wichtige, wie Freundschaft und Sexualität, wie Schmerz, Aufregung oder Einsicht: Das ist die Tragödie des menschlichen Lebens.

Social Media (ja, ich schlage auch in diesem Post diesen Bogen) führen so oft zu Enttäuschungen, weil sie uns das vor Augen halten. Sie sind so schnell, dass wir jede damit verbundene Erfahrung immer wieder machen können. Ihre Abnutzung ist beschleunigt, weil sie bei jeder Berührung des Touchscreens erfolgt. Deshalb gibt es auch keine Social Media ohne Nostalgie.

Das Dilemma können wir nicht lösen, weil es ja ein tragisches ist: Erfahrungen nutzen sich nur dann nicht ab, wenn wir sie nicht machen.

Der Privatsphäre geht es ganz gut

Instagram, Caroline Spring
Instagram, Caroline Spring

Nathan Jurgenson, ein amerikanischer Soziologe, den ich aufgrund seiner kritischen Arbeiten zum digitalen Dualismus sehr schätze, hat bei Wired einen dichten Essay zur Privatsphäre im Web 2.0 publiziert. Im Folgenden fasse ich seine wesentlichen Aussagen zusammen.

Weil das Leben keine Datenbank ist, ist Privatsphäre nicht etwas, was an- oder ausgeschaltet werden kann. Sie ist vielmehr ein Spiel, bei dem es um Enthüllungen und Verhüllungen geht. Nur weil viele Informationen einer Öffentlichkeit oder einer Halböffentlichkeit zugänglich sind, ändert sich das nicht: Auch wenn auf Instagram viele Momente des Tages dokumentiert werden, ergeben sich dennoch viele Zwischenräume oder Lücken:

When you post a photo on Instagram, it offers up not just answers but hints at new questions: Who were you with and why? What were you feeling? What happened between the updates, and why was it left out? Secrets, creative concealments, the spaces between posts—this is where privacy flourishes today.

Jurgenson verweist auf Danah Boyds Analyse der Privatsphäre von Jugendlichen, die Techniken einsetzen, um trotz öffentlicher Kommunikation Geheimnisse schützen zu wollen. Zentral, so Jurgenson, sei die Fähigkeit, kontrollieren zu können, was wann enthüllt wird. Richtige Privatsphäre ist Autonomie und die gibt es weiterhin. Jurgenson verweist auf Möglichkeiten, eine Fülle von Informationen zu publizieren und sie dann schrittweise wieder zu löschen.

Viele Menschen, das zeigen Untersuchungen, legen einen großen Wert darauf. Sie verzichten bewusst darauf, Momente ihres Lebens abzubilden und mitzuteilen. War es in den Zeiten der analogen Fotografie ein Zeichen für die Bedeutung eines Ereignisses, dass es fotografiert wurde, ist das heute umgekehrt: Was nicht fotografiert wird, ist Menschen wirklich nahe.

Jurgensons Fazit: Öffentlichkeit nimmt der Privatsphäre nicht den nötigen Raum, sondern ermöglicht sie. Was privat und was öffentlich ist, hängt von einander ab.

Vor- und Nachteile des Experten-Daseins

Heute werde ich in 20 Minuten, einer Schweizer Gratiszeitung, mit Aussagen zum vermeintlichen Trend zitiert, dass fremde Menschen im öffentlichen Raum fotografiert und bloßgestellt werden. Ich habe gestern mit der verantwortlichen Journalistin kurz telefoniert und konnte dann meine Zitate gegenlesen. Das funktionierte alles, wie es sollte.

Aber schon beim Gespräch und beim Gegenlesen erfasste mich leichtes Unbehagen. Erstens wird hier etwas zu einem Trend gemacht, wofür es keine empirische Basis gibt. Seit Kameraphones verbreitet sind, gibt es Menschen, welche das Recht am eigenen Bild bei anderen missachten, oft auch im öffentlichen Verkehr.

Ich versuchte, das Phänomen auf drei Arten einzuordnen:

  1. Ich erklärte, dass es sich dabei um eine moralisch kaum vertretbare und juristisch zweifelhafte Vorgehensweise handle, die ich für übergriffig und verletzend halte.
  2. Ich verband sie mit der Überwachung des öffentlichen Raums und interpretierte sie als eine private Reaktion darauf, dass der Staat und Unternehmen im Namen der Sicherheit Videos und Bilder von uns anfertigen, ohne dass wir damit einverstanden sein müssen.
  3. Ich wies auf Beispiele von politischen Bewegungen wie »Breitmachmacker« hin, die solche Methoden als Widerstand verwendeten.

Waren im von mir gegengelesenen Text 1. und 3. vertreten, fiel 2. – meiner Meinung nach der interessanteste Aspekt – völlig weg. Der publizierte Texte spitzte meine Argumente noch einmal zu: Dramatische Tendenz hier, Experte mit klaren Worten da.

Im Schnitt werde ich jeden Monat ein oder zwei Mal zu solchen Phänomenen befragt und kenne die Abläufe. Mir ist bewusst, dass den Zielgruppen keine differenzierte Analyse zugemutet wird. Die Präsenz in reichweitenstarken Medien wertet mich als Fachmann paradoxerweise auch dann auf, wenn die getätigten Aussagen von jedem denkenden Menschen stammen könnten und Expertenwissen dafür keine Voraussetzung ist. Das Dilemma ist wohl kaum aufzulösen: Entweder den Platz jemand anderem überlassen und auf eigenen Plattformen – wie hier – für interessierte Lesende differenziert argumentieren, oder eingespannt zu werden für einen Text, der nur pointiert Wirkung entfaltet.

Über Tipps in den Kommentaren würde ich mich freuen!

Aus Marc Steffen und Philippe Wampfler wurde ein Experte.
Aus Marc Steffen und Philippe Wampfler wurde ein Experte.

Unsicherheit im Lehrberuf

In einer Feedback-Runde warf eine meiner Klassen einer anderen Lehrperson letzte Woche vor, sie habe in den letzten Wochen unsicher gewirkt. Kurz konnte ich dem Vorwurf zustimmen, dann machte er mich betroffen. Er schuf einen Kontrast zwischen mir, dem sicheren Lehrer, und der unsicheren Lehrperson. Er implizierte, um etwas vermitteln zu können, sei Souveränität unabdingbar. Ein paar Gedanken dazu. wapIch bin oft unsicher. Vieles, was um mich herum passiert, verstehe ich nicht. Schwierige Texte überfordern mich, zwischenmenschliche Konflikte lähmen mich, ich stehe mir oft selbst im Weg. Mein Körper ist nicht so, wie ich ihn gern hätte, ich höre mir selbst nicht gern beim Reden zu und wenn ich meine Texte zu oft lese, halte ich sie meist für trivial, fehlerhaft und nichtssagend.

Seit ich unterrichte, habe ich viele Strategien und Techniken gelernt, diese Unsicherheit zu verstecken. Ich antworte auf jede Frage so, als wüsste ich die Antwort. Zu fast jedem Thema äußere ich selbstbewusst eine Meinung. Ich stelle kleine Schwächen aus, um große zu verbergen. Abschließend aufzuzählen, wie das im Detail mache, überfordert mich, weil ich mir meist selbst verheimliche, was ich alle tue, um gut dazustehen.

Unsicherheit ist ein Motor für mich. Ich stopfe Wissenslücken so schnell es geht und reagiere meist prompt auf Kritik. Aber das ändert nichts daran, dass die Unsicherheit nicht verschwindet, sondern einfach weniger durchscheint.

Das hat Vorteile, wenn man als Lehrperson arbeitet, aber auch Nachteile. Strahle ich Sicherheit aus, dann gebe ich Schülerinnen und Schülern Mut, dass wir gemeinsam Durststrecken, Motivationsschwierigkeiten und Prüfungssituationen überstehen werden, weil ich selbst daran zu glauben scheine. Ich fordere sie implizit auf, für Probleme Lösungen zu suchen, Hilfe anzunehmen, stärker zu werden. Gleichzeitig scheine ich ihnen das Recht abzusprechen, Unsicherheit zu zeigen. Es ist nicht fair, dass ich vieles von dem, was ich tue, einfach aussehen lasse. Ich kann vor einem großen Publikum eine Stunde frei sprechen und zwei Tage hintereinander 50 mündliche Prüfungen abhalten, die alle ein unterschiedliches Buch zum Thema haben. »Können« heißt dabei, dass ich nie große Schwächen zeige, kaum anecke oder fundierte Kritik zulassen muss. Ein Teil davon sind Gaben, die ich durch Übung oder meine Gene erhalten habe, ein Teil davon Erfahrung. Ich bin während diesen Leistungen oft enorm unsicher, verkaufe Halbwissen als Wissen, stelle Fragen, deren Antwort ich selbst nicht weiß oder lenke von dem ab, worüber ich nicht sprechen möchte.

Das heißt nicht, dass ich nicht gut vorbereitet wäre oder meine Arbeit nicht gut mache. (Zumindest rede ich mir das ein.) Unsicherheit ist menschlich. Sie in bestimmten Situationen zu verstecken, auch. Aber eine Balance scheint mir wichtig. Kurz: Ich möchte lernen, mir langsam eine Meinung zu bilden statt schnell eine zu vertreten. Eine Frage zu verstehen und wirken zu lassen, statt sie zu beantworten. Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie nicht funktionieren müssen, weil auch ich nicht einfach funktioniere. Und doch die Zuversicht zu behalten, dass sich nicht ständig Abgründe auftun, in die ich zu fallen drohe, sondern die Ahnung dieser Abgründe ein guter Begleiter ist, den wir nicht ständig abschütteln müssen.