Latein und Griechisch nehmen innerhalb des humanistischen Bildungsprogramms aus zwei Gründen eine herausragende Position ein:
Sie sind Symbole für Bildungsinhalte, die nicht an Nützlichkeit orientiert sind und so eine tiefere, allgemeinere und daher dauerhaftere Bildung ermöglichen sollen.
Sie führen eine exemplarische Form des Menschseins und der menschlichen Gesellschaft vor Augen.
Die beiden Gründe sind gekoppelt – 1. alleine könnte so verstanden werden, dass es komplett irrelevant ist, welche Inhalte Bildungsprozessen zugrunde liegen, sofern sie eine intensive Auseinandersetzung ermöglichen und die verschiedenen Kräfte des Menschen gleichmäßig beanspruchen und herausfordern. 2. betont den Wert der antiken Kultur besonders, allerdings nur, wenn man wie Humboldt davon ausgeht, dass »die Griechen für alle Menschen geltender Maßstab« sind, »eine Erscheinung, von der er den Maßstab zur Bestimmung der Moralität und der Idealität eines Menschen und eines Volkes nimmt«. (Clemens Menze)
Das Argument 1. wird in der aktuellen Diskussion über den Wert des Lateinunterrichts gleichzeitig genutzt und unterwandert, wenn die Nützlichkeit des Erlernens einer alten Sprache in den Vordergrund rückt. Wie bereits früher festgehalten – werden hauptsächlich sechs Argumente genutzt, um sich für eine starke Verankerung von Latein im Bildungsangebot einzusetzen:
Wer Latein lernt, kann andere Sprachen leichter lernen.
Wer Latein lernt, beherrscht und versteht die eigene Sprache besser.
Latein hilft, methodisches Denken und Problemlösekompetenz zu schulen.
Latein ermöglich interkulturelles Lernen.
Latein ist Förderung von begabten Schülerinnen und Schülern.
Latein wirkt identitätsstiftend.
Javascript – oder eine andere geeignete Programmiersprache – könnte Latein mit ganz ähnlichen Argumenten ablösen: Eine Programmiersprache mag zwar nur beschränkte Einsichten in die syntaktischen Zusammenhänge einer Sprache anbieten, ist aber der Schlüssel zu einem algorithmischen Denken, das im MINT-Bereich viele Türen öffnet. Wie Latein einen Zugang zu den Quellen moderner Sprachen bereit hält, ist eine Programmiersprache der Schlüssel zum Verständnis all der Oberflächen, die wir täglich bedienen.
Nur der kulturelle-anthropologische Zugang rückt etwas aus dem Fokus: Eine Sprache zu lernen, welche für die Interaktion mit Maschinen konzipiert wurde, ist kein Weg zu einer Auseinandersetzung mit fremden Kulturen oder idealen Lebensweisen von Menschen. In diesem Argument liegt für mich der Schlüssel: Wenn nicht mehr die Interaktion mit Menschen im Fokus der Bildung steht, sondern die mit Maschinen oder abstrakten Algorithmen, dann stellt sich die Frage nach der Bedeutung dieser Automaten.
In einem Beitrag für Public Culture analysiert Zeynep Tufekci die medial laufend wiederholten Beteuerungen, das digitale Kommunikation mache Menschen einsamer. Im folgenden fasse ich die wichtigsten Aussagen ihres Beitrag The Social Internet: Frustrating, Enrichting, but Not Lonely zusammen. Der Artikel kann online nicht frei gelesen werden, eine Privatkopie verschicke ich gerne per Email.
1998 prangte die Schlagzeile »Sad, Lonely World Discovered in Cyberspace« auf der Titelseite der New York Times, den entsprechenden Artikel schrieb Amy Harmon basierend auf wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Tatsache, dass weitere Studien zeigten, dass sich die negativen Effekte mit der Zeit auflösten, wenn es sie überhaupt je gab, wurde medial wenig beachtet. Das Thema blieb ein Dauerbrenner, obwohl es keine Belege dafür gibt, dass Internetkommunikation entweder die ganze Gesellschaft oder einzelne Menschen einsamer gemacht hat.
Tufekci weist nach, dass die Vorstellung der Bedrohung sozialer Verbindungen durch das Web auf eine Zeit zurückgeht, in der eine ganz andere Vorstellung vom Cyberspace vorherrschend war. Der Zugang zum Internet war privilegierten Akademikern (und wenigen Frauen) vorbehalten, die mit den Möglichkeiten anonymer Profile und dem kreativen Gestalten von Identitäten experimentierten. Einsamkeit war völlig akzeptiert, auch weil on- und offline Identitäten kaum verbunden waren miteinander. Der klassische New-Yorker-Cartoon vom Hund, der erzählt, im Internet wisse niemand, dass er ein Hund sei, ist für Tufekci das Sinnbild dieser Phase des Cyberspace: Ein Raum, der von den Einschränkungen des Körpers, des Geschlechts, der Rasse und der Nationalität befreite.
Danach aber explodierte die Teilnahme an der Netzkommunikation: Im Web bildete sich die Gesellschaft ab und damit waren Menschen, Körper, Unternehmen und Regierungen auch präsent – wenn sie denn jemals wirklich abwesend waren. In der sozialen Phase des Netzes wurde Interaktion mit Menschen, von denen viele auch offline Bekannte waren, die wichtigste Nutzungsart für viele Menschen. Damit verbunden war eine Deanonymisierungsbewegung.
Eine der wichtigsten Thesen des Textes lautet, dass Technologie nicht den Menschen verändert, sondern bestimmte Verhaltensweisen mit veränderten Konsequenzen verbindet. Der Fachbegriff dafür lautet affordance, ein Begriff, der sich kaum übersetzen lässt, aber besagt, dass Technologie gewisse Anreize für bestimmte Verhaltensweisen schafft, weil sie einfacher oder attraktiver werden, oder eben mit negativen Konsequenzen versehen sind. Social Media verändert so nicht unbedingt das, was Menschen tun, sondern welche Auswirkungen soziale Interaktionen haben.
Ein Beispiel dafür ist, dass der Cyberspace heute Identität eher normiert und transparent macht. Nicht nur das: Verschiedene soziale Rollen, die wir in unterschiedlichen Kontexten einnehmen, werden für das jeweils »falsche« Publikum sichtbar und erschweren es, sich so zu präsentieren, wie man das gerne möchte – eine Einsicht, die Kathrin Passig in ihrem hervorragenden Text über »Die Konsensillusion« ausformuliert hat. Heute, so Tufekci, weiß jeder im Internet, wer ein Hund ist.
Social Media ist mit hohem sozialen Druck verbunden, der aber deshalb in Kauf genommen wird, weil der Verzicht auf digitale Kommunikation einen noch höheren Preis hat. »Auf Social Media zu verzichten ist gleichbedeutend mit der Isolation in wichtigen Bereichen des Soziallebens«, schreibt die Forscherin in Bezeug auf ihre Untersuchungen an amerikanischen Colleges.
Eine »soziale Atomisierung« werde seit längerem beobachtet – Tufekci verweist auf Putnams Bowling Alone. Forschungsergebnisse legen nahe, dass die relevanten Ursachen Fernsehen, Pendeln, Arbeitszeiten, Doppelverdienerfamilien sowie die zunehmende Isolation Jugendlicher seien – das Internet die Effekte bei seinen Nutzerinnen und Nutzern aber abschwäche und keinesfalls verstärke.
Das Internet macht uns nicht einsamer, sondern hat verschiedene systemische Effekte auf die Größe, Zusammensetzung und Struktur unserer sozialen Netzwerke. Das ist ein Grund, weshalb die neue Technologie so viel Unwohlsein verursacht.
Tufekci sieht vier Hauptaspekte:
Das Internet betont erworbene soziale Netzwerke und schwächt zugeschriebene; es gewichtet also Zuneigung und Interessen stärker als Familie und Nachbarschaft. Deshalb sei es auch falsch zu sagen, Social Media helfe nur bei der Aufrechterhaltung von so genannten weak ties, also schwachen Beziehungen zwischen Bekannten.
Das Internet verändert Interaktionsmuster. Wer miteinander kommuniziert, kommt sich näher. Verlagern sich Gespräche ins Netz, verlieren gewisse Menschen den Bezug zueinander und neue finden sich.
Nicht alle Menschen sind in der Lage, medialisierte Kommunikation als echte Begegnung wahrzunehmen. Freundschaften auf Texten zu basieren ist eine komplexe Fähigkeit, die einige Menschen erlernen können und mit denselben Gefühlen verbinden, wie wenn sie face-to-face mit anderen sprechen. Tufekci unterscheidet »cybersoziale« von »cyberasozialen« Menschen: Bei ersteren ist die textbasierte Kommunikation auf einem ganz tiefen emotionalen Level verankert, bei letzteren nicht.
Nicht-medialisierte Kommunikation ist ein Privileg. Sherry Turkle, eine Verfechterin der Einsamkeitsthese, beschreibt in einem Text, wie sie ihren Sommer ohne Smartphone in Cape Cod verbringe – und zeigt damit, wie privilegiert man sein muss, um sich das leisten zu können. Viele Arbeitnehmenden oder Eltern können es sich nicht leisten, in ihrer Freizeit oder ihrer Zeit mit der Familie auf digitale Kommunikation zu verzichten – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie sonst die verschiedenen an sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen können. Die Kritik müsste sich also nicht auf die Verwendung von Technologie richten, sondern auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Menschen nicht erlauben, die Zeit so zu nutzen, wie sie das gerne tun würden.
Cape Cod.
Tufekcis Fazit:
Kommunikationstechnologie wirkt weder entmenschlichend noch isolieren, wenn sie für soziale Verbindungen verwendet werden. […] Das Internet ist nicht eine Welt voller körperloser und oberflächlicher Beziehungen, es ist eine Technologie die soziale Verbindungen zwischen echten Menschen medialisiert und strukturiert.
Ich spüre eine Kränkung. Sie hängt mit meinem Irrtum zusammen, der Spähskandal zwang mich zu erkennen: Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe. Nicht das, wofür ich es halten wollte.
Mit diesen Worten leitet Sascha Lobo seinen Feuilleton-Text in der FAZ am Sonntag ein, der gestern erschienen ist. Der Internetexperte streut Asche auf sein Haupt. Einzugestehen, man habe sich geirrt – größere rhetorische Gestern sind kaum zu finden. Lobo überbietet sie aber noch, indem er sich in eine Reihe mit Kopernikus, Darwin und Freud stellt: Sie alle haben mit nüchternem Verstand erklären können, warum die Welt nicht so ist, wie der Mensch sich wünscht, sie wäre. Nach der Aufklärung über das Universum, die biologische Abstammung und unsere Psyche geht es nun um das »Internet«. Lobo: »Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.«
Was meint Lobo mit dem, was er »Internet« nennt? Meint er eine Infrastruktur? Meint er eine Art zu kommunizieren? Meint er Computer, mit denen Menschen sich vernetzen?
Nehmen wir zu David Weinberges Verständnis von Web aus seinem Vorwort zu Small Pieces Loosley Joined, das Martin Lindner verdankenswerterweise übersetzt hat:
Jede unserer sozialen Handlungen passt sich unterschwellig den geographischen und materiellen Fakten der wirklichen Welt an. Aber das Web ist eben eine unnatürliche Welt. Eine Welt, die wir für uns selbst gebaut haben. Die Gegebenheiten der Natur sind hier ausgeklammert. Deshalb können wir gerade erst im Spiegel des Web erkennen, wie viel von unserem sozialen Wesen gar nicht von der Natur der wirklichen Welt abhängt, sondern nur von uns selbst. Das Web konfrontiert uns einem unhintergehbarem Fakt anderer Art: Wir sind Kreaturen, die sich um sich selbst sorgen, und um die Welt, die wir mit den anderen teilen. Wir leben in einem größeren, bedeutungsvollen Kontext, und unsere Welt ist viel reicher an solchen Bedeutungen, als wir uns vorstellen können.
Damit ist nur gesagt, dass das Web einen Raum für uns bereit hält, in dem wir sozial handeln können, ohne die Bedingungen natürlicher Voraussetzungen akzeptieren zu müssen. Muss dieses Verständnis um die Angabe ergänzt werden, dass es sich dabei auch um »ein perfektes Instrument« handelt, »um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen« und uns so zu überwachen? Überwachen, abrufen von privaten Informationen, Ausüben von Macht und Kontrolle – das sind doch alles soziale Handlungen, die Menschen auch oder gerade in den Welten vornehmen, die sie konstruieren können.
Edward Snowden, Held des Internets, bringt die Botschaft, dass mit dem geliebten Internet die gesamte Welt überwacht wird.
Zu denken, ein »Held des Internets« würde die Botschaft bringen, dass »der Streit ums Urheberrecht im Internet 2013 zur allerseitigen Zufriedenheit aufgelöst« werden wird – was Lobo offenbar wirklich gedacht hat – wäre doch eher naiv. Menschen brauchen Technologie und sie missbrauchen sie.
Die »Netzgemeinde«, deren Kränkung Lobo vordringlich zu beschreiben sucht, weiß das. Wer reflektiert mitdiskutiert, weiß, dass nur eine schmale Elite von den Vorzügen des Webs profitiert hat, dass die Nachteile die Vorteile des Wandels schnell einholen und dass die Propheten des Netz stets ein Potential beschrieben haben, das die mediale und technische Realität selten gedeckt hat.
Es gibt drei Möglichkeiten:
Lobo gibt das genaue Denken und Formulieren zugunsten der Inszenierung auf.
Er biedert sich beim Feuilleton-Publikum mit einem Text an, der ganz nach seinem Geschmack sein dürfte.
Er will mal sehen, ob die Netzgemeinde sämtliche Reflexe bedient, mit denen er rechnet – und trollt sie, und damit auch mich.
Wie dem auch sei – zum Schluss Hans Blumenberg über die drei Kränkungen Freuds (und auch die Lobos) in Drei Grad über dem Nichts. Zur Symbolik theoretischer Kränkungen und Tröstungen:
Der Mensch ist ein trostbedürftiges Wesen. Unter den Titel des Trostes fallen viel mehr und größere Anstrengungen als jemals damit belegt worden sind. Mit Recht sind Trostbedürftigkeit und Trostfähigkeit unter den Schutz einer gewissen Verschämtheit gestellt, wie die Armut oder die Dummheit. Freud hat von den Kränkungen gesprochen, die dem Menschen angetan worden sind: durch Kopernikus, durch Darwin und durch ihn selbst. Vielleicht ist der Ausdruck »Kränkung« schon eine Ausflucht; tatsächlich sind neue Trostbedürftigkeiten entstanden.
Je stärker Journalismus die maximale Verbreitung über soziale Netzwerke anstrebt – wie das Buzzfeed beispielsweise tut -, desto stärker ergibt sich ein Konflikt zwischen der Aufmerksamkeit, die gesucht wird, und der wahrheitsgemäßen Darstellung von Zusammenhängen. Der dafür relevante Begriff lautet »Hoax«: Eine Geschichte, die erfunden ist, aber mit der Absicht verbreitet wird, dass sie viele Menschen glauben.
Zwei Beispiele:
Die Geschichte von der Frau, die nach Kontakt mit einem Fremden in einem Club sich einen Ausschlag zuzieht, der nur durch Kontakt mit Leichen entstehen kann (Leichenherpes) – woraufhin sich herausstellt, dass der Fremde eine tatsächliche »Leiche im Keller« hat.
Die Geschichte von Elan Gale, der sich auf dem Heimflug für das Thanksgiving-Wochenende im Flugzeug mit einer Frau streitet und das live über Twitter dokumentiert.
Beides sind Hoaxes, die große journalistische Resonanz finden und gefunden haben.
Das Problem dabei ist Folgendes: Für die Journalistin oder den Journalisten, der einen Hoax verbreitet und dafür viele Zugriffe oder Verlinkungen erhält, ist die Tatsache, dass die Story nicht wahr ist, nebensächlich. Das Ziel ist erreicht, der Auftraggeber wohl zufrieden – eine Richtigstellung nur für journalistisch Interessierte relevant und kaum beachtet.
Wie David Weigel in einem Kommentar zur Gale-Geschichte schreibt, führt die Möglichkeit einer viralen Verbreitung von Inhalten dazu, dass die Standards für die journalistische Recherche und Überprüfung von Zusammenhängen gesenkt werden, weil Journalistinnen und Journalisten die Ziele ihrer Arbeitgebenden auch erreichen, ohne wahrheitsgemäß zu berichten.
In der Diskussion über den Twitter-Account @blockempfehlung, auf dem aus einer radikalfeministischen Perspektive Profile erwähnt werden, welche Menschen mit ähnlichen Haltungen blocken sollten/könnten, um gar nicht erst mit ihnen in Kontakt kommen zu können. Der Account wurde schnell als Pranger gebrandmarkt und mit wüsten Beleidigungen eingedeckt, umsichtigere Einordnungen wie die von Martin Weigert sprechen von einem konstanten Druck zur Konformität in sozialen Netzwerken, der durch die permanente Überwachung anderer entsteht, eine digitale Sozialkontrolle.
Persönlich sehe ich zunächst kein Problem damit, eine bestimmte Empfehlung abzugeben. Blocken ist ein rein passiver Akt, »filtern« wäre das bessere Wort. Ohne Filtersouveränität sind soziale Netzwerke nicht denkbar. Wer sich an den Empfehlungen von @blockempfehlungen stört, kann auch dieses Profil blocken oder die entsprechenden Tweets/Empfehlungen schlicht ignorieren. (Den Kritikerinnen und Kritikern würde ich zugestehen, dass eine Empfehlung von @blockempfehlung einer moralischen Verurteilung gleichkommt, bei der unterschiedlichste Problemlagen (»Maskus, Nazis, Macker, Derailing […]«) zusammenfallen. Zudem kann aus entsprechenden Empfehlungen zum Blocken auch ein Mobbing-Prozess entstehen.)
Im Folgenden möchte ich mich aber auf einen ganz spezifischen Aspekt konzentrieren. Auf die Frage, ob es sich bei einem Profil in sozialen Netzwerken um öffentliche Informationen handle. Meine These: In sozialen Netzwerken entsteht eine andere Form von Öffentlichkeit als in Massenmedien. Ich fände es angemessen, von Halb-Öffentlichkeit oder potentieller Öffentlichkeit zu sprechen, und werde das im Folgenden kurz begründen. [Zusatz 3. Januar: Der Begriff der Öffentlichkeit wird in den Kommentaren differenzierter behandelt.]
Als Rahmen ein theoretischer Exkurs, aus dem ich meine Schlüsse ziehen werde. Der Verweis auf Danah Boyds Konzept on »networked publics«, also einer Netzwerköffentlichkeit, ist hier hilfreich. Boyd macht drei zentrale Dynamiken aus:
Das Publikum oder die Publika sind unsichtbar, d.h. sie sind nicht unmittelbar anwesend und für die Senderin/den Sender nicht erkennbar. Schreibe ich einen Tweet, weiß ich nicht, wer ihn liest.
Versteckte Kontexte: Äußerungen werden häufig außerhalb eines sozialen Kontextes wahrgenommen, weil es keine zeitlichen oder räumlichen Beschränkungen gibt.
Öffentlichkeit und Privatheit lassen sich nicht länger trennen, sondern verschmelzen.
Diese Tendenzen sind unmittelbar einsichtig und mit klaren Risiken verbunden. Gleichwohl gibt es aber Erwartungen, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Twittere ich eine Beobachtung aus der S-Bahn, so wird die in der Regel von 100-200 Menschen gelesen, von denen wohl höchstens zehn darauf reagieren. Die meisten werden sie in den korrekten Kontext einordnen können. Will ich diese Zahlen reduzieren, dann lege ich mir einen neuen Twitter-Account an, dem dann weniger Menschen folgen. Ich habe eine gewisse Kontrolle darüber, wie groß das erreichte Publikum ist, und ich habe berechtigterweise gewisse Ewartungen, was mein Publikum mit meinen Äußerungen macht.
Nun ist es aber theoretisch möglich, über einen Webbrowser auf meinen Twitter-Stream zuzugreifen. Es ist nicht auszuschließen, dass mein Tweet von einflussreichen Konten verbreitet wird und er von Tausenden oder Millionen gelesen wird, wie das beim folgenden Beispiel passiert ist:
this beautiful earth is now officially 2014 years old, amazing
Vor zwanzig Jahren gab es private Briefe und öffentliche Zeitungen, Fernseh- und Radioprogramme. Damals hatten Flugblätten ungefähr den Status von Social Media: Zu erwarten war, dass einige das Flugblatt lesen, die es direkt zugestellt bekommen oder es finden; möglich war aber, dass das Flugblatt in einer Publikation abgedruckt oder zitiert wurde.
Wie Nathan Jurgenson richtig bemerkt, gibt es ein Risiko, dass Äußerungen in sozialen Netzwerken öffentlich werden – sie sind es aber nicht per se. Viele Äußerungen sind privat, können aber öffentlich eingesehen werden. Mit dieser Flugblatt-Öffentlichkeit sind – so würde ich argumentieren – viele Menschen, Medienschaffende und die Rechtssprechung überfordert, weil sie von einer binären Trennung zwischen öffentlichen und nicht-öffentlichen, also privaten Äußerungen ausgehen.
Vor über einem Jahr habe ich kurz dargelegt, wie ich die Öffentlichkeit von Inhalten in sozialen Netzwerken beurteilen würde – nämlich analog zum Recht am eigenen Bild. Entscheidend wären für mich folgende Kriterien, die zu einer Skala von 3 bis 9 führen.
Wo wurde eine Information publiziert?
1: soziales Netzwerk – 2: persönlicher Blog – 3: Seite einer Organisation oder Institution
Wer hat die Information publiziert?
1: Privatperson – 2: Person der Zeitgeschichte – 3: Amtsperson
An wen ist sie gerichtet?
1: eingeschränkter Kreis von Adressaten – 2: Adressaten, aber öffentlich einsehbar – 3: an die Öffentlichkeit (Wunsch maximaler Verbreitung)
tl;dr: Es ist sinnlos, Einträge in sozialen Netzwerken undifferenziert als »öffentlich« zu bezeichnen, wenn die überwiegende Mehrheit dieser Einträge klar nicht-öffentlich sind.
Auf Twitter machte diese Woche das folgende Zitat die Runde:
From a principal’s publication in 1815: „Students today depend on paper too much. They don’t know how to write on a slate without getting chalk dust all over themselves. They can’t clean a slate properly. What will they do when they run out of paper?“
Es passt schön in eine Reihe von technologie- und medienkritischen Zitaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, welche die These bestätigen, dass Menschen sich schon immer gegen einen eigentlich harmlosen Wandel gesträubt haben.
Um zwei Beispiele zu nennen:
In Parerga und Paralipomena II kritisiert der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Lesen als einen geisteslähmenden Prozess:
Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen.
Für xkcd hat Randall Munroe eine Liste mit Zitaten über die verheerende Wirkung der Beschleunigung der Kommunikation zusammengestellt (hier nur ein Auszug):
Das erste Zitat über die Papierabhängigkeit würde gut in diese Reihe passen, nur ist es nicht echt. Wie Quoteinvestigator rausgefunden hat, stammt es aus einem Artikel mit dem Titel »Probable Quotes From History« aus The MATYC Journal, 12/3, 1978 und zeigt in einer Liste von Zitaten, die alle mit »Student’s today…« beginnen, erfundene Zitate, wie Menschen hätten auch den technischen Wandel reagieren können.
Wir lernen: Genau so wie es einen Diskurs gibt, der über Jahrhunderte jedem medialen Wandel mit ähnlichen Argumenten begegnet, gibt es einen Diskurs, welche jede Kritik an solchen Veränderungen mit historischen Zitaten abbürstet. Genau so wie Neuerungen an sich nichts Gefährliches sind, ist wiederholte Kritik an sich nicht ohne Gehalt.
(Zudem lernen wir, dass Zitate im Netz auch dann verbreitet werden, wenn sie von niemandem verifiziert werden können. Aber das wusste auch Abraham Lincoln schon.)
Ich wurde gebeten, einen Artikel zu meiner Perspektive auf das »humanistische Bildungsideal« zu schreiben. Mit »meiner Perspektive« ist die des Lernens in und mit digitalen Medien gemeint, mit dem »humanistischen Bildungsideal« die Frage, ob es sich dabei um ein »Auslaufmodell oder wieder zu entdeckendes Orientierungssystem« handle.
Hier auf dem Blog habe ich die Frage wie meistens schrittweise abgehandelt und mit Gedankengängen verbunden, die ich früher schon diskutiert habe. Es gibt drei Teile:
Hier also der erste Abschnitt zu meinem Verständnis des humanistischen Bildungsideals.
Im dritten Kapitel seiner »Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen« von 1792 formuliert Wilhelm von Humboldt einen politischen Gedanken, der als Grundbaustein zu einem Bildungsideal gelesen werden kann:
Was nun der Mensch von außen empfängt, ist nur Samenkorn. Seine energische Tätigkeit muß es, seis auch das schönste, erst auch zum segenvollsten für ihn machen. […] Das höchste Ideal des Zusammenexistierens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige, in dem jedes nur aus sich selbst und um seiner selbst willen sich entwickelte.
Bildung ist – ganz knapp – die Entwicklung eines Individuums in Abgrenzung von Einflüssen von außen und Abgrenzung von fremden Zwecken. Objekte lassen sich von außen manipulieren, Instrumente dienen einem ganz bestimmten Zweck: Der gebildete Mensch ist weder Objekt noch Instrument, sondern setzt sich in ein Verhältnis zu den auf ihn wirkenden Einflüssen und zu den anzustrebenden Zwecken.
Bildung ist die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschränkung harmonisch – proportionierlich entfalten und zu einer sich selbstbestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.
Hier werden genauere Kriterien für die Entwicklung des Menschen im Bildungsprozess angegeben: Sie beinhaltet alle seine Fähigkeiten, die zudem im korrekten Verhältnis zueinander stehen sollen. Ihre Ausprägung erhalten sie, wenn Menschen in vielfältiger Weise mit der Welt interagieren und dabei selbstbestimmt zu einem Individuum werden.
Die humanistische Bildung organisiert diese breit angelegte Interaktion mit der Welt, indem sie Angebote bereit hält, mit denen sie – wiederum selbstbestimmt – stattfinden kann. Social Media fügt sich nun als ein Angebot ein: Wie das Lesen von Büchern, wie ein Gespräch oder wie ein Experiment in der Natur ermöglichen soziale Netzwerke eine Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Ideen, die Wahrnehmung von Darstellungen anderer Menschen und solchen der Natur, der Interaktion in Themenfeldern, welche menschlichen Interessen und Entwicklungsbedürfnissen entsprechen.
Social Media sind eine Ergänzung, Erweiterung der Bildungslandschaft, nicht ein Ersatz für etablierte Verfahrensweisen. In dieser Perspektive ist ganz klar, dass sie in Programm des humanistischen Bildungsideals gehören.
Seit letzte Woche mit blickamabend.ch der erste deutschsprachige Buzzfeed-Klon gestartet ist, verbreitet sich eine neue Textsorte: So genannte Listicles. Der Zusammenzug aus »List« und »Article« führt zu einer nummerierten Liste, in der ein Thema mit einer Kombination von Schlagzeilen, Bildern und Kommentaren dazu. Ich habe dazu selbst ein Beispiel gebastelt: Ein Kafka-Listicle.
Die Frage, wie leistungsfähig das Format ist, will ich hier nicht ausführlich abhandeln. Es entstammt aus einem Infotainment-Ansatz, der Informationen unterhaltsam verpackt. Viele Listicle-Geschichten sind rein unterhaltsam, einige haben durchaus einen Informationsgehalt, den man ernst nehmen kann. Hier ein Beispiel:
Eine Klasse habe ich beauftragt, Listicles zu schreiben. Folgende Schritte ermöglichen einen einfachen Zugang:
Lektüre von Listicles.
Beschreibung der wesentlichen Merkmale (nummerierte Liste – Zusatztipp von Simon Haering: die Anzahl sollte ungerade sein, um zu zeigen, dass sie nicht fertig ist -, Text-Bild-Kombination, Quellenangaben, auch bewegte Bilder, häufig .gifs).
Vereinbarung des Themas und es Umfangs zu schreibender Listicles.
Tools für Listicles: Tackk ermöglicht es, enorm einfach eine kleine Webseite zu schrieben, auf der ein Listicle Platz hat.
Für gifs empfiehlt sich makeagif, dort können Bilder und Videos problemlos verarbeitet werden.
Ist es nun sinngemäß, jede Modeerscheinung in den Unterricht einfließen zu lassen? Rainer Stadler, Medienjournalist bei der NZZ, findet nicht:
@Rennanwalt@phwampfler Scheint mir nicht das Schlechteste, die klassische Ausbildung. Das Neue lernt man schnell genug.
Tatsächlich: Schülerinnen und Schüler lernen nicht besser zu schreiben, weil sie das digital tun. Elementare Kompetenzen können mit vielen verschiedenen Textsorten gelernt werden. Und der motivierende Effekt der digitalen Lerntätigkeit wird häufig genug durch die Frustrationen im Umgang mit Technik kompensiert.
Warum also Listicles im Unterricht? Die Kombination von Analyse und eigenem Produzieren führt einerseits zu einer Erkenntnis darüber, wie Medienprodukte, die wir täglich konsumieren, entstehen. Ob nun Balladen gedichtet oder Listicles geschrieben werden: Ein Verständnis, dass Textsorten Regeln vorgeben, mit denen ein kreativer Umgang möglich ist, ist für mich entscheidend. Andererseits ist die Kombination von Text und Bild bzw. bewegtem Bild eine Fähigkeit, die immer stärker gefragt wird und in der formale und inhaltliche Aspekte einander herausfordern.
Öffnen wir Facebook, werden wir eingeladen, Inhalte zu teilen. Eine Statusmeldung zu tippen, ein Foto hochzuladen. Oft öffnen wir Facebook, weil wir unserem Netzwerk etwas mitzuteilen haben. Und dann entscheiden wir uns anders, löschen die Nachricht oder teilen das Bild doch nicht.
Wie eine Forschungsarbeit von Sauvik Das und Adam Kramer nahe legt, kann Facebook auch auf diese Inhalte zugreifen, welche User gar nicht publiziert haben. Die beiden Wissenschaftler untersuchen nämlich mit Daten von Facebook, unter welchen Umständen »Self-Censoring«, also Selbstzensur erfolgt. Ihre Ergebnisse:
We studied the last-minute self-censorship habits of 3.9 million English speaking Facebook users, and found that a large majority (71%) self-censored content at least once. Decisions to self-censor appeared to be driven by two principles: […] while posts directed at vague audiences (e.g., status updates) are censored more, so are posts directed at specifically defined targets (e.g., group posts), because it is easier to doubt the relevance of content directed at these focused audiences.
Es gibt einen nachvollziehbaren Grund, weshalb Facebook wissen möchte, wann und wie Nutzerinnen und Nutzer Inhalte nicht publizieren: Diese Inhalte betreffen Bereiche, in denen Facebook kein Vertrauen genießt und die deshalb auch für Werbekunden nicht zugänglich gemacht werden können. Findet Facebook heraus, welche User weshalb Inhalte selbst-zensieren, können Änderungen an der Architektur einen Anreiz schaffen, dass das seltener geschieht.
Die Tatsache, dass Facebook auch nicht-veröffentliche Inhalte speichert und durchsucht, ist beängstigend. In einem Slate-Artikel wird zurecht auf die Parallele zu den elektronischen Überwachungsmöglichkeiten des FBI und der NSA hingewiesen. Problematisch ist insbesondere, dass Facebook erstaunlich genau darüber informiert, wie das Unternehmen an Informationen über Nutzerinnen und Nutzer gelangt – dabei aber die Möglichkeit verschweigt, dass auch nicht-veröffentliche Informationen gespeichert werden:
Deine Informationen umfassen auch diejenigen Daten, die du anderen Personen auf Facebook zugänglich machst, zum Beispiel wenn du eine Statusmeldung postest, ein Foto hochlädst oder die Meldung eines Freundes kommentierst.
Auch wenn ein offizieller Facebook-Sprecher behauptet, Facebook würde unveröffentlichte Statusmeldungen nicht speichern, zeigt das Beispiel zeigt ein weiteres Mal, weshalb wir heute davon ausgehen müssen, dass alles, was wir an einem internetfähigen Gerät tun, erstens Unternehmen und Staaten zugänglich ist, zweitens auf Arten ausgewertet werden wird, die wir uns heute nicht vorstellen können.
Im aktuellen Jusletter IT, einer Fachzeitschrift für Recht und Internet, beschäftigt sich ein Aufsatz von Nuscha Wieczorek mit der Frage,
ob und wann Schulen ihre Schüler für ausserschulische Äusserungen im Internet (etwa über soziale Netzwerke) disziplinieren dürfen, ohne dabei die Meinungsfreiheit zu verletzen.
Der Aufsatz – leider hinter der Paywall, danke für den Hinweis, Martin Steiger! – benutzt für die Beurteilung dieser Frage Gerichtsurteile aus den USA, weil die schweizerische Rechtssprechung noch keine solchen Fälle beurteilen musste. Ihre Aussagen haben dabei keine rechtliche Verbindlichkeit, sondern entsprechen dem Status eines Rechtsgutachtens, von dem die Gerichtspraxis durchaus abweichen kann. Der Aufsatz bietet jedoch Schulleitungen und Schulen eine sinnvoll, juristisch fundierte Entscheidungsgrundlage. Im Folgenden fasse ich Ihre Einsichten so zusammen, wie ich sie als Laie verstehe. Über Korrekturen und Präzisierungen freue ich mich wie immer.
Die Ausgangslage: Schulen genießen ein Sonderstatut, das heißt sie dürfen unter bestimmten Umständen die staatlich garantierte Freiheiten von Jugendlichen einschränken. Dazu gehört unter anderem die Meinungsäußerungsfreiheit: Schülerinnen und Schüler können beispielsweise bestraft werden, wenn sie Lehrpersonen gegenüber verbal ausfällig werden.
Unter welchen Umständen gilt das nun für Äußerungen im Internet?
Wieczorek kommt zu folgenden Schlüssen:
Ein personell-örtlicher Zusammenhang zur Schule ist gegeben, wenn
a) Kommunikation auf der Schulwebseite oder im Schulintranet erfolgt
b) schulische Infrastruktur dafür benutzt wird
c) die betroffenen Schülerinnen oder Schüler während der Schulzeit (d.h. an der Schule) kommunizieren.
Es reicht nicht aus, dass der Adressatenkreis Mitschülerinnen oder Mitschüler sind.
Die Äußerung muss den Schulbetrieb stören und gleichzeitig in einem kausalen Zusammenhang mit der Störung stehen, d.h. es reicht nicht alleine aus, dass nur der Schulbetrieb gestört wird (weil z.B. ein Schüler sich im Internet freizügig präsentiert oder in einem Computerspiel großen Schaden anrichtet). Die Aussagen müssen sich deshalb grundsätzlich gegen Schulpersonal oder Mitschülerinnen/Mitschüler richten.
Schulen müssen klar zwischen berechtigter Kritik an Lehrpersonen und Diffamierungen unterscheiden, was besonders problematisch ist, wenn die kritisierten Personen auch die disziplinarbefugten sind.
Problematisch sind nur öffentliche Äußerungen. Private berechtigen eine Schule nicht zu Disziplinarmaßnahmen.
Das Fazit:
Aus der vorangehenden Erörterung ergibt sich, dass das Interesse von Schulen an der Ausübung ihrer Disziplinargewalt über die Internetkommunikation von Schülern nur unter sehr engen Voraussetzungen schwer genug wiegt, um einen derartigen Eingriff in die Meinungsfreiheit der Schüler zu rechtfertigen. Hierzu muss die ausserschulische Internetkommunikation eine ernsthafte Störung der Schulordnung zur Folge haben, eine Verletzung der einen Schüler bindenden besonderen Pflichten darstellen und öffentlich erfolgt sein.
Wieczorek merkt weiter an, dass die »Anforderungen an die Normstufe und Normbestimmtheit« sehr hoch sein müssen, d.h. konkret, die Schule muss sich bei dieser Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit auf ein Gesetz und eine Verordnung stützen können, welche Schülerinnen und Schüler erkennen lassen, dass und wie ihre Meinungsäußerungsfreiheit im Internet eingeschränkt ist.
Eine Checkliste sähe wie folgt aus:
Ein Schüler, eine Schülerin darf nicht bestraft werden, wenn Sie eine der folgenden Fragen mit »nein« beantworten können. Die Checkliste bezieht sich nur auf außerschulische Kommunikation im Internet, d.h. nicht auf Äußerungen, die von der Schule aus oder mit Infrastruktur der Schule gemacht werden:
Stört die Äußerung den Schulbetrieb?
Verletzt die Äußerung die Pflichten des Schülers/der Schülerin?
Richtet sie sich gegen eine Lehrperson oder eine Mitschülerin?
Kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei der Äußerung um eine legitime Kritik handelt?
Ist die Äußerung öffentlich erfolgt?
Gibt es für die Bestrafung eine für Schülerinnen und Schüler transparente Norm?
Gerade die letzte Frage ist dabei der Knackpunkt: Viele Äußerungen in sozialen Netzwerken sind halb-öffentlich, d.h. weder komplett privat noch komplett öffentlich. Mit diesem Status tut sich die Rechtssprechung schwer.