Je stärker Journalismus die maximale Verbreitung über soziale Netzwerke anstrebt – wie das Buzzfeed beispielsweise tut -, desto stärker ergibt sich ein Konflikt zwischen der Aufmerksamkeit, die gesucht wird, und der wahrheitsgemäßen Darstellung von Zusammenhängen. Der dafür relevante Begriff lautet »Hoax«: Eine Geschichte, die erfunden ist, aber mit der Absicht verbreitet wird, dass sie viele Menschen glauben.
Zwei Beispiele:
Die Geschichte von der Frau, die nach Kontakt mit einem Fremden in einem Club sich einen Ausschlag zuzieht, der nur durch Kontakt mit Leichen entstehen kann (Leichenherpes) – woraufhin sich herausstellt, dass der Fremde eine tatsächliche »Leiche im Keller« hat.
Die Geschichte von Elan Gale, der sich auf dem Heimflug für das Thanksgiving-Wochenende im Flugzeug mit einer Frau streitet und das live über Twitter dokumentiert.
Beides sind Hoaxes, die große journalistische Resonanz finden und gefunden haben.
Das Problem dabei ist Folgendes: Für die Journalistin oder den Journalisten, der einen Hoax verbreitet und dafür viele Zugriffe oder Verlinkungen erhält, ist die Tatsache, dass die Story nicht wahr ist, nebensächlich. Das Ziel ist erreicht, der Auftraggeber wohl zufrieden – eine Richtigstellung nur für journalistisch Interessierte relevant und kaum beachtet.
Wie David Weigel in einem Kommentar zur Gale-Geschichte schreibt, führt die Möglichkeit einer viralen Verbreitung von Inhalten dazu, dass die Standards für die journalistische Recherche und Überprüfung von Zusammenhängen gesenkt werden, weil Journalistinnen und Journalisten die Ziele ihrer Arbeitgebenden auch erreichen, ohne wahrheitsgemäß zu berichten.
In der Diskussion über den Twitter-Account @blockempfehlung, auf dem aus einer radikalfeministischen Perspektive Profile erwähnt werden, welche Menschen mit ähnlichen Haltungen blocken sollten/könnten, um gar nicht erst mit ihnen in Kontakt kommen zu können. Der Account wurde schnell als Pranger gebrandmarkt und mit wüsten Beleidigungen eingedeckt, umsichtigere Einordnungen wie die von Martin Weigert sprechen von einem konstanten Druck zur Konformität in sozialen Netzwerken, der durch die permanente Überwachung anderer entsteht, eine digitale Sozialkontrolle.
Persönlich sehe ich zunächst kein Problem damit, eine bestimmte Empfehlung abzugeben. Blocken ist ein rein passiver Akt, »filtern« wäre das bessere Wort. Ohne Filtersouveränität sind soziale Netzwerke nicht denkbar. Wer sich an den Empfehlungen von @blockempfehlungen stört, kann auch dieses Profil blocken oder die entsprechenden Tweets/Empfehlungen schlicht ignorieren. (Den Kritikerinnen und Kritikern würde ich zugestehen, dass eine Empfehlung von @blockempfehlung einer moralischen Verurteilung gleichkommt, bei der unterschiedlichste Problemlagen (»Maskus, Nazis, Macker, Derailing […]«) zusammenfallen. Zudem kann aus entsprechenden Empfehlungen zum Blocken auch ein Mobbing-Prozess entstehen.)
Im Folgenden möchte ich mich aber auf einen ganz spezifischen Aspekt konzentrieren. Auf die Frage, ob es sich bei einem Profil in sozialen Netzwerken um öffentliche Informationen handle. Meine These: In sozialen Netzwerken entsteht eine andere Form von Öffentlichkeit als in Massenmedien. Ich fände es angemessen, von Halb-Öffentlichkeit oder potentieller Öffentlichkeit zu sprechen, und werde das im Folgenden kurz begründen. [Zusatz 3. Januar: Der Begriff der Öffentlichkeit wird in den Kommentaren differenzierter behandelt.]
Als Rahmen ein theoretischer Exkurs, aus dem ich meine Schlüsse ziehen werde. Der Verweis auf Danah Boyds Konzept on »networked publics«, also einer Netzwerköffentlichkeit, ist hier hilfreich. Boyd macht drei zentrale Dynamiken aus:
Das Publikum oder die Publika sind unsichtbar, d.h. sie sind nicht unmittelbar anwesend und für die Senderin/den Sender nicht erkennbar. Schreibe ich einen Tweet, weiß ich nicht, wer ihn liest.
Versteckte Kontexte: Äußerungen werden häufig außerhalb eines sozialen Kontextes wahrgenommen, weil es keine zeitlichen oder räumlichen Beschränkungen gibt.
Öffentlichkeit und Privatheit lassen sich nicht länger trennen, sondern verschmelzen.
Diese Tendenzen sind unmittelbar einsichtig und mit klaren Risiken verbunden. Gleichwohl gibt es aber Erwartungen, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Twittere ich eine Beobachtung aus der S-Bahn, so wird die in der Regel von 100-200 Menschen gelesen, von denen wohl höchstens zehn darauf reagieren. Die meisten werden sie in den korrekten Kontext einordnen können. Will ich diese Zahlen reduzieren, dann lege ich mir einen neuen Twitter-Account an, dem dann weniger Menschen folgen. Ich habe eine gewisse Kontrolle darüber, wie groß das erreichte Publikum ist, und ich habe berechtigterweise gewisse Ewartungen, was mein Publikum mit meinen Äußerungen macht.
Nun ist es aber theoretisch möglich, über einen Webbrowser auf meinen Twitter-Stream zuzugreifen. Es ist nicht auszuschließen, dass mein Tweet von einflussreichen Konten verbreitet wird und er von Tausenden oder Millionen gelesen wird, wie das beim folgenden Beispiel passiert ist:
this beautiful earth is now officially 2014 years old, amazing
Vor zwanzig Jahren gab es private Briefe und öffentliche Zeitungen, Fernseh- und Radioprogramme. Damals hatten Flugblätten ungefähr den Status von Social Media: Zu erwarten war, dass einige das Flugblatt lesen, die es direkt zugestellt bekommen oder es finden; möglich war aber, dass das Flugblatt in einer Publikation abgedruckt oder zitiert wurde.
Wie Nathan Jurgenson richtig bemerkt, gibt es ein Risiko, dass Äußerungen in sozialen Netzwerken öffentlich werden – sie sind es aber nicht per se. Viele Äußerungen sind privat, können aber öffentlich eingesehen werden. Mit dieser Flugblatt-Öffentlichkeit sind – so würde ich argumentieren – viele Menschen, Medienschaffende und die Rechtssprechung überfordert, weil sie von einer binären Trennung zwischen öffentlichen und nicht-öffentlichen, also privaten Äußerungen ausgehen.
Vor über einem Jahr habe ich kurz dargelegt, wie ich die Öffentlichkeit von Inhalten in sozialen Netzwerken beurteilen würde – nämlich analog zum Recht am eigenen Bild. Entscheidend wären für mich folgende Kriterien, die zu einer Skala von 3 bis 9 führen.
Wo wurde eine Information publiziert?
1: soziales Netzwerk – 2: persönlicher Blog – 3: Seite einer Organisation oder Institution
Wer hat die Information publiziert?
1: Privatperson – 2: Person der Zeitgeschichte – 3: Amtsperson
An wen ist sie gerichtet?
1: eingeschränkter Kreis von Adressaten – 2: Adressaten, aber öffentlich einsehbar – 3: an die Öffentlichkeit (Wunsch maximaler Verbreitung)
tl;dr: Es ist sinnlos, Einträge in sozialen Netzwerken undifferenziert als »öffentlich« zu bezeichnen, wenn die überwiegende Mehrheit dieser Einträge klar nicht-öffentlich sind.
Auf Twitter machte diese Woche das folgende Zitat die Runde:
From a principal’s publication in 1815: „Students today depend on paper too much. They don’t know how to write on a slate without getting chalk dust all over themselves. They can’t clean a slate properly. What will they do when they run out of paper?“
Es passt schön in eine Reihe von technologie- und medienkritischen Zitaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, welche die These bestätigen, dass Menschen sich schon immer gegen einen eigentlich harmlosen Wandel gesträubt haben.
Um zwei Beispiele zu nennen:
In Parerga und Paralipomena II kritisiert der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Lesen als einen geisteslähmenden Prozess:
Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen.
Für xkcd hat Randall Munroe eine Liste mit Zitaten über die verheerende Wirkung der Beschleunigung der Kommunikation zusammengestellt (hier nur ein Auszug):
Das erste Zitat über die Papierabhängigkeit würde gut in diese Reihe passen, nur ist es nicht echt. Wie Quoteinvestigator rausgefunden hat, stammt es aus einem Artikel mit dem Titel »Probable Quotes From History« aus The MATYC Journal, 12/3, 1978 und zeigt in einer Liste von Zitaten, die alle mit »Student’s today…« beginnen, erfundene Zitate, wie Menschen hätten auch den technischen Wandel reagieren können.
Wir lernen: Genau so wie es einen Diskurs gibt, der über Jahrhunderte jedem medialen Wandel mit ähnlichen Argumenten begegnet, gibt es einen Diskurs, welche jede Kritik an solchen Veränderungen mit historischen Zitaten abbürstet. Genau so wie Neuerungen an sich nichts Gefährliches sind, ist wiederholte Kritik an sich nicht ohne Gehalt.
(Zudem lernen wir, dass Zitate im Netz auch dann verbreitet werden, wenn sie von niemandem verifiziert werden können. Aber das wusste auch Abraham Lincoln schon.)
Ich wurde gebeten, einen Artikel zu meiner Perspektive auf das »humanistische Bildungsideal« zu schreiben. Mit »meiner Perspektive« ist die des Lernens in und mit digitalen Medien gemeint, mit dem »humanistischen Bildungsideal« die Frage, ob es sich dabei um ein »Auslaufmodell oder wieder zu entdeckendes Orientierungssystem« handle.
Hier auf dem Blog habe ich die Frage wie meistens schrittweise abgehandelt und mit Gedankengängen verbunden, die ich früher schon diskutiert habe. Es gibt drei Teile:
Hier also der erste Abschnitt zu meinem Verständnis des humanistischen Bildungsideals.
Im dritten Kapitel seiner »Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen« von 1792 formuliert Wilhelm von Humboldt einen politischen Gedanken, der als Grundbaustein zu einem Bildungsideal gelesen werden kann:
Was nun der Mensch von außen empfängt, ist nur Samenkorn. Seine energische Tätigkeit muß es, seis auch das schönste, erst auch zum segenvollsten für ihn machen. […] Das höchste Ideal des Zusammenexistierens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige, in dem jedes nur aus sich selbst und um seiner selbst willen sich entwickelte.
Bildung ist – ganz knapp – die Entwicklung eines Individuums in Abgrenzung von Einflüssen von außen und Abgrenzung von fremden Zwecken. Objekte lassen sich von außen manipulieren, Instrumente dienen einem ganz bestimmten Zweck: Der gebildete Mensch ist weder Objekt noch Instrument, sondern setzt sich in ein Verhältnis zu den auf ihn wirkenden Einflüssen und zu den anzustrebenden Zwecken.
Bildung ist die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschränkung harmonisch – proportionierlich entfalten und zu einer sich selbstbestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.
Hier werden genauere Kriterien für die Entwicklung des Menschen im Bildungsprozess angegeben: Sie beinhaltet alle seine Fähigkeiten, die zudem im korrekten Verhältnis zueinander stehen sollen. Ihre Ausprägung erhalten sie, wenn Menschen in vielfältiger Weise mit der Welt interagieren und dabei selbstbestimmt zu einem Individuum werden.
Die humanistische Bildung organisiert diese breit angelegte Interaktion mit der Welt, indem sie Angebote bereit hält, mit denen sie – wiederum selbstbestimmt – stattfinden kann. Social Media fügt sich nun als ein Angebot ein: Wie das Lesen von Büchern, wie ein Gespräch oder wie ein Experiment in der Natur ermöglichen soziale Netzwerke eine Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Ideen, die Wahrnehmung von Darstellungen anderer Menschen und solchen der Natur, der Interaktion in Themenfeldern, welche menschlichen Interessen und Entwicklungsbedürfnissen entsprechen.
Social Media sind eine Ergänzung, Erweiterung der Bildungslandschaft, nicht ein Ersatz für etablierte Verfahrensweisen. In dieser Perspektive ist ganz klar, dass sie in Programm des humanistischen Bildungsideals gehören.
Seit letzte Woche mit blickamabend.ch der erste deutschsprachige Buzzfeed-Klon gestartet ist, verbreitet sich eine neue Textsorte: So genannte Listicles. Der Zusammenzug aus »List« und »Article« führt zu einer nummerierten Liste, in der ein Thema mit einer Kombination von Schlagzeilen, Bildern und Kommentaren dazu. Ich habe dazu selbst ein Beispiel gebastelt: Ein Kafka-Listicle.
Die Frage, wie leistungsfähig das Format ist, will ich hier nicht ausführlich abhandeln. Es entstammt aus einem Infotainment-Ansatz, der Informationen unterhaltsam verpackt. Viele Listicle-Geschichten sind rein unterhaltsam, einige haben durchaus einen Informationsgehalt, den man ernst nehmen kann. Hier ein Beispiel:
Eine Klasse habe ich beauftragt, Listicles zu schreiben. Folgende Schritte ermöglichen einen einfachen Zugang:
Lektüre von Listicles.
Beschreibung der wesentlichen Merkmale (nummerierte Liste – Zusatztipp von Simon Haering: die Anzahl sollte ungerade sein, um zu zeigen, dass sie nicht fertig ist -, Text-Bild-Kombination, Quellenangaben, auch bewegte Bilder, häufig .gifs).
Vereinbarung des Themas und es Umfangs zu schreibender Listicles.
Tools für Listicles: Tackk ermöglicht es, enorm einfach eine kleine Webseite zu schrieben, auf der ein Listicle Platz hat.
Für gifs empfiehlt sich makeagif, dort können Bilder und Videos problemlos verarbeitet werden.
Ist es nun sinngemäß, jede Modeerscheinung in den Unterricht einfließen zu lassen? Rainer Stadler, Medienjournalist bei der NZZ, findet nicht:
@Rennanwalt@phwampfler Scheint mir nicht das Schlechteste, die klassische Ausbildung. Das Neue lernt man schnell genug.
Tatsächlich: Schülerinnen und Schüler lernen nicht besser zu schreiben, weil sie das digital tun. Elementare Kompetenzen können mit vielen verschiedenen Textsorten gelernt werden. Und der motivierende Effekt der digitalen Lerntätigkeit wird häufig genug durch die Frustrationen im Umgang mit Technik kompensiert.
Warum also Listicles im Unterricht? Die Kombination von Analyse und eigenem Produzieren führt einerseits zu einer Erkenntnis darüber, wie Medienprodukte, die wir täglich konsumieren, entstehen. Ob nun Balladen gedichtet oder Listicles geschrieben werden: Ein Verständnis, dass Textsorten Regeln vorgeben, mit denen ein kreativer Umgang möglich ist, ist für mich entscheidend. Andererseits ist die Kombination von Text und Bild bzw. bewegtem Bild eine Fähigkeit, die immer stärker gefragt wird und in der formale und inhaltliche Aspekte einander herausfordern.
Öffnen wir Facebook, werden wir eingeladen, Inhalte zu teilen. Eine Statusmeldung zu tippen, ein Foto hochzuladen. Oft öffnen wir Facebook, weil wir unserem Netzwerk etwas mitzuteilen haben. Und dann entscheiden wir uns anders, löschen die Nachricht oder teilen das Bild doch nicht.
Wie eine Forschungsarbeit von Sauvik Das und Adam Kramer nahe legt, kann Facebook auch auf diese Inhalte zugreifen, welche User gar nicht publiziert haben. Die beiden Wissenschaftler untersuchen nämlich mit Daten von Facebook, unter welchen Umständen »Self-Censoring«, also Selbstzensur erfolgt. Ihre Ergebnisse:
We studied the last-minute self-censorship habits of 3.9 million English speaking Facebook users, and found that a large majority (71%) self-censored content at least once. Decisions to self-censor appeared to be driven by two principles: […] while posts directed at vague audiences (e.g., status updates) are censored more, so are posts directed at specifically defined targets (e.g., group posts), because it is easier to doubt the relevance of content directed at these focused audiences.
Es gibt einen nachvollziehbaren Grund, weshalb Facebook wissen möchte, wann und wie Nutzerinnen und Nutzer Inhalte nicht publizieren: Diese Inhalte betreffen Bereiche, in denen Facebook kein Vertrauen genießt und die deshalb auch für Werbekunden nicht zugänglich gemacht werden können. Findet Facebook heraus, welche User weshalb Inhalte selbst-zensieren, können Änderungen an der Architektur einen Anreiz schaffen, dass das seltener geschieht.
Die Tatsache, dass Facebook auch nicht-veröffentliche Inhalte speichert und durchsucht, ist beängstigend. In einem Slate-Artikel wird zurecht auf die Parallele zu den elektronischen Überwachungsmöglichkeiten des FBI und der NSA hingewiesen. Problematisch ist insbesondere, dass Facebook erstaunlich genau darüber informiert, wie das Unternehmen an Informationen über Nutzerinnen und Nutzer gelangt – dabei aber die Möglichkeit verschweigt, dass auch nicht-veröffentliche Informationen gespeichert werden:
Deine Informationen umfassen auch diejenigen Daten, die du anderen Personen auf Facebook zugänglich machst, zum Beispiel wenn du eine Statusmeldung postest, ein Foto hochlädst oder die Meldung eines Freundes kommentierst.
Auch wenn ein offizieller Facebook-Sprecher behauptet, Facebook würde unveröffentlichte Statusmeldungen nicht speichern, zeigt das Beispiel zeigt ein weiteres Mal, weshalb wir heute davon ausgehen müssen, dass alles, was wir an einem internetfähigen Gerät tun, erstens Unternehmen und Staaten zugänglich ist, zweitens auf Arten ausgewertet werden wird, die wir uns heute nicht vorstellen können.
Im aktuellen Jusletter IT, einer Fachzeitschrift für Recht und Internet, beschäftigt sich ein Aufsatz von Nuscha Wieczorek mit der Frage,
ob und wann Schulen ihre Schüler für ausserschulische Äusserungen im Internet (etwa über soziale Netzwerke) disziplinieren dürfen, ohne dabei die Meinungsfreiheit zu verletzen.
Der Aufsatz – leider hinter der Paywall, danke für den Hinweis, Martin Steiger! – benutzt für die Beurteilung dieser Frage Gerichtsurteile aus den USA, weil die schweizerische Rechtssprechung noch keine solchen Fälle beurteilen musste. Ihre Aussagen haben dabei keine rechtliche Verbindlichkeit, sondern entsprechen dem Status eines Rechtsgutachtens, von dem die Gerichtspraxis durchaus abweichen kann. Der Aufsatz bietet jedoch Schulleitungen und Schulen eine sinnvoll, juristisch fundierte Entscheidungsgrundlage. Im Folgenden fasse ich Ihre Einsichten so zusammen, wie ich sie als Laie verstehe. Über Korrekturen und Präzisierungen freue ich mich wie immer.
Die Ausgangslage: Schulen genießen ein Sonderstatut, das heißt sie dürfen unter bestimmten Umständen die staatlich garantierte Freiheiten von Jugendlichen einschränken. Dazu gehört unter anderem die Meinungsäußerungsfreiheit: Schülerinnen und Schüler können beispielsweise bestraft werden, wenn sie Lehrpersonen gegenüber verbal ausfällig werden.
Unter welchen Umständen gilt das nun für Äußerungen im Internet?
Wieczorek kommt zu folgenden Schlüssen:
Ein personell-örtlicher Zusammenhang zur Schule ist gegeben, wenn
a) Kommunikation auf der Schulwebseite oder im Schulintranet erfolgt
b) schulische Infrastruktur dafür benutzt wird
c) die betroffenen Schülerinnen oder Schüler während der Schulzeit (d.h. an der Schule) kommunizieren.
Es reicht nicht aus, dass der Adressatenkreis Mitschülerinnen oder Mitschüler sind.
Die Äußerung muss den Schulbetrieb stören und gleichzeitig in einem kausalen Zusammenhang mit der Störung stehen, d.h. es reicht nicht alleine aus, dass nur der Schulbetrieb gestört wird (weil z.B. ein Schüler sich im Internet freizügig präsentiert oder in einem Computerspiel großen Schaden anrichtet). Die Aussagen müssen sich deshalb grundsätzlich gegen Schulpersonal oder Mitschülerinnen/Mitschüler richten.
Schulen müssen klar zwischen berechtigter Kritik an Lehrpersonen und Diffamierungen unterscheiden, was besonders problematisch ist, wenn die kritisierten Personen auch die disziplinarbefugten sind.
Problematisch sind nur öffentliche Äußerungen. Private berechtigen eine Schule nicht zu Disziplinarmaßnahmen.
Das Fazit:
Aus der vorangehenden Erörterung ergibt sich, dass das Interesse von Schulen an der Ausübung ihrer Disziplinargewalt über die Internetkommunikation von Schülern nur unter sehr engen Voraussetzungen schwer genug wiegt, um einen derartigen Eingriff in die Meinungsfreiheit der Schüler zu rechtfertigen. Hierzu muss die ausserschulische Internetkommunikation eine ernsthafte Störung der Schulordnung zur Folge haben, eine Verletzung der einen Schüler bindenden besonderen Pflichten darstellen und öffentlich erfolgt sein.
Wieczorek merkt weiter an, dass die »Anforderungen an die Normstufe und Normbestimmtheit« sehr hoch sein müssen, d.h. konkret, die Schule muss sich bei dieser Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit auf ein Gesetz und eine Verordnung stützen können, welche Schülerinnen und Schüler erkennen lassen, dass und wie ihre Meinungsäußerungsfreiheit im Internet eingeschränkt ist.
Eine Checkliste sähe wie folgt aus:
Ein Schüler, eine Schülerin darf nicht bestraft werden, wenn Sie eine der folgenden Fragen mit »nein« beantworten können. Die Checkliste bezieht sich nur auf außerschulische Kommunikation im Internet, d.h. nicht auf Äußerungen, die von der Schule aus oder mit Infrastruktur der Schule gemacht werden:
Stört die Äußerung den Schulbetrieb?
Verletzt die Äußerung die Pflichten des Schülers/der Schülerin?
Richtet sie sich gegen eine Lehrperson oder eine Mitschülerin?
Kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei der Äußerung um eine legitime Kritik handelt?
Ist die Äußerung öffentlich erfolgt?
Gibt es für die Bestrafung eine für Schülerinnen und Schüler transparente Norm?
Gerade die letzte Frage ist dabei der Knackpunkt: Viele Äußerungen in sozialen Netzwerken sind halb-öffentlich, d.h. weder komplett privat noch komplett öffentlich. Mit diesem Status tut sich die Rechtssprechung schwer.
A social network site is a networked communication platform in which participants 1) have uniquely identifiable profiles that consist of user-supplied content, content provided by other users, and/or system-provided data; 2) can publicly articulate connections that can be viewed and traversed by others; and 3) can consume, produce, and/or interact with streams of user- generated content provided by their connections on the site. – Danah Boyd und Nicole Ellison
In einer revidierten Fassung ihrer einschlägigen Definition von sozialen Netzwerken betonen Boyd und Ellison neu den Zugang zu Inhalten über »Streams« (3), die User hervorbringen, konsumieren oder mit denen sie interagieren können.
Ein schönes Beispiel für einen solchen Stream ist die App »Quizduell«. Die App erlaubt, mit Freunden oder Fremden ein Quiz in sechs Runden à drei Fragen zu stellen, die jeweils einer Kategorie entnommen werden, welche die Spieler abwechselnd bestimmen können.
Diese Fragen stellen einen »Stream« dar, der aufgrund unterschiedlicher Kriterien zusammengestellt wird (zufällige Wahl der Fragen/Kategorien, Wahl der Kategorien durch User). Quizduell ermöglicht es Usern auch, eigene Fragen einzustellen und so Streams herzustellen. Dadurch verändert sich das Profil: Wer fünf Fragen formuliert hat, erhält eine Krone zur Belohnung.
Quizduell hat einen enormen Sog, weil es einerseits ermöglicht, das Spielen eines Fernsehquiz‘ in die kurze Arbeitspause reinzuquetschen, weil es andererseits zu einer spielerischen Herausforderung im Kreis der Bekannten lädt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die App verbreitet hat, zeigt das Potential von Social Media auf: Sie schaffen individuelle Erlebnisse durch Interaktion mit anderen Menschen. Dass hier Wissen verarbeitet wird, ist nur am Rande relevant.
Dabei nutzt Quizduell die Möglichkeiten sehr rudimentär. Es wäre eine viel genauere Steuerung der Streams möglich: User könnten in verschiedenen Formaten gegeneinander antreten, Antwortzeiten etc. einstellen. Zudem könnten Sie Fragen nach Schwierigkeit bewerten bzw. ein Algorithmus könnte das tun – und so die Wahl eines herausfordernden oder einfachen Spiels ermöglichen. Wer Fragen schreibt, könnte dafür ebenfalls an einer Art Spiel teilnehmen (wie schwierig sind die Fragen, die ich schreibe etc.) – so dass auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Stream interagiert werden kann. Auch die statistische Tiefe der Auswertung könnte leicht vergrößert werden.
Wer gegen mich spielen will, ist herzlich eingeladen: Ich heiße, wie immer, phwampfler.
Schweizer Blogger haben den kommenden Sonntag, den 15. Dezember, als Offlinetag designiert. Ihre Aufforderung:
Verbringt den Tag offline – mit Freunden und Familie, zu Hause, in der Natur, im Lieblingsrestaurant.
Was steckt hinter diesem Wunsch von Menschen, die ihre Smartphones und Laptops ständig nutzen?
Wie die knappe Aufforderung, die ich oben zitiert habe, zeigt, wird in der Vorstellung von Offline-Phasen der Mythos konstruiert, das Leben ohne digitale Kommunikation sei reichhaltiger, echter. »Freunde und Familie«, »Natur«, »Lieblingsrestaurant« – all das wird uns ja durch unser Smartphone nicht genommen. Der nostalgische Wunsch nach einer Zeit, in der Begegnungen und Gespräche tiefer waren, der Mensch mit seiner Umwelt verankert, Konzentration einfacher und Tätigkeiten sinnerfüllt – dieser Wunsch kennzeichnet die Moderne, deren Denkerinnen und Denker seit der Romantik über die Entfremdung klagen, zu welcher die Technologie geführt habe.
Das hat stark mit der Wahrnehmung unsere Identität zu tun. Die Kehrseite des Mythos ist die Vorstellung, es gäbe hinter unseren Avataren und unseren Inszenierung von uns selbst ein wahres Ich. »Sei ganz dich selbst« ist die paradoxe Aufforderung der Lifestyle-Magazine, die einem gleichzeitig die Anweisung mitgeben, wie denn dieses authentische Ich sich kleiden, ernähren und sexuell erfüllen müsse. Genau so selbstverständlich wie die Erfahrung einer Entfremdung ist die Einsicht der modernen Philosophie, dass Identität aus der Spannung zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen besteht, oder kurz: Dass es kein Ich ohne die Inszenierung eines Ichs geben kann.
Bezeichnend am Diskurs über Offline-Phasen ist die Pathologisierung von gewissen Verhaltensweisen. Wer zu oft auf einen Bildschirm starrt, gilt als süchtig und krank. Ohne neuartige Verhaltensweisen beschreiben zu können, werden sie als eine Abweichung von dem angesehen, was gesund und normal ist. Das zeigt auch das bekannte Video »I Forgot my Phone«: Als abweichend wird nicht die junge Frau angesehen, die sich der Vernetzung entzieht, sondern die Menschen, welche Verhaltensweisen an den Tag legen, die wir in unserem Alltag alle reproduzieren.
Letztlich geht es um die Bedrohung der neuen Möglichkeiten. Smartphones verändern Menschen: Sie erweitern unser Gedächtnis, unser Denken, sie verändern unsere Gefühle, unser Begehren. Wie das geschieht, wissen wir noch nicht genau – aber es wird Menschen nicht weniger echt und nicht weniger gesund machen, als sie es ohne digitale Technologie sind. Das Bedürfnis, Gefühle und Begehren zu normalisieren, ist die treibende Kraft hinter den Disconnectivistinnen und Disconnectivisten.
Dagegen spricht nichts. Es ist völlig legitim, Erfahrungen zu sammeln und zu reflektieren. Aber die Hoffnung, dadurch gesunder oder echter zu werden, ignoriert wesentliche Erkenntnisse über das Wesen des Menschen.
Das hält auch ein lesenswerter Artikel von Holm Friebe fest, der zeigt, wie stark diese Widersprüche auch mit den Gegebenheiten der Arbeitswelt und den Vorstellungen von Arbeit zusammenhängen:
Dass in einem derart nervösen Klima Besinnungsappelle, die uns zum achtsameren Umgang mit unserer Zeit mahnen und zu einem diätetischen Medienverhalten animieren, erneut Konjunktur haben und gerade in den sozialen Medien eine hohe Viralität erzielen, ist nicht Dialektik, sondern Ausdruck einer widersprüchlichen Wehmut.
Heute ist die Wochenzeitung ganz in schwarz erschienen. Für die Sonderausgabe »geheim«, in der es um Überwachung im digitalen Zeitalter geht, habe ich einen Text geschrieben – darüber, wie Laien Datensicherheit herstellen können.
Ich hatte viel Hilfe von Menschen, die etwas von der Sache verstehen – dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.
Vier empfehlenswerte Grundsätze: Daten sparsam anlegen, die angelegten so gut wie möglich schützen, sich beim Datenschutz solidarisch verhalten und weder die Gefahr noch den Nutzen der eigenen Vorkehrungen überschätzen. Da Daten nicht nur dann entstehen, wenn wir einen Computer oder ein Smartphone benutzen, ist das nicht einfach. Jeder Einkauf führt zu einer Datenspur, jede Bahnhofsbenützung oder Autofahrt zu digitalen Videoaufnahmen, jede Kommunikation mit technischen Hilfsmitteln zu sogenannten Metadaten, die zumindest angeben, wer wann miteinander in Kontakt getreten ist. Ob wir telefonieren, Briefe schreiben oder ein soziales Netzwerk benutzen, wird diesbezüglich zunehmend irrelevant. Die USA erfassen sämtliche Briefe digital, Poststellen werden zunehmend mit Video so überwacht, dass die AbsenderInnen von Paketen identifiziert werden können, und Telefongespräche können schon länger problemlos mitgeschnitten werden.
Dennoch lohnt sich jede Anstrengung in Bezug auf Datenschutz, weil sie den Aufwand erhöht, mit der Informationen gewonnen werden können. Letztlich ist Überwachung heute nur deshalb so leicht möglich, weil sie so billig ist. Kostet sie mehr – an Geld oder Zeit –, findet weniger davon statt.