Social-Media-Sucht

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XKCD

In Diskussionen über die Nutzung Neuer Medien ist der pathologisierende Vorwurf omnipräsent, jemand sei Facebook-abhängig oder Twitter-süchtig. In meinem Buch habe ich darüber Folgendes geschrieben:

Wenn Jugendliche oder auch Erwachsene oft mit ihren mobilen Geräten kommunizieren, lässt sich daraus keine Aussage über eine mögliche Abhängigkeit gewinnen. Kommunikation ist ein zentrales menschliches Bedürfnis. Sucht beginnt dort, wo eigene Bedürfnisse überdeckt, ersetzt, vernachlässigt oder ignoriert werden. Social Media bieten diese Möglichkeit, wie viele andere grundsätzlich unproblematische Tätigkeiten auch, z. B. essen oder arbeiten. (S. 89)

Dieses Kriterium (Bedürfnisse ersetzen oder vernachlässigen) ist recht vage – daher möchte ich kurz präzisieren, was in der Forschungsliteratur als entscheidende Symptome für Medienabhängigkeit angeführt werden. Ich fasse zusammen und werde daher nicht einzelne Studien zitieren – einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion bietet die Bachelorarbeit von Regula Baumann und Robin Staufer.

  1. Sowohl zeitlich als auch gedanklich setzt sich eine Person immer stärker mit der Nutzung von Social Media auseinander und verliert dadurch Verhaltensmöglichkeiten. Sie erlebt das als Kontrollverlust; oft nutzt sie Social Media gegen ihren Willen.
  2. Dieser eingeschränkte Handlungsspielraum wirkt sich negativ auf die schulische oder berufliche Leistung einer Person aus.
  3. Aus 1. und 2. resultieren häufige Konflikte mit wichtigen Bezugspersonen,
  4. die in einen sozialen Rückzug münden, damit genügend Zeit vorhanden ist, sich den medialen Aktivitäten zu widmen.
  5. Damit sind häufig Lügen verbunden: Abhängige geben vor, weniger Zeit mit Social Media zu verbringen, als das tatsächlich der Fall ist.
  6. Die Nutzung als immer weniger befriedigend empfunden, weil Toleranz aufgebaut wird. Resultat: Was zu Beginn der problematischen Nutzung zu Euphorie geführt hat, kann nur noch durch hohen emotionalen und zeitlichen Aufwand erreicht werden.
  7. Eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten führen zu Entzugserscheinungen.
  8. Versuche, die Nutzung einzuschränken, scheitern.
  9. Die Sucht hat körperliche Konsequenzen wie Schlafmangel, Über- oder Untergewicht etc.

Für die Prävalenzrate in Bezug auf Social-Media-Abhängigkeit gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Die PINTA-Studie, mit der 2011 in Deutschland die Prävalenz von Internetabhängigkeit untersucht worden ist, ermittelte eine Gesamtrate von 1.5%. Bei Jugendlichen liegen sie etwas höher, besonders zwischen 14 und 16 Jahren: Je nach Methode werden sie dort auf insgesamt zwischen 4.0 und 6.3% geschätzt, junge Frauen sind dabei deutlich gefährdeter als Männer (zwischen 4.9 und 8.6%, wiederum methodenabhängig). Die Autoren der Studie schreiben dazu:

Bei Betrachtung der Altersgruppen und der Verteilung innerhalb der Geschlechter ist auffällig, dass in den jungen Altersgruppen die Prävalenzraten der Mädchen die der Jungen übersteigt. Verglichen mit früheren Befunden war dies nicht erwartbar. […] Betrachtet man die jeweilig Auffälligen in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen, so findet man Unterschiede in den Präferenzen der Internetaktivitäten. Zwar wird von beiden Gruppen am häufigsten angegeben, dass Soziale Netzwerke genutzt werden, dieses ist jedoch besonders ausgeprägt bei weiblichen Personen, die hingegen eher selten Onlinespiele nutzen. Insgesamt und gerade für diese unerwarteten Befunde bei den jungen weiblichen Probanden wird in zukünftigen Studien zu klären sein, ob die gefundenen Auffälligkeiten tatsächlich im Sinne einer Störung zu verstehen sind, für die Hilfe benötigt wird. Dazu ist es notwendig vertiefende Interviews zu führen, die die klinische Bedeutsamkeit auf der Ebene der Symptome und Kriterien wie auch der damit verbundenen Beeinträchtigungen erfassen.

Im Rahmen der Untersuchung wurde unten stehender Fragenkatalog telefonisch abgerufen (S. 8).

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Facebook und Beziehungen – Zusammenfassung einiger Studien

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»Is Facebook part of the separating or part of the congregating; is it a huddling together for warmth or a shuffling away in pain?« – Zitat aus der Cover-Story von The Atlantic, May 2012 (Stephen Marche)

In letzter Zeit habe ich einige Studien zu Facebook und Beziehungen gelesen und möchte einige hier zusammenfassen. Bei Interesse kann ich Privatkopien der Volltexte verschicken, die Links führen meist zu Seiten mit Abstracts der Studien.

Facebook ist ein geeignetes Untersuchungsgebiet, weil die Plattform so verbreitet ist, dass allgemeine Untersuchungen möglich sind. Allerdings verwenden alle Studien ähnliche Testpersonen: Studierende in den ersten Semestern, die entweder Credits oder Geld für die Teilnahme an den Studien erhalten. Die quantitativen Daten werden oft mit einfachen Fragebogen ermittelt, woraus ebenso wie aus der eingeschränkten Untersuchungsbasis eine Reihe von methodischen Problemen resultieren können (beim Ausfüllen ist es beispielsweise durchaus denkbar, dass sich die Befragten systematisch täuschen oder anders erscheinen wollen, als sie sich tatsächlich fühlen; Studierende könnten gewisse Reaktionen aufweisen, die für andere Bevölkerungsgruppen nicht nachweisbar wären). Trotz dieser möglichen Einwände sind die Resultate der Studien wertvoll, weil sie differenzierte Fragen beantworten und Erklärungen mit Daten stützen oder widerlegen können.

  1. Facebook-Abhängigkeit führt zu Eifersucht und Unzufriedenheit in Liebesbeziehungen [Elphiston/Noller, 2011].
    Die Studie operiert mit einem Fragebogen, mit dem »Facebook Intrusion« gemessen wird, d.h. wie stark Facebook den Alltag von Menschen beeinflusst. Ist das stark der Fall, so führt das bei australischen Studierenden zu stärkerer Eifersucht und Überwachungsverhalten in Liebesbeziehungen; beides sind wiederum Faktoren, welche die Zufriedenheit mit der Beziehung negativ beeinflussen.
  2. Vielfältige Einflüsse von Facebook auf Liebesbeziehungen [Bowe, 2010]
    Während gemeinsame Rituale oder öffentliche Liebesbekundungen auf Facebook das Vertrauen in eine Beziehung stärken können, ist das Design respektive die Architektur der Seite dafür geeignet, intime Beziehungen durch Eifersucht oder Besitzansprüche zu bedrohen. Die Präsenz von ehemaligen Partnern auf Facebook ist dabei ein gewichtiger Faktor, zeigen qualitative Interviews mit irischen Studierenden.
  3. Wer Facebook intensiv nutzt, schreibt anderen ein glücklicheres Leben zu. [Chou/Edge, 2012]
    Je länger amerikanische Studierende bei Facebook dabei sind oder je mehr Zeit sie auf der Seite verbringen, desto eher denken sie, dass andere Menschen ein glücklicheres Leben führten und das Leben generell ungerecht sei. Dieser Effekt verringert sich, je mehr Facebook-Kontakte auch außerhalb der Seite zum Bekanntenkreis zählen und je mehr Zeit studierende gemeinsam mit ihren Freunden im direkten Kontakt verbringen.
  4. Wer seinen Status updatet, fühlt sich weniger einsam. [Deters/Mehl, 2013]
    Unabhängig davon, ob amerikanische Studierende Feedback auf ihre Status-Updates erhalten, fühlen sie sich alleine durch das Verfassen einer entsprechenden Meldung mehr mit anderen Menschen verbunden und weniger einsam, wenn sie aufgefordert werden, deutlich häufiger Updates vorzunehmen.
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  5. Passive Freundschaften auf Facebook führen zu Neid [Krasnova, Wenninger et al, 2013]
    Die Studie weist bei deutschen Studierenden nach, dass negative Gefühle bei der Nutzung von Facebook oft mit Neid zusammenhängen. Neid bezieht sich auf der Plattform insbesondere auf Reisemöglichkeiten, die Freizeitgestaltung und die soziale Eingebundenheit, während die Neidtrigger offline stärker auf den Erfolg einer Person bezogen sind. Der auf FB erlebte Neid führt zu einer geringeren Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Die Facebook-Verweigerung als Inszenierung

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In der NZZ schreibt Alice Kohli einen Nachruf auf ihr Facebook-Alter-Ego. Darin steht unter anderem:

Das Leben auf Facebook war damit genauso kompliziert geworden wie das richtige Leben. Oder noch komplizierter. Würde ich ohne Facebook etwas verpassen? Würde ich tatsächlich wichtige Kontakte verlieren? Kaum.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, nach knapp sechs Jahren, deaktivierte ich meinen Account. «Diese Freunde werden dich vermissen», mahnte Facebook und zeigte mir vier Gesichter, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht vermissen würden. Ich drückte den Knopf und war draussen. Mein Leben war ein kleines bisschen weniger kompliziert als vorher.

Sie schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele geschlagen haben, z.B. die Autorin Zadie Smith in einem Essay für die New York Review of Books:

Shouldn’t we struggle against Facebook? Everything in it is reduced to the size of its founder. Blue, because it turns out Zuckerberg is red-green color-blind. “Blue is the richest color for me—I can see all of blue.” Poking, because that’s what shy boys do to girls they are scared to talk to. Preoccupied with personal trivia, because Mark Zuckerberg thinks the exchange of personal trivia is what “friendship” is.

Ich bin anderer Meinung und habe dazu einen Kommentar geschrieben. Die dahinter stehenden Gedanken können bei Nathan Jurgenson vertieft werden, der über diesen Social-Media-kritischen Diskurs schreibt, dass es dabei darum gehe, Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten im Leben auf einer technischen Ebene als etwas darzustellen, was sich lösen oder heilen lasse: »it is about reframing our anxieties and difficulties as something we can fix«. Das heißt, dass Menschen Beziehungen, Einsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Selbstvertrauen etc. immer schwer fallen – sie in der Kritik an Technologie der Illusion nachgehen können, es gäbe einfache Rezepte für ein besseres Leben in dieser Hinsicht.

Mein Kommentar zum Artikel kenn gut auf der NZZ-Seite diskutiert werden kann (oder natürlich auch hier):

Mir scheint, diese Beitrag widerspricht sich performativ. Facebook ist die inszenierte Oberfläche – ein Mittel, um als etwas zu erscheinen, was wir gerne wären, nicht sind. Es gibt viele andere: Unsere Kleidung, unsere Autos, unsere Wohnungen. Wie wir reden, was wir arbeiten, was wir unternehmen. Jede Meinung zu Facebook ist genau so eine Inszenierung wie ein Facebook-Profil. Wer sich demonstrativ verweigert unterscheidet sich nicht von denen, die sich demonstrativ mitteilen.
Zu sagen, man könne »Menschen begegnen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auf einer selbstgebauten Skala der digitalen Meta-Ebene vielleicht Sonderlinge wären«, halte ich für eine Illusion. Menschen bauen sich Skalen und sich konstruieren Meta-Ebenen. Ob sie das digital oder analog tun, ist letztlich irrelevant.
Damit will ich nicht sagen, dass das Leben ohne Facebook nicht wunderbar funktionieren würde. Aber Menschen, die darauf verzichten, leben nicht mehr oder echter, als die, die das Tool nutzen. Wir brauchen Kommunikationsmittel, weil wir als Menschen eine symbolische und eine körperliche Seite haben. Zu werten, wie Menschen sich symbolisch inszenieren, halte ich für überheblich und unnötig.

Die Netzwerkgesellschaft und ihre Verunsicherung

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.
Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Die beiden Informatiker und Psychologe J.C.R. Licklider schrieb 1968 zusammen mit Robert W. Taylor einen bemerkenswerten Aufsatz mit dem Titel The Computer as a Communication Device (ab S. 21/26). Die beiden Theoretiker skizzieren ein Modell zur computerunterstützten Kommunikation und kommen in ihrem Fazit zu folgender Prognose, die aus heutiger Sicht hoch idealistisch klingt:

When people do their informational work “at the console” and “through the network,” telecommunication will be as natural an extension of individual work as face-to-face communication is now. The impact of that fact, and of the marked facilitation of the communicative process, will be very great—both on the individual and on society.

First, life will be happier for the on-line individual because the people with whom one interacts most strongly will be selected more by commonality of interests and goals than by accidents of proximity. Second, communication will be more effective and productive, and therefore more enjoyable. […] And, fourth, there will be plenty of opportunity for everyone (who can afford a console) to find his calling, for the whole world of information, with all its fields and disciplines, will be open to him—with programs ready to guide him or to help him explore.

For the society, the impact will be good or bad, depending mainly on the question: Will “to be on line” be a privilege or a right?

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.
Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Trotz dem hohen Grad an Optimismus, den die beiden verströmen, haben sie einige Schlüsselaspekte dessen benannt, was Lee Rainie und Barry Wellman in ihrem Buch Networked 2012 das neue gesellschaftliche Betriebssystem genannt haben. Die dreifache Revolution (»triple revolution«) durch Netzwerke, Internet und mobile Kommunikation hat ihrer Analyse zufolge – Rainie und Wellman haben in diesem Bereich eine ganze Reihe von Studien durchgeführt – folgende Hauptauswirkungen:

  1. Die sozialen Netzwerke werden loser. Diese Tendenz bestand schon vor dem Internet, hat sich aber verstärkt. Die Furcht vieler Menschen besteht darin, dass »wir  in einer sozial eingeschränkten Welt leben, in der Vertrauen abnimmt, sozialer Zusammenhalt reduziert und Einsamkeit verbreitet ist und in der die Fähigkeit von Menschen, anderen zu helfen, bedroht ist.« (Seite 8, Kindle Position 372) Nüchtern analysiert wandeln sich die Möglichkeiten, wie Menschen wirtschaftliche, soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen von engen Gruppen zu unverbindlichen Netzwerken.
  2. In diesen Netzwerken haben Menschen Teilmitgliedschaften. Sie zeichnen sich nicht durch Gruppenzugehörigkeit aus, sondern können in einer ganzen Anzahl von Netzwerken spezifische Interessen adressieren.
  3. Dadurch werden Identitäten vielschichtiger und komplexer, weil sich Individuen aus den Zwängen von Gruppen lösen können.
  4. Die Neuen Medien geben Menschen mehr Möglichkeiten, Probleme zu lösen und Initiativen zu übernehmen; generell schenken sie ihnen größere Freiheiten.
  5. Gleichzeitig erfordern sie aber auch viel mehr Aufwand und neue Strategien, um soziale Probleme zu lösen und Verbindungen aufrecht zu erhalten.
  6. Die Grenzen zwischen Information, Kommunikation und Aktion verschmelzen, die drei Aspekte lassen sich teilweise kaum trennen.
  7. Neue Medien erfordern neue Vorstellungen von Transparenz, Verfügbarkeit, Freizeit und Privatsphäre.
  8. Neue Medien sind von einer großen Verunsicherung begleitet: Es wird zunehmen schwer einzuschätzen, wem Informationen anvertraut oder mitgeteilt werden können und sollen und welche Informationsquellen zuverlässig sind.

Mediale Netzwerke ersetzen als eine Form der Nachbarschaft zunehmen das Modell der Dorfgemeinschaft, welche für soziale Strukturen in der vorhergegangenen Zeit vornehmlich verantwortlich war: »The new media is the new neighborhood«, schreiben Rainie und Wellman (S. 13, KP 483).

Ist das für die Gesellschaft gut oder schlecht? »Both and more«, antworten die Autoren (S. 18, KP 586). Die einfache Gelingensbedingung, die Licklider und Taylor formuliert haben – alle müssen ein Recht auf »online«-Aktivitäten haben -, gestaltet sich komplizierter als gedacht. Gerade im Zeitalter der Überwachung und der hohen Abhängigkeit von Unternehmen ist unklar, ob sich der große Aufwand, den Neue Medien erfordern, letztlich durch bessere Möglichkeiten gesellschaftlich auszahlt.

In seinem lesenswerten Essay Don’t be a Stranger weist Adrian Chen darauf hin, dass die Verunsicherung durch gesteigerte Möglichkeiten, Netzwerke zu bilden, ursprünglich die Vorstellung vom gefährlichen Fremden gewesen sei, der unter falscher Flagge unsere Freundschaft im Netz suche um uns zu schaden. Die MTV-Show Catfish und der gleichnamige Film zeigen die Facetten dieser Bedrohung, indem sie Menschen aufzeigen, mit wem sie eigentlich eine Beziehung eingegangen sind.

Der gefährliche Fremde war die Kehrseite einer offenen weil anonymen Kommunikation, die eben auch erlaubt habe, neue Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Heute werde die Gesellschaft zunehmend nach den Vorstellungen der Betreiber von Online-Plattformen wie Facebook modelliert. Chens Kritik trifft vor allem das Konzept des Social Graph, den Facebook einsetzt:

The social graph is human relationships modeled according to computer logic. There can be no unknowns on the social graph.

Bei Facebook gebe es weder interessante Fremde noch bösartige Unbekannte, weil alle so erscheinen müssen, wie sie wirklich sind. »The most popular social media such as Facebook have offered limited ability – so far – to deal with the subtleties of how people really function in different segments of their networks«, schreiben Rainie und Wellman und schließen sich so Chens Schluss an.

Die Chance, die Licklider und Taylor in ihrer Vision in den Möglichkeiten computergestützter Kommunikation gesehen habe, ist real. Sie haben das Potential Neuer Medien korrekt beschreiben, aber den Einfluss von Politik und Marktwirtschaft unterschätzt. Die effiziente Gestaltung und Aushandlung von sozialen Gemeinschaften wirft keinen finanziellen Mehrwert ab und kann nicht mit totaler Überwachung vereinbart werden.

 

Das komplexe Verhältnis von Social Media und Magersucht

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Ein Instagram-Profil einer jungen Frau. Sie sagt von sich, sie sei 13 Jahre alt und 56 kg. Sie wäre gerne 45 kg, bei einer Körpergröße von 163 cm. Ihr aktuelles Gewicht liegt in ihrer Altersgruppe zwischen den Perzentilen 75 und 90, d.h. sie ist normalgewichtig, aber überdurchschnittlich schwer. Ihr Wunschgewicht liegt knapp über der Perzentile 10, die gemäß Gesundheitsförderung.ch die Grenze zu Untergewicht markiert.

Das Mädchen veröffentlicht Bilder unter dem Profil wantaskinnybody_ und entschuldigt sich darauf: »I’m sry I’m Fat« – »entschuldigung, ich bin dick«. Ihr Einträge – siehe unten – versieht sie mit einer Reihe von Hashtags, darunter auch #anorexia, #skinnylove, #ana, #magersucht. Sie weist immer wieder auf ihre Profile bei Kik und WhatsApp hin.

Bildschirmfoto 2014-02-04 um 13.00.18Wie authentisch das Profil ist, kann schwer beurteilt werden. Aber es zeigt, mit welchen Mechanismen Menschen – betroffen sind überwiegend junge Frauen – Social Media nutzen, um eine Gemeinschaft zu finden, die sie in ihrem Ziel, dünn zu werden und zu bleiben, unterstützt und berät. Diese Gemeinschaften gibt es schon länger. Im Netz gibt es unzählige Seiten mit Tipps, konkreten Diätvorschlägen für anorexische Menschen und so genannter »thinspiration«, also Inspriation, dünn zu werden oder zu bleiben, meist Bilder und Zitate.

Was für Außenstehende krank wirkt und auch im medizinischen Sinne eine Krankheit ist, wird zum Thema einer Community, deren Mitglieder Essstörungen zwar teilweise rational beurteilen können, aber dennoch keinen Wunsch verspüren, sich behandeln zu lassen. Eine Bloggerin schreibt beispielsweise:

Man sagt, Anorexie sei eine Krankheit. Und das stimmt auch. Es ist eine psychische Krankheit, die einen nur schwer wieder los lässt. Abnehmen um jeden Preis. Auch oft um das eigene Leben, also rate ich jedem, der nicht betroffen ist, sofort diese Seite zu verlassen! Ich bin zwar pro-ana, aber nur, weil ich es mit mir so besser vereinbaren kann. Ich finde mich nur schön oder eigentlich nur annehmbar, wenn ich wenig esse und dünn bin. Das trifft aber nicht auf andere Personen zu. Weiblich zu sein und dazu zu stehn ist sicher das Größte auf dieser Welt!! Doch kann ich das nicht… Für mich ist Ana (Anorexie) also zu einer Art Lebenseinstellung geworden, denn wenn ich täglich daran denke krank zu sein, hilft es mir nicht. Noch will ich nicht raus aus dieser Sache. Vielleicht ändert sich das ja eines Tages. Aber ich kann es mir nur schwer vorstellen…

Wie Sonja Samuda in einer Notiz festgehalten hat, handelt es sich bei Pro-Ana-Gruppen um Selbsthilfegruppen, bei denen aber die gegenseitige Unterstützung widersprüchlich ist. Während die meisten TeilnehmerInnen die Zugehörigkeit als wertvoll empfinden, sind »die Erwartungen der TeilnehmerInnen an die zahlreichen Gruppen dabei keineswegs homogen«, wie Samuda schreibt. Einige beziehen Tipps, und zwar nicht nur für Diäten, sondern auch dafür, wie eine medizinische Behandlung unwirksam gemacht werden kann. Anderen ebnet die Community den Weg zu einer Therapie.

* * *

Um diese Eindrücke zu vertiefen und mit Studien zu verbinden, seien die wichtigsten Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Forschung zu Social Media und Essstörungen im Folgenden kurz zusammengefasst:

  1. Extreme emotionale Reaktionen zu Bildern von Essen und über- oder untergewichtigen Menschen scheint ein Symptom einer Erkrankung an Anorexia Nervosa zu sein. (Spring und Bulik, 2014)
  2. Pro-Ana-Profile führen zu einer spezifischen Online-Identität, welche die Offline-Identität beeinflusst und von ihr beeinflusst wird. Die Online-Rituale, die sich in entsprechenden Gemeinschaften ergeben, führen zur Arbeit an dieser Identität und lösen eine breite Palette von Emotionen aus (Euphorie, Verbundenheit, Zielorientierung, Ekel). Diese Rituale führen – ähnlich wie bei religiösen Bewegungen – zu einer Gruppenidentität, für welche die körperliche Anwesenheit nicht nötig ist, aber teilweise durch Bilder ersetzt wird. Sie etablieren spezifische Ausschlussverfahren für Outsider, teilen ein Ziel und viele Erfahrungen. Die Wirkung der Rituale ist für Teilnehmende eine Bestärkung: Viele sagen, sie könnten nur mit ihrer Anorexie weitermachen, weil es Pro-Ana – also den Austausch im Netz – gebe. (Maloney, 2012)
  3. Präventionsarbeit ist wenig wirksam, wenn sie die Widersprüche zwischen Anorexie als Lifestyle und Anorexie als Krankheit einerseits, zwischen Verhaltensweisen offline und online andererseits aufzulösen sucht. Anorexie ist ein Beispiel dafür, wie Körper, Begehren und Identität zusammenspielen und medialisiert und nicht-medialisiert komplexe Einflussmuster entfalten, die nicht in einfache Modelle rückübersetzt werden können. (Dyke, 2013)
  4. Der Einfluss von Medien und Social Media auf das Körpergefühl und Essverhalten wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Juarez et al., 2012, haben nachgewiesen, dass die Beschäftigung mit Pro-Ana-Seiten sowohl zum Wunsch nach Gewichtsverlust wie zum Wunsch nach Muskelaufbau signifikant beitragen, während die Daten von Ferguson et al., 2012, eher dafür sprechen, dass Gruppeneffekte zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und zu Symptomen von Essstörungen führen, während Medien keinen nachweislichen Einfluss darauf haben. Social Media können Gruppeneffekte verstärken.
  5. Die Peer Group ist hauptverantwortlich für die »Stimme der Autorität«, die Patientinnen und Patienten mit Anorexie oft erleben. Über Imitation und Wettbewerb entsteht so ein massiver Einfluss, welcher Heilungschancen von Therapien stark beeinträchtigen kann. Er wird mittels Social Media effizient organisiert, so dass ein Einbezug und eine Analyse von individueller Interaktion mit Pro-Ana-Gruppen und -Peers in eine Therapie heute unumgänglich scheint. (Allison et al., 2014)
  6. Eine Netzwerkanalyse französischer Pro-Ana-Seiten zeigt, dass Zensur im Netz deshalb fatale Folgen haben kann, weil sich über diese Netzwerke auch die Informationen verbreiten, welche den Anstoss für Therapien geben können oder die an Anorexie Leidenden psychisch unterstützen können, wenn es das Umfeld nicht mehr kann. (anamia.fr, 2013)

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Was Karen Dias aus einer feministischen Perspektive schreibt, gilt gemäß der aktuellen Forschung für die ganze Pro-Ana-Bewegung:

Given that women’s bodies and experiences of embodiment are subjected to relentless surveillance in the public sphere, cyberspace can potentially provide a space for women to meet safely as opposed to traditional public spaces and places in the built environment. Cyberspace can be conceptualized as an alternative space for women with eating and body issues, one that may serve as a sanctuary.

Das Verhältnis von Social Media, Essstörungen, Gruppenverhalten und Identität ist ein komplexes. Es gibt kaum einfache Einflüsse, aus denen sich Massnahmen ableiten ließen. Wertungen sind so wenig möglich wie generelle Aussagen – alle wissenschaftlichen Studien betonen, wie individuelle sich an Anorexie Erkrankte und ihre Peer Groups verhalten würden. Lifestyle und Selbsthilfe, Inszenierung und Leiden, Unterstützung und Gruppendruck verschmelzen, gehen in einander über.

»Social Media machen doch nicht einsam« – Artikel in der Aargauer Zeitung

 

Am letzten Samstag ist ein Artikel in der Aargauer Zeitung erschienen (hier online), den ich über eine neuere Arbeit von Zeynep Tufekci geschrieben habe. Er basiert auf einem Blogpost – »Das soziale Internet«.

Hier der Schluss des Artikels:

«Kommunikationstechnologie wirkt weder entmenschlichend noch isolierend, wenn sie für soziale Verbindungen verwendet wird. Das Internet ist nicht eine Welt voller körperloser und oberflächlicher Beziehungen, es ist eine Technologie, die soziale Verbindungen zwischen echten Menschen medialisiert und strukturiert», lautet Tufekcis Fazit.

Einsamkeit - AZ

Rezension: Clive Thompson – Smarter Than You Think

cover-stytClive Thompson ist ein amerikanischer Journalist, der regelmäßig über die Bedeutung von technologischen Veränderungen für das menschliche Leben schreibt. Sein Buch »Smarter Than You Think« von 2013 (bisher nur auf Englisch erschiene) ist eine umfassendere Ausgabe vieler seiner Artikel, in denen er mit den Leuten spricht, die neue Werkzeuge entwickeln, einsetzen oder umnutzen. Er verwendet dafür die Methoden des gepflegten amerikanischen Journalismus gekonnt: Unterschiedliche Perspektiven werden in unterhaltsame Erzählungen verpackt, in denen Anekdoten, ausführliche Gesprächsauszüge und historische Entwicklungen einen Platz finden. Thompson arrangiert Material, nimmt aber auch Stellung, indem er Argumente gewichtet und in Beziehung setzt.

Sein Buch ist in eigenständige Kapitel unterteilt. Thompson zeichnet die Auswirkungen der technologischen Veränderungen durch Internet und portable digitale Geräte nach –  in Hinsicht auf das Gedächtnis, die Politik, die Orientierung im Informationsüberfluss und auf gesellschaftliche Veränderungen.

Das Buch ist von Thompsons klarer Haltung geprägt: Er lehnt »Doomsaying«, also Katastrophenprognosen, dezidiert ab. Sie seien zwar im Diskurs über Technologie weit verbreitet, weil sie Menschen kritisch und intelligent erscheinen lassen, aber als Leitidee gefährlich. Orientieren müssten wir uns vielmehr an Garri Kasparow, der nach seiner Niederlage gegen den Schachcomputer Deep Blue nicht verzweifelt sei, sondern eingesehen habe, dass die Verwendung von maschinellen Verfahren Menschen zu besseren Schachspielerinnen und -spielern mache. »Smarter than you think« sind die Menschen, die Computer geschickt verwenden; d.h. so, dass sowohl Maschinen wie auch Menschen dadurch intelligenter werden. Thompson spricht von Zentauren, also Mischwesen, für die sich die große Herausforderung stelle, wie sich die spezifischen Fertigkeiten und Stärken von beiden Wesen produktiv verbinden lassen.

Zentaur auf einer griechischen Vase, 500 v.Chr.
Zentaur auf einer griechischen Vase, 500 v.Chr.

So widmet Thompson beispielsweise den Erfahrungen von Menschen viel Raum, die so genannte »Wearables« schon seit Jahrzehnten verwenden. Gemeint sind damit tragbare Computer, die mit Kameras und Mikrofone die Umwelt kontinuierlich aufzeichnen können und so eine komplett veränderte Organisation des Gedächtnisses ermöglichen. Ganz allgemein ist die historische Perspektive aufschlussreich und Thompson stellt immer wieder dar, wie neue Möglichkeiten im Umgang mit Informationen und ihrer Speicherung produktiv und destruktiv genutzt worden sind.

Pioniere in den frühen 1990er-Jahren. Screenshot PBS Off Book.
Pioniere in den frühen 1990er-Jahren. Screenshot PBS Off Book.

Wer sich in einem Bereich auskennt – z.B. im Einbezug von Technologie in neue didaktische Konzepte oder darin, wie Graswurzelbewegungen Social Media zur politischen Mobilisierung oder für die Organisation der logistischen Verteilung von Hilfsgütern genutzt haben – erhält von Thompsons Buch immerhin eine kompakte und gut lesbare Zusammenfassung der wichtigsten Einsichten, da sich das Buch nicht an ein Fachpublikum sondern ein eine interessierte Breite richtet. Aber die meisten werden Kapitel finden, in denen unbekannte Entwicklungen präsentiert werden – in den Anmerkungen im Anhang findet sich eine reichhaltige Sammlung an weiterführender Literatur.

Den für mich neuen und interessantesten Aspekten des Buches habe ich während der Lektüre schon eigene Blogposts gewidmet:

  1. Das soziale Gedächtnis zeigt, dass Menschen digitale Speichermedien genau so nutzen wie sie die Gedächtnisse ihrer Mitmenschen schon lange einbeziehen, wenn sie Informationen abrufen.
  2. Thompson weist darauf hin, dass der Umgang mit immer mehr Videos eine neue Art von Alphabetisierung brauchen.
  3. Schon im 17. Jahrhundert haben sich Intellektuelle über die Flut an Büchern beklagt, die es verunmögliche, relevante Informationen abzurufen. Diese Kritik hat dazu geführt, dass Bücher verbessert wurden, sie erhielten Seitennummern und Inhaltsverzeichnisse.

Thompsons Buch ist eine fesselnde Lektüre, weil der Autor belesen ist, kluge Gespräche führt und den eigenen Denkprozess nachzeichnet. Dabei ist er sich nicht zu schade, auch Änderungen in seiner Haltung darzustellen und zu begründen.

Leserfrage: Richtig informiert sein im digitalen Zeitalter

Gestern erreichte mich eine Frage eines Lesers:

Sehr geehrter Herr Wampfler,

es ist erschreckend, denn leider hat sich mein Zeitungskonsum in den letzten Jahren sehr gewandelt. Richtig regelmäßig lese ich nur noch, Sie werden es ahnen: gar keine mehr. Glücklicherweise höre ich noch DLF.

Zeitungen wie taz, Süddeutsche, ZEIT, Spiegel, Brandeins lese ich nur noch sporadisch in Cafés und dann natürlich radikal selektiv. E-Paper hatte ich nur kurz von der FAZ, so richtig anfreunden konnte ich mich mit dem Zeitunglesen am Bildschirm nicht. Leider? Wie informiert man sich „richtig“?

Zudem habe ich immer wieder den Eindruck, nicht ausreichend informiert zu sein, obwohl ein großes Angebot am Kiosk oder auch an den oben genannten Orten zur Verfügung steht. Es ist schon seltsam, „früher“ hatte man als Leser klassischerweise ein bis zwei Zeitungen, schaute Tagesschau um Punkt 20 Uhr und war bestens informiert und konnte ruhig schlafen. Aber zu dieser Nutzungsweise kann ich auch nicht mehr zurückkehren, ich denke ich verpasse etwas.

Haben Sie für dieses Dilemma, dieses Problemfeld noch einen (letzten) Tipp für mich?

Besten Dank.

Meine Antwort heute Morgen:

Danke für Ihre interessante Frage. 

Entscheidend scheint mir, ob Sie oder wir »früher« ausreichend oder richtig informiert waren, oder nur den Eindruck hatten, es zu sein. Im letzteren Fall wäre die Antwort ja einfach: Das moderne Subjekt definiert sich kulturhistorisch geradezu durch einen Mangel an Informiertheit. Es kann stets nur eine beschränkte Anzahl Perspektiven einnehmen – sein Bild der Welt ist notorisch einseitig und unvollständig. 

Der erste Fall ist daher wohl der relevante. Er setzt voraus, dass es einen Medienkanon gibt, der jeweils in einem sozialen Umfeld bestimmt, was richtig Informiertsein bedeutet. »Früher« hieß das wohl, eine überregionale bildungsbürgerliche Zeitung lesen, eine regionale und die Tagesschau schauen. Alle fehlenden Informationen waren entweder dem Boulevard vorbehalten und damit einer ungebildeten Masse, oder erforderten ein spezifisches, meist akademisches Interesse. 

Die Auflösung dieses Kanons durch die Digitalisierung kann man bedauern – ein Zurück gibt es kaum. Nur Strategien für das Jetzt und für die Zukunft. Ich liste einige auf: 

  1. Flanieren. Sich immer wieder Zeit für Medien nehmen, beobachten, sich inspirieren lassen, aber nicht in Gewohnheiten verfallen, sondern beobachtend weitergehen. Mal eine Woche die FAZ lesen, einen Dokumentarfilm anschauen, Longform-Artikel aus dem englischen Sprachraum anklicken – immer wieder was anderes, fast Zufälliges. An nichts festhalten, aber für alles offen sein. 
  2. Ein Netzwerk aufbauen. Weil ausreichend informiert sein letztlich nichts anderes bedeutet, als ausreichend informiert wirken, ist es sinnvoll das zu wissen, was die wichtigen Bezugspersonen wissen. Das Internet erlaubt uns, den Empfehlungen schlauer Menschen mit ähnlichen Interessen zu folgen. Wenn sich das linksliberale Milieu über einen Feuilletonartikel empört, dann erfahren das die meisten gut vernetzten Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer. Wenn es neue bahnbrechende Forschung in der Neurowissenschaft gibt, werden entsprechende Foren und Google-Plus-Gruppen mit Zusammenfassungen und Interpretationen geflutet. Wer richtig vernetzt ist, darf auf die Kraft der Empfehlung vertrauen. 
  3. Eine Nische suchen. Weil wir Informationen und Hintergründe zu Themen, die uns kurzfristig beschäftigen, sehr schnell abrufen können, ist es denkbar, auf eine breite Informationsbasis zu verzichten und sich zu spezialisieren. Die Publikationen lesen, in denen zwei, drei Fachgebiete differenziert behandelt werden. Tagesaktualitäten ignorieren. »News sind irrelevant«, schreibt Rolf Dobelli in einem lesenswerten Artikel

Für mich funktioniert eine Mischung aus a.) -c.) gut. Habe ich den Eindruck, etwas Wichtiges verpasst zu haben, bin ich in einer halben Stunde mit meinem Laptop up-to-date. Das kommt aber weit seltener vor, als der Wunsch, Zeit zu haben, ein längst gelesenes Buch noch einmal zu lesen. 

Das wäre mein Rat zum Schluss: Verwenden Sie die Zeit, die Sie früher für FAZ und Tagesschau aufgewendet haben, um ein Sachbuch oder einen Roman zu lesen. 

Welche Regeln für Snapchat gelten: wie sich Social Media wandeln

In einem MTV-Artikel erklärt Alison Hillhouse  die Faszination an Snapchat. Die Smartphone-App erlaubt es, Bilder und Videos zu verschicken – die im Gegensatz zu WhatsApp-Inhalten bei der Empfängerin nicht gespeichert werden, sondern nur eine kurze Zeit sichtbar sind und dann vom Server und den Geräten verschwinden (es gibt aber Möglichkeiten, die Bilder dennoch dauerhaft zu speichern). Die Bilder werden, wie man unten sieht, häufig bemalt und mit Text versehen. Sie können einfach an ganze Gruppe von Adressaten verschickten werden.

Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.
Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.

Inhalte von Snapchats sind oft Selfies, also Bilder des eigenen Gesichts. Daneben können auch eher zufällige Eindrücke und Objekte fotografiert und verschickt werden.

Hillhouse beschreibt die Neuartigkeit der Kommunikation mit Snapchat wie folgt:

Die App schafft ein neue Art von Nähe und bewahrt dennoch eine gewisse Distanz. Am einfachsten ist es, Snapchat als eine Mischung zwischen alltäglicher Konversation und dem Lesen von Social-Media-Feeds zu beschreiben.

Teenager, so ihre Vermutung, würden sich in einer zunehmend virtuelleren Kommunikationswelt nach dem face-to-face-Kontakt mit anderen sehnen, dabei aber die Möglichkeiten der Distanz, die Social Media ermöglichten, nicht aufgeben wollen. Zudem ist Snapchat äußerst bequem – die App erfordert kaum Aufwand.

Selfie von Radarie.
Selfie von Radarie.

Ihre Analyse ergänzt Hillhouse mit Snapchat-Regeln, welche für die Kommunikation unter Jugendlichen gälten (sie stammen aus einem Forum, bei dem Jugendliche ihren Umgang mit der App beschrieben haben):

  1. Wenn du verliebt bist, schicke zuerst Snaps und schreibe erst später. Snapchat-Nachrichten kann man allen schicken, auch wenn man sie kaum kennt. Am besten ist es, das Eis mit Gruppennachrichten zu brechen, aus denen dann 1:1-Unterhaltungen entstehen können.
  2. Schicke Menschen, die nicht zu deinen engen Freunden gehören, nicht zu viele Selfies.
  3. Selfies sollen wenig inszeniert sein, lustig und seltsam – außer in einer romantischen Beziehung. Dort muss der Look und das Licht stimmen.
  4. Schicke nicht zu viele Snaps. Fünf pro Tag und Person ist eine gute Regel.
  5. Achte darauf, wo du Snapchat-Inhalte betrachtest: Du weißt nie, was ein Video oder ein Bild zeigt.
  6. Öffne Snapchat-Nachrichten nie sofort, vor allem wenn du in eine Person verliebt bist. Bei besten Freunden gilt die Regel nicht.

Diese Regeln sind (unabhängig von ihrem konkreten Inhalt) ein schönes Beispiel dafür, dass die Möglichkeit einer nicht normierten, von Erwachsenen unberührten Kommunikationstechnologie automatisch eine Struktur erhält. Gewisse Verhaltensweisen werden nur solche Normen als erwünscht und erwartbar gekennzeichnet, andere abgewertet.

Snapchat selbst zeigt, wie differenziert Kommunikationsvorgänge in Neuen Medien betrachtet werden müssen. Waren Social Media gestern anonym, textlastig und öffentlich, so sind sie heute an Offline-Identitäten gebunden, visuell und privat.

Quelle
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Zusatz 2. Februar: Zwei kleine Ergänzungen und Präzisierungen aufgrund der Kommentare.

Algorithmische Liebe – ein Gedankenexperiment

love-appsKürzlich habe ich einen Artikel verlinkt, der beschriebt, wie ein Mathematiker ein Programm geschrieben hat, das ihm dabei geholfen hat, in einer Datenbank  »wahre Liebe« zu finden: Liebe, so verstanden als eine algorithmisch zu errechnende Passung zweier Menschen. Als Reaktion auf den Hinweis (FB), dass es sich hier nicht um eine Aussage über Algorithmen handle, sondern um einen philosophischen Gedanken, habe ich ein Gedankenexperiment entworfen:

Die Herausforderung von immer differenzierteren Algorithmen können wir nicht einfach beiseite schieben. Bald werden Beziehungen mit Apps geführt werden, die nicht nur uns selbst loggen, sondern auch unsere Partnerinnen und Partner und uns dann sagen, wann ein Kompliment, eine Berührung, eine kleine Aufmerksamkeit oder der richtige Satz angebracht ist. Und wir werden vor der Wahl stehen: Wollen wir eine/n programmierte/n, fast perfekte/n Partner/in oder können wir mit menschlichen Schwächen umgehen?

Die Wahl ist letztlich eine doppelte: Können wir auch auf das Doping verzichten, das uns kleine, unbemerkbare Programme im Alltag liefern könnten, auf die Gefahr hin, als schwach oder lächerlich dazustehen, weil viele andere der Versuchung nicht werden widerstehen können? Wird Liebe – oder jede Art von menschlicher Beziehung – dann abhängig von Programmen? Lieben wir ein zwei, drei Jahrzehnten nicht mehr die verschiedenen Verhaltensweisen, sondern das digitale Programm unserer Partnerin oder unseres Partners?

Dazu passt ein Artikel bei Puls vom Bayrischen Rundfunk, der beschreibt, wie man »Algorithmen verarschen könne«:

  1. Interessier dich für Uninteressantes.
  2. Bestell nur noch random Kram (allgemeiner: Verhalte dich total zufällig.)
  3. Triff keine Entscheidung mehr selbst.
  4. Erzähl’s deinen Freunden.
Bildschirmfoto 2014-01-28 um 13.16.08
Ausschnitt aus einer Würfelskulptur von Tony Cragg

Wer sich letztlich dem Zugriff immer eigenständigeren, lernfähigeren Algorithmen entziehen möchte, muss sich selbst wie ein Algorithmus verhalten, der nur noch zufälligen Impulsen folgt, statt selbst nachzudenken und auf eigene Gefühle zu achten.

Wer ausprobieren möchte, wie sich das anfühlt, kann bei der New York Times gegen einen Algorithmus »Schere, Stein, Papier« spielen. Ganz ähnlich, so glaube ich, werden wir in Zukunft in vielen Bereichen unseres Lebens nicht mehr mit menschlichen Partnerinnen und Partnern interagieren, sondern mit solchen, die sich in vielen Bereichen auf Programme verlassen, die ihnen Hinweise geben, wie sie handeln sollen. Wie können wir damit umgehen?