Algorithmische Liebe – ein Gedankenexperiment

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Philosophie

love-appsKürzlich habe ich einen Artikel verlinkt, der beschriebt, wie ein Mathematiker ein Programm geschrieben hat, das ihm dabei geholfen hat, in einer Datenbank  »wahre Liebe« zu finden: Liebe, so verstanden als eine algorithmisch zu errechnende Passung zweier Menschen. Als Reaktion auf den Hinweis (FB), dass es sich hier nicht um eine Aussage über Algorithmen handle, sondern um einen philosophischen Gedanken, habe ich ein Gedankenexperiment entworfen:

Die Herausforderung von immer differenzierteren Algorithmen können wir nicht einfach beiseite schieben. Bald werden Beziehungen mit Apps geführt werden, die nicht nur uns selbst loggen, sondern auch unsere Partnerinnen und Partner und uns dann sagen, wann ein Kompliment, eine Berührung, eine kleine Aufmerksamkeit oder der richtige Satz angebracht ist. Und wir werden vor der Wahl stehen: Wollen wir eine/n programmierte/n, fast perfekte/n Partner/in oder können wir mit menschlichen Schwächen umgehen?

Die Wahl ist letztlich eine doppelte: Können wir auch auf das Doping verzichten, das uns kleine, unbemerkbare Programme im Alltag liefern könnten, auf die Gefahr hin, als schwach oder lächerlich dazustehen, weil viele andere der Versuchung nicht werden widerstehen können? Wird Liebe – oder jede Art von menschlicher Beziehung – dann abhängig von Programmen? Lieben wir ein zwei, drei Jahrzehnten nicht mehr die verschiedenen Verhaltensweisen, sondern das digitale Programm unserer Partnerin oder unseres Partners?

Dazu passt ein Artikel bei Puls vom Bayrischen Rundfunk, der beschreibt, wie man »Algorithmen verarschen könne«:

  1. Interessier dich für Uninteressantes.
  2. Bestell nur noch random Kram (allgemeiner: Verhalte dich total zufällig.)
  3. Triff keine Entscheidung mehr selbst.
  4. Erzähl’s deinen Freunden.
Bildschirmfoto 2014-01-28 um 13.16.08

Ausschnitt aus einer Würfelskulptur von Tony Cragg

Wer sich letztlich dem Zugriff immer eigenständigeren, lernfähigeren Algorithmen entziehen möchte, muss sich selbst wie ein Algorithmus verhalten, der nur noch zufälligen Impulsen folgt, statt selbst nachzudenken und auf eigene Gefühle zu achten.

Wer ausprobieren möchte, wie sich das anfühlt, kann bei der New York Times gegen einen Algorithmus »Schere, Stein, Papier« spielen. Ganz ähnlich, so glaube ich, werden wir in Zukunft in vielen Bereichen unseres Lebens nicht mehr mit menschlichen Partnerinnen und Partnern interagieren, sondern mit solchen, die sich in vielen Bereichen auf Programme verlassen, die ihnen Hinweise geben, wie sie handeln sollen. Wie können wir damit umgehen?

The Author

philippe-wampfler.ch

9 Comments

  1. Pingback: So beeinflussen Algorithmen unsere Entscheidungen | Schule und Social Media

  2. Habe gerade eine Runde „Schere, Stein, Papier“ bei der NYT gespielt. Wirklich interessant: Wenn ich meine Entscheidungen einem Zufallsgenerator überlasse, gewinne ich – mindestens zu Beginn. Wäre zu überprüfen, welcher Algoritmus besser ist, meiner oder derjenige der NYT … 😉

  3. Habe deinen echt spannenden Artikel gleich einer Paartherapeutin gesandt und ihr empfohlen, sich auf die (kommenden?) neuen Gegebenheiten vorzubereiten und einzustellen.

  4. irgendeiner says

    Die hier gestellte Grundfrage ist sehr interessant aber wohl z.Zt. nicht gültig beantwortbar.

    >>“Wer sich letztlich dem Zugriff immer eigenständigeren, lernfähigeren Algorithmen entziehen möchte, muss sich selbst wie ein Algorithmus verhalten, der nur noch zufälligen Impulsen folgt, statt selbst nachzudenken und auf eigene Gefühle zu achten.“

    Obiges Zitat scheint mir völlig falsch. Man kann erst wissen welche Strategie optimal ist, wenn man den Algorithmus hinreichend genau kennt.

    • kohlenklau says

      Da der Algorithmus selbstlernend ist, stimmt das eben schon: Jedes Muster, das sich im eigenen Verhalten zeigen wrde, knnte genutzt werden. Daher ist nur vllig zuflliges Verhalten fr den Algorithmus nicht durchschaubar.

      • irgendeiner says

        Wenn es den von „kohlenklau“ suggerierten erfolgreich selbst lernenden Algorithmus gäbe würde dieser auch zufälliges Verhalten als solches erkennen und geeignete Schlussfolgerungen daraus ziehen.

        Bis aber die sog. „Künstliche Intelligenz“ wirklich intelligent ist dauert es noch viel länger als uns gewisse Experten einreden möchten.

      • kohlenklau says

        Sorry – „Kohlenklau“ bin ich, Philippe Wampfler. Natürlich gibt es selbstlernende Algorithmen, Beispiele sind im Text verlinkt. Und natürlich können sie zufälliges Verhalten als solches erkennen, das Muster aber nicht ausnutzen, weil es keines gibt.

        >

  5. Verstehe diesen Satz überhaupt nicht: „Können wir auch auf das Doping verzichten, das uns kleine, unbemerkbare Programme im Alltag liefern könnten, auf die Gefahr hin, als schwach oder lächerlich dazustehen, weil viele andere der Versuchung nicht werden widerstehen können?“
    Weder was mit Doping gemeint ist, noch das Kontrafaktual

  6. Nach über 20 jahren Ehe muss ich feststellen, dass ich den perfekten (lernfähigen) Algoritmus für meinen Mann in mir gefunden habe – und umgekehrt. 🙂
    Im Ernst, ich denke, dass wir in Bezug auf Beziehungen (die außerordentlich komplexe Konstrukte sind) mit Intuition besser dran sind als mit dem besten Programm – genau wie man beim Werfen eines Balles NICHT vorher bewusst die Flugbahn berechnet, sondern intuitiv den Korb trifft.

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