Rezension: Danah Boyd – It’s Complicated

9780300166316Danah Boyd forscht seit Jahren über den Umgang Jugendlicher mit Social Media. Sie hat in verschiedenen akademischen Forschungsprojekten gearbeitet und seit 2009 als Social-Media-Forscherin für Microsoft tätig.  (Sie schreibt ihren Namen aus verschiedenen Gründen ohne Großbuchstaben – eine Praxis, die ich hier nicht übernehme.) 

In Ihrem kürzlich erschienen Buch »It’s Complicated« fasst sie Forschungsergebnisse zusammen, die sie in jahrelangen Gesprächen mit Jugendlichen und Eltern ermittelt hat. Der Titel bezieht sich einerseits darauf, dass das Leben Jugendlicher und ihre Mediennutzung komplex ist, andererseits auf die Praxis Jugendlicher, ihren Beziehungsstatus mit »It’s Complicated« zu bezeichnen, unabhängig davon, ob sie Single oder in einer Beziehung sind. Damit zeigt Boyd, dass das Design und die Programmierung von Social Media bestimmte Affordances schaffen: Sie erleichtern bestimmte kommunikative Handlungen, schaffen Anreize und erschweren oder verunmöglichen andere. Ein dickes Glas – ein Beispiel von Boyd (Kindle Pos. 235) – erlaubt Menschen, sich zu sehen, ohne einander zu hören. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen nicht miteinander kommunizieren könnten: Vielleicht schreiben sie Nachrichten auf Blätter oder nutzen Pantomime. Das Beispiel mit dem Beziehungsstatus zeigt, dass die Affordances auch zu nicht vorgesehenen und dementsprechend unerwarteten Nutzungsweisen führen. Enge Vorgaben bei der Erstellung von Profilen (Zwang zum Klarnamen und beschränkte Auswahlmöglichkeiten bei der Wahl des Geschlechts, des Wohnorts und des Alters) führen oft dazu, dass Menschen erfundene Angaben vornehmen; obwohl oder gerade weil es sehr einfache wäre, eine bestimmte Identität abzubilden.

Die Affordances von Social Media umfassen vier Aspekte, die von herausragender Bedeutung sind (vgl. Kindle Pos. 235), weil sie die Kommunikation verändern und verschobene Anreize schaffen:

  1. Dauerhaftigkeit und Archivierbarkeit von Inhalten.
  2. Sichtbarkeit für ein bestimmtes Publikum oder für die Öffentlichkeit.
  3. Möglichkeit, Inhalte zu teilen und verbreiten.
  4. Auffindbarkeit mittels Suchmechanismen. 

Boyd geht davon aus, dass Jugendliche diese Möglichkeiten nutzen, um ihr Sozialleben zu strukturieren. Ihr Buch ist erhellend, weil sie in der Schilderung von Gesprächen mit Jugendlichen ihre Bedürfnisse und Wünsche nachzeichnet und ihre Mediennutzung darin einbettet. Nur aus der Perspektive von Jugendlichen werden ihre Verhaltensweisen verständlich. Boyd zeigt beispielsweise eindrücklich, wie unterschiedlich das Publikum der Facebook-Profile von Jugendlichen sind: Während die einen sie nur für die informelle Verbindung mit Kolleginnen und Kollegen verwenden, stehen andere unter Beobachtung ihrer Eltern, von Schulen oder auch von Gangs, für die symbolische Handlungen große Bedeutung haben können. Das führt Jugendliche zu Dilemmata, die sie mit Social Media zu lösen versuchen, aber damit nicht immer ans Ziel kommen. 

Boyds Buch geht von der Vorstellung aus, dass Social Media für Jugendliche einen Raum eröffnen, indem sie an einer Gemeinschaft teilnehmen können:

Öffentlichkeiten (engl. publics, Ph.W.) schaffen Räume und eine Gemeinschaften, in denen sich Menschen versammeln, verbinden und die Gesellschaft, wie wir sie verstehen, bilden können. Vernetze Öffentlichkeiten gehören in zwei Hinsichten dazu: Sie bilden Räume und eine imaginäre Gemeinschaft. Sie werden durch Social Media und andere neue Technologien ermöglicht. Als Räume erlauben sie Menschen, sich zu treffen, Zeit zu verbringen und Witze zu reißen. Technologisch ermöglichte vernetzte Öffentlichkeiten funktionieren in dieser Hinsicht wie Parks und Einkaufszentren es für frühere Generationen getan haben. Als soziale Konstrukte schaffen Social Media vernetzte Öffentlichkeiten, die Menschen erlauben, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu sehen. Teenager verbinden sich mit vernetzten Öffentlichkeiten aus denselben Gründen, aus denen sie schon immer Teil einer Gemeinschaft sein wollten: Sie wollen zu einer größeren Welt gehören, indem sie andere Menschen treffen und sich frei bewegen können. (Übers. Ph.W., Kindle Pos. 210 ff.) 

Daran schließen dann individuelle Überlegungen zu Identität, Privatsphäre, Abhängigkeit, Cybermobbing, digitalen Kompetenzen und Gefahren im Internet an. Dadurch, dass Boyd einer Erwachsenenperspektive, welche Jugendliche durch ihren Medienkonsum als latent gefährdet ansieht, die Sicht der Jugendlichen selbst entgegenhält, erscheinen viele Themen in einem neuen – optimistischeren Licht. Phasenweise wirken die Ausführungen verharmlosend. 

Letztlich ist die Grundhaltung des Buches aber überzeugend: Nur wenn Erwachsene mit Jugendlichen zusammen die Welt von morgen gestalten, wird sie lebenswert sein: 

Vernetzte Öffentlichkeiten werden erhalten bleiben. Statt sich gegen Technologie zu wehren oder sich davor zu fürchten, was passiert, wenn Jugendliche Social Media nutzen, sollten Erwachsene ihnen dabei helfen, die Kompetenzen zu erwerben, die sie benötigen, um die Komplikationen zu meistern, welche das Leben in einer vernetzten Gesellschaft mit sich bringen. In der Zusammenarbeit können Erwachsene und Jugendliche eine vernetzte Welt schaffen, in der wir alle leben wollen. (Übers. Ph. W., Kindle Pos. 3457)

Das Buch liest sich flüssig, weil es theoretische Überlegungen an Gesprächen mit Jugendlichen langsam entwickelt. Wer sich mit den Arbeiten von Boyd schon auseinandergesetzt hat, findet wenig Neues – das Buch ist für ein bereiteres Publikum gedacht, das sich in die Materie einlesen will. 

xkcd

 

 

Was zeigen die Bildverbreitungsexperimente in sozialen Netzwerken?

teacher_700

https://twitter.com/MrLaythorpe/statuses/430738054626562048

Jeff Laythorpe ist Lehrer in Ontario, Kanada. Er hat auf seinem Twitter-Account obige Meldung veröffentlicht. Er forderte Leserinnen und Leser auf, sie weiterzuverbreiten, um zu zeigen, wie schnell sich Bilder im Netz verbreiten. Er selbst sagt zum Experiment:

We had just started a unit on Personal Safety, and Internet Safety was one of the strands in the curriculum. When we discussed social media one student asked if everyone around the world really see what we post on social media. So we decided to put it to the test.

Offenbar wollte er mit dem Experiment also beweisen:

  1. Dass sich Bilder auf sozialen Netzwerken schnell verbreiten;
  2. sie also eigentlich öffentlich sind, auch wenn sie auf Konten mit geringer Reichweite publiziert werden.
  3. Dass diese Zusammenhänge eine Gefahr darstellen.

Noch mal der Urheber:

The students have learned a lot. We have come to the understanding of how quick a message can travel. We also realize that a message or image can be shared by anyone and it will be out there forever. The class has adopted the phrase »think before you type« as well »say it before you send it« . Both helps us realize the impact our message might have, both positive or negative.

Auch wenn ich medienpädagogisch damit einverstanden bin, dass das Potential der Verbreitung mitbedacht werden soll, wenn Inhalte erstellt werden, scheint mir das Experiment dafür nicht sinnvoll zu sein.

Erstens zeigt es zunächst, wie schnell sich pädagogische Mitteilungen in sozialen Netzwerken verbreiten, nicht Bilder. Niemand wollte ein Bild verbreiten, sondern eine bestimmte Message weiterleiten: Das Internet ist gefährlich und unkontrollierbar. Das Experiment steht für den Glauben vieler Menschen, dass sie soziale Netzwerke nicht kontrollieren können, nicht für die Verbreitungsgeschwindigkeit von Bildern.

Zweitens scheint die Take-Home-Message zu implizieren, dass es generell in Ordnung ist, gedankenlos zu schreiben oder sprechen, dass aber der Anschluss ans Internet besondere Vorsicht erfordert. Von Schülerinnen und Schülern – egal welchen Alters – würde ich erwarten, dass Sie generell überlegen, bevor Sie sich schriftlich oder mündlich äußern.

Drittens ist es ja oft gerade im Sinn der Urheber, dass sich Bilder im Netz verbreiten. Das wollte wohl Mike Schwede seinen Kindern – die hier schon mal Thema waren – zeigen, die folgendes Experiment durchgeführt haben:

https://twitter.com/hannahnordpol/status/302391810276356096

»Freihändyg« – Aktionswoche mit Referaten in Baden und Aarau

Inserat AZ quer

  1. Die Präsentation für die Infoabende ist auf Slideshare (siehe oben). 
  2. Die verwendeten Quellen: Sonntagszeitung, Huffington, Quinn Norton, 20 Minuten, NZZ Offline-Day, NZZ Käser-Essay, FOMO, Phubbing, Film
  3. Unterrichtsmaterial zum Projekt: Präsentation und Arbeitsblätter
  4. Über Fragen, Rückmeldungen und Kritik freue ich mich – entweder hier als Kommentar oder per Mail

* * *

In der ersten Märzwoche führt Aarau, eusi gsund Stadt das Projekt »Freihändyg« durch. Es handelt sich dabei um eine Aktionswoche im Kanton Aargau, bei der die Bevölkerung, Unternehmen und Schulen eingeladen sind, über die Nutzung mobiler Kommunikationsgeräte nachzudenken und während bestimmte Zeiten darauf zu verzichten.

Ich selbst bin dabei als Experte und Berater tätig. So habe ich für interessierte Schulen und Schulklassen entsprechende Materialien konzipiert (Arbeitsblätter und Präsentationen, alle hier online einsehbar) und werde am 25. Februar in Baden und am 26. in Aarau je ein kurzes Referat halten (für Details siehe Flyer oben, er vergrößert sich beim Draufklicken).

Das mag einige, die mich kennen, erstaunen. (Wahrscheinlich alle, die mich kennen.) Ich lebe meist mit dem Handy in der Hand. Daher werde ich auch nicht moralisierend fordern, dass die Woche dazu dient, auf mobile Kommunikation zu verzichten. Ihr Sinn liegt für mich darin, über unsere Gewohnheiten und ihre Auswirkungen nachzudenken. Das Resultat kann gut sein, dass wir sehr zufrieden damit sind, statt in eine Pendlerzeitung oder an Plakatwände an kalten Bahnhöfen zu starren, auf dem Handy mit unseren Freundinnen und Freunden zu chatten. Es kann aber auch darin bestehen, dass wir uns mal Zeit nehmen, an der Bushaltestelle mit der Nachbarin ein paar Worte zu wechseln, statt uns mit Kopfhörern und Bildschirm abzukapseln.

In den beiden einführenden Referaten werde ich anhand von vielen Beispielen erzählen, welche positiven und negativen Auswirkungen Smartphones auf unser Leben haben und erklären, warum Menschen wie die Internetexpertin Danah Boyd oder eine Reihe von Schweizer Bloggern sich bewusst digitale Pausen verordnen. Mein Ziel ist es, Lust zu machen, mit unseren Kommunikationsgewohnheiten zu experimentieren und dabei darüber nachzudenken. In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, unterwegs und in der Freizeit.

offline
Offline.

freihaendig_logotype_farbig

Social-Media-Sucht

addiction
XKCD

In Diskussionen über die Nutzung Neuer Medien ist der pathologisierende Vorwurf omnipräsent, jemand sei Facebook-abhängig oder Twitter-süchtig. In meinem Buch habe ich darüber Folgendes geschrieben:

Wenn Jugendliche oder auch Erwachsene oft mit ihren mobilen Geräten kommunizieren, lässt sich daraus keine Aussage über eine mögliche Abhängigkeit gewinnen. Kommunikation ist ein zentrales menschliches Bedürfnis. Sucht beginnt dort, wo eigene Bedürfnisse überdeckt, ersetzt, vernachlässigt oder ignoriert werden. Social Media bieten diese Möglichkeit, wie viele andere grundsätzlich unproblematische Tätigkeiten auch, z. B. essen oder arbeiten. (S. 89)

Dieses Kriterium (Bedürfnisse ersetzen oder vernachlässigen) ist recht vage – daher möchte ich kurz präzisieren, was in der Forschungsliteratur als entscheidende Symptome für Medienabhängigkeit angeführt werden. Ich fasse zusammen und werde daher nicht einzelne Studien zitieren – einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion bietet die Bachelorarbeit von Regula Baumann und Robin Staufer.

  1. Sowohl zeitlich als auch gedanklich setzt sich eine Person immer stärker mit der Nutzung von Social Media auseinander und verliert dadurch Verhaltensmöglichkeiten. Sie erlebt das als Kontrollverlust; oft nutzt sie Social Media gegen ihren Willen.
  2. Dieser eingeschränkte Handlungsspielraum wirkt sich negativ auf die schulische oder berufliche Leistung einer Person aus.
  3. Aus 1. und 2. resultieren häufige Konflikte mit wichtigen Bezugspersonen,
  4. die in einen sozialen Rückzug münden, damit genügend Zeit vorhanden ist, sich den medialen Aktivitäten zu widmen.
  5. Damit sind häufig Lügen verbunden: Abhängige geben vor, weniger Zeit mit Social Media zu verbringen, als das tatsächlich der Fall ist.
  6. Die Nutzung als immer weniger befriedigend empfunden, weil Toleranz aufgebaut wird. Resultat: Was zu Beginn der problematischen Nutzung zu Euphorie geführt hat, kann nur noch durch hohen emotionalen und zeitlichen Aufwand erreicht werden.
  7. Eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten führen zu Entzugserscheinungen.
  8. Versuche, die Nutzung einzuschränken, scheitern.
  9. Die Sucht hat körperliche Konsequenzen wie Schlafmangel, Über- oder Untergewicht etc.

Für die Prävalenzrate in Bezug auf Social-Media-Abhängigkeit gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Die PINTA-Studie, mit der 2011 in Deutschland die Prävalenz von Internetabhängigkeit untersucht worden ist, ermittelte eine Gesamtrate von 1.5%. Bei Jugendlichen liegen sie etwas höher, besonders zwischen 14 und 16 Jahren: Je nach Methode werden sie dort auf insgesamt zwischen 4.0 und 6.3% geschätzt, junge Frauen sind dabei deutlich gefährdeter als Männer (zwischen 4.9 und 8.6%, wiederum methodenabhängig). Die Autoren der Studie schreiben dazu:

Bei Betrachtung der Altersgruppen und der Verteilung innerhalb der Geschlechter ist auffällig, dass in den jungen Altersgruppen die Prävalenzraten der Mädchen die der Jungen übersteigt. Verglichen mit früheren Befunden war dies nicht erwartbar. […] Betrachtet man die jeweilig Auffälligen in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen, so findet man Unterschiede in den Präferenzen der Internetaktivitäten. Zwar wird von beiden Gruppen am häufigsten angegeben, dass Soziale Netzwerke genutzt werden, dieses ist jedoch besonders ausgeprägt bei weiblichen Personen, die hingegen eher selten Onlinespiele nutzen. Insgesamt und gerade für diese unerwarteten Befunde bei den jungen weiblichen Probanden wird in zukünftigen Studien zu klären sein, ob die gefundenen Auffälligkeiten tatsächlich im Sinne einer Störung zu verstehen sind, für die Hilfe benötigt wird. Dazu ist es notwendig vertiefende Interviews zu führen, die die klinische Bedeutsamkeit auf der Ebene der Symptome und Kriterien wie auch der damit verbundenen Beeinträchtigungen erfassen.

Im Rahmen der Untersuchung wurde unten stehender Fragenkatalog telefonisch abgerufen (S. 8).

Bildschirmfoto 2014-02-11 um 22.27.31

Facebook und Beziehungen – Zusammenfassung einiger Studien

tumblr_m2d9vnAaUi1qcokc4o1_1280
»Is Facebook part of the separating or part of the congregating; is it a huddling together for warmth or a shuffling away in pain?« – Zitat aus der Cover-Story von The Atlantic, May 2012 (Stephen Marche)

In letzter Zeit habe ich einige Studien zu Facebook und Beziehungen gelesen und möchte einige hier zusammenfassen. Bei Interesse kann ich Privatkopien der Volltexte verschicken, die Links führen meist zu Seiten mit Abstracts der Studien.

Facebook ist ein geeignetes Untersuchungsgebiet, weil die Plattform so verbreitet ist, dass allgemeine Untersuchungen möglich sind. Allerdings verwenden alle Studien ähnliche Testpersonen: Studierende in den ersten Semestern, die entweder Credits oder Geld für die Teilnahme an den Studien erhalten. Die quantitativen Daten werden oft mit einfachen Fragebogen ermittelt, woraus ebenso wie aus der eingeschränkten Untersuchungsbasis eine Reihe von methodischen Problemen resultieren können (beim Ausfüllen ist es beispielsweise durchaus denkbar, dass sich die Befragten systematisch täuschen oder anders erscheinen wollen, als sie sich tatsächlich fühlen; Studierende könnten gewisse Reaktionen aufweisen, die für andere Bevölkerungsgruppen nicht nachweisbar wären). Trotz dieser möglichen Einwände sind die Resultate der Studien wertvoll, weil sie differenzierte Fragen beantworten und Erklärungen mit Daten stützen oder widerlegen können.

  1. Facebook-Abhängigkeit führt zu Eifersucht und Unzufriedenheit in Liebesbeziehungen [Elphiston/Noller, 2011].
    Die Studie operiert mit einem Fragebogen, mit dem »Facebook Intrusion« gemessen wird, d.h. wie stark Facebook den Alltag von Menschen beeinflusst. Ist das stark der Fall, so führt das bei australischen Studierenden zu stärkerer Eifersucht und Überwachungsverhalten in Liebesbeziehungen; beides sind wiederum Faktoren, welche die Zufriedenheit mit der Beziehung negativ beeinflussen.
  2. Vielfältige Einflüsse von Facebook auf Liebesbeziehungen [Bowe, 2010]
    Während gemeinsame Rituale oder öffentliche Liebesbekundungen auf Facebook das Vertrauen in eine Beziehung stärken können, ist das Design respektive die Architektur der Seite dafür geeignet, intime Beziehungen durch Eifersucht oder Besitzansprüche zu bedrohen. Die Präsenz von ehemaligen Partnern auf Facebook ist dabei ein gewichtiger Faktor, zeigen qualitative Interviews mit irischen Studierenden.
  3. Wer Facebook intensiv nutzt, schreibt anderen ein glücklicheres Leben zu. [Chou/Edge, 2012]
    Je länger amerikanische Studierende bei Facebook dabei sind oder je mehr Zeit sie auf der Seite verbringen, desto eher denken sie, dass andere Menschen ein glücklicheres Leben führten und das Leben generell ungerecht sei. Dieser Effekt verringert sich, je mehr Facebook-Kontakte auch außerhalb der Seite zum Bekanntenkreis zählen und je mehr Zeit studierende gemeinsam mit ihren Freunden im direkten Kontakt verbringen.
  4. Wer seinen Status updatet, fühlt sich weniger einsam. [Deters/Mehl, 2013]
    Unabhängig davon, ob amerikanische Studierende Feedback auf ihre Status-Updates erhalten, fühlen sie sich alleine durch das Verfassen einer entsprechenden Meldung mehr mit anderen Menschen verbunden und weniger einsam, wenn sie aufgefordert werden, deutlich häufiger Updates vorzunehmen.
    Bildschirmfoto 2014-02-10 um 22.33.30
  5. Passive Freundschaften auf Facebook führen zu Neid [Krasnova, Wenninger et al, 2013]
    Die Studie weist bei deutschen Studierenden nach, dass negative Gefühle bei der Nutzung von Facebook oft mit Neid zusammenhängen. Neid bezieht sich auf der Plattform insbesondere auf Reisemöglichkeiten, die Freizeitgestaltung und die soziale Eingebundenheit, während die Neidtrigger offline stärker auf den Erfolg einer Person bezogen sind. Der auf FB erlebte Neid führt zu einer geringeren Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Die Facebook-Verweigerung als Inszenierung

zucksoover-500x500

In der NZZ schreibt Alice Kohli einen Nachruf auf ihr Facebook-Alter-Ego. Darin steht unter anderem:

Das Leben auf Facebook war damit genauso kompliziert geworden wie das richtige Leben. Oder noch komplizierter. Würde ich ohne Facebook etwas verpassen? Würde ich tatsächlich wichtige Kontakte verlieren? Kaum.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, nach knapp sechs Jahren, deaktivierte ich meinen Account. «Diese Freunde werden dich vermissen», mahnte Facebook und zeigte mir vier Gesichter, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht vermissen würden. Ich drückte den Knopf und war draussen. Mein Leben war ein kleines bisschen weniger kompliziert als vorher.

Sie schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele geschlagen haben, z.B. die Autorin Zadie Smith in einem Essay für die New York Review of Books:

Shouldn’t we struggle against Facebook? Everything in it is reduced to the size of its founder. Blue, because it turns out Zuckerberg is red-green color-blind. “Blue is the richest color for me—I can see all of blue.” Poking, because that’s what shy boys do to girls they are scared to talk to. Preoccupied with personal trivia, because Mark Zuckerberg thinks the exchange of personal trivia is what “friendship” is.

Ich bin anderer Meinung und habe dazu einen Kommentar geschrieben. Die dahinter stehenden Gedanken können bei Nathan Jurgenson vertieft werden, der über diesen Social-Media-kritischen Diskurs schreibt, dass es dabei darum gehe, Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten im Leben auf einer technischen Ebene als etwas darzustellen, was sich lösen oder heilen lasse: »it is about reframing our anxieties and difficulties as something we can fix«. Das heißt, dass Menschen Beziehungen, Einsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Selbstvertrauen etc. immer schwer fallen – sie in der Kritik an Technologie der Illusion nachgehen können, es gäbe einfache Rezepte für ein besseres Leben in dieser Hinsicht.

Mein Kommentar zum Artikel kenn gut auf der NZZ-Seite diskutiert werden kann (oder natürlich auch hier):

Mir scheint, diese Beitrag widerspricht sich performativ. Facebook ist die inszenierte Oberfläche – ein Mittel, um als etwas zu erscheinen, was wir gerne wären, nicht sind. Es gibt viele andere: Unsere Kleidung, unsere Autos, unsere Wohnungen. Wie wir reden, was wir arbeiten, was wir unternehmen. Jede Meinung zu Facebook ist genau so eine Inszenierung wie ein Facebook-Profil. Wer sich demonstrativ verweigert unterscheidet sich nicht von denen, die sich demonstrativ mitteilen.
Zu sagen, man könne »Menschen begegnen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auf einer selbstgebauten Skala der digitalen Meta-Ebene vielleicht Sonderlinge wären«, halte ich für eine Illusion. Menschen bauen sich Skalen und sich konstruieren Meta-Ebenen. Ob sie das digital oder analog tun, ist letztlich irrelevant.
Damit will ich nicht sagen, dass das Leben ohne Facebook nicht wunderbar funktionieren würde. Aber Menschen, die darauf verzichten, leben nicht mehr oder echter, als die, die das Tool nutzen. Wir brauchen Kommunikationsmittel, weil wir als Menschen eine symbolische und eine körperliche Seite haben. Zu werten, wie Menschen sich symbolisch inszenieren, halte ich für überheblich und unnötig.

Die Netzwerkgesellschaft und ihre Verunsicherung

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.
Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Die beiden Informatiker und Psychologe J.C.R. Licklider schrieb 1968 zusammen mit Robert W. Taylor einen bemerkenswerten Aufsatz mit dem Titel The Computer as a Communication Device (ab S. 21/26). Die beiden Theoretiker skizzieren ein Modell zur computerunterstützten Kommunikation und kommen in ihrem Fazit zu folgender Prognose, die aus heutiger Sicht hoch idealistisch klingt:

When people do their informational work “at the console” and “through the network,” telecommunication will be as natural an extension of individual work as face-to-face communication is now. The impact of that fact, and of the marked facilitation of the communicative process, will be very great—both on the individual and on society.

First, life will be happier for the on-line individual because the people with whom one interacts most strongly will be selected more by commonality of interests and goals than by accidents of proximity. Second, communication will be more effective and productive, and therefore more enjoyable. […] And, fourth, there will be plenty of opportunity for everyone (who can afford a console) to find his calling, for the whole world of information, with all its fields and disciplines, will be open to him—with programs ready to guide him or to help him explore.

For the society, the impact will be good or bad, depending mainly on the question: Will “to be on line” be a privilege or a right?

Cartoon aus Lickliders Aufsatz.
Cartoon aus Lickliders Aufsatz.

Trotz dem hohen Grad an Optimismus, den die beiden verströmen, haben sie einige Schlüsselaspekte dessen benannt, was Lee Rainie und Barry Wellman in ihrem Buch Networked 2012 das neue gesellschaftliche Betriebssystem genannt haben. Die dreifache Revolution (»triple revolution«) durch Netzwerke, Internet und mobile Kommunikation hat ihrer Analyse zufolge – Rainie und Wellman haben in diesem Bereich eine ganze Reihe von Studien durchgeführt – folgende Hauptauswirkungen:

  1. Die sozialen Netzwerke werden loser. Diese Tendenz bestand schon vor dem Internet, hat sich aber verstärkt. Die Furcht vieler Menschen besteht darin, dass »wir  in einer sozial eingeschränkten Welt leben, in der Vertrauen abnimmt, sozialer Zusammenhalt reduziert und Einsamkeit verbreitet ist und in der die Fähigkeit von Menschen, anderen zu helfen, bedroht ist.« (Seite 8, Kindle Position 372) Nüchtern analysiert wandeln sich die Möglichkeiten, wie Menschen wirtschaftliche, soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen von engen Gruppen zu unverbindlichen Netzwerken.
  2. In diesen Netzwerken haben Menschen Teilmitgliedschaften. Sie zeichnen sich nicht durch Gruppenzugehörigkeit aus, sondern können in einer ganzen Anzahl von Netzwerken spezifische Interessen adressieren.
  3. Dadurch werden Identitäten vielschichtiger und komplexer, weil sich Individuen aus den Zwängen von Gruppen lösen können.
  4. Die Neuen Medien geben Menschen mehr Möglichkeiten, Probleme zu lösen und Initiativen zu übernehmen; generell schenken sie ihnen größere Freiheiten.
  5. Gleichzeitig erfordern sie aber auch viel mehr Aufwand und neue Strategien, um soziale Probleme zu lösen und Verbindungen aufrecht zu erhalten.
  6. Die Grenzen zwischen Information, Kommunikation und Aktion verschmelzen, die drei Aspekte lassen sich teilweise kaum trennen.
  7. Neue Medien erfordern neue Vorstellungen von Transparenz, Verfügbarkeit, Freizeit und Privatsphäre.
  8. Neue Medien sind von einer großen Verunsicherung begleitet: Es wird zunehmen schwer einzuschätzen, wem Informationen anvertraut oder mitgeteilt werden können und sollen und welche Informationsquellen zuverlässig sind.

Mediale Netzwerke ersetzen als eine Form der Nachbarschaft zunehmen das Modell der Dorfgemeinschaft, welche für soziale Strukturen in der vorhergegangenen Zeit vornehmlich verantwortlich war: »The new media is the new neighborhood«, schreiben Rainie und Wellman (S. 13, KP 483).

Ist das für die Gesellschaft gut oder schlecht? »Both and more«, antworten die Autoren (S. 18, KP 586). Die einfache Gelingensbedingung, die Licklider und Taylor formuliert haben – alle müssen ein Recht auf »online«-Aktivitäten haben -, gestaltet sich komplizierter als gedacht. Gerade im Zeitalter der Überwachung und der hohen Abhängigkeit von Unternehmen ist unklar, ob sich der große Aufwand, den Neue Medien erfordern, letztlich durch bessere Möglichkeiten gesellschaftlich auszahlt.

In seinem lesenswerten Essay Don’t be a Stranger weist Adrian Chen darauf hin, dass die Verunsicherung durch gesteigerte Möglichkeiten, Netzwerke zu bilden, ursprünglich die Vorstellung vom gefährlichen Fremden gewesen sei, der unter falscher Flagge unsere Freundschaft im Netz suche um uns zu schaden. Die MTV-Show Catfish und der gleichnamige Film zeigen die Facetten dieser Bedrohung, indem sie Menschen aufzeigen, mit wem sie eigentlich eine Beziehung eingegangen sind.

Der gefährliche Fremde war die Kehrseite einer offenen weil anonymen Kommunikation, die eben auch erlaubt habe, neue Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Heute werde die Gesellschaft zunehmend nach den Vorstellungen der Betreiber von Online-Plattformen wie Facebook modelliert. Chens Kritik trifft vor allem das Konzept des Social Graph, den Facebook einsetzt:

The social graph is human relationships modeled according to computer logic. There can be no unknowns on the social graph.

Bei Facebook gebe es weder interessante Fremde noch bösartige Unbekannte, weil alle so erscheinen müssen, wie sie wirklich sind. »The most popular social media such as Facebook have offered limited ability – so far – to deal with the subtleties of how people really function in different segments of their networks«, schreiben Rainie und Wellman und schließen sich so Chens Schluss an.

Die Chance, die Licklider und Taylor in ihrer Vision in den Möglichkeiten computergestützter Kommunikation gesehen habe, ist real. Sie haben das Potential Neuer Medien korrekt beschreiben, aber den Einfluss von Politik und Marktwirtschaft unterschätzt. Die effiziente Gestaltung und Aushandlung von sozialen Gemeinschaften wirft keinen finanziellen Mehrwert ab und kann nicht mit totaler Überwachung vereinbart werden.

 

Das komplexe Verhältnis von Social Media und Magersucht

Bildschirmfoto 2014-02-04 um 13.01.59

Ein Instagram-Profil einer jungen Frau. Sie sagt von sich, sie sei 13 Jahre alt und 56 kg. Sie wäre gerne 45 kg, bei einer Körpergröße von 163 cm. Ihr aktuelles Gewicht liegt in ihrer Altersgruppe zwischen den Perzentilen 75 und 90, d.h. sie ist normalgewichtig, aber überdurchschnittlich schwer. Ihr Wunschgewicht liegt knapp über der Perzentile 10, die gemäß Gesundheitsförderung.ch die Grenze zu Untergewicht markiert.

Das Mädchen veröffentlicht Bilder unter dem Profil wantaskinnybody_ und entschuldigt sich darauf: »I’m sry I’m Fat« – »entschuldigung, ich bin dick«. Ihr Einträge – siehe unten – versieht sie mit einer Reihe von Hashtags, darunter auch #anorexia, #skinnylove, #ana, #magersucht. Sie weist immer wieder auf ihre Profile bei Kik und WhatsApp hin.

Bildschirmfoto 2014-02-04 um 13.00.18Wie authentisch das Profil ist, kann schwer beurteilt werden. Aber es zeigt, mit welchen Mechanismen Menschen – betroffen sind überwiegend junge Frauen – Social Media nutzen, um eine Gemeinschaft zu finden, die sie in ihrem Ziel, dünn zu werden und zu bleiben, unterstützt und berät. Diese Gemeinschaften gibt es schon länger. Im Netz gibt es unzählige Seiten mit Tipps, konkreten Diätvorschlägen für anorexische Menschen und so genannter »thinspiration«, also Inspriation, dünn zu werden oder zu bleiben, meist Bilder und Zitate.

Was für Außenstehende krank wirkt und auch im medizinischen Sinne eine Krankheit ist, wird zum Thema einer Community, deren Mitglieder Essstörungen zwar teilweise rational beurteilen können, aber dennoch keinen Wunsch verspüren, sich behandeln zu lassen. Eine Bloggerin schreibt beispielsweise:

Man sagt, Anorexie sei eine Krankheit. Und das stimmt auch. Es ist eine psychische Krankheit, die einen nur schwer wieder los lässt. Abnehmen um jeden Preis. Auch oft um das eigene Leben, also rate ich jedem, der nicht betroffen ist, sofort diese Seite zu verlassen! Ich bin zwar pro-ana, aber nur, weil ich es mit mir so besser vereinbaren kann. Ich finde mich nur schön oder eigentlich nur annehmbar, wenn ich wenig esse und dünn bin. Das trifft aber nicht auf andere Personen zu. Weiblich zu sein und dazu zu stehn ist sicher das Größte auf dieser Welt!! Doch kann ich das nicht… Für mich ist Ana (Anorexie) also zu einer Art Lebenseinstellung geworden, denn wenn ich täglich daran denke krank zu sein, hilft es mir nicht. Noch will ich nicht raus aus dieser Sache. Vielleicht ändert sich das ja eines Tages. Aber ich kann es mir nur schwer vorstellen…

Wie Sonja Samuda in einer Notiz festgehalten hat, handelt es sich bei Pro-Ana-Gruppen um Selbsthilfegruppen, bei denen aber die gegenseitige Unterstützung widersprüchlich ist. Während die meisten TeilnehmerInnen die Zugehörigkeit als wertvoll empfinden, sind »die Erwartungen der TeilnehmerInnen an die zahlreichen Gruppen dabei keineswegs homogen«, wie Samuda schreibt. Einige beziehen Tipps, und zwar nicht nur für Diäten, sondern auch dafür, wie eine medizinische Behandlung unwirksam gemacht werden kann. Anderen ebnet die Community den Weg zu einer Therapie.

* * *

Um diese Eindrücke zu vertiefen und mit Studien zu verbinden, seien die wichtigsten Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Forschung zu Social Media und Essstörungen im Folgenden kurz zusammengefasst:

  1. Extreme emotionale Reaktionen zu Bildern von Essen und über- oder untergewichtigen Menschen scheint ein Symptom einer Erkrankung an Anorexia Nervosa zu sein. (Spring und Bulik, 2014)
  2. Pro-Ana-Profile führen zu einer spezifischen Online-Identität, welche die Offline-Identität beeinflusst und von ihr beeinflusst wird. Die Online-Rituale, die sich in entsprechenden Gemeinschaften ergeben, führen zur Arbeit an dieser Identität und lösen eine breite Palette von Emotionen aus (Euphorie, Verbundenheit, Zielorientierung, Ekel). Diese Rituale führen – ähnlich wie bei religiösen Bewegungen – zu einer Gruppenidentität, für welche die körperliche Anwesenheit nicht nötig ist, aber teilweise durch Bilder ersetzt wird. Sie etablieren spezifische Ausschlussverfahren für Outsider, teilen ein Ziel und viele Erfahrungen. Die Wirkung der Rituale ist für Teilnehmende eine Bestärkung: Viele sagen, sie könnten nur mit ihrer Anorexie weitermachen, weil es Pro-Ana – also den Austausch im Netz – gebe. (Maloney, 2012)
  3. Präventionsarbeit ist wenig wirksam, wenn sie die Widersprüche zwischen Anorexie als Lifestyle und Anorexie als Krankheit einerseits, zwischen Verhaltensweisen offline und online andererseits aufzulösen sucht. Anorexie ist ein Beispiel dafür, wie Körper, Begehren und Identität zusammenspielen und medialisiert und nicht-medialisiert komplexe Einflussmuster entfalten, die nicht in einfache Modelle rückübersetzt werden können. (Dyke, 2013)
  4. Der Einfluss von Medien und Social Media auf das Körpergefühl und Essverhalten wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Juarez et al., 2012, haben nachgewiesen, dass die Beschäftigung mit Pro-Ana-Seiten sowohl zum Wunsch nach Gewichtsverlust wie zum Wunsch nach Muskelaufbau signifikant beitragen, während die Daten von Ferguson et al., 2012, eher dafür sprechen, dass Gruppeneffekte zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und zu Symptomen von Essstörungen führen, während Medien keinen nachweislichen Einfluss darauf haben. Social Media können Gruppeneffekte verstärken.
  5. Die Peer Group ist hauptverantwortlich für die »Stimme der Autorität«, die Patientinnen und Patienten mit Anorexie oft erleben. Über Imitation und Wettbewerb entsteht so ein massiver Einfluss, welcher Heilungschancen von Therapien stark beeinträchtigen kann. Er wird mittels Social Media effizient organisiert, so dass ein Einbezug und eine Analyse von individueller Interaktion mit Pro-Ana-Gruppen und -Peers in eine Therapie heute unumgänglich scheint. (Allison et al., 2014)
  6. Eine Netzwerkanalyse französischer Pro-Ana-Seiten zeigt, dass Zensur im Netz deshalb fatale Folgen haben kann, weil sich über diese Netzwerke auch die Informationen verbreiten, welche den Anstoss für Therapien geben können oder die an Anorexie Leidenden psychisch unterstützen können, wenn es das Umfeld nicht mehr kann. (anamia.fr, 2013)

Bildschirmfoto 2014-02-04 um 14.10.42

Was Karen Dias aus einer feministischen Perspektive schreibt, gilt gemäß der aktuellen Forschung für die ganze Pro-Ana-Bewegung:

Given that women’s bodies and experiences of embodiment are subjected to relentless surveillance in the public sphere, cyberspace can potentially provide a space for women to meet safely as opposed to traditional public spaces and places in the built environment. Cyberspace can be conceptualized as an alternative space for women with eating and body issues, one that may serve as a sanctuary.

Das Verhältnis von Social Media, Essstörungen, Gruppenverhalten und Identität ist ein komplexes. Es gibt kaum einfache Einflüsse, aus denen sich Massnahmen ableiten ließen. Wertungen sind so wenig möglich wie generelle Aussagen – alle wissenschaftlichen Studien betonen, wie individuelle sich an Anorexie Erkrankte und ihre Peer Groups verhalten würden. Lifestyle und Selbsthilfe, Inszenierung und Leiden, Unterstützung und Gruppendruck verschmelzen, gehen in einander über.

»Social Media machen doch nicht einsam« – Artikel in der Aargauer Zeitung

 

Am letzten Samstag ist ein Artikel in der Aargauer Zeitung erschienen (hier online), den ich über eine neuere Arbeit von Zeynep Tufekci geschrieben habe. Er basiert auf einem Blogpost – »Das soziale Internet«.

Hier der Schluss des Artikels:

«Kommunikationstechnologie wirkt weder entmenschlichend noch isolierend, wenn sie für soziale Verbindungen verwendet wird. Das Internet ist nicht eine Welt voller körperloser und oberflächlicher Beziehungen, es ist eine Technologie, die soziale Verbindungen zwischen echten Menschen medialisiert und strukturiert», lautet Tufekcis Fazit.

Einsamkeit - AZ

Rezension: Clive Thompson – Smarter Than You Think

cover-stytClive Thompson ist ein amerikanischer Journalist, der regelmäßig über die Bedeutung von technologischen Veränderungen für das menschliche Leben schreibt. Sein Buch »Smarter Than You Think« von 2013 (bisher nur auf Englisch erschiene) ist eine umfassendere Ausgabe vieler seiner Artikel, in denen er mit den Leuten spricht, die neue Werkzeuge entwickeln, einsetzen oder umnutzen. Er verwendet dafür die Methoden des gepflegten amerikanischen Journalismus gekonnt: Unterschiedliche Perspektiven werden in unterhaltsame Erzählungen verpackt, in denen Anekdoten, ausführliche Gesprächsauszüge und historische Entwicklungen einen Platz finden. Thompson arrangiert Material, nimmt aber auch Stellung, indem er Argumente gewichtet und in Beziehung setzt.

Sein Buch ist in eigenständige Kapitel unterteilt. Thompson zeichnet die Auswirkungen der technologischen Veränderungen durch Internet und portable digitale Geräte nach –  in Hinsicht auf das Gedächtnis, die Politik, die Orientierung im Informationsüberfluss und auf gesellschaftliche Veränderungen.

Das Buch ist von Thompsons klarer Haltung geprägt: Er lehnt »Doomsaying«, also Katastrophenprognosen, dezidiert ab. Sie seien zwar im Diskurs über Technologie weit verbreitet, weil sie Menschen kritisch und intelligent erscheinen lassen, aber als Leitidee gefährlich. Orientieren müssten wir uns vielmehr an Garri Kasparow, der nach seiner Niederlage gegen den Schachcomputer Deep Blue nicht verzweifelt sei, sondern eingesehen habe, dass die Verwendung von maschinellen Verfahren Menschen zu besseren Schachspielerinnen und -spielern mache. »Smarter than you think« sind die Menschen, die Computer geschickt verwenden; d.h. so, dass sowohl Maschinen wie auch Menschen dadurch intelligenter werden. Thompson spricht von Zentauren, also Mischwesen, für die sich die große Herausforderung stelle, wie sich die spezifischen Fertigkeiten und Stärken von beiden Wesen produktiv verbinden lassen.

Zentaur auf einer griechischen Vase, 500 v.Chr.
Zentaur auf einer griechischen Vase, 500 v.Chr.

So widmet Thompson beispielsweise den Erfahrungen von Menschen viel Raum, die so genannte »Wearables« schon seit Jahrzehnten verwenden. Gemeint sind damit tragbare Computer, die mit Kameras und Mikrofone die Umwelt kontinuierlich aufzeichnen können und so eine komplett veränderte Organisation des Gedächtnisses ermöglichen. Ganz allgemein ist die historische Perspektive aufschlussreich und Thompson stellt immer wieder dar, wie neue Möglichkeiten im Umgang mit Informationen und ihrer Speicherung produktiv und destruktiv genutzt worden sind.

Pioniere in den frühen 1990er-Jahren. Screenshot PBS Off Book.
Pioniere in den frühen 1990er-Jahren. Screenshot PBS Off Book.

Wer sich in einem Bereich auskennt – z.B. im Einbezug von Technologie in neue didaktische Konzepte oder darin, wie Graswurzelbewegungen Social Media zur politischen Mobilisierung oder für die Organisation der logistischen Verteilung von Hilfsgütern genutzt haben – erhält von Thompsons Buch immerhin eine kompakte und gut lesbare Zusammenfassung der wichtigsten Einsichten, da sich das Buch nicht an ein Fachpublikum sondern ein eine interessierte Breite richtet. Aber die meisten werden Kapitel finden, in denen unbekannte Entwicklungen präsentiert werden – in den Anmerkungen im Anhang findet sich eine reichhaltige Sammlung an weiterführender Literatur.

Den für mich neuen und interessantesten Aspekten des Buches habe ich während der Lektüre schon eigene Blogposts gewidmet:

  1. Das soziale Gedächtnis zeigt, dass Menschen digitale Speichermedien genau so nutzen wie sie die Gedächtnisse ihrer Mitmenschen schon lange einbeziehen, wenn sie Informationen abrufen.
  2. Thompson weist darauf hin, dass der Umgang mit immer mehr Videos eine neue Art von Alphabetisierung brauchen.
  3. Schon im 17. Jahrhundert haben sich Intellektuelle über die Flut an Büchern beklagt, die es verunmögliche, relevante Informationen abzurufen. Diese Kritik hat dazu geführt, dass Bücher verbessert wurden, sie erhielten Seitennummern und Inhaltsverzeichnisse.

Thompsons Buch ist eine fesselnde Lektüre, weil der Autor belesen ist, kluge Gespräche führt und den eigenen Denkprozess nachzeichnet. Dabei ist er sich nicht zu schade, auch Änderungen in seiner Haltung darzustellen und zu begründen.