Social Media und die Bildungsorganisation sind geprägt von Standardisierungsbemühungen und hierarchischen Strukturen, obwohl sowohl die Ideale der dialogischen Kommunikation in Netzwerken und die des nachhaltigen Lernens Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen.
Der Aufbau von Netzwerken und die Organisation von Lernprozessen gehen von Subjekten aus. Sie erfolgen bottom-up: Entscheidend sind Motivation, Interessen und persönlicher Nutzen. Wesentliche Aspekte sind nicht messbar, nicht vergleichbar, nicht durch Standards abbildbar und nicht top-down festlegbar.
Vorgaben verhindern Abweichungen. Konzeptionell geht es dabei meist um unerwünschte Abweichungen: Auf standardisierten sozialen Netzwerken gibt es keine Überraschungen, keine unangenehme Erfahrungen für die User. In einer standardisierten Bildungslandschaft lernen alle Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Methoden ähnliche Inhalte und werden ähnlich bewertet.
In der Realität werden aber vor allem positive Abweichungen verhindert: Innovative Projekte sind innerhalb der engen Grenzen des auf Social Media Erlaubten nicht mehr möglich. Ebenso können Lehrpersonen mit ganz spezifischen Stärken und Vorlieben diese in einer standardisierten Bildungslandschaft nicht entsprechend gewichten, sie können nicht auf Wünsche oder Bedürfnisse von Lerngruppen eingehen, weil festgelegt ist, was wie unterrichtet werden muss.
Die große Herausforderung für Social Media ist es, dezentrale Netzwerke zu schaffen (vgl. Lovink). Nur so können sie ihr gesellschaftliches und politisches Potential entfalten, ohne einen kommerziellen Nutzen innerhalb eines engen Gerüstes von Normen erbringen zu müssen. Entsprechende Projekte scheinen alle zwar viele Bedürfnisse von Benutzerinnen und Benutzern aufzunehmen, sich aber nicht durchsetzen zu können: Zu stark sind die großen Player wie Facebook, Google oder Twitter, welche durch die Speicherung von Daten viele User in ein Abhängigkeitsverhältnis treten lassen.
Auch hier gibt es eine Parallele zur Schule: Innovative Projekte werden zwar immer wieder formuliert, sie scheitern aber auch an der Macht der staatlichen und standardisierten Schule, deren Diplome eine politisch und gesellschaftlich klar bestimmten Wert haben. »Bildung für alle« im Sinne von Lindner ist nur möglich, wenn dezentrale Lernnetzwerke entstehen können.
Hacker des Tech Model Railway Club am MIT, 1950er-Jahre.
Man könnte abschließend davon sprechen, dass sowohl Social Media wie die Bildungsstrukturen gehackt werden müssen: In ihrem Selbstverständnis lösen Hacker auf kreative und ästhetische ansprechende Art und Weise Probleme. Sie tun dies als intellektuelle Herausforderung, nicht um einem von außen vorgegebenen Zweck zu genügen, und umgehen dabei Beschränkungen und Hindernisse, ohne auf Erwartungen Rücksicht zu nehmen. Dieses Ideal kann sowohl auf die Internetkommunikation wie auch auf die Bildung bezogen werden: Wenn sie funktionieren, dann bringen sie Menschen dazu, kreativ Probleme zu lösen, weil sie daran Spaß haben. Es wäre zu wünschen, dass dies gelingen kann.
Dieses Merkblatt sollte vor einer intensiven Nutzung von Social Media im Unterricht abgegeben werden. Die Schülerinnen und Schüler werden gesiezt. Das Merkblatt enthält wichtige Punkte von einem ähnlichen Merkblatt von Mary Chayko (private Kopie, nicht online). Ich freue mich über Hinweise zur Verbesserung der Merkblatts.
Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Foren, Chats und Blogs werden heute für die Kommunikation mit Freunden und Familie auf verschiedene Arten genutzt. Wie im direkten Kontakt mit anderen Menschen repräsentieren Sie auf sozialen Netzwerken sich selbst, Ihre Familie und Ihre Schule. Verhalten Sie sich deshalb anständig und seien Sie ehrlich. Dabei helfen Ihnen die folgenden Hinweise.
Wenn Sie im Unterricht Aufgaben erhalten, die sich mit Social Media erledigen lassen, dürfen und sollen Sie das auch tun. Es stehen Ihnen aber immer auch alternative Arbeitsmethoden zur Verfügung, niemand wird zur Benutzung von sozialen Netzwerken gezwungen.
Überlegen Sie sich immer zwei Mal, ob Sie etwas auf sozialen Netzwerken posten wollen oder nicht.
Seien Sie online respektvoll und positiv.
Denken Sie daran, dass viele andere Menschen mit einem anderen Hintergrund lesen und sehen, was Sie hinterlassen: Kinder, Menschen aus anderen Kulturen, Ihre Familie, zukünftige Arbeitgeber usw.
Wenn Sie in Bezug auf eigene oder fremde Handlungen auf sozialen Netzwerken unsicher sind, fragen Sie bei erfahrenen Erwachsenen nach. Verzichten Sie im Zweifelfall auf die Handlung, bis Sie sich sicher sind.
Gehen Sie davon aus, dass alle Texte, Bilder und Videos in sozialen Netzwerken öffentlich einsehbar sind, auch wenn Sie sie schützen.
Denken Sie daran, dass alles, was Sie online tun, gespeichert wird und von Ihnen nicht mehr gelöscht werden kann.
Verwenden Sie gleichwohl private oder anonyme Profile, wenn Sie schulische Arbeiten erledigen.
Hinterlassen Sie keine persönlichen Daten wie Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten, Stundenpläne oder ähnliche Daten auf sozialen Netzwerken. Sie gefährden dadurch möglicherweise sich selbst und oder andere.
Verhalten Sie sich professionell und verzichten Sie auf die Darstellung von Gewalt, von Straftaten oder sexuellen Handlungen auf sozialen Netzwerken.
Vermeiden Sie auch Fotos, Videos oder Texte die Sie oder andere so erscheinen lassen, dass Sie sich dafür schämen könnten.
Sie sind nicht nur für eigene Inhalte verantwortlich, sondern auch für Inhalte, die andere auf Ihren Seiten hinterlassen.
Ich habe schon einmal darüber berichtet, dass es im Kanton Basel-Stadt (Schweiz) die Aufgabe der Polizei ist, »Kinder und Jugendliche bei einem selbstständigen, kritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien zu unterstützen«.
Dafür hat die Kantonspolizei – genauer: die Präventionspolizei – sogar ein eigenes Facebook-Profil erstellt:
Dort publizierte sie auch eine Umfrage zum Littering-Verhalten der Jugendlichen:
Auszug aus der Umfrage.
Wie 20Minuten und die bz berichten, kam es dabei zu einem peinlichen Problem: Die Antworten der Teilnehmenden erschienen auf deren Facebook-Chronik, waren also für all ihre Kontakte oder sogar für die Öffentlichkeit einsehbar. Damit wurden, so die Zeitungstitel, die Jugendlichen wegen Littering »geoutet« – ein in der Präventionsarbeit denkbar schlechtes Vorgehen. In 20Minuten wird der Sprecher der Kantonspolizei zitiert:
Laut Polizeisprecher Klaus Mannhart handelt es sich um ein Versehen: «Dass die Antworten auch in der Chronik der Teilnehmer erscheinen, wurde leider übersehen.» Der Präventions- und Jugendpolizei würden bei der Bewirtschaftung ihrer Facebookseite gewisse Freiheiten gewährt. Jedoch zeige das Beispiel, dass der Umgang mit Social Media komplexer sei als angenommen. Mannhart: «Wir werden die Situation überprüfen und eventuelle Massnahmen evaluieren.»
Man muss die Frage stellen, ob Präventionsarbeit und Vermittlung von Medienkompetenz von einer Stelle geleistet werden soll, welche die Komplexität sozialer Netzwerke unterschätzt. Generell kann man fragen, ob die Polizei in der Lage ist, Jugendliche in der Mediennutzung zu begleiten. Im Kontakt mit der Polizei ist der Gedanke an das Überschreiten von Gesetzen und den Schutz vor kriminellem Verhalten ständig präsent.
Meine Meinung: Den Umgang mit neuen Medien müssen Kinder und Jugendliche von ihren Eltern und ihren Lehrpersonen lernen, nicht von der Polizei.
Besuchen nun Menschen mit diesen Identifikationseigenschaften Seiten, ohne sich einzuloggen, werden die Login-Daten von einer andern Seite benutzt, um den Betreibern persönliche Informationen zu vermitteln.
Die persönlichen Informationen wie Email-Adresse etc. werden benutzt, um personalisierte Angebote zu machen.
Screenshot von 42floors mit Informationen der Seitenbesucher, die sich nicht eingeloggt haben.
42floors erwähnt ein analoges Beispiel für diese Möglichkeiten:
You drive to Home Depot and walk in. Closed-circuit cameras match your face against a database of every shopper that has used a credit card at Walmart or Target and identifies you by name, address, and phone. If you happen to walk out the front door without buying anything your phone buzzes with a text message from Home Depot offering you a 10% discount good for the next hour.
[Übersetzung phw:] Du fährst zum Baumarkt und gehts rein. Überwachungskameras erkennen dein Gesicht, vergleichen es mit einer Datenbank aller Menschen, die schon jemals eine Kreditkarte in einem Supermarkt verwendet hat und identifizieren dich mit Name, Adresse und Telefonnummer. Sobald du rausgehst, ohne was gekauft zu haben, erhältst du eine SMS, die dir einen 10%-Gutschein offeriert, wenn du innerhalb der nächsten Stunde etwas kaufst.
Dieses Beispiel ist heute technisch möglich. Was im Internet passiert, passiert wohl auch in nicht primär digitalen Szenarien. Wir sind überall identifizierbar.
Niemand weiß, wie die digitale Welt in 10 Jahren aussehen wird. Während sich die westlichen Gesellschaften in den letzten 50 Jahren nur marginal verändert haben, ändern sich digitale Praktiken sehr schnell: Wir haben alle die Zeit erlebt, in der wir mit Pseudonymen im Internet aktiv waren – heute sind die meisten von uns mit unserem Namen präsent; ohne dass sich viele Menschen überlegt haben, warum das so sein könnte.
Blicke ich in die digitale Zukunft und damit auch in die Zukunft von Social Media, dann denke ich meist an Algorithmen oder Bots. Die Science Fiction war lange von Robotern geprägt, Menschen nachgebildeten Geräten, die vollautomatisch operierten. Man kann die Form und sogar die Materialität weglassen und einfach von »Handlungsvorschriften, die nach einem bestimmten Schema Zeichen umformen« sprechen – wie das Mercedes Bunz in ihrem hervorragend Buch Die stille Revolution tut. Gibt es solche Handlungsvorschriften, dann gibt es natürlich auch entsprechende Geräte, die sie ausführen können – ohne dass es Menschen dazu braucht. Im Jahre 2020 wird es zwischen 50 und 100 Milliarden Geräte mit Internetanschluss geben; die alle Gegenstände und Lebewesen verwalten, nachverfolgen und orten können, die mit einem RFID-Chip ausgestattet sind. Schon 2007 gab es einen solchen Chip, der so klein wie ein Staubkorn war. Bunz spricht in ihrem Buch davon, dass diese Erkenntnis sofort zu einem Reflex führt, dass man an die totale Überwachung denkt – natürlich nicht zu Unrecht:
Wir sehen nur, wie eine bestimmte Technik in einem historischen Moment eingesetzt wird, und vergessen darüber, dass man damit auch noch ganz andere, bessere Dinge anstellen könnte. Konzentrieren wir uns noch einmal auf den wesentlichen Aspekt des Internets der Dinge: Es erlaubt uns, Projekte, für die wir neben Menschen und Informationen auch materielle Gegenstände und Räume brauchen, wesentlich schneller, leichter und vor allem kostengünstiger zu organisieren. […] damit verlieren die großen, hierarchischen, über Mitgliedsbeiträge, Steuergelder oder die von Aktionären bereitgestellten Mittel finanzierten Institutionen des Industriezeitalters ihr Monopol auf Unternehmungen eines bestimmten Ausmaßes oder Komplexitätsgrades. (156)
Während Bunz die Revolution der Algorithmen parallel zur Industrialisierung in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen beschreibt, möchte ich etwas konkreter zeigen, was Algorithmen für unseren digitalen Alltag bedeuten und wie sie heute – vielfach unbemerkt – schon präsent sind. Ich tue das anhand von sechs Beispielen, die ich kommentiere.
Algorithmen in Smartphones erkennen heute automatisch, wie hell sie den Bildschirm stellen müssen, damit wir ihn lesen können; bemerken, ob wir auf den Screen schauen und wie wir das Gerät halten. Sie lernen unser Tipp- und Schreibverhalten und verbessern unsere Fehler automatisch. Sie schlagen uns Musik und Apps vor, die wir wahrscheinlich mögen. Sie kennen unsere Kontakte, wissen, wie und worüber wir mit ihnen kommunizieren. Sie verbessern unsere Bilder automatisch. Wir werden nicht lange auf die ersten Optionen in sozialen Netzwerken warten müssen, die es erlauben, dass automatisch interessante Statusmeldungen, Bilder oder Videos gepostet werden. Schließlich können Algorithmen problemlos erkennen, nach welchen Mustern wir handeln. Unsere Smartphones werden unsere Umwelt wahrnehmen und in der Lage sein, Ausschnitte daraus zu teilen.
Während wir heute nur noch in der Lage sind, etwas Bedeutsames zu erleben, wenn wir es digital festhalten, werden Algorithmen diese Aufgaben so für uns übernehmen können, dass wir die maximale Aufmerksamkeit unserer Kontakte erhalten.
Unsere Kontakte könnten bereits heute problemlos Algorithmen oder Bots sein. Mithilfe der im Internet verfügbaren menschlichen Äußerungen können Algorithmen selbständige Facebook-Profile füllen und mit anderen Usern zu interagieren. Spricht uns jemand Unbekanntes im Internet an, können wir heute nicht sagen, ob dahinter eine Person oder ein Bot steckt. Diese Unsicherheit wird zunehmen, wenn z.B. Unternehmen für die Kundenberatung etc. Algorithmen im großen Stil einsetzen, die menschliches Verhalten imitieren und so nicht als solche zu erknnen sind.
Algorithmen können für uns Routinearbeiten erledigen. Sie werden dabei immer besser in der Lage sein, von uns zu lernen: Wir zeigen ihnen zwei, drei Mal, was wir machen wollen, uns sie führen den Schritt dann selbständig aus. Dadurch werden viele Arbeitsschritte ihre Bedeutung und ihren Wert verlieren; geistige Arbeit wird davon stark betroffen sein, vor allem, wenn sie aus Routinearbeiten besteht. Betrachten wir nur Berufe, die mit Büchern zu tun haben: Jeder Buchhändler und jede Bibliothekarin ist heute durch einen Algorithmus ersetzbar. Sie finden Bücher nicht nur schneller, sondern können relevante Passagen zitieren (Amazon sammelt für jede Buch die Passagen, die am häufigsten angestrichen werden) – und zwar aus allen Büchern. Zudem können sie Leserinnen und Leser anhand ihrer Lektüreerfahrungen besser einschätzen.
Überhaupt sind Algorithmen fast in jeder geistigen Tätigkeit Menschen überlegen, die nicht hochtalentiert und enorm erfahren sind. Das zeigt sich sowohl am Schachspiel wie auch beim Pokern. Wettkämpfe sind nur noch möglich, wenn sicher gestellt werden kann, dass Algorithmen keine Rolle spielen. Damit ist auch gezeigt, dass Algorithmen uns Menschen verbessern werden. Sie werden unsere Schwächen kompensieren wie eine Brille das tut. Viele Menschen nutzen heute komplexe Computer mit schlauen Algorithmen, um ihr Gehör zu verbessern. Aus diesen Hörgeräten werden bald Denkgeräte entstehen, die verhindern, das wir vergessen, was wir nicht vergessen wollten, dass wir abschweifen, wenn wir uns konzentrieren wollen.
Algorithmen werden Medien in andere umwandeln. Sie werden uns Texte vorlesen, bildlich darstellen oder Gehörtes verschriftlichen, wenn wir das wünschen. Sie werden Sprachen in andere übersetzen, in real-time und ohne Kosten. Sie werden unsere Gesten besser verstehen, als wir das heute können: Erkennen, wann Babys zur Toilette müssen, wann sie Schmerzen haben.
Bereits heute finden wir Informationen nur noch dank Algorithmen. Google zeigt uns, was wir finden wollen – und zwar anhand von verschiedener, automatischer Abläufe, die unser Suchverhalten, das andere Menschen sowie weitere Kriterien berücksichtigen. Die Technik der Google-Suche kann an beliebigen Orten eingesetzt werden. Nehmen wir die iPad-Menukarte im Restaurant: Sie kann uns problemlos Vorschläge aufgrund unseres Essverhaltens sowie den Vorlieben anderer Menschen machen, kombiniert mit Preisüberlegungen, Wartezeit etc.
Algorithmen werden unbemerkt unverzichtbar werden. Heute können wir die Geräte eine Weile weglegen und ohne sie leben. Bald wird uns das so wünschenswert erscheinen, wie ohne Kleider aus dem Haus zu gehen. Auch das könnten wir, es ist aber nicht nur sozial geächtet, sondern auch meist sehr unbequem.
Von Algorithmen erstellte Kunst. Don Relya, donrelyea.com
In seinem Buch Gadget hält Jaron Lanier fest, dass unsere Unfähigkeit, online zwischen Mensch und Algorithmus zu unterscheiden, eine Reduktion unseres Menschenbilds zeigt: Wir erwarten von einem Menschen nicht mehr als von einem Algorithmus. Das ist eine Sicht. Lanier behauptet, nur Menschen könnten Bedeutungen hervorbringen. Das darf stark bezweifelt werden: Bald werden uns vollautomatisch erstellte Bilder, Texte und Videos zu Tränen rühren und lachen machen, weil Algorithmen wissen, was für uns lustig ist und was berührend. Mit uns werden auch Algorithmen lachen und weinen – weil sie gelernt haben, wann Menschen das tun.
Die Digitalisierung bietet uns heute die Möglichkeit, eine andere Zukunft zu gestalten. Und aus ihr wird, was wir aus ihr machen. (160)
So der optimistische Schluss von Bunz‘ Buch. Unklar ist, wer wir sein werden, die diese Zukunft gestalten: Gibt es in zehn Jahren noch ein Ich ohne Hilfsmittel? Und: Wäre das zu bedauern?
Javascript ist das neue Latein, meine Damen und Herren, wir sollten uns zügig daher überlegen, wie wir die Wissensvermittlung bei Kindern und Jugendlichen dahingehend verändern, dass wir das Erlernen einer modernen Programmiersprache mit in die Lehrpläne aufnehmen – denn wir wollen doch alle, dass die nachwachsenden Generationen das Rüstzeug für die Zukunft erhalten.
So zugespitzt der Vergleich auf den ersten Blick scheint – er lohnt genauere Überlegungen. Latein und Javascript dienen nicht die Verständigung mit anderen Menschen. Es sind Sprachen, die mit einer sekundären Absicht gelernt werden. Betrachten wir ein Argumentarium, weshalb in der Schule Latein gelernt werden muss, so stehen sechs Gründe im Vordergrund:
Wer Latein lernt, kann andere Sprachen leichter lernen.
Wer Latein lernt, beherrscht und versteht die eigene Sprache besser.
Latein hilft, methodisches Denken und Problemlösekompetenz zu schulen.
Latein ermöglich interkulturelles Lernen.
Latein ist Förderung von begabten Schülerinnen und Schülern.
Latein wirkt identitätsstiftend.
Auf den ersten Blick wird sichtbar: Viele dieser Argumente können auf das Erlernen einer Programmiersprache übertragen werden (Puristinnen und Puristen würden wohl eher für Lisp als für Javascript plädieren). Auch hier eröffnet man begabten Schülerinnen und Schülern ein enormes Lernumfeld, fördert methodisches Denken und hilft dabei, die eigenen Kommunikationsräume und -abläufe besser zu verstehen. Zudem hilft eine Programmiersprache dabei, andere wichtige Kompetenzen zu erwerben: Mathematische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge erschließen sich leichter, wenn eine Programmiersprache vorausgesetzt werden kann, zudem werden damit Fertigkeiten erworben, die für fast alle Studienfächer (auch für geisteswissenschaftliche) von Vorteil sind.
Man kann sich in Bezug auf kulturelle Aspekte fragen, ob es nicht auch einen Kulturbestandteil gibt, der mit dem Umgang mit Programmen zu tun hat – aber hier ist der identitätsstiftende Faktor sicher weniger groß als bei Latein.
Fazit: Der Sinn des Vergleichs ist nicht eine Ablösung des Lateins durch eine Programmiersprache – dafür hat Latein eine zu geringe Bedeutung im heutigen Curriculum. Latein soll weiterhin gelehrt und gelernt werden, finde ich. Aber eine Programmiersprache – von der dritten Klasse weg – als obligatorisch zu erklären, würde auch den Fokus des unsäglichen Informatikunterrichts, der heute mehr Anwendung von Office-Produkten als etwas anderes ist, schärfen. (Vgl. auch dazu den Kommentar zum Lehrplan 21 und zur Behandlung der Informatik darin.)
Ich habe Ende September kurz dargestellt, dass und wie es möglich ist, WhatsApp so zu hacken, dass man Zugriff auf die Daten anderer User erhält und in ihrem Namen Nachrichten verschicken und empfangen kann. Die neue Version von WhatsApp hat diese Lücke beseitigt.
Wie Heise heute berichtet, ist es aber mit einem recht einfachen Skript immer noch möglich, sich diesen Zugriff zu verschaffen:
Für die Account-Übernahme benötigten wir lediglich die Handynummer des Nutzers und die Seriennummer (IMEI) seines Smartphones – das sind beides Informationen, an die man leicht herankommt. Das eingesetzte Skript hat uns ein Leser zur Verfügung gestellt. Es generiert aus der IMEI das zur Anmeldung am WhatsApp-Server nötige Passwort.
Heise hat WhatsApp angeboten, bei der Lösung des Problems behilflich zu sein, aber bisher keine Antwort erhalten. Es ist also davon auszugehen, dass Kommunikation über WhatsApp nicht sicher ist, wie der Screenshot von Heise illustriert:
»Warum die Zukunft uns noch braucht«, lautet der deutsche Untertitel von Jaron Laniers Buch »Gadget« – auf englisch trägt es den Befehl »You are not a Gadget!« als Titel. Wir, die Lanier mit »uns« meint, oder eben seine Leserinnen und Leser (»you«) – das sind Menschen. Das Buch ist eine Verteidigung des Menschen, der Person – gegenüber der Zumutungen der Ideen, die hinter Social Media stehen. Lanier rechnet mit dieser Kritik – das merkt man dem Buch deutlich an – mit einer Kultur ab, in der er sich auch bewegt: Dem Denken der Menschen im Silicon Valley, das in einem Widerspruch gefangen ist: Einem Widerspruch zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die entwicklungsfreudigen und technologiegläubigen Menschen ein komfortables Leben ermöglichen – und dem Anspruch, Menschen aus den Zwängen des Geldes zu befreien, Informationen frei zugänglich zu machen.
Seine Ideen beschreibt Lanier mit farbigen philosophischen Fachbegriffen, die er aufbläst wie Ballone, um damit ganz vieles zu meinen – Spirituelles, Wirtschaftliches, Moralisches. Von diesen drei Sphären aus geht eine Gefahr für die Menschen aus, wie Lanier in den ersten Teilen seines Essays darlegt. Im letzten Teil entwickelt er dann seine Vision, was die virtuelle Realität, der Begriff, als dessen Erfinder Lanier bekannt geworden ist, im positiven Sinne leisten könne.
Ich werde zuerst die interessanten Aspekte von Laniers Kritik zusammenfassen und dann kurz auf seine Vision eingehen. Ich beziehe mich ausnahmsweise auf die deutsche Übersetzung von Michael Bischoff.
Lanier wendet sich gegen eine Ideologie, die er »digitalen Maoismus« oder »kybernetischen Totalitarismus« nennt (30). Sie misst Netzwerken einen großen Wert zu und organisiert Individuen zu Schwärmen, die Leistungen erbringen. Dabei wird der Mensch als Person vernachlässigt – dabei, so Lanier, »haben nur Menschen Sinn und Bedeutung« (30). Seine Belege: Menschen verhalten sich online rücksichtslos, weil sie nicht als Personen wahrgenommen würden – die Finanzwirtschaft basiert nicht auf echter Wertschöpfung, sondern auf Manipulationen von Netzwerken und Informationen – die Musikkultur ist verarmt – es gibt keine lebendige Spiritualität mehr.
Lanier fordert die Menschen auf, ihre Persönlichkeit mit digitalen Mitteln auszudrücken: Auf Pseudonyme und Nicknamen zu verzichten, als Person aufzutreten und seine Persönlichkeit auszudrücken – hier Laniers eigene Webseite, aufwändige Inhalte erstellen, in die man viel Zeit investiert (Blogposts, Videos) und die das Innere zum Ausdruck bringen.
Eine der interessantesten Passagen von Laniers Buch ist seine Interpretation des Turing-Tests. Der Test fordert eine Person aus, mit zwei »Personen« zu chatten oder ein Gespräch zu führen. Eine der »Personen«, im Bild A, ist ein Computer/Algorithmus, der sich als Mensch ausgibt, die andere eine echte Person.
Turing stellte die These auf, dass Computer dann menschliches Bewusstsein erlangt hätten, wenn nicht mehr zu beurteilen ist, wer Mensch und wer Computer ist. Lanier bettet den Text zunächst historisch ein und hält fest, dass er auf einem viktorianischen Gesellschaftsspiel beruhte, bei dem sich die Frage stellte, wer Mann und wer Frau ist (47). Zudem habe Turing aufgrund der Einnahme weiblicher Hormone (eine verordnete Behandlung »gegen« seine Homosexualität) weibliche Geschlechtsmerkmale entwickelt – so dass er eigentlich die Person war, von der nicht mehr zu sagen gewesen wäre, ob sie Mann oder Frau (oder eben: Mann oder Computer) gewesen sei.
Laniers clevere Bemerkung ist aber die, dass der Turing Test zwei Dinge gleichzeitig misst: Das Verhalten von A und B – aber auch die Anforderung, die C an menschliches Verhalten stellt. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.
Lanier besteht aber auf der Einzigartigkeit des menschlichen Denkens und der menschlichen Kreativität: Beides könne weder durch eine Masse von Menschen ersetzt noch durch Computer geleistet werden. Das bleibt während des ganzen Buches eine diffuse Behauptung, eine Art Glaubenssatz Laniers (»Wenn sich herausstellen sollte, daß der individuell menschliche Verstand über Eigenschaften verfügt…«, S. 73).
Überzeugend ist aber seine Kritik am Design von Social Media: Viele seiner negativen Eigenschaften (z.B. Vereinfachung von Mobbing-Prozessen und Übergriffen, Preisgabe der der Privatsphäre, Verlust der Individualität) seien nicht einfach kleine Fehler, die sich mit der Zeit beheben ließen, sondern fundamentale Eigenschaften eines Designs, das kaum mehr sichtbar sei. Menschen passten sich den Vorgaben an und verhielten sich so, wie es die »Gadgets« von ihnen verlangten: »[D]iese neue Woge eines Gadget-Fetisischmus ist eher von Angst als von Liebe getrieben. […] der reduzierte Inhalt dieser Kommunikation wird am Ende zur Wahrheit des betreffenden Menschen.« (99f.)
Auch die wirtschaftliche Kritik an den neuen Medien und ihren Folgen basiert auf einer Kritik eines wichtigen Konzept: Der Bedürfnispyramide Maslows.
Lanier zitiert Maos Vorstellung, nur diejenigen Arbeitsleistungen verdienten einen Lohn, die Bedürfnisse befriedigten, die auf der Pyramide unten stünden: Also Menschen ernährten oder ihnen Sicherheit gewährten. Alle anderen Tätigkeiten, welche aufgrund der wirtschaftlichen Verbesserungen im 19. und 20. Jahrhunderts vielen Menschen ermöglichten, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollten Mao zufolge nicht entschädigt werden. Die »Open-Culture-Bewegung«, so Lanier (109f.), führe dazu, dass diese Vorstellung eine neue Bedeutung erhalte: Wenn kulturelle Produkte nur noch gratis geteilt würden, dann könnte man damit kein Geld verdienen und Menschen wären auf andere Aktivitäten angewiesen, um sich Lebensnotwendiges leisten zu können. Die Entwertung der Kultur führe zu einer Entwertung all dessen, was »menschlich« sei – worauf die Menschheit in einem »dunkles Zeitalter« (113) zurückfiele.
Lanier zeigt das mit einer ausführlichen Analyse des Musikmarktes und mit der Beobachtung, dass der zentrale Widerspruch der Social Media-Ideologie an der Werbung sichtbar wird: Social Media macht Werbung eigentlich obsolet.
Ein funktionierendes, aufrichtiges, auf der Weisheit der Vielen basierendes System sollte bezahlte Überredung eigentlich ächten. Wenn die Vielen so weise sind, sollte eigentlich jeder einzelne in der Lage sein, bei der Hausfinanzierung, bei der Wahl der Zahnpasta und auf der Suche nach einem Partner optimale Entscheidungen zu treffen. Diese ganze bezahlte Überredung sollte irrelevant sein. Jeder Penny, den Google verdient, beweist, daß die Vielen gescheitert sind – und Google verdient eine Menge Pennies. (115)
Der Ausweg, den Lanier weist, ist recht einfach: Er fordert eine Kostenpflicht fürs Internet. Der Bezug von Informationen müsse etwas kosten – ganz, ganz wenig. Das Geld erhielten die, welche Informationen anbieten, am besten über eine staatlich finanzierte Infrastruktur. Wer diesen Blogpost liest, würde mir einen Cent, vielleicht weniger überweisen. Mit dieser an etablierte Mechanismen in der Kulturindustrie angelehnten Idee wäre es weiterhin möglich, mit Ideen, Kreativität, menschlichen Tätigkeiten Geld zu verdienen – was letztlich dazu führt, dass Menschen dies weiterhin tun würden.
Gerade in Bezug auf Schule hat Lanier durchaus Recht: Das Privileg, Schülerinnen und Schüler entschädigt unterrichten zu dürfen, ist ein Auslaufmodell. Individuelle Bildung ist über angepasste Netzwerke und mit Video-Tutorials (z.B. von der Kahn Academy) problemlos möglich, Lehrpersonen und Peers bieten ihre Leistungen kostenlos an. Warum müsste man sie also weiterhin bezahlen?
Daran sieht man, wie stark Lanier in die Zukunft denkt. Auch wenn einige seiner Beobachtungen der heutigen Funktionsweise von Social Media polemisch oder falsch sein mögen, seine Analyse der zugrunde liegenden Ideologien zumindest begrifflich äußerst blumig ist und seine Vorstellungen von Spiritualität und dem Wesen einer »Person« diffus: Er zeigt die Fluchtpunkte der Entwicklungen auf, die wir erst als beginnende wahrnehmen.
Das sieht man auch an seinen Interessen und Projektvorschlägen, die von einer Mathematisierung der Finanzinstrumente bis zur Entwicklung einer post-symbolischen Kommunikation reichen – also der Möglichkeit, sich zu verwandeln, um kommunizieren zu können, ohne dass mithilfe von Symbolenetwas gesagt oder geschrieben werden muss. Diese Idee soll nicht mehr beschrieben, sondern mit einem wunderschönen Video unterlegt werden, auf das sich Lanier bezieht:
As long as the centuries continue to unfold, the number of books will grow continually, and one can predict that a time will come when it will be almost as difficult to learn anything from books as from the direct study of the whole universe. It will be almost as convenient to search for some bit of truth concealed in nature as it will be to find it hidden away in an immense multitude of bound volumes. When that time comes, a project, until then neglected because the need for it was not felt, will have to be undertaken.
[zitiert nach der Übersetzung von Baker et al., deutsche Übersetzung phw:] Mit den Jahrhunderten wird die Zahl der Bücher kontinuierlich wachsen, und man kann eine Zeit voraussehen, in der er es ebenso schwierig sein wird, von Büchern etwas zu lernen wie durch das Studium des ganzen Universums. Es wird fast gleich umständlich sein, nach einem Stück Wahrheit zu suchen, das von der Natur versteckt wird, wie nach einem, das sich in einer Unzahl von Bändern verbirgt. Wenn diese Zeit kommt, wird ein Projekt nötig sein, das man bisher vernachlässigt hat.
In seinem Buch Net Smart hält Howard Rheingold fest, dass wohl jeder Wandel, der zu effizienteren Kommunikation führt, folgende Reaktionen mit sich bringt:
Alarmismus aufgrund der Überlastung durch die verfügbare Information.
Entwicklung von Werkzeugen zum Umgang damit (z.B. stilles Lesen, Interpunktion, Kodex-Form des Buches etc.).
Eine neue Generation von Menschen, die fähig ist, die neuen Werkzeuge einzusetzen.
Rheingold entwickelt in seinem Buch ein Konzept, das er »Infotention« nennt. Es geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass sich Information und Aufmerksamkeit komplementär verhalten: Je mehr Informationen gleichzeitig verfügbar sind, desto weniger Aufmerksamkeit kann ihnen gewidmet werden. Rheingolds Konzept besteht aus drei Bestandteilen:
Die Fähigkeit, in jedem Moment die zur Situation passende Aufmerksamkeit aufbringen zu können.
Filter und Dashboards einrichten zu können, die Informationen bereit halten.
Die Pflege eines sozialen Netzwerkes, das mit sinnvollen Empfehlungen das Rauschen der Informationen durchbrechen kann.
Bild aus Rheingold: Net Smart.
Es geht also darum, die eigenen Gewohnheiten in Bezug auf Aufmerksamkeit mit entsprechenden Werkzeugen zu koppeln. Am Anfang steht für Rheingold die Formulierung eines Ziels, das man auf einem Stück Papier notiert und gut sichtbar neben oder an den Bildschirm klebt. Es hilft einem dabei, jede Online-Aktivität zu prüfen.
Man kann seine Infotention-Fähigkeit einfachen Fragen üben:
Was will ich gerade tun oder erreichen? (Z.B., wenn ich mich an den Computer setze oder das Smartphone hervorhole.)
Wo klicke ich gerade drauf?
Wie gehe ich damit um?
Die letzte Frage führt zu einem einfachen Triage-Modell: Links, Inputs etc. müssen abgelegt werden, wenn sie mittel- oder langfristig wichtig sein könnten – aber dürfen nicht zu einer Ablenkung führen. Es ist also nötig, dafür entsprechende Tools zu haben.
Ich benutze einen einfachen Mechanismus:
Was kurzfristig interessant sein könnte, öffne ich in einem Browser-Tab.
Was ich mittelfristig lesen werde, speichere ich mit Instapaper ab.
Was langfristig wichtig sein könnte, lege ich in einem Lesezeichen-Ordner im Browser ab.
Rheingold fordert nun die Entwicklung einer Kompetenz, Filter und Dashboards managen zu können. Damit meint er Tools, die Informationen durchsuchen und Relevantes hervorheben und Irrelevantes ausblenden. Er fordert, dass diese Kompetenz in der Schule einen prominenten Platz einnehmen muss. Wichtig sei es, in den Strom der Information eintauchen zu können: Eintauchen als eine gezielte, bewusste Tätigkeit, die auch das Auftauchen einschließt und mit der niemand Gefahr läuft, vom Strom mitgezogen zu werden oder darin zu ertrinken.
Als Beispiel zitiert er eine Lehrerin, Meredith Stewart, die ihre Schülerinnen und Schüler im sechsten Schuljahr gerade solche Fähigkeiten lehrt: