Eine Bemerkung zum Frontalunterricht

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Der Frontalunterricht ist in aller Munde. Seit die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Mitte Dezember den Frontalunterricht gelobt hat – »Frontalunterricht macht klug« / »Klassischer Frontalunterricht produziert gute Resultate« – trifft man überall auf Befürworterinnen und Befürworter der Methode: Von den Lehrenden, die insgeheim schon immer gewusst haben, wie gut die Methode ist (nichts anderes wird übrigens in der didaktischen Ausbildung gelehrt: guter Frontalunterricht ist eine effiziente Methode), bis zu den ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die guten Lehrerinnen und Lehreren einfach gern zugehört haben, stimmen alle ins wissenschaftlich belegte Lob ein.

Vergessen geht dabei, wie limitiert die Vorstellungen von Schule, Unterricht, Funktion der Lehrperson, Leistung und Erfolg sind, die mit diesem Lob verbunden sind. Man geht davon aus, alle Schülerinnen und Schüler müssten dasselbe lernen, müssten es von der Lehrperson lernen und würden dann Leistung erbringen, wenn ihre Resultate in standardisierten Vergleichstesten besser als die anderer sind.

Dabei gibt man den eigenen, verinnerlichten Maßstab aus der Hand. Die Schule sozialisiert junge Menschen so, dass sie selber nicht entscheiden müssen oder dürfen, was sie lernen wollen, wie sie lernen wollen und wie gut sie etwas gelernt haben. Nicht einmal ihre Lehrerin oder ihr Lehrer darf das entscheiden, sondern es wird von außen (von wem eigentlich genau) vorgegeben. »Ich habe so keine Lust auf Mathematik«, ist eine Äußerung, die man in vielen Klassen an vielen Schulen regelmäßig hört. Nützt nichts: Mathematik steht auf dem Stundenplan, binomische Formeln müssen gelernt werden. Warum? Lehrplan, Klausuren, Arbeitswelt…

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Das zentrale Argument: Es kann nicht sein, dass 25 Menschen gleichzeitig dasselbe hören müssen, um erfolgreich lernen zu können. Natürlich sollen sie inspirierenden Lehrenden zuhören: Zu dem Zeitpunkt, an dem sie dafür offen sind, wo sie davon profitieren. Und wann dieser Zeitpunkt ist, müssen sie selber entscheiden lernen. Kinder und Jugendliche wollen lernen (und wenn sie das einmal nicht wollen, dann haben sie vielleicht sogar das Recht dazu). Sie werden – dank Social Media – immer stärker informell, privat lernen, unterstützt durch technische Geräte und Expertinnen und Experten, die ihnen weltweit zeigen, wie man einen Song auf der Gitarre spielt, wie man chinesische Wörter ausspricht oder wie man mit binomischen Formeln umgeht.

Dieses Lernen ist dann nicht vergleichbar und nicht standardisierbar, weil Lernen per se nicht vergleichbar und standardisierbar ist.

Der Frontalunterricht erlebt ein Revival, weil viele pädagogische und didaktische Grundeinsichten vergessen gehen. Er ist in der heutigen Bildungslandschaft relativ besser als halbbatzig umgesetzte Alternativen. Aber er nicht per se besser als offene Lernumgebungen, eigenständig initiierte Lernprozesse und echte Kollaboration unter an gleichen Themen interessierten Peers.

Guter Frontalunterricht – so mein Fazit – ist der, den Schülerinnen und Schüler selber wählen und in dem sie jederzeit aufstehen und rausgehen können. Erzwungener Frontalunterricht ist keine gute Lernform.

* * *

Zusatz – Max Woodtli schreibt:

Solange Schule nach wie vor als Wissensanhäufungsinstitution gesehen wird, wo Wissenskonserven von einer Lehrperson im Gleichtakt den SchülerInnen “eingetrichtert” werden müssen, wie auf dem Bild (aus dem Jahre 1929) des Artikels dargestellt, mag Frontalunterricht sicher eine effiziente Methode sein. Das hat aber leider nichts mit Lernen und schon gar nichts mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu tun.

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Pingback: »Überschätzter Frontalunterricht« - mein Beitrag im Sonntag | Schule und Social Media

  2. Ueli Herren says

    Dieses einseitige Hochjubeln des Frontalunterrichts entstammt m.E. zweierlei Quellen: Den eigenen veralteten Schulerlebnissen und der Sehnsucht nach Homogenität unter Kindern. Letzteres hat Hans Weigert bereits vor 25 Jahren mit seinem 7g-Unterricht beschrieben. Eine Balance von ‚gutem Frontalunterricht‘ und offenen Lernformen, immer unter dem Blickwinkel des selbstgesteuerten motivierten Lernens, bringt wohl die grössten nachhaltigen Lernerfolge.

  3. Reblogged this on miss wirtschaft's blog und kommentierte:
    ich könnte es nicht besser fomulieren. „Guter Frontalunterricht – so mein Fazit – ist der, den Schülerinnen und Schüler selber wählen und in dem sie jederzeit aufstehen und rausgehen können. Erzwungenere Frontalunterricht ist keine gute Lernform.“ vielen dank an philippe wampfler für diesen artikel!

  4. Ich stimme dir völlig zu. Genau aus solchen Gründen habe ich den Frontalunterricht schon 1975 (!) in der von dir beschriebenen Form „abgeschafft“ und durch vielfältigste andere Lehr-Lern-Formen ersetzt. Und die Teilnahme am Unterricht sehr oft freiwillig gemacht. Und – wie die FUST-Reklame sagt: Es funktioniert(e)! Problemlos. Wer als Lehrperson Vertrauen hat in die Schülerinnen und Schüler sowie sich zutraut, Situationen „aufzufangen“ und didaktisch ein klein bisschen was draufhat, wage doch den Schritt ins Offene. Notfalls kann man sogar Lösungen und Lernwege erfinden…

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