Infotention bezeichnet für Howard Rheingold die Fähigkeit, einer Information die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – nicht zuviel und nicht zuwenig.
In einem überzeugend argumentierten Artikel beschreibt Daniel Willingham, dass Geduld eine der Kompetenzen ist, die Jugendlichen dabei fehlt. Sie können aufpassen und aufmerksam sein – wollen es aber nicht, weil sie leicht gelangweilt werden. Was könnte man didaktisch darauf antworten?
Willingham bezieht sich in seiner Antwort auf Jennifer L. Roberts, eine Harvard-Professorin, die ihre Studentinnen und Studenten in ein Museum in Boston schickt, wo sie drei Stunden (!) vor einem Bild ihrer Wahl sitzen müssen, um es zu betrachten. Diese Aufgabe, so Roberts, führe zu immer mehr Details – so habe Roberts selbst im oben abgebildeten Gemälde von Copley erst nach längerer Betrachtung gesehen, dass die Form des weißen Bauches des Eichhörnchens nicht dur der des Ohrs des Jungen entspricht, sondern auch im Vorhang über seiner linken Schulter auftaucht.
Willinghams Fazit: Wir müssen Lernenden zeigen, dass sich Geduld auszahlt, weil sie mit dem Vergnügen gekoppelt ist, Bedeutungsebenen zu entdecken, die vorher nicht wahrnehmbar gewesen wären. Geduld muss mit einer positiven Erfahrung verbunden werden.
If we are concerned that students today are too quick to allow their attention to be yanked to the brightest object (or to willfully redirect it once their very low threshold of boredom is surpassed), we need to consider ways that we can bring home to them the potential reward of sustained attention. They need to feel the pleasure of discovering that something you thought you had figured out actually has layers that you had not appreciated.
In der aktuellen Ausgabe (Mai 2013) von Fritz und Fränzi, dem Elternmagazin der Schweiz, ist ein Artikel von mir zu Lehren und Lernen mit Social Media erschienen. Hier das pdf.
Wer hat schon Lust, Meisterwerke der Literatur, gleich wie deren Autoren heissen mögen, auf einem Tablet zu geniessen? Die bereichernde und beglückende Lesefreude besteht auch darin, ein richtiges Buch in den Händen zu halten.
Das Zitat aus André Pfenningers Kommentar zum Salon du Livre Genève ist symptomatisch für eine Haltung, die ich nostalgisch nennen möchte. Sie besagt, dass der Prozess des Lesens mit Materialität verbunden sein müsse, und zwar mit einer bestimmten: Papier, Druckfarbe und einem Einband.
Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, so zu lesen. Sie erinnern sich an wundervolle Bücher, die sie als physische Bände in den Händen gehalten haben, und bilden sich ein, der Prozess des Lesens müsse diese sinnliche Komponente (schnell wird vom Gewicht der Bücher geredet, von ihrem Geruch etc.) enthalten.
Reading, Michaelis Moshe
Muss er nicht. Lesen ist das Entziffern eines symbolischen Codes, den ein anderer Mensch verwendet hat, um sich auszudrücken. Entziffern und codieren sind gänzlich virtuelle Prozesse, welche die Mittelbarkeit der physischen Welt nicht notwenidgerweise bedürfen. Überträgt man die nostalgische Haltung auf die gesprochene Sprache, wo müsste man behaupten, ein Gespräch verlöre etwas von seinem Gehalt, wenn es nicht auf eine Platte eingeritzt oder eine CD gebrannt würde, weil man es nur so in den Händen halten kann.
Ich kann und will niemandem vorschreiben, wie sie oder er zu lesen hat. Wer physische Bücher mag, darf sie gerne kaufen und lesen und sammeln – das tue ich auch. Aber es ist sinnlos, zu behaupten, der Prozess des Lesen müsse eine physische Dimension enthalten, weil das einfach nicht stimmt. Genussvolles, tiefgreifendes Lesen ist auf einem Tablet, einer virtuellen Brille oder einem futuristischen Display genau so möglich wie auf einer Papyrusrolle. Der Prozess des Lesens hat sich in der Kulturgeschichte der Menschen immer wieder verwandelt. Das ist kein Grund zum Jammern.
Im Rahmen eines CAS-Moduls bin ich am 26. April als Experte an die Fachhochschule St. Gallen eingeladen. Hier gibts die Unterlagen zu meinem Input über die Zukunft von Social Media.
Ein juristisches Konzept in Bezug auf den Umgang mit Informationen.
Die Trennung einer häuslichen von einer öffentlichen Sphäre.
Kontrolle des Informationsflusses bzw. Kontrolle über die Situation, in denen Informationen genutzt werden können.
Wir können das an einem Beispiel betrachten: Ein Arbeitnehmer geht nicht zur Arbeit, weil er verkatert ist. Bei seiner Chefin entschuldigt er sich unter dem Vorwand, an einer Grippe zu leiden. Er veröffentlicht aus Versehen eine private direkte Mitteilung an eine Mitarbeiterin auf seinem öffentlich einsehbaren Twitter-Kanal: »Bin nicht krank, nur verkatert. Danke trotzdem ;)«.
Informationen über unsere Gesundheit sind juristisch recht klar geregelt: Der Arbeitgeber hat Anrecht auf bestimmte Informationen (z.B. ein Arztzeugnis bei längerer Abwesenheit), auf andere nicht (er darf keinen Schwangerschaftstest bei der Anstellung verlangen). Der Arbeitnehmer im Beispiel geht davon aus, dass seine Privatsphäre geschützt sei, wenn er sich zuhause aufhält, niemand weiß, ob er tatsächlich krank ist oder nicht und niemand kann ihn unangekündigt besuchen und seine Symptome überprüfen. Er wäre also aus der Perspektive von i. und ii. in seinem Betrug geschützt und könnte kaum belangt werden, würde er nicht die Kontrolle über den Informationsfluss verlieren.
Kurz: Weder der Schutz durch das Recht noch durch die eigene Wohnung schützt die Privatsphäre, wenn der Fluss der Informationen nicht kontrolliert werden kann. Social Media und mobile Kommunikation auf Smartphones scheinen gerade das zu verhindern: Eine Untersuchung des Wall Street Journals zeigt z.B., welche Apps welche Informationen weitergeben – ohne dass Benutzerinnen und Benutzer das wissen. Viele Menschen nutzen Apps, um Informationen über ihren Gesundheitszustand (Schlaf, Gewicht, Bewegung, Ernährung, Medikamente, Menstruation etc.) zu sammeln und zu speichern. Zudem sind viele elektronischen Geräte heute in der Lage, die geografische Position zu ermitteln – der Zusammenhang muss nicht weiter ausgeführt werden: Es ist schwierig, digitale Werkzeuge zu nutzen, ohne zumindest teilweise die Kontrolle über den Informationsfluss und die Verwendung von persönlichen Informationen zu verlieren.
Was hat das für Konsequenzen für unseren Umgang mit privaten Informationen? Jugendliche, so hat Danah Boyd herausgefunden, sind mit der Situation vertraut, viele Informationen nicht kontrollieren zu können, weil ihre Eltern und Lehrpersonen aus pädagogischen Gründen diese Informationen ermitteln und nutzen (meine Zusammenfassung von Boyds Arbeiten findet sich hier). Deshalb kommunizieren sie häufig so, dass ihre Kommunikation grundsätzlich öffentlich ist, sie aber wichtige Informationen verbergen. Das heißt: Sie verwenden viel Aufwand dafür, bestimmte Informationen privat oder geheim zu halten, während die meisten Erwachsenen viel Aufwand dafür verwenden, Informationen zu veröffentlichen. Dieser Wandel dürfte mit Social Media für mehr Menschen bedeutsam werden. Die Verfügbarkeit von Informationen wird auch zu viel »noise« führen: Daten, die Menschen nicht klar zugeordnet werden können, weil die Menge an Informationen und Identitäten schlicht zu groß ist. Kürzlich hat ein Artikel bei Quartz gezeigt, wie einfach es ist, falsche Personen in sozialen Netzwerken real werden zu lassen.
Das heißt: Die Öffentlichkeit von Informationen schadet unserer Privatsphäre weniger, als wir denken können. Und wir werden lernen, die Informationen zu schützen, die für uns bedeutsam sind, während wir weniger wichtige automatisch publik machen.
Man solle, so das Schlusswort von Howard Rheingold bei seinem gestrigen Vortrag in Luzern, nicht mit der Technologie mithalten, sondern mit der »literacy«, also den Kompetenzen. Der Begriff literacy lässt sich nicht genau übersetzen, Rheingold versteht darunter eine Fähigkeit sowie ihre soziale Einbettung und Kontextualisierung. Wie wir heute Technologie nutzen hat immer auch soziale Auswirkungen: Unsere Suchbegriffe bei Google; die Links, die von unseren Texten ausgehen; unsere Likes bei Facebook und unsere Tweets beeinflussen die Interneterfahrung vieler anderer Menschen – manchmal direkt, manchmal indirekt. Wichtig deshalb: »Crap detection«. Was in unserem Informationsfluss ist wahr und relevant und was falsch, halbwahr oder unwichtig? Diese Prüfung gilt nicht nur für fremde Inhalte, sondern im Sinne einer Netzwerkverantwortung, auch für eigene.
Das »Power Law of Participation«, das Rheingold gezeigt hat, macht deutlich, wie viele Tätigkeiten es gibt, mit denen man sich in Netzwerken beteiligt – schon allein das Lesen von Beiträgen ist eine Form von Partizipation.
Wie hier schon einmal ausgeführt, ist dabei eine der wichtigsten literacies die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zu steuern: Rheingold spricht von »Infotention«. Gestern hat er einen zentralen Aspekt betont: Wir müssen lernen zu beobachten, worauf wir uns konzentrieren und wie wir unsere Werkzeuge einsetzen. Seine konkreten Tipps:
Sich in die Rolle anderer versetzen (z.B. indem man als Lehrerin oder Lehrer einmal die Klasse filmt und ihr zeigt, wie es von vorne aussieht, wenn viele Lernende vor Bildschirmen sitzen).
Zu beschreiben, wie man seinen Browser, seinen Desktop, sein Mobiltelefon organisiert und wie man damit interagiert.
Rheingolds These: Nur fünf Prozent der Menschen beherrschen Multitasking in dem Sinne, dass sie mehrere Tätigkeiten so ausüben können, dass diese qualitativ nicht darunter leiden. Er vermutet, diese hätten Multitasking gelernt. Nur: Wie genau?
Rheingolds Aufmerksamkeit für einmal bei seinen Hunden. Er ist eine Stunde pro Tag offline.
Im Vortrag hat Rheingold auch ausführlich über Netzwerke gesprochen – seine Konzeption eines Persönlichen Lernnetzwerks habe ich hier zusammengefasst. Seine wichtigsten Aussagen:
»If nobody in your network annoys you, you are in a echo chamber«: Man muss ehrliche und intelligente Menschen in seinem Netzwerk haben, die andere Meinungen vertreten, um von ihnen lernen zu können.
Nicht nur konsumieren, kreieren. Nur so sind die Bedingungen gegeben, dass bessere Werkzeuge entstehen können.
Wenn man Menschen motivieren will, bei einem Projekt mitzuhelfen, soll man sie wählen lassen, was sie tun wollen.
Menschen lernen einander zu vertrauen, wenn sie über Unwichtiges reden können und small talk betreiben.
»Weak ties« helfen uns dabei, einen Job oder Partner zu finden; bei »strong ties« können wir schlafen, wenn unser Haus niederbrennt. Wir brauchen in Netzwerken beides.
Die Position in Netzwerken ist ausschlaggebend, nicht die Zahl der Verbindungen. Die Position ergibt sich daraus, wie viele Menschen über das eigene Profil mit anderen in Verbindung treten.
Netzwerke müssen diversifiziert sein, also Expertinnen und Laien enthalten. Wichtig sind zudem Menschen, die Lücken überbrücken.
»pay it forward« – Menschen helfen einem, wenn man ihnen schon geholfen hat.
Die Zukunft digitaler Medien hängt von uns ab. Net Smart, S. 8.
Mit bestem Dank an die Hochschule Luzern, die zum Anlass mit Howard Rheingold eingeladen hatte.
Unsere Wahrnehmung ist gelöst von unserer Erinnerung. Wir sehen, wir hören, wir riechen und fühlen – aber nur einmal dasselbe. Begegnen wir uns direkt, dann kommunizieren wir in vergänglichen Medien: Wir sprechen miteinander, verwenden Gesten, Gesichtsausdrücke, berühren einander – immer so, dass unsere Kommunikation nur im Augenblick existiert und dann verschwindet.
Die Schrift, die Fotographie und ihre Weiterentwicklungen zeichnen sich durch Permanenz aus. Sie speichern, was ohne sie nicht festhaltbar wäre. Baudrillard hat diesen Prozess als »Museumifizierung« bezeichnet: Eine Wahrnehmung wird zum Objekt und erhält so eine Zukunft, die sie nie gehabt hätte – obwohl sie immer als Vergangenheit betrachtet wird. In ihrem Essay über Photographie hat Susan Sontag diesen Akt als eine Form von Gewalt bezeichnet:
There is something predatory in the act of taking a picture. To photograph people is to violate them, by seeing them as they never see themselves, by having knowledge of them they can never have; it turns people into objects that can be symbolically possessed.
Dieses Wissen, das man von Personen hat, betrifft nicht nur Bilder, sondern auch Texte und Gesprochenes: Wer digital kommuniziert – und wer tut das nicht – muss damit rechnen, dass alles gespeichert wird. Unsere Anrufe auf diverse Hotlines werden aufgezeichnet, Facebook speichert jeden unserer Klicks, unsere Emails sind auf verschiedenen Servern archiviert. Was im Moment entstand, wird dauerhaft.
So verändert sich unser Bezug zur Realität: Nur was als Datensatz archiviert ist, ist wirklich passiert. Wenn wir etwas Außergewöhnliches erleben, sind unsere Kameras immer dabei, wir berichten darüber und wollen unserem Erlebnis Dauer geben. Wie Nathan Jurgenson festgestellt hat: Erfahrung für sich und Erfahrung für Dokumentation geraten durch Social Media durcheinander. Die Filter, die wir auf Instagram nutzen, laden uns ein, die Gegenwart schon als Vergangenheit, als ein Archiv für einen späteren Zugriff durch andere zu betrachten.
Dadurch verliert die Erfahrung ihren Wert, aber gleichzeitig auch die Dokumentation: Wer durch die alten Fotoalben seiner Großeltern blättert, sieht wenige Ausschnitte aus vielen Jahren, die so bedeutsam werden. Unsere Enkel werden sich durch Ordner klicken und sich in unseren digitalen Bildern verlieren, die durch ihre schiere Zahl ihren Wert eingebüsst haben werden.
Damit wir uns erinnern können, müssen wir vergessen. Damit wir erleben können, muss etwas vergehen. Die Forderung nach einem »Recht auf Vergessenwerden« ist dabei hilflos und ein juristisches Konstrukt: Datenschutz ist nicht das Problem, wenn wir jeden wichtigen Moment unseres Lebens digital dokumentieren.
Was helfen kann, ist die Einführung der temporären Kommunikation in der digitalen Sphäre: Kommunikationsmittel, die nichts speichern, sondern im Gegenteil alles löschen, was wir eingeben. Ein Beispiel dafür wäre Snapchat: Die damit gemachten Bilder gehen nach 10 Sekunden verloren. Schon allein die Möglichkeit, im Internet vergänglich und nicht-vergänglich kommunizieren zu können, könnte eine Differenz beleben, die für das Funktionieren unserer Erinnerung, für den Wert von Bildern und anderen Medien und für unser Erleben der Realität entscheidend ist.
Neben Skeptikerinnen und Skeptikern gibt es im Internet viele Fanboys und -girls. Soziale Netzwerke werden von Menschen gefüllt, die ihre Gratisarbeit nicht nur als ein Vergnügen empfinden, sondern sicher sind, dass ihre Investitionen ins Internet sich auszahlen werden. So präsentieren sie die Möglichkeiten des Internets in einem besseren Licht, als sie bei realistischer Prüfung erscheinen würden. Gerade weil diese intensiven Nutzer so viel investiert haben, müssen sie daran glauben, dass sich ihre Investition auszahlen wird.
Dieser Effekt kann gut beim Social-Media-Marketing beobachtet werden: Wer diese Dienstleistung anbietet, muss Kunden sagen, Social Media sei ein geeigneter Kanal, um Kunden zu finden. Dieser Ratschlag basiert aber auf einer optimistischen Prognose und diese Prognose ist deshalb optimistisch, weil die eigene Situation damit zusammenhängt.
Diese positiven Vorurteile dem Netz gegenüber sind deshalb ein Problem, weil sie oft von den Menschen vertreten werden, welche Digital Immigrants oder nicht-technikaffine Menschen dabei beraten, im Internet aktiv zu werden. Sie produzieren so Enttäuschungen: Wer ein Twitter-Profil eröffnet und erste zögerliche Schritte unternimmt, wird lange brauchen, bis ein Nutzen erkennbar wird. Dieser Nutzen bedarf zudem einer konstanten Anpassung von Filtern und einer unablässigen Reflexion über den Einsatz von technischen Mitteln.
Wer sich theoretisch und kritisch mit Internetkommunikation auseinandergesetzt hat, ist weniger anfällig dafür, es zu überschätzen; sondern setzt Vor- und Nachteile in eine Beziehung.
»not your personal army« – Korrektur der positiven Vorurteile
Ich halte zuweilen Vorträge und erkläre, wie Twitter für mich das Zeitungslesen ersetzt hat. Aber viele Menschen sind besser beraten, die Zeitung zu lesen: Weil sie nicht wie ich schon 10’000 Stunden (ich verwende einfach mal die Zahl von Gladwell, wird irgendwie hinkommen) mit Social Media verbracht haben und das auch so bald nicht tun werden. Ganz ähnlich ist das mit Technologie im Schulzimmer: Viele Lehrpersonen unterrichten ohne schlicht besser. Es lohnt sich für sie nicht, Smartphones und Projektoren zu konfigurieren um dann nach langen Stunden dasselbe schlechter zu machen, was sie vorher schon konnten.
Das Argument, so werde die Zukunft verpasst, halte ich für wenig bedeutsam: Wir wissen nicht, was die Zukunft von sozialen Netzwerken sein wird. Wenn es ohne nicht mehr geht, wird es wohl reichen, dann einzusteigen. Wichtig ist, Aufwand und Ertrag, Chancen und Gefahren realistisch einzuschätzen: Sie weder übertreiben noch runterspielen und weder Drohungen an die Wand malen noch Versprechen abgeben, die nicht aus einer nüchternen Einschätzung resultieren.
Was sich im Internet abspielt ist – so der Titel des lesenswerten Buches von Passig und Lobo – ist weder Segen noch Fluch. Beide Haltungen resultieren aus Projektionen, Umdeutungen und der stärkeren Gewichtung eigener Interessen. Und beide verhindern, dass Menschen die wahren Möglichkeiten des Netzes nutzen können.
Im Internet (vielleicht allgemeiner: am Computerbildschirm) passieren Dinge, die zunächst wie Wunder erscheinen. Ich erinnere mich, wie mein Großvater, der gelernt hat, Bücher mit Lettern zu setzen, reagiert hat, als ich ihm zum ersten Mal Textverarbeitung vorgeführt habe. Die Neuartigkeit dieser Erfahrung verhinderte, dass wir sie präzise beschrieben konnten. Eine Reihe von Metaphern mussten verwendet werden, um darüber zu sprechen: Wir »surfen« auf »Seiten«, »folgen« Menschen oder gar »Freunden«, wir »chatten« in einer »virtuellen« Welt, währen wir uns im »real life« ganz anders verhalten.
Die Überforderung angesichts der Möglichkeiten von Internetkommunikation und das beschränkte Vokabular zu ihrer Beschreibung haben starken Anteil an einer Reihe von Urteilen über diese Form von Interaktion – von denen ich denke, dass es meist Vorurteile sind. Ich liste einige davon auf und bin wie immer dankbar für Ergänzungen:
Es gibt eine Trennung zwischen der echten Welt und der virtuellen: Das Internet ist nicht real. Diese Haltung wird von Nathan Jurgenson und dem Team von Cyberology »Digitaler Dualismus« genannt (vgl. meinen Blogpost dazu).
Interaktionen im Internet sind oberflächlich, sie verbinden Menschen, die sich nichts bedeuten und einander häufig täuschen oder hintergehen.
Informationen im Internet sind notorisch unzuverlässig. Weil alle beitragen können, ist im Gegensatz zu gedruckten Texten und Bildern unklar, was wahr ist; wir könnten überall manipuliert werden.
Internetkommunikation ist generell gefährlich; nicht nur können uns andere Menschen Schaden zufügen, wenn wir uns im Internet bewegen, wir verändern uns auch selbst.
Aus diesen Gründen ist die intensive Nutzung des Internets entweder Ausdruck eines Suchtverhaltens oder Zeitverschwendung; im Internet »surfen« wird schnell als Prokrastination bezeichnet und damit in die Nähe eins pathologischen Problems gerückt.
Das Internet bringt in Menschen schlechte Züge hervor, sie werden aggressiv und beginnen anderen zu schaden, wenn sie sich hinter der Maske der Anonymität in Sicherheit vor Sanktionen wähnen.
Das Internet according to Vorurteile.
Die Medienkonstellation Internet wird als komplexes Phänomen in Gesprächen oft auf triviale Erkenntnisse reduziert: »Facebook-Freunde sind keine echten Freunde«, »Man weiß nie, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt«, »Photoshop ermöglicht das Fälschen von Bildern«, »Jede(r) kann ins Internet« schreiben. Natürlich. Aber das wussten wir alle schon und das war alles auch schon so, bevor es Internetkommunikation gab.
Diese Diskussionen, so meine These, beanspruchen viele Ressourcen, die den Blick auf die produktiven Aspekte verschließen. Nur einige Beispiele: Zielloses Surfen im Internet kann Anstoß für eine Reihe von Lerneffekten sein, Internetbeziehungen können für viele Menschen eine Entlastung darstellen und zurecht einen wichtigen Stellenwert einnehmen, in vielen Fachbereichen finden sich differenzierte, aktuelle und präzise Informationsangebote im Internet. Wikipedia wurde in Bildungsinstitutionen Jahrelang schlecht geredet, obwohl eine ganz einfache Grundhaltung genügt hätte: Skeptisch bleiben und Falsches korrigieren bzw. Fehlendes ergänzen.
Fazit: Wir müssen lernen, präziser auszudrücken, was im Internet passiert.
Die Inhalte von Blogs sollten regelmäßig gesichert werden – zumal die Daten meist auf Servern von Firmen lagern, die damit grundsätzlich tun können, was sie wollen. Ich nutze für dieses Blog WordPress. Unter Werkzeuge->Daten exportieren kann ich leicht eine .xml-Datei erzeugen, die alle meine Inhalte enthält (also auch Kommentare und Bilder).
Der kostenlose Dienst bloxp erweitert meine Möglichkeiten: Ich kann aus meinem Blog ein eBook im .epub-Format erstellen – und zwar mit wenigen Klicks, ohne jeglichen Aufwand. Das Tool erlaubt mir, die Blogposts in eine beliebige Reihenfolge zu bringen, fügt Links als Fussnoten ein und erstellt automatisch ein Inhaltsverzeichnis.
Das heißt umgekehrt auch, dass ich eBooks nicht mit den hier oder hier vorgestellten Methoden erstellen muss, sondern sich einfach ein kostenloges Blog erstellen kann, pro Kapitel einen Post schreiben kann, Bilder einfügen kann und daraus dann automatisch ein .epub-File generieren kann. (Für Konvertierung hier nachsehen).