Leserfrage: Richtig informiert sein im digitalen Zeitalter

Gestern erreichte mich eine Frage eines Lesers:

Sehr geehrter Herr Wampfler,

es ist erschreckend, denn leider hat sich mein Zeitungskonsum in den letzten Jahren sehr gewandelt. Richtig regelmäßig lese ich nur noch, Sie werden es ahnen: gar keine mehr. Glücklicherweise höre ich noch DLF.

Zeitungen wie taz, Süddeutsche, ZEIT, Spiegel, Brandeins lese ich nur noch sporadisch in Cafés und dann natürlich radikal selektiv. E-Paper hatte ich nur kurz von der FAZ, so richtig anfreunden konnte ich mich mit dem Zeitunglesen am Bildschirm nicht. Leider? Wie informiert man sich „richtig“?

Zudem habe ich immer wieder den Eindruck, nicht ausreichend informiert zu sein, obwohl ein großes Angebot am Kiosk oder auch an den oben genannten Orten zur Verfügung steht. Es ist schon seltsam, „früher“ hatte man als Leser klassischerweise ein bis zwei Zeitungen, schaute Tagesschau um Punkt 20 Uhr und war bestens informiert und konnte ruhig schlafen. Aber zu dieser Nutzungsweise kann ich auch nicht mehr zurückkehren, ich denke ich verpasse etwas.

Haben Sie für dieses Dilemma, dieses Problemfeld noch einen (letzten) Tipp für mich?

Besten Dank.

Meine Antwort heute Morgen:

Danke für Ihre interessante Frage. 

Entscheidend scheint mir, ob Sie oder wir »früher« ausreichend oder richtig informiert waren, oder nur den Eindruck hatten, es zu sein. Im letzteren Fall wäre die Antwort ja einfach: Das moderne Subjekt definiert sich kulturhistorisch geradezu durch einen Mangel an Informiertheit. Es kann stets nur eine beschränkte Anzahl Perspektiven einnehmen – sein Bild der Welt ist notorisch einseitig und unvollständig. 

Der erste Fall ist daher wohl der relevante. Er setzt voraus, dass es einen Medienkanon gibt, der jeweils in einem sozialen Umfeld bestimmt, was richtig Informiertsein bedeutet. »Früher« hieß das wohl, eine überregionale bildungsbürgerliche Zeitung lesen, eine regionale und die Tagesschau schauen. Alle fehlenden Informationen waren entweder dem Boulevard vorbehalten und damit einer ungebildeten Masse, oder erforderten ein spezifisches, meist akademisches Interesse. 

Die Auflösung dieses Kanons durch die Digitalisierung kann man bedauern – ein Zurück gibt es kaum. Nur Strategien für das Jetzt und für die Zukunft. Ich liste einige auf: 

  1. Flanieren. Sich immer wieder Zeit für Medien nehmen, beobachten, sich inspirieren lassen, aber nicht in Gewohnheiten verfallen, sondern beobachtend weitergehen. Mal eine Woche die FAZ lesen, einen Dokumentarfilm anschauen, Longform-Artikel aus dem englischen Sprachraum anklicken – immer wieder was anderes, fast Zufälliges. An nichts festhalten, aber für alles offen sein. 
  2. Ein Netzwerk aufbauen. Weil ausreichend informiert sein letztlich nichts anderes bedeutet, als ausreichend informiert wirken, ist es sinnvoll das zu wissen, was die wichtigen Bezugspersonen wissen. Das Internet erlaubt uns, den Empfehlungen schlauer Menschen mit ähnlichen Interessen zu folgen. Wenn sich das linksliberale Milieu über einen Feuilletonartikel empört, dann erfahren das die meisten gut vernetzten Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer. Wenn es neue bahnbrechende Forschung in der Neurowissenschaft gibt, werden entsprechende Foren und Google-Plus-Gruppen mit Zusammenfassungen und Interpretationen geflutet. Wer richtig vernetzt ist, darf auf die Kraft der Empfehlung vertrauen. 
  3. Eine Nische suchen. Weil wir Informationen und Hintergründe zu Themen, die uns kurzfristig beschäftigen, sehr schnell abrufen können, ist es denkbar, auf eine breite Informationsbasis zu verzichten und sich zu spezialisieren. Die Publikationen lesen, in denen zwei, drei Fachgebiete differenziert behandelt werden. Tagesaktualitäten ignorieren. »News sind irrelevant«, schreibt Rolf Dobelli in einem lesenswerten Artikel

Für mich funktioniert eine Mischung aus a.) -c.) gut. Habe ich den Eindruck, etwas Wichtiges verpasst zu haben, bin ich in einer halben Stunde mit meinem Laptop up-to-date. Das kommt aber weit seltener vor, als der Wunsch, Zeit zu haben, ein längst gelesenes Buch noch einmal zu lesen. 

Das wäre mein Rat zum Schluss: Verwenden Sie die Zeit, die Sie früher für FAZ und Tagesschau aufgewendet haben, um ein Sachbuch oder einen Roman zu lesen. 

Welche Regeln für Snapchat gelten: wie sich Social Media wandeln

In einem MTV-Artikel erklärt Alison Hillhouse  die Faszination an Snapchat. Die Smartphone-App erlaubt es, Bilder und Videos zu verschicken – die im Gegensatz zu WhatsApp-Inhalten bei der Empfängerin nicht gespeichert werden, sondern nur eine kurze Zeit sichtbar sind und dann vom Server und den Geräten verschwinden (es gibt aber Möglichkeiten, die Bilder dennoch dauerhaft zu speichern). Die Bilder werden, wie man unten sieht, häufig bemalt und mit Text versehen. Sie können einfach an ganze Gruppe von Adressaten verschickten werden.

Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.
Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.

Inhalte von Snapchats sind oft Selfies, also Bilder des eigenen Gesichts. Daneben können auch eher zufällige Eindrücke und Objekte fotografiert und verschickt werden.

Hillhouse beschreibt die Neuartigkeit der Kommunikation mit Snapchat wie folgt:

Die App schafft ein neue Art von Nähe und bewahrt dennoch eine gewisse Distanz. Am einfachsten ist es, Snapchat als eine Mischung zwischen alltäglicher Konversation und dem Lesen von Social-Media-Feeds zu beschreiben.

Teenager, so ihre Vermutung, würden sich in einer zunehmend virtuelleren Kommunikationswelt nach dem face-to-face-Kontakt mit anderen sehnen, dabei aber die Möglichkeiten der Distanz, die Social Media ermöglichten, nicht aufgeben wollen. Zudem ist Snapchat äußerst bequem – die App erfordert kaum Aufwand.

Selfie von Radarie.
Selfie von Radarie.

Ihre Analyse ergänzt Hillhouse mit Snapchat-Regeln, welche für die Kommunikation unter Jugendlichen gälten (sie stammen aus einem Forum, bei dem Jugendliche ihren Umgang mit der App beschrieben haben):

  1. Wenn du verliebt bist, schicke zuerst Snaps und schreibe erst später. Snapchat-Nachrichten kann man allen schicken, auch wenn man sie kaum kennt. Am besten ist es, das Eis mit Gruppennachrichten zu brechen, aus denen dann 1:1-Unterhaltungen entstehen können.
  2. Schicke Menschen, die nicht zu deinen engen Freunden gehören, nicht zu viele Selfies.
  3. Selfies sollen wenig inszeniert sein, lustig und seltsam – außer in einer romantischen Beziehung. Dort muss der Look und das Licht stimmen.
  4. Schicke nicht zu viele Snaps. Fünf pro Tag und Person ist eine gute Regel.
  5. Achte darauf, wo du Snapchat-Inhalte betrachtest: Du weißt nie, was ein Video oder ein Bild zeigt.
  6. Öffne Snapchat-Nachrichten nie sofort, vor allem wenn du in eine Person verliebt bist. Bei besten Freunden gilt die Regel nicht.

Diese Regeln sind (unabhängig von ihrem konkreten Inhalt) ein schönes Beispiel dafür, dass die Möglichkeit einer nicht normierten, von Erwachsenen unberührten Kommunikationstechnologie automatisch eine Struktur erhält. Gewisse Verhaltensweisen werden nur solche Normen als erwünscht und erwartbar gekennzeichnet, andere abgewertet.

Snapchat selbst zeigt, wie differenziert Kommunikationsvorgänge in Neuen Medien betrachtet werden müssen. Waren Social Media gestern anonym, textlastig und öffentlich, so sind sie heute an Offline-Identitäten gebunden, visuell und privat.

Quelle
Quelle

Zusatz 2. Februar: Zwei kleine Ergänzungen und Präzisierungen aufgrund der Kommentare.

Bemerkungen zu Copyright und Datenschutz

Die folgenden Anmerkungen greifen zwei Fälle auf, die sich in den Schweizer Medien in der letzten Woche ergeben haben:

  1. Kurt W. Zimmermann schreibt in der Wochenzeitung Weltwoche eine Medienkolumne. Vor zwei Wochen beschrieb Zimmermann da unter dem Titel »Welcome to the Club« (Paywall, Ausriss unten), wie er mittels des Weltwoche Anwalts Martin Wagner dem Chefredaktor der »Schweiz am Sonntag«, Patrik Müller, untersagt habe, seine Kolumne auf Twitter zu verbreiten.
    Seither wird seine Kolumne auf Twitter wöchentlich aufgeschaltet, von einem mittlerweile gelöschten Konto aus (Google-Cache-Link) und einem noch aktiven. Beide Konten werden anonym betrieben. Ob Zimmermann dagegen wie angekündigt juristisch vorgehen kann, darf zumindest bezweifelt werden. zimmermann
  2. Auf dem neuen Medienportal Watson berichtete Maurice Thiriet darüber, dass ein Schweizer Millionenerbe hohe Schulden habe. Dieser behauptete, die verwendeten Informationen – ein Auszug aus dem Betreibungsregister – seien veraltet und daher falsch. Daraufhin publizierte Thiriet den kompletten Auszug, auf dem ein aktuelles Datum zu lesen war.

Beiden Fällen ist gemeinsam, dass Informationen bzw. Daten veröffentlicht werden, welche Betroffene so nicht veröffentlicht haben wollen. Während 1. ein klarer Verstoss gegen das Schweizer Urheberrecht darstellt, der aber kaum geahndet werden kann, ist bei 2. zumindest umstritten, ob Auszüge aus dem Betreibungsregister veröffentlicht werden dürfen. Zugänglich sind sie allen, die ein Interesse an den entsprechenden Informationen belegen können (z.B., weil sie gedenken, mit einer Person einen Vertrag abzuschließen).

Mit den heutigen Möglichkeiten kann jede Information, sei sie durch Datenschutz oder Copyright geschützt, anonym publiziert und legal abgerufen werden (wer die publizierte Kolumne oder den Auszug liest, macht sich in der Schweiz sicher nicht strafbar).

Ich sehe zwei Konsequenzen aus dieser Problemlage:

Erstens müssen staatliche Informationen, Datenbanken und Register der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht werden. Gewisse Auswirkungen von so genanntem »Doxing« – dem bösartigen Veröffentlichen privater Informationen über eine Person oder eine Gruppe – können gelindert werden, wenn diese Informationen öffentlich zugänglich sind. Letztlich heißt das, dass das Betreibungsregister und ähnliche Datenquellen wie das Telefonbuch abrufbar sein müssten. (»Doxing« meint auch, dass anonyme Profile identifiziert werden – das ist hier nicht gemeint.)

Für das Urheberrecht bedeutet diese Einsicht letztlich, dass das Vertrauen in ein Geschäftsmodell, das über die exklusive Bestimmung von Verbreitungskanälen und -weisen funktioniert, zumindest erschüttert ist.

Zu meinen, dem Staat mehr Möglichkeiten zu geben, um solche Vergehen unterbinden zu können, ist zweitens gleichbedeutend mit einem totalitären Staat. Das formuliert Rick Falkvinge heute in einer Kolumne sehr klar:

Any digital, private communications channel can be used for private protected correspondence, or to transfer works that are under copyright monopoly.
In order to prevent copyright monopoly violations from happening in such channels, the only means possible is to wiretap all private digital communications to discover when copyrighted works are being communicated. As a side effect, you would eliminate private communications as a concept. There is no way to sort communications into legal and illegal without breaching the postal secret – the activity of sorting requires observation.
Therefore, as a society, we are at a crossroads where we can make a choice between privacy and the ability to communicate in private, with all the other things that depend on that ability (like whistleblower protections and freedom of the press), or a distribution monopoly for a particular entertainment industry. These two have become mutually exclusive and cannot coexist, which is also why you see the copyright industry lobbying so hard for more surveillance, wiretapping, tracking, and data retention (they understand this perfectly).

Kurz: Als Gesellschaft stehen wir heute vor der Wahl, entweder Konzepte wie das Briefgeheimnis, private Kommunikation, Pressefreiheit und Schutz von Whistleblowern aufzugeben, oder aber die gängige Vorstellung von Copyright. Das Urheberrecht in der heutigen Form kann nur geschützt werden, wenn Kommunikation vollumfänglich überwacht wird.

Die Konsequenzen sind verstörend, das Dilemma aber anders nicht lösbar. Jeder Verstoß gegen das Urheberrecht, jede Veröffentlichung von staatlich geschützten Informationen macht das deutlich. Und jede Forderung nach mehr Überwachung im Netz.

Humanistische Bildung und Social Media: Teil III – Mensch und Maschine

Das ist der dritte Teil eines Essays zur Verbindung des humanistischen Bildungsideals und Social Media.

* * *

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Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz, Ueber den Schachspieler des Herrn von Kempelen, Leipzig und Dresden 1789

Bevor es Schachcomputer gab, waren Menschen von der Idee besessen, dass eine Maschine besser Schach spielen könne als ein Mensch. Etwas mehr als 200 Jahre nachdem der Schachtürke, eine Maschine, die von einem Menschen bedient wurde, zum ersten Mal Schach spielte, schlug der IBM-Computer Deep Blue den Schachweltmeister Garry Kasparov in einem Turnier. Seither haben nicht nur die Computer, sondern vor allem die Algorithmen starke Fortschritte gemacht: Auf jedem Handy lässt sich eine Software installieren, die zu den stärksten Schachspielern der Welt gehören würde, dürfte sie an den Turnieren teilnehmen.

Schach, so könnte man sagen, war lange ein Abgrenzungskriterium zwischen Mensch und Maschine: Maschinen können viel, aber nicht Schach spielen. Und so lange sie das nicht können, braucht der Mensch keine Angst davor zu haben, den Maschinen nicht mehr überlegen zu sein.

Ein etwas feineres Kriterium formulierte der Mathematiker Alan Turing 1950: Der nach ihm benannte Turing-Test besagt, dass Maschinen oder Computer dann als intelligent gelten können, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, in einem Chat mit einem menschlichen und einem maschinellen Partner  zu bestimmen, was von einem Menschen getippt wurde und was von einem Computer.

Gegen diesen Test gibt es eine Reihe von Einwänden – der spannendste stammt wohl von John Searle, der im Chinese-Room-Experiment vorgeschlagen hat, sich einen Raum vorzustellen, in dem ein Mensch sitzt, der kein Chinesisch spricht, aber mit Hilfe eines Buches chinesische Botschaften, die unter der Tür durchgeschoben werden, problemlos beantworten kann. Der Mensch kann deswegen kein Chinesisch – und ein Computer deshalb auch weder eine natürliche Sprache sprechen noch denken.

Die Frage, ob Computer denken können oder gar ein Bewusstsein entwickeln werden, kann nicht so einfach beantwortet werden, wie das Searle vorgibt. Selbstlernende Algorithmen – wie sie z.B. Google einsetzt – erledigen Aufgaben, für die sie nicht spezifisch programmiert worden sind. Gängige Vorstellungen der Funktionsweise von Computern prallen daran ab.

Was hat das mit humanistischer Bildung und Social Media zu tun? Social Media führen dazu, dass menschliche Kommunikation medialisiert abläuft. Zwischen zwei Menschen treten jeweils ein Interface, das sie bedienen müssen, um einander indirekt wahrnehmen zu können. Aufgrund unser Lebens- und Arbeitsverhältnisse nutzen wir solche Kommunikationsformen immer häufiger: Kinder sprechen mit ihren abwesenden Eltern über Skype, Mitarbeitende organisieren sich über Länder und Kontinente hinweg. Das gilt auch für die Bildung.

Während Schulbücher Wissen schon immer medialisiert zugänglich gemacht haben, war der Unterricht meist auf direkten Kontakt hin angelegt. Menschen bilden sich mit anderen Menschen zusammen. Neu treten nicht nur Geräte zwischen die Menschen, sondern es wird zunehmend unsicher, ob am anderen Ende überhaupt noch ein Mensch ist oder ein Computer. So schrecklich die Vorstellung erscheinen mag, dass Algorithmen in die Rolle von Lehrpersonen oder gar Schülerinnen und Schüler schlüpfen: Sie ist nicht in der fernen Zukunft zu suchen. Bereits heute gibt es Computerprogramme, die bestimmte Mathematikaufgaben effizienter vermitteln können als menschliche Coaches. Zudem verwenden wir Menschen auch immer mehr Algorithmen, die unsere Arbeit vereinfachen.

Wenn nun der Humanist Humboldt fordert, Bildung habe den Zweck, dass der Mensch mit seiner »Einzigartigkeit die Menschheit bereichere«, dann wird das immer mehr fraglich. Menschliche Äußerungen dienen im Internet riesigen Algorithmen dazu, Wissen effizienter verarbeiten zu können. Die entscheidende Frage wird in der Zukunft sein, ob Menschen Maschinen nutzen oder Maschinen Menschen. Die besten Schachpartien spielen heute Spielerinnen und Spieler, die darin geübt sind, mit einem Computer zu interagieren. Sie teilen sich die schwierige Aufgabe des Spiels mit einem Automaten – es lässt sich nicht mehr genau bestimmen, wer wichtiger ist.

In seinem Buch Gadget macht Jaron Lanier eine feinsinnige Anmerkung zum Turing-Test. Er messe zwei Dinge gleichzeitig: Das Verhalten der Chatpartner – aber auch die Anforderung, welche die Versuchsperson an menschliches Verhalten stellt. Diese Anforderungen würden zunehmend sinken, befürchtet Lanier. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

Social Media könnte also dazu führen, dass wir mit Menschen ähnlich kommunizieren wie mit Computern. Unser Verhältnis zu Maschinen wird die große Herausforderung der nächsten zehn bis 50 Jahre sein. Hierfür ist das humanistische Bildungsideal ein wichtiger Orientierungspunkt, gerade auch für die vielen ethischen Fragen, die der Umgang mit immer autonomeren Maschinen mit sich bringen wird (wer ist für ihr Handeln verantwortlich, wie dürfen wir sie behandeln?).

Humanistische Bildung II: Javascript als neues Latein?

Das ist der zweite Teil eines Essays über den Wert des humanistischen Bildungsideals in Zeiten von Social Media.

* * *

Latein und Griechisch nehmen innerhalb des humanistischen Bildungsprogramms aus zwei Gründen eine herausragende Position ein:

  1. Sie sind Symbole für Bildungsinhalte, die nicht an Nützlichkeit orientiert sind und so eine tiefere, allgemeinere und daher dauerhaftere Bildung ermöglichen sollen.
  2. Sie führen eine exemplarische Form des Menschseins und der menschlichen Gesellschaft vor Augen.

Die beiden Gründe sind gekoppelt – 1. alleine könnte so verstanden werden, dass es komplett irrelevant ist, welche Inhalte Bildungsprozessen zugrunde liegen, sofern sie eine intensive Auseinandersetzung ermöglichen und die verschiedenen Kräfte des Menschen gleichmäßig beanspruchen und herausfordern. 2. betont den Wert der antiken Kultur besonders, allerdings nur, wenn man wie Humboldt davon ausgeht, dass »die Griechen für alle Menschen geltender Maßstab« sind, »eine Erscheinung, von der er den Maßstab zur Bestimmung der Moralität und der Idealität eines Menschen und eines Volkes nimmt«. (Clemens Menze)

Das Argument 1. wird in der aktuellen Diskussion über den Wert des Lateinunterrichts gleichzeitig genutzt und unterwandert, wenn die Nützlichkeit des Erlernens einer alten Sprache in den Vordergrund rückt. Wie bereits früher festgehalten – werden hauptsächlich sechs Argumente genutzt, um sich für eine starke Verankerung von Latein im Bildungsangebot einzusetzen:

  1. Wer Latein lernt, kann andere Sprachen leichter lernen.
  2. Wer Latein lernt, beherrscht und versteht die eigene Sprache besser.
  3. Latein hilft, methodisches Denken und Problemlösekompetenz zu schulen.
  4. Latein ermöglich interkulturelles Lernen.
  5. Latein ist Förderung von begabten Schülerinnen und Schülern.
  6. Latein wirkt identitätsstiftend.

Javascript – oder eine andere geeignete Programmiersprache – könnte Latein mit ganz ähnlichen Argumenten ablösen: Eine Programmiersprache mag zwar nur beschränkte Einsichten in die syntaktischen Zusammenhänge einer Sprache anbieten, ist aber der Schlüssel zu einem algorithmischen Denken, das im MINT-Bereich viele Türen öffnet. Wie Latein einen Zugang zu den Quellen moderner Sprachen bereit hält, ist eine Programmiersprache der Schlüssel zum Verständnis all der Oberflächen, die wir täglich bedienen.

Nur der kulturelle-anthropologische Zugang rückt etwas aus dem Fokus: Eine Sprache zu lernen, welche für die Interaktion mit Maschinen konzipiert wurde, ist kein Weg zu einer Auseinandersetzung mit fremden Kulturen oder idealen Lebensweisen von Menschen. In diesem Argument liegt für mich der Schlüssel: Wenn nicht mehr die Interaktion mit Menschen im Fokus der Bildung steht, sondern die mit Maschinen oder abstrakten Algorithmen, dann stellt sich die Frage nach der Bedeutung dieser Automaten.

Das soziale Internet

In einem Beitrag für Public Culture analysiert Zeynep Tufekci die medial laufend wiederholten Beteuerungen, das digitale Kommunikation mache Menschen einsamer. Im folgenden fasse ich die wichtigsten Aussagen ihres Beitrag The Social Internet: Frustrating, Enrichting, but Not Lonely zusammen.  Der Artikel kann online nicht frei gelesen werden, eine Privatkopie verschicke ich gerne per Email.

1998 prangte die Schlagzeile »Sad, Lonely World Discovered in Cyberspace« auf der Titelseite der New York Times, den entsprechenden Artikel schrieb Amy Harmon basierend auf wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Tatsache, dass weitere Studien zeigten, dass sich die negativen Effekte mit der Zeit auflösten, wenn es sie überhaupt je gab, wurde medial wenig beachtet. Das Thema blieb ein Dauerbrenner, obwohl es keine Belege dafür gibt, dass Internetkommunikation entweder die ganze Gesellschaft oder einzelne Menschen einsamer gemacht hat.

Tufekci weist nach, dass die Vorstellung der Bedrohung sozialer Verbindungen durch das Web auf eine Zeit zurückgeht, in der eine ganz andere Vorstellung vom Cyberspace vorherrschend war. Der Zugang zum Internet war privilegierten Akademikern (und wenigen Frauen) vorbehalten, die mit den Möglichkeiten anonymer Profile und dem kreativen Gestalten von Identitäten experimentierten. Einsamkeit war völlig akzeptiert, auch weil on- und offline Identitäten kaum verbunden waren miteinander. Der klassische New-Yorker-Cartoon vom Hund, der erzählt, im Internet wisse niemand, dass er ein Hund sei, ist für Tufekci das Sinnbild dieser Phase des Cyberspace: Ein Raum, der von den Einschränkungen des Körpers, des Geschlechts, der Rasse und der Nationalität befreite.

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Danach aber explodierte die Teilnahme an der Netzkommunikation: Im Web bildete sich die Gesellschaft ab und damit waren Menschen, Körper, Unternehmen und Regierungen auch präsent – wenn sie denn jemals wirklich abwesend waren. In der sozialen Phase des Netzes wurde Interaktion mit Menschen, von denen viele auch offline Bekannte waren, die wichtigste Nutzungsart für viele Menschen. Damit verbunden war eine Deanonymisierungsbewegung.

Eine der wichtigsten Thesen des Textes lautet, dass Technologie nicht den Menschen verändert, sondern bestimmte Verhaltensweisen mit veränderten Konsequenzen verbindet. Der Fachbegriff dafür lautet affordance, ein Begriff, der sich kaum übersetzen lässt, aber besagt, dass Technologie gewisse Anreize für bestimmte Verhaltensweisen schafft, weil sie einfacher oder attraktiver werden, oder eben mit negativen Konsequenzen versehen sind. Social Media verändert so nicht unbedingt das, was Menschen tun, sondern welche Auswirkungen soziale Interaktionen haben.

Ein Beispiel dafür ist, dass der Cyberspace heute Identität eher normiert und transparent macht. Nicht nur das: Verschiedene soziale Rollen, die wir in unterschiedlichen Kontexten einnehmen, werden für das jeweils »falsche« Publikum sichtbar und erschweren es, sich so zu präsentieren, wie man das gerne möchte – eine Einsicht, die Kathrin Passig in ihrem hervorragenden Text über »Die Konsensillusion« ausformuliert hat. Heute, so Tufekci, weiß jeder im Internet, wer ein Hund ist.

Social Media ist mit hohem sozialen Druck verbunden, der aber deshalb in Kauf genommen wird, weil der Verzicht auf digitale Kommunikation einen noch höheren Preis hat. »Auf Social Media zu verzichten ist gleichbedeutend mit der Isolation in wichtigen Bereichen des Soziallebens«, schreibt die Forscherin in Bezeug auf ihre Untersuchungen an amerikanischen Colleges.

Eine »soziale Atomisierung« werde seit längerem beobachtet – Tufekci verweist auf Putnams Bowling AloneForschungsergebnisse legen nahe, dass die relevanten Ursachen Fernsehen, Pendeln, Arbeitszeiten, Doppelverdienerfamilien sowie die zunehmende Isolation Jugendlicher seien – das Internet die Effekte bei seinen Nutzerinnen und Nutzern aber abschwäche und keinesfalls verstärke.

Das Internet macht uns nicht einsamer, sondern hat verschiedene systemische Effekte auf die Größe, Zusammensetzung und Struktur unserer sozialen Netzwerke. Das ist ein Grund, weshalb die neue Technologie so viel Unwohlsein verursacht.

Tufekci sieht vier Hauptaspekte:

  1. Das Internet betont erworbene soziale Netzwerke und schwächt zugeschriebene; es gewichtet also Zuneigung und Interessen stärker als Familie und Nachbarschaft. Deshalb sei es auch falsch zu sagen, Social Media helfe nur bei der Aufrechterhaltung von so genannten weak ties, also schwachen Beziehungen zwischen Bekannten.
  2. Das Internet verändert Interaktionsmuster. Wer miteinander kommuniziert, kommt sich näher. Verlagern sich Gespräche ins Netz, verlieren gewisse Menschen den Bezug zueinander und neue finden sich.
  3. Nicht alle Menschen sind in der Lage, medialisierte Kommunikation als echte Begegnung wahrzunehmen. Freundschaften auf Texten zu basieren ist eine komplexe Fähigkeit, die einige Menschen erlernen können und mit denselben Gefühlen verbinden, wie wenn sie face-to-face mit anderen sprechen. Tufekci unterscheidet »cybersoziale« von »cyberasozialen« Menschen: Bei ersteren ist die textbasierte Kommunikation auf einem ganz tiefen emotionalen Level verankert, bei letzteren nicht.
  4. Nicht-medialisierte Kommunikation ist ein Privileg. Sherry Turkle, eine Verfechterin der Einsamkeitsthese, beschreibt in einem Text, wie sie ihren Sommer ohne Smartphone in Cape Cod verbringe – und zeigt damit, wie privilegiert man sein muss, um sich das leisten zu können. Viele Arbeitnehmenden oder Eltern können es sich nicht leisten, in ihrer Freizeit oder ihrer Zeit mit der Familie auf digitale Kommunikation zu verzichten – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie sonst die verschiedenen an sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen können. Die Kritik müsste sich also nicht auf die Verwendung von Technologie richten, sondern auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Menschen nicht erlauben, die Zeit so zu nutzen, wie sie das gerne tun würden.
Cape Cod.
Cape Cod.

Tufekcis Fazit:

Kommunikationstechnologie wirkt weder entmenschlichend noch isolieren, wenn sie für soziale Verbindungen verwendet werden. […] Das Internet ist nicht eine Welt voller körperloser und oberflächlicher Beziehungen, es ist eine Technologie die soziale Verbindungen zwischen echten Menschen medialisiert und strukturiert.

»Wir haben uns geirrt«, meint Sascha Lobo.

Ich spüre eine Kränkung. Sie hängt mit meinem Irrtum zusammen, der Spähskandal zwang mich zu erkennen: Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe. Nicht das, wofür ich es halten wollte.

Mit diesen Worten leitet Sascha Lobo seinen Feuilleton-Text in der FAZ am Sonntag ein, der gestern erschienen ist. Der Internetexperte streut Asche auf sein Haupt. Einzugestehen, man habe sich geirrt – größere rhetorische Gestern sind kaum zu finden. Lobo überbietet sie aber noch, indem er sich in eine Reihe mit Kopernikus, Darwin und Freud stellt: Sie alle haben mit nüchternem Verstand erklären können, warum die Welt nicht so ist, wie der Mensch sich wünscht, sie wäre. Nach der Aufklärung über das Universum, die biologische Abstammung und unsere Psyche geht es nun um das »Internet«. Lobo: »Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.«

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Was meint Lobo mit dem, was er »Internet« nennt? Meint er eine Infrastruktur? Meint er eine Art zu kommunizieren? Meint er Computer, mit denen Menschen sich vernetzen?

Nehmen wir zu David Weinberges Verständnis von Web aus seinem Vorwort zu Small Pieces Loosley Joined, das Martin Lindner verdankenswerterweise übersetzt hat:

Jede unserer sozialen Handlungen passt sich unterschwellig den geographischen und materiellen Fakten der wirklichen Welt an. Aber das Web ist eben eine unnatürliche Welt. Eine Welt, die wir für uns selbst gebaut haben. Die Gegebenheiten der Natur sind hier ausgeklammert. Deshalb können wir gerade erst im Spiegel des Web erkennen, wie viel von unserem sozialen Wesen gar nicht von der Natur der wirklichen Welt abhängt, sondern nur von uns selbst. Das Web konfrontiert uns einem unhintergehbarem Fakt anderer Art: Wir sind Kreaturen, die sich um sich selbst sorgen, und um die Welt, die wir mit den anderen teilen. Wir leben in einem größeren, bedeutungsvollen Kontext, und unsere Welt ist viel reicher an solchen Bedeutungen, als wir uns vorstellen können.

Damit ist nur gesagt, dass das Web einen Raum für uns bereit hält, in dem wir sozial handeln können, ohne die Bedingungen natürlicher Voraussetzungen akzeptieren zu müssen. Muss dieses Verständnis um die Angabe ergänzt werden, dass es sich dabei auch um »ein perfektes Instrument« handelt, »um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen« und uns so zu überwachen? Überwachen, abrufen von privaten Informationen, Ausüben von Macht und Kontrolle – das sind doch alles soziale Handlungen, die Menschen auch oder gerade in den Welten vornehmen, die sie konstruieren können.

Edward Snowden, Held des Internets, bringt die Botschaft, dass mit dem geliebten Internet die gesamte Welt überwacht wird.

Zu denken, ein »Held des Internets« würde die Botschaft bringen, dass »der Streit ums Urheberrecht im Internet  2013 zur allerseitigen Zufriedenheit aufgelöst« werden wird – was Lobo offenbar wirklich gedacht hat – wäre doch eher naiv. Menschen brauchen Technologie und sie missbrauchen sie.

Die »Netzgemeinde«, deren Kränkung Lobo vordringlich zu beschreiben sucht, weiß das. Wer reflektiert mitdiskutiert, weiß, dass nur eine schmale Elite von den Vorzügen des Webs profitiert hat, dass die Nachteile die Vorteile des Wandels schnell einholen und dass die Propheten des Netz stets ein Potential beschrieben haben, das die mediale und technische Realität selten gedeckt hat.

Es gibt drei Möglichkeiten:

  1. Lobo gibt das genaue Denken und Formulieren zugunsten der Inszenierung auf.
  2. Er biedert sich beim Feuilleton-Publikum mit einem Text an, der ganz nach seinem Geschmack sein dürfte.
  3. Er will mal sehen, ob die Netzgemeinde sämtliche Reflexe bedient, mit denen er rechnet – und trollt sie, und damit auch mich.

Wie dem auch sei – zum Schluss Hans Blumenberg über die drei Kränkungen Freuds (und auch die Lobos) in Drei Grad über dem Nichts. Zur Symbolik theoretischer Kränkungen und Tröstungen: 

Der Mensch ist ein trostbedürftiges Wesen. Unter den Titel des Trostes fallen viel mehr und größere Anstrengungen als jemals damit belegt worden sind. Mit Recht sind Trostbedürftigkeit und Trostfähigkeit unter den Schutz einer gewissen Verschämtheit gestellt, wie die Armut oder die Dummheit. Freud hat von den Kränkungen gesprochen, die dem Menschen angetan worden sind: durch Kopernikus, durch Darwin und durch ihn selbst. Vielleicht ist der Ausdruck »Kränkung« schon eine Ausflucht; tatsächlich sind neue Trostbedürftigkeiten entstanden.

Kleines Lehrstück über Technologiekritik und Zitate im Netz

Auf Twitter machte diese Woche das folgende Zitat die Runde:

From a principal’s publication in 1815: „Students today depend on paper too much. They don’t know how to write on a slate without getting chalk dust all over themselves. They can’t clean a slate properly. What will they do when they run out of paper?“

Es passt schön in eine Reihe von technologie- und medienkritischen Zitaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, welche die These bestätigen, dass Menschen sich schon immer gegen einen eigentlich harmlosen Wandel gesträubt haben.

Um zwei Beispiele zu nennen:

In Parerga und Paralipomena II kritisiert der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Lesen als einen geisteslähmenden Prozess:

Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen.

Für xkcd hat Randall Munroe eine Liste mit Zitaten über die verheerende Wirkung der Beschleunigung der Kommunikation zusammengestellt (hier nur ein Auszug):

Ohne Titel 2Das erste Zitat über die Papierabhängigkeit würde gut in diese Reihe passen, nur ist es nicht echt. Wie Quoteinvestigator rausgefunden hat, stammt es aus einem Artikel mit dem Titel »Probable Quotes From History« aus The MATYC Journal, 12/3, 1978 und zeigt in einer Liste von Zitaten, die alle mit »Student’s today…« beginnen, erfundene Zitate, wie Menschen hätten auch den technischen Wandel reagieren können.

Wir lernen: Genau so wie es einen Diskurs gibt, der über Jahrhunderte jedem medialen Wandel mit ähnlichen Argumenten begegnet, gibt es einen Diskurs, welche jede Kritik an solchen Veränderungen mit historischen Zitaten abbürstet. Genau so wie Neuerungen an sich nichts Gefährliches sind, ist wiederholte Kritik an sich nicht ohne Gehalt.

(Zudem lernen wir, dass Zitate im Netz auch dann verbreitet werden, wenn sie von niemandem verifiziert werden können. Aber das wusste auch Abraham Lincoln schon.)

Internet-Quotes

 

Humanistische Bildung und Social Media

Ich wurde gebeten, einen Artikel zu meiner Perspektive auf das »humanistische Bildungsideal« zu schreiben. Mit »meiner Perspektive« ist die des Lernens in und mit digitalen Medien gemeint, mit dem »humanistischen Bildungsideal« die Frage, ob es sich dabei um ein »Auslaufmodell oder wieder zu entdeckendes Orientierungssystem« handle.

Daraus entstand ein Essay, den man hier als pdf-Dokument runterladen kann.

Hier auf dem Blog habe ich die Frage wie meistens schrittweise abgehandelt und mit Gedankengängen verbunden, die ich früher schon diskutiert habe. Es gibt drei Teile:

  1. Das humanistische Bildungsideal
  2. Javascript und Latein
  3. Mensch und Maschine

* * *

Hier also der erste Abschnitt zu meinem Verständnis des humanistischen Bildungsideals.

Im dritten Kapitel seiner »Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen« von 1792 formuliert Wilhelm von Humboldt einen politischen Gedanken, der als Grundbaustein zu einem Bildungsideal gelesen werden kann:

Was nun der Mensch von außen empfängt, ist nur Samenkorn. Seine energische Tätigkeit muß es, seis auch das schönste, erst auch zum segenvollsten für ihn machen. […] Das höchste Ideal des Zusammenexistierens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige, in dem jedes nur aus sich selbst und um seiner selbst willen sich entwickelte.

Bildung ist – ganz knapp – die Entwicklung eines Individuums in Abgrenzung von Einflüssen von außen und Abgrenzung von fremden Zwecken. Objekte lassen sich von außen manipulieren, Instrumente dienen einem ganz bestimmten Zweck: Der gebildete Mensch ist weder Objekt noch Instrument, sondern setzt sich in ein Verhältnis zu den auf ihn wirkenden Einflüssen und zu den anzustrebenden Zwecken.

Bildung ist die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschränkung harmonisch – proportionierlich entfalten und zu einer sich selbstbestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.

Hier werden genauere Kriterien für die Entwicklung des Menschen im Bildungsprozess angegeben: Sie beinhaltet alle seine Fähigkeiten, die zudem im korrekten Verhältnis zueinander stehen sollen. Ihre Ausprägung erhalten sie, wenn Menschen in vielfältiger Weise mit der Welt interagieren und dabei selbstbestimmt zu einem Individuum werden.

Die humanistische Bildung organisiert diese breit angelegte Interaktion mit der Welt, indem sie Angebote bereit hält, mit denen sie – wiederum selbstbestimmt – stattfinden kann. Social Media fügt sich nun als ein Angebot ein: Wie das Lesen von Büchern, wie ein Gespräch oder wie ein Experiment in der Natur ermöglichen soziale Netzwerke eine Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Ideen, die Wahrnehmung von Darstellungen anderer Menschen und solchen der Natur, der Interaktion in Themenfeldern, welche menschlichen Interessen und Entwicklungsbedürfnissen entsprechen.

Social Media sind eine Ergänzung, Erweiterung der Bildungslandschaft, nicht ein Ersatz für etablierte Verfahrensweisen. In dieser Perspektive ist ganz klar, dass sie in Programm des humanistischen Bildungsideals gehören.

Listicles im Deutschunterricht

Seit letzte Woche mit blickamabend.ch der erste deutschsprachige Buzzfeed-Klon gestartet ist, verbreitet sich eine neue Textsorte: So genannte Listicles. Der Zusammenzug aus »List« und »Article« führt zu einer nummerierten Liste, in der ein Thema mit einer Kombination von Schlagzeilen, Bildern und Kommentaren dazu. Ich habe dazu selbst ein Beispiel gebastelt: Ein Kafka-Listicle.

Die Frage, wie leistungsfähig das Format ist, will ich hier nicht ausführlich abhandeln. Es entstammt aus einem Infotainment-Ansatz, der Informationen unterhaltsam verpackt. Viele Listicle-Geschichten sind rein unterhaltsam, einige haben durchaus einen Informationsgehalt, den man ernst nehmen kann. Hier ein Beispiel:

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Eine Klasse habe ich beauftragt, Listicles zu schreiben. Folgende Schritte ermöglichen einen einfachen Zugang:

  1. Lektüre von Listicles.
  2. Beschreibung der wesentlichen Merkmale (nummerierte Liste – Zusatztipp von Simon Haering: die Anzahl sollte ungerade sein, um zu zeigen, dass sie nicht fertig ist -, Text-Bild-Kombination, Quellenangaben, auch bewegte Bilder, häufig .gifs).
  3. Vereinbarung des Themas und es Umfangs zu schreibender Listicles.
  4. Tools für Listicles: Tackk ermöglicht es, enorm einfach eine kleine Webseite zu schrieben, auf der ein Listicle Platz hat.
  5. Für gifs empfiehlt sich makeagif, dort können Bilder und Videos problemlos verarbeitet werden.

Ist es nun sinngemäß, jede Modeerscheinung in den Unterricht einfließen zu lassen? Rainer Stadler, Medienjournalist bei der NZZ, findet nicht:

Tatsächlich: Schülerinnen und Schüler lernen nicht besser zu schreiben, weil sie das digital tun. Elementare Kompetenzen können mit vielen verschiedenen Textsorten gelernt werden. Und der motivierende Effekt der digitalen Lerntätigkeit wird häufig genug durch die Frustrationen im Umgang mit Technik kompensiert.

Warum also Listicles im Unterricht? Die Kombination von Analyse und eigenem Produzieren führt einerseits zu einer Erkenntnis darüber, wie Medienprodukte, die wir täglich konsumieren, entstehen. Ob nun Balladen gedichtet oder Listicles geschrieben werden: Ein Verständnis, dass Textsorten Regeln vorgeben, mit denen ein kreativer Umgang möglich ist, ist für mich entscheidend. Andererseits ist die Kombination von Text und Bild bzw. bewegtem Bild eine Fähigkeit, die immer stärker gefragt wird und in der formale und inhaltliche Aspekte einander herausfordern.