Warum ich meine Trolle füttere

Seit meine Online-Präsenz eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zieht, ruft sie Trolle auf den Plan. Ich habe aufgehört, sie Trolle zu nennen – weil der Begriff als Beleidigung oder Abwertung wahrgenommen wird. Das kann ich gut nachvollziehen. Hinter den Trollen im Netz stecken Menschen, die bestimmte Anliegen vertreten. Kürzlich hat die FAZ mit dem Titel »Ich bin der Troll« über Uwe Ostertag berichtet – einen Menschen, der viel Zeit damit verbringt, Kommentare auf Newsportale zu hinterlassen. Seine Reaktion darauf zeigt deutlich, dass er sich selbst gerade nicht als Troll bezeichnen würde, aber nicht zögert, den Artikelautor, Timo Steppat, einen Troll zu nennen.

Ich möchte den Begriff kurz kommentieren, bevor ich auf mein Verhältnis zu meinen Trollen eingehe. Trollen bedeutet generell, Kommunikationsabläufe zu stören und Menschen daran zu hindern, so mit anderen im Gespräch zu bleiben, wie sie das gerne möchten.

In einem Aufsatz über Trolle in der Schule (pdf) habe ich vier Ebenen unterschieden, die nötig sind, um trolliges Verhalten zu beschreiben:

  1. Eine Kommunikationssituation, deren implizite und explizite Regeln Trolle ausnutzen können.
  2. Eine Absicht des Trolls, die nicht zu den Regeln passt und verschleiert wird. Der Troll tut, als würde er sich an die Kommunikationssituation anpassen, um sich gegen Kritik zu immunisieren.
  3. Ein Gegenüber, das auf die Trollaktionen reagiert. Man könnte es auch das Opfer des Trolls nennen.
  4. Anschlusshandlungen: Der Troll muss eine Art Profit aus seiner Trollerei ziehen können, indem er andere darauf aufmerksam macht. Aber auch Betroffene reagieren oft auf das Getrollt werden, was dann wiederum Anlass für weitere Trollkommunikation bietet.

Die klassischen Trolle bei 4chan gaben als ihre Absicht an, lulz erzeugen zu wollen – ein schadenfreudiges digitales Lachen. Diese Absicht scheint mir aber für Trollverhalten nicht nötig zu sein: Wie Kathy Sierra, selbst Opfer massivster Troll-Übergriffe, in einem lesenswerten Blogpost schreibt, gibt es durchaus Trolle, die hehre Absichten verfolgen.

Sierra entwickelt eine Theorie, was das Trollen auslöst: Der Kool-Aid-Point. Er wird dann erreicht, wenn eine Person oder eine Marke eine Wirkung auf ein Publikum entfalten kann (US-engl. to drink the Kool-Aid = an etwas glauben, ohne es kritisch zu hinterfragen). Trolle wollen diese Wirkung verhindern, weil sie der Meinung sind, die Aufmerksamkeit sei nicht verdient, sie werde von denen abgezogen oder gar gestohlen, denen sie zukommen sollte.

kool10

Ist der Kool-Aid-Punkt überschritten, gibt es drei verbreitete Möglichkeiten, auf die Trolle zu reagieren, hält Sierra fest:

  1. Auf Netzkommunikation verzichten.
  2. Sie ignorieren.
  3. Gegen die Trolle ankämpfen.

Die Trolle nicht zu füttern (2.), scheint die einzige Möglichkeit zu sein, die das Problem löst. Letztlich führt sie aber genau dazu, dass die Trolle zu schädlicheren Methoden greifen, um zu verhindern, dass andere die Kool-Aid trinken können. Fazit:

That’s right, in the world we’ve created, once you’ve become a Koolaid-point target they always win. Your life will never be the same, and the harassers will drain your scarce cognitive resources.

* * *

Im Vergleich zu Sierra, die zusammen mit ihren Angehörigen massiven Übergriffen und Unterstellungen ausgesetzt war und ist, verdienen die Probleme, die meine Trolle verursachen, keine Beachtung. Aufgrund meiner Zugehörigkeit zur Gruppe der »Default Men« bin ich massiv privilegiert: Ich werde unterstützt, meine Arbeit wird geschätzt und mein Charakter kaum infrage gestellt. Ich könnte es mir erlauben, meine Trolle zu ignorieren. Dennoch tue ich das nicht und werde immer wieder gefragt, warum ich den Dialog mit ihnen aushalte und dafür Zeit und Energie verschwende. Darauf möchte ich im Folgenden kurz antworten.

(Zunächst aber noch eine Bemerkung zum Plural: Meine Aktivitäten haben immer wieder andere Trolle angezogen. Einige ermüden, anderen bleiben länger dabei. Mehr als drei haben mich nie gleichzeitig beschäftigt.)

  1. Trolle fordern einen Widerspruch zu eigenen Prinzipien heraus: Sie wollen einen an einen Punkt bringen, an dem man etwas tut, was man nie tun wollte – um das dann wiederum gegen einen zu verwenden. Ich halte den offenen Dialog für etwas Wichtiges, ja Entscheidendes: Wenn ich ihn Menschen verweigere, weil ich sie für Trolle halte, hätte ich genau diesen Punkt erreicht.
  2. Trolle weisen einen auf Schwächen hin: Auf eigene und auf solche der Systeme, in denen man sich bewegt. Sie machen Erwartungen und Regeln sichtbar, sie sind quasi das Äußere der Kommunikationssituationen, in denen man sich häufig befindet.
  3. Ich habe zwar gelernt Spiele zu verlieren – das konnte ich lange Zeit nicht, aber ich kann Spielherausforderungen kaum ablehnen. Die gehen von Trollen aus. Ich bin wohl psychologisch anfällig darauf, mich auf ihre Aktionen einzulassen.
  4. Sierra nennt die Trolle, die ihr Leben zur Hölle gemacht haben, Sociopaths, pathologisiert sie also, indem sie ihnen eine Persönlichkeitsstörung zuweist. Das mag für die Trolle, mit denen sie zu tun gehabt hat, durchaus zutreffen – in meinem Fall weigere ich mich aber, den Menschen, die als Trolle agieren, die Fähigkeit abzusprechen, ihr Verhalten zu hinterfragen und zu ändern. Deshalb möchte ich sie als Gesprächspartner behandeln, nicht als Kranke.

Die entscheidende Fähigkeit von geschulten Trollen ist es, zunächst Unbeteiligte zu verführen, ihren Aussagen zu glauben und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Bösartige Trolle beabsichtigen – und anderen – oft auch Cybermobbing. Gelingt ihnen das, dann sind sie ein ernsthaftes Problem, das Gesellschaften lösen müssen. Wenn Menschen vertrieben, bedroht und geschädigt werden, ist »trolling« dafür ein zu nettes Wort – zumal es keine Möglichkeit gibt, die Polizei oder andere staatliche Akteure einzuschalten. »We are on our own«, schreibt Sierra. Solidarität ist das einzige, was bleibt. Diese brauche ich nicht. Ich könnte tun, als gäbe es meine Trolle nicht. Das ist ein enormes Privileg.

* * *

Wir sollten von Trollen sprechen, aber in einem genauen Sinn. Einander das Wort als Beleidigung um die Ohren zu hauen, bringt wenig. Aber zu beschreiben, welche Methoden genutzt werden, um das Ansehen von missliebigen Personen zu beschmutzen, ist gerade deshalb wichtig, weil diese von Trollen ausgegrenzten unsere Solidarität nötig haben und wir alle versucht sind, den Verführungen der Trolle nachzugeben.

Am digitalen Dualismus gescheitert – eine Werbekampagne der Post

»Was schreibst du lieber in einem Brief?«, fragt die Schweizer Post die Bevölkerung in einer großen Werbekampagne. Auf der Seite leben-offline.ch doppelt sie nach:

Es ist schöner, einen liebevollen, emotionalen Brief zu erhalten als eine SMS oder eine E-Mail. Und es macht auch mehr Freude, einen solchen zu verschicken. Schreib uns, was du lieber in einem Brief sagst.
Übrigens: Deine Botschaft kannst du auch teilen – über Facebook, Twitter oder E-Mail.

Bildschirmfoto 2014-10-05 um 11.40.19

Es ist unklar, wie sich das Scheitern dieser Kampagne am deutlichsten manifestiert:

  1. Sind es die Computer-Schriftarten, mit denen eine Handschrift simuliert werden soll – weil offenbar selbst die Post, wenn es wichtig ist, eben nicht offline, sondern online schreibt?
  2. Ist es die Tatsache, dass die Offline-Kampagne über eine Homepage mit der Adresse leben-offline.ch läuft – das Offline-Leben also nur online vermittelt werden kann?
  3. Ist es der Aufruf an das Publikum, der Post zu »schreiben« und die Botschaft zu »teilen« – und damit rein digitale Tätigkeiten zu meinen?
  4. Oder ist es die Tatsache, dass einfach niemand mitmacht, und die ganze Galerie auf der Seite mit Beispielen der Werbeagentur selbst gefüllt ist, alle Beispiele mit Computer Fonts in dasselbe Arrangement auf einem Tisch abfüllt werden? (Und wer würde in einem Brief ernsthaft schreiben, dass »keine E-Mail der Welt eine solche Tiefe« zeigt?) [Korrektur am 6. Oktober 2014]. Bildschirmfoto 2014-10-05 um 11.39.41

Kurz: Die Post ist am digitalen Dualismus gescheitert: Sie nahm an, Online- und Offline-Kommunikation gegeneinander ausspielen zu können – und brachte nicht einmal die Werbeagentur Koch Kommunikation dazu, offline einen Brief zu schreiben.

Das Leben ist weder offline noch online, weil wir als Menschen einen Körper haben, der offline ist, und ein Hirn, das online ist. Dass ein analoger Brief heute einen Distinktionsgewinn aufweist, weil er auf das verzichtet, was digitale Kommunikation effizient macht, ist völlig klar. Das ist auch der schlaue Ansatz der Kampagne. Aber leben tun wir deswegen nicht offline. Nie mehr.

Sicherheit im Netz – Gedanken zur Arbeit mit Jugendlichen

Diese Woche habe ich mit mehreren Klassen (9./10. Schuljahr) einen »Internet Safety«-Workshop durchgeführt (Slides gibt es hier). Statt mich vorzustellen, habe ich damit begonnen, die Schülerinnen und Schüler herausfinden zu lassen, welche Informationen sie über mich im Netz finden. Dazu habe ich Ihnen ein Selfie gezeigt (damit wussten sie, dass ich ein Instagram-Profil habe) und eine Liste mit möglichen Informationen an die Wandtafel geschrieben: Alter, Adresse, Arbeitgeber, Einkommen, Handynummer, Email-Adresse, Hobbies, politische Haltung… 

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.07.12Nachdem sie jeweils vieles davon ermitteln konnte (häufigste Klage war, dass man im Nachteil sein, wenn man keinen FB-Account habe, was in dieser Altersstufe bei rund der Hälfte der Jugendlichen der Fall ist), haben wir diskutiert, warum es für mich gefährlich sein könnte, dass diese Informationen im Netz stehen. Folgende Gefahren sahen alle Klassen (auch meist in dieser Reihenfolge):

  1. Stalking
  2. Verbreiten von falschen oder schädlichen Informationen über mich
  3. Verkauf oder Missbrauch meiner Daten
  4. Hacken meiner digitalen Konten
  5. personalisierte Werbung.

Mit der Übung versuchte ich sie darauf hinzuweisen, dass ich – aus beruflichen und psychologischen Gründen – bereit bin, einen Teil meiner Sicherheit preiszugeben. Während Stalking für Jugendliche durchaus eine reale Gefahr darstellen kann, bin ich kaum gefährdet. Sicherheit und Verzicht darauf bedeuten nicht für alle Menschen dasselbe.

Diese Einsicht habe ich mit ein paar Sicherheitsfragen vertieft: Dabei mussten sich die Schülerinnen und Schüler in fiktiven Situationen zwischen einer sicheren und einer unsicheren Variante entscheiden: Fahrradhelm oder schöne Frisur; im Urlaub mit einem unbekannten Date an den dunklen Strand oder mit den Eltern essen gehen; mit Freundinnen ein Unternehmen gründen oder den langweiligen Bürojob absitzen?

Die Erkenntnis: Der Verzicht auf Sicherheit hat einen Wert – »Spass« nannten die Jugendlichen ihn meist zuerst, dann aber auch Erfahrungen, Kick, Freiheit.

Sicherheit im Netz ist deshalb ein wichtiges Thema, weil es zeigt, dass wir als Individuen, als Gruppen und als Gesellschaft mitentscheiden können, wo auf der Skala zwischen zwei Alpträumen (totaler Sicherheit und totaler Unsicherheit) wir leben möchten. Auch wenn es darum geht, die Schwächsten im Netz sicherer zu machen, schränken die Maßnahmen sie selbst und andere ein. Krassestes Beispiel: In der Schweiz werden Unter-16-Jährige, die Nackfotos von sich selbst verschicken und anschließend damit gemobbt werden, für das Verbreiten von Kinderpornografie zur Rechenschaft gezogen. Das Gesetz, dass ihre Sicherheit schützt, schränkt auch ihren Handlungsspielraum ein.

Die Einsicht ist trivial, aber folgenreich: Nur ein sicheres Leben führt zu hoher Lebensqualität, aber nur ein freies ist lebenswert. Die richtige Balance zu finden – für sich selbst und für alle anderen – ist enorm schwierig. Zu wissen, dass  ausländische Geheimdienste die Telekommunikation in der Schweiz überwachen, ist beängstigend – zumal klar ist, dass sie wohl auch Zugriff auf die Mikrofone und Kameras unserer Smartphones haben. Gleichzeitig haben sie so bewirkt, dass drei mutmassliche Terroristen verhaftet werden konnten. War es das wert?

Letztlich droht die Gefahr, dass der Fokus auf das Risiko und mögliche Schäden uns immer wieder dazu bringen, ein Stück Freiheit gegen ein Stück Sicherheit einzutauschen – weil das in jedem einzelnen Fall vernünftig scheint.

sf

Ello – ein neues soziales Netzwerk mit alten Problemen

Seit gut einem Monat »nutze« ich Ello – ein soziales Netzwerk, das durch zwei Punkte überzeugt: Seine minimalistische Gestaltung und sein Manifest. Darin heißt es beispielsweise:

Your social network is owned by advertisers. Every post you share, every friend you make, and every link you follow is tracked, recorded, and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold. We believe there is a better way. […] You are not a product.

Ello ist ein Grund zur Hoffnung, dass es eine Konkurrenz zu etablierten Plattformen gibt, welche die Stärken von Facebook und Twitter kombiniert, offen ist und Usern eine echte Wahlmöglichkeit bietet, die Nachrichtenflüsse ihrer Kontakte den eigenen Bedürfnissen gemäß darzustellen und zu filtern.

Bildschirmfoto 2014-09-27 um 14.50.52

Nur scheint diese Hoffnung trügerisch. Ello kann seine Versprechen aus zwei Gründen nicht einlösen:

  1. Das Transferproblem.
    Die Energie, die ich meine Twitter- und Facebook-Netzwerke gesteckt habe (zu FB gehört auch WhatsApp und Instagram), ist ein Investment, das sich für mich auszahlt, wenn ich die Plattformen nutze. Diese Investitionen sind verloren, wenn ich zu einem neuen Netzwerk wechsle. Warum sollte ich Inhalte für Ello produzieren, wenn sie weniger wahrgenommen werden als bei Facebook oder Twitter? Dieses Problem könnte theoretisch nur gelöst werden, wenn es analog zu Blogplattformen Wege gäbe, das ganze FB- oder Twitter-Archiv in eine andere Plattform einzuspeisen. Selbst dann wäre das ganze soziale Netzwerk noch nicht migriert: Wer soziale Netzwerke intensiv nutzt, ist »tied in« – ganz ähnlich, wie das bei iTunes passiert.
  2. Das Finanzierungsproblem.
    Aral Balkan ist von Ello enttäuscht, weil das Unternehmen User nicht transparent über seine Finanzierung orientiert. Über einen Mechanismus, der sich »Venture Capital« nennt, erhielten die Betreiber über 400’000 Dollar für die Startphase. Nun funktioniert der Investitionsmarkt so, dass dieses Kapital eine Rendite abwerfen muss. Das gelingt im Web 2.0 nur, wenn ein Kundenstamm angelegt werden kann, der pro Woche zwischen 5 und 7 Prozent wächst (diese Zahlen stammen von Y Combinator, einer Beratungsfirma für Unternehmen, die mit Venture Capital arbeiten – eine alternative Möglichkeit wäre ein Wachstum der Einnahmen, was aber bei einem Unternehmen ohne Werbung und ohne kostenpflichtiges Angebot kaum denkbar ist).
    Nun könnte es sein, dass es ein Modell mit kostenpflichtigen Modulen gibt, das so rentabel ist, dass Ello die Investitionen mit Rendite zurückzahlen kann. Wahrscheinlicher ist aber ein so genannter Exit, ein Ausstiegsszenario, das den Kapitalgebern ihre Rendite verspricht. Dabei wird die Firma entweder in eine profitable Aktiengesellschaft umgewandelt oder verkauft ihren Kundenstamm und ihre Software (z.B. an Facebook oder an Google). Balkan formuliert trocken:

    If a company has taken venture capital, you have already been sold. It’s not a matter of if, it’s simply a matter of when.

    Kurz: Die Finanzierung von Ello straft das Manifest lügen. »You are not a product« ist schlicht falsch, weil es die einzige Möglichkeit ist, wie Ello überhaupt finanziert werden konnte.

Ello lehrt uns erstens, dass es erstens ein Fehler war, andere Plattformen, mit deren Strategien und Funktionsweise nicht einverstanden sind, so stark zu machen. Es ist kaum möglich, eine Alternative bereit zu stellen. Zweitens zeigt Ello, dass nur ein gemeinschaftlich finanziertes Modell einer Plattform die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllt, damit Kundendaten nicht genutzt und verkauft werden müssen.

(Ello ist im Moment noch in einer Beta-Phase und noch nicht frei nutzbar. Wer eine Einladung möchte, kann mir eine Mail schicken.) 

Google verknüpft Informationen – wie geht man damit um?

google-maps-now-cardsWer ein Android Handy hat oder Google Maps mit dem Google-Konto nutzt, erschrickt früher oder später: Google zeigt uns an, wohin wir fliegen, wo wir übernachten, in welchen Restaurants wir essen. Einerseits in einer App namens Google Now (die Android standardmäßig verwendet), andererseits auf der Kartenseite von Google Maps. Dass das hilfreich sein kann, leuchtet ein – aber es ist meist unheimlich, »creepy«: Da werden Informationen aus Mails extrahiert (Google Mail) und auf einer scheinbar getrennten Plattform angezeigt.

Wie soll man damit umgehen? Die spontane Reaktion ist, diese Dienste auszuschalten. Was man damit macht, ist die Informationen zu verbergen. Die Reaktion ist das Äquivalent zum Augenzuhalten, wenn man etwas Erschütterndes sieht: Das Gesehene verschwindet nicht, man nimmt es einfach kurzfristig nicht mehr wahr. Google legt massive Datenbanken an – ob wir sie zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ganz ähnlich wie Facebook: Viele Menschen verkünden glücklich, sie seien dort nicht dabei – und ignorieren, dass Facebook längst ihre Informationen sammelt, sie davon einfach nichts mitbekommen.

Sinnvoll wäre, die Algorithmen von Google daran zu hindern, diese Informationen zu verknüpfen – wenn einen das stört. Dafür müsste man auf Google Mail verzichten und die Dienste ohne den zusätzlichen Komfort des Logins zu nutzen.

 

 

»Sippenhaft« in sozialen Netzwerken

Nach Boyd und Ellison haben soziale Netzwerke drei Eigenschaften (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 18):

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten.

Der zweite Punkt führt dabei regelmäßig zu Konflikten, weil Personen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, mit welchen anderen Profilen sie in Verbindung stehen. Die Tatsache, dass jemand aktiv oder passiv mit einem anderen Kontakt in Verbindung steht, führt zum Schluss, dass die Meinungen dieses anderen Profils geteilt oder unterstützt werden – ein Problem, das man auch »Sippenhaft« nennen könnte, wenn das soziale Netzwerk an die Stelle der Familie tritt.

Dazu sind zwei Bemerkungen angebracht:

  • Die Bedeutung von einzelnen Handlungsmöglichkeiten in sozialen Netzwerken sind notorisch interpretationsbedürftig. Das Paradebeispiel ist die Fav-Funktion bei Twitter, die fast 20 verschiedene Funktionen haben kann, welche die ganze Palette von Reaktionen abdecken: Von aggressiver Kritik bis zu wohlwollendem Gefallen können Favs alles ausdrücken.
    Dasselbe gilt für die Verbindungen: Ob auf Twitter, bei Facebook oder auf anderen Plattformen – die Tatsache, dass zwei Kontakte verknüpft sind, sagt wenig. Es ist leicht möglich, Profilen zu folgen, ohne zu lesen, was diese Kontakte schreiben. Unter Umständen will sich jemand auch lediglich informieren, wie eine Organisation oder Person kommuniziert, um Kritik üben zu können.Warum also sollte man verantwortlich sein für etwas, was jemand anderes schreibt – wenn man nicht einmal weiß, dass die Person das schreibt?
  • Die Pflege des Kontaktnetzes ist eine der wesentlichen Funktionen von sozialen Netzwerken. Es ist leicht verständlich, dass eine gewisse Verantwortung dafür vorhanden ist, mit wem man in Verbindung steht. Während ich nicht kontrollieren kann, wer mir einen Brief schreibt oder mich anruft, so kann ich doch beeinflussen, wessen Nummer in meinem Adressbuch steht.

Wie soll man hier abwägen? Wann darf man – z.B. Prominente, Politikerinnen, Freunde – dafür kritisieren, mit wem sie in Verbindung stehen? Ich plädiere für folgende Kriterien:

  1. Intensität der Beziehung.
    Intensive Beziehung zeichnen sich durch eine hohe Menge an qualitativ bedeutsamen Interaktionen aus, nicht-intensive sind passiv.
  2. Stimmung der Beziehung. 
    Welche Haltung nimmt jemand einem Profil gegenüber ein? Eine positive, eine negative oder eine neutrale?
  3. Sichtbarkeit des problematischen Profils. 
    Fällt ein Profil seit Jahren negativ auf, ist eine entsprechende Beziehung anders zu beurteilen als ein seriöses Profil, das eine unbedachte Äußerung absondert.

Kritik finde ich sicher gerechtfertigt, wenn eine intensive Beziehung mit einem sichtbar problematischen Profil besteht, in der eine positive Stimmung herrscht. Auch wenn nur zwei Kriterien erfüllt werden, ist es legitim, die Pflege des Kontaktes infrage zu stellen.

Soziale Netzwerke leben durch ihr Beziehungsgeflecht. Die Verantwortung dafür obliegt allen Userinnen und Usern – jedoch nur bis zu einem zumutbaren Grad.

4281331_11102281_lz

Fachleute verbreiten Fake-Geschichten

In den letzten Tagen machten drei Fake-Geschichten die Runde:

  1. U2 hat früher schon einmal eine Kassette verschenkt, nicht nur ihr neuestes Album via iTunes:

    Diese Diashow benötigt JavaScript.

  2. Ein Professor hat von einem Studenten eine unanständige Mail erhalten und kritisiert ihn in einem Youtube-Video:

    Bildschirmfoto 2014-09-17 um 22.24.07
  3. Dasselbe Kriegsbild wurde in unterschiedlichen Kontexten verwendet:

Über das letzte Beispiel denkt Konrad Weber intensiv nach:

Darf man bewusst Bilder so neu zusammenstellen, dass sie einen viralen Effekt auslösen und somit die Botschaft, die offenbar nicht der Wahrheit entspricht, weitertragen? Dies gilt es öffentlich zu diskutieren.

Bereits seit Längerem ist beobachtbar, dass die Anreize der Aufmerksamkeitsökonomie (Inhalte in sozialen Netzwerken sollen möglichst breit wahrgenommen werden) auch bei Journalistinnen und Journalisten dazu führt, dass sie die Echtheit ihrer Inhalte dem Interesse des Publikums unterordnen: »Warum muss eine Geschichte wahr sein, genügt es nicht, dass sie gelesen oder betrachtet wird?«

Diese Sichtweise hat – so scheint es – nun auch einen Effekt auf Menschen, die Medien kritisch reflektieren: Alle drei oben genanten Stories wurden von Expertinnen und Experten breit geteilt. Daraus kann man zwei unterschiedliche Schlüsse ziehen:

  1. Es ist in sozialen Netzwerken schlicht nicht mehr möglich, wahre von falschen Geschichten zu trennen. (Hier der Aufwand, den Konrad Weber betreiben musste, um herauszufinden, wie es sich mit seinen drei Bildern verhält.)
  2. Die Effekte, die Fälschungen auslösen – pädagogische, reflektive – sind für viele Menschen wichtiger als die Frage, ob es sich um Fälschungen handelt.

Letztlich ergibt sich die Gefahr, dass uns der Confirmation Bias egal wird: »Ich publiziere und verbreite einfach das, was meinen Standpunkt unterstützt. Ob es stimmt, ist mir egal – weil seine Wirkung immer größer ist als der negative Eindruck, den eine Fälschung erzeugt.«

Hafenkran-Exkursion, Smartphones und »Was ist Kunst?« 

Und schon wieder darf ich ein schönes Schulprojekt vorstellen: Die Klasse, welche ich als Klassenlehrer betreue, absolviert einen Doppelabschluss: Schweizer Matur und International Baccalaureate. Dieses zweite Diplom enthält ein Fach namens Theory of Knowledge. TOK verbindet die Fächer, indem es eine einfache Frage stellt: Wie kommen wir zu dem Wissen, das uns die Fächer präsentieren?

In diesem Rahmen hat die verantwortliche Lehrperson mit der Klasse die Frage nach der Kunst gestellt: Wie wissen wir, dass etwas Kunst ist? Zusammen mit einem Kunstlehrer sahen wir uns heute den Hafenkran in Zürich an. Eine Gruppe Künstlerinnen und Künstler hat veranlasst, dass an der Limmat im historischen Kern von Zürich ein rostiger Hafenkran aufgestellt ist (geplant sind neun Monate). Nach einer kunsthistorischen Einbettung und einem Beschrieb des Projekts hatte die Klasse die Aufgabe, zu Aussagen wie der folgenden Stellung zu nehmen:

Kunst ist, was zur Kunst erklärt wird. Von wem auch immer. Eine andere Definition ist heute nicht mehr möglich. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst anschliessend. Was zur Kunst erklärt wird, kann Quatsch sein oder ein unschätzbarer Wert. Wer entscheidet? Jeder für sich selbst. Oder die Gesellschaft im Verlauf von Jahrzehnten. Was aber, wenn einige Leute für alle andern entscheiden müssen? Dann beginnt der Streit. Beispielhaft ist die öffentliche Kunst in der Demokratie. Kunstwerke haben ihre eigene Zeit. Sie können erlöschen oder erst nach Jahren zu leuchten beginnen. Über Tinguelys Heureka wurde 1964 getobt wie heute über den Hafenkran, mit den gleichen Worten: «Schrotthaufen». Statt vor dem Kunsthaus hat man die Maschine schliesslich am äussersten Stadtrand aufgestellt. Heute ist sie Zürichs populärstes Kunstwerk. Den Alfred Escher vor dem Bahnhof und den Zwingli hinter der Wasserkirche kennen nur die Tauben.

Gleichzeitig waren sie gehalten, den Hafenkran aus verschiedenen Perspektiven fotografisch festzuhalten und dazu einen Satz zu notieren. Das habe ich auch gemacht – unten folgen meine Ergebnisse.

Aber zunächst noch die Beobachtung zu den mobilen Geräten. Die waren mit dabei – aber störten nie. Sie wurden nicht einmal zum Thema. Wir machten das lustige Panoramabild, auf dem Personen mehrfach zu sehen sind. Die Smartphones dienten vielen als Kameras. Sie wurden benutzt, um die Kollegin zu informieren, die den Zug verpasst hatte. Kurz: Es waren Arbeitsgeräte. Keine Ablenkungsmaschinen, keine Vereinsamungsverführungen.


Aus meinem Satz sind mehrere geworden:

Meine persönliche Definition von Kunst: »Kunst ist, was uns etwas wahrnehmen lässt, was wir vorher nicht erkannt haben.«

Und die argumentativ beste: »Sobald sich bei einer Handlung oder einem Gegenstand die Frage stellt, ob sie bzw. er Kunst sei, handelt es sich um Kunst. Die Frage kann somit nicht sinnvoll verneint werden, weil auch die Verneinung eine implizite Bejahung ist.«

Alle meine Bilder habe ich mit dem iPhone gemacht.

Foto 1 Foto 3 Foto 4 Foto 5

Protokoll einer Schuldiskussion: Verschiebt Medienkonsum gesunde Grenzen?

Im Rahmen des Medienkundeunterrichts erhielt eine Klasse von 18-jährigen Schülerinnen und Schülern der Auftrag, eine Rezension über ein Programm vom Fantoche-Festival zu schreiben. Als Vorbereitung befassten wir uns mit Animationstechniken sowie der Kultur und Geschichte des modernen Japans. Danach besuchte die Klasse individuell einen Film oder eine Filmsammlung aus dem Japan-Schwerpunkt »What’s Going on Japan«.

Die erste Reaktion war, dass die Filme zu abstrakt und zu wenig linear erzählt seien, um darüber schreiben zu können. Darauf reagierte ich mit dieser Anleitung. Eine zweite Reaktion stellte sich ein: Ein Teil der Klasse zeigte sich zutiefst schockiert über Filme aus dem Sammlung »Girls on the Run«, insbesondere Ketsujiru Juke von Sawako Kabuki und Agitated Screams of Maggots von Keita Kurosaka.

Damit hätten wir (ich und meine Lehrpartnerin) nicht gerechnet. Es war nicht ein reines ästhetisches Missfallen, sondern eine Form von echter Verletztheit. Zwei recht robuste Schüler betonten, sie hätten drei Tage gebraucht, um sich von diesen Filmen zu erholen, mehrere erwähnten, dass sie sich ernsthaft fragten, wie degeneriert die Menschheit sei, wenn sie solche Filme herstelle. Es wurde deutlich, dass wir Erwachsenen beide Filme mit ganz anderen Augen sahen als die Jugendlichen.

Diese Einwürfe versuchten wir in einer Diskussion aufzufangen, in der auch andere Stimmen laut wurden. Es gehe, so meinte eine Schülerin, um die Frage, wo denn individuelle Grenzen lägen. Warum akzeptieren dieselben Schüler unerträgliche psychische und physische Gewalt bei Filmen der Saw-Reihe, aber nicht in kurzen Animationsfilmen?  Offenbar, so das Ergebnis der Diskussion, kann die narrative Einbettung – Spannungselemente, Kontext, Figurenkonstruktion, Funktion im Handlungszusammenhang etc. – die schockierende Wirkung von Gewalt abschwächen.

Das möge alles interessant sein, wandte eine Schülerin ein, aber letztlich würden sich durch die Auseinandersetzung mit solchen Filmen Grenzen verschieben, von denen sie nicht möchte, dass sie verschoben werden. Würde sie sich den Maggot-Film noch zwei oder drei Mal ansehen, dann stieße er sie nicht mehr ab.

Schnell entstand eine Diskussion über verschiedene Grenzen:

  • Computerspiele und Gewaltausübung
  • Palliativpflege und Verletzbarkeit durch Todesfälle
  • Pornographie und sexuelle Präferenzen
  • Konsum von virtueller Gewalt und das Ertragen von Gewalt
  • Erleben von häuslicher Gewalt und das Ertragen von Gewalt

Selbstverständlich gibt es in zu diesen Fragen eine Reihe wissenschaftlicher Ergebnisse. Interessant war hier die differenzierte Haltung der Klasse: Es wurde weder angenommen, dass die Grenzen sich automatisch und schnell verschieben würden, noch wurde bestritten, dass eine Verschiebung denkbar ist. Vielmehr verwiesen einige darauf, dass die Reaktion auch eine Verdrängungs- und Bewältigungskomponente enthalte. Grenzen seien aber auch nichts Selbstverständliches und natürlich Gesundes, sondern können und sollen diskutiert werden. Wer gehemmt ist, kann sich wünschen, dass sich diese Grenze verschiebt.

Für mich ein Beispiel von erfolgreichem Unterricht: Eine Auseinandersetzung anstoßen und begleiten. Ein ermunterndes Zeichen für alle, die denken, Jugendliche seien abgestumpft und würden blind konsumieren.

http://fantoche.ch/de/programm/girls-run

Digitalisierung zerstört den Wert von Arbeit. Wie leistet man Widerstand?

Selber schuld, wer sich dem Heil verweigert, das der Geldautomat aus Silicon Valley verspricht. Aus der »Ökonomie des Teilens« auszuscheren, wird früher oder später als Wirtschaftssabotage und Verschwendung kostbarer Ressourcen angesehen werden, die, nutzbar gemacht, das Wirtschaftswachstum beschleunigen können. Am Ende wird die Weigerung, zu »teilen«, ebenso viele Schuldgefühle auslösen wie die Weigerung, zu sparen oder zu arbeiten oder seine Schulden zu bezahlen, und wieder einmal wird der dünne Firnis der Moral dazu dienen, die Ausbeutung zu verschleiern. So ist es nur folgerichtig, dass die weniger Glücklichen, die bereits unter der Last der Sparpolitik ächzen, ihre Küchen in Restaurants, ihre Autos in Taxis und ihre persönlichen Daten in Vermögenswerte umwandeln.

Evgeny Morozov weist wie viele andere Intellektuelle auf das Problem hin, das direkt mit der Digitalisierung verbunden ist: Die Effizienz digitaler Werkzeuge führt zu einer prinzipiellen Verfügbarkeit von allen Gütern und Dienstleistungen. Bislang erschien das denen, die davon profitieren konnten, als Verheißung: Für 5 Dollar kann man bei Fivver erstaunliche Dienstleistungen einkaufen, auf Plattformen wie Ricardo oder eBay kann man jederzeit Flohmarkt abhalten, bei dem Käufer und Verkäufer optimal miteinander in Verbindung gebracht werden, Amazons Mechanical Turk macht sogar Intelligenz zur verkaufbaren Ressource.

Diese Effizienz bedroht – das sieht Morozov ganz richtig – direkt die Privatsphäre, die nach heutigen Vorstellungen immer mit der Möglichkeit zusammenhängt, über Räume und Gegenstände exklusiv verfügen zu können. Aber sie bedroht noch stärker den Wert von Arbeit. Um das zu verstehen, muss man sich einige Prozesse vor Augen halten:

  1. Business Process Reengineering, Qualitätsmanagement und der Siegeszug von SAP haben in den 1990er-Jahren dazu geführt, dass jeder Arbeitsschritt in einem Unternehmen definiert und letztlich segmentiert wird. Die Arbeitskraft wird austauschbar – weil klar ist, was ihr Ersatz leisten muss.
  2. Die Kompetenzorientierung (in Lehrplänen, Ausbildungsgängen etc.) hat dazu geführt, dass auch Bildung in ähnliche Segmente zerfällt und Menschen an Arbeitsprozesse anpassbar werden.
  3. Das Modell der großräumigen Auktion führt zu einer permanenten Konkurrenzsituation.
  4. Digitale Kommunikation erlaubt es, soziale und wirtschaftliche Kontexte auszublenden.

Das Resultat: Wenn ich eine Arbeit weiterverkaufen kann, kann ich sie in Teilschritte aufteilen, entsprechende Kompetenzen definieren und diese digital zur Auktion ausschreiben, ohne berücksichtigen zu müssen, unter welchen Umständen die Arbeit erbracht wird. So finde ich die günstigsten Arbeitskräfte und verdiene am meisten.

Der Prozess beißt sich aber in den Schwanz, wie wir gleich sehen werden. Momentan sind die, welche von digitaler Arbeitsbewältigung profitieren, gut gebildete Mittelstandsmenschen aus westlichen Ländern. Habe ich eine tolle App-Idee, finde ich – per Auktion – ein paar Pakistani, welche mir die App programmieren, mit der ich dann möglicherweise ein Vermögen verdiene. Und ohne tolle App-Idee kann ich per Renovero jemanden finden, der meine Wohnung für ein paar Franken putzt. So jammern jetzt viele innovative digitale Menschen darüber, dass in Deutschland Uber verboten worden ist. Die Firma steht in Konkurrenz zu etablierten Taxi-Betreibern, indem sie mit großen Investitionen eine App vermarktet, mit der private Autobesitzer Taxiaufträge erhalten können. Das bietet Kundinnen und Kunden einige Vorteile: Sie kommen kommen oft günstiger zu einer besseren Dienstleistung.

6738616545_1a4c832d46_o
Flickr/Doerky, CC-BY-ND.

Wer bezahlt den Preis? Es wäre zu schön, ginge es nur um eine Ineffizienz im System. Selbstverständlich bringt es wenig, wenn Taxis sich in Großstädten an wenigen Orten versammeln, statt flexibel Routen zu planen. Aber letztlich geht es um mehr: Das Prinzip-Uber führt dazu, dass der Preis für die Dienstleistung fast beliebig gedrückt werden kann. Die Diagnose von Torsten Larbig in Bezug auf die Hilflosigkeit der etablierten Branchen ist sicher korrekt:

[Der] Versuch der Interessenvertretung der Taxi-Zentralen [Uber verbieten zu lassen] ist nur einer mehr, der zeigt, dass längst nicht jeder verstanden hat, dass wir es mit einem grundlegenden digitalen Strukturwandel zu tun haben, dessen Auswirkungen sicherlich so gravierend sein werden, wie der Wandel des Ruhrgebietes in den vergangenen Jahrzehnten, aber nicht nur eine Region, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen werden.

Besitzstandswahrer haben im Kontext dieses Strukturwandels keine Ideen. Sie sehen nur, dass da etwas Neues am Entstehen ist und reagieren reflexartig mit Versuchen, die als Indizien der Veränderung zu verstehenden Entwicklungen zu verbieten – und fallen absehbar auf die Nase.

Denken wir den Strukturwandel weiter, so bleibt keine Arbeit davon verschont. Auch wenn wir alle im Glauben leben, eine einzigartige Tätigkeit zu verrichten, welcher die Digitalisierung nichts anhaben kann: Irgendwo gibt es jemanden, der oder die große Teile unserer Arbeit schneller, besser und günstiger erledigen kann und will.

Wir stehen in Konkurrenz zu allen, die Segmente unserer Arbeit verrichten können. Bezahlt werden sie nur, wenn das Resultat stimmt, ihre Eignung für die Aufgabe ist dank Kompetenzmodellen sicher gestellt. Sascha Lobo spricht von einer Dumpinghölle. Zurecht.


 

Was können wir tun? »Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht«, schreibt Byung-Chul Han in einem lesenswerten Essay. Wir wollen ja hochwertige Dienstleistungen zu tiefen Preisen, weil die unsere Lebensqualität steigern. Gleichzeitig schaffen wir damit die Bedingungen, selbst auch Teil dieser Dumpinghölle zu werden und unseren Vorteil einzubüssen.

Wir müssen lernen, Arbeit einen Wert zuzumessen und sie nicht als Produkt, sondern als menschliche Handlung zu verstehen. Hinter der Arbeit steckt ein Mensch, der davon ein gutes Leben führen soll. Diese Maxime muss uns auch dann leiten, wenn die globalen Produktions- und Kommunkationsmechanismen die Arbeit immer weniger sichtbar machen.

Üben kann man im Restaurant. In der Gastronomie verdienen alle Angestellten gerade mal so viel, dass sie die Suppe nicht vergiften. Jede zusätzliche Einnahme resultiert aus Trinkgeldern. Was ist ein faires Trinkgeld? Ganz einfach: Die Differenz zwischen dem bezahlten Minimallohn und einem angemessenen Stundenlohn. (Durch die Anzahl Tische teilen muss man nicht, weil das Trinkgeld ja nicht einer Person, sondern mehreren bezahlt wird.) In der Schweiz wäre ein angemessenes Trinkgeld also 15 Franken pro Stunde Anwesenheit im Lokal.

Es sind weitere Übungen denkbar: Dem Putzpersonal einen fairen Lohn zahlen. Echte ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker beauftragen, etwas für einen zu erledigen.

Wer Preise drückt, schafft nämlich Freundlichkeit ab, wie Han treffend schreibt:

Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten.