»Sippenhaft« in sozialen Netzwerken

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Nach Boyd und Ellison haben soziale Netzwerke drei Eigenschaften (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 18):

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten.

Der zweite Punkt führt dabei regelmäßig zu Konflikten, weil Personen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, mit welchen anderen Profilen sie in Verbindung stehen. Die Tatsache, dass jemand aktiv oder passiv mit einem anderen Kontakt in Verbindung steht, führt zum Schluss, dass die Meinungen dieses anderen Profils geteilt oder unterstützt werden – ein Problem, das man auch »Sippenhaft« nennen könnte, wenn das soziale Netzwerk an die Stelle der Familie tritt.

Dazu sind zwei Bemerkungen angebracht:

  • Die Bedeutung von einzelnen Handlungsmöglichkeiten in sozialen Netzwerken sind notorisch interpretationsbedürftig. Das Paradebeispiel ist die Fav-Funktion bei Twitter, die fast 20 verschiedene Funktionen haben kann, welche die ganze Palette von Reaktionen abdecken: Von aggressiver Kritik bis zu wohlwollendem Gefallen können Favs alles ausdrücken.
    Dasselbe gilt für die Verbindungen: Ob auf Twitter, bei Facebook oder auf anderen Plattformen – die Tatsache, dass zwei Kontakte verknüpft sind, sagt wenig. Es ist leicht möglich, Profilen zu folgen, ohne zu lesen, was diese Kontakte schreiben. Unter Umständen will sich jemand auch lediglich informieren, wie eine Organisation oder Person kommuniziert, um Kritik üben zu können.Warum also sollte man verantwortlich sein für etwas, was jemand anderes schreibt – wenn man nicht einmal weiß, dass die Person das schreibt?
  • Die Pflege des Kontaktnetzes ist eine der wesentlichen Funktionen von sozialen Netzwerken. Es ist leicht verständlich, dass eine gewisse Verantwortung dafür vorhanden ist, mit wem man in Verbindung steht. Während ich nicht kontrollieren kann, wer mir einen Brief schreibt oder mich anruft, so kann ich doch beeinflussen, wessen Nummer in meinem Adressbuch steht.

Wie soll man hier abwägen? Wann darf man – z.B. Prominente, Politikerinnen, Freunde – dafür kritisieren, mit wem sie in Verbindung stehen? Ich plädiere für folgende Kriterien:

  1. Intensität der Beziehung.
    Intensive Beziehung zeichnen sich durch eine hohe Menge an qualitativ bedeutsamen Interaktionen aus, nicht-intensive sind passiv.
  2. Stimmung der Beziehung. 
    Welche Haltung nimmt jemand einem Profil gegenüber ein? Eine positive, eine negative oder eine neutrale?
  3. Sichtbarkeit des problematischen Profils. 
    Fällt ein Profil seit Jahren negativ auf, ist eine entsprechende Beziehung anders zu beurteilen als ein seriöses Profil, das eine unbedachte Äußerung absondert.

Kritik finde ich sicher gerechtfertigt, wenn eine intensive Beziehung mit einem sichtbar problematischen Profil besteht, in der eine positive Stimmung herrscht. Auch wenn nur zwei Kriterien erfüllt werden, ist es legitim, die Pflege des Kontaktes infrage zu stellen.

Soziale Netzwerke leben durch ihr Beziehungsgeflecht. Die Verantwortung dafür obliegt allen Userinnen und Usern – jedoch nur bis zu einem zumutbaren Grad.

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The Author

philippe-wampfler.ch

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