Sicherheit im Netz – Gedanken zur Arbeit mit Jugendlichen

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Diese Woche habe ich mit mehreren Klassen (9./10. Schuljahr) einen »Internet Safety«-Workshop durchgeführt (Slides gibt es hier). Statt mich vorzustellen, habe ich damit begonnen, die Schülerinnen und Schüler herausfinden zu lassen, welche Informationen sie über mich im Netz finden. Dazu habe ich Ihnen ein Selfie gezeigt (damit wussten sie, dass ich ein Instagram-Profil habe) und eine Liste mit möglichen Informationen an die Wandtafel geschrieben: Alter, Adresse, Arbeitgeber, Einkommen, Handynummer, Email-Adresse, Hobbies, politische Haltung… 

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.07.12Nachdem sie jeweils vieles davon ermitteln konnte (häufigste Klage war, dass man im Nachteil sein, wenn man keinen FB-Account habe, was in dieser Altersstufe bei rund der Hälfte der Jugendlichen der Fall ist), haben wir diskutiert, warum es für mich gefährlich sein könnte, dass diese Informationen im Netz stehen. Folgende Gefahren sahen alle Klassen (auch meist in dieser Reihenfolge):

  1. Stalking
  2. Verbreiten von falschen oder schädlichen Informationen über mich
  3. Verkauf oder Missbrauch meiner Daten
  4. Hacken meiner digitalen Konten
  5. personalisierte Werbung.

Mit der Übung versuchte ich sie darauf hinzuweisen, dass ich – aus beruflichen und psychologischen Gründen – bereit bin, einen Teil meiner Sicherheit preiszugeben. Während Stalking für Jugendliche durchaus eine reale Gefahr darstellen kann, bin ich kaum gefährdet. Sicherheit und Verzicht darauf bedeuten nicht für alle Menschen dasselbe.

Diese Einsicht habe ich mit ein paar Sicherheitsfragen vertieft: Dabei mussten sich die Schülerinnen und Schüler in fiktiven Situationen zwischen einer sicheren und einer unsicheren Variante entscheiden: Fahrradhelm oder schöne Frisur; im Urlaub mit einem unbekannten Date an den dunklen Strand oder mit den Eltern essen gehen; mit Freundinnen ein Unternehmen gründen oder den langweiligen Bürojob absitzen?

Die Erkenntnis: Der Verzicht auf Sicherheit hat einen Wert – »Spass« nannten die Jugendlichen ihn meist zuerst, dann aber auch Erfahrungen, Kick, Freiheit.

Sicherheit im Netz ist deshalb ein wichtiges Thema, weil es zeigt, dass wir als Individuen, als Gruppen und als Gesellschaft mitentscheiden können, wo auf der Skala zwischen zwei Alpträumen (totaler Sicherheit und totaler Unsicherheit) wir leben möchten. Auch wenn es darum geht, die Schwächsten im Netz sicherer zu machen, schränken die Maßnahmen sie selbst und andere ein. Krassestes Beispiel: In der Schweiz werden Unter-16-Jährige, die Nackfotos von sich selbst verschicken und anschließend damit gemobbt werden, für das Verbreiten von Kinderpornografie zur Rechenschaft gezogen. Das Gesetz, dass ihre Sicherheit schützt, schränkt auch ihren Handlungsspielraum ein.

Die Einsicht ist trivial, aber folgenreich: Nur ein sicheres Leben führt zu hoher Lebensqualität, aber nur ein freies ist lebenswert. Die richtige Balance zu finden – für sich selbst und für alle anderen – ist enorm schwierig. Zu wissen, dass  ausländische Geheimdienste die Telekommunikation in der Schweiz überwachen, ist beängstigend – zumal klar ist, dass sie wohl auch Zugriff auf die Mikrofone und Kameras unserer Smartphones haben. Gleichzeitig haben sie so bewirkt, dass drei mutmassliche Terroristen verhaftet werden konnten. War es das wert?

Letztlich droht die Gefahr, dass der Fokus auf das Risiko und mögliche Schäden uns immer wieder dazu bringen, ein Stück Freiheit gegen ein Stück Sicherheit einzutauschen – weil das in jedem einzelnen Fall vernünftig scheint.

sf

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Hey,

    also ich finde es sehr spannend, wie du mit den Schülern das Thema Mediennutzung aufbereitet hast. Mit strikten Frontalunterricht und Mahnungen vor den Risiken kommt man da sowieso nicht weit. Gerade bei solchen lebensnahen Themen finde ich die Eingliederung in einen alltagsrelevanten Kontext sehr wichtig. Durch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse lernen die Kinder am meisten.
    Heutzutage ist es generell ein Balanceakt, wie viel Sicherheitsbedürfnis bzw. wie viel Freiheitsdrang man im Umgang mit Medien zeigen sollte – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Nicht umsonst gibt es immer wieder hitzige Debatten zum Thema Datenschutz, Internetkriminalität und Hacking…

  2. Pingback: Woanders – diesmal mit dem Krieg, der Brotdosennorm, Ello und anderem | Herzdamengeschichten

  3. fancyPT says

    Fahrradhelm, Date, Jobsicherheit – ich finde das sind drei ziemlich unterschiedliche Aspekte und der abstrakte Begriff „Sicherheit“ deshalb auch viel zu allgemein, um ihn hier sinnvoll zur Beschreibung zu nutzen. Mag sein, dass die Kaste der (innen)politischen Bewahrer, „Sicherheit“ genau für all diese Aspekte benutzt, aber gerade in einer differenzierten Betrachtung sollte man den selben Fehler vielleicht vermeiden. Jedenfalls wenn man Totalüberwachung nicht mit „Kinderpornografie“ und Demonstrationsverbot nicht mit „Terrorismus“ begründet sehen will.

  4. In dem Kreiverband der Partei, für die ich arbeite, haben wir darüber gesprochen, ob Jugendliche ohne Smartphone sozial ausgeschlossen sind und ob man da was tun muss. Es wurden auch Vergleiche dazu gezogen, dass die, die nicht zu McDonalds gehen können, ausgeschlossen sind. Erinnert ja auch an die Markenklamotten-Debatte.

    Zudem wurde die Idee aufgeworfen, dass wir fordern sollen, mehr iPads in Schulen einzusetzen.

    Drittens vernetzen sich die jungen Leute heute ja eher in geschlossenen Gruppen (WhatsApp). Hierfür müsste Datenschutzunterricht ja noch mal anders ablaufen.

    Deine Meinung zu solchen Gedanken? (Sorry, wenn es ein Posting gibt, dass hierzu evtl. besser passt, aber so ist die schneller Internetkommentarwelt …)

  5. Pingback: Das tägliche Briefing (03.10.2014) - Social Media Watchblog

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