»A person is a person through other people.« Wer wir sind, sind wir nur, weil andere mit uns teilen. Weil sie Gemeinschaften bilden, zu denen wir uns zugehörig fühlen. Wir sind nur, wenn wir uns mitteilen und andere teilhaben lassen. Das wird mit dem südafrikanischen Begriff ubuntu gemeint.
Ich konnte im letzten Jahr mit Schule und Social Media einen weiteren Schritt vorwärts machen. Statt aufzuzählen, was alles passiert ist – dafür kann man ja auf dieser Seite rückwärtsblättern – möchte ich den vielen Menschen danken, die es mir möglich machen, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich im Moment interessiert:
Den Jugendlichen, die meine Fragen beantworten und mir ihre Gedanken mitteilen – und mir so ermöglichen, innovativen Mediengebrauch und technologische Möglichkeiten wie Beschränkungen zu verstehen.
Den Leserinnen und Lesern und Zuhörerinnen und Zuhörern, die mit ihre Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Gedanken ausbreite – und mir oft deutlich machen, über welche Aspekte ich vertieft nachdenken müsste.
Den Korrektorinnen und Korrektoren, die so häufig und freundlich meine Fehler korrigieren.
Den Kritikerinnen und Kritikern, die mit Neuen Medien wenig anfangen können und für wichtige Werte einstehen. Sie zeigen mir immer wieder andere Perspektiven auf.
Meinem Netzwerk: So vielen Lehrpersonen, medienpädagogisch Interessierten oder anderen Fachleuten, die mich an ihren Gedanken teilnehmen lassen, mit mir Gespräche führen und mir die Ressourcen zur Verfügung stelle, die ich für eigene Arbeiten brauche.
Den Verantwortlichen, die mich an Schulen holen, für mich Referate organisieren oder mich Schulungen durchführen lassen.
Ganz herzlichen Dank – 2015 werden sicher neue Themen und neue Herausforderungen auf uns zukommen. Darauf freue ich mich.
Nun werde ich etwas Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Ihnen danke ich hier nicht – das geschieht dann gerne persönlich. Und dann ist ein Rollentausch angesagt:
Wer am Freitag- oder Samstagabend in S-Bahnen und an Bahnhöfen unterwegs ist, beobachtet einen seltsamen Stamm: Nach der letzte Mode frisierte, parfümierte, behandtaschte und gekleidet Jugendliche, die farbigen Vodka trinken und Ausschau halten nach freien Steckdosen, an denen sie ihre Handys aufladen können. Mit den geladenen Handys stehen sie permanent im Kontakt mit Abwesenden.
Laura de Weck hat das in ihrem Stück Lieblingsmenschen schon 2007 in Bezug auf die Verwendung von SMS unter Studierenden in der dritten Szene dargestellt:
JULE an LILI – 23:38 WoSeidIhr?BraucheDich!
JULE an LILI – 24:09 HeyWoSeidIhr??
LILI an JULE – 24:38 Im purpur ist nicht so cool-zuviele leute-musik kotz,kurs
JULE an LILI – 01:04 KommtDochHierherSvenIstSoLangweilig!!
LILI an JULE – 02:14 Sind aus dem purpur rausgeflogen,darius hat besitzer auf klo gesagt,er hätte kein stil u.Auf sein schwanz gezeigt…Gehen ins supermarket, kuss JULE an LILI – 02:53 BinMitSvenImSupermarketFindEuchNicht!
Das hat viel mit den Orten zu tun, an denen sich Jugendliche aufhalten können und wollen. In ihren Kinderzimmern können sie sich nicht treffen, weil sie da den nötigen Freiraum nicht vorfinden; in ihren Agglomerationsgemeinden überwachen Sicherheitskräfte den Sportplatz – an beheizte Räume für Jugendliche ist nicht zu denken -, ähnlich eng wird es im öffentlichen Raum in der Stadt. Es bleiben die teuren Clubs mit engen Einlassbedingungen, der öffentliche Verkehr und die Vernetzung.
Social Media schaffen Räume, wie Danah Boyd festgestellt hat:
Öffentlichkeiten (engl. publics, Ph.W.) schaffen Räume und Gemeinschaften, in denen sich Menschen versammeln, verbinden und die Gesellschaft, wie wir sie verstehen, bilden können. Vernetzte Öffentlichkeiten gehören in zwei Hinsichten dazu: Sie bilden Räume und eine imaginäre Gemeinschaft. Sie werden durch Social Media und andere neue Technologien ermöglicht. Als Räume erlauben sie Menschen, sich zu treffen, Zeit zu verbringen und Witze zu reißen. Technologisch ermöglichte vernetzte Öffentlichkeiten funktionieren in dieser Hinsicht so wie Parks und Einkaufszentren es für frühere Generationen getan haben. Als soziale Konstrukte schaffen Social Media vernetzte Öffentlichkeiten, die Menschen erlauben, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu sehen. Teenager verbinden sich mit vernetzten Öffentlichkeiten aus denselben Gründen, aus denen sie schon immer Teil einer Gemeinschaft sein wollten: Sie wollen zu einer größeren Welt gehören, indem sie andere Menschen treffen und sich frei bewegen können. (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 23)
Statt von einem Ort zu sprechen, wäre es präziser auf Foucaults Begrifflichkeit der Heterotopie als Gegenort zurückzugreifen. Foucault führt sie mit einem anschaulichen Beispiel ein:
Der Spiegel funktioniert als Heterotopie, weil er den Ort, an dem ich bin, während ich mich im Spiegel betrachte, absolut real in Verbindung mit dem gesamten umgebenden Raum und zugleich absolut irreal wiedergibt, weil dieser Ort nur über den virtuellen Punkt jenseits des Spiegels wahrgenommen werden kann. (Foucault (1967): Von anderen Räumen, S. 318).
Wie Rymarczuk und Derksen jüngst in einem Paper notiert haben, erlaubt die Sichtweise der Heterotopie eine Reihe von Eigenschaften von sozialen Netzwerken klar zu erfassen. So halten die Autoren beispielsweise fest, wie die Transparenz, welche Social Media schaffen, gleichzeitig befreiend und einengend wirkt:
Users of social media, like actors on stage, know that they are being observed by an audience. Thus, the heterotopia of Facebook on the one hand opens up a new kind of space where selection, formulation and articulation of content is more readily available, but on the other hand the increased transparency puts added constraints on the performance and encourages questioning its authenticity. On the one hand, there are people who feel they can really be themselves on Facebook and experience it as a space where they finally come into their own. For example, Miller (2011) points out that to Facebook users on Trinidad, it is a place that allows one to show and share one’s true self, considered to be variable, and mood and situation dependent by Trinis. Facebook’s technical possibilities enable the user to present a constantly up–to–date representation of that changing self. However, Facebook’s features also offer both new possibilities for inauthenticity and for its detection. One’s holiday pictures with smiling people, good weather and great parties may draw ridicule from others who were there too and have pictures to prove it wasn’t all that great.
Der Paradigmenwechsel vom Web 1.0 zum Web 2.0 wird gemeinhin als der Übergang von einer »one-to-many«- zu einer »many-to-many«-Kommunikationsanlage verstanden. Die Web-Inhalte werden nicht exklusiv von einer berechtigten Redaktion erstellt, sondern von den Usern maßgeblich mitbestimmt. Inhalte im Web 1.0 konnten konsumiert werden, im Web 2.0 werden sie »prosumiert«: Konsum und Produktion verschmelzen im Idealfall.
Spreche ich mit Jugendlichen über ihre Nutzungsgewohnheiten im Netz, dann drücken sie in Bezug auf Social Media eine gewisse Verunsicherung aus, sobald Wikipedia Thema wird: »Wikipedia ist doch gar nicht Social Media, weil man da nur nachschlagen kann, wie in einem Lexikon, oder?« In der Regel reagiere ich mit dem Hinweis, es gäbe die Möglichkeit, sich ein Profil anzulegen und Beiträge zu verbessern oder erstellen. Es wird deutlich, dass Jugendliche das zwar wissen, aber nicht als Möglichkeit in Betracht ziehen.
Auch Youtube oder Instagram sind für viele reine Konsummedien, in denen sie sich zwar von anderen Jugendlichen unterhalten lassen, ein eigenes Mittun aber kategorisch ausschließen. Das mag einer gewissen Gesetzmäßigkeit entsprechen: In Social-Media-Kreisen kursiert die 90-9-1-Regel, wonach 90% der User konsumieren, 9% kommentieren und 1% selber Inhalte erstellt.
Letztlich scheint mir aber die Haltung entscheidend: Offenbar wird das Netz medienpädagogisch als ein Ersatz für Massenmedien (Zeitungen, Bücher, Fernsehsendungen) präsentiert und von Jugendlichen auch so wahrgenommen. Produktion oder Veränderung von Inhalten ist etwas für eine Elite, für »Hobbylose«, wie Jugendliche sagen würden, die sowas gerne tun – aber nicht für die »Vielen«, auf deren Weisheit gezählt wurde.
Setzt sich diese Version des Webs durch, dann wurden die oft bezahlten Redaktionen des Web 1.0 lediglich ausgedünnt. Einige besessene Freiwillige lassen sich durch Aufmerksamkeit bezahlen (und hoffen auf ein paar Werbedollars). Die Masse konsumiert wie bis anhin.
Das ist deshalb bedeutsam, weil viele Plattformen im Netz die Möglichkeit anbieten, Nachrichtenströme zu steuern und Profileintragungen vorzunehmen, die eine gewisse Kontrolle ermöglichen. Wer hier zurücklehnt und die Plattformen machen lässt, findet sich immer in dem Zustand wieder, der für die Plattformanbieter am meisten wirtschaftlichen Nutzen hat. Zu erwarten, Jugendliche würden selektiv aktiv, wenn sie ihre Profileinstellungen vornehmen, könnten aber passiv bleiben, wenn es um inhaltliche Fragen geht, scheint mir ein Missverständnis zu sein.
Active Minds, Louisa Venerandum
Man betrachte nur die Definition von Social Media – und überlege sich, was passiert, wenn User inaktiv bleiben:
Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten. (Boyd/Ellison, zitiert nach »Generation Social Media«, S. 18)
In einem Beitrag für die Schweizer Nachrichtensendung »10vor10« habe ich kürzlich den Begriff »traditionelle Konzentration« verwendet. Ich möchte hier noch etwas genauer ausführen, was ich damit meine und gemeint habe.
Um etwas auszuholen möchte ich bei Michael Giesecke beginnen, der in seinem Standardwerk zu den Mythen der Buchkultur elf solche Mythen auflistet und diskutiert.
Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, S. 223.
Der Begriff »Konzentration« könnte gut auch auf die Buchkultur zurückgeführt werden. Er wertet einen primären, vom Text ausgehenden Reiz auf und sekundäre Reize ab. Ein »tiefes« und lineares Lesen erhält den Vorzug vor einem »oberflächlichen« und vernetzten. Zunächst einmal scheint das einleuchtend: Wer einen Zusammenhang erfassen will, muss längere Texte ergründen können, surfen reicht dafür nicht aus.
Nur: Hier betrachten wir einen Wissenszugang, der geprägt ist von einem traditionellen Paradigma, von den Mythen der Buchkultur. Deshalb spreche ich von »traditioneller Konzentration«. Die Möglichkeiten einer »digitalen Konzentration«, in der Vernetzung und Multitasking eine wesentliche Rollen stehen, sind noch kaum ergründet. Die Debatte um die Möglichkeiten eines tiefen digitalen Lesens zeigt deutlich, welche Fragen sich hier stellen.
Hinweise lassen sich etwa aus dem Konzept der Ambient Awareness gewinnen, bei dem in unbewussten, repetitiven Abläufen Informationen gewonnen werden:
Was es bedeutet, in einem digitalen Umfeld den »gleichen Schritt« zu halten, kann das Konzept der Ambient Awareness aufzeigen. Untersuchungen von Mizuko Ito haben aufgezeigt, dass Jugendliche, die mit Social Media eng verbunden sind, oft fast beiläufig die so genannten Streams auf Twitter, Facebook, Instagram oder Tumblr durchscrollen. Sie nehmen viele Informationen unbewusst wahr, nicht als zielgerichtete Botschaften einer anderen Person. Dadurch erhalten diese Updates einen ähnlichen Stellenwert wie Gesten, Körperhaltung oder Mimik bei Begegnungen: Sie erleichtern es, auf die Stimmung einer anderen Person zu schließen. (Quelle: Generation Social Media, S. 97f.)
Weitet man die Idee aus, so müsste man den Wissenserwerb durch scheinbar zielloses Surfen beurteilen können. Das ist aber deshalb schwierig, weil die Verfahren, mit denen solche Prozesse eingeschätzt werden, ebenfalls einem traditionellen Muster untergeordnet werden: Fixiert man einen linearen Text als Gegenstand des Prozesses, so bietet der Text auch den Hintergrund, von dem der Leseprozess beurteilt werden kann. Zielloses Surfen kann nicht mit solchen Methoden erfasst werden. Es erfordert ebenfalls eine Form von Konzentration, zu der ich vorerst nur Ansätze skizzieren kann – Ergänzungen sind sehr willkommen:
Im richtigen Moment auf einen Link klicken.
Mehrere Medienformen in ihrem Verhältnis einschätzen.
Den Gehalt eines digitalen Angebots aufgrund von Metainformationen beurteilen können.
Sozial Lesen, also Auszüge, Links weiterverbreiten.
Suchfunktionen und Filter einsetzen können, um eine selektive Lektüre zu ermöglichen.
Beginnen wir bei einem aktuellen Beispiel: Als Abschluss der Lektüre von Thomas Glavinics Carl Haffners Liebe zum Unentschiedenließ ich eine Klasse einen Aufsatz schreiben (Auftrag als pdf). Eine Schülerin und ein Schüler war krank. Eine Woche drauf vergass ich, sie den Text nachschreiben zu lassen, zwei Wochen später war der Schüler auf einer Studienreise, die Schülerin schrieb den Aufsatz. Da mir die Distanz zur Lektüre zu groß scheint, findet für den Schüler nun keine Nachprüfung statt.
Diese Vorgehensweise scheint mir situativ sinnvoll zu sein. Es wäre eine künstliche Situation, ihn einen anderen Text schreiben zu lassen, nur damit ich ihm eine Note geben kann. Gleichzeitig gibt es aber Mitschülerinnen und Mitschüler, die unzufrieden sind: Für Nachprüfungen müsse es doch Regeln geben, sonst sei das nicht fair.
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass transparente Regeln für viele Menschen die Quelle von fairen Verfahren sind. Ein Rechtsstaat scheint ohne Gesetze kaum denkbar. Nur geht bei dieser Analogie schnell vergessen, dass diese Gesetze immer von Menschen ausgelegt werden – im Idealfall verhältnismäßig und situationsangepasst.
Das System der Schule – aber auch andere Gemeinschaften – tendieren dazu, situatives Handeln durch ein Regelgerüst zu ersetzen. Das ist aus meiner Sicht eine Falle, wie ich an einem anderen verbreiteten Problem aufzeigen möchte: Den Absenzen.
Auf Gymnasien sind Schülerinnen und Schüler oft in einem Alter, das Schwänzen als eine Alternative zum Schulbesuch attraktiv erscheinen lässt. Die nötige Cleverness vorausgesetzt, finden sie dazu meist Mittel und Wege. Ein massives Problem ist das an einigermaßen organisierten Schulen nicht: Nur ein Bruchteil der Schülerschaft (meine Schätzung: 5-15%) fallen der Versuchung des Absentismus anheim und schwänzen so intensiv, dass das für Lehrpersonen und Klassen zu einem Problem wird und ihren Lernerfolg gefährdet.
Nun gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Man ändert etwas am Absenzensystem oder vertraut auf eine situative Reaktion der Lehrpersonen. Was passiert im ersten Fall? Die notorischen Schwänzerinnen und Schwänzer passen sich ans neue System an, weil sie offenbar von Faktoren motiviert werden, welche das System nicht beeinflussen kann. Das System betrifft also nur die, welche kein Problem verursachen – weil sie sich nun an neue Regeln halten müssen.
Diese Tendenz zur Standardisierung habe ich aus anderen Gründen schon kritisiert. Sie ist eine permanente Versuchung: Missstände durch eine systematische Regeländerung aus der Welt zu schaffen. Nur entstehen diese Missstände, weil Menschen schon bereit sind, gegen Erwartungen und Regeln zu verstoßen. Warum sollte sie eine Änderung der Regeln veranlassen, ihr Verhalten zu ändern?
In der Schule gibt es eine Reihe von Beispielen:
Zuspätkommen.
Tragen von Mützen im Unterricht.
Kleidung/Stil der Lehrpersonen.
Essen und Trinken im Schulzimmer.
Problematische Bewertungsmethoden.
Mangelnde Qualität des Unterrichts.
Respektlose oder unmotivierte Klassen.
Mobbing.
Verhalten in sozialen Netzwerken.
In diesen Fällen hilft – so meine Meinung – nur ein situatives Handeln. Der Kontext ist relevant – das ist die Verbindung zu Social Media, weil er Bedeutungen von Handlungen erst festlegt. Wer ihn ausblendet, um ein Problem zu lösen, verhindert eine genaue Einschätzung des Problems.
Am 29. Oktober hielt ich an der Basler Bildungsmesse Didacta auf Einladung von Educa einen Vortrag mit dem Titel »Das Ende der Didaktik – wie Smartphones das schulische Lernen revolutionieren«. Im Folgenden einige schriftliche Gedanken zu meinen Thesen. Sie beziehen sich auf die Slideshare-Folien, entsprechende Nummern jeweils in runden Klammern.
Einleitung
Der Titel (1) und der Untertitel sind starke, provokative Formulierungen – die einen Kontrast zur Feststellung eröffnen, dass in den Schulen alles beim alten geblieben ist: Zwar sind digitale Geräte vorhanden, aber nach wie vor kommen bewährte Unterrichtsmethoden in traditionellen Räumen und standardisierten Klassengrößen zum Einsatz, »Stoff« wird vermittelt, Prüfungen messen den Lernerfolg und entscheiden über Übertritte an andere Schulen. Didaktik gibt es weiterhin, Smartphones haben das schulische Lernen kaum verändert. Noch immer gibt es »verbindliches Wissen«, von dem Bildungsskeptiker wie Konrad Paul Liessmann befürchten, die Kompetenzorientierung würde es zum Verschwinden bringen. Das »Ende« und die »Revolution«, von denen der Titel spricht, sind also vorerst Potentiale – um die der Vortrag kreist.
Die Folien (3-6) zeigen, dass die Tätigkeit am Smartphone oft abgewertet wird – sie wird als Zeitvertrieb betrachtet, als minderwertige Aktivität – obwohl es sich dabei für junge Menschen um das primäre Kulturzugangsgerät handelt.
1. Reales Lernen
Reales Lernen (9) sind die Lernformen, die nicht angeleitet oder institutionell begleitet werden, sondern aus eigenem Antrieb erfolgen. Dabei – so die Verallgemeinerung – werden Sachverhalte gesucht und dargestellt. Dazu werden wiederum Informationen benötigt, die wiederum mittels Suchverfahren gefunden werden. Suche und Darstellung können aus einer leicht verschobenen Perspektive auch als Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse verstanden werden. Wer lernt, tauscht sich mit anderen Lernenden oder Fachpersonen aus.
Theoretisch wird heute vorausgesetzt, dass Lernprozesse in Weltmodellen resultieren, die individuelle Unterschiede aufweisen (10), obwohl sie für meist ähnliche Erfahrungen verorten können – Lernen ist konstruktivistisch. Gleichzeitig erfolgt Lernen meist in Netzwerken, die Ressourcen für weitere Lernprozesse bereitstellen – es ist konnektivistisch (11).
2. Was müssen Jugendliche lernen?
Zu den fünf Kompetenzbereichen (13-16, 19) ist jeweils die Bedeutung der Digitalisierung hinzuzufügen: Das lässt sich bei der Arbeitswelt am einfachsten zeigen, wo Aufgaben von digital gesteuerten Maschinen nicht nur so erledigt werden, wie das Menschen könnten, sondern effizienter, zuverlässiger und mit Zusatznutzen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Schule heute zwar Fertigkeiten vermitteln kann, die auch Maschinen übernehmen könnten – dann aber Menschen etwas mitgibt, was sie im Beruf nicht mehr werden einsetzen können. Zentrale Kompetenzen sollten sich also damit beschäftigen, was Maschinen nicht werden leisten können. Ein wichtiger Weg dazu ist die Metakognition (14), wo rechnergestützte Verfahren viele Einsichten in eigene Lernprozesse ermöglichen können.
Soll in der Schule reales Lernen stattfinden, dann scheinen mir Fragen wie die in (22) entscheidend. Sie legen den Fokus auf das Interesse und die Neugierde der Lernenden, auf ihre Auseinandersetzung mit Sachverhalten. Zu meint Didaktik die Passung des Lernens an Rahmenbedingungen (23): Wie kann Lernen stattfinden, wenn sich 25 Kinder oder Jugendliche mit unterschiedlichsten Voraussetzungen gleichzeitig in einem Zimmer befinden und am Schluss einheitlich getestet werden? Oft wurde und wird das so gelöst, dass Sachverhalte, Suchverfahren, Darstellungsmethoden und Formen des Austausches von einer Lehrperson oder dem Lehrplan bestimmt würden.
Das Potential des Smartphones (24) liegt nun darin, dass alle Möglichkeiten schon in der Hosentasche vorhanden sind. Die Aufgabe der Schule wäre es im Idealfall, Lernumgebungen anzubieten, die Lernprozesse einfacher und reflektierter machen. Das betrifft auch den Medieneinsatz und die Mediennutzung.
Digitale Bildungsinitiativen tappen aus meiner Sicht immer wieder in zwei Fallen:
die Vorstellung, dass die Verfügbarkeit der Geräte eine Art didaktischen Rutsch auslöst, so dass alle mit neuen Geräten auch neu lernen (25) – was dann aber kaum passiert
die Nachbildung bekannter Verfahren in Apps, die dann zwar die Lehrperson entlasten, aber die Möglichkeiten des neuen Mediums gar nicht umsetzen.
Mit digitalen Mitteln selbst etwas lernen – zunächst ohne, auf bekannte Techniken zurückzugreifen (Bibliotheksbesuch etc.). Dann verstehen, was Jugendliche tun, indem man sie auf Instagram etc. beobachtet, ohne ihr Verhalten zu bewerten. Und schließlich sich mit anderen zu vernetzen, die ähnliche Themen bearbeiten.
Das Prinzip der Yik-Yak-App ist einfach: Wer sie auf seinem Smartphone installiert hat, kann ortsbezogen Kommentare lesen und abgeben. Komplett anonym. Was bei bestimmten Veranstaltungen oder speziellen örtlichen Gegebenheiten durchaus unterhaltsame oder positive Effekte haben könnte, wird an Schulen schnell missbraucht:
Ein Test der Wiler Nachrichten bei der Oberstufe Sonnenhof zeigt aber: Auch hier funktioniert «Yik Yak» tadellos. Und Nachrichten wie «kerim figgt müettere» oder «Herpes vo de Mensafrau wieder am eskaliere» bei der Kantonsschule Wil zeigen, dass auch in der Schweiz über solche Apps diskutiert werden sollte.
Die Forderung, man müsse über »solche Apps diskutieren«, greift meiner Meinung nach zu kurz. Die Frage, wie man mit der technischen Möglichkeit umgeht, anonyme Attacken und Hass zu streuen, ist eine Seite der Medaille. Die andere sieht die technische Umsetzung dieser Äußerungen als Symptom für Probleme, die auf einer sozialen Ebene debattiert werden müssen.
* * *
Anwalt Martin Steiger hat die technisch-juristische Lösung für das Problem, vor das Yik Yak Schulen stellt, bereits am Wochenende auf den Punkt gebracht:
Yik Yak seit einiger Zeit zumindest für Schulen mit Schülern unter 17 Jahren ein so genanntes Geofencing an:
Schulen können beantragen, dass die App an ihrem Standort und in der näheren Umgebung nicht mehr funktioniert. Dazu muss auf der Support-Seite von Yik Yak ein «Geofence Request» gestellt werden. Yik Yak versucht damit auch zu verhindern, dass es selbst in die Verantwortung genommen wird. In den USA sah sich Yik Yak nach zahlreichen Vorfällen sogar gezwungen, die Standorte aller Schulen von sich aus mittels Geofencing zu sperren.
Unabhängig davon besteht in der Schweiz immer die Möglichkeit, Strafanzeige wegen Cyberbullying zu erstatten. Die Ermittlung von Tätern ist bei einer App wie Yik Yak zwar aufwendig, aber nicht unmöglich. Für eine Strafanzeige bei der Polizei ist es notwendig, dass das Mobbing nachweisbar ist, beispielsweise mit Screenshots (Anleitung fürs iPhone).
Hier dürften Schulen nicht auf sich alleine gestellt sein. Gibt es einen demokratischen Konsens, dass man an Schulen diese Art von Meinungsäußerung technisch verunmöglichen will, kann es nicht Aufgabe der ohnehin schon belasteten Schulleitungen sein, bei jeder App Requests zu stellen. Das Angebot müsste eine schweizerische Fachstelle übernehmen, die politisch legitimiert ist und auch Druck auf entsprechende Anbieter ausüben kann.
* * *
Auch wenn es juristische und technische Maßnahmen gibt, um negative Auswirkungen solcher Apps einzudämmen, stellt sich doch die Frage nach der systemischen Funktion solcher Kommunikation. An der Kanti Zug gibt es seit Jahren eine Facebook-Seite für KSZ Confessions: Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen können anonym Gerüchte oder Geständnisse posten – die aber moderiert werden. So kann das Bedürfnis, auch negative Äußerungen anonym loswerden zu können, aufgegriffen werden, ohne dass Mobbing eine direkte Folge davon wäre.
Generell kann eine Schule als Organisation nicht denken, hässliche Äußerungen würden verschwinden, wenn sie in sozialen Netzwerken nicht mehr sichtbar sind. Was in Wil auf Yik Yak erscheint, gibt es an jeder Schule in zig WhatsApp-Gruppen. Würde WhatsApp verboten, ergäbe es eine neue Lösung für Jugendliche: Letztlich geht es um Kommunikation, die nicht juristisch oder technisch unterbunden werden kann, sondern nur kulturell. Zur Schulkultur muss Dialog gehören, das Führen von fairen, kritischen Gesprächen mit dem Bewusstsein, dass und wie Äußerungen andere verletzen. Diesen Dialog so ernst zu nehmen, wie das in Zug in einem inoffiziellen Projekt geschieht, ist sicher zielführender als das Vertrauen in technische oder juristische Schutzmaßnahmen, die immer so lange wirken, bis die nächste App auftaucht.
Und so sieht Yik Yak an der Kantonsschule Wettingen aus, wo ich unterrichte. Rechts die Anzahl Likes, unten die Replies, also die Antworten auf diesen Eintrag.
Meinungsfreiheit scheint ein klar definierter Begriff zu sein, zumal er ein juristisches Konzept umreißt und ein Menschenrecht oder Grundrecht darstellt.
Er ist aber aus einem einfachen Grund mehrdeutig: Weil Freiheit selbst ein vielschichtiges Konzept ist. Die Freiheit, die Meinung zu äußern, wird juristisch als negative Freiheit gefasst: Der Staat darf seine Macht oder Gewalt nicht dafür einsetzen, Meinungen zu unterdrücken. Das kann man liberale Meinungsfreiheit nennen: Die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, darf durch keine Form von Zwang eingeschränkt werden.
An diese Diskussion anschließend wird oft auf ein Missverständnis hingewiesen: Nur weil der Staat niemanden daran hindern dürfe, seine oder ihre Meinung zu äußern, bedeute das nicht, dass das Private nicht dürften. Das Grundrecht impliziert nicht, dass man Leserbriefe schreiben dürfe, Kommentare im Netz nicht gelöscht werden dürften oder soziale Netzwerke missliebige Inhalte nicht löschen dürften, weil sie die Meinungsäußerungsfreiheit gar nicht einschränken könnten.
Ein soziales Verständnis von Meinungsfreiheit zeigt aber, warum es sich hier nicht um ein Missverständnis handle, sondern um ein anderes Verständnis von Freiheit. Freiheit bedeutet in diesem Sinne, dass Menschen über Möglichkeiten verfügen, etwas zu tun. Unabhängig von staatlichen Einschränkungen geht es um die Verfügbarkeit von Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten. Meinungsäußerungsfreiheit bedeutet in diesem Sinne, seine Meinung so äußern zu können, dass sie gehört wird.
Um diese Freiheit zu garantieren, reicht es nicht, dass der Staat auf Zensur verzichtet. Es geht nicht einmal um Verbote oder Gesetze, sondern um soziale Strukturen. Wer den geschwätzigen Nachbarn ausblendet und ihm nicht mehr zuhört, schränkt seine Meinungsäußerungsfreiheit im ersten, liberalen Sinne nicht ein. Im sozialen aber sehr wohl: Diese Person verliert jemanden, der ihr zuhört.
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Poster Office for Emergency Management, 1942 – 1945. Wikimedia
Bezogen auf soziale Netzwerke hat Hakan Tanriverdi für die deutsche Wired notiert, wie verloren das erste Verständnis von Meinungsfreiheit in Bezug auf das zweite oft ist:
Es ist diese Dauerkonversation, die Facebook, Reddit und Twitter groß gemacht hat. Doch es sind auch gerade diese Netzwerke, auf denen der Ausstoß an Hass am größten ist. Wer will, kann Frauen mit Vergewaltigung drohen, Menschen rassistisch beleidigen und hat auch ansonsten jede Menge Platz für Ausbrüche. Denn gelöscht wird nichts: Facebook, Twitter und Reddit weigern sich, dagegen vorzugehen. Sie legitimieren den Hass, indem sie ihn aktiv zulassen und das mit free speech, also der Meinungsfreiheit begründen.
Wer hier sauber argumentiert und denkt, spielt das eine Verständnis nicht gegen das andere aus. Es ist unbestritten, dass liberale Meinungsäußerungsfreiheit die Grundlage jedes menschlichen Zusammenlebens ist: Ein demokratisch legitimiertes Gewaltmonopol darf Menschen in ihrer Meinungsäußerung nicht belangen. Gleichzeitig muss ebenso unbestritten sein, dass Menschen keine Angst haben dürfen, ihre Meinung zu äußern, sondern eine menschenwürdige Gemeinschaft soziale und liberale Meinungsäußerungsfreiheit gewähren muss.
Eigentlich wollte ich dieses Jahr bei einigen Tweets zur neuen Pro-Juventute-Kampagne belassen. Als mich Laurent Sedano am Montag aufforderte, meine Kritik doch auf dem Blog der Pro Juventute zu hinterlassen, fand ich das eine gute Idee. Kurz darauf erhielt ich eine Einladung der Kommunikationsabteilung, «die Gedanken und die Anliegen zum Thema aus Ihrer (=meiner) Perspektive in einem Beitrag auszuführen», der dann im Blog erscheinen könnte. Das tat ich am Montagabend. Heute erhielt ich die Antwort darauf: Gemeint wäre ein Beitrag zur «Thematik», nicht zur Kampagne gewesen. Da ich nicht den Anschein erwecken möchte, die Kampagne zu unterstützen, verzichte ich auf einen neuen Beitrag und publiziere den geschriebenen hier.
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Pro Juventute lanciert die dritte digitale Kampagne, seit ich medienpädagogische Fragestellungen erforsche und Schulen dabei berate. Jede dieser Kampagnen habe ich mit gemischten Gefühlen begleitet: Cybermobbing, Sexting und der soziale Druck, der durch die erhöhte Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken entstehen kann, sind Themen, über die Eltern und Jugendliche zu wenig wissen. Aber die Art, wie sie in den Kampagnen präsentiert wurden und werden, eignet sich nicht für Aufklärung. An dieser Stelle muss ich präziser werden: Pro Juventute bietet qualitativ hervorragende Merkblätter an, deren Informationen auf dem aktuellen Stand sind. Dasselbe gilt für die Hotline 147: Zwar sind nicht alle Beraterinnen und Berater medienpädagogisch gleich beschlagen, aber sie hören Jugendlichen mit Problemen zu und weisen sie auf Handlungsmöglichkeiten hin. Das ist ein enorm wichtiges Angebot.
Gleichwohl vermitteln die Kampagnen, mit denen Pro Juventute in den Medien mit Werbung, Interviews und Presseinformationen auftritt, eine verzerrte Botschaft. Im aktuellen Beispiel zeigt das schon der Titel: «Echtes Leben». Beatrix Wagner, Pro-Juventute-Beraterin, schreibt in ihrem Blogbeitrag als Fazit: «Im realen Kontakt mit seinen Mitmenschen kann man der Scheinwelt am besten aus dem Weg gehen. Einige spüren es früher als andere, dass der Blick aufs Handy nicht nur gut tut.» Kommunikation mit dem Handy ist für Jugendliche real. Chatten ist das echte Leben, weil zum echten Leben auch virtuelle Gespräche gehören. Diese Einsicht hängt nicht davon ab, ob diese Gespräch per Telefon, Brief, SMS oder WhatsApp geführt werden.
Pro Juventute propagiert einen Digitalen Dualismus, der weit verbreitet ist: Er trennt das «echte Leben» von dem, was sich an Bildschirmen abspielt. So werden Vorurteile verstärkt, die verhindern, dass sich Erwachsene mit Jugendlichen über ihre Mediennutzung unterhalten. Sie verurteilen alles, was sich an diesen Smartphones abspielt, als wertlos – egal, ob darauf Bücher gelesen oder die Zeit vertrieben wird.
Entscheidend ist, dass Jugendliche im offenen Gespräch Wertschätzung für ihre Stärken und Beratung bei Schwierigkeiten erfahren. Sie dürfen mit ihren Geräten nicht alleine gelassen werden, weil sie zwar darauf schnell rumdrücken können, aber – wie Erwachsene auch – vieles nicht verstehen, weil die Welt der Neuen Medien enorm schnell und trügerisch ist.
Das ist ein Punkt, bei dem ich bezweifle, ob diese Kampagne wirklich aufklärerisch wirken kann. Der zweite besteht darin, dass die meisten Jugendliche ganz ähnlich sozialisiert werden, wie das bei der Generation ihrer Eltern und ihrer Grosseltern der Fall war. Selbstverständlich verändert Technologie Bedingungen des Heranwachsens. Bislang hat sie aber zu keinem Bruch geführt. Die Verfügbarkeit von Mobilität, die schwerere Zugänglichkeit unberührter Natur und gesellschaftliche Veränderungen (z.B. in der Arbeitswelt) sind ebenso gewichtige Faktoren wie die Mediennutzung. Jugendliche stehen unter Druck. Soziale Netzwerke können ihn verstärken, wie sich bei drastischen Fällen von selbstschädigendem Verhalten, einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper oder verschiedenen Arten von Abhängigkeiten immer wieder deutlich wird. Aber wir haben es nicht mit einer Generation zu tun, die durch ihre Mediennutzung massiv geschädigt wird – genau so wenig, wie frühere Generationen durch Bravo, Popmusik oder Privatfernsehen in ihrer Lebensqualität eingeschränkt wurde. Gefährdet sind Kinder und Jugendliche aus instabilen Verhältnissen und solche mit Problemen. Auch wenn fast alle in jeder freien Minute ihr Smartphone zücken, so ist das kein Anlass zur Beunruhigung. Sie leben ein echtes Leben. Sie haben Freunde – darum sind sie ständig am Handy. Sie verstehen Inszenierung als ein lustvolles Spiel, das sie selbst gern spielen und bei dem sie anderen zuschauen.
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Eine Bemerkung zur Reaktion meiner Klasse auf die Pro-Juventute-Kampagne:
D. wurde heute nur noch «Fame» genannt. Er ist auf einem der Pro-Juventute-Plakate zu sehen. Weil sein Bild im Netz und in 20Minuten erschien, hat er sich diesen «Fame» so sehr verdient, dass er sich in ihn verwandelt hat: «Fame» wurde zu seinem Namen. Die Zuschreibung von «Fame» erfolgt mit einem bewundernd-ironischen Unterton. Es ist nicht immer cool, bekannt zu sein, weil es ein Zeichen dafür ist, dass man sich zu sehr um sein Image kümmert. Und doch wissen Jugendliche, wie schwierig es sein kann, sich einen Namen zu machen. Untersuchungen zeigen, dass sowohl sehr wenige wie auch sehr viele Kontakte (auf Instagram oder Facebook) zu Wertschätzung führen: Wenige bedeuten, dass man Informationen nur mit engen Freunden teilt, viele, dass man Bilder oder Inhalte erschafft, die Verbreitung finden. So sind Jugendliche in vielen Urteilen differenziert, sie akzeptieren den Schein nicht für Sein, aber kennen seinen Wert. D. verdient Respekt, weil er ein guter Schauspieler ist, auf den Bildern toll aussieht und eigenes Geld verdient hat. Und doch gab es auch kritische Stimmen, die nicht verstehen, wofür er denn hier genau den Kopf hinhält. «Ich dachte, es gehe um Facebook und so – dabei trinken die doch Alkohol. Was ist nun das wirkliche Problem?»
Die Forderung, Bildung müssen zu vergleichbaren Resultaten führen, erhält immer mehr Gewicht. Es gibt zwei Komplexe, aus denen Gründe bezogen werden:
Schnittstellen scheinen besser zu funktionieren, wenn der »Input« und der »Output« bekannt sind (damit wären dann die Kompetenzen von Lernenden gemeint, die voraussetzbar bzw. erwartbar sein können) – diese Schnittstellen gibt es innerhalb des Bildungssystems und an seinen Grenzen zur Wirtschaft bzw. Gesellschaft.
Das System scheint mit Standards besser zu optimieren, weil Schwachstellen erkennbar werden. Welche Schulen, welche Lehrpersonen, welche Unterrichtsmaterialen sind in der Lage, die geforderten Standards zu erreichen – und welche nicht?
Standardisierung scheint auch so etwas wie common sense zu sein: Man müsse doch sagen können, was jemand zu leisten imstande ist, der oder die Französisch / Physik / Geografie gelernt habe?
Denkt man nun über diese Frage vertieft nach, wird ein erster Widerspruch des Strebens nach Bildungsstandards offensichtlich: Lernen funktioniert nach psychischen und gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die sich einer Objektivierung entziehen. Die Lernpsychologie weiß, dass Relevanz subjektive und soziale Kriterien erfüllen muss. Kurz: Was ein Individuum lernt, hängt von seinem Weltbild und seinen Beziehungen ab. Es gibt nicht Französisch / Physik / Geografie an sich, sondern nur im Verhältnis zu diesem Weltbild und diesen Beziehungen. Lernen ist ein zutiefst individueller Vorgang.
Zweiter Widerspruch: Bildung soll nicht nur auf das Berufsleben vorbereiten, sondern auch auf das gesellschaftliche. Gebildete Menschen sollten Verantwortung übernehmen können, innovativ sein und sich solidarisch für eine lebenswerte Gesellschaft einsetzen. Diese Vorstellungen vertragen sich schlecht mit standardisierten Kompetenzen. Sie ergeben wie Lernziele nur situativ und personenbezogen einen Sinn. Zudem können sie in einem System, in dem die Politik oder Fachleute bestimmen, was gelernt werden soll, kaum ausgebildet werden: Wie soll beispielsweise Verantwortung erworben werden, wenn nicht einmal das eigene Lernen der Verantwortung der Menschen übergeben werden kann?
Das dritte Problem betrifft die Arbeitswelt der Zukunft. Digitalisierung verändert, wie Menschen arbeiten. Kurz: Momentan wird automatisiert, was automatisiert werden kann. Und das sind standardisierte Abläufe. Wenn also das Bildungssystem Standards vermittelt, dann bildet es Menschen aus, die das können, was Maschinen in wenigen Jahren auch können werden.
* * *
Nachbemerkung: Ich denke nicht, das so genannte Basiskompetenzen von diesem Problem gleichermaßen betroffen sind. Es ist durchaus möglich, bestimmte Lernabschnitte zu definieren und Lernende daran zu messen (z.B. die Beherrschung der deutschen Orthographie, das Verstehen der 1000 wichtigsten Wörter des Englischen etc.). Aber letztlich ist es eine Illusion, zu messen, wie gut Menschen komplexe Probleme bearbeiten können.