»Das echte Leben« am Bildschirm – zur neuen Pro-Juventute-Kampagne

Eigentlich wollte ich dieses Jahr bei einigen Tweets zur neuen Pro-Juventute-Kampagne belassen. Als mich Laurent Sedano am Montag aufforderte, meine Kritik doch auf dem Blog der Pro Juventute zu hinterlassen, fand ich das eine gute Idee. Kurz darauf erhielt ich eine Einladung der Kommunikationsabteilung, «die Gedanken und die Anliegen zum Thema aus Ihrer (=meiner) Perspektive in einem Beitrag auszuführen», der dann im Blog erscheinen könnte. Das tat ich am Montagabend. Heute erhielt ich die Antwort darauf: Gemeint wäre ein Beitrag zur «Thematik», nicht zur Kampagne gewesen. Da ich nicht den Anschein erwecken möchte, die Kampagne zu unterstützen, verzichte ich auf einen neuen Beitrag und publiziere den geschriebenen hier. 

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Pro Juventute lanciert die dritte digitale Kampagne, seit ich medienpädagogische Fragestellungen erforsche und Schulen dabei berate. Jede dieser Kampagnen habe ich mit gemischten Gefühlen begleitet: Cybermobbing, Sexting und der soziale Druck, der durch die erhöhte Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken entstehen kann, sind Themen, über die Eltern und Jugendliche zu wenig wissen. Aber die Art, wie sie in den Kampagnen präsentiert wurden und werden, eignet sich nicht für Aufklärung. An dieser Stelle muss ich präziser werden: Pro Juventute bietet qualitativ hervorragende Merkblätter an, deren Informationen auf dem aktuellen Stand sind. Dasselbe gilt für die Hotline 147: Zwar sind nicht alle Beraterinnen und Berater medienpädagogisch gleich beschlagen, aber sie hören Jugendlichen mit Problemen zu und weisen sie auf Handlungsmöglichkeiten hin. Das ist ein enorm wichtiges Angebot.

Gleichwohl vermitteln die Kampagnen, mit denen Pro Juventute in den Medien mit Werbung, Interviews und Presseinformationen auftritt, eine verzerrte Botschaft. Im aktuellen Beispiel zeigt das schon der Titel: «Echtes Leben». Beatrix Wagner, Pro-Juventute-Beraterin, schreibt in ihrem Blogbeitrag als Fazit: «Im realen Kontakt mit seinen Mitmenschen kann man der Scheinwelt am besten aus dem Weg gehen. Einige spüren es früher als andere, dass der Blick aufs Handy nicht nur gut tut.» Kommunikation mit dem Handy ist für Jugendliche real. Chatten ist das echte Leben, weil zum echten Leben auch virtuelle Gespräche gehören. Diese Einsicht hängt nicht davon ab, ob diese Gespräch per Telefon, Brief, SMS oder WhatsApp geführt werden.

Pro Juventute propagiert einen Digitalen Dualismus, der weit verbreitet ist: Er trennt das «echte Leben» von dem, was sich an Bildschirmen abspielt. So werden Vorurteile verstärkt, die verhindern, dass sich Erwachsene mit Jugendlichen über ihre Mediennutzung unterhalten. Sie verurteilen alles, was sich an diesen Smartphones abspielt, als wertlos – egal, ob darauf Bücher gelesen oder die Zeit vertrieben wird.

Entscheidend ist, dass Jugendliche im offenen Gespräch Wertschätzung für ihre Stärken und Beratung bei Schwierigkeiten erfahren. Sie dürfen mit ihren Geräten nicht alleine gelassen werden, weil sie zwar darauf schnell rumdrücken können, aber – wie Erwachsene auch – vieles nicht verstehen, weil die Welt der Neuen Medien enorm schnell und trügerisch ist.

Das ist ein Punkt, bei dem ich bezweifle, ob diese Kampagne wirklich aufklärerisch wirken kann. Der zweite besteht darin, dass die meisten Jugendliche ganz ähnlich sozialisiert werden, wie das bei der Generation ihrer Eltern und ihrer Grosseltern der Fall war. Selbstverständlich verändert Technologie Bedingungen des Heranwachsens. Bislang hat sie aber zu keinem Bruch geführt. Die Verfügbarkeit von Mobilität, die schwerere Zugänglichkeit unberührter Natur und gesellschaftliche Veränderungen (z.B. in der Arbeitswelt) sind ebenso gewichtige Faktoren wie die Mediennutzung. Jugendliche stehen unter Druck. Soziale Netzwerke können ihn verstärken, wie sich bei drastischen Fällen von selbstschädigendem Verhalten, einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper oder verschiedenen Arten von Abhängigkeiten immer wieder deutlich wird. Aber wir haben es nicht mit einer Generation zu tun, die durch ihre Mediennutzung massiv geschädigt wird – genau so wenig, wie frühere Generationen durch Bravo, Popmusik oder Privatfernsehen in ihrer Lebensqualität eingeschränkt wurde. Gefährdet sind Kinder und Jugendliche aus instabilen Verhältnissen und solche mit Problemen. Auch wenn fast alle in jeder freien Minute ihr Smartphone zücken, so ist das kein Anlass zur Beunruhigung. Sie leben ein echtes Leben. Sie haben Freunde – darum sind sie ständig am Handy. Sie verstehen Inszenierung als ein lustvolles Spiel, das sie selbst gern spielen und bei dem sie anderen zuschauen.

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Eine Bemerkung zur Reaktion meiner Klasse auf die Pro-Juventute-Kampagne:

D. wurde heute nur noch «Fame» genannt. Er ist auf einem der Pro-Juventute-Plakate zu sehen. Weil sein Bild im Netz und in 20Minuten erschien, hat er sich diesen «Fame» so sehr verdient, dass er sich in ihn verwandelt hat: «Fame» wurde zu seinem Namen. Die Zuschreibung von «Fame» erfolgt mit einem bewundernd-ironischen Unterton. Es ist nicht immer cool, bekannt zu sein, weil es ein Zeichen dafür ist, dass man sich zu sehr um sein Image kümmert. Und doch wissen Jugendliche, wie schwierig es sein kann, sich einen Namen zu machen. Untersuchungen zeigen, dass sowohl sehr wenige wie auch sehr viele Kontakte (auf Instagram oder Facebook) zu Wertschätzung führen: Wenige bedeuten, dass man Informationen nur mit engen Freunden teilt, viele, dass man Bilder oder Inhalte erschafft, die Verbreitung finden. So sind Jugendliche in vielen Urteilen differenziert, sie akzeptieren den Schein nicht für Sein, aber kennen seinen Wert. D. verdient Respekt, weil er ein guter Schauspieler ist, auf den Bildern toll aussieht und eigenes Geld verdient hat. Und doch gab es auch kritische Stimmen, die nicht verstehen, wofür er denn hier genau den Kopf hinhält. «Ich dachte, es gehe um Facebook und so – dabei trinken die doch Alkohol. Was ist nun das wirkliche Problem?»

Bildung und Standardisierung – ein dreifacher Widerspruch

Die Forderung, Bildung müssen zu vergleichbaren Resultaten führen, erhält immer mehr Gewicht. Es gibt zwei Komplexe, aus denen Gründe bezogen werden:

  1. Schnittstellen scheinen besser zu funktionieren, wenn der »Input« und der »Output« bekannt sind (damit wären dann die Kompetenzen von Lernenden gemeint, die voraussetzbar bzw. erwartbar sein können) – diese Schnittstellen gibt es innerhalb des Bildungssystems und an seinen Grenzen zur Wirtschaft bzw. Gesellschaft.
  2. Das System scheint mit Standards besser zu optimieren, weil Schwachstellen erkennbar werden. Welche Schulen, welche Lehrpersonen, welche Unterrichtsmaterialen sind in der Lage, die geforderten Standards zu erreichen – und welche nicht?

Standardisierung scheint auch so etwas wie common sense zu sein: Man müsse doch sagen können, was jemand zu leisten imstande ist, der oder die Französisch / Physik / Geografie gelernt habe?

Denkt man nun über diese Frage vertieft nach, wird ein erster Widerspruch des Strebens nach Bildungsstandards offensichtlich: Lernen funktioniert nach psychischen und gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die sich einer Objektivierung entziehen. Die Lernpsychologie weiß, dass Relevanz subjektive und soziale Kriterien erfüllen muss. Kurz: Was ein Individuum lernt, hängt von seinem Weltbild und seinen Beziehungen ab. Es gibt nicht Französisch / Physik / Geografie an sich, sondern nur im Verhältnis zu diesem Weltbild und diesen Beziehungen. Lernen ist ein zutiefst individueller Vorgang.

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Anatasia May, 500px

Zweiter Widerspruch: Bildung soll nicht nur auf das Berufsleben vorbereiten, sondern auch auf das gesellschaftliche. Gebildete Menschen sollten Verantwortung übernehmen können, innovativ sein und sich solidarisch für eine lebenswerte Gesellschaft einsetzen. Diese Vorstellungen vertragen sich schlecht mit standardisierten Kompetenzen. Sie ergeben wie Lernziele nur situativ und personenbezogen einen Sinn. Zudem können sie in einem System, in dem die Politik oder Fachleute bestimmen, was gelernt werden soll, kaum ausgebildet werden: Wie soll beispielsweise Verantwortung erworben werden, wenn nicht einmal das eigene Lernen der Verantwortung der Menschen übergeben werden kann?

Das dritte Problem betrifft die Arbeitswelt der Zukunft. Digitalisierung verändert, wie Menschen arbeiten. Kurz: Momentan wird automatisiert, was automatisiert werden kann. Und das sind standardisierte Abläufe. Wenn also das Bildungssystem Standards vermittelt, dann bildet es Menschen aus, die das können, was Maschinen in wenigen Jahren auch können werden.

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Nachbemerkung: Ich denke nicht, das so genannte Basiskompetenzen von diesem Problem gleichermaßen betroffen sind. Es ist durchaus möglich, bestimmte Lernabschnitte zu definieren und Lernende daran zu messen (z.B. die Beherrschung der deutschen Orthographie, das Verstehen der 1000 wichtigsten Wörter des Englischen etc.). Aber letztlich ist es eine Illusion, zu messen, wie gut Menschen komplexe Probleme bearbeiten können.  

Internet-Optimismus ist gleich schwierig wie wichtig

My animating belief is that politicians and bullshitters and ideologues have taken the idea of societal change and replaced it with a particular notion of technology as the only or main causal mechanism in history. Somehow, we’ve been convinced that only machines and corporations make the future, not people and ideas.

Der Gedanke, den Alexis Madrigal als eine Art Manifest formuliert, wird in Bezug auf das Internet kaum noch gedacht: Es wird nicht als das gesehen, was ich verkürzt »digitale Kommunikation« nenne – also das Resultat eines Bedürfnisses von Menschen, anderen Menschen etwas mitzuteilen und ihnen ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Zu Recht: Die enormen Investitionen, welche den Aufbau dieser Infrastruktur ermöglicht haben, wurden nicht von wohltätigen NGOs getätigt, sondern von Unternehmen, die einen Profit erwarten. Wir seien das Produkt im Internet, wird uns immer wieder klar gemacht, wenn wir einen Moment lang über die Möglichkeiten staunen, die unsere Smartphones bereit halten: Wir können zwar Google Maps nutzen, zahlen aber dafür mit »Daten«! Facebook verkauft unsere Freundeslisten an Werbekunden. Twitter »missbraucht« unsere Aktivitäten, um uns Inhalte anzuzeigen, die wir gar nicht sehen wollen. Snapchat verspricht, keine Bilder und Videos zu archivieren, »verliert« aber mehrere 100’000 solcher Bilder. Täglich können wir – wenn wir uns dafür noch interessieren – erfahren, wie Unternehmen im Netz Prinzipien missachten, das Gesetz umgehen und unsere Netzkommunikation zu Geld machen.

Dabei ist das die Spitze des Eisbergs: Amerikanische Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste können unsere Daten abfangen, die verwendeten Verschlüsselungen knacken und auf die Mikrofone und Kameras zugreifen, die wir nutzen. Was andere Regierungs- und Militärorganisationen können und machen, wissen wir kaum. Die Freiheit des Netzes entpuppt sich als das Trugbild, hinter dem sich totalitäre Überwachungsmethoden verstecken.

Und auch dort, wo Menschen scheinbar offen digitale Räume im Netz gestalten können, vertreiben sie Schwächere und Andersdenkende mit perfiden Methoden, lassen ihrem Hass freien Lauf und quälen Unschuldige. Hat Adam Thierer 2010 in einem zweiteiligen Essay (Teil 1, Teil 2, beide pdf) noch für Internet Optimismus plädiert und gezeigt, wie sich die Argumente der beiden Seiten unterschieden, hat sich der Pessimismus flächendeckend durchgesetzt.

Thierer, Teil 1, S. 67
The Case for Internet Optimism, Teil 1, S. 67

So erstaunt es nicht, dass in den Feuilletons der deutschsprachigen Zeitungen ein langweiliger Kulturpessimismus vorherrscht, wenn es um Neue Medien geht. Vielleicht müsste man präziser von einem Technikpessimismus sprechen. Es scheint, als hätten diejenigen Teile der Gesellschaft, die aufs Netz zugreifen (können), eine riesige Chance vergeben. Ein Vorgang, für den die Piratenpartei im politischen Bereich als trauriges Symbol gelten muss.

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Und doch sind »wir« – eben, die Menschen, die auf Netz zugreifen können – ständig online. Alkoholkranke trinken auch weiter, obwohl sie wissen, dass sie sich damit vergiften, können Pessimistinnen und Pessimisten schnell einwenden. Aber der Vergleich ist schief:

  1. Trotz aller Mühen der Presseleute, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden, war ich noch nie so gut informiert wie heute. Ich lese täglich tiefschürfende Beiträge zu Kultur, Politik und Sport – auf die mich mein Netzwerk hinweist.
  2. Ich nehme an Debatten teil, die mich betreffen und interessieren.
  3. Von zuhause auf greife ich auf mehr Bücher, Filme und andere Medien zu, als jede Bibliothek in meiner Nähe in ihrer Sammlung hat.
  4. Ich tausche mich regelmäßig mit Fachleuten aus, die sich in meinen Arbeitsschwerpunkten auskennen.
  5. Aus dem Netz sind viele Freundschaften entstanden; bestehende werden digital gepflegt.

Die Liste könnte verlängert werden. Ihr Fazit: Müsste ich auf digitale Kommunikation verzichten, bedeutete das eine gravierende Einschränkung meiner Lebensqualität. Und ich bin mit dieser Einschätzung nicht allein. Will ich dafür einstehen, dass der freiere und schnellere Fluss von Information, der das Internet mit sich gebracht hat, ein Fortschritt ist, so muss ich Optimist bleiben.

Nun ist das Resultat der Überlegungen nicht, dass das Internet Vor- und Nachteile hat oder dass man es positiv oder negativ sehen kann. Die Vorteile sind seine Nachteile, es ist positiv und negativ zugleich. Wer das Internet nicht naiv sieht, ist Optimist und Pessimist zugleich. Ich weiß, wie unerträglich die politische Ohnmacht gegenüber Massenüberwachung und die kapitalistische Vereinnahmung von Kommunikation sind; mir ist bewusst, dass Menschen (digitale) Rede- und Meinungsfreiheit immer auch dazu benutzen, zu Hass und Gewalt aufzurufen. Und dennoch bin ich nicht bereit, die positiven Auswirkungen zu leugnen.

Wer einfache Lösungen verspricht, versteht nicht, wie verstrickt gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aspekte im Netz sind. Nur: Das zeichnet das Internet nicht einmal aus. Jede Frage, über die es sich nachzudenken lohnt, erweist sich als eine Vermischung verschiedener Perspektiven und lässt jeden Vorschlag einer einfachen Lösung als unüberlegt erscheinen. Vielleicht reicht das ja auch als Grund aus, um pessimistischer Netzoptimist zu bleiben: Das Projekt Internet ist ein spannendes Problem.

what if, xkcd
what if, xkcd

 

 

Warum ich meine Trolle füttere

Seit meine Online-Präsenz eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zieht, ruft sie Trolle auf den Plan. Ich habe aufgehört, sie Trolle zu nennen – weil der Begriff als Beleidigung oder Abwertung wahrgenommen wird. Das kann ich gut nachvollziehen. Hinter den Trollen im Netz stecken Menschen, die bestimmte Anliegen vertreten. Kürzlich hat die FAZ mit dem Titel »Ich bin der Troll« über Uwe Ostertag berichtet – einen Menschen, der viel Zeit damit verbringt, Kommentare auf Newsportale zu hinterlassen. Seine Reaktion darauf zeigt deutlich, dass er sich selbst gerade nicht als Troll bezeichnen würde, aber nicht zögert, den Artikelautor, Timo Steppat, einen Troll zu nennen.

Ich möchte den Begriff kurz kommentieren, bevor ich auf mein Verhältnis zu meinen Trollen eingehe. Trollen bedeutet generell, Kommunikationsabläufe zu stören und Menschen daran zu hindern, so mit anderen im Gespräch zu bleiben, wie sie das gerne möchten.

In einem Aufsatz über Trolle in der Schule (pdf) habe ich vier Ebenen unterschieden, die nötig sind, um trolliges Verhalten zu beschreiben:

  1. Eine Kommunikationssituation, deren implizite und explizite Regeln Trolle ausnutzen können.
  2. Eine Absicht des Trolls, die nicht zu den Regeln passt und verschleiert wird. Der Troll tut, als würde er sich an die Kommunikationssituation anpassen, um sich gegen Kritik zu immunisieren.
  3. Ein Gegenüber, das auf die Trollaktionen reagiert. Man könnte es auch das Opfer des Trolls nennen.
  4. Anschlusshandlungen: Der Troll muss eine Art Profit aus seiner Trollerei ziehen können, indem er andere darauf aufmerksam macht. Aber auch Betroffene reagieren oft auf das Getrollt werden, was dann wiederum Anlass für weitere Trollkommunikation bietet.

Die klassischen Trolle bei 4chan gaben als ihre Absicht an, lulz erzeugen zu wollen – ein schadenfreudiges digitales Lachen. Diese Absicht scheint mir aber für Trollverhalten nicht nötig zu sein: Wie Kathy Sierra, selbst Opfer massivster Troll-Übergriffe, in einem lesenswerten Blogpost schreibt, gibt es durchaus Trolle, die hehre Absichten verfolgen.

Sierra entwickelt eine Theorie, was das Trollen auslöst: Der Kool-Aid-Point. Er wird dann erreicht, wenn eine Person oder eine Marke eine Wirkung auf ein Publikum entfalten kann (US-engl. to drink the Kool-Aid = an etwas glauben, ohne es kritisch zu hinterfragen). Trolle wollen diese Wirkung verhindern, weil sie der Meinung sind, die Aufmerksamkeit sei nicht verdient, sie werde von denen abgezogen oder gar gestohlen, denen sie zukommen sollte.

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Ist der Kool-Aid-Punkt überschritten, gibt es drei verbreitete Möglichkeiten, auf die Trolle zu reagieren, hält Sierra fest:

  1. Auf Netzkommunikation verzichten.
  2. Sie ignorieren.
  3. Gegen die Trolle ankämpfen.

Die Trolle nicht zu füttern (2.), scheint die einzige Möglichkeit zu sein, die das Problem löst. Letztlich führt sie aber genau dazu, dass die Trolle zu schädlicheren Methoden greifen, um zu verhindern, dass andere die Kool-Aid trinken können. Fazit:

That’s right, in the world we’ve created, once you’ve become a Koolaid-point target they always win. Your life will never be the same, and the harassers will drain your scarce cognitive resources.

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Im Vergleich zu Sierra, die zusammen mit ihren Angehörigen massiven Übergriffen und Unterstellungen ausgesetzt war und ist, verdienen die Probleme, die meine Trolle verursachen, keine Beachtung. Aufgrund meiner Zugehörigkeit zur Gruppe der »Default Men« bin ich massiv privilegiert: Ich werde unterstützt, meine Arbeit wird geschätzt und mein Charakter kaum infrage gestellt. Ich könnte es mir erlauben, meine Trolle zu ignorieren. Dennoch tue ich das nicht und werde immer wieder gefragt, warum ich den Dialog mit ihnen aushalte und dafür Zeit und Energie verschwende. Darauf möchte ich im Folgenden kurz antworten.

(Zunächst aber noch eine Bemerkung zum Plural: Meine Aktivitäten haben immer wieder andere Trolle angezogen. Einige ermüden, anderen bleiben länger dabei. Mehr als drei haben mich nie gleichzeitig beschäftigt.)

  1. Trolle fordern einen Widerspruch zu eigenen Prinzipien heraus: Sie wollen einen an einen Punkt bringen, an dem man etwas tut, was man nie tun wollte – um das dann wiederum gegen einen zu verwenden. Ich halte den offenen Dialog für etwas Wichtiges, ja Entscheidendes: Wenn ich ihn Menschen verweigere, weil ich sie für Trolle halte, hätte ich genau diesen Punkt erreicht.
  2. Trolle weisen einen auf Schwächen hin: Auf eigene und auf solche der Systeme, in denen man sich bewegt. Sie machen Erwartungen und Regeln sichtbar, sie sind quasi das Äußere der Kommunikationssituationen, in denen man sich häufig befindet.
  3. Ich habe zwar gelernt Spiele zu verlieren – das konnte ich lange Zeit nicht, aber ich kann Spielherausforderungen kaum ablehnen. Die gehen von Trollen aus. Ich bin wohl psychologisch anfällig darauf, mich auf ihre Aktionen einzulassen.
  4. Sierra nennt die Trolle, die ihr Leben zur Hölle gemacht haben, Sociopaths, pathologisiert sie also, indem sie ihnen eine Persönlichkeitsstörung zuweist. Das mag für die Trolle, mit denen sie zu tun gehabt hat, durchaus zutreffen – in meinem Fall weigere ich mich aber, den Menschen, die als Trolle agieren, die Fähigkeit abzusprechen, ihr Verhalten zu hinterfragen und zu ändern. Deshalb möchte ich sie als Gesprächspartner behandeln, nicht als Kranke.

Die entscheidende Fähigkeit von geschulten Trollen ist es, zunächst Unbeteiligte zu verführen, ihren Aussagen zu glauben und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Bösartige Trolle beabsichtigen – und anderen – oft auch Cybermobbing. Gelingt ihnen das, dann sind sie ein ernsthaftes Problem, das Gesellschaften lösen müssen. Wenn Menschen vertrieben, bedroht und geschädigt werden, ist »trolling« dafür ein zu nettes Wort – zumal es keine Möglichkeit gibt, die Polizei oder andere staatliche Akteure einzuschalten. »We are on our own«, schreibt Sierra. Solidarität ist das einzige, was bleibt. Diese brauche ich nicht. Ich könnte tun, als gäbe es meine Trolle nicht. Das ist ein enormes Privileg.

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Wir sollten von Trollen sprechen, aber in einem genauen Sinn. Einander das Wort als Beleidigung um die Ohren zu hauen, bringt wenig. Aber zu beschreiben, welche Methoden genutzt werden, um das Ansehen von missliebigen Personen zu beschmutzen, ist gerade deshalb wichtig, weil diese von Trollen ausgegrenzten unsere Solidarität nötig haben und wir alle versucht sind, den Verführungen der Trolle nachzugeben.

Am digitalen Dualismus gescheitert – eine Werbekampagne der Post

»Was schreibst du lieber in einem Brief?«, fragt die Schweizer Post die Bevölkerung in einer großen Werbekampagne. Auf der Seite leben-offline.ch doppelt sie nach:

Es ist schöner, einen liebevollen, emotionalen Brief zu erhalten als eine SMS oder eine E-Mail. Und es macht auch mehr Freude, einen solchen zu verschicken. Schreib uns, was du lieber in einem Brief sagst.
Übrigens: Deine Botschaft kannst du auch teilen – über Facebook, Twitter oder E-Mail.

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Es ist unklar, wie sich das Scheitern dieser Kampagne am deutlichsten manifestiert:

  1. Sind es die Computer-Schriftarten, mit denen eine Handschrift simuliert werden soll – weil offenbar selbst die Post, wenn es wichtig ist, eben nicht offline, sondern online schreibt?
  2. Ist es die Tatsache, dass die Offline-Kampagne über eine Homepage mit der Adresse leben-offline.ch läuft – das Offline-Leben also nur online vermittelt werden kann?
  3. Ist es der Aufruf an das Publikum, der Post zu »schreiben« und die Botschaft zu »teilen« – und damit rein digitale Tätigkeiten zu meinen?
  4. Oder ist es die Tatsache, dass einfach niemand mitmacht, und die ganze Galerie auf der Seite mit Beispielen der Werbeagentur selbst gefüllt ist, alle Beispiele mit Computer Fonts in dasselbe Arrangement auf einem Tisch abfüllt werden? (Und wer würde in einem Brief ernsthaft schreiben, dass »keine E-Mail der Welt eine solche Tiefe« zeigt?) [Korrektur am 6. Oktober 2014]. Bildschirmfoto 2014-10-05 um 11.39.41

Kurz: Die Post ist am digitalen Dualismus gescheitert: Sie nahm an, Online- und Offline-Kommunikation gegeneinander ausspielen zu können – und brachte nicht einmal die Werbeagentur Koch Kommunikation dazu, offline einen Brief zu schreiben.

Das Leben ist weder offline noch online, weil wir als Menschen einen Körper haben, der offline ist, und ein Hirn, das online ist. Dass ein analoger Brief heute einen Distinktionsgewinn aufweist, weil er auf das verzichtet, was digitale Kommunikation effizient macht, ist völlig klar. Das ist auch der schlaue Ansatz der Kampagne. Aber leben tun wir deswegen nicht offline. Nie mehr.

Sicherheit im Netz – Gedanken zur Arbeit mit Jugendlichen

Diese Woche habe ich mit mehreren Klassen (9./10. Schuljahr) einen »Internet Safety«-Workshop durchgeführt (Slides gibt es hier). Statt mich vorzustellen, habe ich damit begonnen, die Schülerinnen und Schüler herausfinden zu lassen, welche Informationen sie über mich im Netz finden. Dazu habe ich Ihnen ein Selfie gezeigt (damit wussten sie, dass ich ein Instagram-Profil habe) und eine Liste mit möglichen Informationen an die Wandtafel geschrieben: Alter, Adresse, Arbeitgeber, Einkommen, Handynummer, Email-Adresse, Hobbies, politische Haltung… 

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.07.12Nachdem sie jeweils vieles davon ermitteln konnte (häufigste Klage war, dass man im Nachteil sein, wenn man keinen FB-Account habe, was in dieser Altersstufe bei rund der Hälfte der Jugendlichen der Fall ist), haben wir diskutiert, warum es für mich gefährlich sein könnte, dass diese Informationen im Netz stehen. Folgende Gefahren sahen alle Klassen (auch meist in dieser Reihenfolge):

  1. Stalking
  2. Verbreiten von falschen oder schädlichen Informationen über mich
  3. Verkauf oder Missbrauch meiner Daten
  4. Hacken meiner digitalen Konten
  5. personalisierte Werbung.

Mit der Übung versuchte ich sie darauf hinzuweisen, dass ich – aus beruflichen und psychologischen Gründen – bereit bin, einen Teil meiner Sicherheit preiszugeben. Während Stalking für Jugendliche durchaus eine reale Gefahr darstellen kann, bin ich kaum gefährdet. Sicherheit und Verzicht darauf bedeuten nicht für alle Menschen dasselbe.

Diese Einsicht habe ich mit ein paar Sicherheitsfragen vertieft: Dabei mussten sich die Schülerinnen und Schüler in fiktiven Situationen zwischen einer sicheren und einer unsicheren Variante entscheiden: Fahrradhelm oder schöne Frisur; im Urlaub mit einem unbekannten Date an den dunklen Strand oder mit den Eltern essen gehen; mit Freundinnen ein Unternehmen gründen oder den langweiligen Bürojob absitzen?

Die Erkenntnis: Der Verzicht auf Sicherheit hat einen Wert – »Spass« nannten die Jugendlichen ihn meist zuerst, dann aber auch Erfahrungen, Kick, Freiheit.

Sicherheit im Netz ist deshalb ein wichtiges Thema, weil es zeigt, dass wir als Individuen, als Gruppen und als Gesellschaft mitentscheiden können, wo auf der Skala zwischen zwei Alpträumen (totaler Sicherheit und totaler Unsicherheit) wir leben möchten. Auch wenn es darum geht, die Schwächsten im Netz sicherer zu machen, schränken die Maßnahmen sie selbst und andere ein. Krassestes Beispiel: In der Schweiz werden Unter-16-Jährige, die Nackfotos von sich selbst verschicken und anschließend damit gemobbt werden, für das Verbreiten von Kinderpornografie zur Rechenschaft gezogen. Das Gesetz, dass ihre Sicherheit schützt, schränkt auch ihren Handlungsspielraum ein.

Die Einsicht ist trivial, aber folgenreich: Nur ein sicheres Leben führt zu hoher Lebensqualität, aber nur ein freies ist lebenswert. Die richtige Balance zu finden – für sich selbst und für alle anderen – ist enorm schwierig. Zu wissen, dass  ausländische Geheimdienste die Telekommunikation in der Schweiz überwachen, ist beängstigend – zumal klar ist, dass sie wohl auch Zugriff auf die Mikrofone und Kameras unserer Smartphones haben. Gleichzeitig haben sie so bewirkt, dass drei mutmassliche Terroristen verhaftet werden konnten. War es das wert?

Letztlich droht die Gefahr, dass der Fokus auf das Risiko und mögliche Schäden uns immer wieder dazu bringen, ein Stück Freiheit gegen ein Stück Sicherheit einzutauschen – weil das in jedem einzelnen Fall vernünftig scheint.

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Ello – ein neues soziales Netzwerk mit alten Problemen

Seit gut einem Monat »nutze« ich Ello – ein soziales Netzwerk, das durch zwei Punkte überzeugt: Seine minimalistische Gestaltung und sein Manifest. Darin heißt es beispielsweise:

Your social network is owned by advertisers. Every post you share, every friend you make, and every link you follow is tracked, recorded, and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold. We believe there is a better way. […] You are not a product.

Ello ist ein Grund zur Hoffnung, dass es eine Konkurrenz zu etablierten Plattformen gibt, welche die Stärken von Facebook und Twitter kombiniert, offen ist und Usern eine echte Wahlmöglichkeit bietet, die Nachrichtenflüsse ihrer Kontakte den eigenen Bedürfnissen gemäß darzustellen und zu filtern.

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Nur scheint diese Hoffnung trügerisch. Ello kann seine Versprechen aus zwei Gründen nicht einlösen:

  1. Das Transferproblem.
    Die Energie, die ich meine Twitter- und Facebook-Netzwerke gesteckt habe (zu FB gehört auch WhatsApp und Instagram), ist ein Investment, das sich für mich auszahlt, wenn ich die Plattformen nutze. Diese Investitionen sind verloren, wenn ich zu einem neuen Netzwerk wechsle. Warum sollte ich Inhalte für Ello produzieren, wenn sie weniger wahrgenommen werden als bei Facebook oder Twitter? Dieses Problem könnte theoretisch nur gelöst werden, wenn es analog zu Blogplattformen Wege gäbe, das ganze FB- oder Twitter-Archiv in eine andere Plattform einzuspeisen. Selbst dann wäre das ganze soziale Netzwerk noch nicht migriert: Wer soziale Netzwerke intensiv nutzt, ist »tied in« – ganz ähnlich, wie das bei iTunes passiert.
  2. Das Finanzierungsproblem.
    Aral Balkan ist von Ello enttäuscht, weil das Unternehmen User nicht transparent über seine Finanzierung orientiert. Über einen Mechanismus, der sich »Venture Capital« nennt, erhielten die Betreiber über 400’000 Dollar für die Startphase. Nun funktioniert der Investitionsmarkt so, dass dieses Kapital eine Rendite abwerfen muss. Das gelingt im Web 2.0 nur, wenn ein Kundenstamm angelegt werden kann, der pro Woche zwischen 5 und 7 Prozent wächst (diese Zahlen stammen von Y Combinator, einer Beratungsfirma für Unternehmen, die mit Venture Capital arbeiten – eine alternative Möglichkeit wäre ein Wachstum der Einnahmen, was aber bei einem Unternehmen ohne Werbung und ohne kostenpflichtiges Angebot kaum denkbar ist).
    Nun könnte es sein, dass es ein Modell mit kostenpflichtigen Modulen gibt, das so rentabel ist, dass Ello die Investitionen mit Rendite zurückzahlen kann. Wahrscheinlicher ist aber ein so genannter Exit, ein Ausstiegsszenario, das den Kapitalgebern ihre Rendite verspricht. Dabei wird die Firma entweder in eine profitable Aktiengesellschaft umgewandelt oder verkauft ihren Kundenstamm und ihre Software (z.B. an Facebook oder an Google). Balkan formuliert trocken:

    If a company has taken venture capital, you have already been sold. It’s not a matter of if, it’s simply a matter of when.

    Kurz: Die Finanzierung von Ello straft das Manifest lügen. »You are not a product« ist schlicht falsch, weil es die einzige Möglichkeit ist, wie Ello überhaupt finanziert werden konnte.

Ello lehrt uns erstens, dass es erstens ein Fehler war, andere Plattformen, mit deren Strategien und Funktionsweise nicht einverstanden sind, so stark zu machen. Es ist kaum möglich, eine Alternative bereit zu stellen. Zweitens zeigt Ello, dass nur ein gemeinschaftlich finanziertes Modell einer Plattform die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllt, damit Kundendaten nicht genutzt und verkauft werden müssen.

(Ello ist im Moment noch in einer Beta-Phase und noch nicht frei nutzbar. Wer eine Einladung möchte, kann mir eine Mail schicken.) 

Google verknüpft Informationen – wie geht man damit um?

google-maps-now-cardsWer ein Android Handy hat oder Google Maps mit dem Google-Konto nutzt, erschrickt früher oder später: Google zeigt uns an, wohin wir fliegen, wo wir übernachten, in welchen Restaurants wir essen. Einerseits in einer App namens Google Now (die Android standardmäßig verwendet), andererseits auf der Kartenseite von Google Maps. Dass das hilfreich sein kann, leuchtet ein – aber es ist meist unheimlich, »creepy«: Da werden Informationen aus Mails extrahiert (Google Mail) und auf einer scheinbar getrennten Plattform angezeigt.

Wie soll man damit umgehen? Die spontane Reaktion ist, diese Dienste auszuschalten. Was man damit macht, ist die Informationen zu verbergen. Die Reaktion ist das Äquivalent zum Augenzuhalten, wenn man etwas Erschütterndes sieht: Das Gesehene verschwindet nicht, man nimmt es einfach kurzfristig nicht mehr wahr. Google legt massive Datenbanken an – ob wir sie zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ganz ähnlich wie Facebook: Viele Menschen verkünden glücklich, sie seien dort nicht dabei – und ignorieren, dass Facebook längst ihre Informationen sammelt, sie davon einfach nichts mitbekommen.

Sinnvoll wäre, die Algorithmen von Google daran zu hindern, diese Informationen zu verknüpfen – wenn einen das stört. Dafür müsste man auf Google Mail verzichten und die Dienste ohne den zusätzlichen Komfort des Logins zu nutzen.

 

 

»Sippenhaft« in sozialen Netzwerken

Nach Boyd und Ellison haben soziale Netzwerke drei Eigenschaften (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 18):

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten.

Der zweite Punkt führt dabei regelmäßig zu Konflikten, weil Personen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, mit welchen anderen Profilen sie in Verbindung stehen. Die Tatsache, dass jemand aktiv oder passiv mit einem anderen Kontakt in Verbindung steht, führt zum Schluss, dass die Meinungen dieses anderen Profils geteilt oder unterstützt werden – ein Problem, das man auch »Sippenhaft« nennen könnte, wenn das soziale Netzwerk an die Stelle der Familie tritt.

Dazu sind zwei Bemerkungen angebracht:

  • Die Bedeutung von einzelnen Handlungsmöglichkeiten in sozialen Netzwerken sind notorisch interpretationsbedürftig. Das Paradebeispiel ist die Fav-Funktion bei Twitter, die fast 20 verschiedene Funktionen haben kann, welche die ganze Palette von Reaktionen abdecken: Von aggressiver Kritik bis zu wohlwollendem Gefallen können Favs alles ausdrücken.
    Dasselbe gilt für die Verbindungen: Ob auf Twitter, bei Facebook oder auf anderen Plattformen – die Tatsache, dass zwei Kontakte verknüpft sind, sagt wenig. Es ist leicht möglich, Profilen zu folgen, ohne zu lesen, was diese Kontakte schreiben. Unter Umständen will sich jemand auch lediglich informieren, wie eine Organisation oder Person kommuniziert, um Kritik üben zu können.Warum also sollte man verantwortlich sein für etwas, was jemand anderes schreibt – wenn man nicht einmal weiß, dass die Person das schreibt?
  • Die Pflege des Kontaktnetzes ist eine der wesentlichen Funktionen von sozialen Netzwerken. Es ist leicht verständlich, dass eine gewisse Verantwortung dafür vorhanden ist, mit wem man in Verbindung steht. Während ich nicht kontrollieren kann, wer mir einen Brief schreibt oder mich anruft, so kann ich doch beeinflussen, wessen Nummer in meinem Adressbuch steht.

Wie soll man hier abwägen? Wann darf man – z.B. Prominente, Politikerinnen, Freunde – dafür kritisieren, mit wem sie in Verbindung stehen? Ich plädiere für folgende Kriterien:

  1. Intensität der Beziehung.
    Intensive Beziehung zeichnen sich durch eine hohe Menge an qualitativ bedeutsamen Interaktionen aus, nicht-intensive sind passiv.
  2. Stimmung der Beziehung. 
    Welche Haltung nimmt jemand einem Profil gegenüber ein? Eine positive, eine negative oder eine neutrale?
  3. Sichtbarkeit des problematischen Profils. 
    Fällt ein Profil seit Jahren negativ auf, ist eine entsprechende Beziehung anders zu beurteilen als ein seriöses Profil, das eine unbedachte Äußerung absondert.

Kritik finde ich sicher gerechtfertigt, wenn eine intensive Beziehung mit einem sichtbar problematischen Profil besteht, in der eine positive Stimmung herrscht. Auch wenn nur zwei Kriterien erfüllt werden, ist es legitim, die Pflege des Kontaktes infrage zu stellen.

Soziale Netzwerke leben durch ihr Beziehungsgeflecht. Die Verantwortung dafür obliegt allen Userinnen und Usern – jedoch nur bis zu einem zumutbaren Grad.

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Fachleute verbreiten Fake-Geschichten

In den letzten Tagen machten drei Fake-Geschichten die Runde:

  1. U2 hat früher schon einmal eine Kassette verschenkt, nicht nur ihr neuestes Album via iTunes:

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  2. Ein Professor hat von einem Studenten eine unanständige Mail erhalten und kritisiert ihn in einem Youtube-Video:

    Bildschirmfoto 2014-09-17 um 22.24.07
  3. Dasselbe Kriegsbild wurde in unterschiedlichen Kontexten verwendet:

Über das letzte Beispiel denkt Konrad Weber intensiv nach:

Darf man bewusst Bilder so neu zusammenstellen, dass sie einen viralen Effekt auslösen und somit die Botschaft, die offenbar nicht der Wahrheit entspricht, weitertragen? Dies gilt es öffentlich zu diskutieren.

Bereits seit Längerem ist beobachtbar, dass die Anreize der Aufmerksamkeitsökonomie (Inhalte in sozialen Netzwerken sollen möglichst breit wahrgenommen werden) auch bei Journalistinnen und Journalisten dazu führt, dass sie die Echtheit ihrer Inhalte dem Interesse des Publikums unterordnen: »Warum muss eine Geschichte wahr sein, genügt es nicht, dass sie gelesen oder betrachtet wird?«

Diese Sichtweise hat – so scheint es – nun auch einen Effekt auf Menschen, die Medien kritisch reflektieren: Alle drei oben genanten Stories wurden von Expertinnen und Experten breit geteilt. Daraus kann man zwei unterschiedliche Schlüsse ziehen:

  1. Es ist in sozialen Netzwerken schlicht nicht mehr möglich, wahre von falschen Geschichten zu trennen. (Hier der Aufwand, den Konrad Weber betreiben musste, um herauszufinden, wie es sich mit seinen drei Bildern verhält.)
  2. Die Effekte, die Fälschungen auslösen – pädagogische, reflektive – sind für viele Menschen wichtiger als die Frage, ob es sich um Fälschungen handelt.

Letztlich ergibt sich die Gefahr, dass uns der Confirmation Bias egal wird: »Ich publiziere und verbreite einfach das, was meinen Standpunkt unterstützt. Ob es stimmt, ist mir egal – weil seine Wirkung immer größer ist als der negative Eindruck, den eine Fälschung erzeugt.«