Informatik und Programmieren in der Grundschule

Die Zeit berichtet über ein Projekt in Estland, das von der Tiger Leap Foundation initiiert worden ist. Momentan läuft ein Pilotprojekt. Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler in Estland in der Grundschule lernen zu programmieren.

Doch können Grundschüler wirklich schon programmieren lernen? Ja, sogar schon in der ersten Klasse, glaubt Ave Lauringson. Der Programmierunterricht in Estland soll gleich nach der Einschulung losgehen. Möglich machen das spezielle Programmierumgebungen für Kinder. Dabei wird nicht wie in einer klassischen Programmiersprache Zeile für Zeile ein komplizierter Code aus Text und Zahlen aufgeschrieben, sondern die Kinder ziehen einfache Befehle als farbliche Blöcke in ein Feld. Wenn man alles richtig zusammengebaut hat, läuft auf dem Bildschirm zum Beispiel eine Katze einer Maus hinterher. So lernen Kinder, wie Programme aufgebaut sind und dass der Computer kein magisches Gerät mit einem mysteriösen Eigenleben ist, sondern eine Maschine, die man dressieren kann.

Estnische Kinder lernen ab 7 Jahren programmieren.
Estnische Kinder lernen ab 7 Jahren programmieren.

Der Artikel betont vor allem die Funktion der Informatik für eine spätere Berufsausbildung im technischen oder im IT-Bereich. Die Formulierung der Tiger Leap Foundation ist etwas offener:

The aim of the Tiger Leap Foundation is to foster pupils’ interest towards science and help them acquire the skills for using modern technology wisely in the course of their studies.

Beat Doebeli geht in einer Zusammenfassung eines Vortrags von Simon Peyton Jones noch einen entscheidenden Schritt weiter:

In diese Richtung zielt auch, dass Simon Peyton Jones mehrfach betont hat, bei seinen Bemühungen gehe es ihm nicht um das eine Prozent, dass nachher Informatik studiere, sondern um die 99%, die keinen Informatikberuf ergreifen würden. Es gehe um Allgemeinbildung; darum, dass in einer Informationsgeselllschaft, alle und eben nicht nur die Informatiker eine gewisse Ahnung über Informatik haben müssten.

Dem kann ich zustimmen. Die Überlegungen zum Status des Programmierens und der Informatik in der Schule, die ich hier bereits festgehalten habe, sind immer allgemeinbildend zu verstehen. Bildungscurricula auf spezifische Berufsbilder auszurichten, ist in einer Gesellschaft, in der berufliche Anforderungen sehr dynamisch sind, äußerst gefährlich.

Schulbibliotheken 2.0

Schulbibliotheken oder –mediotheken könnten für die Neuorganisation der Arbeit an einer Schule eine zentrale Schnittstelle sein: Sowohl für Lehrpersonen wie auch für Schülerinnen und Schüler gab es vor wenigen Jahren wenige Arbeitsschritte, in denen die Materialen einer gut geführten Bibliothek nicht hilfreich waren. Mit digitalen Hilfsmitteln werden zentrale Angebote ersetzbar: Nachschlage- und Referenzwerke werden komplett digital abgefragt, Medien auch digital genutzt und entliehen.

Welche Aufgaben könnte und sollte das geschulte Personal in Bibliotheken während und nach dem digitalen Wandel übernehmen? Wofür sollten die Ressourcen, die heute in die Anschaffung von Büchern und Medien fließen, künftig investiert werden?

Vancouver Library.
Vancouver Library.

Der Social Media-Berater Christoph Deeg schlägt vor, dass sich der Schwerpunkt von Mediotheken vom Bestand- zum Serviceangebot verlagern sollte. Kunden könnten Beratungen und Coaching im Umgang mit digitalen Medienangeboten erhalten: Wie können Sie Bücher im Internet entleihen? Wie lassen sich verschiedene EBook-Formate ineinander umwandeln? Wo lassen sich legal Medienangebote kostenlos beziehen? Wie kann das Digitalisieren von analogem Material erleichtert werden? Zudem würde auch ein sinnvolles kostenpflichtiges Angebot an einer Schule bezogen: Viele Fachpublikationen lassen sich digital abonnieren und über interne Netzwerke verteilen. Oft braucht es aber bei Lehrenden wie Lernenden viele Hinweise, bevor an einer Schule bekannt wird, dass auf Medienarchive, Nachschlagewerke und wissenschaftliche Zeitschriften online zugegriffen werden kann.

Beim Umstellen auf neue Formen von Arbeitsorganisation müssten also die Ressourcen der Bibliothek – das heißt die Arbeitszeit des dort arbeitenden Fachpersonals, aber auch die finanziellen Mittel – zur Unterstützung eingesetzt werden. Beim digitalen Wandel wird sich deutlich zeigen, dass Beratung und Begleitung wichtiger sein wird als das Anschaffen von neuen Geräten. Bevor also die Mediotheken im großen Stil Ebook-Reader anschaffen und neue Medienformate selber lagern, könnte es sinnvoll sein, von der Orientierung an einer Mediensammlung auf das Angebot von Beratung bei der Nutzung Neuer Medien umzustellen.

Auswirkungen von Social Media auf das Gehirn

Hirnforschung wird heute als »Universalschlüssel« zum Verständnis des Menschen und seiner Lebensweise betrachtet. Oft wird dabei übersehen, dass die bildgebenden Verfahren viele Zusammenhänge vereinfachen, auf willkürlichen Entscheidungen beruhen und nur innerhalb eines Modells des Menschen eine Aussagekraft haben. Es ist zudem äußerst schwierig, einen so komplexen kommunikativen Wandel, wie er mit Social Media verbunden ist, isoliert neurologisch zu untersuchen.

gehirn

Wird also darüber gesprochen, was neue Medien mit unseren Hirnen oder den Hirnen von Kindern und Jugendlichen anstellen, ist Vorsicht geboten. Das gilt für die Voraussage, wir würden lernen, problemlos mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten und können Reize viel schneller verarbeiten, wie auch für die Befürchtung, wesentliche Denkfähigkeiten durch falschen Mediengebrauch bedroht seien. Ganz bösartig kommentierte Martin Robbins eine skeptische Studie der Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield, indem er ihren Erkenntniswert zusammenfasste:

Greenfield [behauptet], dass eine unbestimmte Art von Umgang mit einem unbestimmten Teil moderner Technologie eine unbestimmte Anzahl menschlicher Hirne auf eine unbestimmte Art beeinflussen kann, so dass unbestimmte Effekte eintreten. (übers. Ph.W.)

Dennoch kann man folgende vorsichtigen Aussagen machen:

  1. Mediennutzung und Formen sozialer Interaktion beeinflussen die Entwicklung des Gehirns. Neutraler formuliert: Das Gehirn passt sich in seiner Entwicklung, also vor allem bei Kindern und Jugendlichen, den Lebensumständen an. Dieser Umstand kann an sich nicht gewertet werden. Auf Kinder, Erwachsene und ältere Menschen wirken digitale Medien anders, weil ihr Hirn und seine Teilsysteme unterschiedlich ausgebildet sind.
  2. Oberflächliche und repetitive Medienaktivitäten haben negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns (sehen Kinder sehr viel fern, kann das zu schlechteren Schulleistungen und Schlafstörungen führen). Ob das Social Media betrifft oder nicht, lässt sich kaum sagen. Zu beachten ist, dass hier Jugendliche immer auch aktiv sind und nicht nur passiv Inhalte konsumieren.
  3. Führende Experten und Analysten gehen davon aus, dass durch den Gebrauch von Social Media die Aufmerksamkeitsspanne sinken wird und es für Menschen schwierig wird, komplexe Probleme mit dauerhafter Konzentration zu bearbeiten.
  4. Die Ablenkungen durch Social Media stellen für das soziale Zusammenleben eine Herausforderung dar. Das Hirn wird stark geprägt durch soziale Interaktionen; würden alle Beziehungen durch oberflächliche, virtuelle ersetzt, dann wäre die Ausbildung von Sozialkompetenz gefährdet.
  5. Gewisse Konzentrationsleistungen sind nicht mehr nötig, weil Computer als Hilfsmittel viele Aufgaben für uns erledigen (z.B. das Addieren von langen Zahlenreihen, Rechtschreibprüfung, das Auswendiglernen von langen Listen etc.). Allerdings scheint die fehlende Übung zu verhindern, dass bestimmte Gehirnareale ausgebildet werden, die für das Lösen komplexer Probleme verwendet werden, obwohl es natürlich problemlos möglich ist, auch am Computer komplexe Fragestellungen zu bearbeiten.

Im Sinne einer Bilanz kann man davon ausgehen, dass digitale Medien einer gesunden Entwicklung nicht entgegenstehen, wenn sie wichtige menschliche Aktivitäten nicht ablösen, sondern ergänzen. Das physische Begreifen der Welt, Sport, Musik oder Theater sind in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht zu ersetzen. Aber es ist möglich, zusätzlich dosiert am Computer zu spielen, das Smartphone in einem sinnvollen Kontext als Lerninstrument zu nutzen und mit Freundinnen und Freunden auf Facebook zu chatten.

Die Hirnforscher Hans-Peter Thier und Michael Madeja weisen darauf hin, dass die Medienpädagogik neurologische Erkenntisse: war beürcksichtigen sollte, aber dadurch keine radikal neue Orientierung erfahren wird:

Die Hirnforschung kann der Pädagogik nützliche Hinweise geben. Zwar versuchen Menschen schon seit Jahrtausenden die Erziehung der Kinder zu optimieren. Da gibt es bereits einen großen Schatz an empirischem Wissen, so dass man von der Hirnforschung keine revolutionären Veränderung mehr erwarten kann. […] Die Hirnforschung gibt uns viele Hinweise, die bessere, eindringlichere und damit letztlich auch erfolgreichere Medienangebote ermöglichen. Denken Sie etwa an den aktuellen Trend, Fernseh- und Computermonitore zu produzieren, die einen Tiefeneindruck ermöglichen und den Betrachter gewissermaßen in die Mitte des Geschehens versetzen.

Eine neue Gesellschaft

Der Soziologe Dirk Baecker spricht in einem Aufsatz davon, das Internet sei wie die Schrift und der Buchdruck eine »funktionale Turbulenz«, die letztlich dazu führen würde, dass sich die Gesellschaft entwickle:

Das Internet ist ein Medium einer Beunruhigung wie auch einer Zähmung dieser Beunruhigung in einer Gesellschaft, die sich im Modus der Moderne, geschweige denn der Antike oder der Stammesgesellschaft nicht mehr versteht, obwohl Referenzen auf die Vernunft, den Kosmos und die Gemeinschaft nach wie vor mitschwingen. Stattdessen versteht sie sich im Modus überraschender Verknüpfungen innerhalb durch und durch unzuverlässiger Netzwerke.

Die Beunruhigung durch Internetkommunikation liegt darin, dass das Internet die gesellschaftliche Wirklichkeit verändert:

Längst haben wir auch gelernt, der uns entgegenkommenden Personalisierung der Antworten der Suchmaschinen und sozialen Medien auf unsere Anfragen zu misstrauen. Aber all das ändert nichts daran, dass wir noch kein wirkliches Gefühl dafür haben, wie das Internet unsere Wirklichkeit verändert.

Das Internet, so der Titel von Baeckers Aufsatz, ist als Medium unsichtbar, es sei »immer nur die nächste, noch nicht wahrgenommene Möglichkeit«. Wir wissen daher nicht, wie sich das Medium entwickeln wird, kennen diese Möglichkeiten nicht. Internetkommunikation verändert unsere bewährten Strategien mit medialen Inhalten, es erzeugt und enttäuscht Erwartungen, scheint viele bekannte Werkzeuge einfach mit effizienteren zu ersetzen, die dann aber plötzlich ganz andere geworden sind.

Visualisierung des Internets durch das OPTE-Project.
Visualisierung des Internets durch das OPTE-Project.

Damit beschreibt Baecker die Unsicherheit, auf die, so seine Prognose, einen gesellschaftlichen Wandel auslösen wird. Dieses Buch hat an mehrere Stellen gezeigt, dass die so genannt Neuen Medien neue gesellschaftliche Organisationsformen ermöglichen und insbesondere die Funktion die Schule und die Bedeutung der Bildung als veränderbar erscheinen lassen. Wenn aus Social Media eine neue Gesellschaft entstehen kann, dann sicher auch eine neue Schule.

Der Soziologe Baecker beobachtet nur. Lehrende und Lernende können handeln: Sie können den Wandel gestalten und mit Bedeutung ausstatten.

Kreative Bearbeitung von Werther – »Schreiben unter Strom« 

Ich habe Stephan Porombkas »Schreiben unter Strom« schon vorgestellt. In Anlehnung an seine Vorschläge habe ich nun eine Unterrichtseinheit zu Werter konzipiert, die sich auf diesem Arbeitsblatt findet (pdf). Dazu gehört auch die Aufforderung an die Lernenden, ihr Projekt sinnvoll zu dokumentieren und eigene Bewertungskriterien in der Zusammenarbeit mit mir zu erstellen. Entsprechende Materialien dazu werde ich nachliefern.

Um das Arbeitsblatt sinnvoll weiterverwenden zu können – wie alle Texte auf dem Blog CC-BY-lizenziert – hier der Text mit Links:

Werther: Kreative Bearbeitung
Vorschläge für eine Gruppenarbeit

Parallel zur Einführung in die Epoche des Sturm und Drangs und zur Lektüre von Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« erarbeiten Sie in Gruppen ein kreatives Projekt, in dem Sie die Lektüreerfahrung verarbeiten und ein neues Kunstwerk gestalten.

(1) Regiekonzept zu einem Stück

Sie arbeiten den Text zu einem Stück um. Im Regiekonzept handeln Sie folgende Themen ab:

  1. Auswahl und Gewichtung des Textes (welche Passagen heben Sie hervor, wiederholen Sie, welche streichen Sie?) Originalfassung oder Umschreibung (z.B. auf Dialekt etc.)?
  2. Wie gestalten Sie die Figuren? Welche wählen Sie aus (und warum)? Kostüme? Sprechweise?
  3. Gestaltung der Bühne, Requisiten etc.
  4. Dramaturgie: Wie ist das Stück aufgebaut und warum?
  5. Wirkung auf die heutigen Zuschauerinnen und Zuschauer: Was wollen Sie ihnen zeigen?
  6. Weitere Eigenschaften des Stücks: Licht, Musik …

Ein Beispiel für den Hintergrund einer Inszenierung eines Theaterschaffenden finden Sie unter: phwa.ch/wertherinszenierung

(2) Vom Briefroman zum Email/Twitter/WhatsApp-Roman

Wählen Sie einen geeigneten Ausschnitt aus dem Briefroman und stellen Sie sich vor, Werther würde per Email kommunizieren. Schreiben Sie dann den Ausschnitt neu als eine Folge von Email-Wechseln (zwischen 20 und 30 teilweise kurzen Mails).

Sie können das Medium beliebig wählen: Es ist auch möglich, verschiedene Twitter-User zu erfinden und die interagieren zu lassen, oder dasselbe auf Facebook etc. zu tun.

Ebenfalls frei sind Sie darin, ob Sie die Originalgeschichte in einem neuen Medium erzählen wollen oder ob sie die Handlung gleichzeitig modernisieren wollen und Werther zu einem tragisch Verliebten im 21. Jahrhundert wird.

Diese Idee ist nicht neu. Sie können sich hier inspieren lassen: phwa.ch/wertheremail               

(3) Eine eigene Idee

Der Text inspiriert Sie vielleicht zu etwas ganz anderem. Dann sollen Sie das tun. Wichtig ist, dass Sie das Projekt vorgängig skizzieren können, es hauptsächlich um eine Arbeit mit dem Text geht und Ihr Projekt mit dem Fach Deutsch zu tun hat (aktive und passive Verwendung der deutschen Sprache).

Einige Idee haben ich von Stephan Porombka: Schreiben unter Strom. Duden Verlag, 2012. 

Bildschirmfoto 2013-01-07 um 11.56.19

 

Eine Bemerkung zum Frontalunterricht

Der Frontalunterricht ist in aller Munde. Seit die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Mitte Dezember den Frontalunterricht gelobt hat – »Frontalunterricht macht klug« / »Klassischer Frontalunterricht produziert gute Resultate« – trifft man überall auf Befürworterinnen und Befürworter der Methode: Von den Lehrenden, die insgeheim schon immer gewusst haben, wie gut die Methode ist (nichts anderes wird übrigens in der didaktischen Ausbildung gelehrt: guter Frontalunterricht ist eine effiziente Methode), bis zu den ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die guten Lehrerinnen und Lehreren einfach gern zugehört haben, stimmen alle ins wissenschaftlich belegte Lob ein.

Vergessen geht dabei, wie limitiert die Vorstellungen von Schule, Unterricht, Funktion der Lehrperson, Leistung und Erfolg sind, die mit diesem Lob verbunden sind. Man geht davon aus, alle Schülerinnen und Schüler müssten dasselbe lernen, müssten es von der Lehrperson lernen und würden dann Leistung erbringen, wenn ihre Resultate in standardisierten Vergleichstesten besser als die anderer sind.

Dabei gibt man den eigenen, verinnerlichten Maßstab aus der Hand. Die Schule sozialisiert junge Menschen so, dass sie selber nicht entscheiden müssen oder dürfen, was sie lernen wollen, wie sie lernen wollen und wie gut sie etwas gelernt haben. Nicht einmal ihre Lehrerin oder ihr Lehrer darf das entscheiden, sondern es wird von außen (von wem eigentlich genau) vorgegeben. »Ich habe so keine Lust auf Mathematik«, ist eine Äußerung, die man in vielen Klassen an vielen Schulen regelmäßig hört. Nützt nichts: Mathematik steht auf dem Stundenplan, binomische Formeln müssen gelernt werden. Warum? Lehrplan, Klausuren, Arbeitswelt…

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Das zentrale Argument: Es kann nicht sein, dass 25 Menschen gleichzeitig dasselbe hören müssen, um erfolgreich lernen zu können. Natürlich sollen sie inspirierenden Lehrenden zuhören: Zu dem Zeitpunkt, an dem sie dafür offen sind, wo sie davon profitieren. Und wann dieser Zeitpunkt ist, müssen sie selber entscheiden lernen. Kinder und Jugendliche wollen lernen (und wenn sie das einmal nicht wollen, dann haben sie vielleicht sogar das Recht dazu). Sie werden – dank Social Media – immer stärker informell, privat lernen, unterstützt durch technische Geräte und Expertinnen und Experten, die ihnen weltweit zeigen, wie man einen Song auf der Gitarre spielt, wie man chinesische Wörter ausspricht oder wie man mit binomischen Formeln umgeht.

Dieses Lernen ist dann nicht vergleichbar und nicht standardisierbar, weil Lernen per se nicht vergleichbar und standardisierbar ist.

Der Frontalunterricht erlebt ein Revival, weil viele pädagogische und didaktische Grundeinsichten vergessen gehen. Er ist in der heutigen Bildungslandschaft relativ besser als halbbatzig umgesetzte Alternativen. Aber er nicht per se besser als offene Lernumgebungen, eigenständig initiierte Lernprozesse und echte Kollaboration unter an gleichen Themen interessierten Peers.

Guter Frontalunterricht – so mein Fazit – ist der, den Schülerinnen und Schüler selber wählen und in dem sie jederzeit aufstehen und rausgehen können. Erzwungener Frontalunterricht ist keine gute Lernform.

* * *

Zusatz – Max Woodtli schreibt:

Solange Schule nach wie vor als Wissensanhäufungsinstitution gesehen wird, wo Wissenskonserven von einer Lehrperson im Gleichtakt den SchülerInnen “eingetrichtert” werden müssen, wie auf dem Bild (aus dem Jahre 1929) des Artikels dargestellt, mag Frontalunterricht sicher eine effiziente Methode sein. Das hat aber leider nichts mit Lernen und schon gar nichts mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu tun.

Vorstellung: Snapchat

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Jugendliche benutzen Medienberichten und meinen Eindrücken zufolge eine App namens Snapchat immer häufiger. Es sei das neue Instagram, sagt die Schwester von Josh Miller. Sowohl im Play Store von Google wie auch im App Store von Apple ist das Programm sehr beliebt. Hier eine kurze Vorstellung und ein Kommentar.

Das Prinzip von Snapchat ist ganz einfach: Man macht ein Bild mit dem Smartphone und bearbeitet es mit einem einfachen Tool:

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Unten am Bild findet sich links die Option, einen Timer zu setzen – er kann von 1 bis 10 Sekunden eingestellt werden. So lange kann der Empfänger oder die Empfängerin das Bild sehen. Sie müssen dafür auf den Screen des Smartphones drücken, was es erschwert, einen Screenshot anzufertigen. Gelingt das trotzdem, wird der Sender oder die Senderin des Bildes darüber informiert.

Nach dem Countdown wird das Bild gelöscht – nicht nur vom Smartphone des Empfängers und der Empfängerin, sondern auch vom Server von Snapchat. Es bleibt nur ein einfaches Protokoll.
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Zum Ärger einiger Nutzerinnen und Nutzer verwendet die App SMS, um neue Freunde einzuladen. Passt man nicht auf, verschickt man schnell SMS an das ganze Adressbuch.

Es gibt zwei Vorteile von dieser Art von Kommunikation:

  1. Kommunikation behält ihre flüchtige Natur. Internetkommunikation verbindet die Eigenschaften mündlichen Sprechens mit einer unbeschränkten Speicherkapazität. Wie würden wir miteinander sprechen, wenn wir wüssten, dass alles, was wir sagen, aufgenommen, unendlich lang gespeichert und möglicherweise in einen völlig neuen Kontext gestellt wird? 
  2. Damit zeigt sich auch die konkrete Anwendung: Einige Jugendliche mögen Sexting, das Verschicken von erotischen Bildern oder Texten über digitale Medien. Wenn sie ein Tool haben, das diese nicht speichert, wird vieles möglich und reizvoll, was vorher problematisch schien (zur Erinnerung: viele Sexting-Bilder landen direkt auf Porno-Seiten).

Der scheinbare Vorteil von Snapchat, nämlich nicht-permanente Nachrichten an gezielte Adresssatinnen und Adressaten zu verschicken, könnte aber auch trügerisch sein. Schnell ist ein Protokoll entwickelt, das alle Snapchat-Nachrichten speichert und weiterverbreitbar macht.

Schule im digitalen Zeitalter

Im Jahrbuch der Kantonsschule Wettingen 2011/2012 (ich unterrichte dort) sind zwei Texte von mir erschienen.

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Der erste befasst sich mit den Herausforderungen der digitalen Kommunikationskultur für die Schule; der zweite mit einer Weiterbildungsveranstaltung für Lehrpersonen zum Thema Social Media. Die pdfs sind leider Scans von mäßiger Qualität, sobald ich das Original vorliegen habe, werde ich sie ersetzen.

Schule, Standardisierung und Social Media

Social Media und die Bildungsorganisation sind geprägt von Standardisierungsbemühungen und hierarchischen Strukturen, obwohl sowohl die Ideale der dialogischen Kommunikation in Netzwerken und die des nachhaltigen Lernens Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen.

Der Aufbau von Netzwerken und die Organisation von Lernprozessen gehen von Subjekten aus. Sie erfolgen bottom-up: Entscheidend sind Motivation, Interessen und persönlicher Nutzen. Wesentliche Aspekte sind nicht messbar, nicht vergleichbar, nicht durch Standards abbildbar und nicht top-down festlegbar.

Vorgaben verhindern Abweichungen. Konzeptionell geht es dabei meist um unerwünschte Abweichungen: Auf standardisierten sozialen Netzwerken gibt es keine Überraschungen, keine unangenehme Erfahrungen für die User. In einer standardisierten Bildungslandschaft lernen alle Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Methoden ähnliche Inhalte und werden ähnlich bewertet.

In der Realität werden aber vor allem positive Abweichungen verhindert: Innovative Projekte sind innerhalb der engen Grenzen des auf Social Media Erlaubten nicht mehr möglich. Ebenso können Lehrpersonen mit ganz spezifischen Stärken und Vorlieben diese in einer standardisierten Bildungslandschaft nicht entsprechend gewichten, sie können nicht auf Wünsche oder Bedürfnisse von Lerngruppen eingehen, weil festgelegt ist, was wie unterrichtet werden muss.

Die große Herausforderung für Social Media ist es, dezentrale Netzwerke zu schaffen (vgl. Lovink). Nur so können sie ihr gesellschaftliches und politisches Potential entfalten, ohne einen kommerziellen Nutzen innerhalb eines engen Gerüstes von Normen erbringen zu müssen. Entsprechende Projekte scheinen alle zwar viele Bedürfnisse von Benutzerinnen und Benutzern aufzunehmen, sich aber nicht durchsetzen zu können: Zu stark sind die großen Player wie Facebook, Google oder Twitter, welche durch die Speicherung von Daten viele User in ein Abhängigkeitsverhältnis treten lassen.

Auch hier gibt es eine Parallele zur Schule: Innovative Projekte werden zwar immer wieder formuliert, sie scheitern aber auch an der Macht der staatlichen und standardisierten Schule, deren Diplome eine politisch und gesellschaftlich klar bestimmten Wert haben. »Bildung für alle« im Sinne von Lindner ist nur möglich, wenn dezentrale Lernnetzwerke entstehen können.

Hacker des Tech Mo­del Rail­way Club am MIT, 1950er-Jahre.
Hacker des Tech Mo­del Rail­way Club am MIT, 1950er-Jahre.

Man könnte abschließend davon sprechen, dass sowohl Social Media wie die Bildungsstrukturen gehackt werden müssen: In ihrem Selbstverständnis lösen Hacker auf kreative und ästhetische ansprechende Art und Weise Probleme. Sie tun dies als intellektuelle Herausforderung, nicht um einem von außen vorgegebenen Zweck zu genügen, und umgehen dabei Beschränkungen und Hindernisse, ohne auf Erwartungen Rücksicht zu nehmen. Dieses Ideal kann sowohl auf die Internetkommunikation wie auch auf die Bildung bezogen werden: Wenn sie funktionieren, dann bringen sie Menschen dazu, kreativ Probleme zu lösen, weil sie daran Spaß haben. Es wäre zu wünschen, dass dies gelingen kann.

Merkblatt: Social Media im Unterricht

Dieses Merkblatt sollte vor einer intensiven Nutzung von Social Media im Unterricht abgegeben werden. Die Schülerinnen und Schüler werden gesiezt. Das Merkblatt enthält wichtige Punkte von einem ähnlichen Merkblatt von Mary Chayko (private Kopie, nicht online). Ich freue mich über Hinweise zur Verbesserung der Merkblatts. 

Eine aktuelle Version kann als .pdf- und .doc-File hier geladen werden. Sie unterscheidet sich leicht vom Blogpost.

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Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Foren, Chats und Blogs werden heute für die Kommunikation mit Freunden und Familie auf verschiedene Arten genutzt. Wie im direkten Kontakt mit anderen Menschen repräsentieren Sie auf sozialen Netzwerken sich selbst, Ihre Familie und Ihre Schule. Verhalten Sie sich deshalb anständig und seien Sie ehrlich. Dabei helfen Ihnen die folgenden Hinweise.

Wenn Sie im Unterricht Aufgaben erhalten, die sich mit Social Media erledigen lassen, dürfen und sollen Sie das auch tun. Es stehen Ihnen aber immer auch alternative Arbeitsmethoden zur Verfügung, niemand wird zur Benutzung von sozialen Netzwerken gezwungen.

  1. Überlegen Sie sich immer zwei Mal, ob Sie etwas auf sozialen Netzwerken posten wollen oder nicht.
  2. Seien Sie online respektvoll und positiv.
  3. Denken Sie daran, dass viele andere Menschen mit einem anderen Hintergrund lesen und sehen, was Sie hinterlassen: Kinder, Menschen aus anderen Kulturen, Ihre Familie, zukünftige Arbeitgeber usw.
  4. Wenn Sie in Bezug auf eigene oder fremde Handlungen auf sozialen Netzwerken unsicher sind, fragen Sie bei erfahrenen Erwachsenen nach. Verzichten Sie im Zweifelfall auf die Handlung, bis Sie sich sicher sind.
  5. Gehen Sie davon aus, dass alle Texte, Bilder und Videos in sozialen Netzwerken öffentlich einsehbar sind, auch wenn Sie sie schützen.
  6. Denken Sie daran, dass alles, was Sie online tun, gespeichert wird und von Ihnen nicht mehr gelöscht werden kann.
  7. Verwenden Sie gleichwohl private oder anonyme Profile, wenn Sie schulische Arbeiten erledigen.
  8. Hinterlassen Sie keine persönlichen Daten wie Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten, Stundenpläne oder ähnliche Daten auf sozialen Netzwerken. Sie gefährden dadurch möglicherweise sich selbst und oder andere.
  9. Verhalten Sie sich professionell und verzichten Sie auf die Darstellung von Gewalt, von Straftaten oder sexuellen Handlungen auf sozialen Netzwerken.
  10. Vermeiden Sie auch Fotos, Videos oder Texte die Sie oder andere so erscheinen lassen, dass Sie sich dafür schämen könnten.
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