Sharknado – eine Replik auf die Intellektuellenschelte von Evgeny Morozov

In der Zeit hat Evgeny Morozov gestern einen Essay publiziert, in dem er die Rolle der Intellektuellen in der Debatte übers Internet hinterfragt. Der Text liegt auf Englisch und Deutsch vor, ich zitiere die Übersetzung, habe aber das Original auch gelesen.

a_560x0Morozovs Text ist recht komplex und anfangs etwas undurchsichtig. Er vergleicht zu Beginn das Internet mit einem Sharknado. Dabei bezieht er sich auf den oben abgebildeten Wirbelsturm in einem populären amerikanischen Film, der vom Gedankenexperiment ausgeht, ein Wirbelsturm hebe einen Schwarm Haie aus dem Meer und befördere sie so nach Los Angeles. Nun: Es gibt keine Sharknados. Morozovs Aussage deshalb – Expertinnen und Experten reden über das Internet, als wäre es etwas, was es nicht gibt. Sie sind nun entweder Intellektuelle, die öffentliche Debatten über ein Phantom-Internet bestreiten, oder verdienen ihr Geld damit, Menschen Lösungen im Umgang mit dem Phantom-Internet anzubieten – das die Grundthese Morozovs.

Ob man meine Argumentation überzeugend findet, hängt allerdings davon ab, ob man „das“ Internet für einen Asteroiden hält, den ein Astrophysiker erklärt, oder für einen Sharknado, also einen Gegenstand, den man zwar erklären kann, aber nur zu dem Preis, dass man ihn dadurch glaubhafter macht, als er sein sollte.

Das ist natürlich eine falsche Alternative, die Morozov hier eröffnet: Die mit dem Internet verbundenen Kommunikationspraktiken können nicht entweder mit einer echten Bedrohung der Menschheit wie einem Asteroiden verglichen werden oder aber mit einer imaginierten – einem Sharknado – sondern auch mit weniger gefährlichen Phänomenen oder zumindest von gesellschaftlich hervorgebrachten und nicht von der Natur erzeugten. Also etwas mit der Industriegesellschaft – das tut Mercedes Bunz – oder mit dem Kapitalismus – das tut Geert Lovink.

a_560x0 (2)

Morozov zieht nun Chomsky und Foucault bei, um den Internet-Intellektuellen ein problematisches Verhältnis zur Macht vorzuwerfen:

Nach Chomsky müssen Intellektuelle den Mächtigen die Wahrheit sagen. Nach Foucault müssen sie Wahrheit als Macht entlarven.

Das würden Expertinnen und Experten in der Diskussion der Auswirkungen des Internets nicht tun, was man mit einem einfachen Test herausfinden könne – wer sich für Reden bezahlen lasse, Regierungen im Umgang mit dem Internet berate oder gar die Waffenindustrie, können nicht glaubhaft infrage stellen, was Machtapparate mit digitaler Technologie täten. Morozovs Paradebeispiel dafür ist ein Gespräch, das Jeff Jarvis 2007 mit Ghadaffis IT-Minister in Boston führte.

Was Morozov hier bemüht, ist eine Silicon-Valley-Vorstellung eines Intellektuellen. Davon grenzt sich beispielsweise Jaron Lanier klar ab, wenn er darauf hinweist, dass:

Das Denken der Menschen im Silicon Valley in einem Widerspruch gefangen ist: Einem Widerspruch zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die entwicklungsfreudigen und technologiegläubigen Menschen ein komfortables Leben ermöglichen – und dem Anspruch, Menschen aus den Zwängen des Geldes zu befreien, Informationen frei zugänglich zu machen.

Selbstverständlich trifft Morozov damit gewisse TED-Talks, die gegenüber politischer und wirtschaftlicher Macht eine große Naivität an den Tag legen. Aber er verfehlt europäische Intellektuelle wie Kathrin Passig, Sascha Lobo oder Christoph Kappes, deren Reflexion des Internets immer politisch und kritisch ist.

a_560x0 (1)Und doch erschöpft sich Morozvs Argumentation nicht darin. Sie enthält einen feineren Punkt, der eine genaue Lektüre lohnt. In Bezug auf Foucault schreibt er:

Die Herausforderung besteht darin zu verstehen, wie ein Sharknado zu einer Idee werden kann, um die herum eine Fernsehsendung und ein Evakuierungsunternehmen aufblühen. Die emanzipatorische Aufgabe des Intellektuellen wäre es, aufzuzeigen, dass es auch andere Bezugsmöglichkeiten zwischen Haien, Wasser und Wetter gibt als diejenigen, die wir Sharknado nennen.

Das ist richtig. Natürlich können sind die Konstellationen von Kommunikationspraktiken, Informationsfluss, Arbeitswelt, politischer Machmanifestation, Gesellschaft etc., denen wir vereinfachend den Namen »Internet« geben, kontingent, d.h. sie könnten auch anders sein. Das muss in der Diskussion reflektiert werden, weshalb es auch wichtig ist, dass Morozov auf drei Probleme hinweist:

  1. Das Internet ist nicht ein einheitliches Phänomen, sondern verbindet eine Reihe unterschiedlichster Mechanismen, die sich nicht aufeinander übertragen lassen. Nicht jedes Forum funktioniert wie die Wikipedia, nicht jedes soziale Netzwerk ist Facebook, nicht jede Art von Filesharing funktioniert wie Napster.
  2. Was wir tun, ist nicht ein Effekt dessen, was wir Internet nennen, sondern das Internet ist das Produkt von dem, was wir tun. Diese Behauptung Morozovs ist meiner Ansicht nach unterkomplex: Es gibt vielmehr Wechselwirkungen. Die Möglichkeiten von Technologie verändern das Verhalten von Menschen, auch wenn sie selbst natürlich wiederum Ursprungsbedingungen haben. Das eine schließt das andere nicht aus.
  3. Die Diskussion und Interpretation des Internets ist in einen größeren Theorierahmen eingebettet, also nie frei von Ideologie, nie objektiv.

Mit diesen drei Punkten hat Morozov Recht. Aber er ignoriert, dass er damit nicht alleine steht. Er entwirft Strohmänner, indem er aus Texten von Johnson, Shirky und Jarvis selektiv Abschnitte rauspickt, die dafür geeignet sind, zu zeigen wie naiv diese Intellektuellen sein sollten. So richtig vieles von dem ist, was er sagt, so selbstverständlich ist es für die Menschen, die übers Internet vertieft nachdenken.

Jugendliche und Datenschutz: Zwischen Paranoia und Naivität

Ob Jugendliche Vorbilder brauchen, die ihnen eine Rolle vorführen, in die sie schlüpfen können, oder ob sie vielmehr Wegweiser benötigen, die ihnen Hinweise darauf geben, wie sie sich selbst entwickeln können – darüber lässt sich pädagogisch trefflich streiten. Geht es um Datenschutz, fehlt ihnen beides.

Beginnen wir damit, was Datenschutz umfasst. Im Wesentlichen sind es drei Punkte:

  1. Datensicherheit
    Gespeicherte Daten dürfen nur durch Berechtigte abrufbar sein. Der unbefugte Zugriff muss wenn nicht unmöglich, so doch enorm schwer sein.

  2. Information
    Wenn Daten gesammelt werden, dann sollte das direkt bei den Betroffenen geschehen, die dann auch darüber informiert werden.

  3. Zweckgebundenheit
    Die Funktion der Datensammlung und –speicherung sollte klar sein. Ist diese Funktion erfüllt, müssen Daten gelöscht werden.

Data Sets You Free, Tubes
Data Sets You Free, Tubes

Erwachsene verhalten sich heute in Bezug auf Datenschutz entweder paranoid oder unbekümmert (Ausnahmen sind solche, die beruflich damit zu tun haben): Sie verweigern jede Preisgabe von Daten, wenn nicht unbedingt nötig. Sie fürchten sich davor, ein Mal zu viel ihre Emailadresse einzutragen, per Telefonbucheintrag Werbung zu erhalten oder bei Meinungsumfragen ihre Anonymität zu verlieren. Ihre Befürchtungen sind irrational und unrealistisch: Sie handeln als steckten hinter Systemen Menschen, die ihnen gezielt Schaden zufügen wollten.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sich über Datenschutz keine Gedanken machen. Ihre Telefonbücher mit sozialen Netzwerken synchronisieren, Fotos ihrer Kinder und Freunde über Facebook teilen und ihr Privatleben mit Geodaten dokumentieren. Sie handeln naiv, weil sie ignorieren, dass Systeme, die vorgeben, Menschen effizientes Arbeiten und direkte Kommunikation ermöglichen, mit dem Verkauf von Daten Geld verdienen und Menschen so indirekt Schaden zufügen.

Natürlich gibt es hier nicht nur Extrempunkte – aber es gibt wenige Menschen, die sich nicht einer der beiden Kategorien zuteilen lassen. Das hängt damit zusammen, dass es gar keine Werkzeuge mehr gibt, die uns Entscheidungen in Bezug auf Datenschutz treffen lassen:

  • Wer auf Facebook Freunde finden will, muss dem Netzwerk Informationen über Freunde zur Verfügung stellen, ohne wissen zu können, wozu Facebook diese Informationen verwendet.

  • Wer ein Smartphone nutzt, kann gar nicht kontrollieren, was dieses Smartphone für Daten an welche Server schickt und wozu die dort verwendet werden, weil ein Smartphone eine reine Oberfläche als Bedienung anbietet, keine echte  Steuerung.

  • Wer Google nutzt, muss damit rechnen, dass Suchanfragen getrackt werden und Dritte ein Profil der eigenen Vorlieben und Interessen anlegen, das sie an Vierte verkaufen.

So naiv das Vertrauen in große Unternehmen ist, so lähmend ist generelles Misstrauen. Das Resultat – und hier kehren wir wieder zu den Jugendlichen zurück – ist fatal: Datenschutz betrifft auch kleinräumige soziale Netze wie eine eine Schulklasse oder eine Schule. Unter welchen Umständen darf jemand eine Handynummer weitergeben? Ganz einfach: 1. Wenn die Information sicher gespeichert wird, 2. wenn die Nummer von der betroffenen Person selbst weitergegeben wird und 3. wenn die Weitergabe einen klaren Zweck hat.

Nur  – wie lernen das Jugendliche, wenn nicht einmal Lehrpersonen und Schulleitungen das verstehen und die eingesetzten Systeme so konfigurieren können, dass sie das erlauben? Wie können sie in Zeiten von cloudbasierten Smartphones verstehen, wie sie Datensicherheit herstellen können? Wer hindert Konzerne daran, die Daten von Jugendlichen (und Erwachsenen) ungefragt zu beziehen, wenn die Geheimdienste aller westlichen Länder mit Regierungsauftrag an diese Daten gelangen wollen oder müssen?

Zwischen Jugendschelte und Medienkritik

Wer über die negativen Auswirkungen von Medien spricht, meint damit meistens die negativen Auswirkungen, die Medien auf Jugendliche haben. Sie nutzen Medien innovativ, verfügen über viele Möglichkeiten und passen sie an ihr intensives, abwechslungsreiches Leben an. Dadurch ist sind ihre Gewohnheiten und Praktiken sichtbar: Jugendliche bewegen sich häufig in halb-öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln, weil sie sich nicht ungestört in Wohnungen treffen können.

Dadurch ecken Jugendliche an: Sie stören ihre Mitmenschen durch ihre Gespräche, ihre Ausgelassenheit, ihre Musik. Ihr Verhalten unterscheidet sich von dem Erwachsener, sie fallen auf. Das hat damit zu tun, dass Jugendliche die Aufgabe haben, ein neues Beziehungsnetz zu knüpfen, das von dem ihrer Eltern unabhängig ist. Gleichzeitig müssen sie sich in einer Welt orientieren, die sich seit der Jugend und den Erfahrungen ihrer Eltern verändert hat: Neue Normen und Umgangsformen müssen erlernt werden. Das geht nur, indem Jugendliche eigenständige Erfahrungen sammeln und sich dabei exponieren. Um neue Menschen kennen zu lernen, müssen sie sich dort aufhalten, wo sie gesehen werden und wo sie andere beobachten können. Kontakte müssen sich leicht ergeben und in einem ersten Schritt unverbindlich bleiben. Es wird deutlich, wie ergiebig Social Media für Jugendliche ist: Ein halb-öffentlicher virtueller Raum, der vielfältige Begegnungen und Beziehungen ermöglicht.

Im Vorgang der Abgrenzung von der Welt Erwachsener wird die Jugend zu einer Art Kreativitätslabor. Rollen können erprobt werden, ohne dass sich jemand darauf festlegen lassen muss – damit geht ein innovativer Gebrauch von Sprache einher, von Medien und Mode.

Dafür wurden Teenager schon immer kritisiert. Seit es Bücher gibt, wirft man ihnen Frechheit, Unseriosität und Risikobereitschaft vor. Dieser Vorwurf ist aber uninteressant, weil er gleichförmig ist: Er ist die Reaktion der Erwachsenen auf die Funktion der Jugend. So zeigt er gewissermaßen, dass die Abgrenzungsstragie Jugendlicher funktioniert – werden sie für ihre Bemühungen gescholten, waren sie damit – zumindest teilweise – erfolgreich.

SFE-090824-106

Medienkritik ist häufig ein Teil einer allgemeinen und unspezifischen Jugendkritik. Weil junge Menschen sich auch in ihrem Mediengebrauch ausleben, bezieht sich die Reaktion auf ihr Verhalten auch darauf. Dadurch verliert diese Kritik aber an Bedeutung: Sei es Rockmusik oder eine freizügige Sexualität – Jugendbewegungen haben die düsteren Prophezeiungen in Bezug auf die Auswirkungen ihres Verhaltens noch immer widerlegt. Aus Jugendlichen werden Erwachsene, die Muster befolgen und Regeln einhalten.

Von diesem Problem ist aber nicht die ganze Medienkritik betroffen, die primär das Verhalten Jugendlicher betrifft. Genau so wie es Rockmusik gibt, die heute zum Kanon der Populärkultur gehört, gibt und gab es Jugendliche, die ihr Gehör durch zu laute Musik beschädigt haben. Und genau so wie es heute gesellschaftlich weit gehend akzeptiert ist, erste sexuelle Erfahrungen vor der Ehe zu sammeln, gefährden ungeschützte Sexualkontakte die Gesundheit Jugendlicher. Eine saubere Trennung von kulturhistorisch standardisierter Jugendkritik und einer seriösen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen und Risiken digitaler Kommunikation ist deshalb so sinnvoll wie notwendig

Das soziale Gedächtnis

Wir alle kennen das Phänomen: Während des lockeren Partygesprächs fällt uns der Name der Schauspielerin, die uns kürzlich so beeindruckt hat, einfach nicht mehr ein. Wir wissen, dass sie bei The Newsroom mitspielt und Bilder von der Figur, die sie spielt, im Internet gelandet sind. Und so zücken wir unser Smartphone, finden diese Seite und finden heraus, dass es sich um Olivia Munn handelt. Nach kurzer Lektüre erfahren wir, dass intime Bilder nicht nur in ihrer Rolle den Weg ins Netz gefunden haben, sondern das auch der Schauspielerin selbst passiert ist.

Wenn uns das passiert, dass wir Google benutzen müssen, um uns an etwas erinnern zu können, reagieren wir meist mit gemischten Gefühlen: Einerseits sind wir über die Technologie erstaunt, die Funktionen unseres Gedächtnisses übernimmt. Andererseits ärgern wir uns darüber, dass wir offenbar ohne Smartphone nicht mehr denken können. »I’m not thinking the way I used to think«, schrieb etwas Nicholas Carr in The Shallows (2012), und Frank Schirrmacher notierte in einer Selbstreflexion in Payback (2009):

Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen. (auch als Essay hier nachlesbar)

Die Perspektive von XKCD bzw. Randall Monroe.

Das Phänomen heißt auf Englisch »Tip-of-the-tongue syndrome« oder TOT-Phänomen. Wir haben den Eindruck, es verschärfe sich durch die Omnipräsenz digitaler Werkzeuge.

Im Abschnitt »The Art of Finding« in seinem Buch Smarter Than We Think (2013) geht Clive Thompson diesem Eindruck auf den Grund. Seine Erkenntnisse, die er aus Gesprächen mit Forscherinnen und Forschern gewonnen hat, lassen sich wie folgt zusammengefassen:

  1. Menschen benutzen ein soziales Gedächtnis. Wie Daniel Wegener und sein Team gezeigt haben, verfügen wir über ein »transactive memory«, also über die Fähigkeit, Speichervorgänge aufzuzeigen. Wer in langfristigen Partnerschaften lebt, erinnert sich nicht an dieselben Dinge wie der Partner oder die Partnerin, weiß aber, was die andere Person abgespeichert hat: Jemand kennt die Geburtstage, jemand weiß, wo welche Werkzeuge verstaut sind.
  2. Daraus lässt sich ableiten, dass Menschen über ein recht gutes Metagedächtnis verfügen. Sie wissen, wer was weiß – auch wenn sie es selbst nicht wissen.
  3. Das heißt, Menschen haben Google eigentlich schon immer benutzt: Einfach in Bezug auf andere Menschen statt bei der Bedienung einer Maschine. »Quite simply, we seem to record as much outside our mind as within them«, hielt Wegener in den 80er-Jahren fest.
  4. Betsy Sparrow hat Wegeners Forschung vertieft und in Experimenten herausgefunden
    a) dass Menschen sich weniger gut an Fakten erinnern, wenn sie wissen, dass diese irgendwo digital gespeichert sind
    b) dass das Wissen, dass Informationen gespeichert werden, die Fähigkeit verbessert, zu wissen wo sie gespeichert sind
    c) dass Menschen in Bezug auf soziales Gedächtnis Maschinen genau so benutzen wie andere Menschen.

Wenn wir nun also die Auswirkungen des Zugriffs auf maschinelle Speichersysteme beurteilen, beurteilen wir gleichzeitig eine Entwicklung des Gedächtnisses, die viel älter ist: Bestimmte Informationen auszulagern. Die Entwicklung ist nicht ein Zerfall der kognitiven Leistungen, sondern eine Errungenschaft, die zu effizienteren Denkleistungen geführt hat.

Doch es gibt einige Unterschiede zwischen Maschinen und Personen als Partner unserer sozialen Gedächtnisse:

  • Wir akzeptieren bei Maschinen viel eher, dass sie zusätzliche Informationen liefern (wie z.B. beim einleitenden Beispiel) – beginnen dabei aber zu prokrastinieren (was durchaus auch mit Lerneffekten verbunden sein kann). Weil wir Maschinen kontrollieren, lassen wir eher zu abgelenkt zu werden.
  • Wir wissen bei vertrauten Menschen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Wenn mein Freund mir dabei hilft, mich an wichtige Tennisresultate zu erinnern, sich aber beim French Open immer wieder täuscht, dann traue ich diesen Informationen weniger, weil ich seinen »track record« kenne. Google hat auch Schwächen, da wir aber zu wenig gut verstehen, wie Google funktioniert, können wir sie weder erkennen noch einbeziehen.
  • Wir wissen noch zu wenig über die Auswirkungen digitaler Gedächtnisse, wie Gedächtnisforscher Daniel Schacter bemerkt: Es ist nicht möglich, eine sinnvolle Kontrollgruppe zu definieren, die sich in einer Informationsgesellschaft bewegt, aber auf Computer und Internet verzichtet.

Thompsons Fazit ist durchdacht: Kreatives Denken erfordert eine große Vertrautheit mit einer Materie. Dabei ist es nicht möglich, wesentliche Inhalte auszulagern – wer eine Expertin oder ein Experte auf einem Gebiet ist, erinnert sich an alle wesentlichen Fakten und Zusammenhänge, weil sie oder er daraus zu neuen Erkenntnissen gelangen kann. »Getting young people to care about the hard stuff«, ist eine Herausforderung, die nicht neu ist, sondern die Menschen und ihre Geschichte begleitet.

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie unser Gedächtnis strukturiert ist, sondern wie wir die nötige Tiefe bei der Konzentration auf und bei der Bearbeitung von Informationen erreichen.

Videos erfordern eine neue Alphabetisierung

In seiner Abrechnung mit Fernsehen und »Show Business«, Amusing Ourselves To Death  von 1985 notiert Neil Postman:

American television is, indeed, a beautiful spectacle, a visual delight, pouring forth thousands of images on any given day. The average length of a shot on network television is only 3.5 seconds, so that the eye never rests, always has something new to see. Moreover, television offers viewers a variety of subject matter, requires minimal skills to comprehend, and is largely aimed at emotional gratification. (Kap. 6, The Age of Show Business)

Während er in den 80er-Jahren durchaus Recht haben mochte, hat Postman übersehen, wie neue Medien zu einer neuen Art von Alphabetisierung (auf Englisch redet man von neuen literacies) führen. Bewegte Bilder – Videos, Fernsehen – waren zur Zeit von Postmans Niederschrift ein Medium, mit dem nur ein limitierter Umgang möglich war – deshalb waren auch die Anforderungen an Zuschauende tief (»minimal skill to comprehend«).

Das hat sich geändert: Seit Fernsehen vermehrt aufgenommen wird und Videorekorder in allen Formen es erlauben, Szenen mehrmals und verlangsamt zu schauen, wird es möglich genauer hinzusehen, mehrmals dasselbe zu sehen. Dadurch steigen die Anforderungen an die Zuschauerinnen und Zuschauer. Zwei Beispiele:

  1. In seinem neuen Buch über die Mathematik bei den Simpsons erwähnt Simon Singh mehrere »freeze-frame gags«. Dabei handelt es sich um Scherze, die nur in einer Einstellung überhaupt sichtbar sind – also nur dann erkannt werden, wenn eine Simpsons-Folge mehrmals geschaut wird und an entscheidenden Stellen gestoppt werden kann. Als Beispiel hier die zweite Zeile, wo Homer scheinbar Fermats Theorem widerlegt.

    Simpsons, S10E02
    Simpsons, S10E02
  2. In der Analyse der zweitletzten Folge der vierten Staffel von Breaking Bad hat der Youtube-User jcham979 eine begründete Vermutung aufgestellt, wie die Staffel enden wird. Seine Prognose war richtig – sie basierte auf der sorgfältigen Analyse von Schlüsselstellen, die er in einem Video zusammenstellt.

Youtube, so bemerkt Clive Thompson in seinem Buch Smarter Than You Think, ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Alphabetisierung der Videosprache funktionieren könnte. Neue Medien, so seine These, würden zunächst immer Formate aus anderen Medien imitieren und erst durch den Gebrauch einer eigenständigen Funktion zugeführt.

Was sich bei Fernsehserien schon gut zeigen lässt, weil es sie schon recht lange gibt und sie seit der HBO-Revolution um 2000 zu dem geworden sind, was sie im Zeitalter von digitalem Fernsehen sein können (vgl. dazu meinen Aufsatz über die Erzählstruktur von The Sopranos), ist bei Online-Videos noch offen. Thompson geht davon aus, dass sie erst dann einen großen Schritt vorwärts machen, wenn sie vom Massenmedium zum persönlichen Kommunikationsmedium werden. Das sei dann der Fall, wenn sie Post-It-Status erhalten – genau so, wie wir Notizen auf Post-Its machen, die uns helfen, unser Denken zu strukturieren aber gleichzeitig auch komplett wertlos sind: Genau so werden wir Videos machen um zu denken und zu kommunizieren.

Die unten zu sehen Einstellung der Webcam, so Thompson, sei im herkömmlichen Film und Fernsehen verpönt gewesen, weil sie hässlich ist. In der Geschichte der bewegten Bilder sei es aber mittlerweile die häufigste Einstellung – weil sie Menschen ermöglicht, selbst Filme zu drehen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie enthält großes kreatives Potential für die Weiterentwicklung des Mediums Video.

Bildschirmfoto 2013-09-26 um 20.03.31
Youtube-Video mit Webcam. Quelle

Thompson verweist auf die Geschichte der Photographie. Die Manipulierbarkeit von Bildern schien lange eine große Bedrohung für ihren Wahrheitswert zu sein. Sobald aber alle Bilder mit ein paar Klicks am Computer verändern können, entsteht die Möglichkeit, in einem höheren Sinne wahre Bilder zu machen. Unternehmen und Regierungen, die Bilder manipulieren, werden heute fast immer dabei erwischt, weil alle nachvollziehen können, wie das geschehen ist.

Umgekehrt können Bürgerinnen und Bürger manipulierte Bilder nehmen, um eine Wahrheit auszudrücken, die politisch unterdrückt wird. Das geschah nah dem Zugunfall in Wengzhou 2011: Die chinesische Regierung versuchte Kritik im Keim zu unterdrücken, indem sie gewisse Informationen zurückbehielt und eine saubere Untersuchung der Unfalls verhinderte. Auf den sozialen Netzwerken in China gab es heftige Reaktionen auf die Politik der Regierung, die durch verschiedene Zensurmassnahmen nur eingeschränkt zu sehen waren. Bild-Text-Kombinationen, wie sie aus so genannten Memes bekannt sind, blieben aber lange online, weil sie durch herkömmliche Zensurverfahren nicht erfasst werden konnten – sie enthielten ja weder Originalbilder noch verwerflichen Text.

Übersetzung: Das glaube ich eher als die offizielle Version.
Übersetzung: Das glaube ich eher als die offizielle Version.

* * *

Ein letztes Beispiel ist der Zapruder-Film. Er wurde während der Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy gedreht und war die Basis zahlloser Verschwörungstheorien. Der Dokumentarfilmer Errol Morris unterhält sich in einem lesenswerten Gespräch mit Ron Rosenbaum über die Bedeutung dieses Films. Der Film wurde Jahrzehnte lang vor dem Publikum versteckt – nun kann er in Zeitlupe auf Youtube betrachtet und analyisert werden.

http://www.youtube.com/watch?v=eqzJQE8LYrQ

Das Versprechen, dass die Wahrheit so ans Licht kommt, ist aber trügerisch, so die Pointe von Morris:

Another thing we know is that we may never learn. And we can never know that we can never learn it. We can never know that we can’t know something. This is the detective’s nightmare. It’s the ultimate detective’s nightmare.

»Lehrpersonen schützen« – zum Social-Media-Leitfaden für Lehrpersonen und Schulleitungen

Wie »10 vor 10« gestern berichtet hat, haben die Lehrerverbände der deutschsprachigen Länder einen gemeinsamen Leitfaden herausgegeben, der Lehrpersonen dabei helfen soll, sich in Social Media zu bewegen. Er kann als pdf runtergeladen werden, die Webseite dazu findet sich hier.

Ich wurde von »10 vor 10« angefragt, hatte aber leider keine Zeit. Meine Meinung – die in meinem Buch ausführlich dargelegt wird – deshalb hier in Kurzfassung. (Medienanfragen bitte unter 078 704 29 29 oder per Mail.)

Es ist zu begrüssen, dass der Unsicherheit von Lehrpersonen im Umgang mit Social Media begegnet wird. Doch wie das geschieht, erscheint mir problematisch.

Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin.
Symptomatisch: Der Gesichtsausdruck der Lehrerin auf der Homepage des Leitfadens.

Die zentrale Haltung ist der »Schutz« von Lehrpersonen. Eine Kommunikationsplattform wird als Bedrohung wahrgenommen, obwohl es zunächst einfach eine Kommunikationsplattform wie das Telefon oder die Briefpost ist.

In den Social Media oder auch Blogs und Foren wird jede noch so «privat» gemeinte Meinung wie in einem Leserbrief öffentlich und damit hoch bedeutsam. (S. 5)

Diese Haltung scheint mir gefährlich: Natürlich gibt es in den sozialen Netzwerken eine Vermischung von privater Person und öffentlicher Funktion. Aber das ändert nichts am Recht von Privatpersonen, ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie als öffentliche wahrgenommen wird. Lehrerverbände sollten auf das Recht pochen, dass auch Lehrpersonen außerhalb ihres Anstellungsverhältnisses ein Recht auf eine Meinung haben und die auch im Internet äußern dürfen.

Der Guide ist geprägt von einem naiven Digitalen Dualismus: »Die Wirkung von Fehlern ist deshalb im Vergleich zum normalen Alltag enorm«, heißt es beispielsweise auf S. 11. Social Media sind der »normale Alltag«, sie sind Realität, sie sind Kommunikationsformen wie alle anderen auch.

Nun zu raten, man dürfe nicht mit Schülerinnen oder Schülern »befreundet sein«, wie die Interpretation von »10 vor 10« nahelegt (im Leitfaden selbst steht das nicht), ist, als würde man Lehrpersonen raten, keine Briefe von Schülerinnen oder Schülern zu lesen. Wer ansprechbar sein will und pädagogischen Dialog pflegt, kann und soll das auch mittels Social Media tun.

Die Hinweise des Leitfadens, dass hier Richtlinien der Schule und eine einheitliche Haltung gegenüber allen Eltern und Schülerinnen/Schülern zentral ist, halte ich für wichtig. Generell stehen keine falschen Dinge im Leitfaden – er ist eine sinnvolle Einstiegslektüre für Lehrpersonen und Schulleitungen, die sich ängstigen. Aber er vertritt eine überholte Position der Abwehr. Der Kontrollverlust der Social Media betrifft nicht die Lehrpersonen, die sich exponieren – sondern alle Lehrpersonen, alle Menschen. Zu meinen, man könne verhindern, das Bilder oder Äußerungen den Weg ins Internet finden, ist naiv.

Darüber hinaus behandelt der Leitfaden Facebook – heute sicher noch das wichtigste soziale Netzwerk – zu prominent. Allgemeine Hinweise sind viel wichtiger als die Einengung auf eine Plattform. Die Jugendlichen von heute bewegen sich in anderen Netzwerken und tauschen ihre Dateien dort aus: Der Leitfaden wird in zwei Jahren komplett überholt sein.

Weitere Richtlinien, die meine Sicht erläutern, finden sich auf dieser Seite.

Überwachung und Naivität

Bildschirmfoto 2013-09-19 um 20.12.53

Der Schluss einer Petition der Schriftstellerin Juli Zeh ist ein Beispiel dafür, wie naiv selbst diskursbestimmende Intellektuelle über die totale Überwachung durch Geheimdienste denken. Daher hier ein paar Feststellungen gegen diese Naivität.

  1. Es gibt heute keine digitale Lösung, der Überwachung zu entgehen. 
    Weder Linux, noch ein alternativer Mailprovider noch Hardwarehersteller schützen uns vor Überwachung im Netz. Unsere Mails werden gesichert, unsere Verschlüsselungen decodiert. Ob Laien sich um Sicherheit bemühen oder nicht ist, ist irrelevant.
  2. Niemand kann uns die Wahrheit über die Überwachung erzählen. 
    Überwachung ist ein so komplexes Geschäft, dass niemand den Überblick über alle Aspekte hat. Auch wenn der Wunsch von Juli Zeh, Frau Merkel könnte ihr und den Menschen in Deutschland »die volle Wahrheit« präsentieren, verständlich ist, so ist er doch auch unglaublich naiv. Angela Merkel weiß weniger als Juli Zeh. Es gibt unzählige Agenturen, Geheimdienste, Datenbanken. Daten werden gespeichert und abgerufen. Das ist alles. Menschen sitzen vor Computern und benutzen sowas wie Google: Nur sagt ihnen ihr Google mehr, als es uns sagt. Mehr ist Überwachung nicht; es gibt keine höhere Wahrheit, kein teuflischer Plan.
  3. Die Überwachung ist politisch gewollt. 
    Natürlich nutzen die Geheimdienste Wege und Verfahren, die nicht durch die üblichen politischen Stellen legitimiert werden. Aber was sie tun, entspricht auch in demokratischen Staaten dem Willen der Gesetzgebenden und einer Mehrheit der Menschen.
    Wer beispielsweise einen Bericht der Sonntagszeitung über Silk Road, ein Handelsplatz für Drogen im Netz liest, begegnet darin der Forderung nach totaler Überwachung: Alle Poststellen müssten mit Kameras ausgestattet werden, damit jede Paketsendung einer Person zugeordnet werden kann, die Post müsste durchsuchbar sein, der Datenverkehr von Bitcoins, einer digitalen Währung, überwacht werden; wie auch das Internet selbst. Wer Drogenhandel im Netz unterbinden will, braucht totale Kontrolle.
  4. Die Überwachung kann nicht eingeschränkt werden. 
    Nur die totale Überwachung ist eine sinnvolle Überwachung. Wenn ein Mailanbieter, ein Land, ein Betriebssystem sich der Überwachung entziehen könnten, dann würde sie als ganze ihren Wert verlieren.
  5. Gesetze sind kein taugliches Mittel gegen Überwachung. 
    Christof Moser ist Journalist bei der Schweiz am Sonntag. Auf seine Anfrage hin hat ihm der NDB (Nachrichtendienst des Bundes) folgendes »wording« zukommen lassen:
    1277747_10201210715284696_1137173102_oDas heißt wiederum: Es gibt einen Austausch von Daten, von dem die Verantwortlichen behaupten, er entspreche den Gesetzen. Ob das so ist, kann niemand wissen.
  6. Es gibt kein Rezept gegen die Überwachungsdynamik. 
    Menschen nutzen Freiheiten, um anderen zu schaden. Deshalb werden sie überwacht, um den Schaden abzuwenden. Die negative Auswirkung dieser Überwachung erfordert neue Freiräume, die wiederum missbraucht werden. Dieser Kreislauf ist so alt wie die menschliche Kultur. Zu meinen, wir könnten heute diese Dynamik ändern, ist naiv. Bevor nicht deutlich wird, dass diese Überwachung gefährlich ist, ändert sich daran nichts.
  7. Überwachung schadet denen am wenigsten, auf die sie abzielt. 
    Dazu Kusanowsky:

    Besser zurecht kommen vor allem diejenigen, die ihre Zeit nicht damit vertrödeln können, gegen diese Überwachung zu protestieren, sondern sofort anfangen, ihr gefährliches Geschäft auch unter der Bedingung der Überwachung fortzusetzen. Gemeint sind damit diese Terroristen. Sie werden nicht darauf warten bis die Welt, in der sie nur Angst und Schrecken verbreiten möchten, eine bessere geworden ist.  Sie mögen sich zwar aufgrund dieser Überwachung zunächst irritieren, aber sie werden ihr Geschäft nicht aufgeben, sondern genau das tun, was Not tut, um ihr Geschäft des Mordens weiter zu betreiben: sie werden lernen, wie es geht.
    So sind die Überwachungsmaßnahmen nicht nur nicht dazu geeignet, den Terror zu bekämpfen. Vielmehr sorgen sie dafür, dass ausgerechnet diese Terroristen von ihren Auswirkungen zuerst verschont bleiben können, weil sie intelligentere Wege suchen müssen, ihre Geheimnisse zu behalten.

Kusanowskys Fazit kann ich mich anschließen: Wir müssen lernen, wie wir Freiheiten zurückgewinnen können.

Denn wer lernen will noch bevor man durch die Umstände zum Lernen gezwungen wird, stellt fest, dass es keine Lehrer gibt, keine Erfahrungen, keine Methoden, keine Beziehungen, ja nicht einmal ist das zu Erlernende bekannt. Und weil das so schwer anzufangen ist, ist es allemal einfacher, Protest, dem keinerlei Widerstand entgegen gebracht wird, zu äußern.

Dieses Lernen wird eine Mischung aus Technik, Politik und sozialer Organisation sein. Ein Rückfall in analoge Kommunikation ist nicht denkbar, schon allein deshalb nicht, weil die ja ebenfalls digitalisiert und überwacht wird (in den USA werden von allen Briefen Metadaten automatisch eingescannt).

Und trotz dieser Einsicht möchte ich einen Kommentar bei Kusanowsky nicht unterschlagen, er stammt von @fritz:

Tatsächlich haben aber die Attentäter, die Anschläge aufs Netz verüben [gemeint: die NSA, PhW], wovor am meisten Angst? Vor harten Abwehrgesetzen, die ihre bislang selbst gemachten Gesetze außer Kraft setzen. Mit so ein bisschen Underground-Darknet-Frechheiten, TOR etc. würden sie dagegen zur Not sicherlich auch noch fertig werden … wenn die Gesetze das frei geben, ist der Rest ja nur noch ein technisches Problem.

Diese Feststellung mag für die USA zutreffend sein. Wenn man beispielsweise Philip Mudd bei Colbert anhört und ihm Glauben schenkt, dann scheint die Gesetzeslage auch für die amerikanischen Sicherheitsinstitutionen, die wenig Skrupel kennen, eine Bedeutung zu haben. Darauf hinzuarbeiten, dass Grundrechte geschützt werden, dürfte eine Art sein, wie man sich einer gewissen Sicherheit annähern kann – ohne zu wissen, ob  nicht ähnliche Systeme von chinesischen, indischen, russischen oder privaten Nachrichtendiensten bereits betrieben werden…

Anaïs Nin über Kommunikation und Prokrastination

anac3afs-nin

In einem Tagebucheintrag vom Mai 1946 denkt Anaïs Nin darüber nach, was im Leben wichtig ist – und was davon ablenkt. Sie schreibt (die deutsche Übersetzung habe ich am 16. Oktober 2013 angepasst):

The secret of a full life is to live and relate to others as if they might not be there tomorrow, as if you might not be there tomorrow. It eliminates the vice of procrastination, the sin of postponement, failed communications, failed communions. This thought has made me more and more attentive to all encounters, meetings, introductions, which might contain the seed of depth that might be carelessly overlooked. This feeling has become a rarity, and rarer every day now that we have reached a hastier and more superficial rhythm, now that we believe we are in touch with a greater amount of people, more people, more countries. This is the illusion which might cheat us of being in touch deeply with the one breathing next to us. The dangerous time when mechanical voices, radios, telephones, take the place of human intimacies, and the concept of being in touch with millions brings a greater and greater poverty in intimacy and human vision.

[Übersetzung Manfred Ohl und Hans Sartorius, Fischer Taschenbuch (1971)] Das Geheimnis eines erfüllten Lebens liegt darin, zu leben und mit anderen so zu leben, als seien sie morgen nicht mehr da, als sei man selbst morgen nicht mehr da. Dann gibt es nicht mehr das Laster, Dinge aufzuschieben, die Sünde, etwas zu verzögern, das verpaßte Gespräch, die fehlende Gemeinschaft. Diese Erkenntnis machte mich gegenüber allen Menschen aufgeschlossener; gegenüber allen Begegnungen, die den Keim von Intensität enthalten, der oft leichtfertig übersehen wird. Dieses Gefühl stellt sich immer seltener ein und wird durch unseren gehetzten und oberflächlichen Lebensrhythmus mit jedem Tag seltener, in einer Zeit, in der wir glauben, mit viel mehr Menschen in Verbindung zu sein, mit mehr Völkern, mit mehr Ländern. Diese Illusion kann uns daran hindern, mit dem Menschen, der uns wirklich nahe ist, eine aufrichtige Beziehung einzugehen. Die bedrohliche Zeit, in der mechanische Stimmen, Radio und Telefon, an die Stelle menschlicher Beziehungen treten, und die Absicht, mit Millionen in Verbindung zu sein, schafft eine zunehmende Verarmung von Vertrautheit und Menschlichkeit.

Der Pessimismus von Nïn ist äußerst modern, weil er nostalgisch ist. Eike Kühl schrieb letztes Jahr treffend:

Offline, das steht in den Köpfen vieler für ausgedehnte Waldspaziergänge, tiefe Gespräche und gesteigerte Produktivität. Offline, das bedeutet immer auch “damals”: Damals, als wir noch nicht ständig auf E-Mails antworten mussten. Damals, als wir uns nicht ständig ablenken ließen.

»The real wonders of life lie in the depth«, schriebt Nïn in demselben Tagebuchband. Wir sehnen uns nach einem Leben unter der Oberfläche, hinter der Fassade. Zurecht. Die besten Phasen in unserem Leben sind die, wo wir keine Zeit mit Small-Talk verlieren, wo wir tiefgründige Beziehungen eingehen, in denen Vertrauen entsteht, wir gehört werden – ganz ähnlich, wie es Jorge Bucay in seinem Gedicht formuliert:

quiero_gross

Nïn schreibt nun, uns hinderten »Sünden« daran, dieses Ideal zu erreichen, zu denen auch das Bestreben gehört, mehr Verbindungen aufrecht zu erhalten, weil uns das die Technologie ermöglicht – sie nennt mechanische Stimmen, Telefon und Radio.

Ergründet man ihren Gedankengang, so mag die Technologieschelte und der Kulturpessimismus, der immer auch eine Kritik an den Menschen ist, die Technologie nutzen, auch nur eine Oberfläche sein: Letztlich geht es um eine menschliche Eigenschaft, Tiefe anzustreben, aber davor auch zurückzuschrecken. Die Bedeutung von Konzentration und Intimität zu kennen, sich aber gleichzeitig davon abzulenken. Zum Mensch gehört das Tiefe und das Oberflächliche, das Virtuelle und das Physische, das Digitale und das Analoge.

Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche. – Hugo von Hofmannsthal

Sehenswerter Kurzfilm: NOAH

Bildschirmfoto 2013-09-17 um 22.37.07

Der kanadische Kurzfilm NOAH (Walter Woodman, Patrick Cederberg, CA 2013) zeigt, wie Jugendliche heute ihre Bildschirme nutzen. Fast alle Medien werden zu Begleitmedien, die Aufmerksamkeit wechselt rasant zwischen Chats, Musik, Videos und Spielen. Informationen werden interpretiert, Verhaltensweisen und Umgangsformen im digitalen Universum müssen erst etabliert werden – eine große Unsicherheit ist vorhanden. Und Offenheit wird oft zu etwas, was für den Kontakt mit Fremden reserviert ist.

Der Film ist formal absolut konsequent und ermöglicht einen realistischen Einblick in die Medienwelt Jugendlicher. Er ist noch kurze Zeit auf Youtube zu sehen.

http://www.youtube.com/watch?v=h6eNuJdxAoQ