Unsicherheit im Lehrberuf

In einer Feedback-Runde warf eine meiner Klassen einer anderen Lehrperson letzte Woche vor, sie habe in den letzten Wochen unsicher gewirkt. Kurz konnte ich dem Vorwurf zustimmen, dann machte er mich betroffen. Er schuf einen Kontrast zwischen mir, dem sicheren Lehrer, und der unsicheren Lehrperson. Er implizierte, um etwas vermitteln zu können, sei Souveränität unabdingbar. Ein paar Gedanken dazu. wapIch bin oft unsicher. Vieles, was um mich herum passiert, verstehe ich nicht. Schwierige Texte überfordern mich, zwischenmenschliche Konflikte lähmen mich, ich stehe mir oft selbst im Weg. Mein Körper ist nicht so, wie ich ihn gern hätte, ich höre mir selbst nicht gern beim Reden zu und wenn ich meine Texte zu oft lese, halte ich sie meist für trivial, fehlerhaft und nichtssagend.

Seit ich unterrichte, habe ich viele Strategien und Techniken gelernt, diese Unsicherheit zu verstecken. Ich antworte auf jede Frage so, als wüsste ich die Antwort. Zu fast jedem Thema äußere ich selbstbewusst eine Meinung. Ich stelle kleine Schwächen aus, um große zu verbergen. Abschließend aufzuzählen, wie das im Detail mache, überfordert mich, weil ich mir meist selbst verheimliche, was ich alle tue, um gut dazustehen.

Unsicherheit ist ein Motor für mich. Ich stopfe Wissenslücken so schnell es geht und reagiere meist prompt auf Kritik. Aber das ändert nichts daran, dass die Unsicherheit nicht verschwindet, sondern einfach weniger durchscheint.

Das hat Vorteile, wenn man als Lehrperson arbeitet, aber auch Nachteile. Strahle ich Sicherheit aus, dann gebe ich Schülerinnen und Schülern Mut, dass wir gemeinsam Durststrecken, Motivationsschwierigkeiten und Prüfungssituationen überstehen werden, weil ich selbst daran zu glauben scheine. Ich fordere sie implizit auf, für Probleme Lösungen zu suchen, Hilfe anzunehmen, stärker zu werden. Gleichzeitig scheine ich ihnen das Recht abzusprechen, Unsicherheit zu zeigen. Es ist nicht fair, dass ich vieles von dem, was ich tue, einfach aussehen lasse. Ich kann vor einem großen Publikum eine Stunde frei sprechen und zwei Tage hintereinander 50 mündliche Prüfungen abhalten, die alle ein unterschiedliches Buch zum Thema haben. »Können« heißt dabei, dass ich nie große Schwächen zeige, kaum anecke oder fundierte Kritik zulassen muss. Ein Teil davon sind Gaben, die ich durch Übung oder meine Gene erhalten habe, ein Teil davon Erfahrung. Ich bin während diesen Leistungen oft enorm unsicher, verkaufe Halbwissen als Wissen, stelle Fragen, deren Antwort ich selbst nicht weiß oder lenke von dem ab, worüber ich nicht sprechen möchte.

Das heißt nicht, dass ich nicht gut vorbereitet wäre oder meine Arbeit nicht gut mache. (Zumindest rede ich mir das ein.) Unsicherheit ist menschlich. Sie in bestimmten Situationen zu verstecken, auch. Aber eine Balance scheint mir wichtig. Kurz: Ich möchte lernen, mir langsam eine Meinung zu bilden statt schnell eine zu vertreten. Eine Frage zu verstehen und wirken zu lassen, statt sie zu beantworten. Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie nicht funktionieren müssen, weil auch ich nicht einfach funktioniere. Und doch die Zuversicht zu behalten, dass sich nicht ständig Abgründe auftun, in die ich zu fallen drohe, sondern die Ahnung dieser Abgründe ein guter Begleiter ist, den wir nicht ständig abschütteln müssen.

Die Facebook-Nostalgie

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NZZ-Artikel vom 19. 3. 2014

Heute sind in Schweizer Tageszeitungen gleich drei Artikel zu Facebook-Gruppen erschienen (FB-Link), die Erinnerungen von Menschen an den Ort, an dem sie aufgewachsen sind, sammeln und zugänglich machen. »Du bisch vo X, wenn…« ist der Titel der Gruppen, in denen Menschen ihren nostalgische Gefühlen an ihre Heimat nachgehen.

Für den NZZ-Artikel würde ich von Andreas Jahn befragt. Meine Einschätzung war etwas differenzierter, als das im Text nun zum Audruck kommt – daher möchte ich hier etwas genauer formulieren, wie ich das Phänomen einschätze.

Social Media schaffen eine neue Nachbarschaft. Wir definieren uns weniger darüber, mit wem wir zusammenleben: Die Mehrfamilienhäuser in der Agglomeration zeichnen sich durch eine fast maximale Anonymität ihrer Bewohnerinnen und Bewohner aus, für die es zudem kaum eine Rolle spielt, ob sie in Zürich oder in einer von 30 Agglomerationsgemeinden leben, von denen aus Zürich in 20 Minuten erreichbar ist. Vielmehr verbinden sich Menschen im 21. Jahrhundert nach ihren Interessen und Vorlieben. Sie turnen nicht polysportiv im konfessionell festgelegten und lokal verankerten Turnverein, sondern betreiben Pilates, Unihockey oder klettern in einer Halle und an geeigneten Felsen. Ihre Mobilität hat sich erhöht. Ein Faktor sind dabei neue Kommunikationsmittel, die es uns erlauben, uns mit den Menschen zu vernetzen, die zu unserer Lebensgestaltung passen.

Das führt zu Freiheiten, aber auch zu einer massiven Unsicherheit und Verunsicherung. Es entsteht ein dialektisches Verhältnis: Die Möglichkeiten des Webs werfen uns zurück auf die Bedingungen unserer Herkunft, die eben strikt festgelegt waren. Wo wir aufgewachsen sind, was wir erlebt haben war nicht gewählt und erforderte keine Entscheidung – und hat uns gerade deswegen so geprägt.

Dafür stehen diese Facebook-Gruppen. Darüber hinaus ermöglichen sie, einen ganz bestimmten Kontext festzulegen. Die Gruppen sind offen, und doch muss niemand befürchten, dass sich dort Menschen aufhalten, die mit dem zur Diskussion stehenden Ort nichts zu tun haben. Das Thema schließt Nicht-Betroffene automatisch aus und da die Aufmerksamkeitsökonomie fast gänzlich außer Kraft gesetzt ist, weil der Themenbezug so stark ist, liegt niemandem daran, sich in diesen Gruppen stark zu profilieren. So sind die Gruppen eine Reaktion auf das von Kathrin Passig beschriebene Problem der Konsensillusion: Auf Facebook sprechen wir gleichzeitig zu unseren Freundinnen, unsere Familie, unserem Arbeitsumfeld und zu ehemaligen Klassenkameraden. Wir zeigen jeweils eine Seite unseres Profils, die aber für alle sichtbar ist. So lernen wir andere Menschen oft von einer anderen Seite kennen, die uns stark befremden kann. Wir bemerken, dass unsere Mitmenschen unsere Haltungen weniger oft teilen, als wir das üblicherweise denken. Die Vermischung der Kontexte führt zu Enttäuschungen. Die hier zur Diskussion stehenden Gruppen stellen den Kontext wieder her: Wer sich nicht durch eine teilweise übereinstimmende Biografie auszeichnet, kann nicht mitreden und ist nicht präsent.

Nachtrag: Auf Facebook kategorisiert Nanina Egli die Posts in den Gruppen sehr schön:

Grob lassen, sich die Beiträge nämlich m. E. in vier Kategorien teilen: 
(a) Erinnerungen an Personen, Ort oder Ereignisse, die spezifisch an einen Ort geknüpft sind (etwa an Stadtorginale, regionale Feste, spezifische Ereignisse (Stadtbrand) oder Gebäude und Plätze) 
(b) Erinnerungen an Generationenerfahrungen (wie »Du bist von Urkleindorf, wenn Du früher in der Epa Schalplatten gehört hast«)
(c) Erinnerungen an Kleingruppenerlebnisse (»Du bist von Urkleindorf, wenn Du 1976 auch in den Kindergarten bei Frau Hüslimeier gegangen bist.»)
(d) Verhalten in der Jetztzeit, die anhaltenden Patriotismus signalisieren (»Du bist von Urkleindorf, wenn Du noch heute beim Hören des Urkleindöflerurmarsches nasse Augen bekommst.»)
Sinnvoll sind für mich nur die Einträge der Kategorie (a), diese sind aber ein schlechter Marker, dass man tatsächlich vor Ort lebte, was in den Kommentaren sanktioniert wird: »jeder der mal in Urkleindorf war, kennt unseren Urkleindorferurbrunnen – das heisst doch nicht, dass Du von hier kommst!« so dass (in den vier fünf Gruppen, die ich anschaute), sehr rasch Kategorie (b), (c) und (d) überwiegen – lustigerweise werden die Orts-Gruppen aber damit völlig austauschbar.

Aus Baden bin ich halb. Eines meiner ersten Wörter, die ich lesen konnte, war nicht Manor, sondern Vilan.
Aus Baden bin ich halb. Eines meiner ersten Wörter, die ich lesen konnte, war nicht Manor, sondern Vilan.

»Sexting«-Beratung von Pro Juventute im Blick – ein Nachtrag

Am Freitag habe ich Pro Juventute und den Blick dafür kritisiert, dass dort ein »Auszug aus dem Gespräch mit der Telefonberatung« publiziert worden ist. Dafür wurde ich vor allem auf Twitter kritisiert und möchte daher einige Punkte aufgreifen. Man mag mir Besessenheit mit dem Thema vorwerfen – mir geht es aber darum, auf Kritik einzugehen und meinen Standpunkt zu klären. Wer sich für das Thema nicht interessiert, wird wohl schon weitergeklickt haben…

  1. Ähnliche Artikel sind in eine Reihe von anderen Publikationen (unter anderem Fritz+Fränzi, 20Minuten) erschienen. Das ist mir bewusst – die Kritik hat sich am Blick-Artikel entzündet, gilt aber gleichermaßen für die anderen.
  2. Meine Hauptkritik: Jugendliche verlieren durch diese Publikation das Vertrauen in die 147-Hotline, weil sie (zurecht oder zu Unrecht sei dahingestellt) befürchten, Vertrauliches könnte an die Öffentlichkeit gelangen.
  3. Meine Nebenkritik: Der Leserin oder dem Leser müsste klar sein, wie diese Publikation zustande gekommen ist.
  4. Dem Vorwurf, ich hätte alle Beteiligten vor der Veröffentlichung meiner Kritik befragen müssen, stehe ich gespalten gegenüber: Es wäre so sauberer und fairer gewesen. Kurz nach der Publikation habe ich Pro Juventute um eine Stellungnahme gebeten und auch drei Tage nachher noch keine Antwort erhalten.
  5. Zum Status der Auszüge:
    (a) Laurent Sedano, ein Mitarbeiter von Pro Juventute, beschreibt das Vorgehen inoffiziell so:

    es sind nachgestellte und zusammengestellte Protokolle und geben nicht einen tatsächlichen Beratungsinhalt wieder. Aus Vertraulichkeitsgründen sind die Gespräche verfremdet. Die Angaben zu allen Details sind zusätzlich eingefügt, so dass sich kein Kind darin wiederfinden kann

    (b) Thomas Ley, Mitglied der Blick-Chefredaktion, spricht auf Twitter von »Zusammenfassungen«, denen »reale Gespräche« zugrunde liegen würden.
    Für mich ist heute unklar:
    (i) Haben die Jugendlichen ihr Einverständnis für eine solche Publikation (verfremdet, zusammengefasst etc.) gegeben?
    (ii) Haben die Eltern der Jugendlichen ihr Einverständnis gegeben?
    (iii) Sind die Auszüge real, aber durch Anonymisierung, Ergänzung und Zusammenfassung verfremdet, oder »nachgestellt und zusammengestellt«?

  6. Weiter ist für mich zumindest zweifelhaft, ob sich Pro Juventute an die eigenen Bestimmungen zu Datenschutz und Schweigepflicht hält:

    Es werden nur unpersönliche Daten zu statistischen Zwecken erhoben. Alle Beraterinnen und Berater unterstehen der Schweigepflicht, auch über das Anstellungsverhältnis hinaus. Diese Schweigepflicht kann mit deinem Einverständnis aufgehoben werden.

  7. Beim Vorgehen des Blickes bin ich unsicher, ob Bestimmung 3) der »Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten« eingehalten wird, zumal im Artikel weder die Verfremdung noch die Nachstellung bezeichnet wird, die Rede ist lediglich von »anonymisierte[n] Beratungsprotokolle[n]«:

    Sie veröffentlichen nur Informationen, Dokumente, Bilder, und Töne deren Quellen ihnen bekannt sind. Sie unterschlagen keine wichtigen Elemente von Informationen und entstellen weder Tatsachen, Dokumente, Bilder und Töne noch von anderen geäusserte Meinungen. Sie bezeichnen unbestätigte Meldungen, Bild -und Tonmontagen ausdrücklich als solche.

Gibt Pro Juventute Gesprächsprotokolle an den Blick weiter?

 

***Update, 15. März 2014: Ich habe diesen Beitrag nach eine Reihe von Rückmeldungen von Laurent Sedano, einem Mitarbeiter von Pro Juventute, überarbeitet.***Bildschirmfoto 2014-03-14 um 09.06.24

Ich habe die Sexting-Kampagne von Pro Juventute schon mehrfach kommentiert, z.B. hier. Heute sind im Blick Auszüge aus Beratungsgesprächen erschienen, die Pro Juventute geführt hat. Das steht beispielsweise:

«Ach, ich brauche einfach ­jemanden, um Dampf abzulassen. Ich kann sonst mit niemandem reden, weil es mir so peinlich ist. Grad kürzlich habe ich mit meinem Vater über so Internetzeug geredet, und es war für mich so klar, wie gefährlich dies sein kann. Ich habe mir nicht im Traum vorstellen können, dass mir das mal passiert.»

Das Motiv von Pro Juventute ist wohl ein doppeltes: Einerseits auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen, was dann zu Spenden führt, andererseits Prävention zu betreiben.

Meiner Meinung nach führt das aber zu einer Sabotage der eigenen Arbeit. Das Vertrauen Jugendlicher in Beratungspersonen hat Priorität. Wenn aus diesen Gesprächen in der Boulevardpresse zitiert wird, wird das Vertrauen zerstört. So anonymisiert die Gespräche sein mögen: Betroffene (und Nicht-Betroffene) müssen damit rechnen, von ihrem Umfeld auf die geschilderten Situationen angesprochen zu werden und sich rechtfertigen zu müssen. Pro Juventute ist sich gemäß Laurent Sedano sicher, dass das nicht passieren kann, weil »die Angaben zu Details zusätzlich eingefügt« worden seien. Diese Verfremdung ist aber für Leserinnen und Leser des Blick nicht erkennbar, der Text weckt den Eindruck, es handle sich um echte Protokolle.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Ringier verdient Geld mit Äußerungen von Jugendlichen in Notsituationen, die sexualisiert präsentiert werden (vgl. Bild oben). Das darf nicht sein und  von Pro Juventute nicht ermöglicht werden.

Die Richtlinien der Hotline geben an, unter welchen Umständen die Schweigepflicht aufgehoben werden kann:

Es werden nur unpersönliche Daten zu statistischen Zwecken erhoben. Alle Beraterinnen und Berater unterstehen der Schweigepflicht, auch über das Anstellungsverhältnis hinaus. Diese Schweigepflicht kann mit deinem Einverständnis aufgehoben werden.

Daher wirkt es zumindest zynisch, wenn im Artikel ein 14-Jähriger wie folgt zitiert wird:

«Gäll, diese Anrufe sind vertraulich», will der 14-Jährige wissen, bevor er loslegt […]

Ob die Jugendlichen von Pro Juventute über die Möglichkeit einer Veröffentlichung informiert wurden und  damit einverstanden waren, habe ich von Pro Juventute auf Anfrage hin nicht erfahren.

Laurent Sedano hat im Namen von Pro Juventute Stellung genommen (siehe Kommentare) über das konkrete Vorgehen von Pro Juventute aufkelärt:

Bei den Geschichten handelt es sich um Fallbeispiele, d.h.es sind nachgestellte und zusammengestellte Protokolle und geben nicht einen tatsächlichen Beratungsinhalt wieder. Aus Vertraulichkeitsgründen sind die Gespräche verfremdet. Die Angaben zu allen Details sind zusätzlich eingefügt, so dass sich kein Kind darin wiederfinden kann. Diese Fallbeispiele werden in erster Linie nicht medial, sondern direkt in der Jugendarbeit verwendet […]

Mein ungutes Gefühl bleibt bestehen:

  1. Lesen Jugendliche den Blick, erhalten Sie den Eindruck, dass ihre vertraulichen Gespräche mit 147 dort publiziert werden könnten.
  2. Wer Jugendarbeit betreibt, darf Inhalte nicht im Boulevard ausbreiten. Auch wenn sie stark verfremdet sind.
  3. Entweder sind die Auszüge anonymisiert-echt und bedürfen einer Freigabe der Jugendlichen und ihrer Eltern – oder sie sind fiktiv. Dann müsste das im Text deutlich werden.

Oberflächlichkeit, Narzissmus und Social Media

Manchmal zeigt sie mir ihr Netzwerk, scrollt durch Profilfotos, deutet auf Schülerinnen, die kokett in die Kamera blicken: «Ist die nicht hübsch?» Ich nicke. Sie scrollt weiter. «Und die finde ich auch schön.» Etwas hilflos frage ich dann: «Ist sie denn auch nett? Kann sie etwas?» Meine Tochter zuckt mit den Schultern. Das spielt keine Rolle – wie sollte sie es aufgrund eines solchen Profils auch wissen? Schließlich war es die Rating-Site «Hot or Not», die Mark Zuckerberg zu Facebook inspirierte.
Auch zu meiner Zeit ging es in der Pubertät um Status, aber so oberflächlich war es damals nicht, bilde ich mir ein. Der Gruppendruck war weniger ausgeprägt, die Sozialkontrolle durchlässiger.

Die Betrachtungen von Michèle Binswanger, die als Mutter die Nutzung ihrer Töchter beschreibt, nehmen eine verbreitete Vermutung auf: Die Inszenierung auf den verschiedenen digitalen Plattformen führt zu einer Wahrnehmung anderer Menschen, in der wesentliche Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen von geringer, ihr Aussehen und ihr Narzissmus dafür von sehr großer Bedeutung sind.

Diese Diagnose muss in doppelter Hinsicht genauer geprüft werden:

  1. Gab es nicht schon immer Aspekte des jugendlichen Lebens, die rein oberflächlich waren? So war es in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Regionen üblich, Passbilder von sich zu erstellen und an Freundinnen und Freunde zu verteilen, die damit dann Sammlungen anlegten.
  2. Liegt der Auslöser für das Unbehagen nicht in der Effizienz der Kommunikationsmittel, die Verwendungsweisen sichtbar machen, die sonst vielen Menschen verborgen blieben?

In Bezug auf Narzissmus sind solche Fragen intensiv untersucht worden. Gemeint ist damit meist kein klinisches Phänomen, sondern das Gefühl, einzigartig und überlegen zu sein und deshalb mehr Beachtung und eine Spezialbehandlung zu verdienen. Narzisstinnen und Narzissten zeigen zwar ein höheres Selbstbewusstsein, dieses bedarf aber der kontinuierlichen Bestätigung von außen, es ist äußerst instabil. Diese Bestätigung oder Aufmerksamkeit durch andere kann nicht erwidert werden, weil es an Narzissmus Leidenden an Empathie mangelt (Davenport et al., S. 213).

Caravaggio, Narzis. Zwischen 1594 und 1596.

Eine breite Untersuchung von einem Forschungsteam in North Carolina weist nach, dass Social Media für Narzisstinnen und Narzissten ein wichtiges Betätigungsfeld ist, weil es einfach möglich ist, Aufmerksamkeit für das eigene Verhalten zu erhalten. Narzissmus beeinflusst als einer unter verschiedenen Faktoren die Gründe, weshalb Menschen Social Media nutzen, ist aber für sich genommen ein schlechtes Indiz für bestimmte Verhaltensweisen auf Twitter oder Facebook. Das heißt, Narzissmus kann Beweggründe verstärken, Social Media zu nutzen, ist aber nicht Effekt der Verwendung Neuer Medien und führt auch nicht zu messbar anderer Nutzung. Während Davenport und sein Team von der Feststellung ausgehen, dass bisherige Arbeiten zu Narzissmus und Social Media widersprüchliche und uneinheitliche Ergebnisse erzielt hätten, was sie damit erklären, dass Social Media zu Verhaltensweisen führen, die sich nicht isoliert auf einer Plattform messen ließen, sondern nur in der Gesamtheit aufschlussreich seien, vertreten andere Wissenschaftler klar andere Haltungen in Bezug auf Narzissmus. So zieht der Psychologe Jean M. Twenge ein düsteres Fazit:

Insgesamt legt die vorhandene Forschung nahe, dass Aktivitäten auf Facebook zu mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Selbst führen. Weil das in gewissen Fällen zu einer Steigerung von Narzissmus führt, lässt sich daraus geringere Aufmerksamkeit für andere ableiten (Twenge, 2013, S. 15, Übers. Ph.W.)

Louis Leung hat die Verbindung von Narzissmus und Social Media in einer chinesischen Studie vertieft untersucht. Er geht davon aus, dass es grundsätzlich fünf psychologische Ziele gibt, die Menschen bei der Benutzung von Social Media anstreben:

  1. Soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen.
  2. Negative Gefühle ausdrücken.
  3. Bestätigung und Aufmerksamkeit erhalten.
  4. Sich unterhalten.
  5. Kognitive Bedürfnisse befriedigen. (S. 1003)

Narzisstinnen und Narzissten sind dabei am letzten Aspekt kaum interessiert. Alle anderen Ziele sind für sie bedeutsam, weil dabei oft Feedback erhalten, das ihnen die nötige Bestätigung gibt und so weitere Aktivitäten verursacht (ebd., S. 1004).

Betrachtet man die verfügbaren Studien, so kann kaum nachgewiesen werden, dass Social Media Narzissmus auslöst oder verstärkt. Vielmehr liegt die Annahme nahe, dass es sich bei sozialen Netzwerken um nahezu ideale Betätigungsfelder für Menschen handelt, die narzisstisch veranlagt sind, weil sie damit in kurzen Intervallen Aufmerksamkeit erhalten können und so ihr instabiles Selbstbewusstsein festigen können.

Perspektivenwechsel: Von Gefahren zu Herausforderungen

In seinem lesenswerten Essay »Plastikwörter« (1988) beschreibt Bernahrd Pörksen, wie »Modewörter und Leerformeln Alltagsdietriche bereitstellen, die griffig sind und ganze Wirklichkeitsfelder infizieren« (S. 17). Spreche ich im Folgenden von Herausforderungen, so liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um ein solche Plastikwort handelt. Ganz im Sinne von Evgeny Morozovs Konzept des »Solutionism«, der vorgibt, die Technologie könne alle Probleme löse, die sie verursache (sowie alle anderen), spreche ich statt von Abgründen, Katastrophen von einer Situation in der eine Lösung existiert. 

Das möchte ich kurz erklären: Betrachten wir eine Entwicklung, so hat die eine Reihe sozialer und ökonomischer Ursachen und vielfältige Auswirkungen. Beides kann zum Urteil führen, dass die Entwicklung nicht wünschenswert sei – z.B. halte ich es für äußerst problematisch, dass wir fast ausschließlich Google verwenden, um vernetzte Daten zu durchsuchen. Das Werkzeug gehört einem Unternehmen, das verheimlicht, wie es funktioniert. Wir werden von einer Technologie abhängig, auf die wir kaum Einfluss haben. Nun folgt aus diesem Urteil, dass wir etwas ändern müssen. Selbst wenn diese Änderung der Weg zurück wäre – woran ich nicht glaube -, also zu einer Welt der gedruckten Zeitungen und Bücher, deren Suchfunktionen auf Bibliothekskataloge beschränkt sind, auch dann wäre es eine Herausforderung, diese Änderung herbeizuführen. 

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Nun mein Plädoyer: Jugendliche sollen als Partnerinnen und Partner betrachtet werden, wenn wir diese Herausforderungen zu meistern versuchen. Wir müssen sie möglichst genau beschreiben, mit wissenschaftlichen Methoden aufzeigen, wie Neue Medien Menschen beeinflussen und beeinträchtigen. Das ist die Basis für eine bewusste Arbeit an Problemen – ohne Lamentieren, ohne künstlich aufgebaute Argumentationsgegner. 

Zu lange haben wir meiner Meinung nach über Scheinprobleme gesprochen, wenn es um Social Media ging. Noch immer höre ich oft die Rede von den Digital Natives, die scheinbaren Probleme durch die Kürze der Nachrichten, die Kritik an der Vernetzung mit Fremden. Hier liegen die Probleme nicht und diese Pseudokritik schadet uns, weil sie echte verunmöglicht. 

Morgen lade ich Jugendliche an der Kanti Stadelhofen ein, an den Herausforderungen mitzuarbeiten. Ich habe zehn rausgepickt. 

Meine Vorsätze für die »freihändyg«-Woche

Morgen beginnt die Aktionswoche »freihändyg«, mit der dazu aufgerufen wird, bewusst digitale Pausen einzulegen. Ich habe bereits hier über meine Haltung dazu berichtet und die Folien publiziert, die ich an zwei Infoabenden verwendet habe. Das mediale Echo auf die Aktion übertrifft die Erwartungen: Einen Artikel der AZ nahm der Blick am Abend auf – und zwar auf der Titelseite.

Bildschirmfoto 2014-03-02 um 21.59.58Die Aktion richtet sich einerseits an Schulklassen, andererseits an Einzelpersonen. Zwei der Klassen, die ich unterrichte, beteiligen sich. Nun steht meine Selbstverpflichtung aus. Hier ist sie:

Ich werde vom Montagmorgen bis Freitagabend:
a) mein Smartphone im Büro meiner Wohnung lassen
b) kompletter Verzicht auf soziale Netzwerke, inbesondere Twitter, Facebook, Google+, Instagram und Tumblr.
c) meine Mails täglich nur ein einziges Mal abrufen und bearbeiten.

Meine Einfälle werde ich während der Woche in einem Evernote-Notizbuch festhalten: Mal sehen, ob ich danach Lust habe, sie zu digitalisieren. Ob ich bloggen werde, lasse ich im Moment noch offen. Zu oft wollte ich rasch zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen – darauf möchte ich nicht verzichten müssen.

Foto2Was verspreche ich mir von der Woche? Etwas tiefere Gedanken. Mehr Zeit, mein Buchmanuskript fertigzustellen. Etwas mehr Geduld, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle.

Die Pause wird mir guttun. Ich habe immer wieder bewusst Akzente im Umgang mit dem Internet gelegt und werde das weiterhin tun. Aber Pausen heißen nicht, dass das, was man vorher und nachher getan hat, falsch gewesen wäre. Da halte ich es mit Julia Rieke, die im Stern schrieb:

Die digitale Welt bestimmt nicht mein Leben. Ich bestimme ganz allein, wie ich all die technischen Bereicherungen nutze und sinnvoll in meinen Alltag integriere.

Coca-Cola bewirbt den Social-Media-Guard – eine Interpretation

 

Der New-Yorker-Cartoon von Liam Walsh nahm einen feinen Bezug auf den berühmten Cartoon von Peter Steiner, der ebenfalls im New Yorker erschienen ist. Während in der ersten Phase des Internets Pseudonyme Foren gefüllt haben, hinter denen auch Hunde hätten stehen können, werden in der zweiten Phase des mobilen Internets Menschen selbst zu Hunden: Sie brauchen dieselben Kragen, die Hunden angezogen werden, um sie daran zu hindern, sich zu belecken – weil ihr Umgang mit dem Smartphone zu einem Reflex oder Instinkt geworden ist, der über rationale Argumente oder die Disziplin nicht mehr zu umgehen war.

Letzte Woche nahm Coca Cola den Ball auf: In einer US-Kampagne verteilt der Getränkehersteller solche Hundekragen als »Social Media Guards« in Supermärkten und hat dazu ein geschicktes Werbe-Video veröffentlicht:

Das Video greift die verbreitete nostalgische Sehnsucht nach dem »echten« Leben auf: Wer echte Katzen ansieht, echtes Essen anschaut oder mit echten Menschen spricht, trinkt auch echtes Coca Cola aus Glasflaschen. Keine kalorienreduzierte Brause, echtes, ungesundes Zuckerwasser.

Diese Message mussten die Werbetreibenden aber ironisch brechen. Das taten sie auf drei Arten:

  1. Durch den Sprecher aus dem Off, dessen Kommentare süffisant belächeln, was wir sehen – so dass auch die Lösung nie als ernster Vorschlag erscheint und das Problem nie als echtes Problem, sondern als Zuspitzung und Scherz.
  2. Durch die verlangsamten Einstellungen der Menschen, die Blickkontakt zueinander und zu ihrer Umwelt aufnehmen, die sie leicht irr wirken lässt. Sie werden nicht echt, sondern seltsam, surreal.
  3. Durch die Musik. Zu hören ist nämlich die Einleitung von  »Also sprach Zarathustra« von Richard Strauß. Diese bildet die Titelmusik von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey, die unter anderem auch im ersten offiziellen Trailer eingesetzt wurde. Kubricks Film zeigt, wie der Mensch durch die Technologie entstand. Oder Technologie ist der Mensch ein Tier, mit der Technologie fügt er sich und anderen Schaden zu.

So ist der Clip von Coca Cola ein kleines Meisterwerk. Er ist enorm dialektisch, indem er zeigt, wie der Mensch zu kippen droht, wie die Balance zwischen Mensch-Sein und User-Sein diffizil ist. Einfache Lösungen gibt es nur in unseren Wunschvorstellungen. Genau so wenig wie Coca Cola eine Lösung für unsere Problem ist, ist es der Social-Media-Guard.

Ich danke Sarah Genner für den Verweis auf den New-Yorker-Cartoon:

»Freihändyg« – Aktionswoche mit Referaten in Baden und Aarau

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  1. Die Präsentation für die Infoabende ist auf Slideshare (siehe oben). 
  2. Die verwendeten Quellen: Sonntagszeitung, Huffington, Quinn Norton, 20 Minuten, NZZ Offline-Day, NZZ Käser-Essay, FOMO, Phubbing, Film
  3. Unterrichtsmaterial zum Projekt: Präsentation und Arbeitsblätter
  4. Über Fragen, Rückmeldungen und Kritik freue ich mich – entweder hier als Kommentar oder per Mail

* * *

In der ersten Märzwoche führt Aarau, eusi gsund Stadt das Projekt »Freihändyg« durch. Es handelt sich dabei um eine Aktionswoche im Kanton Aargau, bei der die Bevölkerung, Unternehmen und Schulen eingeladen sind, über die Nutzung mobiler Kommunikationsgeräte nachzudenken und während bestimmte Zeiten darauf zu verzichten.

Ich selbst bin dabei als Experte und Berater tätig. So habe ich für interessierte Schulen und Schulklassen entsprechende Materialien konzipiert (Arbeitsblätter und Präsentationen, alle hier online einsehbar) und werde am 25. Februar in Baden und am 26. in Aarau je ein kurzes Referat halten (für Details siehe Flyer oben, er vergrößert sich beim Draufklicken).

Das mag einige, die mich kennen, erstaunen. (Wahrscheinlich alle, die mich kennen.) Ich lebe meist mit dem Handy in der Hand. Daher werde ich auch nicht moralisierend fordern, dass die Woche dazu dient, auf mobile Kommunikation zu verzichten. Ihr Sinn liegt für mich darin, über unsere Gewohnheiten und ihre Auswirkungen nachzudenken. Das Resultat kann gut sein, dass wir sehr zufrieden damit sind, statt in eine Pendlerzeitung oder an Plakatwände an kalten Bahnhöfen zu starren, auf dem Handy mit unseren Freundinnen und Freunden zu chatten. Es kann aber auch darin bestehen, dass wir uns mal Zeit nehmen, an der Bushaltestelle mit der Nachbarin ein paar Worte zu wechseln, statt uns mit Kopfhörern und Bildschirm abzukapseln.

In den beiden einführenden Referaten werde ich anhand von vielen Beispielen erzählen, welche positiven und negativen Auswirkungen Smartphones auf unser Leben haben und erklären, warum Menschen wie die Internetexpertin Danah Boyd oder eine Reihe von Schweizer Bloggern sich bewusst digitale Pausen verordnen. Mein Ziel ist es, Lust zu machen, mit unseren Kommunikationsgewohnheiten zu experimentieren und dabei darüber nachzudenken. In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, unterwegs und in der Freizeit.

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Offline.

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Die Facebook-Verweigerung als Inszenierung

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In der NZZ schreibt Alice Kohli einen Nachruf auf ihr Facebook-Alter-Ego. Darin steht unter anderem:

Das Leben auf Facebook war damit genauso kompliziert geworden wie das richtige Leben. Oder noch komplizierter. Würde ich ohne Facebook etwas verpassen? Würde ich tatsächlich wichtige Kontakte verlieren? Kaum.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, nach knapp sechs Jahren, deaktivierte ich meinen Account. «Diese Freunde werden dich vermissen», mahnte Facebook und zeigte mir vier Gesichter, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht vermissen würden. Ich drückte den Knopf und war draussen. Mein Leben war ein kleines bisschen weniger kompliziert als vorher.

Sie schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele geschlagen haben, z.B. die Autorin Zadie Smith in einem Essay für die New York Review of Books:

Shouldn’t we struggle against Facebook? Everything in it is reduced to the size of its founder. Blue, because it turns out Zuckerberg is red-green color-blind. “Blue is the richest color for me—I can see all of blue.” Poking, because that’s what shy boys do to girls they are scared to talk to. Preoccupied with personal trivia, because Mark Zuckerberg thinks the exchange of personal trivia is what “friendship” is.

Ich bin anderer Meinung und habe dazu einen Kommentar geschrieben. Die dahinter stehenden Gedanken können bei Nathan Jurgenson vertieft werden, der über diesen Social-Media-kritischen Diskurs schreibt, dass es dabei darum gehe, Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten im Leben auf einer technischen Ebene als etwas darzustellen, was sich lösen oder heilen lasse: »it is about reframing our anxieties and difficulties as something we can fix«. Das heißt, dass Menschen Beziehungen, Einsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Selbstvertrauen etc. immer schwer fallen – sie in der Kritik an Technologie der Illusion nachgehen können, es gäbe einfache Rezepte für ein besseres Leben in dieser Hinsicht.

Mein Kommentar zum Artikel kenn gut auf der NZZ-Seite diskutiert werden kann (oder natürlich auch hier):

Mir scheint, diese Beitrag widerspricht sich performativ. Facebook ist die inszenierte Oberfläche – ein Mittel, um als etwas zu erscheinen, was wir gerne wären, nicht sind. Es gibt viele andere: Unsere Kleidung, unsere Autos, unsere Wohnungen. Wie wir reden, was wir arbeiten, was wir unternehmen. Jede Meinung zu Facebook ist genau so eine Inszenierung wie ein Facebook-Profil. Wer sich demonstrativ verweigert unterscheidet sich nicht von denen, die sich demonstrativ mitteilen.
Zu sagen, man könne »Menschen begegnen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auf einer selbstgebauten Skala der digitalen Meta-Ebene vielleicht Sonderlinge wären«, halte ich für eine Illusion. Menschen bauen sich Skalen und sich konstruieren Meta-Ebenen. Ob sie das digital oder analog tun, ist letztlich irrelevant.
Damit will ich nicht sagen, dass das Leben ohne Facebook nicht wunderbar funktionieren würde. Aber Menschen, die darauf verzichten, leben nicht mehr oder echter, als die, die das Tool nutzen. Wir brauchen Kommunikationsmittel, weil wir als Menschen eine symbolische und eine körperliche Seite haben. Zu werten, wie Menschen sich symbolisch inszenieren, halte ich für überheblich und unnötig.