Digitaler Dualismus

Der Begriff Dualismus taucht in der Diskussion des Körper-Geist-Problems regelmäßig auf: Die naive, intuitive Position besagt, dass Menschen einen Körper und einen Geist haben, die nebeneinander existieren. Die Frage, wie man sich eine Interaktion zwischen materiellem Körper und nicht-materiellem Geist vorstellen müsse, stiftet dabei große Verwirrung. Die Verwirrung könnte gelöst werden, indem man eine so genannt monistische Position einnimmt: Es gibt nur den Körper, der in der Lage ist, so etwas wie geistige Phänomene hervorzubringen. Oder es gibt nur den Geist, der uns die Illusion gibt, einen Körper zu haben und in einer physisch manifestierten Realität zu leben.

Grafik zum Leib-Seele-Problem, Ausschnitt. Wikimedia.

Ausgehend von dieser Beschreibung kann man sich nun dem Problem der virtuellen und der realen Welt zuwenden. Auch hier gibt es eine naive dualistische Position: Sie besagt, dass es neben der realen Welt eine virtuelle Scheinwelt gibt. Eine nahe liegende Kritik an Social Media verwendet diese Art von Dualismus, um festzuhalten, dass Facebook-Freunde keine echten Freunde seien, Konversationen auf Social Media keine echten Gespräche (vgl. z.B. Sherry Turkle), Aktivitäten in der virtuellen Sphäre generell eine Ablenkung von dem, was in der Realität wichtig ist.

Der Dualismus ist auch in Bezug auf unsere Persönlichkeit eine verbreitete Position: Er gibt vor, wir hätten eine feste Identität, die sich in der physischen Welt manifestiert (über unser Aussehen, unser Verhalten, unsere Eigenschaften etc.). In der virtuellen Welt präsentieren wir dann Facetten dieser Identität, eigentliche Zerrbilder – häufig versehen mit Pseudonymen oder Avataren. Auch hier wird schnell eine Bedrohung unserer Identität festgestellt: Durch die virtuelle Zersplitterung könnten wir uns verlieren, vergessen, wer wir wirklich sind und was unsere Bedürfnisse sind.

Ich möchte der Vorstellung des digitalen Dualismus nun Alternativen gegenüberstellen. Eine Möglichkeit wäre es, festzustellen, dass das, was wir Realität nennen, in einem hohen Grad virtuell ist. Unser Hirn konstruiert grundsätzlich seine Außenwelt – genau so, wie das ein Computer tut. Wir sehen die Welt nicht als das, was sie ist – sondern wir stellen uns eine Welt vor und passen das Modell so an, dass unsere Interaktionen mit der Welt möglichst effizient sind. Genau so ist unsere Persönlichkeit in hohem Masse virtuell: Sie bestand nie aus einer Einheit, sondern wird bestimmt durch Erzählungen, Vorstellungen, Fiktionen, Auslassungen und Hinzufügungen. Als soziale Wesen präsentieren wir uns immer anderen Menschen – ganz ähnlich, wie das auf Facebook-Profilen passiert.

Der Künstler Roland Wagner Bezzola präsentiert sich auf Facebook. Stand 7. November 2012.

Man kann aber auch eine andere Perspektive einnehmen – wie das Nathan Jurgenson tut. Er spricht davon, dass das Virtuelle Teil der Realität ist – und schon immer war. Digitale Technologien ermöglichen nun einfach eine erweiterte Realität, eine Augmented Reality. Seine These lautet:

This speaks to a fundamental way of conceptualizing and theorizing the Internet specifically, and spaces and places generally: that digital and material realities dialectically co-construct each other. For example, social networking sites (e.g., MySpace, Facebook) are not separate from the physical world, but rather they have everything to do with it, and the physical world has much to do with digital socializing. No longer can we think of a “real” world opposed to being “online”. Instead, we need to think with a paradigm that centers on the implosion of the worlds of bits and atoms into the augmented reality that has seemingly become ascendant.
[Übersetzung phw:] Daraus kann man ableiten, wie eine Konzeptionalisierung und eine Theorie des Internets – und allgemeiner von Räumen und Orten – aussehen müsste: Digitale und physische Realitäten konstruieren sich dialektisch gegenseitig. Nehmen wir als Beispiel soziale Netzwerke wie MySpace und Facebook: Sie sind nicht von der realen Welt zu unterscheiden, sondern haben damit zu tun – genau so wie die physische Welt mit digitalisierten sozialen Prozessen zu tun hat. Wir können das »Reale« nicht länger als Gegensatz zu »Online« denken. Stattdessen brauchen wir ein Paradigma, das die Implosion der Welt der Bits und Atome in eine erweiterte Realität berücksichtigt.

Um ein konkretes Beispiel zu machen: In den USA ist es bei WG-Besichtigungen zunehmend üblich, dass Bewerberinnen und Bewerber ihr Facebook-Profil angeben müssen, damit überprüft werden kann, ob das, was sie von sich behaupten, wirklich stimmt. Damit trägt die virtuelle Sphäre dazu bei, eine reale Identität zu konstruieren. Ähnlich stellen sich Menschen der Netzgemeinde bei Treffen in der realen Welt häufig mit ihrem Twitter-Handle vor: Ihre Identität kann nur über ihre Profile auf sozialen Netzwerken markiert werden.

So überzeugend diese Feststellungen sind, so wichtig ist es, terminologisch genau zu bleiben. Giorgio Fontana hält fest, dass die Opposition oder Dualität zwischen einer digitalen Sphäre und einer realen nicht haltbar ist – das heiße aber nicht, dass man nicht zwischen online und offline oder digital oder analog unterscheiden könne. Zudem müsse man verschiedene Perspektiven unterscheiden:

”Real” can mean “belonging to reality” (ontology) but also “authentic” (a real friend – sociology, folk psychology, etc.). Jurgenson is right when he says that digital is not opposed to real in both senses: a conversation on Facebook or on Skype is not less real neither less authentic than a face-to-face one. It’s just different; really different: while rejecting the naive idea of it being inauthentic or unreal, we should also consider carefully what changes between these two ways of interacting.
[Übersetzung phw:] »Real« kann heißen »zur Realität gehörend« (ontologisch), aber auch »authentisch« (ein realer Freund – Soziologie, Volkspsychologie etc.). Jurgenson hat Recht, wenn er sagt, das Digitale sei dem Realen in beiden Bedeutungen nicht entgegengesetzt: ein Gespräch auf Facebook oder Skype ist nicht weniger real und nicht weniger authentisch als face-to-face-Gespräch. Es ist einfach anders; wirklich anders: Während die naive Sichtweise, es sei nicht authentisch oder nicht real zurückzuweisen ist, sollte man genau prüfen, was die beiden Arten der Interaktion unterscheidet.

Die Bedeutung dieser Analyse und dieser Fragen wird offenbar, wenn man sich vor Augen hält, was Luciano Floridi konstatiert hat:

[W]e are probably the last generation to experience a clear difference between offline and online.

Digitaler Dualismus wird verschwinden, weil die beiden Sphären sich nicht mehr unterscheiden lassen. Wir werden die Augen durch Brillen sehen, die unser Modell von der Realität mit Informationen ergänzen – und in der virtuellen Sphäre unsere Städte, Wohnungen und Mitmenschen auf eine ganz natürliche Art und Weise erleben. Das heißt nicht, dass wir über diese Erfahrungen und Seinsweisen nicht nachdenken sollten.

reality is virtual enough – Juan Antonio Zamarripa, society6

Rezension: Geert Lovink – Networks Without a Cause

Der holländische Medientheoretiker Lovink begleitet die Entwicklung des Internets durch seine kritischen Studien, die er regelmäßig publiziert. Sein neuestes Buch ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen, es heißt »Das halbwegs Soziale«. Im Untertitel verspricht der Autor eine Kritik an Social Media beziehungsweise an der »Vernetzungskultur«. Diese Kritik leistet er – indem er unter die Oberflächen und die technischen Gegebenheiten vordringt und darstellt, welche psychologischen und sozialen Effekte sich durch die Benutzung sozialer Netzwerke beobachten und beschreiben lassen. (Im Folgenden beziehe ich mich auf die englische Taschenbuchausgabe.)

Ich werde die wesentlichen Aspekte zusammenfassen, die Lovink in der Einleitung sowie in den ersten beiden Kapiteln präsentiert (einen habe ich schon in meinen Blogpost über »social« einfließen lassen, weitere werden folgen). Die weiteren Kapitel bergen spezifische Untersuchungen zu Einzelthemen, auf die ich nicht im Detail eingehen werde. Das Buch ist eine lohnende Lektüre für alle, die Social Media nicht nur als Werkzeug benutzen wollen, sondern die zugrundeliegenden Mechanismen verstehen wollen. Lovink schreibt sehr dicht, fasst oft Gedanken von anderen Kritikern zusammen, bezieht sie auf Internet-Phänomene. Dabei berücksichtigt er eine enorme Breite von theoretischen Ansätzen – er überblickt den kritischen Diskurs im angelsächsischen und europäischen Raum und bezieht psychoanalytische, philosophische, soziologische Zugänge in seine Analyse ein.

Die Hauptthese von Lovink ist, dass das Web 2.0 seine Versprechen nicht eingelöst habe. Es habe sich ein kommunikativer Kapitalismus etabliert, der zwar Diskurs ermögliche, aber einer, dem jeder politische Gehalt fehle. Die Art, wie Entscheidungen gebildet werden, wie politische Verantwortung funktioniere, Partizipation – all das habe sich durch Social Media nicht verändert, obwohl man sich das erhofft hat. Als Beispiel fügt Lovink die PR von Politikerinnen und Politikern auf Twitter an, die politische Kommunikation nicht verändert habe. (2)

Die Frage sei, ob Social Networks im Moment eine Art Jugend durchlaufen und reiften, um dann andere Funktionen zu übernehmen – oder ob sie, wie viele User, ewig Kinder blieben. Dasselbe gilt für die Kritik sozialer Netzwerke: Sie durchlaufe Zyklen der Empörung (Kinderpornographie, Privatsphäre, Rolle des Journalismus).

In der Einleitung beschreibt Lovink das Web 2.0 mit vier Aspekten, die es von einem Werkzeug zu einem Raum machen, in dem sich verschiedene »User-Cultures« etabliert haben und etablieren:

  1. real-time
    Die Welt wird nicht virtueller, sondern das Virtuelle realer. Wir werden von sozialen Netzwerken aufgefordert, unsere Ichs permanent – in real-time – zu präsentieren – ohne eine Rolle zu spielen. Diese Präsentation ist eng mit der Möglichkeit verwoben, ein Ich-Gefühl zu entwickeln und mit anderen in Verbindung zu treten.
  2. From Link to Like
    Links erlauben Besuchern einer Webseite, auf eine andere abzuspringen. Das ist der Grund, warum sie schon immer zögerlich eingesetzt wurden. Links ermöglichen Suchmaschinen, das Netz zu ordnen, Bedeutungen und Zusammenhänge zu generieren. Weil sie das so gut können, verhindern sie aber, dass Links verwendet werden: Menschen klicken heute kaum mehr auf Links, sondern verwenden direkt die Google-Suche. Dadurch wird die Suche parasitär: Sie braucht Links für die Qualität ihrer Ergebnisse, verhindert aber gleichzeitig, dass Links verwendet werden. Diese Problematik wird verstärkt durch den zunehmenden Gebrauch von »Like«-Buttons: Hier wird nicht mehr eine direkte Empfehlung abgegeben, sondern die Empfehlung erfolgt via eine Plattform, die User dazu bringt, immer wieder zu ihr zurückzukehren. Lovink sieht hier einen Wechsel in der Aufmerksamkeitsökonomie von der Suche hin zur Selbst-Referenz.
  3. kein echter Dialog
    Das öffentliche Internet, so Lovink, sei ein Schlachtfeld extremer Meinungen, die kaum auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft würden. Deshalb wird die Kommentarkultur zu einem grossen Problem fürs Web 2.0. Gleichzeitig für real-time dazu, dass Reflexion kaum mehr möglich ist: Das Netz und seine User werden überschwemmt mit Informationen, auf die man kaum mehr gehaltvoll reagieren kann. (Der Klout-Score misst beispielsweise nicht den Gehalt von Diskussionen, sondern nur die Tatsache, dass Reaktionen erfolgen.)
  4. Nationale Netzwerke
    Immer stärker werden im Internet nationale Grenzen errichtet, die politische Kontrolle ermöglichen. Dabei spielen einzelne Dissidenten oder Hacker, die sich der Kontrolle entziehen, keine Rolle – weil sie keinen Einfluss haben können. Wer sich außerhalb des offiziellen Netzes und außerhalb der sozialen Netzwerke beweget, kann zwar das Internet frei nutzen – aber mit niemandem agieren und keine Massen mobilisieren. Die Frage wird also sein, ob es möglich sein wird, dynamische, dezentrale Netzwerke zu organisieren.

Lovink fragt, warum es keine entsprechende Theorie gäbe, die den Missstand, dass heute alle Netzwerk-Aktivität über gigantische, zentrale Netzwerke wie Google und Facebook läuft, reflektieren und Gegenkonzepte diskutieren kann.

Kapitel 1: Networked Condition

Im ersten Kapitel beschreibt Lovink die Auswirkungen des Überflusses an Information. Es beschreibt eine »networked condition« (24ff.): Sie entsteht, weil Menschen heute Unzufriedenheit nicht mehr politisch produktiv äußern können. Also entwickeln sie eine Medientheorie, in der sie Offline-Zeit als gehaltvoller präsentiert als die Auseinandersetzung mit Online-Informationen und errichten mit dem Begriff des »digital native« eine Figur, die einer Generation und einem Geschlecht zugehört, die mit den Informationsströmen umgehen können. Dabei setzen sie sich aber selber freiwillig den Informationsströmen aus, indem sie Computerdatenbanken füllen, wenn sie von Maschinen dazu aufgefordert werden, Links weiterverschicken und auf Facebook teilen, das Internet mit Informationen füttern, aus denen wiederum Konsumprodukte entstehen, die zum Informationsüberfluss beitragen.

Für junge Menschen wirkt sich das in einem Gefühl einer sanften Narkose aus: Es kann nichts getan werden, obwohl die Gesellschaft auseinanderfällt. Es bleibt der Spass, die Lustbefriedigung. Lovink zitiert Franco Berardi, der die Networked Condition als neo-liberales Gebot versteht (28):

As if there was any choice to participate in Facebook, Twitter, and to have your mobile phone on 24/7. Berardi: »The problem is not in the technology. We have come to terms with it. The killing element is the combination of info stress and competition. We have to win, and to be the first. The real pathogenic effect ist the neo-liberal pressure that makes the network condition so unlivable – not the abundance of information in itself.«

Jugendliche beherrschen die Technologie – aber sie werden von einem Druck beherrscht, präsent zu sein und sich Informationen auszusetzen – und zwar so, dass sie wahrgenommen werden. Wer sich die Kompetenz aneignet, den Bildschirm zu verlassen, sich dem konstanten Fluss von Informationen zu entziehen und zu entscheiden, was Unterhaltung, was Ablenkung und was wirklich wichtig ist, wird pädagogisch und moralisch beurteilt und verurteilt. Entscheidend ist, sich weder als Opfer einer Entwicklung zu sehen, die unser Leben beschleunigt, noch einfach regelmäßig Pausen einzulegen – sondern bewusst Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und unsere Abhängigkeit von zentralisierten Netzwerken zu reduzieren. Wir müssen lernen, selber zu bestimmen, wie mit Informationen umgegangen wird uns uns scheinbaren Sachzwängen entziehen. Lovink sieht ein Paradox: Die scheinbare Individualisierung, die durch die Präsentation unseres Ichs auf Social Media möglich wird, führt letztlich zu einer rein algorithmischen Bearbeitung von Daten, die unsere Ichs wiederum konstruieren. (Wenn das zu kompliziert schien: Wenn wir unsere individuellen Erlebnisse Facebook anvertrauen, so lassen wir die Präsentation unseres Ichs und unsere Wahrnehmung durch andere durch eine Maschine konstruieren – wie alle anderen FB-Nutzer auch…)

Kapitel 2: Facebook und Anonymität

Wer heute lebt, wird regelmäßig aufgefordert, ganz sich selbst zu sein. Gleichzeitig stimmen Menschen, die diesen Aufforderungen nachkommen, in ihren Bedürfnissen überein: Alle trinken gerne Starbucks-Kaffee, Reisen nach Australien und Sorkin-Serien. Lovink fragt, ob wir auf dem Netz jemand anderes sein können, als wir »wirklich« sind: Dabei beobachtet er die Tendenz von sozialen Netzwerken, Identität festzuhalten und jeder Person eine starre Identität zuzuweisen. Wir vertrauen diesem Identitätsmangement, weil entweder Big Brother schon lange existiert oder die Katastrophe, die alle unsere Identitäten bedrohen könnte, nie eintreffen wird (40).

Es ist heute, so stellt Lovink in Bezug auf Eva Illouz fest, dass die Herausbildung eines Ich-Gefühls nur noch in Kombination mit Quantifizierung und Vergegenständlichung dieses Ichs (z.B. in Datenbanken) möglich ist. Diese Tendenz führt dazu, dass professionelles und privates Ich immer mehr verschmelzen und wir uns deshalb immer als die schnellsten, schlausten und besten präsentieren müssen (42). Soziale Netzwerke erlauben uns, zwei Formen von sozialem Kapital aufzubauen: Zu zeigen, wer uns liebt und mit wem wir verbunden sind.

Lovink schlägt drei Auswege vor, wie wir mit diesen Problemen umgehen können:

  1. Die Selbstpromotion verhindern. 
    Gleichzeitig erlauben die sozialen Netzwerke nur positive und einfache Gefühle: Es gibt nur eine Beziehungsform (»Freunde«) und nur eine Art, auf Content zu reagieren: »Like«. Wir werden auf eine einzige Identität reduziert. Als Ausweg bleibt nur, auf verschiedenen Netzwerken verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit zu präsentieren, die verschiedenen Aspekte unserer Persönlichkeit auszudrücken, Widersprüche zu erzeugen anstatt sie zu glätten.
  2. Die Konsumhaltung hinter Social Media aufzeigen:
    Soziale Netzwerke verlangen immer mehr von uns. Twitter-Profile und ihre Statistik sind eng verknüpft: Je mehr wir leben, desto höher sind unserer Zahlen. Wir schreiben viel, aber meist Nonsense – wir sagen so viel wie die Figuren im Big Brother-Haus (46). Das kann man aufzeigen und sich diesen Trends verweigern.
  3. Anonymität wieder schätzen lernen.
    Gemeinhin wird das Internet als ein Raum angeschaut, an dem anonyme Menschen Unfug treiben. Tatsächlich sind aber nur sehr wenige wirklich anonym unterwegs – es gibt keine Anonymität im Internet. Sie ist gleichzeitig wichtig und bedrohlich.

Zur Bedeutung von »social« in Social Media

Versucht man den Begriff »Social Media« wörtlich zu übersetzen, so wirkt »soziale Medien« sofort schief. Handelt es sich um »soziale« Medien – also solche, die sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt beziehen, ihn fördern, auf ihn einwirken? Das stimmt alles nicht ganz.

In seiner Social Media-Kritik »Networks Without a Cause« hielt Geert Lovink 2011 fest, »the social« sei heute nur noch ein Feature, während lange Zeit undenkbar gewesen sei, »social« ohne moralische Konnotation zu verwenden: Das Soziale war ein Problem oder ein Ideal. Heute könne man aber Gemeinschaft (»community«) und »the social« problemlos trennen: »social« sei, so Lovink, heute nur noch eine Eigenschaft technologischer Prozesse, ein Teil von Programmen, die Menschen auf Plattformen festhielten, welche ihre Zeit in Anspruch nehmen, ohne gesellschaftliche Strukturen auszubilden oder Gemeinschaften herzustellen.

Diese Kritik am Begriff »social« präzisieren Nathan Jurgenson und Withney Erin Boessel in einem kurzen Essay. Sie unterscheiden zwei Begriffe: »social« und »Social«.

  • social
    Der erste Begriff, der Alltagssprache entnommen, bedeutet so viel wie gesellschafts- oder gemeinschaftsbezogen. Es betrifft alles, was sich zwischen Menschen abspielt: direkt oder indirekt, on- oder offline.
  • Social
    Der zweite Begriff hat eine viel engere Bedeutung: Er meint Interaktionen, die messbar, quantifizierbar, protokollierbar und benutzbar sind. Menschliches Verhalten, das in Datenbanken abgebildet werden kann, ist »Social«. Das hat im deutschsprachigen Raum auch Christoph Kappes schon so formuliert: »’Social‘ meint, dass menschliche Beziehungen maschinell abgebildet werden (zur Zeit noch naiv) und zur Informationsselektion und -verbreitung genutzt werden.«
Gordon Dam, , Australien. Wikimedia/JJ Harrison, CC BY-SA 3.0

Die Autorin und der Autor verwenden für ihre Unterscheidung ein Bild. »social« ist wie der Wasserkreislauf: Es regnet, es bilden sich Bäche, Flüsse; die wiederum bilden Seen und Meere – und von dort verdunstet das Wasser und bildet Wolken. »Social« ist nun ein Stausee: Eine Wassermasse, die eine spezifische Funktion hat (Energie herzustellen) und – ohne das selber zu merken – künstlich gebildet worden ist.

Die spezifische Funktion von »Social« und damit von Social Media ist den Autoren zufolge Arbeit gratis verfügbar zu machen. Das Geschäftsmodell des Web 2.0 sei es, Plattformen durch die von Usern generierten Inhalte attraktiv zu machen – also durch Gratisarbeit. Entsprechend bedrohlich wirkten nicht messbare Aspekte des »sozialen« Internets, die dann – wie das kürzlich Alexis Madrigal getan hat – »dark social« genannt werden.

Geht man noch einen Schritt weiter, so kann man mit Bert te Wildt konstatieren, dass sich »[d]as Mediale vom Individuellen zum Kollektiven hin entwickelt«: War das erste Medium die Stimme des Menschen, gebunden an seinen Körper und seine Individualität, so ist das Medium Internet heute völlig unabhängig von Körpern und Individuen – und damit auch von ihren Beziehungen. Es braucht keine Individuen mehr, um soziale Netzwerke herzustellen – die sozialen Netzwerke schaffen vielmehr Individuen. So ist es z.B. bei gewissen WGs in den USA üblich, dass an einem Zimmer Interessierte mit einem Facebook-Profil beweisen müssen, dass es sie tatsächlich gibt.

Creative Commons im Unterricht

Die unten stehende Infografik von Martin Mißfeldt hat mich zu einer Skizze einer Unterrichtseinheit über Creative Commons-Lizenzierung angeregt. Idealerweise würde sie im Rechtsunterricht stattfinden, aber auch der Kunst- oder Literaturunterricht bietet die Möglichkeit einer Einbettung. So thematisiert Torsten Larbig in einer Unterrichtseinheit zu Kafkas »Das Urteil« (CC-BY-NC-SA) im Rahmen eines »medienpädagogischen Intermezzos« die Frage, wie Quellen anzugeben sind und mit Material, das im Internet scheinbar »frei« verfügbar ist, umgegangen werden soll:

Ich nutze die Ausgabe solcher freien Materilalien, die im Internetz legal kostenfrei verfügbar sind, um über freie Materialien mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihnen das Lizenzmodell der CreativeCommons-Bewegung zu erläutern.

Dabei gehe ich dann auch auf die Frage ein, dass in den meisten Fällen von Schülerinnen und Schüler sowie von Lehrerinnen und Lehrer Material von z.B. Wikipedia fälschlicher Weise ohne Lizenzangabe verwendet wird. Ich erkläre, wie man sich über die Exportforunktion auf Wikipedia schnell die korrekte Lizenzangabe mit dem dazu gehörenden Text erstellen lassen kann, sodass zukünftig korrekte und vollständige Literaturangaben bei nicht nur in kleinen Teilen zitierten Texten möglich sind – und dann von mir auch (notenrelevant) erwartet werden.

Der Plan der Unterrichtseinheit sieht einen zweiteiligen Einstieg vor, bei dem z.B. in Gruppenarbeit drei unterschiedliche Fragestellungen (1-3) erarbeitet werden, die Erkenntnisse dann in einer abschließenden Sequenz (4) zusammengeführt werden.

(1) Was sind Commons/Gemeingüter?

Diese Fragestellung soll anhand von Auszügen aus dem ausgezeichneten Gemeingüter-Report der Boell Stiftung (als pdf kostenlos verfügbar) bearbeitet werden, z.B. das Liegestuhl-Beispiel von Heinrich Popitz oder die einfachen Übersichtsgrafiken mit Erläuterung:

Die Aufgabe wäre dann, dass man die Idee der Gemeingüter und sowie den Zusammenhang von Ressourcen, Communities und Regeln erklärt und an Beispielen veranschaulicht.

(2) Urheberrecht

Am Beispiel der Fotographie kann gut erläutert werden, aus welchen Komponenten das Urheberrecht besteht. Sinnvoll ist z.B. das Übersichtsdokument des Schweizer Rechtsanwalts Ueli Grüter, in dem die rechtliche Situation in der Schweiz erklärt und einige Beispiele diskutiert werden.

Angewendet kann diese Ausgangslage dann auf eine weitere Infografik von Martin Mißfeldt, in der das Vorgehen bei der Verwendung von Bildern diskutiert wird. Hier nur ein Auszug (CC-BY-SA):

(3) Creative Commons als System

Anhand der CC-Infografik von Mißfeldt (CC-BY-SA) und den Erläuterungen auf seinem Blog, der auch auf den erklärenden Text von Creative Commons verweist und die Symbole sauber erklärt, soll erklärt werden, welche Möglichkeiten Creative Commons bieten.

Auf Englisch gibts auch noch dieses hervorragende Video:


Zur Vertiefung wäre die Überlegung sinnvoll, ob NC und ND überhaupt verwendet werden soll, bedenkenswerte Gedanken in der informativen Broschüre von Paul Klimpel nachgelesen werden.

(4) Zusammenführung, Anwendung und Ausblick

Dieser Teil, bei dem die Erkenntnisse und das Wissen der Gruppenarbeiten ausgewertet und angewendet werden soll, könnte mit einem Quiz beginnen:

  1. Darf ich ein Bild, das ich mit der Google-Suche gefunden habe, auf Facebook veröffentlichen?
  2. Darf ich einen Ausschnitt aus einem Text zitieren?
    a) Wenn er 20 Wörter lang ist?
    b) Wenn er 20 Seiten lang ist?
  3. Dürfen Lehrpersonen aus Lehrmitteln Kapitel kopieren und mit ihren Schülerinnen und Schülern bearbeiten?
  4. Was würde es bedeuten, wenn Lady Gaga ein Album mit Creative Commons Lizenz veröffentlichen würde?
  5. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mit dem Smartphone ein Foto macht – hat sie oder er dann das Urheberrecht daran?
  6. Ist es illegal, einen Film oder ein Ebook gratis aus dem Internet runterzuladen?

Dann könnten Fragen diskutiert werden, welche die heutige rechtliche Praxis betreffen, den Umgang mit Urheberrechten in der Schule, die Publikation von Bildern und Texten im Internet und die Bedeutung von Quellenangaben – diese Fragestellungen entwickle ich hier nicht genauer, die dürften sich aus dem Unterrichtskontext ergeben.

(5) Ausweitung: Rollenspiel

Darüber hinausgehend wäre es möglich, in einem Rollenspiel ein ideales Urheberrecht zu entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler vertreten jeweils eine Gruppe von Interessierten, z.B.:

  • erfolgreiche Urheberinnen und Urheber, die von ihren Einnahmen leben
  • Urheberinnen und Urheber, die wenig oder keine Einnahmen erzielen
  • Konsumentinnen und Konsumenten von Inhalten
  • Internetnutzer, die häufig Inhalte runterladen (legal oder illegal)
  • Politikerinnen und Politiker, die versuchen, eine möglichst hohe Lebensqualität und Rechtssicherheit herzustellen

In sinnvollen Gruppen könnten dann grundsätzliche Regelungen festgelegt und verabschiedet werden – oder Differenzen beobachtet werden, die sich nicht lösen lassen.

Beschäftigt sein – Erlösung oder Horror

Heute ist auf der Freitag-Seite ein Essay von Robreto Simanowski pulbiziert worden, der eine schöne Spannung zu einem Kommentar von Tim Kreider auf dem Meinungsblog der New York Times aufspannt. In beiden Texten geht es darum, dass viele Menschen heute ständig »busy« sind, also beschäftigt. Das hängt auch mit Social Media zusammen – sie beschäftigen uns, sie involvieren uns in unzählige Aktivitäten, geben uns etwas zu tun.

Die Spannung zwischen den Texten zeigen schon die beiden Titel:

Ist man nun »schön busy« oder ist das busy-Sein eine »trap«, eine Falle?

Kreider argumentiert wie folgt: Wir hüllen uns in unser Beschäftigtsein. Es beginnt schon im Kindesalter und wurde zu einer Art Mode – eine Mode, die verhindert, dass wir ein erfülltes Leben führen, weil es uns davon abhält, Beziehungen zu führen, intensiv zu erleben und zu denken. Der busy-Modus konsumiert unser Hirn, konsumiert uns.

The present hysteria is not a necessary or inevitable condition of life; it’s something we’ve chosen, if only by our acquiescence to it. […] Busyness serves as a kind of existential reassurance, a hedge against emptiness; obviously your life cannot possibly be silly or trivial or meaningless if you are so busy, completely booked, in demand every hour of the day.

Idleness is not just a vacation, an indulgence or a vice; it is as indispensable to the brain as vitamin D is to the body, and deprived of it we suffer a mental affliction as disfiguring as rickets. The space and quiet that idleness provides is a necessary condition for standing back from life and seeing it whole, for making unexpected connections and waiting for the wild summer lightning strikes of inspiration — it is, paradoxically, necessary to getting any work done.

Die Beschäftigung deckt eine existenzielle Leere zu und hindert uns daran zu denken, dass wir vielleicht unwichtig und unbedeutend sind. Sie hindert uns aber generell am Denken, weil sie jede Art von Distanznahme verhindert.

Anders sieht das Simanowski. Er geht von einem berühmten Bonmot Pascals aus:

Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Dieser Mensch setzt sich angstvoll mit seiner Sterblichkeit auseinander, weil er sich nicht zerstreuen kann. Simanowski skizziert dann eine Geschichte des medialen Wandels als Abfolge von intensiveren Zerstreuungen, vom Buch über den Fernseher bis hin zu Social Media. Heute, wo es weder ein religiöses Sinnangebot gibt, mit dem wir uns trösten können, noch eine Zukunftsaussicht, die uns eine Orientierung ermöglichen würde, bleibt uns nur der Trost der Technik:

Gehen wir von Folgendem aus: Die Kommunikation der sozialen Netzwerke ist mehr oder weniger das, was die Sprachwissenschaft phatisch nennt und der Volksmund Small Talk. Eine Art Placebo-Gespräch, das nichts anderes zum Ziel hat als sich selbst und den unmittelbaren Augenblick. Genauer: Ziel ist die Vermeidung des Augenblicks, der, wie Pascals Zimmer, das Ich mit sich allein ließe. Deswegen die permanente Kommunikation als Grundgesetz unser Kultur. Das mag man gelegentlich als Bürde beklagen, aber wenn das Leben Momente der Untätigkeit aufdrängt (im Bus, im Wartesaal, am Taxistand), spürt man dunkel wieder die Todesangst und greift rasch zum Smartphone. Die neuen Medien garantieren, dass man nie mit sich allein ist, und werben sogar, wie Apple für den iPad-Kalender, lässig mit Sprüchen, die einst Grund zum Aufschrei waren: „Immer schön busy“. […]
Die Moderne kann ihr Projekt – das scheitern würde mit der Rückkehr der Religion – nur retten durch die Flucht ins Technische: Sie übersetzt die Bedeutung von „Verbindung“ im Lateinischen religio als „Link“ und kürt zum heilbringenden Medium nicht die Kanzel, sondern das Online-Netzwerk. Dort ereignen sich die Begegnungen unserer Zeit im Takt der Updates. Dort feiert sich, in Anbetung unentwegter Gegenwart, die ewige Wiederkunft des Gleichen.