Kleines Lehrstück über Technologiekritik und Zitate im Netz

Auf Twitter machte diese Woche das folgende Zitat die Runde:

From a principal’s publication in 1815: „Students today depend on paper too much. They don’t know how to write on a slate without getting chalk dust all over themselves. They can’t clean a slate properly. What will they do when they run out of paper?“

Es passt schön in eine Reihe von technologie- und medienkritischen Zitaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, welche die These bestätigen, dass Menschen sich schon immer gegen einen eigentlich harmlosen Wandel gesträubt haben.

Um zwei Beispiele zu nennen:

In Parerga und Paralipomena II kritisiert der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Lesen als einen geisteslähmenden Prozess:

Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen.

Für xkcd hat Randall Munroe eine Liste mit Zitaten über die verheerende Wirkung der Beschleunigung der Kommunikation zusammengestellt (hier nur ein Auszug):

Ohne Titel 2Das erste Zitat über die Papierabhängigkeit würde gut in diese Reihe passen, nur ist es nicht echt. Wie Quoteinvestigator rausgefunden hat, stammt es aus einem Artikel mit dem Titel »Probable Quotes From History« aus The MATYC Journal, 12/3, 1978 und zeigt in einer Liste von Zitaten, die alle mit »Student’s today…« beginnen, erfundene Zitate, wie Menschen hätten auch den technischen Wandel reagieren können.

Wir lernen: Genau so wie es einen Diskurs gibt, der über Jahrhunderte jedem medialen Wandel mit ähnlichen Argumenten begegnet, gibt es einen Diskurs, welche jede Kritik an solchen Veränderungen mit historischen Zitaten abbürstet. Genau so wie Neuerungen an sich nichts Gefährliches sind, ist wiederholte Kritik an sich nicht ohne Gehalt.

(Zudem lernen wir, dass Zitate im Netz auch dann verbreitet werden, wenn sie von niemandem verifiziert werden können. Aber das wusste auch Abraham Lincoln schon.)

Internet-Quotes

 

Humanistische Bildung und Social Media

Ich wurde gebeten, einen Artikel zu meiner Perspektive auf das »humanistische Bildungsideal« zu schreiben. Mit »meiner Perspektive« ist die des Lernens in und mit digitalen Medien gemeint, mit dem »humanistischen Bildungsideal« die Frage, ob es sich dabei um ein »Auslaufmodell oder wieder zu entdeckendes Orientierungssystem« handle.

Daraus entstand ein Essay, den man hier als pdf-Dokument runterladen kann.

Hier auf dem Blog habe ich die Frage wie meistens schrittweise abgehandelt und mit Gedankengängen verbunden, die ich früher schon diskutiert habe. Es gibt drei Teile:

  1. Das humanistische Bildungsideal
  2. Javascript und Latein
  3. Mensch und Maschine

* * *

Hier also der erste Abschnitt zu meinem Verständnis des humanistischen Bildungsideals.

Im dritten Kapitel seiner »Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen« von 1792 formuliert Wilhelm von Humboldt einen politischen Gedanken, der als Grundbaustein zu einem Bildungsideal gelesen werden kann:

Was nun der Mensch von außen empfängt, ist nur Samenkorn. Seine energische Tätigkeit muß es, seis auch das schönste, erst auch zum segenvollsten für ihn machen. […] Das höchste Ideal des Zusammenexistierens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige, in dem jedes nur aus sich selbst und um seiner selbst willen sich entwickelte.

Bildung ist – ganz knapp – die Entwicklung eines Individuums in Abgrenzung von Einflüssen von außen und Abgrenzung von fremden Zwecken. Objekte lassen sich von außen manipulieren, Instrumente dienen einem ganz bestimmten Zweck: Der gebildete Mensch ist weder Objekt noch Instrument, sondern setzt sich in ein Verhältnis zu den auf ihn wirkenden Einflüssen und zu den anzustrebenden Zwecken.

Bildung ist die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschränkung harmonisch – proportionierlich entfalten und zu einer sich selbstbestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.

Hier werden genauere Kriterien für die Entwicklung des Menschen im Bildungsprozess angegeben: Sie beinhaltet alle seine Fähigkeiten, die zudem im korrekten Verhältnis zueinander stehen sollen. Ihre Ausprägung erhalten sie, wenn Menschen in vielfältiger Weise mit der Welt interagieren und dabei selbstbestimmt zu einem Individuum werden.

Die humanistische Bildung organisiert diese breit angelegte Interaktion mit der Welt, indem sie Angebote bereit hält, mit denen sie – wiederum selbstbestimmt – stattfinden kann. Social Media fügt sich nun als ein Angebot ein: Wie das Lesen von Büchern, wie ein Gespräch oder wie ein Experiment in der Natur ermöglichen soziale Netzwerke eine Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Ideen, die Wahrnehmung von Darstellungen anderer Menschen und solchen der Natur, der Interaktion in Themenfeldern, welche menschlichen Interessen und Entwicklungsbedürfnissen entsprechen.

Social Media sind eine Ergänzung, Erweiterung der Bildungslandschaft, nicht ein Ersatz für etablierte Verfahrensweisen. In dieser Perspektive ist ganz klar, dass sie in Programm des humanistischen Bildungsideals gehören.

Listicles im Deutschunterricht

Seit letzte Woche mit blickamabend.ch der erste deutschsprachige Buzzfeed-Klon gestartet ist, verbreitet sich eine neue Textsorte: So genannte Listicles. Der Zusammenzug aus »List« und »Article« führt zu einer nummerierten Liste, in der ein Thema mit einer Kombination von Schlagzeilen, Bildern und Kommentaren dazu. Ich habe dazu selbst ein Beispiel gebastelt: Ein Kafka-Listicle.

Die Frage, wie leistungsfähig das Format ist, will ich hier nicht ausführlich abhandeln. Es entstammt aus einem Infotainment-Ansatz, der Informationen unterhaltsam verpackt. Viele Listicle-Geschichten sind rein unterhaltsam, einige haben durchaus einen Informationsgehalt, den man ernst nehmen kann. Hier ein Beispiel:

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Eine Klasse habe ich beauftragt, Listicles zu schreiben. Folgende Schritte ermöglichen einen einfachen Zugang:

  1. Lektüre von Listicles.
  2. Beschreibung der wesentlichen Merkmale (nummerierte Liste – Zusatztipp von Simon Haering: die Anzahl sollte ungerade sein, um zu zeigen, dass sie nicht fertig ist -, Text-Bild-Kombination, Quellenangaben, auch bewegte Bilder, häufig .gifs).
  3. Vereinbarung des Themas und es Umfangs zu schreibender Listicles.
  4. Tools für Listicles: Tackk ermöglicht es, enorm einfach eine kleine Webseite zu schrieben, auf der ein Listicle Platz hat.
  5. Für gifs empfiehlt sich makeagif, dort können Bilder und Videos problemlos verarbeitet werden.

Ist es nun sinngemäß, jede Modeerscheinung in den Unterricht einfließen zu lassen? Rainer Stadler, Medienjournalist bei der NZZ, findet nicht:

Tatsächlich: Schülerinnen und Schüler lernen nicht besser zu schreiben, weil sie das digital tun. Elementare Kompetenzen können mit vielen verschiedenen Textsorten gelernt werden. Und der motivierende Effekt der digitalen Lerntätigkeit wird häufig genug durch die Frustrationen im Umgang mit Technik kompensiert.

Warum also Listicles im Unterricht? Die Kombination von Analyse und eigenem Produzieren führt einerseits zu einer Erkenntnis darüber, wie Medienprodukte, die wir täglich konsumieren, entstehen. Ob nun Balladen gedichtet oder Listicles geschrieben werden: Ein Verständnis, dass Textsorten Regeln vorgeben, mit denen ein kreativer Umgang möglich ist, ist für mich entscheidend. Andererseits ist die Kombination von Text und Bild bzw. bewegtem Bild eine Fähigkeit, die immer stärker gefragt wird und in der formale und inhaltliche Aspekte einander herausfordern.

Facebook speichert auch nicht-publizierte Inhalte

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Öffnen wir Facebook, werden wir eingeladen, Inhalte zu teilen. Eine Statusmeldung zu tippen, ein Foto hochzuladen. Oft öffnen wir Facebook, weil wir unserem Netzwerk etwas mitzuteilen haben. Und dann entscheiden wir uns anders, löschen die Nachricht oder teilen das Bild doch nicht.

Wie eine Forschungsarbeit von Sauvik Das und Adam Kramer nahe legt, kann Facebook auch auf diese Inhalte zugreifen, welche User gar nicht publiziert haben. Die beiden Wissenschaftler untersuchen nämlich mit Daten von Facebook, unter welchen Umständen »Self-Censoring«, also Selbstzensur erfolgt. Ihre Ergebnisse:

We studied the last-minute self-censorship habits of 3.9 million English speaking Facebook users, and found that a large majority (71%) self-censored content at least once. Decisions to self-censor appeared to be driven by two principles: […] while posts directed at vague audiences (e.g., status updates) are censored more, so are posts directed at specifically defined targets (e.g., group posts), because it is easier to doubt the relevance of content directed at these focused audiences.

Es gibt einen nachvollziehbaren Grund, weshalb Facebook wissen möchte, wann und wie Nutzerinnen und Nutzer Inhalte nicht publizieren: Diese Inhalte betreffen Bereiche, in denen Facebook kein Vertrauen genießt und die deshalb auch für Werbekunden nicht zugänglich gemacht werden können. Findet Facebook heraus, welche User weshalb Inhalte selbst-zensieren, können Änderungen an der Architektur einen Anreiz schaffen, dass das seltener geschieht.

Die Tatsache, dass Facebook auch nicht-veröffentliche Inhalte speichert und durchsucht, ist beängstigend. In einem Slate-Artikel wird zurecht auf die Parallele zu den elektronischen Überwachungsmöglichkeiten des FBI und der NSA hingewiesen. Problematisch ist insbesondere, dass Facebook erstaunlich genau darüber informiert, wie das Unternehmen an Informationen über Nutzerinnen und Nutzer gelangt – dabei aber die Möglichkeit verschweigt, dass auch nicht-veröffentliche Informationen gespeichert werden:

Deine Informationen umfassen auch diejenigen Daten, die du anderen Personen auf Facebook zugänglich machst, zum Beispiel wenn du eine Statusmeldung postest, ein Foto hochlädst oder die Meldung eines Freundes kommentierst.

Auch wenn ein offizieller Facebook-Sprecher behauptet, Facebook würde unveröffentlichte Statusmeldungen nicht speichern, zeigt das Beispiel zeigt ein weiteres Mal, weshalb wir heute davon ausgehen müssen, dass alles, was wir an einem internetfähigen Gerät tun, erstens Unternehmen und Staaten zugänglich ist, zweitens auf Arten ausgewertet werden wird, die wir uns heute nicht vorstellen können.

Mein Beitrag für die #geheimwoz: »Ein Plädoyer für digitale Hygiene«

1349_packshot_grossHeute ist die Wochenzeitung ganz in schwarz erschienen. Für die Sonderausgabe »geheim«, in der es um Überwachung im digitalen Zeitalter geht, habe ich einen Text geschrieben – darüber, wie Laien Datensicherheit herstellen können.

Ich hatte viel Hilfe von Menschen, die etwas von der Sache verstehen – dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.

Hier ein Auszug, den ganzen Text gibts hier (und im Originallayout):

Vier empfehlenswerte Grundsätze: Daten sparsam anlegen, die angelegten so gut wie möglich schützen, sich beim Datenschutz solidarisch verhalten und weder die Gefahr noch den Nutzen der eigenen Vorkehrungen überschätzen. Da Daten nicht nur dann entstehen, wenn wir einen Computer oder ein Smartphone benutzen, ist das nicht einfach. Jeder Einkauf führt zu einer Datenspur, jede Bahnhofsbenützung oder Autofahrt zu digitalen Videoaufnahmen, jede Kommunikation mit technischen Hilfsmitteln zu sogenannten Metadaten, die zumindest angeben, wer wann miteinander in Kontakt getreten ist. Ob wir telefonieren, Briefe schreiben oder ein soziales Netzwerk benutzen, wird diesbezüglich zunehmend irrelevant. Die USA erfassen sämtliche Briefe digital, Poststellen werden zunehmend mit Video so überwacht, dass die AbsenderInnen von Paketen identifiziert werden können, und Telefongespräche können schon länger problemlos mitgeschnitten werden.

Dennoch lohnt sich jede Anstrengung in Bezug auf Datenschutz, weil sie den Aufwand erhöht, mit der Informationen gewonnen werden können. Letztlich ist Überwachung heute nur deshalb so leicht möglich, weil sie so billig ist. Kostet sie mehr – an Geld oder Zeit –, findet weniger davon statt.

Wie die Schule mit problematischen Facebook-Äusserungen umgehen soll

Made, Society 6.
Made, Society 6.

Im Rahmen der Diskussion um den Schüler, der anlässlich seines Geburtstags eine – seiner Meinung nach satirische – Drohung auf Facebook publiziert hatte und wegen »Schreckung der Bevölkerung« verurteilt worden ist, werde ich immer wieder gefragt, wie denn Lehrpersonen und Schulleitungen damit umgehen sollen, wenn Sie auf problematische Einträge in sozialen Netzwerken hingewiesen werden.

Betrachten wir dazu ein reales Beispiel, das mir zugetragen worden ist: Eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener hat an einem Wochenende einen Youtube-Abend veranstaltet und lustige Videos angeschaut – darunter auch eines von der Dave Chappelle Show mit einem Auszug aus einem Interview von Rick James. Der Musiker sagt: »Cocaine’s a hell of a drug« – »Kokain ist eine potente Droge«.

Ein 17-jähriger Gymnasiast postete das Zitat – »Cocaine’s a hell of a drug« – morgens um zwei auf seinem Facebook-Konto. Am folgenden Montag wurde er von einem Lehrer, der von diesem Beitrag durch andere SchülerInnen erfahren hatte, damit konfrontiert und musste sich vor diesem Lehrer und dem Schulleiter für seinen angeblichen Drogenkonsum rechtfertigen.

Geht das, so die Frage an mich, in Ordnung? Das Facebook-Konto sei so privat wie die Aktivitäten am Wochenende. Beides gehe die Schule nichts an und gehöre zum Privatleben des Schülers.

Formell ist das sicher richtig. Allerdings entspricht es den pädagogischen Vorstellung in der Schweiz, dass Lehrpersonen wenn immer möglich Schülerinnen und Schüler bei privaten Problemen beraten. Dabei gilt es jedoch Folgendes zu beachten:

  1. Die Beratung darf nicht auf einer Annahme oder Unterstellung basieren, sondern muss von Fakten oder Wahrnehmungen der Schülerin, des Schülers ausgehen.
  2. Deshalb muss bei kolportierten oder medial dargestellten Gefährdungen zunächst der Kontext abgeklärt werden, indem alle Beteiligten zu ihrer Sicht befragt werden – im konkreten Beispiel wohl auch die Eltern des Schülers. Schon eine einfache Google-Suchanfrage hätte hier ergeben, dass es sich um ein Zitat handelt, nicht um einen authentischen Erfahrungsbericht.
  3. Die Beratungsfunktion der Schule ist nicht eine strafrechtliche Verfolgung. Die Polizei ist dann einzuschalten, wenn eine realistische Gefährdung für andere besteht. Bei Hinweisen auf Drogenkonsum steht nicht die Strafverfolgung im Mittelpunkt der pädagogischen Aktivitäten, sondern Unterstützung für betroffene Schülerinnen und Schüler.

Der Fall ist deshalb anders gelagert als der des Luzerner Ex-Gymnasiasten, der seine Mitschülerinnen und Mitschüler erschreckt hat und deshalb verurteilt worden ist. Dennoch lässt sich aus beiden Fällen eine einfache Checkliste für Zweifelsfälle ableiten, wenn Lehrpersonen von problematischen Einträgen auf sozialen Netzwerken hören:

  1. Könnte eine Gefährdung für eine oder mehrere Personen bestehen?
  2. Was sagt die verantwortliche Person dazu? In welchem Kontext steht der Beitrag?
  3. Wie wird der Eintrag von anderen Schülerinnen und Schülern wahrgenommen?
  4. Wenn der Eindruck noch vorhanden ist, dass es eine echte Gefährdung oder Bedrohung gibt:
    a) Entweder Betroffenen Beratung und Unterstützung anbieten und sie auf Fachstellen aufmerksam machen
    b) oder die Polizei einschalten.
  5. Egal, welche Option bei 4. gewählt wird: Betroffene Personen sowie ihre Eltern müssen über das Vorgehen und die Beweggründe informiert werden.

Ohne psychologisches Feingefühl und medienpädagogischen Sachverstand läuft so etwas nicht ab – beides sollten Lehrpersonen entweder mitbringen oder bei Kolleginnen und Kollegen abrufen können. Das Vorgehen stellt aber sicher, dass Lehrpersonen sich keine Vorwürfe machen müssen, wenn ein Problem außer Kontrolle gerät.

Jugendliche schreiben so viel wie noch nie

Unsere Schülerinnen und Schüler schreiben so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Unser Schreiben verändert sich massiv. Die Herausforderung für die Schule besteht darin, herauszufinden, was seine Bedeutung ist, um für die nützlich zu sein, die ihre Erfahrung in Kompetenzen ummünzen möchten.

Dieses Zitat von von Jeff Grabill, der die Schreibaktivitäten amerikanischer Studierender untersucht hat, erstaunt nicht: Es ist in der digitalen Kommunikation kaum denkbar, sich zu präsentieren, ohne akzeptabel schreiben zu können. Beziehungen werden meist schriftlich angebahnt: Kommentare werden verfasst, Nachrichten ausgetauscht.

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Andrew Simmons, ein erfahrener Englischlehrer, beobachtet bei seinen Schülerinnen und Schülern eine massiver Verbesserung bei der Kompetenz, eigene Gefühle schriftlich auszudrücken. Tatsächlich geben in der Studie von Grabill über 90% der Studierenden an, sie würden hauptsächlich schreiben, um ein persönliches Bedürfnis zu stillen. Das hat, folgt man Simmons, besonders einen Einfluss auf männliche Jugendliche, die sich in sozialen Netzwerken von traditionellen Rollenbildern lösen könnten:

Just as social networking frees users from public decorum and encourages the birthing of troll alter egos, it allows my students to safely, if temporarily, construct kinder, gentler versions of themselves as well.

Das informelle Schreiben in den sozialen Netzwerken hat aber seine Grenzen:

Writing isn’t just about the spilling of guts, obviously, but the transparency encouraged by social networking has laid the foundation for this freedom. When this freedom results in powerful, honest writing, it can in turn result in true healing for kids—not just the momentary reassurance a well-received status update may provide.

Soll Schreiben diese psychologische Funktion für Jugendliche annehmen, muss es aus dem Kontext der schnelllebigen Netzwerke in Formen überführt werden, die mehr Geduld erfordern – einerseits durch intensivere Arbeit an Texten, andererseits durch eine verzögerte oder gar ausbleibende Reaktion der Mitmenschen.

Schreiben ist für Jugendliche wichtiger denn je. Das ist eine große Chance für die Schule – aber auch eine Herausforderung. Die Form ihres Schreibens ist oft weit von dem entfernt, was Textsorten im Schulunterricht traditionellerweise verlangen. So können etablierte Verfahren und Bewertungsprozesse schnell zum Eindruck führen, es würden Kompetenzen verloren gehen, wenn gleichzeitig wichtige erworben werden – nur nicht die, welche gemäß dem Kanon gefragt sind.

(Dieser Beitrag wurde bei Rivva verlinkt.)

Wie PR Informationen verunreinigt

Kürzlich habe ich hier im Blog kritisch darüber berichtet, dass die Swisscom um Schulen einen wirksamen Contentfilter anbieten zu können, mit Hilfe einer amerikanischen Firma verschlüsselte Kommunikation teil- und zeitweise entschlüsselt.

Auf meinen Blogpost erhielt ich viele Kommentare, unter anderem auch deswegen, weil der Blogpost für meine Verhältnisse oft gelesen und verlinkt wurde. Drei dieser Kommentare lasen sich wie folgt:

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Die drei Kommentare nahmen klar zu einem Problem Stellung. Auf sozialen Netzwerken tauchte schnell die Frage auf, ob sie PR enthielten. Haben Verantwortliche bei der Swisscom aufgrund der Kritik diese Kommentare verfasst oder verfassen lassen?

In diesem Beitrag soll diese Frage nicht geklärt werden (der oberste Beitrag wurde von einer der Swisscom zugewiesenen IP-Adresse aus verfasst, was aber kein Beleg für oder gegen die These ist). Es geht auch nicht um die Swisscom, sondern um das allgemeine Problem, das PR im Netz für Menschen bedeutet, die mit Informationen lernen oder arbeiten.

Das Problem geht von einer Einsicht aus, die Brian Solis in seinen Büchern formuliert hat: Unternehmen können nicht länger Botschaften von Marketingabteilungen mittels Werbung aussenden, weil ihre Produkte durch die Möglichkeiten der Netzkommunikation konstant öffentlich bewertet und kommentiert werden. Um Vertrauen gegenüber einer Marke entstehen zu lassen, reicht eine Markengeschichte oder eine Inszenierung der Marke nicht aus, das Vertrauen wird häufig in der halb-öffentlichen Interaktion generiert.

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Da sich Vertrauen häufig auch als soziales Phänomen ergibt, liegt es nahe, sich positiven Einfluss aufs Vertrauen zu kaufen. So lassen sich Profis anstellen, die:

  1. Kommentare schreiben
  2. Bewertungen abgeben
  3. Artikel schreiben
  4. Wikipedia füllen.

Im Anschluss an die These von Malcolm Gladwell, dass es Menschen gebe, welche einen besonderen Einfluss auf andere ausüben, werden insbesondere in Social Media aktive Menschen stark dazu angehalten, Werbung zu machen. So offeriert Zalando Bloggerinnen und Bloggern wie mir Gutscheine, wenn sie sie den Dienst ausprobieren und darüber schreiben, der Zürcher Künstler und Kurator Philipp Meier hat kürzlich von Microsoft ein Tablet geschenkt bekommen und Renato Mitra, der mit seinem Apfelblog bereits wenig Distanz zur Welt des Marketings zeigte, bloggt neu für Mini – als Gegenleistung darf er die Autos gratis fahren.

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Mitra schreibt dazu im Impressum:

MINIBlog.ch wird nicht im Namen von MINI Switzerland geführt, sondern von der Privatperson Renato Mitra. Die Gestaltung, die Community wie auch inhaltliche Themen und Meinungen werden nicht von MINI Switzerland beeinflusst.

Meine eigene Erfahrung lassen mich daran zweifeln. Spätestens, wenn Mitra auf Sicherheitsprobleme von Minis aufmerksam machen möchte, dürfte der Druck, eine bestimmte inhaltliche Botschaft rüberzubringen, wachsen.

Gibt es ein Problem? Meier, Mitra und ich sind informierte Zeitgenossen. Wir können frei entscheiden, ob wir eine Entschädigung annehmen wollen und ob unsere Gegenleistung dafür angemessen ist (mein Verdacht ist, dass Social-Media-Akteure und -Akteurinnen oft einiges günstiger sind als professionelle Werberinnen und Werber). Und in all diesen drei Fällen wird der interessierten Leserschaft auch schnell deutlich, dass es sich um PR handelt – sie kann entsprechend reagieren (z.B. interessieren mich Mitras Kanäle nicht mehr, wenn sie mit Mini-Werbung gefüllt sind).

Aber letztlich produzieren wir Informationen, die verunreinigt sind. Was wir präsentieren, entspricht nicht mehr ganz unserer Haltung. Thema oder Instrumente sind vorgegeben. Jede Information hat potentiell eine PR-Komponente, die nicht in allen Fällen separat ausgewiesen wird. Wer dafür bezahlt wird, Wikipedia-Artikel zu schreiben, kann das dort nicht einmal vermerken. Wer im Auftrag von Unternehmen Kommentare in Newsportale oder Blogs abfüllt, soll das nicht vermerken.

Was dazu dient, Vertrauen in eine Marke zu erzeugen, schafft Misstrauen in Informationen von Fremden. Während Kommentare für mich ein ideales Mittel sind, auch harte Kritik abzuholen, weil ich Kommentierenden erlaube, das komplett anonym zu tun, so sind sie gleichzeitig auf ein ideales Mittel, auf meinem Blog Links und Meinungen zu platzieren, die nicht von den Kommentierenden, sondern von Unternehmen vertreten werden.

Eine Wertung lasse ich bewusst weg, sondern schließe mit der Beobachtung, dass gerade jungen Menschen oft das Gefühl abgeht, wie stark der Einfluss und wie gross die Möglichkeiten bezahlter PR sind.

Neue Medien im Schulalltag – Reflexe Sendung auf SRF 2

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Welches Potential ergibt sich aus der aktiven Nutzung Neuer Medien im Schulunterricht und was sagen eigentlich die Jugendlichen selber dazu?

Diese Frage behandelt eine Reflexe-Sendung auf SRF 2 Kultur, die Dania Sulzer konzipiert und redigiert hat. Sie hat auch mit mir gesprochen – das Interview mit mir beginnt nach 14 Minuten im Soundcloudfile. Den Beitrag findet man auch auf der Seite von SRF2 Kultur.

Die Sendung wurde im Rahmen einer Serie des Tages-Anzeigers dort besprochen. Ein Auszug, der mich betrifft:

Differenziert waren auch die Ansichten der Experten, die zum Zug kamen: Der Lehrer und Blogger Philippe Wampfler sprach vom verbreiteten «Bedürfnis, das Internet als Gefahr hochzustilisieren», was den Blick auf die wirklichen Entwicklungen verstelle. In der Schule ändere sich viel durch die Neuen Medien: Fächergrenzen verschwimmen, neue Vermittlungs- und Lernmöglichkeiten kommen auf, das im Studium erarbeitete Wissen der Lehrer veraltet rascher als früher.

 

Kommentar zu meinem Weiterbildungsurlaub

Im Jahrbuch der Kantonsschule Wettingen ist ein Kommentar von mir zu meinem Weiterbildungsurlaub erschienen, den ich genutzt habe, um diese Plattform aufzubauen und daraus ein Buch zu machen. (Leider liegt er schon ein Jahr zurück.)

Der Beitrag kann hier als pdf eingesehen werden – leider in etwas dürftiger Qualität.