»Meinungspornografie«: Vier Faktoren, die Kommentarkultur herbeiführen

Gestern wurde ich von Méline Sieber vom Regionaljournal Zürich Schaffhausen dazu befragt, was die Gründe dafür sind, dass im Netz eine unsägliche Kommentarkultur herrscht. Wüste Beschimpfungen und Drohungen sind an der Tagesordnung. Mitarbeitende von Newsportalen sind mit der Kommentarflut überfordert.

Es ist naheliegend, eine Verrohung der Sitten zu konstatieren. Schnell wird angeführt, früher, also zu Zeiten des Usenets oder des frühen Internets, habe eine »Netiquette« dafür gesorgt, dass Spielregeln eingehalten worden seien. Das Zerfallsnarrativ halte ich für irreführend (eigentlich immer – Zerfall entsteht nicht zufällig). Zielführender scheint es mir, vier Faktoren zu beschreiben, welche die Kommentarkultur beeinflussen. Dann wird deutlich, dass durchaus auch Interessen dahinter stecken, welche diesen Zustand mit finanziellen und politischen Mitteln herbeigeführt haben und für wünschenswert halten.

Das Phänomen bezeichne ich mit dem Begriff der »Meinungspornografie«. Wie jeder Vergleich ist auch dieser fehlerhaft, aber er zeigt drei Punkte auf, die mir relevant scheinen: Erstens macht gerade das Explizite die Faszination aus, die zweitens tabuisiert und versteckt wird. Drittens geht es um eine Inszenierung: Profis führen ein scheinbar natürliches Geschehen vor. Meinungspornografie1. Faktor: Psychologie

Aufmerksamkeit ist ein menschliches Bedürfnis. Mit Online-Kommentaren lassen sich spezifische Formen von Aufmerksamkeit generieren, gegenüber der schnell eine Toleranz aufgebaut wird: Wer darauf abfährt, braucht schneller härteren Stoff.

Dasselbe gilt für das Publikum: Es gewöhnt sich schnell an ein bestimmtes Level von Wut oder Aggression und ist fasziniert von Grenzüberschreitungen. Zivilisierte Gesellschaften wandeln Aggressionen in differenzierte Ersatzsysteme um: Die Kommentarschlacht ist eines davon. Es führt die mögliche Aggression und Wut vor, reduziert komplexe Probleme darauf.

Das funktioniert psychologisch auch deshalb, weil sich schnell Nischen bilden. Anders als am Mittagstisch sind alle in einer bestimmten Facebook-Gruppe gleicher Meinung. Um herauszuragen, braucht es extremere Positionen oder krassere Formulierungen. Und weil eine Reihe anderer bereits gezeigt hat, dass es akzeptabel ist, ausfällig zu werden, sind User bereit, einen Schritt weiterzugehen.

2. Faktor: Technologie

Social Media spielen sich heute auf Plattformen ab, hinter denen massive finanzielle Interessen stecken. Stark reduziert gibt es nur ein Ziel: User möglichst stark an Plattformen zu binden, deren Inhalte andere User erstellen. Meinungspornografie ist ein bewährtes Geschäftsmodell, das gezielt aufgebaut wird.

Dazu werden die Schwellen gesenkt. War das Usenet einer Elite vorbehalten, kann in Europa heute jede und jeder ins Netz. Und soll dort als identifizierbares Individuum agieren. Es bilden sich weniger geschlossene Interessensgruppen und Gemeinschaften, die bereit sind, einen Aufwand zu betreiben und eine konstruktive Diskussion zu ermöglichen. Diskussionen spielen sich auf scheinbar anonymen Plattformen ab, deren Vertreterinnen und Vertreter als Teil des Systems wahrgenommen werden, das nichts anderes zu tun hat, als die eigenen Interessen zu befriedigen.

Kurz: Social-Media-Anbieter agieren nicht neutral. Es entspricht ihrem Geschäftsmodell, intensive Diskussionen zuzulassen und Regeln kaum durchzusetzen. Ihre neoliberale Argumentation besagt, dass sich alle selbst vor Übergriffen schützen müssen.

3. Faktor: Massenmedien

Immer wieder beklagen sich Newsportale über die Belastung durch die Kommentarflut. Gleichzeitig ist auch ihre Währung Aufmerksamkeit: Was zählt, sind Klicks. Artikel, zu denen sich heftige Diskussionen ergeben, generieren diese Klicks. Es wäre leicht, bei heiklen Inhalten die Kommentarfunktion gar nie zu öffnen oder ein technisches System einzuführen, bei dem eine konstruktive Community belohnt wird: Nur ihre Beiträge wären direkt sichtbar, die der Kommentartrolle verschwänden direkt nach »unten« oder »hinten«. Aber Kommentare sind bestes Boulevard: Sie ermöglichen Kampagnen. Heute werden während jeder großen Geschichte auch die Diskussionen dazu zum Thema.

Extreme Meinungen werden so belohnt. Noch immer ist die Erwähnung in Massenmedien ein klares Zeichen von Relevanz. Werden Kommentare abgedruckt oder zitiert, adelt sie das.

Kurz: Massenmedien wollen »Meinungspornografie«, weil sie ihnen Aufmerksamkeit, Klicks und damit auch Einnahmen bringt.

4. Faktor: Politik und Gesellschaft

Die Themen, die hochkochen, wurden schon lange von politischen Akteuren warm gehalten. Die KESB, die Islamisierung, Geschlechterrollen etc. stehen auf der politischen Agenda – teils, weil bestimmte Interessenvertreter damit Veränderungen herbeiführen wollen, teils, weil sie von anderen Themen ablenken wollen.

Geschickt taktierende Politikerinnen und Politiker äußern die entsprechenden Kommentare nicht selbst. Sie distanzieren sich gar: Aber es entspricht genau ihren Zielen, dass sie so geäußert werden.

Die Kommentare entsprechen einem gesellschaftlichen Bedürfnis, Komplexität reduzieren zu können. Die Morddrohung gegenüber einer Person ist die reduzierteste Form der Schuldzuschreibung und der Übergabe von Verantwortung. Die symbolische Auslöschung einer Person entspricht dem Bedürfnis nach monokausalen Erklärungen.

Verbindung und Vernetzung

Die Faktoren lassen sich nie trennen. Politik schafft Rahmenbedingungen für Technologie und diese beeinflusst wiederum die Form der politischen Kommunikation – um nur ein Beispiel zu nennen.

Wer eine Verbesserung der Kommentarkultur anstrebt, muss alle vier Faktoren berücksichtigen. Es ist also naiv, wenn Newsportale denken, sie hätten die Möglichkeiten in der Hand, gesittete Diskussionen zu ermöglichen. Aber genauso naiv wäre es, wenn sich die Verantwortlichen einredeten, dass nur externe Faktoren zu diesem Zustand führen.

 

 

 

Digitale Themen 2015 – eine Vorschau

Welche digitale Fragen sollen 2015 diskutiert werden, welche Konzepte gewinnen an Bedeutung? Eine Zusammenfassung einiger Gedanken aus Texten schlauer Menschen. 

* * *

    1. Algorithmen werden gleichzeitig bequem und unheimlich.
      Als »uncanny valley« bezeichnet man die Tatsache, dass menschenähnliche Roboter oder Figuren starke Abwehrreaktionen hervorrufen, sobald sie sehr menschliche Verhaltensweisen fast perfekt imitieren können. Zeynep Tufekci bezeichnet Algorithmen als das »uncanny valley« der Computerverwendung: Programme, die lernfähig sind oder künstlicher Intelligenz aufweisen, werden immer bedeutender – aber auch immer unheimlicher. Das hat zwei Hauptgründe:
      Erstens sind sie oft nicht wie Werkzeuge für Handlungen verwendbar, sondern werden von einer zentralisierten Plattform kontrolliert. Google ist kein Bibliothekskatalog, Facebook kein Telefon – weil neben den Absichten der User auch Absichten der Plattformbetreiber auf die Algorithmen einwirken.
      Zweitens fällen Algorithmen zunehmend Entscheidungen, bei denen nicht eine bessere einer schlechteren Variante vorgezogen werden kann (wie z.B. bei der Wahl der kürzesten Route auf einer Karte). Algorithmen urteilen also auch – ohne dass die Benutzerinnen und Benutzer verstehen, wie sie das tun. Die Suchresultate von Google sind ein Beispiel für eine solche Entscheidung. Niemand kann abschätzen, ob die angeblich relevanten Ergebnisse tatsächlich die relevantesten sind. (Hier ein drastisches Beispiel.)
      Gleichzeitig werden die Algorithmen aber auch immer bequemer: Auf unseren Smartphones lassen wir bewusst oder unbewusst viele Programme mitlaufen, weil sie scheinbar viele Erleichterungen ermöglichen.
    2. Denken in einem digitalen Kontext verstehen. 
      Defizitorientierte Aussagen über digitale Techniken (lesen, Notizen anlegen, Informationen abspeichern) sind 2015 überholt. Aktuelle Studien wie die von Storm und Stone (2014, Privatkopie der Studie per Mail erhältlich) oder Anne Mangen (leicht defizitorientierter Überblick aus dem New Scientist) zeigen, dass technologische Veränderungen das ganze Umfeld der spezifischen Kompetenzen verändern. Kürzer und klarer: Digitales Lesen oder Schreiben ist ein Prozess, der nicht direkt vergleichbar ist mit analogem Lesen oder Schreiben.
      Forschung und Didaktik müssen hier einen Schritt weitergehen und sich von der Vergleichsperspektive lösen. Wer verstehen will, wie Menschen mit digitalen Hilfsmittel interagieren, darf diese nicht in einem analogen Kontext evaluieren, sondern muss sich damit befassen, was sie erreichen wollen und wie sie das tun. Technische Möglichkeiten weisen – so Danah Boyd – Affordances auf: Sie machen gewisse Dinge einfacher und andere schwieriger. Wer viele Informationen auf einem Smartphone abspeichern kann, wird sich anders an Wichtiges erinnern.
    3. Fehler akzeptieren lernen, um Freiheit zu bewahren. 
      Soziale Netzwerke werden von vielen Menschen verwendet, um Beschwerden an mächtige Unternehmen weiterzuleiten. Die Aufmerksamkeit des eigenen Netzwerkes verhilft dem einzelnen Kunden dabei zu besserem Kundenservice. Gleichzeitig machen diese Reklamationen auch deutlich, dass Fehler kaum noch toleriert werden. Das führt wiederum dazu, dass Unternehmen ihre Mitarbeitenden lückenlos überwachen und kontrollieren. Hans de Zwart beschreibt in einem langen, sehr lesenswerten Essay, was es bedeutet, dass jeder Mensch heute lückenlos überwacht und kontrolliert werden kann. Sein Fazit: Nur wenn wir lernen, mit Fehlern und mangelnder Perfektion umzugehen, werden wir frei bleiben können.

      Geert de Roeck: The Worker.
      Geert de Roeck: The Worker.
    4. Netiquette 2.0 lernen. 
      In den frühen Foren gab es explizite Verhaltensregeln. Die fehlen im Social Web – obwohl einige Normen vernünftig und verständlich wären. Im Guardian wurden sie kürzlich von Helen Lewis zusammengefasst, hier eine verkürzte Version:
      (1) Vermeide Anti-Virality und ignoriere den Kool-Aid-Point.
      Sobald Inhalte viral verbreitet werden oder Frauen viel Wertschätzung im Netz erhalten, entsteht automatisch eine Gegenbewegung. Diese speist sich nicht aus Argumenten, sondern aus Ablehnung der Aufmerksamkeitsverteilung. Nicht mitmachen!
      (2) Höfliche Gleichgültigkeit. 
      In Restaurants und im öffentlichen Verkehr sehen und hören wir viel, was uns nichts angeht. Im Netz auch: Bitte wegsehen und weghören.
      (3) Konservative Neutralität hacken. 
      Wenn Plattformbetreiber wie Google oder Facebook vorgeben, neutral zu sein, meinen sie damit, dass sie den Status Quo nicht infrage stellen. Vorgaben und Anforderungen umgehen, wenn sie eigenen Bedürfnissen widersprechen.
      (4) Handlungen, nicht Lippenbekenntnisse. 
      Viele Anliegen buhlen um Aufmerksamkeit – die durch das Absetzen von Statusmeldungen häufig vergeben wird. Gute Taten entstehen aber nicht immer durch Worte allein. Netzaktivismus mag einiges bewirken, oft braucht es aber etwas mehr als ein paar Klicks.
      (5) Kontext mitbedenken. 
      Wir lachen hemmungslos über die doofen Menschen, die Paul McCartney nicht kennen.
      Das ist noch ein harmloses Beispiel. Würde man unsere Bilder und Kommentare aus dem Kontext reißen, erschienen wir alle lächerlich.
    5. Neue soziale Netzwerke. 
      Nathan Jurgenson zeigt es am Beispiel von Ello: Wir brauchen neue Social Media, welche sich ernsthafte Gedanken über soziale Interaktionen machen, ohne primär Werbung verkaufen zu wollen. Es ist zu hoffen, dass 2015 diesbezüglich ein innovatives Jahr wird.

Jahresrückblick 2014: Danke und »ubuntu«

»A person is a person through other people.« Wer wir sind, sind wir nur, weil andere mit uns teilen. Weil sie Gemeinschaften bilden, zu denen wir uns zugehörig fühlen. Wir sind nur, wenn wir uns mitteilen und andere teilhaben lassen. Das wird mit dem südafrikanischen Begriff ubuntu gemeint.

Ich konnte im letzten Jahr mit Schule und Social Media einen weiteren Schritt vorwärts machen. Statt aufzuzählen, was alles passiert ist – dafür kann man ja auf dieser Seite rückwärtsblättern – möchte ich den vielen Menschen danken, die es mir möglich machen, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich im Moment interessiert:

  • Den Jugendlichen, die meine Fragen beantworten und mir ihre Gedanken mitteilen – und mir so ermöglichen, innovativen Mediengebrauch und technologische Möglichkeiten wie Beschränkungen zu verstehen.
  • Den Leserinnen und Lesern und Zuhörerinnen und Zuhörern, die mit ihre Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Gedanken ausbreite – und mir oft deutlich machen, über welche Aspekte ich vertieft nachdenken müsste.
  • Den Korrektorinnen und Korrektoren, die so häufig und freundlich meine Fehler korrigieren.
  • Den Kritikerinnen und Kritikern, die mit Neuen Medien wenig anfangen können und für wichtige Werte einstehen. Sie zeigen mir immer wieder andere Perspektiven auf.
  • Meinem Netzwerk: So vielen Lehrpersonen, medienpädagogisch Interessierten oder anderen Fachleuten, die mich an ihren Gedanken teilnehmen lassen, mit mir Gespräche führen und mir die Ressourcen zur Verfügung stelle, die ich für eigene Arbeiten brauche.
  • Den Verantwortlichen, die mich an Schulen holen, für mich Referate organisieren oder mich Schulungen durchführen lassen.

Ganz herzlichen Dank – 2015 werden sicher neue Themen und neue Herausforderungen auf uns zukommen. Darauf freue ich mich.

Nun werde ich etwas Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Ihnen danke ich hier nicht – das geschieht dann gerne persönlich. Und dann ist ein Rollentausch angesagt:

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Social Media als »Ort« für Jugendliche – Foucaults Heterotopie

Wer am Freitag- oder Samstagabend in S-Bahnen und an Bahnhöfen unterwegs ist, beobachtet einen seltsamen Stamm: Nach der letzte Mode frisierte, parfümierte, behandtaschte und gekleidet Jugendliche, die farbigen Vodka trinken und Ausschau halten nach freien Steckdosen, an denen sie ihre Handys aufladen können. Mit den geladenen Handys stehen sie permanent im Kontakt mit Abwesenden.

Laura de Weck hat das in ihrem Stück Lieblingsmenschen schon 2007 in Bezug auf die Verwendung von SMS unter Studierenden in der dritten Szene dargestellt:

JULE an LILI – 23:38 WoSeidIhr?BraucheDich!
JULE an LILI – 24:09 HeyWoSeidIhr??
LILI an JULE – 24:38 Im purpur ist nicht so cool-zuviele leute-musik kotz,kurs
JULE an LILI – 01:04 KommtDochHierherSvenIstSoLangweilig!!
LILI an JULE – 02:14 Sind aus dem purpur rausgeflogen,darius hat besitzer auf klo gesagt,er hätte kein stil u.Auf sein schwanz gezeigt…Gehen ins supermarket, kuss
JULE an LILI – 02:53 BinMitSvenImSupermarketFindEuchNicht!

Das hat viel mit den Orten zu tun, an denen sich Jugendliche aufhalten können und wollen. In ihren Kinderzimmern können sie sich nicht treffen, weil sie da den nötigen Freiraum nicht vorfinden; in ihren Agglomerationsgemeinden überwachen Sicherheitskräfte den Sportplatz – an beheizte Räume für Jugendliche ist nicht zu denken -, ähnlich eng wird es im öffentlichen Raum in der Stadt. Es bleiben die teuren Clubs mit engen Einlassbedingungen, der öffentliche Verkehr und die Vernetzung.

Social Media schaffen Räume, wie Danah Boyd festgestellt hat:

Öffentlichkeiten (engl. publics, Ph.W.) schaffen Räume und Gemeinschaften, in denen sich Menschen versammeln, verbinden und die Gesellschaft, wie wir sie verstehen, bilden können. Vernetzte Öffentlichkeiten gehören in zwei Hinsichten dazu: Sie bilden Räume und eine imaginäre Gemeinschaft. Sie werden durch Social Media und andere neue Technologien ermöglicht. Als Räume erlauben sie Menschen, sich zu treffen, Zeit zu verbringen und Witze zu reißen. Technologisch ermöglichte vernetzte Öffentlichkeiten funktionieren in dieser Hinsicht so wie Parks und Einkaufszentren es für frühere Generationen getan haben. Als soziale Konstrukte schaffen Social Media vernetzte Öffentlichkeiten, die Menschen erlauben, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu sehen. Teenager verbinden sich mit vernetzten Öffentlichkeiten aus denselben Gründen, aus denen sie schon immer Teil einer Gemeinschaft sein wollten: Sie wollen zu einer größeren Welt gehören, indem sie andere Menschen treffen und sich frei bewegen können. (zitiert nach Generation »Social Media«, S. 23)

Statt von einem Ort zu sprechen, wäre es präziser auf Foucaults Begrifflichkeit der Heterotopie als Gegenort zurückzugreifen. Foucault führt sie mit einem anschaulichen Beispiel ein:

Der Spiegel funktioniert als Heterotopie, weil er den Ort, an dem ich bin, während ich mich im Spiegel betrachte, absolut real in Verbindung mit dem gesamten umgebenden Raum und zugleich absolut irreal wiedergibt, weil dieser Ort nur über den virtuellen Punkt jenseits des Spiegels wahrgenommen werden kann. (Foucault (1967): Von anderen RäumenS. 318).

Foucault notiert sechs Eigenschaften von Heterotopien:

  1. Heterotopien sind universal. Sie existieren in allen Kulturen.
  2. Heterotopien unterliegen Umdeutungen innerhalb einer Gesellschaft.
  3. An einem Ort sind mehrere in sich unvereinbare Platzierungen von Heterotopien möglich.
  4. Heterotopien sind häufig an Zeitsprünge gebunden (Heterochronien), Beispiele hierfür sind Museen, die »die Zeit speichern«.
  5. Heterotopien bestehen in einem System der Öffnungen und Schließungen, bspw. was die Zugehörigkeit und Zugänglichkeit der Heterotopie anbetrifft.
  6. Heterotopien haben eine Funktion gegenüber dem verbleibenden Raum inne. (leicht modifiziert von hier übernommen)

Wie Rymarczuk und Derksen jüngst in einem Paper notiert haben, erlaubt die Sichtweise der Heterotopie eine Reihe von Eigenschaften von sozialen Netzwerken klar zu erfassen. So halten die Autoren beispielsweise fest, wie die Transparenz, welche Social Media schaffen, gleichzeitig befreiend und einengend wirkt:

Users of social media, like actors on stage, know that they are being observed by an audience. Thus, the heterotopia of Facebook on the one hand opens up a new kind of space where selection, formulation and articulation of content is more readily available, but on the other hand the increased transparency puts added constraints on the performance and encourages questioning its authenticity. On the one hand, there are people who feel they can really be themselves on Facebook and experience it as a space where they finally come into their own. For example, Miller (2011) points out that to Facebook users on Trinidad, it is a place that allows one to show and share one’s true self, considered to be variable, and mood and situation dependent by Trinis. Facebook’s technical possibilities enable the user to present a constantly up–to–date representation of that changing self. However, Facebook’s features also offer both new possibilities for inauthenticity and for its detection. One’s holiday pictures with smiling people, good weather and great parties may draw ridicule from others who were there too and have pictures to prove it wasn’t all that great.

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Warum der Rückfall ins Web 1.0 droht

Der Paradigmenwechsel vom Web 1.0 zum Web 2.0 wird gemeinhin als der Übergang von einer »one-to-many«- zu einer »many-to-many«-Kommunikationsanlage verstanden. Die Web-Inhalte werden nicht exklusiv von einer berechtigten Redaktion erstellt, sondern von den Usern maßgeblich mitbestimmt. Inhalte im Web 1.0 konnten konsumiert werden, im Web 2.0 werden sie »prosumiert«: Konsum und Produktion verschmelzen im Idealfall.

Spreche ich mit Jugendlichen über ihre Nutzungsgewohnheiten im Netz, dann drücken sie in Bezug auf Social Media eine gewisse Verunsicherung aus, sobald Wikipedia Thema wird: »Wikipedia ist doch gar nicht Social Media, weil man da nur nachschlagen kann, wie in einem Lexikon, oder?« In der Regel reagiere ich mit dem Hinweis, es gäbe die Möglichkeit, sich ein Profil anzulegen und Beiträge zu verbessern oder erstellen. Es wird deutlich, dass Jugendliche das zwar wissen, aber nicht als Möglichkeit in Betracht ziehen.

Auch Youtube oder Instagram sind für viele reine Konsummedien, in denen sie sich zwar von anderen Jugendlichen unterhalten lassen, ein eigenes Mittun aber kategorisch ausschließen. Das mag einer gewissen Gesetzmäßigkeit entsprechen: In Social-Media-Kreisen kursiert die 90-9-1-Regel, wonach 90% der User konsumieren, 9% kommentieren und 1% selber Inhalte erstellt.

Letztlich scheint mir aber die Haltung entscheidend: Offenbar wird das Netz medienpädagogisch als ein Ersatz für Massenmedien (Zeitungen, Bücher, Fernsehsendungen) präsentiert und von Jugendlichen auch so wahrgenommen. Produktion oder Veränderung von Inhalten ist etwas für eine Elite, für »Hobbylose«, wie Jugendliche sagen würden, die sowas gerne tun – aber nicht für die »Vielen«, auf deren Weisheit gezählt wurde.

Setzt sich diese Version des Webs durch, dann wurden die oft bezahlten Redaktionen des Web 1.0 lediglich ausgedünnt. Einige besessene Freiwillige lassen sich durch Aufmerksamkeit bezahlen (und hoffen auf ein paar Werbedollars). Die Masse konsumiert wie bis anhin.

Das ist deshalb bedeutsam, weil viele Plattformen im Netz die Möglichkeit anbieten, Nachrichtenströme zu steuern und Profileintragungen vorzunehmen, die eine gewisse Kontrolle ermöglichen. Wer hier zurücklehnt und die Plattformen machen lässt, findet sich immer in dem Zustand wieder, der für die Plattformanbieter am meisten wirtschaftlichen Nutzen hat. Zu erwarten, Jugendliche würden selektiv aktiv, wenn sie ihre Profileinstellungen vornehmen, könnten aber passiv bleiben, wenn es um inhaltliche Fragen geht, scheint mir ein Missverständnis zu sein.

Active Minds, Louisa Venerandum
Active Minds, Louisa Venerandum

Man betrachte nur die Definition von Social Media – und überlege sich, was passiert, wenn User inaktiv bleiben:

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten. (Boyd/Ellison, zitiert nach »Generation Social Media«, S. 18)

»traditionelle Konzentration« und »digitale Konzentration«

In einem Beitrag für die Schweizer Nachrichtensendung »10vor10« habe ich kürzlich den Begriff »traditionelle Konzentration« verwendet. Ich möchte hier noch etwas genauer ausführen, was ich damit meine und gemeint habe.

Um etwas auszuholen möchte ich bei Michael Giesecke beginnen, der in seinem Standardwerk zu den Mythen der Buchkultur elf solche Mythen auflistet und diskutiert.

Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, S. 223.
Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, S. 223.

Der Begriff »Konzentration« könnte gut auch auf die Buchkultur zurückgeführt werden. Er wertet einen primären, vom Text ausgehenden Reiz auf und sekundäre Reize ab. Ein »tiefes« und lineares Lesen erhält den Vorzug vor einem »oberflächlichen« und vernetzten. Zunächst einmal scheint das einleuchtend: Wer einen Zusammenhang erfassen will, muss längere Texte ergründen können, surfen reicht dafür nicht aus.

Nur: Hier betrachten wir einen Wissenszugang, der geprägt ist von einem traditionellen Paradigma, von den Mythen der Buchkultur. Deshalb spreche ich von »traditioneller Konzentration«. Die Möglichkeiten einer »digitalen Konzentration«, in der Vernetzung und Multitasking eine wesentliche Rollen stehen, sind noch kaum ergründet. Die Debatte um die Möglichkeiten eines tiefen digitalen Lesens zeigt deutlich, welche Fragen sich hier stellen.

Hinweise lassen sich etwa aus dem Konzept der Ambient Awareness gewinnen, bei dem in unbewussten, repetitiven Abläufen Informationen gewonnen werden:

Was es bedeutet, in einem digitalen Umfeld den »gleichen Schritt« zu halten, kann das Konzept der Ambient Awareness aufzeigen. Untersuchungen von Mizuko Ito haben aufgezeigt, dass Jugendliche, die mit Social Media eng verbunden sind, oft fast beiläufig die so genannten Streams auf Twitter, Facebook, Instagram oder Tumblr durchscrollen. Sie nehmen viele Informationen unbewusst wahr, nicht als zielgerichtete Botschaften einer anderen Person. Dadurch erhalten diese Updates einen ähnlichen Stellenwert wie Gesten, Körperhaltung oder Mimik bei Begegnungen: Sie erleichtern es, auf die Stimmung einer anderen Person zu schließen. (Quelle: Generation Social Media, S. 97f.)

Weitet man die Idee aus, so müsste man den Wissenserwerb durch scheinbar zielloses Surfen beurteilen können. Das ist aber deshalb schwierig, weil die Verfahren, mit denen solche Prozesse eingeschätzt werden, ebenfalls einem traditionellen Muster untergeordnet werden: Fixiert man einen linearen Text als Gegenstand des Prozesses, so bietet der Text auch den Hintergrund, von dem der Leseprozess beurteilt werden kann. Zielloses Surfen kann nicht mit solchen Methoden erfasst werden. Es erfordert ebenfalls eine Form von Konzentration, zu der ich vorerst nur Ansätze skizzieren kann – Ergänzungen sind sehr willkommen:

  1. Im richtigen Moment auf einen Link klicken.
  2. Mehrere Medienformen in ihrem Verhältnis einschätzen.
  3. Den Gehalt eines digitalen Angebots aufgrund von Metainformationen beurteilen können.
  4. Sozial Lesen, also Auszüge, Links weiterverbreiten.
  5. Suchfunktionen und Filter einsetzen können, um eine selektive Lektüre zu ermöglichen.

Concentration

Die Systemfalle – oder warum Regeln Schwierigkeiten nicht aus der Welt schaffen

Beginnen wir bei einem aktuellen Beispiel: Als Abschluss der Lektüre von Thomas Glavinics Carl Haffners Liebe zum Unentschieden ließ ich eine Klasse einen Aufsatz schreiben (Auftrag als pdf). Eine Schülerin und ein Schüler war krank. Eine Woche drauf vergass ich, sie den Text nachschreiben zu lassen, zwei Wochen später war der Schüler auf einer Studienreise, die Schülerin schrieb den Aufsatz. Da mir die Distanz zur Lektüre zu groß scheint, findet für den Schüler nun keine Nachprüfung statt.

Diese Vorgehensweise scheint mir situativ sinnvoll zu sein. Es wäre eine künstliche Situation, ihn einen anderen Text schreiben zu lassen, nur damit ich ihm eine Note geben kann. Gleichzeitig gibt es aber Mitschülerinnen und Mitschüler, die unzufrieden sind: Für Nachprüfungen müsse es doch Regeln geben, sonst sei das nicht fair.

Selbstverständlich ist mir bewusst, dass transparente Regeln für viele Menschen die Quelle von fairen Verfahren sind. Ein Rechtsstaat scheint ohne Gesetze kaum denkbar. Nur geht bei dieser Analogie schnell vergessen, dass diese Gesetze immer von Menschen ausgelegt werden – im Idealfall verhältnismäßig und situationsangepasst.

Das System der Schule – aber auch andere Gemeinschaften – tendieren dazu, situatives Handeln durch ein Regelgerüst zu ersetzen. Das ist aus meiner Sicht eine Falle, wie ich an einem anderen verbreiteten Problem aufzeigen möchte: Den Absenzen.

Auf Gymnasien sind Schülerinnen und Schüler oft in einem Alter, das Schwänzen als eine Alternative zum Schulbesuch attraktiv erscheinen lässt. Die nötige Cleverness vorausgesetzt, finden sie dazu meist Mittel und Wege. Ein massives Problem ist das an einigermaßen organisierten Schulen nicht: Nur ein Bruchteil der Schülerschaft (meine Schätzung: 5-15%) fallen der Versuchung des Absentismus anheim und schwänzen so intensiv, dass das für Lehrpersonen und Klassen zu einem Problem wird und ihren Lernerfolg gefährdet.

Nun gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Man ändert etwas am Absenzensystem oder vertraut auf eine situative Reaktion der Lehrpersonen. Was passiert im ersten Fall? Die notorischen Schwänzerinnen und Schwänzer passen sich ans neue System an, weil sie offenbar von Faktoren motiviert werden, welche das System nicht beeinflussen kann. Das System betrifft also nur die, welche kein Problem verursachen – weil sie sich nun an neue Regeln halten müssen.

Diese Tendenz zur Standardisierung habe ich aus anderen Gründen schon kritisiert. Sie ist eine permanente Versuchung: Missstände durch eine systematische Regeländerung aus der Welt zu schaffen. Nur entstehen diese Missstände, weil Menschen schon bereit sind, gegen Erwartungen und Regeln zu verstoßen. Warum sollte sie eine Änderung der Regeln veranlassen, ihr Verhalten zu ändern?

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In der Schule gibt es eine Reihe von Beispielen:

  1. Zuspätkommen.
  2. Tragen von Mützen im Unterricht.
  3. Kleidung/Stil der Lehrpersonen.
  4. Essen und Trinken im Schulzimmer.
  5. Problematische Bewertungsmethoden.
  6. Mangelnde Qualität des Unterrichts.
  7. Respektlose oder unmotivierte Klassen.
  8. Mobbing.
  9. Verhalten in sozialen Netzwerken.

In diesen Fällen hilft – so meine Meinung – nur ein situatives Handeln. Der Kontext ist relevant – das ist die Verbindung zu Social Media, weil er Bedeutungen von Handlungen erst festlegt. Wer ihn ausblendet, um ein Problem zu lösen, verhindert eine genaue Einschätzung des Problems.

»Das Ende der Didaktik« – ein paar Notizen zu meinem Didacta-Vortrag

Am 29. Oktober hielt ich an der Basler Bildungsmesse Didacta auf Einladung von Educa einen Vortrag mit dem Titel »Das Ende der Didaktik – wie Smartphones das schulische Lernen revolutionieren«. Im Folgenden einige schriftliche Gedanken zu meinen Thesen. Sie beziehen sich auf die Slideshare-Folien, entsprechende Nummern jeweils in runden Klammern. 

Einleitung

Der Titel (1) und der Untertitel sind starke, provokative Formulierungen – die einen Kontrast zur Feststellung eröffnen, dass in den Schulen alles beim alten geblieben ist: Zwar sind digitale Geräte vorhanden, aber nach wie vor kommen bewährte Unterrichtsmethoden in traditionellen Räumen und standardisierten Klassengrößen zum Einsatz, »Stoff« wird vermittelt, Prüfungen messen den Lernerfolg und entscheiden über Übertritte an andere Schulen. Didaktik gibt es weiterhin, Smartphones haben das schulische Lernen kaum verändert. Noch immer gibt es »verbindliches Wissen«, von dem Bildungsskeptiker wie Konrad Paul Liessmann befürchten, die Kompetenzorientierung würde es zum Verschwinden bringen. Das »Ende« und die »Revolution«, von denen der Titel spricht, sind also vorerst Potentiale – um die der Vortrag kreist.

Die Folien (3-6) zeigen, dass die Tätigkeit am Smartphone oft abgewertet wird – sie wird als Zeitvertrieb betrachtet, als minderwertige Aktivität – obwohl es sich dabei für junge Menschen um das primäre Kulturzugangsgerät handelt.

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1. Reales Lernen

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Reales Lernen (9) sind die Lernformen, die nicht angeleitet oder institutionell begleitet werden, sondern aus eigenem Antrieb erfolgen. Dabei – so die Verallgemeinerung – werden Sachverhalte gesucht und dargestellt. Dazu werden wiederum Informationen benötigt, die wiederum mittels Suchverfahren gefunden werden. Suche und Darstellung können aus einer leicht verschobenen Perspektive auch als Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse verstanden werden. Wer lernt, tauscht sich mit anderen Lernenden oder Fachpersonen aus.

Theoretisch wird heute vorausgesetzt, dass Lernprozesse in Weltmodellen resultieren, die individuelle Unterschiede aufweisen (10), obwohl sie für meist ähnliche Erfahrungen verorten können – Lernen ist konstruktivistisch. Gleichzeitig erfolgt Lernen meist in Netzwerken, die Ressourcen für weitere Lernprozesse bereitstellen – es ist konnektivistisch (11).

2. Was müssen Jugendliche lernen? 

Zu den fünf Kompetenzbereichen (13-16, 19) ist jeweils die Bedeutung der Digitalisierung hinzuzufügen: Das lässt sich bei der Arbeitswelt am einfachsten zeigen, wo Aufgaben von digital gesteuerten Maschinen nicht nur so erledigt werden, wie das Menschen könnten, sondern effizienter, zuverlässiger und mit Zusatznutzen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Schule heute zwar Fertigkeiten vermitteln kann, die auch Maschinen übernehmen könnten – dann aber Menschen etwas mitgibt, was sie im Beruf nicht mehr werden einsetzen können. Zentrale Kompetenzen sollten sich also damit beschäftigen, was Maschinen nicht werden leisten können. Ein wichtiger Weg dazu ist die Metakognition (14), wo rechnergestützte Verfahren viele Einsichten in eigene Lernprozesse ermöglichen können.

Den kleinen Exkurs zur Standardisierung als Widerspruch (20-21) habe ich hier bereits ausführlich formuliert.

3. Die Aufgabe der Schule

Soll in der Schule reales Lernen stattfinden, dann scheinen mir Fragen wie die in (22) entscheidend. Sie legen den Fokus auf das Interesse und die Neugierde der Lernenden, auf ihre Auseinandersetzung mit Sachverhalten. Zu meint Didaktik die Passung des Lernens an Rahmenbedingungen (23): Wie kann Lernen stattfinden, wenn sich 25 Kinder oder Jugendliche mit unterschiedlichsten Voraussetzungen gleichzeitig in einem Zimmer befinden und am Schluss einheitlich getestet werden? Oft wurde und wird das so gelöst, dass Sachverhalte, Suchverfahren, Darstellungsmethoden und Formen des Austausches von einer Lehrperson oder dem Lehrplan bestimmt würden.

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Das Potential des Smartphones (24) liegt nun darin, dass alle Möglichkeiten schon in der Hosentasche vorhanden sind. Die Aufgabe der Schule wäre es im Idealfall, Lernumgebungen anzubieten, die Lernprozesse einfacher und reflektierter machen. Das betrifft auch den Medieneinsatz und die Mediennutzung.

Digitale Bildungsinitiativen tappen aus meiner Sicht immer wieder in zwei Fallen:

  1. die Vorstellung, dass die Verfügbarkeit der Geräte eine Art didaktischen Rutsch auslöst, so dass alle mit neuen Geräten auch neu lernen (25) – was dann aber kaum passiert
  2. die Nachbildung bekannter Verfahren in Apps, die dann zwar die Lehrperson entlasten, aber die Möglichkeiten des neuen Mediums gar nicht umsetzen.

4. Beispiele

Die Beispiel habe ich im Blog schon beschrieben:

5. Was sollen Lehrpersonen tun? 

Mit digitalen Mitteln selbst etwas lernen – zunächst ohne, auf bekannte Techniken zurückzugreifen (Bibliotheksbesuch etc.). Dann verstehen, was Jugendliche tun, indem man sie auf Instagram etc. beobachtet, ohne ihr Verhalten zu bewerten. Und schließlich sich mit anderen zu vernetzen, die ähnliche Themen bearbeiten.

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Yik Yak – ortsbezogen und anonym

Das Prinzip der Yik-Yak-App ist einfach: Wer sie auf seinem Smartphone installiert hat, kann ortsbezogen Kommentare lesen und abgeben. Komplett anonym. Was bei bestimmten Veranstaltungen oder speziellen örtlichen Gegebenheiten durchaus unterhaltsame oder positive Effekte haben könnte, wird an Schulen schnell missbraucht:

Ein Test der Wiler Nachrichten bei der Oberstufe Sonnenhof zeigt aber: Auch hier funktioniert «Yik Yak» tadellos. Und Nachrichten wie «kerim figgt müettere» oder «Herpes vo de Mensafrau wieder am eskaliere» bei der Kantonsschule Wil zeigen, dass auch in der Schweiz über solche Apps diskutiert werden sollte.

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Die Forderung, man müsse über »solche Apps diskutieren«, greift meiner Meinung nach zu kurz. Die Frage, wie man mit der technischen Möglichkeit umgeht, anonyme Attacken und Hass zu streuen, ist eine Seite der Medaille. Die andere sieht die technische Umsetzung dieser Äußerungen als Symptom für Probleme, die auf einer sozialen Ebene debattiert werden müssen.

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Anwalt Martin Steiger hat die technisch-juristische Lösung für das Problem, vor das Yik Yak Schulen stellt, bereits am Wochenende auf den Punkt gebracht:

Yik Yak seit einiger Zeit zumindest für Schulen mit Schülern unter 17 Jahren ein so genanntes Geofencing an:

Schulen können beantragen, dass die App an ihrem Standort und in der näheren Umgebung nicht mehr funktioniert. Dazu muss auf der Support-Seite von Yik Yak ein «Geofence Request» gestellt werden. Yik Yak versucht damit auch zu verhindern, dass es selbst in die Verantwortung genommen wird. In den USA sah sich Yik Yak nach zahlreichen Vorfällen sogar gezwungen, die Standorte aller Schulen von sich aus mittels Geofencing zu sperren.

Unabhängig davon besteht in der Schweiz immer die Möglichkeit, Strafanzeige wegen Cyberbullying zu erstatten. Die Ermittlung von Tätern ist bei einer App wie Yik Yak zwar aufwendig, aber nicht unmöglich. Für eine Strafanzeige bei der Polizei ist es notwendig, dass das Mobbing nachweisbar ist, beispielsweise mit Screenshots (Anleitung fürs iPhone).

Hier dürften Schulen nicht auf sich alleine gestellt sein. Gibt es einen demokratischen Konsens, dass man an Schulen diese Art von Meinungsäußerung technisch verunmöglichen will, kann es nicht Aufgabe der ohnehin schon belasteten Schulleitungen sein, bei jeder App Requests zu stellen. Das Angebot müsste eine schweizerische Fachstelle übernehmen, die politisch legitimiert ist und auch Druck auf entsprechende Anbieter ausüben kann.

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Auch wenn es juristische und technische Maßnahmen gibt, um negative Auswirkungen solcher Apps einzudämmen, stellt sich doch die Frage nach der systemischen Funktion solcher Kommunikation. An der Kanti Zug gibt es seit Jahren eine Facebook-Seite für KSZ Confessions: Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen können anonym Gerüchte oder Geständnisse posten – die aber moderiert werden. So kann das Bedürfnis, auch negative Äußerungen anonym loswerden zu können, aufgegriffen werden, ohne dass Mobbing eine direkte Folge davon wäre.

Generell kann eine Schule als Organisation nicht denken, hässliche Äußerungen würden verschwinden, wenn sie in sozialen Netzwerken nicht mehr sichtbar sind. Was in Wil auf Yik Yak erscheint, gibt es an jeder Schule in zig WhatsApp-Gruppen. Würde WhatsApp verboten, ergäbe es eine neue Lösung für Jugendliche: Letztlich geht es um Kommunikation, die nicht juristisch oder technisch unterbunden werden kann, sondern nur kulturell. Zur Schulkultur muss Dialog gehören, das Führen von fairen, kritischen Gesprächen mit dem Bewusstsein, dass und wie Äußerungen andere verletzen. Diesen Dialog so ernst zu nehmen, wie das in Zug in einem inoffiziellen Projekt geschieht, ist sicher zielführender als das Vertrauen in technische oder juristische Schutzmaßnahmen, die immer so lange wirken, bis die nächste App auftaucht.

Und so sieht Yik Yak an der Kantonsschule Wettingen aus, wo ich unterrichte. Rechts die Anzahl Likes, unten die Replies, also die Antworten auf diesen Eintrag.

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Zwei Arten von Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit scheint ein klar definierter Begriff zu sein, zumal er ein juristisches Konzept umreißt und ein Menschenrecht oder Grundrecht darstellt.

Er ist aber aus einem einfachen Grund mehrdeutig: Weil Freiheit selbst ein vielschichtiges Konzept ist. Die Freiheit, die Meinung zu äußern, wird juristisch als negative Freiheit gefasst: Der Staat darf seine Macht oder Gewalt nicht dafür einsetzen, Meinungen zu unterdrücken. Das kann man liberale Meinungsfreiheit nennen: Die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, darf durch keine Form von Zwang eingeschränkt werden.

An diese Diskussion anschließend wird oft auf ein Missverständnis hingewiesen: Nur weil der Staat niemanden daran hindern dürfe, seine oder ihre Meinung zu äußern, bedeute das nicht, dass das Private nicht dürften. Das Grundrecht impliziert nicht, dass man Leserbriefe schreiben dürfe, Kommentare im Netz nicht gelöscht werden dürften oder soziale Netzwerke missliebige Inhalte nicht löschen dürften, weil sie die Meinungsäußerungsfreiheit gar nicht einschränken könnten.

Ein soziales Verständnis von Meinungsfreiheit zeigt aber, warum es sich hier nicht um ein Missverständnis handle, sondern um ein anderes Verständnis von Freiheit. Freiheit bedeutet in diesem Sinne, dass Menschen über Möglichkeiten verfügen, etwas zu tun. Unabhängig von staatlichen Einschränkungen geht es um die Verfügbarkeit von Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten. Meinungsäußerungsfreiheit bedeutet in diesem Sinne, seine Meinung so äußern zu können, dass sie gehört wird.

Um diese Freiheit zu garantieren, reicht es nicht, dass der Staat auf Zensur verzichtet. Es geht nicht einmal um Verbote oder Gesetze, sondern um soziale Strukturen. Wer den geschwätzigen Nachbarn ausblendet und ihm nicht mehr zuhört, schränkt seine Meinungsäußerungsfreiheit im ersten, liberalen Sinne nicht ein. Im sozialen aber sehr wohl: Diese Person verliert jemanden, der ihr zuhört.

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Poster Office for Emergency Management, 1942 - 1945. Wikimedia
Poster Office for Emergency Management, 1942 – 1945. Wikimedia

Bezogen auf soziale Netzwerke hat Hakan Tanriverdi für die deutsche Wired notiert, wie verloren das erste Verständnis von Meinungsfreiheit in Bezug auf das zweite oft ist:

Es ist diese Dauerkonversation, die Facebook, Reddit und Twitter groß gemacht hat. Doch es sind auch gerade diese Netzwerke, auf denen der Ausstoß an Hass am größten ist. Wer will, kann Frauen mit Vergewaltigung drohen, Menschen rassistisch beleidigen und hat auch ansonsten jede Menge Platz für Ausbrüche. Denn gelöscht wird nichts: Facebook, Twitter und Reddit weigern sich, dagegen vorzugehen. Sie legitimieren den Hass, indem sie ihn aktiv zulassen und das mit free speech, also der Meinungsfreiheit begründen.

Wer hier sauber argumentiert und denkt, spielt das eine Verständnis nicht gegen das andere aus. Es ist unbestritten, dass liberale Meinungsäußerungsfreiheit die Grundlage jedes menschlichen Zusammenlebens ist: Ein demokratisch legitimiertes Gewaltmonopol darf Menschen in ihrer Meinungsäußerung nicht belangen. Gleichzeitig muss ebenso unbestritten sein, dass Menschen keine Angst haben dürfen, ihre Meinung zu äußern, sondern eine menschenwürdige Gemeinschaft soziale und liberale Meinungsäußerungsfreiheit gewähren muss.