Yik Yak – ortsbezogen und anonym

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Das Prinzip der Yik-Yak-App ist einfach: Wer sie auf seinem Smartphone installiert hat, kann ortsbezogen Kommentare lesen und abgeben. Komplett anonym. Was bei bestimmten Veranstaltungen oder speziellen örtlichen Gegebenheiten durchaus unterhaltsame oder positive Effekte haben könnte, wird an Schulen schnell missbraucht:

Ein Test der Wiler Nachrichten bei der Oberstufe Sonnenhof zeigt aber: Auch hier funktioniert «Yik Yak» tadellos. Und Nachrichten wie «kerim figgt müettere» oder «Herpes vo de Mensafrau wieder am eskaliere» bei der Kantonsschule Wil zeigen, dass auch in der Schweiz über solche Apps diskutiert werden sollte.

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Die Forderung, man müsse über »solche Apps diskutieren«, greift meiner Meinung nach zu kurz. Die Frage, wie man mit der technischen Möglichkeit umgeht, anonyme Attacken und Hass zu streuen, ist eine Seite der Medaille. Die andere sieht die technische Umsetzung dieser Äußerungen als Symptom für Probleme, die auf einer sozialen Ebene debattiert werden müssen.

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Anwalt Martin Steiger hat die technisch-juristische Lösung für das Problem, vor das Yik Yak Schulen stellt, bereits am Wochenende auf den Punkt gebracht:

Yik Yak seit einiger Zeit zumindest für Schulen mit Schülern unter 17 Jahren ein so genanntes Geofencing an:

Schulen können beantragen, dass die App an ihrem Standort und in der näheren Umgebung nicht mehr funktioniert. Dazu muss auf der Support-Seite von Yik Yak ein «Geofence Request» gestellt werden. Yik Yak versucht damit auch zu verhindern, dass es selbst in die Verantwortung genommen wird. In den USA sah sich Yik Yak nach zahlreichen Vorfällen sogar gezwungen, die Standorte aller Schulen von sich aus mittels Geofencing zu sperren.

Unabhängig davon besteht in der Schweiz immer die Möglichkeit, Strafanzeige wegen Cyberbullying zu erstatten. Die Ermittlung von Tätern ist bei einer App wie Yik Yak zwar aufwendig, aber nicht unmöglich. Für eine Strafanzeige bei der Polizei ist es notwendig, dass das Mobbing nachweisbar ist, beispielsweise mit Screenshots (Anleitung fürs iPhone).

Hier dürften Schulen nicht auf sich alleine gestellt sein. Gibt es einen demokratischen Konsens, dass man an Schulen diese Art von Meinungsäußerung technisch verunmöglichen will, kann es nicht Aufgabe der ohnehin schon belasteten Schulleitungen sein, bei jeder App Requests zu stellen. Das Angebot müsste eine schweizerische Fachstelle übernehmen, die politisch legitimiert ist und auch Druck auf entsprechende Anbieter ausüben kann.

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Auch wenn es juristische und technische Maßnahmen gibt, um negative Auswirkungen solcher Apps einzudämmen, stellt sich doch die Frage nach der systemischen Funktion solcher Kommunikation. An der Kanti Zug gibt es seit Jahren eine Facebook-Seite für KSZ Confessions: Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen können anonym Gerüchte oder Geständnisse posten – die aber moderiert werden. So kann das Bedürfnis, auch negative Äußerungen anonym loswerden zu können, aufgegriffen werden, ohne dass Mobbing eine direkte Folge davon wäre.

Generell kann eine Schule als Organisation nicht denken, hässliche Äußerungen würden verschwinden, wenn sie in sozialen Netzwerken nicht mehr sichtbar sind. Was in Wil auf Yik Yak erscheint, gibt es an jeder Schule in zig WhatsApp-Gruppen. Würde WhatsApp verboten, ergäbe es eine neue Lösung für Jugendliche: Letztlich geht es um Kommunikation, die nicht juristisch oder technisch unterbunden werden kann, sondern nur kulturell. Zur Schulkultur muss Dialog gehören, das Führen von fairen, kritischen Gesprächen mit dem Bewusstsein, dass und wie Äußerungen andere verletzen. Diesen Dialog so ernst zu nehmen, wie das in Zug in einem inoffiziellen Projekt geschieht, ist sicher zielführender als das Vertrauen in technische oder juristische Schutzmaßnahmen, die immer so lange wirken, bis die nächste App auftaucht.

Und so sieht Yik Yak an der Kantonsschule Wettingen aus, wo ich unterrichte. Rechts die Anzahl Likes, unten die Replies, also die Antworten auf diesen Eintrag.

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The Author

philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Mir entgeht überhaupt der Sinn dieser app. Gerüchte und Geständnisse anonym posten? Warum? Ich kann mir beim besten Willen keine unterhaltsamen und/oder positiven Effekte vorstellen.

  2. S-B-A says

    Liebe Kollegen und Kolleginnen

    Die Thematik der online Kommunikation wird nicht so schnell abklingen. Entsprechend dem angefügten Beitrag täten wir gut daran den Dialog mit den Lernenden aufrecht zu erhalten. Bereits sind neue Plattformen wie Yik Yak im Gebrauch, die noch mehr Anonymität zulassen. Als Schule müssen wir uns gut überlegen, wie wir uns dieser verbalen Verrohung stellen und Lernenden im Umgang damit sensibilisieren.

    Geri Kobelt g.kobelt@sba-zug.ch ———————————————————————————————— Büro Tel. 041 728 24 21 ————————————————————————————————

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