Learnify in die Schweiz bringen

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Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, in einem Workshop die Möglichkeiten von Learnify kennen zu lernen. Über Learnify wusste ich dank eines Beitrags von Jöran Muuß-Merholz bei PB21 schon einiges. Der direkte Austausch mit Per Brahm, dem CEO von Learnify, war aber in vielen Punkten erhellend. Im folgenden Post möchte ich zuerst Learnify kurz beschreiben, dann erklären, warum ich es wichtig fände, dass Learnify in der Schweizer Bildungslandschaft einen Platz erhielte.

Learnify = Google Docs mit Online-Bibliotheken

Dieser Kurzformel enthält die wesentlichen Eigenschaften: Learnify erlaubt es, mit einfachen Werkzeugen multimediale Dokumente zu erstellen. Texte, Bilder, Videos und interaktive Schaltflächen für Tests etc. lassen sich intuitiv kombinieren. Wie bei Google Drive ist dabei auch Kollaboration stets mitgedacht: Nicht-geschützte Dokumente lassen sich in Kopien editieren. Für den eigenen Lernkontext brauchbare Elemente lassen sich neu kombinieren (auch von Lernenden) – und dann wieder publizieren (nur von Lehrpersonen).

Learnify bietet dabei einen einfachen Zugang zu Copyright-Fragen an: Bei der Suche im Netz werden stets Zugänge angeboten, die zu Materialien führen, die im Schulkontext verwendbar sind (z.B. bei der Bildersuche in Google). Das befreit Lehrpersonen nicht davon, sich mit Urheber- und Nutzungsrechten auseinanderzusetzen, vereinfacht es aber auf eine Weise, die ich noch nie in vergleichbarer Art gesehen habe. Die auf Learnify erstellen Inhalte sind in der Regel OER, also freie Lernmaterialien.

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Editorfunktion.

Dazu kommt, dass Learnify auf eine enorme Bibliothek zurückgreifen kann. Alle wichtigen Schulbuchverlage in Schweden bieten ihre Lehrbücher in Learnify an: Wollen Schulen ihren Lehrpersonen und SchülerInnen einen Zugriff darauf anbieten, können sie den erwerben. Dasselbe gilt für Videos aus dem Bereich des Schulfernsehens und eBooks: Momentan können Schulen für rund 6 Euro einen Zugriff auf alle belletristischen Neuerscheinungen anbieten. Diese Materialien sind dann in Learnify geschützt und können nicht bearbeitet werden, aber abgespielt.

Die Abspiel-Funktion ist ein weiteres wichtiges Feature: Learnify-Ressourcen können auf jedem Gerät (Laptop, Tablet, Smartphone) so abgespielt werden, dass sie vernünftig bedienbar und wahrnehmbar sind. Learnify ist komplett von Soft- und Hardware unabhängig.

Player-Funktion

Player-Funktion

Learnify erlaubt es, Links zu erstellen, die auch ohne Konto angesehen werden können. Zudem generiert es von allen Dokumenten auf Wunsch Links, die in andere Lernumgebungen wie beispielsweise Moodle einbettbar sind: Learnify wird so zum universellen Editor für Lernmaterialien.

Lernumgebungen und Vernetzung

Arbeiten Lehrpersonen mit Klassen mit Learnify, so nutzen sie im Idealfall einen Modus, der Lernumgebungen (»Learning Zones«) ermöglicht. Wiederum ist die Menustruktur recht einfach:

  1. Informationen beschreiben die Umgebung
  2. ein Inhaltsverzeichnis zeigt aller Lernmaterialien (eigener und fremder)
  3. ein Teilnehmerverzeichnis
  4. ein Blog, gedacht für Beschreibung von Aufträgen oder das Festhalten von Zwischenergebnissen
  5. ein Wall für Diskussionen

Lernumgebungen ermöglichen leicht alternative pädagogische Formen, für die Netzlernen eine optimales Angebot bereit stellt – zu denken ist etwa an die Flipped-Classroom-Methode, bei der Lehrvorträge zuhause in Videoform aufgenommen werden, während in Präsenzveranstaltungen vor allem Diskussionen dazu geführt werden, Experimente durchgeführt oder Aufgaben gelöst.

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Lernumgebung

Lehrpersonen können selbst auch einen Blog betreiben und die von ihnen erstellen Materialien so präsentieren, dass sie dafür Aufmerksamkeit erhalten. So gibt es in Schweden Lehrerinnen und Lehrer, die dank ihrer Arbeiten für Learnify eine große Bekanntheit in Schulen genießen und als Fachpersonen anerkannt sind. Das ist ein Anreiz, eigene Arbeitsblätter und Materialien zu publizieren.

Learnify in der Schweiz

Die Schweizer Bildungslandschaft ist enorm zersplittert: Kantonale Vorgaben, schulinterne Lösungen, verschiedene Anbieter von Lernmaterialien und Lernmanagementsysteme wie Educanet und Moodle schaffen viele digitale Inseln. Learnify kann diese Inseln verbinden, weil es Content aus verschiedenen Quellen einbeziehen kann und seine Inhalte wiederum an anderen Orten leicht zu publizieren sind. Learnify ist offen und schafft Brücken. Es ist einfach: In Schweden arbeiten Lehrpersonen nach 90 Minuten Einführung erstmals mit Learnify – weil die Plattform Lust darauf macht, Arbeiten zu publizieren und zu verbessern.

Ich bin deshalb überzeugt, dass Learnify für die Zukunft der Schweizer Bildungslandschaft von großer Bedeutung ist. Die Lehrmittelverlage können und sollen ihre Bücher und anderen Inhalte so anbieten, dass sie für Learnify freigeschaltet werden können – selbstverständlich gegen eine Gebühr, wenn sich diese Verlage darüber finanzieren müssen. Steuergelder sollten jedoch generell so investiert werden, dass die Inhalte offen sind und breit genutzt werden können. Das ganze Angebot des Schweizer Fernsehens, um nur ein Beispiel zu nennen, könnte mit Learnify in ganz neuen Formen im Schulalltag genutzt werden, genau so wie Zeitungsarchive, die heute schon via Swissdox in vielen Schulen genutzt werden könnten.

Finanzierung von Learnify

Wer als Lehrperson Learnify nutzen will, kann sich auf learnify.se anmelden und erhält gratis ein Konto, in das einige Lernende eingeladen werden können. Für den Einsatz in der Schule kostet ein Konto jedoch ca. 4 Euro pro Jahr (für jede Nutzerin, jeden Nutzer). So finanziert sich Learnify als privates Unternehmen. Um in der Schweiz das nötige Vertrauen der Akteure (Lehrpersonen, Schulen, Politik, Verlage, Medien) aufbauen zu können, bräuchte Learnify bei der Einführung eine glaubwürdige Trägerschaft.

Ich bleibe dran.

The Author

philippe-wampfler.ch

8 Comments

  1. Pingback: Learnify | BYOD an der KSWE

  2. Pingback: Warum teilen Lehrkräfte ihre Materialien nicht? | Schule und Social Media

  3. Pingback: »Das Ende der Didaktik« – ein paar Notizen zu meinem Didacta-Vortrag | Schule und Social Media

  4. Ich stelle fest, dass einerseits Schulen eine eigene Plattform nutzen, die manchmal Standardware (bspw. Moodle) manchmals Eigenlösungen (bspw. Portal an meiner Berufsschule) sind. Hier sehe ich v.a. das Problem, dass viele Lehrpersonen noch immer (!) eine grosse Hemmschwelle haben, diese für ihren Unterricht einzusetzen (bspw. Unterlagen bereitstellen, Unterrichtsplanung zur vor-/nachbearbeitung transparent machen aber auch nur Classroom-Management wie Präsenzkontrolle, Notenspiegel u.v.a.m.). Andererseits müssen die (Berufs)Lernenden mit zahlreichen Kommunikationsplattformen parallel nutzen: privat meistens Facebook, Twitter, WhatsApp (was ich als Lehrperson auch einsetze – und mich innerhalb meinem Kollegenkreises als Exotin positioniere), Educanet, Moodle und Portal – 3 Plattformen, die in unserer Schule je nach Lehrgang simultan genutzt werden. Und dann kommt meist noch das Intranet der Lehrfirma dazu, die bspw. von Grossbanken nochmals in diverse (geschlossene und offene) thematische Bereiche unterteilt wird. Auch wenn ich nicht alles unter einen Hut bringen will, so wünsche ich mir doch etwas mehr Überblick und, ja, ich gebe es zu, Ruhe durch Einheit.

  5. Pingback: Learnify für die Schweiz | digithek blog

  6. In der Tat, die Fragmentierung der LMS an den einzelnen Institutionen führt zu einem ganzen Konglomerat aus Nachteilen. So wird der Austausch zwischen Lehrer_innen hinsichtlich von Materialien erschwert. Lehrer_innen, welche die Schule wechseln sind gekniffen, weil sie Ihre ggf. aufwendig erstellten Materialien nicht auf dem LMS der anderen Schule zum Einsatz bringen können. Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzten, lasse es aber mal, weil die Argumente bekannt sind.
    Learnify scheint eine echte Option zu sein, wenngleich ich aus der Nutzer-Sicht ein paar Punkte hätte, die für mich gegen Learnify sprechen würden (bin allerdings auch kein Schweizer).

    1. Die Daten liegen in Schweden und nicht in Deutschland (oder eben Schweiz). Das ist einfach bei uns das gesetzliche Hindernis, was gegen eine Nutzung eines solchen zentralen Anbieters spricht. Das gilt im übrigen auch für Google-Classroom (Mal abgesehen, dass letztere, dank der Anti-Google-Lobby derzeit wohl im Bildungsbereich nur schwer ein Bein auf den Boden bekommen werden)

    2. Wir setzten bei uns der Hochschule ILIAS ein. Darüber bin ich aus mehreren Gründen sehr glücklich. Zum einen wird das System, dank sehr engagierter Community, ständig weiterentwickelt. Zum anderen habe ich die Möglichkeit innerhalb meiner Kurse sehr differenzierte „Rechte“ Entscheidungen treffen. Das ermöglicht es mir zum Beispiel, meinen Lerner_innen für einzelne Entitäten „Admin“-Rechte einzuräumen. Ich würde befürchten, dass solche Möglichkeiten bei Learnify nicht bestehen.

    Mein Wunsch wäre eher, dass es ein zentrales und von Anbietern unabhängiges LMS gibt, welches von den Schulen genutzt werden kann. Ich hoffe, dass dies nicht eine ewige Utopie bleiben wird.

    (Btw.: Ich schrieb hier mal was zu Google Classroom: http://graphr.ghost.io/google-goes-lms )

    • Danke für die Bemerkungen.
      Zu 1.: Selbstverständlich würde ein Schweizer Learnify auf Schweizer Servern angeboten. Anders ist das gar nicht zu denken.
      Zu 2.: Gerade das Rechtemanagement erachte ich als Stärke von Learnify. Lehrpersonen können sehr viel machen, ohne dass jemand Rechte zuweisen muss. Verstehe nicht, wo das zu Problemen führen könnte?

      • zu 1) Das wäre wiederum eine tolle Sache. Damit hätte das System auch bei uns, zumindest theoretische ins gute Chance.
        zu 2) Ich kenne das nur von ein paar anderen System, die nur zwischen den Rollen Lehrender und Schüler entscheiden können und die Rollenvergabe auch nicht auf Entitäts-Ebene steuern lassen sondern nur auf Kurs-Ebene. Verfährt Learnify hier anders?

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