Warum der Rückfall ins Web 1.0 droht

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Der Paradigmenwechsel vom Web 1.0 zum Web 2.0 wird gemeinhin als der Übergang von einer »one-to-many«- zu einer »many-to-many«-Kommunikationsanlage verstanden. Die Web-Inhalte werden nicht exklusiv von einer berechtigten Redaktion erstellt, sondern von den Usern maßgeblich mitbestimmt. Inhalte im Web 1.0 konnten konsumiert werden, im Web 2.0 werden sie »prosumiert«: Konsum und Produktion verschmelzen im Idealfall.

Spreche ich mit Jugendlichen über ihre Nutzungsgewohnheiten im Netz, dann drücken sie in Bezug auf Social Media eine gewisse Verunsicherung aus, sobald Wikipedia Thema wird: »Wikipedia ist doch gar nicht Social Media, weil man da nur nachschlagen kann, wie in einem Lexikon, oder?« In der Regel reagiere ich mit dem Hinweis, es gäbe die Möglichkeit, sich ein Profil anzulegen und Beiträge zu verbessern oder erstellen. Es wird deutlich, dass Jugendliche das zwar wissen, aber nicht als Möglichkeit in Betracht ziehen.

Auch Youtube oder Instagram sind für viele reine Konsummedien, in denen sie sich zwar von anderen Jugendlichen unterhalten lassen, ein eigenes Mittun aber kategorisch ausschließen. Das mag einer gewissen Gesetzmäßigkeit entsprechen: In Social-Media-Kreisen kursiert die 90-9-1-Regel, wonach 90% der User konsumieren, 9% kommentieren und 1% selber Inhalte erstellt.

Letztlich scheint mir aber die Haltung entscheidend: Offenbar wird das Netz medienpädagogisch als ein Ersatz für Massenmedien (Zeitungen, Bücher, Fernsehsendungen) präsentiert und von Jugendlichen auch so wahrgenommen. Produktion oder Veränderung von Inhalten ist etwas für eine Elite, für »Hobbylose«, wie Jugendliche sagen würden, die sowas gerne tun – aber nicht für die »Vielen«, auf deren Weisheit gezählt wurde.

Setzt sich diese Version des Webs durch, dann wurden die oft bezahlten Redaktionen des Web 1.0 lediglich ausgedünnt. Einige besessene Freiwillige lassen sich durch Aufmerksamkeit bezahlen (und hoffen auf ein paar Werbedollars). Die Masse konsumiert wie bis anhin.

Das ist deshalb bedeutsam, weil viele Plattformen im Netz die Möglichkeit anbieten, Nachrichtenströme zu steuern und Profileintragungen vorzunehmen, die eine gewisse Kontrolle ermöglichen. Wer hier zurücklehnt und die Plattformen machen lässt, findet sich immer in dem Zustand wieder, der für die Plattformanbieter am meisten wirtschaftlichen Nutzen hat. Zu erwarten, Jugendliche würden selektiv aktiv, wenn sie ihre Profileinstellungen vornehmen, könnten aber passiv bleiben, wenn es um inhaltliche Fragen geht, scheint mir ein Missverständnis zu sein.

Active Minds, Louisa Venerandum

Active Minds, Louisa Venerandum

Man betrachte nur die Definition von Social Media – und überlege sich, was passiert, wenn User inaktiv bleiben:

  1. Auf den Plattformen interagieren eindeutig identifizierbare Profile, die durch User gefüllt werden, entweder durch die Inhaber des Profils, Drittuser oder das System selbst.
  2. Sie können Verbindungen und Beziehungen zwischen Usern öffentlich ausdrücken, so dass andere sie einsehen und nachvollziehen können.
  3. Sie können Nachrichtenflüsse von Inhalten, die User durch ihre Verbindung mit dem Netzwerk generiert haben, hervorbringen oder zum Konsum beziehungsweise zur Interaktion anbieten. (Boyd/Ellison, zitiert nach »Generation Social Media«, S. 18)

The Author

philippe-wampfler.ch

10 Comments

  1. efrain steinbach says

    Ich sehe das nicht so dramatisch: im Gegensatz zum Web vor 10 Jahren ist es heute sehr einfach und erwünscht, „original content“ einzuspeisen – früher war dies eine Ausnahmesituation, heute ist es die Rrgel. Es ist insofern ein grösseres Mass an Freiheit, welches die Nutzer geniessen: sie können mittun, wenn sie mögen und die Hürden sind gering. Und ich bin der Ansicht, dass von dieser Freiheit durchaus Gebrauch gemacht wird: Ich behaupte mal, dass der Durchschnittsnutzer heute bedeutend mehr öffentlichen Content ins Netz einspeist als zuvor. Dass ich hier meinen Senf dazu geben kann, illustriert dies ausgezeichnet.

  2. Sehe eben die Kommentare von „Anonym“ und HansRuedi Keller – der von „Anonym“ könnte von mir sein, ist netzwärk.ch doch wirklich nicht smartphone-optimiert resp. wird mit dem Smartphone nach mobile.info.ch umgeleitet, wo mir mitgeteilt wird, der Bildschirm meines Computers wäre zu klein.
    Und HansRuedi Keller: ja – ich unterrichte mit dem Smartphone.

    • Grüezi Beat Rüedi, ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr! Wie oder mit welcher App benutzen Sie das Smartphone im Unterricht? Ja, meine Plattform hat ein fixes Layout mit einer Breite von knapp 1000 Pixeln. Basierend auf BuddyPress (Open Source Software) biete ich kostenlos ein multifunktionales Werkzeug – die TOOLBOX – für die Arbeit in Gruppen. Die Lernenden können in geschütztem Rahmen kommunizieren, Online Dokumente (analog Google Docs) und Feedbacks verfassen, Termine absprechen und in der Gruppe veröffentlichen, Dateien hochladen (Fotos, Videos und Tondokumente!) – und dies alles ganz ohne Werbung. Gehostet wird bei nine.ch in Zürich und für Fragen gibt es ein Forum. Ja, all dies könnte auf einem Mini-Bildschirm des Smartphones nur geboten werden mittels einer App. Sollten Sie das Know-how oder den erforderlichen, grossen Geldbetrag für die Entwicklung einer App zur Verfügung stellen können, werde ich Sie gerne mit John oder Boone (Core Entwickler von BuddyPress) bekannt machen. Man würde sich über eine entsprechende Initiative freuen. Selbst habe ich drei Jahre unentgeltlich Arbeit in info.ch investiert. Das Resultat ist knapp 1000 Pixel breit… PS: Da steht «Der Bildschirm deines Smartphones ist zu klein…», nicht deines Computers.

  3. Ich frage mich inwieweit diese Situation aufgrund der Tatsache entsteht dass Social Media von der Pionier-/Early Adopter-Phase in die Massennutzung übergeht (und die Masse eben vor allem aufgrund der vorhandenen Inhalte und weniger aufgrund der Gestaltungsmöglichkeiten mitmacht). Die 90-9-1-Regel ist jedenfalls etwas, was (ohne jetzt dazu eine Quelle zu haben) wohl auch ausserhalb der digitalen Welt zu beobachten ist, sei das nun in der Politik, sei das am Arbeitsplatz, sei das im Freundeskreis wenn es darum geht etwas anzureissen.

  4. „dann wurden die oft bezahlten Redaktionen des Web 1.0 lediglich ausgedünnt. Einige besessene Freiwillige lassen sich durch Aufmerksamkeit bezahlen (und hoffen auf ein paar Werbedollars). Die Masse konsumiert wie bis anhin.“ – ich finde diese Analyse des Netzes frappierend treffend, auch wenn du andeutest, dass das erst eine mögliche Entwicklung bedeutet.

  5. Es ist wahrscheinlich schwierig, hierzu wirklich belastbare Zahlen zu finden, aber dass «Web 2.0» nicht zu einer kompletten Umkehrung der Rollen geführt hat, dass ein Grossteil der Leute nach wie vor primär konsumieren wollen, finde ich nicht weiter erstaunlich. Vielmehr hätte mich überrascht, wenn das Gegenteil der Fall der gewesen wäre.

    Und die Sache mit der Weisheit der vielen ist ohnehin problematisch. Denn oft – durchaus nicht immer – führt die Beteiligung vieler nicht zu höherer Qualität, sondern zu einer Nivellierung. Im Falle von Wikipedia scheint mir noch etwas hinzuzukommen: Natürlich kann da grundsätzlich jeder mitschreiben, aber es braucht eben auch eine gewisse Expertise, um bei einem Artikel etwas beitragen zu können. Die muss man sich zuerst einmal aneignen.

    Natürlich ist die im Grunde aufklärerische Idee schön, dass es neue Werkzeuge jedem ermöglichen, sich zu emanzipieren. Dass jeder zum kritischen Prosumenten wird. Aber die Realität ist eben oft komplizierter und banaler zugleich. Vieles, was auf Facebook, YouTube et al. veröffentlicht wird, illustriert dies treffend.

  6. Die Kinder beginnen in der Primarschule zuerst mit dem Lesen, nach ein paar Wochen kommt normalerweise in der 1. Klasse das Schreiben dazu. So scheint es «medienpädagogisch» im übertragenen Sinn bezüglich Social Media nicht abzulaufen. Die Kinder und Jugendlichen werden – meiner Beobachtung nach – darüber informiert, wie sie sich in der globalen Social-Media-Landschaft korrekt und schadlos konsumierend bewegen können; thematisiert werden quasi The big Five (Facebook, YouTube, Twitter, Instragram und wie oben genannt zum Beispiel Wikipedia), aber das «Schreiben» wird ihnen kaum je gezeigt. Als «Schreiben» verstehe ich hier nicht das aneinanderreihen von Buchstaben, sondern das Thema soziale Vernetzung. Vernetzung von Grund auf mit den heutigen Möglichkeiten und Mitteln der digitalen Kommunikation. Ich habe zu diesem Zweck eine Plattform aufgebaut, die da und dort ein wenig Abhilfe schaffen könnte: http://www.netzwärk.ch/ – viel Vergnügen beim Erkunden…

  7. ich nenne das web 2.0 auch die revolution der amateure – und hoffe gleichzeitig, sie möge sich nicht durchsetzen. was sie sich ja wirklich auch nicht tut.

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