Das Nerd-Narrativ in der digitalen Bildung

Es gibt aber einige Leute, die haben sich dieses Wissen in einem erstaunlichen Maße angeeignet. Wir nennen sie „Nerds“ oder „Experten“ und die meisten von uns haben eine gewisse Ehrfurcht vor diesen Menschen, weil sie Dinge können und verstehen, die einige von uns nicht verstehen.

Diese Definition von »Nerd« stammt von Michael Seemann. So ist Nerd im Folgenden zu verstehen: Als eine Person, die im Bereich der Datenverarbeitung, der Informationstechnologie, der Programmierung Fachkenntnisse hat. Ich meine das nicht abwertend, sondern als verdichtete Bezeichnung.

Von einigen dieser Personen geht in Bezug auf die Frage, die Bildung im Kontext der digitalen Transformation gestaltet werden müsse, ein bestimmtes Narrativ aus. Das Narrativ kann auch als Forderung bezeichnet werden, die dann zu einer Erzählung wird, wenn davon ausgegangen wird, die Forderung ließe sich mühelos umsetzen, wenn alle anderen nur wollten.

Worin besteht die Forderung? Grundsätzlich darin, Informationstechnologie nur einzusetzen, wenn sie hohen Anforderungen genügt:

  1. Datenschutz: Lösungen müssen maximal datensparsam sein, Daten sehr gut schützen und sie nur auf eine transparente Art und Weise verarbeiten.
  2. Anschlussfähigkeit: Erlauben die Tools den Nutzer*innen, über ihre Daten zu verfügen und sie einfach in offenen Formaten abzuspeichern, die sie auch mit anderen Werkzeugen verwenden können?
  3. FLOSS: Software sollte »free/libre« sowie »open source« sein, d.h. mit offen zugänglichem Quellcode, der sicherstellt, dass sie weiter entwickelt werden kann und alle Nutzer*innen nachvollziehen können, wie die Software genau funktioniert.
  4. Eigene Lösungen: Nutzer*innen sollten so stark wie möglich auch in der Lage sein, eingesetzte Systeme zu warten, anzupassen und zu programmieren. Sie sollten sich dabei nicht in Abhängigkeit von kommerziellen Unternehmen begeben.

Wenn nun jemand aus einer didaktischen Perspektive sagt, ein Tool wie etwa Padlet könne sinnvoll im Unterricht benutz werden, dann fragen die Nerds:

  1. Wie geht der Dienst mit Daten um?
  2. Wie gut lassen sich Daten exportieren?
  3. Ist die Software FLOSS?
  4. Kann ich Padlet modifizieren, in meine bestehenden Systeme einbauen?

Ein Text, in dem das geprüft wird, liest sich dann so wie bei Armin. Das sind völlig legitime Analysen, mehr noch: Diese Forderungen werden zurecht erhoben. Es gibt keine sinnvollen Argumente gegen die Aussage, dass gute Software-Lösungen diese Kriterien erfüllen sollten.

Ein Narrativ entsteht dann, wenn aus diesen Erwartungen abgeleitet wird, Schulen könnten problemlos solche Software einsetzen, sie müssten jede Nutzung von Software an diesen Erwartungen messen. Vergessen geht dabei aber, dass an Schulen weitere Ansprüche an Softwarenutzung gestellt werden:

  • Können damit auch Kinder und unerfahrene Lehrkräfte arbeiten?
  • Steht Support zur Verfügung?
  • Funktioniert ein Werkzeug ähnlich wie privat und im Berufsleben verwendete?
  • Kann die Software auch auf mobilen und privaten Geräten genutzt werden?
  • Eignet sich die Software für den Aufbau der relevanten Kompetenzen?

Hier verzerrt das Nerd-Narrativ: Es betrachtet diese Fragen so, als würden sie vom Wesentlichen ablenken, dabei sind sie für die Implementierung und den Nutzen der IT an Schulen oft entscheidend.

Um einen Vergleich zu machen: Ich bin als Germanist davon überzeugt, dass Schulen generell leichte Sprache einsetzen sollten. Auf Arbeitsunterlage in der Schule, in Elternbriefen und Reglementen. Es gibt kein sinnvolles Argument gegen den Einsatz leichter Sprache, weil sie den Schwächsten nützt und den Privilegierten nicht schadet. Leichte Sprache ist aber ungewohnt, die Regeln müssen geübt werden, Menschen müssen sich trauen, leichte Sprache einzusetzen und Zeit dafür haben, sich damit auseinanderzusetzen. All diese Voraussetzungen sind nicht gegeben. Ich könnte natürlich bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen, dass ein für die Publikation geplanter Text eigentlich in leichter Sprache geschrieben werden müsste, dass ich total gut weiß, wie leichte Sprache funktioniert und es auch gerne allen zeige.

Nur: Das würde nichts nützen. Gute Argumente und die eigene Kompetenz reichen nicht aus, um Systeme zu verändern. Menschen ändern ihre Praxis nicht aufgrund von Argumenten und auch nicht, wenn andere Menschen kompetent sind.

Michael Seemann schreibt über die Nerds:

[M]anchmal haben diese Nerds dann auch selbst dieses Bild von sich: Dass sie Dinge verstehen, die andere nicht verstehen, macht sie, wie sie finden, kompetent auf eine gewisse, allgemeine Weise.

Und dann blicken sie auf die Welt, sehen politische Prozesse, sehen die Medienberichterstattung, sehen kriegerische Konflikte, sehen menschliche Interaktion und rufen: „Das ist doch alles ganz klar! So und so einfach ist die Welt!“

Das Ganze hat aber einen Haken. Programmiersprachen sind nicht komplex. Es ist jedem möglich sie innerhalb eines Jahres komplett zu verstehen. Betriebsysteme sind nicht komplex. In jedes Betriebsystem kann man sich relativ schnell einfuchsen, wenn man ein, zwei gesehen hat. […] Und genau hier liegt der Unterschied zur restlichen Welt. Politik ist scheißenochmal komplex. Menschliche Interaktion ist megakomplex und die sich daraus ergebenden Konflikte ebenfalls. Egal wie sehr sich jemand in diese Dinge einfuchst, sie werden niemals restlos verstehbar sein. Die meisten von uns haben sich an diesen Umstand gewöhnt. Er fordert uns jeden Tag eine gewisse Demut ab, eine gewisses Zurückzucken, bevor man Dinge endgültig bewertet.

Und so muss eine Abwägung stattfinden zwischen einer idealen Lösung, die sich nicht umsetzen lässt, und einer pragmatischen, bei der Kompromisse nötig sind.

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Bild: Unsplash, James Pond

»Cessabit« ist das ideale Game für Kinder

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Cessabit (Crevasse Studios, 2019) ist ein einfaches Spiel für Smartphones oder Tablets: Gezeigt wird ein Bild, das zunächst in schwarz/weiß gehalten ist. Das Bild ist interaktiv: An gewissen Stellen können Gesten (drücken, swipen etc.) etwas bewirken. Das Bild bewegt sich, verfärbt sich.

Das Bild kann so lange betrachtet und erforscht werden, wie Spielende das möchten. Sind sie fertig, können sie einfache visuelle Multiple-Choice-Fragen dazu beantworten: Wie viele Schneeflocken waren zu sehen? In welche Richtung hat sich die Sonne gedreht? Welche Farbe hatten die Segel des Schiffes?

Wer die Fragen nicht richtig beantworten kann, kehrt zum Bild zurück und schaut es sich länger an. Andernfalls darf man sich das nächste Bild anschauen.

Das ist alles. Das ist ein tolles Spiel für Kinder, weil

  1. kein Stress generiert wird, weder durch Punktzahlen noch durch Zeitknappheit. Spielende geben dem Spiel ihren Rhythmus vor.
  2. genaues Hinsehen belohnt wird. Es geht nicht darum, repetitive Handlungen vorzunehmen, sondern die Spielmechanik Anreize schafft, Nebensächliches in den Fokus zu nehmen.
  3. mehre Personen gemeinsam zusammenspielen und ihre Wahrnehmungen abgleichen und ergänzen können.

Ambient Awareness

In Hamburg habe ich mit Dejan und Jöran einen Podcast zur »Kultur des Teilens« aufgenommen. Im Beitrag zu »Working Out Loud« habe ich schon Ideen skizziert, wie an Schulen diese Kultur entstehen oder gefördert werden kann. Wenn Menschen Dinge teilen, dann entsteht oft eine Art kognitive Überforderung: Ich kann gar nicht alles bewusst wahrnehmen, was sie mitteilen. Ein Beispiel sind Social-Media-Feeds: Dort steht mehr, als ich in einem Tag lesen kann, besonders weil Plattformen zunehmen auf Infinite-Scroll-Methoden setzen, also praktisch unendlich viel Content anbieten. Deshalb scrolle ich durch. Ähnlich ist es auch auf Barcamps: Wer teilnimmt, kann eine Session vorschlagen. In kurzer Zeit hört man sich dann viele Session-Themen an, nimmt aber vielleicht nur an zwei oder drei aktiv Teil.

Nun könnte man denken, dass so eine massive Ablenkung passiert, dass wir mit Informationen überflutet werden, die wir gar nicht verarbeiten können, die Konzentration erschweren. Vor über 10 Jahren hat Schirrmacher festhalten: »Mein Kopf kommt nicht mehr mit.«

Tatsächlich tritt – meist nach etwas Gewöhnung und Übung – aber ein positiver Effekt ein: Es stellt sich eine unbewusste Wahrnehmung dessen ein, was nur an mir vorbeigezogen ist. Meine Aufmerksamkeit erhält ein zusätzliches Potential: Ich habe einen Gedanken nicht bewusst durchgespielt oder eine Verbindung nicht tatsächlich hergestellt, eine Information nicht abrufbar abgespeichert – aber komme ich in eine Situation, in der dieses Argument, diese Verbindung oder diese Information wichtig sein könnten, fällt mir ein, dass da mal was war. Das kann teilweise mühsam sein, wenn wir nach etwas suchen, was wir nur noch erahnen – oft passiert da aber etwas, was wir nicht genau beschreiben können, weil uns einfach im richtigen Moment das einfällt, was uns einfallen sollte.

Das ist »Ambient Awareness«. Der Begriff geht zurück auf die japanische Soziologin Mizuko Ito. Sie hat damit beschrieben, dass Menschen auf Social-Media-Profilen Stimmungen wahrnehmen können, auch wenn diese gar nicht explizit geäußert worden sind. »Ambient Awareness« lässt sich aber leicht auf Kontexte ausdehnen, in denen Dinge geteilt werden, die nicht bewusst wahrgenommen werden. Sie schafft das Potential einer bewussten Verarbeitung – und ist so ein weiteres Puzzle-Stück eine neuen Form von Konzentration.

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Bildbeschreibung: Wassertropfen. Quelle: Unsplash/Linus Nylund.

Wenn Schüler*innen das Netz benutzen – was die Plagiats-Unsicherheit bewirkt

Ich lasse meine Schüler*innen viele Schreibaufgaben zuhause erledigen. Meist läuft das so ab:

  1. Wir beschäftigen uns im Unterricht mit einem Text, führen Gruppenarbeiten durch, erarbeiten Einsichten, klären Unklarheiten, entwickeln unterschiedliche Perspektiven auf einen Text.
  2. Daraus ergibt sich eine Schreibaufgabe. Erste Entwürfe entstehen im Unterricht, die Lernenden geben sich Feedback, ich berate.
  3. Zuhause wird der Text ergänzt, überarbeitet, fertiggestellt. Sie reichen den Text über Teams ein.
  4. Ich lese, korrigiere, kommentiere ihn und schreibe ein Feedback mit einer Note.

Meine Klassen können im Unterricht auf Netz-Ressourcen zugreifen. Ich leite das oft auch an und fordere es ein. Aus meiner Sicht ist es eine pädagogische Unsitte, Dinge nicht nachzuschlagen und durch eigene Recherchen abzuklären, was man sagen oder verstehen möchte.

Selbstverständlich tun sie das dann auch, wenn sie Texte schreiben. Und hier entsteht dann das Problem: Ich lese einen Satz in einem Text eines Schülers. Der Satz drückt eine wesentliche Erkenntnis prägnant aus. Ich möchte einen lobenden Kommentar hinterlassen – zucke aber kurz zusammen: Falle ich gerade auf ein Plagiat rein?

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Dann verliere ich mich in einer Google- und Internet-Spirale und entdecke, dass nicht der betreffende Schüler etwas plagiiert hat, sondern das Plagiat zwei Texte zuvor stand, ich es damals aber nicht bemerkt habe. Meine Skepsis ist irgendwie berechtigt und doch unberechtigt.

Es ist nicht so, dass die Texte brillant werden, weil sich in ihnen Gedanken aus dem Netz finden. Gerade die literarischen Kommentare im Netz sind oft qualitativ eher mäßig, schlecht begründet oder von den seltsamen Konventionen des deutschen Literaturunterrichts geprägt. Schüler*innen können das oft nicht richtig einschätzen, was glatt formuliert ist, wirkt klug und inspirierend.

Aus ihrer Sicht ist es völlig naheliegend, dass sie beim Schreiben auch ins Netz schauen. Mache ich ja auch, wenn ich einen Text schreibe. Aber es führt bei mir dazu, dass ich diese Texte nicht mehr richtig schätzen kann.

Gibt es Lösungen?

  1. Bei Sachtexten fordere ich Bezüge zu Quellen ein. Das hilft: Die Schüler*innen verstehen, dass Referentialität wesentliches Element eines Textes ist und nutzen sie produktiv. Nur möchte ich bei gewissen Schreibaufgaben halt die Stimme der Person hören, die einen Text schreibt. Dazu braucht es keine Zitate oder Verweise.
  2. Bootcamp-Methoden nützen auch: Notenabzüge für Plagiate, drastische Warnungen, ein bisschen Google-Show am Beamer. Wampfler ist ein krasser Internet-Checker, den können wir so leicht nicht reinlegen, wenn der uns erwischt, dann wirds ganz schlimm. (Ist einfach nicht die Rolle, die ich einnehmen möchte).
  3. Netzzugang kurzzeitig verhindern, Entwürfe so erarbeiten, dass Kerngedanken unabhängig von der Recherche entstehen und so dann auch im Text bleiben, obwohl scheinbar kluge Dinge von anderen Personen kopiert werden könnten.
  4. Meine Skepsis abschalten. Vielleicht ist meine Netz-Nutzung das Problem und ich müsste einfach die Texte auf einem Tablet korrigieren, bei dem das WLAN ausgeschaltet ist. Vielen Schüler*innen helfen Eltern, Geschwister und Bekannte bei Schreibaufgaben. Das merke ich zuweilen auch, kann es aber nicht nachweisen. Vielleicht einfach diese Gelassenheit übertragen?
  5. Noten abschaffen. Wenn ich nicht bewerten muss und die Schüler*innen nicht bewertet würden, würden wir alle viel weniger unsinnige Dinge machen. Wir müssten uns nichts vorspielen, weder Gelehrigkeit noch Strenge.

Ich bin etwas unschlüssig und verunsichert. Bei den kommenden Maturaprüfungen sind nur ausgewählte Web-Ressourcen zugänglich. Das ist irgendwie seltsam, aber auch beruhigend: Weil die Möglichkeit entfällt, dass ich jemanden durchfallen lassen muss, weil sie versuchen, mit einem Plagiat eine bessere Note zu erhalten.

Drei Dimensionen digitalen Unterrichts

In einem Referat habe ich kürzlich definiert, was ich unter digitaler Didaktik verstehe:

Eine Umgebung schaffen, in der lernen mit digitalen Medien so möglich ist, dass Kompetenzen für eine Kultur der Digitalität erworben werden.

Das ist eine recht abstrakte Formulierung, die zudem an ein Verständnis vonStalders »Kultur der Digitalität« gebunden ist.

Weil viele Schulen eine Entwicklung vorantreiben, die darin besteht, Schülerinnen und Schüler im Unterricht vermehrt mit digitalen Geräten arbeiten zu lassen, stellt sich auf der Seite der Didaktik die Frage: Was machen denn Lehrpersonen in ihrem Unterricht konkret damit? Was müssen sie lernen, was zuerst umsetzen, wenn sie die digitale Transformation konstruktiv mitgestalten wollen?

(Zwei Randbemerkungen: Erstens glaube ich nicht mehr daran, dass Menschen, die diesen Wandel nicht gestalten wollen, irgendwie überzeugt werden können. Sie sollten in Ruhe gelassen werden, es ist produktiver, wenn sie etwas tun, was sie sinnvoll finden. Zweitens ist »digital« ein Adjektiv, das beliebig kritisiert werden kann. Ich benutze es, weil alle verstehen, was damit gemeint ist. Ich benutze also Alltagssprache, keine Fachsprache.)

Eine Konzeption digitalen Unterrichts ergibt sich aus drei Dimensionen:

  1. Der Unterricht ist räumlich nicht an ein Schulzimmer gebunden, sondern findet auch in digitalen Räumen statt. Lernende können sich so von örtlichen und zeitlichen Einschränkungen lösen und bleiben als Lerngruppe trotzdem verbunden.
    Wichtig ist, Präsenzlernen und individuelles Lernen zu verbinden. Lernen ist ein sozialer Prozess, der in der Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Lernenden vorankommt. Präsenz bleibt gerade heute extrem wichtig. Aber es gibt andere Lernformen, die daneben treten und mit digitalen Werkzeugen leicht ans Präsenzlernen gekoppelt werden können.
    Erste Aufgabe bei der Entwicklung digitalen Unterrichts ist also eine Antwort auf folgende Frage: Wie tauschen sich die Lernenden aus, wenn sie nicht am selben Ort sind?
  2. Fachinhalte oder Lerninhalte werden heute in digitaler Form produziert. Literatur, ein wesentlicher Lerngegenstand des Deutschunterrichts, liegt heute als E-Book, als digitales Hörbuch, als Computerspiel, als Online-Text, als Instagram-Posts und in vielen weiteren digitalen Formen vor. Zum Unterricht gehört, digitale Inhalte zu erschließen, sie aus mehreren Perspektiven zu betrachten und sie so verstehen zu lernen.
    Zweite Aufgabe: Welche digitalen Lerninhalte sind für diesen Unterricht wichtig und wie können sie zugänglich gemacht werden (didaktische Rekonstruktion).
  3. Lernen besteht darin, Lernprodukte zu erstellen. Nur wer etwas tun kann, ist kompetent. Aus dem Tun entsteht etwas. Dieses Entstehende kann heute auch eine digitale Form annehmen oder wird mit digitalen Formaten begleitet.
    Dritte Aufgabe: Wie können die Lernenden im Unterricht digitale Lernprodukte erstellen?

Wer nun vor der Frage steht, wie der eigene Unterricht »digitaler« werden kann, kann mit einer der drei Aufgaben beginnen. Unterricht muss sich nicht von heute auf morgen radikal ändern. Es reicht, sich vorzunehmen, im nächsten Semester mal Teams mit einer Klasse zu benutzen (1.). Oder mal eine gute Website im eigenen Fach kritisch zu analysieren und als Lerninhalt zu verstehen (2.). Oder die Lernenden mit Adobe Spark arbeiten lassen, statt sie einen Vortrag oder ein Poster gestalten zu lassen (3.)

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Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse

Eine Weile habe ich in Vorträgen und Publikationen immer wieder auf Verhinderungsdiskurse hingewiesen, mit denen verhindert wird, dass sich insbesondere die durch die Digitalisierung möglich gewordenen pädagogischen Neuerungen an Schulen durchsetzen.

Ein Beispiel dafür ist der Datenschutz und Urheberrecht, mit dem immer wieder Verunsicherung bei Lehrkräften geschaffen wurde, die erste Schritte mit digitalen Methoden machen wollten. Auch die langweilige Frage nach dem Mehrwert ist Teil einer Verhinderungsstrategie: Mit einem seltsamen Vergleich wird eine Art Beweislastumkehr vorgenommen, die dazu führt, dass neue Lernverfahren erst etwas beweisen mussten, was bereits benutzte nie beweisen könnten: Dass sie besser funktionieren als solche, die ganz anders funktionieren.

Mittlerweile nehme ich eine Verschiebung war. Werden intensive Debatten geführt, geht es nicht mehr darum, eine Transformation zu verhindern, sondern sie zu verzögern, Akteur*innen zu zermürben.

Auf Twitter hat Matz (?) vorgeschlagen, den Begriff der Teergrube dafür zu verwenden:

Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Spam-Bekämpfung, bei dem unerwünschte Netzwerkverbindungen verlangsamt und Verbindungspartner blockiert werden. Die Diskussion über WhatsApp an Schulen ist ein ideales Beispiel für eine Teergrube: Wer die Diskussion führt, ist nicht gegen Digitalisierung oder gar Chats, nur halt gegen WhatsApp als Tool. Dieser Widerstand führt nun bei allen, die Chats mit Lernenden führen, dazu, dass sie auf andere Werkzeuge ausweichen müssen, bei denen der Netzwerkeffekt weniger gut spielt. Die Verbindung wird verlangsamt, die innovativen Lehrkräfte werden mit Arbeit und einer Diskussion blockiert, die sie daran hindert, weitere Entwicklungsschritte umzusetzen. Wer sich für WhatsApp ausspricht, erscheint verantwortungslos, unbedarft, korrumpiert.

Es gibt viele weitere Beispiele aus dem schulischen (und auch aus dem nicht-schulischen) Bereich, die ich jetzt weglasse:

  1. Die Diskussion darüber, ob Schüler*innen auch Leistung erbringen sollten ist eine Teergrube für Projektunterricht.
  2. Die Diskussion darüber, ob es nicht auch guten Frontalunterricht geben könnte, eine Teergrube für schülerorientierte Schulentwicklung.
  3. Die Vorgaben und Diskussionen über Digitalisierungskonzepte aller Art sind Teergruben für ihre Umsetzung.
  4. Die naive Frage danach, was denn digitale Medien für neurologische Auswirkungen auf Gehirne hätten, die sich noch in der Entwicklung befinden, ist eine Teergrube für jede Art von Nutzung digitaler Medien im Unterricht.
  5. Die Forderung nach einem adäquaten Informatik-Support ist eine Teergrube für die professionelle Entwicklung von einigen Lehrkräften.

Ed Batista bezeichnet Teergruben als den Ort, wo Ideen zum Sterben hingehen…

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La Brea Tar Pit in Kalifornien

 

Anleitung: Amazon-Kindle-Bücher konvertieren und sichern

Diese Anleitung ist im Januar 2020 aktuell.

Kaufe ich digitale Bücher, so möchte ich sie gerne unabhängig von einer Plattform archivieren und Textauszüge daraus für wissenschaftliche Arbeiten und meinen Unterricht digital kopieren können. Kindle lässt beides nicht zu, weshalb Tricks nötig sind. (Ich benutze zunehmend PocketBook, wo sich aber teilweise ähnliche Probleme ergeben, besonders wenn E-Books mit Adobe Digital Editions unbrauchbar gemacht werden.)

Mit diesem Vorgehen halte ich mich meines Wissens (ich bin Laie) ans schweizerische Recht, nicht aber an die Nutzungsbedingungen von Amazon. Wenn mein Konto nun also gesperrt wird, wissen wir weshalb…

Ich konvertiere und archiviere E-Books mit Calibre. Das Tool ist unkompliziert und funktioniert stabil, ich kann es empfehlen. Früher war es möglich, alte Kindle-Software zu benutzen und Bücher direkt mit Calibre zu bearbeiten. Leider geht das nicht mehr so einfach, deshalb unten die Anleitung.

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Interface von Calibre.
  1. Bücher über Kindle kaufen.
  2. Buch im Cloudreader auf read.kindle.com »herunterladen und anheften«, vgl. Screenshot.
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  3. Epubor installieren und aufstarten. Im Fenster erscheinen alle Bücher, die im Cloudreader angeheftet sind.
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  4. Bücher können in ein anderes Format übertragen und dann mit Calibre verarbeitet werden.

Hier auch noch als Video:

Warum sich Tech-Journalismus von dystopischen Ängsten lösen muss – oder weshalb »Clearview AI« zum neuen »Cambridge Analytica« wird

In einem großen Artikel verkündet die New York Times nichts weniger als das Ende der Privatsphäre. Gemeint sind Gesichtserkennungsverfahren, die in den USA zunehmend von Behörden eingesetzt werde. Clearview AI bietet eine Dienstleistung an, welche Bilder aus dem Internet in entsprechende Datenbanken einspeist. Die resultierende Angst: Weil es von uns allen Bilder im Netz gibt, werden wir nie mehr unerkannt sein. Im Artikel werden Google-Glass-ähnliche Brillen beschrieben, welche es erlauben würden, auch im öffentlichen oder privaten Raum alle Menschen über die Datenbank identifizieren lassen.

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Was in dieser Argumentation passiert, ist problematisch: Eine Kritik an Praktiken von Behörden wird mit der Vorstellung verbunden, Technologie wirke wie Magie. Das ist ein Muster: Nach der Wahl Trumps verbreitete sich die Vorstellung, die Firma Cambridge Analytica habe der Wahlkampagne geholfen, über Facebook-Daten Persönlichkeitsprofile zu erstellen und Menschen dann gezielt zu manipulieren.

Der CA-Skandal hat zwei massive Probleme aufgedeckt:

  1. Facebook hat Daten an kommerzielle (politische, militärische) Projekte weitergegeben, ohne die Benutzer*innen zu informieren oder ihr Einverständnis einzuholen.
  2. Politische Werbung wurde in sogenannten Dark Ads auf eine intransparente, kaum nachvollziehbare Weise nur spezifischen Zielgruppen angezeigt.

Das sind die beiden entscheidenden Punkte. Die Vorstellung, CA könnte mit Persönlichkeitsprofilen gezielt Menschen manipulieren, ist hingegen stark übertrieben wenn nicht schlicht falsch.

Ganz ähnlich läuft die Diskussion zu Gesichtserkennung und Clearview AI. Wiederum gibt es zwei klare Probleme:

  1. Gesichtserkennung funktioniert nicht gut. Die aktuell verwendeten Systeme weisen hohe Fehlerquoten auf und diskriminieren beispielsweise PoC massiv (weil Fehler größer werden).
  2. Gesichtserkennung basiert auf Daten, über deren Erhebung Betroffene nicht informiert wurden; auch Consent wurde nicht eingeholt. (Das ist gerade das Problem von Clearview AI: Daten werden mit kommerziellen Absichten aus dem Internet gezogen, ohne dass Betroffene informiert werden oder das verhindern könnten.)

Man kann die Probleme gut mit Fingerabdrücken oder DNA-Proben vergleichen: Menschen, die in europäischen Rechtsstaaten leben, sollten wissen, wann Fingerabdrücke oder DNA-Proben von Behörden gespeichert werden (das ist Punkt 2.). Die Identifikation über Fingerabdrücke oder DNA-Proben ist nahezu fehlerfrei (das in Punkt 1.). Bei Gesichtserkennung sind beide Kriterien nicht gegeben: Ich kann also über ein System falsch identifiziert werden, indem Bilder verwendet werden, von deren Speicherung ich nichts weiß. Dabei entsteht ein drittes Problem: Behörden geben vor, aus Sicherheitsgründen Datenschutzregeln missachten zu dürfen. Das ist nicht korrekt: Solche Befugnisse müssen Behörden per Gesetz erhalten, in fast allen Fällen gibt es dabei keinen Grund, Betroffene nicht zu informieren.

Im kritischen Tech-Journalismus wird das Problem aber mit einem ganz anderen Frame-Dargestellt: Eine dystopische Science-Fiction-Angst gibt vor, die Systeme würden viel besser funktionieren, als sie es tatsächlich tun. Das Problem ist nicht, dass die Systeme so gut funktionieren, sondern dass sie gerade nicht gut funktionieren.

Mein Wunsch wäre, dass Verantwortliche Wege finden, konkrete Probleme zu benennen, ohne sie durch den Einbezug von großen Ängsten emotionalisieren zu müssen.

Wie zeitgemäße Bildung zu einer doppelten Auseinandersetzung geworden ist (und was das für »agile Didaktik« bedeutet)

Dejan Mihajlovic hat »zeitgemäße Bildung« wie folgt definiert:

Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie sucht in einem neuen Lehr- und Lernverständnis nach Antworten auf alle Fragen, die sich [aus der Transformation der Gesellschaft] ergeben.

Aus dieser Konzeption der zeitgemäßen Bildung lassen sich einige einfache Konsequenzen ableiten:

  1. Zeitgemäße Medien- und Wissensformen für Bildungsprozesse nutzen.
  2. Aktuelle Ereignisse und unterschiedliche Perspektiven darauf als Ausgangspunkt für Lehren und Lernen betrachten.
  3. Lernen als eine Auseinandersetzung mit Gesellschaft denken.

Wer sich in einem institutionellen Bildungsumfeld dafür einsetzt, stößt auf Widerstand. Dieser Widerstand hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, wie ich gleich zeigen werde (diese Einsicht geht auch auf Dejan Mihajlovic zurück).

Ein erster Widerstand für die Bewegung für zeitgemäße Bildung bilden diejenigen Personen, welche am bestehenden Bildungssystem festhalten und es bewahren wollen. Sie fragen nach einem »Mehrwert« der Veränderung, um sie so als absurd und unnötig erscheinen zulassen. Sie stellen vielfältige rechtliche Bedenken in den Raum und finden weitere Verhinderungsdiskurse, um durch eine permanente Zermürbung der Bewegung ihre Kraft zu nehmen. Mit der »Bleistift-Metapher« gesprochen handelt es sich um eine Auseinandersetzung zwischen der Spitze und den Scharfsinnigen gegen die Muffen und die Radierer.

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Der zweite Widerstand wächst aus einer Gruppe, die sich ebenfalls als Spitze und Scharfsinnige bezeichnen würde. Es sind digital innovative Lehrkräfte, die eine breite Palette von Tools in ihrem Unterricht nutzen. Sie tun das aus anderen Motiven: Sie werden dadurch effizienter in ihrer Lehre, können ihren Unterricht auf Daten abstützen und eine Art Pionierstatus beanspruchen, der sie auch für Kooperationen mit Digitalunternehmen (oder solchen, die das gerne wären) in eine günstige Position bringt.

Diese doppelte Auseinandersetzung habe ich in der folgenden Übersicht zu verdeutlichen versucht: Wer sich für zeitgemäße Bildung einsetzt, verfolgt die Idee einer persönlichen Bildung, in welcher Menschen (in ihrer gesellschaftlichen Rolle) im Mittelpunkt stehen, sie sind alleiniger Zweck der Bildung. Menschen sollen befähigt werden, Gesellschaft nach ihren mündigen Vorstellungen zu gestalten.

Dieses Ideal grenzt sich nach links von traditionellen Vorstellungen: Darin werden junge Menschen durch Schule geformt, erhalten in Fächern bestimmte Wissenskulturen beigebracht und Werte übergestülpt, die sie in einer bereits bestehenden Vorstellung zu mündigen Mitgliedern der Gesellschaft machen könnte.

Rechts fordert die personalisierte Bildung (gemeint ist damit der Anschein von Personalisierung durch Algorithmen), Menschen spielerisch so zu entwickeln, dass sie produktiv werden.

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Wir können das an einem Beispiel verdeutlichen: Traditionelle Bildung sieht »Fridays for Future« als problematisch an, weil Jugendliche Schulstoffe und Schulbildung verpassen. Persönliche Bildung begrüßt, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und politisch aktiv werden, dass sie ihren Vorstellungen entsprechend handeln. Personalisierte Bildung organisiert ein Crowdfunding, um im Olympia-Stadion einen Event mit Millionenbudget durchführen zu können.

Was passiert nun, wenn diese doppelte Auseinandersetzung Schulen und die Bildungspolitik erreicht? Es entsteht ein Kampf und die Deutungshoheit, um die Entscheidungskompetenz. Irgendwann erschöpft sich die Verzögerungstaktik der »traditionellen Bildung«, die verlangt, dass Geld erst dann für digitale Projekte ausgegeben werden kann, wenn alle Konzepte geschrieben, genehmigt, überarbeitet und noch einmal genehmigt sind. Dabei können immer wieder andere Bedenkenträger*innen fragen, ob man das vielleicht nicht auch lassen könnte, zumal in Südkorea die Kinder ja mittlerweile alle in Klinken lebten, weil sie so süchtig nach ihren Handy geworden seien.

Ist diese Diskussion ausgestanden, geht es darum, wie eine Veränderung letztlich gestaltet werden könnte. Die personalisierte Bildung hat schnell Vorschläge: Tolle Tools, neue Geräte, Plattformen und Gamification. Der Unterricht wird zum Computerspiel, eine Schule zum Startup. Jetzt müssen die Vertreterinnen und Vertreter der zeitgemäßen Bildung differenzieren: Was für pädagogische Vorstellungen stecken denn letztlich hinter dieser Toolifizierung? Sind das sinnvolle Lernprojekte oder sehen sie nur so aus? Sind Lehrvideos und Multiple-Choice-Tools wirklich innovativ?

An diesem Punkt sind wir angelangt. Nun ist eine doppelte Auseinandersetzung nötig. Differenzierung ist anstrengend, sie bremst und stellt zuerst die Frage, welche Ziele erreicht werden sollen, bevor irgendwas getan werden kann.

Als letztes Beispiel füge ich »agile Didaktik« an. Ich habe letzte Woche an der PH Freiburg eine Einführung in die agile Didaktik vorgestellt. Grundsätzlich geht es darum, Settings den Menschen anzupassen, die lernen. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, verschiedene Perspektiven einzubringen. Das geht nicht besonders gut, wenn Lernumgebungen starr geplant sind. »Agile Didaktik« ist der Gegenbegriff zu »Plandidaktik«.

Nun werden aber im Schulkontext alle möglichen Dinge als »agil« und »agile Didaktik« verkauft, auch wenn sie mit dieser Kernvorstellung nichts zu tun haben. »Personalisierte Bildung« ist so aufgestellt, dass sie Begrifflichkeiten leicht adaptieren kann, um den Anschein zu erwecken, etwas wirklich Neues zu tun – auch wenn es nur darum geht, überholte Vorstellungen im digitalen Gewand neu zu verkaufen.

Aus meinem Unterricht: Werther-Snarks

Dieser Beitrag ist in einer überarbeiteten Version im Juni 2020 im Schulblatt AG/SO erschienen. 

Eines der Bücher, die mich bei der Beschäftigung mit digitalen Medien im Deutschunterricht stark beeinflusst haben, ist Porombkas Schreiben unter Strom (Duden, 2012). In einem Kapitel stellt Porombka einen Zugang zur Werther-Lektüre vor. Er schreibt:

Der »Werther« führt zugleich noch etwas anderes, vielleicht ganz Aktuelles vor. Denn Goethe lässt seinen Helden nicht nur die produktive Kraft der neuen Briefkultur spüren. Er zeigt zugleich ihre unheimliche Destruktivität. Denn der empfindsame Fluss, den der Briefschreiber in Gang setzt, ist einer, der ihn fortreißen wird. Die Dramaturgie ist eine der gesteigerten Verinnerlichung. Brief für Brief entwickelt Goethe eine Geschichte, in der sich die Gefühlswelt des Schreibenden langsam, aber sicher aufheizt und schließlich so abschließt, dass sie von innen her unter Hochdruck gerät. Am Ende kennt das Ich kein Du mehr. Werther schreibt nur für sich allein, ohne noch auf die Antwort zu warten. Die letzte Antwort gibt er sich schließlich selbst: […] in der Form der Kugel. (S. 67)

Werther ist ein Text, der als Lektüreerfahrung immer noch gut funktioniert. Er enthält die Frage, wie die Geschichte in einem ständig zu aktualisierenden »Heute« erzählt werden müsste.

Im letzten Semester habe ich mit einer Klasse etwa Auszüge aus Franziska Walthers Graphic-Novel-Adaption »Werther Reloaded« von 2016 gelesen. Darin lebt Werther als Art Director in New York und benutzt Instagram für die Kommunikation.

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Begleitend zur Lektüre des Originaltexts und der Adaption haben die Schülerinnen und Schüler eine neue Form der Adaption ausprobiert. Die Grundidee dazu habe ich kürzlich in einem Aufsatz formuliert (er ist noch nicht erschienen):

Im Übertragungsprozess in alltagssprachlich vertraute mediale Praktiken müssen diese auf ihre Tragfähigkeit für literarische und tiefgründige Botschaften geprüft werden. Welche Emojis würde Goethe heute einsetzen, wenn er Werther schriebe? Die Frage klingt trivialer, als sie ist – sie bedingt beispielsweise eine Einschätzung des Verhältnisses des Romans zu zeitgenössischen Kommunikationsnormen und eine Reflexion der Kommunikationserwartungen der Leserinnen und Leser.

Meine Idee basiert auf dem Blogsnark-Reddit. Ein Snark-Text ist ein spöttischer Kommentar. Snarks werden aktuell zu Influencerinnen und Influencern geschrieben. Was sie auf ihren Blogs, auf Youtube oder Instagram veröffentlichen, wird so zusammengefasst, dass sich die Community darüber amüsieren kann. Entscheidend ist dabei, die scheinbar mächtigen und attraktiven Vorbilder etwas lächerlich zu machen.

Die Schülerinnen und Schüler (11. Klasse Gymnasium) haben jeweils einen Brief in einem Snark zusammengefasst. Damit war die Haltung vorgegeben, Werther nicht zu ernst zu nehmen, ihn als eine Rolle zu betrachten, die auch kritisiert werden kann. Mein Ziel war, so die Lernenden erfahren zu lassen, wie selbstbezogen Werther schreibt. Gleichzeitig musste sie aber erst einmal verstehen, was im Brief steht, sie haben intensiv mit Worterklärungen und Kommentaren in der Reclam-XL-Ausgabe gearbeitet.

In einem Arbeitsblatt habe ich die Anforderungen an die kurzen Texte (50 bis 100 Wörter) wie folgt beschreiben:

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Gesammelt haben wir die Snarks auf einem Padlet: