Erfahrungsbericht: Teams statt WhatsApp als Unterrichtschat

Seit diesem Schuljahr nutze ich Teams als Standard-Chat-App mit meinen Klassen. Davor habe ich WhatsApp verwendet. Im folgenden Beitrag reflektiere ich meine Erfahrungen und formuliere zum Schluss ein Konzept, wie sich Schulen auf E-Mail verzichten können. (Darin steht auch, weshalb sie das tun sollen.)

Unterrichtschat und Klassenchat

Ein Klassenchat ist eine Chatgruppe, die Klassen informell einführen und benutzen. Sie tun das so ab der 4. oder 5. Klasse fast flächendeckend – ohne systematische Begleitung von Eltern oder Schule. Das ist nicht ganz einfach oder unproblematisch.

Ein Unterrichtschat hingegen ist ein Chat, mit dem Unterricht begleitet wird. Für ihn sind Lehrende verantwortlich. Zentrale Funktionen sind:

    • Aufträge verbindlich festhalten
      Was im Unterricht vereinbart oder aufgetragen wird, wird im Netz noch einmal dokumentiert. 
    • Nachbereitung
      Oft muss nach dem Präsenzunterricht noch etwas nachgeschlagen oder geklärt werden. Dafür eignen sich Chats.
    • Dokumentation
      Lernprodukte werden über den Chat ausgetauscht. 
    • Fragen und Antworten
      Alle können fragen, alle antworten. 
    • Unterrichtsorganisation
      Organisatorisches wie Zimmerverschiebungen können in realtime über die Handy kommuniziert werden.

Selbstverständlich gibt es andere Wege, um diese kommunikativen Aufgaben zu lösen. Da es aber den Klassenchat gibt, weichen viele Klassen dahin aus: Sie lesen also die Mails nicht direkt, sondern lassen sich von anderen über den Klassenchat informieren. Sie fragen nicht die Lehrkraft, sondern sprechen sich per Chat ab. Kurz: Die Lehrenden werden ein Stück weit aus der Verantwortung und aus der Kommunikation genommen, Schülerinnen oder Schüler übernehmen ihre Funktion.

Im Idealfall kann mit Unterrichtschats eine Vorstellung von Lernen begleitet werden, bei der zwischen Phasen des Präsenzlernens Phasen des Netzlernen treten. Wenige Schulen sind heute so weit, d.h. sie beanspruchen die gesamte Arbeitszeit von Schülerinnen und Schülern mit Präsenzphasen. Bildschirmfoto 2019-06-09 um 08.40.59.png

Von WhatsApp zu Teams

Zu WhatsApp fand vor einem Jahr eine intensive juristische und emotionale Diskussion statt. Fazit: Es ist rechtlich wohl nicht unproblematisch, WhatsApp als Unterrichtschat zu verwenden (obwohl die Klassenchats weiterhin über WhatsApp laufen). Grund dafür sind primär die Mobilnummern, die so gesammelt an den Facebook-Konzern übergeben werden und ihm erlauben, die Beteiligten eindeutig zu identifizieren.

Auch emotional kann man davon ausgehen, dass es einzelne Eltern und Lernende stark stresst, wenn sie für die Schule WhatsApp verwenden müssen.

Das sind Gründe, um auf Teams umzusteigen: Je nach Setting. Ich arbeite an einem Gymnasium in Zürich, das einen Sharepoint mit Office365 zur Verfügung stellt. Darin sind die Daten der Klassen bereits erfasst, d.h. ich kann mit einem Klick ein Team für eine Klasse eröffnen.

Teams verwendet den Schulaccount – läuft also ohne Mobilnummer. Die Daten werden genau so geschützt, wie alle anderen Daten der Schule.

Teams bietet mehr Funktionen als WhatsApp. Drei Features sind für Schulen besonders attraktiv:

  1. Ablage von Dateien
    In Ordnern können alle Unterrichtsmaterialien verfügbar gemacht werden.
  2. Aufgaben
    Müssen Klassen digitale Dokumente abgeben, können sie das direkt in Teams machen. Die Lehrkraft sieht sofort, wer was wann abgegeben hat und kann auch direkt über Teams Feedback geben.
  3. Kursnotizbuch
    Wer mit OneNote ein Kursnotizbuch führt, kann das direkt in Teams einbinden. So kann eine Art fortlaufendes digitales Tafelbild oder ein Skript entstehen.

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Warum Teams WhatsApp nicht ersetzt

Ich habe Teams für alle Klassen eingeführt, nutze es für kleine Projekte auch mit Gruppen von Schülerinnen und Schülern und in einem Projekt auch mit anderen Lehrerinnen und Lehrern.

Das hat nicht funktioniert.

Lehrende wie Lernende sehen das als »mein« Tool, nicht als ihres. Sie sind nett und bemühen sich, auf meine Bedürfnisse einzugehen – aber sie werden dadurch nicht zu ihren. In ihrem Workflow ist Teams eine zusätzliche Aufgabe, eine zusätzliche Hürde. Sie müssen dort auch noch nachsehen, während sie WhatsApp automatisch nutzen. (Teams braucht auch mehr Daten und zusätzlichen Speicherplatz auf den Smartphones der Schülerinnen und Schüler.)

Das hängt auch mit dem Netzwerkeffekt zusammen: Zu wenige Lehrpersonen meiner Schule nutzen Teams. So steht Teams als sehr kleine Schwester von WhatsApp und E-Mail da – und man muss alle immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es die kleine Schwester auch noch gibt und man doch nett zu ihr sein soll.

Die engagierten Lehrenden und Lernenden tun das pflichtbewusst und lesen und schrieben auf Teams mit. Die technisch weniger versierten oder fauleren tun das nicht und bekommen all das nicht mit, was dort diskutiert wird – es sei denn, jemand überträgt es wieder in den WhatsApp-Klassen- oder -Lehrer*innen-Chat.

Diese Effekte passieren – so denke ich – mit jeder WhatsApp- oder E-Mail-Alternative, wenn es nicht eine systematische Einführung gibt.

Nachhaltige Einführung von Teams

Damit Schulen von E-Mail und WhatsApp loskommen, brauchen sie gemäß unten stehender Darstellung eine Vision, Fertigkeiten, Anreize, Ressourcen sowie einen konkreten Plan.

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Ich werde nur auf Vision und Plan kurz eingehen – der Rest ergibt sich wohl daraus.

Die richtige Vision ist ein komplexe Problem, weil die Probleme von WhatsApp und E-Mail sehr unterschiedlich sind. WhatsApp ist ein gutes Tool, bringt aber sehr abstrakte Datenschutzprobleme mit sich. Um auf WhatsApp konsequent zu verzichten, braucht es ein hohes Maß an Idealismus. WhatsApp ist in dieser Hinsicht wie günstige Flugreisen.

Das Problem an E-Mails ist die Produktivität und mangelnde Kollaboration. Diese Vision lässt sich wohl in Teams von Lehrkräften besser entwickeln und erhält so eine gewisse Strahlkraft.

Der Plan müsste sich also daran orientieren. Interne Kommunikation zwischen Schulleitung und Lehrkräften müsste konsequent über Teams erfolgen. »Was wichtig ist, erfahre ich über Teams« – wenn sich diese Haltung einstellt, fällt es Lehrpersonen leichter, sie auch auf die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern zu übertragen. Momentan steht Wichtiges in E-Mails.

Ist die interne Kommunikation umgestellt, kann das auch mit der Unterrichtskommunikation geschehen – und zwar so, dass das für die Schülerinnen und Schüler mit einer erkennbaren Strategie geschieht. Im Moment nehmen sie wahr, dass ein paar digital progressive Lehrkräfte was ausprobieren, viele Lehrkräfte nicht digital kommunizieren wollen und wenige Lehrkräfte Mails oder WhatsApp nutzen. Daraus ergibt sich keine Verbindlichkeit. Das führt dazu, dass alle Jugendliche das nutzen, was für sie sozial oder offiziell bedeutsam ist: Also WhatsApp und E-Mail.

Persönliches Fazit

Mit den bisherigen Klassen wurstle ich etwas weiter. Sollte ich demnächst eine Klasse als Klassenlehrer (Vertrauenslehrer) übernehmen, werde ich Teams systematisch einführen und auch die anderen Lehrerinnen und Lehrer der Klasse bitten, das zu tun.

In Projekten mit anderen Lehrpersonen werde ich immer wieder versuchen, mit Teams zu arbeiten. Die Arbeit verläuft tatsächlich sehr produktiv, nur sind halt nicht ganz alle daran beteiligt (aber das liegt vielleicht auch am Willen der Beteiligten).

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

14 Kommentare zu „Erfahrungsbericht: Teams statt WhatsApp als Unterrichtschat

  1. Teams ist doch weit mehr als eine Kommunkationsplattform. Wenn schon ein Vergleich, dann ist es der riesengrosse Bruder von WhatsApp. Dein einfach viel weniger kennen. Mit Teams habe ich ein ganzes virteulles Klassenzimmer dabei mit Dateiablage, Aufgabenverteilung und -Einsammeln usw. All das ist mit WA nicht möglich, mit WA kann man eigentlich nur chatten und telefonieren, noch Anhänge versenden. Wie schon oben gesagt ist es nur der Gewöhnungseffekt. Und wir alle sind träge und lernen nicht gerne um. Wer Teams als Lehrer kennt, möchte nie mehr darauf verzichten!

  2. Die wichtigsten Gründe für den Umstieg auf Teams:
    – Mindestalter bei WhatsApp: 13 oder 16 (je nach Rechtsauslegung)
    – Speicherort Daten: WhatsApp: USA, MIcrosoft: EU
    – Recht/Gerichtsstand: Bei Teams innerhalb Educa.ch Vertrag: Schweizer Recht mit Gerichtsstand in Bern……

  3. Die Tatsache, das Schulen träge sind bezüglich Veränderungen, kann ich nur unterstreichen. Vielleicht hängt dies mit dem verinnerlichten Richtig-Falsch-Denken in der Schule zusammen und dadurch mit der Angst, Fehler zu machen. Schulen, wie übrigens immer auch noch viele Firmen, haben den Eindruck, dass für jeden Change zuerst ein Action Plan erstellt werden muss, bevor man sich erfolgreich verändern kann (vgl. Tabelle im Artikel). Heute beginnen sich aber neue Vorstellungen von Veränderungen durchzusetzen. Das Buzzword heisst Agilität. Das interessante dabei: Wir Lehrpersonen sind hier für einmal die Fachpersonen. Das Grundprinzip lautet nämlich ganz einfach: Lernen. Und zwar nicht auswendig lernen, sondern lernen in schnellen Lernzyklen, so wie wir das als Kinder gemacht haben. Oder in der Kurzformel: Build – Test – Learn. Also eine Idee entwickeln, Ausprobieren, daraus Lernen, Weiterentwickeln … Nach Möglichkeit sollte das Lernen nicht individuell passieren, sondern in einem Kollektiv bzw. Kollegium. Und wenn die Schulleitung die selben Lern-Werkzeuge auch nutzt (wie z.B. Teams oder OneNote), so gelingt der Change noch viel rascher. Wer sich für moderne Formen von Organisationen interessiert, schaue sich das Video von Frederic Laloux an (https://youtu.be/CzD2gpd_txc). Er ist der Autor des Bestsellers ‚Reinventing Organizations – Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit‘. Das Video zeigt eine packende und witzige Zusammenfassung des Buches. Wenn man es zu ende denkt, versteht man, was digitale Transformation neben Technik auch noch bedeuten könnte 🙂

  4. Es wurde hier schon ein paar Mal angesprochen aber irgendwie noch nicht richtig darauf eingegangen: Wo genau siehst du hier den Vorteil beim Datenschutz? Der Wechsel von einer Kommunikationslösung zu einer anderen kann ja eigentlich nur mit diesem Argument von statten gehen. Natürlich auch mehr Funktionen, mehr Übersicht, aber das Hauptargument, um die Menschen zu überzeugen, wird wohl der Datenschutz sein.

    Threema wurde als Alternative zu WhatsApp ja schon angesprochen. Ich glaube, der Wechsel dorthin scheitert, weil die App beim Einstieg Geld kostet. Das ist eine Hürde, die so schnell nicht genommen wird, wenn es kostenlose Alternativen wie WhatsApp gibt.

    Wären wir tatsächlich bei der Frage noch OpenSource Lösungen, die von der Schule/ dem Unternehmen selbst gehostet werden, gibt es da etwas? Dann würde nämlich wieder das Argument mit dem stärkeren Datenschutz greifen und es würde die finanzielle Hürde für den Umstieg wegfallen.

  5. Spannend zu lesen!
    Ich stimme jedoch Ema zu, von WhatsApp zu Microsoft ist jetzt noch nicht so richtig cool, aber ich finde den Zwischenschritt gut und wichtig.
    Wie schaut’s denn mit Learning Management Systemen aus (LMS)?

  6. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich kann die Einschätzung quasi 1:1 mit dem geschäftlichen Umfeld vergleichen und nehme dies gleich wahr. Mit Teams und One Note konnten wir deutlich an Effizienz gewinnen. Whatsapp bleibt dennoch der Schlüsselchat für Klatsch und Trasch und vor allem in heiklen Situationen, weil jeder sich intuitiv darauf verlässt, dass Whatsapp gelesen wird. Die Frage meinerseits: Warum setzt sich Threema als sichere Alternative bei der jüngeren Generation nicht durch?

    1. Ich denke, Hauptgrund ist der Netzwerkeffekt. Jugendliche haben WhatsApp oft schon im Kindergarten auf den Handy ihrer Eltern kennengelernt. Es ist der Standard – sie müssen nichts erklären dazu… 

  7. Danke für deine Einschätzung. Im Kern teile ich deine Ansicht, dass es wohl nur über eine Vorgabe „von oben“ gehen kann, welche Plattform man verwendet und selbst dann ist es ein langwieriger Prozess, bis sich alle damit arrangiert haben. In einem Unternehmen würde aber auch keiner auf die Idee kommen, weiterhin Whatsapp für interne Kommunikation zu verwenden, wenn es verboten ist bzw. eine andere Plattform vorgegeben ist.

    In einem Punkt muss ich aber widersprechen: Du kommst mit deiner Wahl von Teams anstatt von Whatsapp vom Regen in die Traufe, da du von einer geschlossenen Plattform zur nächsten wanderst, wo ich die Kontrolle über meine Daten abgebe und mich in eine Abhängigkeit begebe. Damit hast du auch imho kein wirkliches Argument gegenüber Whatsapp außer dem gesteigerten Funktionsumfang. Es existiert z.B. kein offizieller Client für Linux, da wäre ich als Kollege schon raus. Hier wäre imho die Orientierung zu offen entwickelten Plattformen sinnvoller, z.B. Nextcloud mit Rocketchat-Integration.

    just my 2 cent

  8. Lieber Philipp
    Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht. Ich erlebe es auf der Primar- und Oberstufe genau gleich. Deshalb mein Vorsatz: Let’s go on!

  9. Lieber Philipp
    Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht. Ich erlebe es auf der Primar- und Oberstufe genau gleich. Deshalb mein Vorsatz: Let’s go on!

  10. Lieber Philippe Wampfler

    Ihre Haltung bezüglich der unterrichtsbezogenen Kommunikationsformen in den Klassen und Ihre Wahl des Teams-Chats finde ich sehr fortschrittlich und vorbildlich. 👍🏻 Ihre Argumente für die Office365-Lösung stütze ich absolut und ziehe die „kleine Schwester“ ebenfalls in jeglicher Hinsicht dem „grossen Bruder“ (WhatsApp) vor, der getreu seiner Funktion „Big Brother is watching you“ sensible persönliche Daten sammelt und somit Problematiken zu Datenschutzthemen schürt.
    Als weiteres wichtiges Argument für die Nutzung der Teams-Chats ist, dass die SuS so optimal auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, denn so werden sie später auch in den meisten Berufen arbeiten.

  11. Vielen Dank Philippe für deinen Bericht. Ich denke auch, dass es wichtig ist, sich auf einer Plattform zu bewegen, um sowohl SuS und LP den (meist) Einstieg in den digitalen Workflow zu erleichtern. Dass Teams Whatsapp oder Snapchat gänzlich ersetzt wird, kann ich mir momentan nicht vorstellen, da sie zu verbreitet sind und die User mit der Zeit gelernt haben, damit umzugehen. (Teilweise mit grossem zeitlichen Aufwand und vor allem auch sozialem Druck)

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