Das #twitterlehrerzimmer ist eine Metapher für die Community, die auf Twitter über digitale Bildung diskutiert. Letzte Woche war die Stimmung dort mies: Grund waren harte, konfrontative Diskussionen, bei denen die Befindlichkeit der anderen Diskussionsteilnehmer (Frauen waren meines Wissens nicht darunter) zurückgestellt wurde. Resultat war, dass Bob Blume und Heiko Schneider ihre Profile bei Twitter abmeldeten. Wie sich bei Bob nachlesen lässt, war ich an den Diskussionen beteiligt und möchte hier ein paar Bemerkungen dazu formulieren.
Die Eskalation sei ähnlich wie die rund um den #edchatde vor rund einem Jahr, war eine geäußerte Meinung. Damals schrieb ich im Freitag:
Nach dem Scheitern des Edchatde werden andere versuchen, die Versprechen der digitalen Bildung einzulösen. Wie können sie die Mechanismen digitaler Inszenierung überwinden? Wie wird kritisches, reflexives Denken neben Glitzer-Apps und Buzzwords sichtbar gemacht und verbreitet? Drei Bedingungen müssten dazu erfüllt sein: Erstens muss digitale Bildung immer vom eigenen Lernen ausgehen. Das Netz ist ein Medium, um im Austausch mit anderen Lernenden Probleme zu beschreiben und dazu zu recherchieren. Daraus leitet sich, zweitens, die Forderung nach diversen und offenen Lernumgebungen ab: Erst wenn Perspektiven sich reiben und Lernergebnisse weiterverarbeitbar sind, entsteht ein Prozess, der über maschinelle Konditionierung hinausgeht. Drittens bestimmen Lernende selbst über ihre Lernprozesse. Autonomie befreit sie genauso von der Abhängigkeit von autoritären Lehrenden wie von Initiativen der Bildungswirtschaft, für die sich digitale Ideale auf Marketing reduzieren. Sind diese Bedingungen erfüllt, verlieren Egos, Markt und Sicherheitsreflexe ihren Einfluss auf digitale Bildungsprojekte.
Lese ich heute die Passage, dann fällt mir eine Art Widerspruch auf: Einerseits die Hoffnung, »Egos« und »Inszenierung« würden eine geringere Rolle spielen, andererseits die Einsicht, dass »Reibung« und »Autonomie« entscheidende Aspekte sind. Dieser Widerspruch wird für mich zu einer Art Kippbild, wenn ich auf die Diskussionen von letzter Woche blicke: Sie erscheinen in einer Perspektive als eine harte kritische Auseinandersetzung. Diese ist lehrreich für alle Beteiligten, setzt Energien frei, legt den Fokus auf Themen, die vertieft werden können – und ist für alle Beteiligten freiwillig. Wer den Ton oder das Thema nicht mag, kann sich zurückziehen, einen Filter setzen.
Aus der anderen Perspektive sind Menschen an diesen Diskussionen beteiligt, die halt ihre Egos nicht einfach weglegen, wenn sie Twitter aufrufen. Sie tun das auch, weil sie dort Wertschätzung und Vertrauen erfahren, weil sie an ihren Schulen Pioniere sind und deshalb den Rückhalt in einer Community suchen, von der sie keine Kritik erwarten, sondern kollegiale Gespräche. Kein: »Du machst das falsch«, sondern ein: »Ah, interessant, ich mache das anders, nämlich so.«

Wäre das #twitterlehrerzimmer ein Team, es befände sich in Tuckmans Modell in der Storming-Phase: Die Pioniere haben sich in einer ersten Phase auf Twitter eingefunden, sind aber nicht mehr unter sich. Sie haben ein Publikum gefunden und auch Teams gebildet, zwischen denen sich Gräben befinden. Inszenierungen und Erwartungen haben zu Rollenvorgaben geführt.
Findet nun eine kritische Diskussion zwischen mir und Bob statt, dann passiert also ungefähr Folgendes:
- Kommunikation mit allen Facetten:
Was A meint, versteht B nicht – und umgekehrt. Es geht gleichzeitig um die Sache und um die Beziehung. Wertungen und Emotionen werden oft nicht ausgedrückt, sondern mitgemeint – oder auch nicht. Oft resultiert aus dieser Einsicht die Forderung, man solle doch mal miteinander telefonieren oder einen Tee trinken: In der aus meiner Sicht irrigen Annahme, Face-to-Face-Kommunikation sei irgendwie einfacher und weniger problematisch. - Ein Machtkampf zwischen den Teams:
Eine Kontroverse wird oft aufgeladen, gerade weil viele stumm mitlesen und sich nicht einbringen (oder erst, wenn es aus ihrer Sicht zu spät ist). Sie interpretieren die Auseinandersetzung auch als einen Machtkampf zwischen den verschiedenen Gruppen. »Die lustvollen Praktiker«, um mal eine Schublade zu beschriften, identifizieren sich mit Bob, der sich in mir mit einem Vertreter der »elitären Besserwisser« duelliert. Diese Gruppendynamik setzt oft hinter den Kulissen viele Energien frei. - Eine Diskussion über die Sache:
Fast nebenbei sind Bob und ich uns einig geworden:
a) dass wir etwas lang brauchten, um einen Konsens darüber zu finden, dass digitale Medien auf Jugendliche eine Sogwirkung ausüben und man sich konkrete Gedanken machen soll, wie sie dabei begleitet werden sollen
b) dass Nonmentions auf Twitter wie in Blogs dazu führen können, dass sich Menschen angegriffen fühlen, die nicht gemeint sind
c) dass aber die explizite Nennung von Personen bei kritischen Äußerungen auch nicht ohne Schwierigkeiten ist (aha!).
Bleibt mein persönliches Fazit:
Ich bleibe kritisch und folge meinen Standards. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich ein Mensch bin, der zwar auf Twitter sehr sachlich auftritt, aber gleichwohl Emotionen hat und verursacht. Meine Lösung ist, bei kritischen Diskussionen mal nachzufragen, ob wir weitermachen sollen oder nicht. Ich habe im letzten Jahren bei mehreren Personen, die meine Kritik kleinlich oder unsachlich fanden, einen Filter gesetzt: Ich reagiere in der Regel nicht mehr auf ihre Beiträge. Das ist für mich eine gangbare Lösung.
Das Kippbild bleibt: Reibung und Menschlichkeit sind nötig, damit eine so informelle Gemeinschaft wie das #twitterlehrerzimmer produktiv arbeiten kann. Eskalationen wie diese zeigen, dass die Balance in einer Phase nicht vorhanden war. Wäre schön, wir könnten justieren und weitermachen.










