»Die digitale Gesellschaft und ihre Medien« – Rückblick auf ein neues Fach

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Vor knapp zwei Jahren habe ich an dieser Stelle über den Start eines neuen Fachs berichtet. »Die digitale Gesellschaft und ihre Medien« (DGM) habe ich in Zusammenarbeit mit Gerald Knöß konzipiert und eingeführt. Es handelt sich dabei um ein Wahlpflichtfach mit drei Lektionen pro Woche während dem 10. und 11. Schuljahr am Gymnasium. Das Fach ist promotionsrelevant.

Auf dem Bild sieht man den Abschlussanlass des ersten Kurses. Ein zweiter ist schon angelaufen – nach den Sommerferien startet ein dritter, der bereits doppelt geführt werden kann. Weil ich die Schule wechsle, werde ich da leider nicht mehr dabei sein. Deshalb ist das der richtige Zeitpunkt, um ein paar Learnings festzuhalten, die sich für mich im Rückblick ergeben.

(1) »stay woke«
Lehr- und Stoffpläne im digitalen Zeitalter

Setzt man sich mit der Digitalisierung der Gesellschaft und der Medien auseinander, interagiert man mit einer Gegenwart, die sich laufend entwickelt. Es gibt keinen Stoff, der zu bearbeiten wäre, oder feste Kompetenzen abgesehen von der Fähigkeit, Entwicklungen mitgestalten und reflektieren zu können. Die Themen fliegen dem Kurs zu, sie ergeben sich aus Gesprächen, aus Medienberichten, Vorfällen, der Tagesaktualität. Mit einer Gruppe von Jugendlichen Orientierung im medialen und gesellschaftlichen Alltag suchen – das kann man als Inhalt es Kurses verstehen. Selbstverständlich ist dabei, dass die Lehrkräften nicht Wissenshäppchen abgeben und abfragen, sondern dass sie selbst oft auch in einer Auseinandersetzung stecken, die sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern weiterführen.

Diese Offenheit erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Konzentration. Sie ist weder Beliebigkeit noch Unverbindlichkeit – auch wenn uninformierte Außenstehende diesen Eindruck durchaus erhalten können. Eine exemplarische Auseinandersetzung mit digitalen Themen, denen man auf den Grund geht, führt zu einem Aufbau von Kompetenzen, die sich in andere Kontexte übertragen lassen. Das ist entscheidend, wenn es darum geht, Jugendliche auf das Leben und die Arbeit im permanenten Wandel vorzubereiten.

(2) »etwas mit Medien machen«
Die Anstrengungen permanenter Projektarbeit

»Mach mal!« – diese Aufforderung bringt das Fach gut auf den Punkt. Wer was wie verstanden hat, zeigt sich in dem, was eine Person produziert. Im Idealfall ist DGM ein Fach, in dem die Lernenden ständig kommunizieren, Projekte durchführen, ihr Portfolio führen, mit Fachleuten sprechen… Das ist anstrengend – für sie, aber auch für die Lehrpersonen, die sie begleiten. Sie müssen informiert sein, im richtigen Moment Unterstützung anbieten, nachfragen, loben, organisieren, sich zurückziehen. Doch auch der Schulalltag ist dafür nicht geschaffen: Eine strenge Woche mit vielen Prüfungen in anderen Fächern führt teilweise dazu, dass DGM ein Rückzugsraum ist, bei man sich hinter dem Laptop etwas regeneriert oder aus dem Bauch raus eine Diskussion führt, die mit etwas mehr Konzentration konstruktiver wäre. Vielleicht wäre es hilfreich, ein Buch auszuwählen, in dem die lesen, die sich etwas ausklinken könnten, oder eine Selbstlerneinheit zu entwickeln, in der Begriffe geübt oder Rätsel gelöst werden können.

Aber permanente Projektarbeit bedeutet auch, dass Gespräche außerhalb des Unterrichts weiterlaufen. In Chats, Kommentaren, Social-Media-Tools findet eine Auseinandersetzung statt, die nicht endet, wenn Lernende das Schulzimmer verlassen. Auch das kann eine Belastung sein, auch wenn es sich meist wie eine Bereicherung anfühlt.

(3) »open the gate!«
Transparenter Unterricht

Der Unterricht wurde auf offenen Webseiten vorbereitet, begleitet, dokumentiert – und auch die Schülerinnen und Schüler haben ihre Portfolios offen geführt (Kurs 1, Kurs 2). Während zweier Semester hat die Klasse den öffentlichen Youtube-Kanal der Schule geführt. Wir hatten im Kurs viel Besuch, von interessierten Schülerinnen und Schülern, von Fachleuten, die wir eingeladen haben, von Journalistinnen und Journalisten, die ein Projekt durchgeführt haben.

Diese Offenheit wird schnell zur Gewohnheit. Snaps aus dem Unterricht, Blogposts, WhatsApp-Gruppen: »Information wants to be free«. Auch hier ist wieder nicht Sorglosigkeit, sondern bewusste, sorgfältige Kommunikation zu beobachten, wenn die nötige Konzentration vorhanden ist.

Doch herkömmlicher Unterricht spielt sich hinter verschlossenen Türen ab. Warum es für ein Fach die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen halb-fertig und perfekt oder zwischen Schüler*innenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit nicht mehr geben sollte, lässt sich nicht beantworten, wenn die Kultur nicht erfahren wird. Doch hier zeigt sich die Grenzen der Offenheit: Die Menschen, die dem Fach kritisch begegnen, waren nie zu Besuch.

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Auszug aus einem Artikel über Privatsphäre mit Portrait von zwei Schülerinnen und einem Schüler

(4) »potatoes gonna potate«
Schule wandelt sich nicht von selbst

Und so komme ich zur nächsten Einsicht: DGM ist Schulentwicklung. In einem isolierten Gefäß, gemäß den Vorstellungen von wenigen Personen, experimentell oder perpetual beta. Und doch: Der Wandel erzeugt Reibung, er fordert andere heraus. Das muss man aushalten, weil der Widerstand oft eigensinnige Wege sucht und findet.

(5) »meme team«
gemeinsam unterrichten >

Flexibilität, neue Unterrichtsformen, Schulentwicklung, neue Medien, permanente Diskussionen – das geht gut, wenn man einen Partner hat, auf den man sich inhaltlich wie emotional verlassen kann. Der einen spiegelt, kritisiert, unterstützt, ermahnt – und von einem selbst dasselbe einfordert.

Ohne die Zusammenarbeit mit Gerald Knöß wäre DGM nie so angelaufen, wie das in den letzten zwei Jahren möglich war. Die Intensität ist und war hoch, auch die Selbstreflexion und das Wohlbefinden. Das Fach war ein Raum, in dem sich alle Beteiligten aufgehoben fühlen können. Damit ist auch gesagt, dass auch die Schülerinnen und Schüler oft als Partnerinnen und Partner auftragen – nicht nur bei Events, auf die wir sie mitgenommen haben.

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Fokus Ethik: Sonja Hasler mit Sina, Steffi und Deyna. 

* * *

Nun übernimmt Julia Nauer für mich. Das Fach steht und wird sich doch wandeln, weil es eben nicht fest, sondern flexibel ist. Ich freue mich, mitzulesen, was passiert und aus kleiner Distanz wahrzunehmen, wie es sich entwickelt. Aber leicht fällt mir der Abschied nicht. DGM fühlt sich an, als wäre es der Unterricht der Zukunft.

The Author

philippe-wampfler.ch

1 Kommentar

  1. Nichts schätze ich an diesem Fach so sehr wie die absolute Offen- resp. Oeffentlichkeit. Herzlichen Dank dafür.

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