Social Media als Tod des Blick- und Körperkontakts

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Risiken

Social Media, so habe ich kürzlich auf einer Party gehört, bedeute das Ende des Blickkontakts. Anstatt Menschen in der Straßenbahn anzuschauen, fixierten heute Erwachsene nur noch ihre Smartphones. Dadurch verändere sich auch ihre Körperhaltung, sie seien nur noch gebückt anzutreffen.

Der Befund geht weiter – in ihrem Buch »Der unberührte Mensch« zeigen der Arzt Cem Ekmekcioglu und die Journalistin Anita Ericson nicht nur, dass Körperkontakt wichtig ist und sein Fehlen mit einer Reihe von physischen und psychischen Beschwerden und Krankheiten assoziiert werden kann, sondern mutmassen auch, dass er heute deshalb zu wenig häufig stattfinde, weil er durch »virtuelle Berührungen« ersetzt werde:

derStandard.at: Durch Social Media bekommen wir mehr denn je Einblick in das Leben von Personen, die wir zum Teil gar nicht so gut kennen. Sind Berührungsängste dadurch kleiner geworden?
Cem Ekmekcioglu: Das ist eine wesentliche Frage, die schwierig zu beantworten ist. Aber die virtuelle Berührung kann man nicht gleichsetzen mit tatsächlicher Berührung, mit persönlichen Treffen. Ich tendiere eher dazu zu sagen, dass echte Berührungen dadurch weniger werden.

Was ist von diesen Zusammenhängen und Befürchtungen zu halten? Ein guter Test für kulturpessimistische und technologiekritische Aussagen ist es, andere kulturelle Praktiken oder andere Formen von Technologie zu substituieren. Hat die Benutzung des Telefons zu weniger Körperkontakt geführt? Haben Menschen, die im öffentlichen Verkehr Bücher lesen, auch weniger Blickkontakt? Hat Fernsehen zu einer veränderten Körperhaltung geführt?

Die Antworten zeigen wohl folgende Aspekte auf:

  1. Technologie hat einen Einfluss auf den menschlichen Körper und das soziale Zusammenleben.
  2. Weder Blickkontakt noch eine bestimmte Haltung sind »natürlich«, sondern sie erweisen sich in bestimmten kulturellen und sozialen Konstellationen als sinnvoll. Körperkontakt kann als wohltuend erlebt werden, aber auch als Übergriff. Ihn als unersetzbar zu bezeichnen, leugnet die Möglichkeiten menschlicher Entwicklung. 
  3. Wandel führt zu einer Veränderung, die nicht lokal und kurzfristig gewertet werden kann.
  4. Smartphones bedeuten keine Revolution: Seit ich lesen kann, lese ich beim Warten, beim Gehen, beim transportiert Werden. Und ich bin nicht der einzige.
  5. Technologie bringt in der Reflexion immer auch eine bestimmte Nostalgie mit sich: Wir alle wünschen uns intensiven Blickkontakt mit interessanten Menschen oder Körperkontakt in der richtigen Situation mit den richtigen Personen. Die Denkfigur, ohne unsere Smartphones hätten wir all das, ist verführerisch – aber sie ist falsch. Auch vor zehn Jahren hätten wir über mangelnden Blick- und Körperkontakt geklagt.

 

The Author

philippe-wampfler.ch

8 Comments

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  2. Saskia Demir says

    Klar, im ÖV hat keiner Lust auf Blick- und Körperkontakt… Was mich aber nachdenklich stimmt: wenn SchülerInnen in der Pause sich hinter dem Smartphone verschanzen, um nicht mit den anderen in Kontakt treten zu müssen… Das sind vielleicht Leute, die sowieso schon eher Mühe haben mit Anschluss und so eine – für alle – bequeme Möglichkeit haben, dem ‚Problem‘ aus dem Weg zu gehen. So aber verstärkt sich die Isolation – im anderen Fall gäbe man einer Annäherung eine Chance… Ich sehe allgemein schon eine Tendenz in gewissen Gruppenkonstellationen Begegnungen und Konfrontationen via Smartphone sehr einfach aus dem Weg gehen zu können, statt sie zu wagen – was aber eigentlich sehr befruchtend sein könnte…

  3. Ich bin durchaus nicht kulturkritisch. Aber es gibt doch einzelne Ergänzungen, die aus meiner Sicht hier wichtig sind. Eine zentrale ist z.B. die: Das uns auf Schritt und Tritt begleitende Smartphone ermöglicht uns, unsern eigenen Freundeskreis überallhin mitzunehmen. Da wäre meine These ganz klar, dass damit viele Chancen für zufällige Begegnungen nicht wahrgenommen werden. Prof. Geser (Uni ZH) sagte einmal „Es wundert mich schon: Da behaupten alle, das wichtigste an Kongressen sei es, neue Leute kennenzulernen – und kaum ist Pause, rennen sie alle in den Korridor und telefonieren mit denen, die sie schon immer kannten…“ So ganz von der Hand zu weisen ist das wohl nicht…Natürlich: Nicht jede Begegnung mit Unbekannten ist eine Perle – aber ohne dass wir uns darauf einlassen, werden wir die Perle nicht finden…
    Zweitens: Eine zentrale Unterscheidung ist sicher auch: Liegt bloss die Aufmerksamkeit bei einem Buch, einer Zeitung, dem Smartphone … oder besteht eine effektive Kommunikationshürde. Wenn jemand z.B. mit Kopfhörer Musik hört, telefoniert oder Videos schaut, ist das eine reale Barriere und verhindert Kontakte, geht also sicher weiter.
    Klar: Man kann Kontakte wollen oder nicht. Ich persönlich schätze es sehr, neue Menschen kennen zu lernen, mit bisher unbekannten spannende Gespräche führen zu können. Das ist auch das, was viele Schweizer/-innen oft begeistert über andere Länder erzählen. Und ich würde es begrüssen, wenn bei uns mehr Menschen diese Offenheit zeigen würden. – Ich bin aber durchaus einverstanden: Das Medium ist vermutlich nicht die Ursache. Aber das Medium (ob Buch, Zeitung, Smartphone oder so spielt keine Rolle) macht es möglich, sich nicht auf andere, zufällige Begegnungen einlassen zu müssen.

  4. uli says

    In manchen Gegenden hält man es nicht einmal aus, den Blick aufrecht in die Masse zu halten. Da senke ich meinen Blick auch lieber – sei es auch in ein Buch, welches ich dem Telefon vorziehe) 🙂

  5. Ich bin noch unentschieden, ob ich nur normal finden soll, was Du optimistisch bloß als weitere Entwicklung im menschlichen Mit- resp. Nebeneinander im Alltag beschreibst, oder ob ich den kulturpessimistischen Regungen teilweise nachgeben soll. Die Einführung tragbarer Endgeräte in unseren Alltag unterstützt jedenfalls unsere hiesige Tendenz, Blicken und Begegnungen auszuweichen, deshalb kann man ein graduell zunehmendes Sich-Entziehen kaum leugnen, auch wenn ich Dir recht gebe, dass auch unsere Kultur nie eine kontaktfreudige, sondern eher eine verklemmte und fremdelnde war. Es birgt mehr Ausschließendes und Ablehnendes, wenn ich jemandem gegenübersitze und mich in die Kommunikation mit Abwesenden vertiefe, wobei es auch hier auf den Habitus ankommt, was genau ich dem Gegenüber kommuniziere. Insofern ist die Problematik komplexer – und unsere Verhaltens- oder Abgrenzungsstrategien stehen und fallen tatsächlich nicht mit dem Stand unserer technologischen Entwicklung.

  6. Privat haben wir eine Menge Rituale entwickelt, die dieses Horrorszenario verhindern. Wie so oft im Leben, kommt es bei der Frage nach den Ursachen für Nebenfolgen von Social Media Nutzung im öffentlichen Raum auf die Situationen und den Ort an.. In der Großstadt z.B. ist es seit 1900 normal den Menschen in der U- Bahn veruchen zu ignorieren. Während früher als die Leute in Bücher und in die Zeitung gestarrt haben um die höfliche Ignoranz zu pflegen und sich damit sich und anderen nicht auf den Wecker zu gehen, starrt man haslt heute auf smart phones. Demonstrativ. Im Straßenverkehr war es schon immer tödlich nicht bei der Sache zu sein, das fängt bei Hans Guck in die Luft an und endet heute beim Handy und smartphone abgelenkten Verkehrsteilnehmer, egal ob er Auto, Rad oder Straßenbahn fährt. Die Interaktionsunmöglichkeiten wachsen- das ist aber vor allem in den Ballungszentren so, wo Anonymität und die Kommunikation von Fremden mit Fremden – also parasozial- aufgrund von parasozialem Vertrauen aufgebaut werden muss.. .

  7. Was mir auffällt:
    1) Eltern ohne Smartphone schauen häufiger in die Augen ihrer Babys, die sie im Kinderwagen schieben.
    2) In meiner Nachbarschaft lebt ein Paar, das permanent mit wuchtigen Kopfhörern rumläuft zuhause und unterwegs; seltsam mitanzusehen, wie ihr Kind mit ihnen reden möchte, sie aber nicht erreicht. Sie haben dichtgemacht.
    Fazit: Wie sieht die Problematik von Kindern her gedacht aus? Was „lernen“ diese?

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